Warum sie? X (eine Überlebende)

(Aus dem Tagebuch einer Domina)

Warum sie 10

Meine Mutter hat sich verliebt.

Es ist der erste Brief, den ich von ihr bekomme, seit fast acht Jahren. Warum schreibt sie mir das? Was will sie von mir? Warum kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich hatte ihr doch gesagt, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Mein Stiefvater war tot und mit ihr hatte mich schon lange nichts mehr verbunden.

Verdammt, ich will das nicht! Ich kann mir das nicht leisten! Noch so ein Aussetzer wie heute Nachmittag und ich kann meinen Job vergessen. Ein Safeword nicht zu respektieren, ist in unserem Business ein absolutes No-Go. Wenn sich das rumspricht, bin ich ruiniert. Mein Glück, dass meine Klientin kaum ein Interesse hat, irgendjemandem zu verraten, was sie bei ihrer „Steuerberaterin“ tatsächlich tut. Ich gehe nicht davon aus, dass sie meinetwegen ihre politische Karriere aufs Spiel setzen wird.

Aber wiedersehen werde ich sie wohl nicht mehr. Und den Ausdruck in ihren Augen, als sie mein Haus verlassen hat, werde ich so schnell nicht vergessen. Ich weiss nicht, wie lange ich würgend über der Kloschüssel gehangen habe, nachdem sie in ihrem teuren Wagen davongebraust war. Es war der gleiche Blick gewesen, den meine Mutter gehabt hatte, als sie mir damals frühmorgens vor dem Zimmer meines Vaters begegnet war.

Ich wusste, dass es nicht gut gehen konnte, seit diese elegante Dame zum ersten Mal vor meiner Tür gestanden ist. Sie ist jünger als meine Mutter, und wohl nur ein paar Jahre älter als ich. Ich mochte sie, irgendwie. Doch als sie heute wieder so da lag … Ich weiss nicht, was in mich gefahren war, als ich einfach ihr Zeichen ignorierte. Wie gebannt hatte ich zugeschaut, wie ihre Augen mich über den Knebel hinweg erst fassungslos und schliesslich in nackter Verzweiflung angestarrt hatten.

Scheisse, ja, ich hasse meine Mutter, aber doch nicht so!

Meine Mutter hatte mich nie geliebt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je so etwas wie zärtlich mit mir war. Klar, sie hatte alles getan, damit für mich gesorgt wurde und ich eine gute Ausbildung bekam. Aber Liebe, nein! Ich war doch überhaupt nur auf der Welt, weil sie einen Anlass gebraucht hatte, diese verdammte Kommune zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren. Mir war immer schon klar, dass ich in ihrem Leben eigentlich keinen Platz hatte, ja dass ich überhaupt in dieser Welt nichts verloren hatte. Ich war und bin genau so überflüssig wie mein Bruder und meine Schwester, die irgendwo in Boston in einem Mülleimer gelandet sind. Ich hatte einfach das Pech, dass ich gerade zufällig in die Lebensplanung meiner Mutter gepasst habe. Und ich dumme Kuh hatte mich noch jahrelang darum bemüht, dass sie stolz auf mich sei. Die vorbildliche Lehrerin sollte sich wegen ihrer Tochter nicht schämen müssen.

Oh ja, stolz war sie auf mich gewesen. So stolz, dass sie mich zwei Wochen nach meinem 18. Geburtstag für erwachsen genug gehalten hatte, um mich endlich mit ihrer verdammten Wahrheit zu konfrontieren. Was hatte sie sich bloss dabei gedacht? Dass ich ihr danke dafür, dass wenigsten ich leben darf? Hatte sie wirklich gehofft, ich würde ihr verzeihen und ihr ihre Schuldgefühle abnehmen? War ihr eigentlich klar, dass sie mir damit auch meinen Vater genommen hatte?

Es geschah ihr ganz recht, dass sie mich ein paar Wochen später beim Verlassen seines Zimmers ertappt hatte. Sollte sie nur glauben, dass ich mit ihm geschlafen habe. Ich hätte ja auch perfekt in sein Beuteschema gepasst. Sie brauchte ja nicht zu wissen, dass wir die ganze Nacht nur geraucht und über die Vergangenheit gesprochen hatten. Er hatte von seiner Jugend erzählt und mir seine alten Janis Joplin Schallplatten vorgespielt. Im Nachhinein hatte ich es fast bereut, dass ich nicht wirklich mit ihm im Bett war. Schliesslich hatte er ja bei sich im Labor einen Gentest machen lassen. Das Resultat war für keinen von uns eine Überraschung gewesen.

Eine Woche später war ich zum ersten Mal auf der Brücke gestanden. Es war allein der Hass, der mich schliesslich immer wieder zurückgehalten hatte. Dafür hätte mir dieser Zuhälter ein Jahr später um ein Haar die Entscheidung abgenommen. Er hatte Wind davon bekommen, dass ich und eine Kollegin begonnen hatten, in seinem Revier zu wildern und uns neben dem Studium etwas Taschengeld zu verdienen. Seine beiden Bodyguards hatten von mir alles genommen, was es zu holen gab. Meine Kommilitonin hatte mich schliesslich mehr tot als lebendig unter den Trümmern unseres kleinen Studios hervorgezogen und mit Hilfe einer Freundin in ein Frauenhaus gebracht.

Als ich wieder zu mir kam, sass ein Engel neben mir auf der Bettkante. Es war ein Mädchen, kaum 14, die mich besorgt musterte. Ihre “Flügel“ bestanden aus einer weissen Strickjacke, die sie sich um die Schultern gelegt hatte. Vorsichtig hatte sie meinen Kopf angehoben und mir einen Strohhalm zwischen die aufgeschlagenen Lippen geschoben. Und während ich langsam an dem warmen Tee nippte, sah ich das zweite Mädchen auf dem Bett nebenan sitzen. Sie lehnte in eine Wolldecke gehüllt an der Wand und ihre Augen schauten mich genau so leer und ausdruckslos an, wie ich mich fühlte. Das arme Kind war jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden, bis ihre Freundin, der Engel, sie überzeugen konnte, mit ihr in dieses Frauenhaus zu fliehen.

Während der drei Wochen, in denen ich dort Zuflucht gesucht hatte, war der Engel jeden Tag vorbeigekommen, um ihre Freundin und mich zu besuchen. Wie sie das neben der Schule geschafft hat, war mir ein Rätsel. Ebenso rätselhaft war für mich, woher dieses Kind sein Vertrauen und seine Kraft nahm. Eines Tages war sie mit mir in einem Park spazieren. Unser Weg führte an einer Parkbank vorbei, auf der betrunkene Jugendliche herumhingen. Ich war noch immer sehr schwach und fühlte mich plötzlich wie gelähmt vor Angst, als sich uns einer der jungen Männer in den Weg stellte. Er schien meine Begleiterin zu kennen und verhöhnte uns als Lesben. Doch mein Engel hatte einfach nur wortlos meine Hand gefasst und sich schützend vor mich gestellte. Fassungslos hatte ich zugeschaut, wie der Typ plötzlich ein Messer in der Hand hielt und dem Mädchen eine Haarlocke vom Kopf schnitt. Noch heute höre ich das grölende Gelächter, als mein Engel schweigend den Arm um mich legte und mich an der stolz präsentierten Trophäe ihres Peinigers vorbei von der Gruppe wegführte.

Erst als wir den Ausgang des Parks erreicht hatten, begann sich meine Lähmung zu lösen. Dafür glaubte ich plötzlich zu spüren, wie mein Engel zu zittern begann. Und bevor ich mich versah, hatte sich das Mädchen schluchzend an mich gedrückt und ihr Gesicht in meiner Brust vergraben. Einen Moment lang fühlte ich mich völlig hilflos, bis ich endlich meine Arme hob und zaghaft ihre bebenden Schultern an mich drückte. Ich konnte kaum glauben, was da geschah. Noch nie hatte jemand bei mir Trost gesucht. Noch nie hatte sich jemand von mir halten lassen. Zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich von jemandem gebraucht wurde… dass ich für jemanden wichtig war.

Eine Woche später, war ich nach London geflogen. Sie hatte mich an den Flughafen begleitet, wo sie mir zum Abschied ein kleines Holzkreuz geschenkt hat. Wieso sie bloss an all das glauben könne, hatte ich sie gefragt, wo sie doch selber täglich erlebe, wieviel Dreck, Bosheit und sinnloses Leid es in der Welt gäbe. Da hätte ich sicher Recht, aber immerhin gäbe es da ja auch noch mich, hatte sie mit ihrem unwiderstehlichen Strahlen geantwortet, bevor sie mich ein letztes Mal fest umarmt hat.

Mein Vater hatte mir an einer renommierten Business School einen Studienplatz besorgt, doch ich war bei meiner Ankunft noch so kaputt, dass mich seine Tante, bei der ich wohnen sollte, schon nach wenigen Tagen zu einer Bekannten ans Meer gefahren hat. Meine dortige Gastgeberin, eine richtige Lady, arbeitete offiziell als eine Art Lebensberaterin und gemessen an den schicken Wagen gehörte ihre meist weibliche Kundschaft zur besseren Gesellschaft. Körperlich hatte ich mich auf dem prächtigen Landsitz schnell erholt. Ich hatte Reiten gelernt und mich in meinen besseren Stunden durch die halbe Englische Literatur gelesen. Doch immer wieder hatten mich meine Geister auch oben auf die Klippen geführt.

Ich hatte in dieser Zeit wieder diesen Traum, den ich als Kind schon hatte: Da war ein Junge und ein Mädchen. Ich kannte sie nicht, und doch gehörten sie zu mir. Ich wollte mit ihnen gehen, aber immer waren sie verschwunden, im Dunkel, im Nebel, einfach weg. Intuitiv wusste ich schon immer, wer sie waren. Ich hatte auch sonst gelegentlich das Gefühl gehabt, dass ich nicht allein sei, dass da jemand hinter mir steht oder mich durch den Spiegel anschaut. Ich konnte mir noch lange einreden, dass es Unsinn war und dass ich selber gar nicht existieren würde, wenn auch nur einer von ihnen existiert hätten. Aber das befreite mich nicht von der quälenden Frage, warum ausgerechnet ich leben durfte… oder besser leben musste?

Es war ein kalter, grauer Tag, als ich wieder einmal oben an der Klippe stand und mit allem abgeschlossen hatte. Unter mir donnerte die Brandung gegen die Felsen und der Wind blies mir die salzig feuchte Meerluft ins Gesicht. Meine Knie zitterten und ich hatte bereits die Augen geschlossen um zu springen, als meine behandschuhten Finger in der Tasche meiner Daunenjacke plötzlich einen hölzernen Gegenstand umfassten. Und als ich mich nach einer Weile vorsichtig umdrehte, sah ich auf der Kuppe hinter mir die Lady, die mich vom Rücken ihres Pferdes aus beobachtete.

Ob sie mich einfach so hätte springen lassen, habe ich sie später einmal gefragt. Worauf sie nur meinte, es gäbe Entscheidungen im Leben, die mir niemand abnehmen könne. Sie hatte mich damals zu sich aufs Pferd gehoben und nach Hause gebracht. Und nachdem ich bei ihr im Salon nach einer Tasse Tee wieder etwas zu mir gekommen war, hatte sie mich unvermittelt gepackt und die Ärmel meiner Strickjacke zurückgeschoben. Ich wagte sie nicht anzuschauen, während sie wortlos die Schnitte an meinen Unterarmen desinfizierte und verband. Ich weiss nicht, wie lange ich mich damals an ihrer Brust ausgeweint hatte. Es war bereits dunkel, als ich mit ihrer Frage auf mein Zimmer ging: „Willst du wirklich leben?“ Sie sei keine Psychiaterin. Aber sie könne mir vielleicht helfen, mit meinen Gefühlen und meiner Gewalt umzugehen.

Am nächsten Morgen zeigte sie mir die diskreten Räume ihres Hauses, in denen sie ihre Kundinnen und Kunden zu empfangen pflegte. Und in den folgenden Monaten führte sie mich Schritt für Schritt in die Geheimnisse ihres Metiers ein. Sie half mir, jede Faser meines Körpers kennenzulernen und zu erforschen. Und sie brachte mir bei, meine Gefühle zu beherrschen und Angst, Ohnmacht und Schmerz gezielt und dosiert als Quelle der Lust zu verwenden, zuerst an mir selber, und dann allmählich auch an anderen. Dabei hatte ich vor allem eines gelernt: Wo die Grenzen sind und wo ich mich und andere vor selbstzerstörerischen Neigungen bewahren musste.

Nach drei Jahren hatte ich meinem Vater geschrieben, dass ich meinen Master in Business Administration erfolgreich abgeschlossen habe. Zu meiner Überraschung hatte er sogar geantwortet. Er sei stolz auf mich. Er hätte kürzlich einen kleinen Herzinfarkt gehabt, aber es gehe ihm wieder gut. Meine Mutter sei unterdessen Konrektorin geworden. Sie sei in letzter Zeit richtig aufgeblüht und habe jetzt einen neuen Lover, einen jungen Priester, den Seelsorger an ihrer Schule.

Drei Tage später sass ich in einem Mietwagen gegenüber dem Eingang ihres Gymnasiums. Mein Engel war gross geworden, eine richtige junge Frau. Ihren letzten Brief hatte ich vor zwei Jahren erhalten. Sie hatte darin begeistert von ihrem neuen Seelsorger erzählt, einem engagierten jungen Priester, mit dem sie endlich einmal über alles reden könne. Ich hatte ihr nie geantwortet. Was hätte ich ihr auch sagen sollen? Doch eines konnte ich für sie tun: Verhindern, dass sie ausgerechnet wegen meiner Mutter von diesem Arschloch enttäuscht wurde.

Als ich am nächsten Tag nach England zurückkam, war meine Lady tot. Man hatte sie am Fuss der Klippen gefunden, nachdem ihr Pferd alleine von einem Ausritt zurückgekommen war. Offiziell war es ein Unfall. Aber ich konnte am Rande des Abgrunds keine Pferdespuren finden. Plötzlich wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich von ihr wusste. Ich wusste nur, dass sie mir das Leben gerettet hatte, dass es Entscheidungen gab, die dir niemand abnehmen kann… und dass sie mir verdammt noch mal fehlte!

Wie sehr sie mir fehlte und wie sehr ich sie gleichzeitig aus meinem Leben verdrängt hatte, wurde mir heute schlagartig bewusst. Acht Jahre ist es her, seit ich nach dem Tod meines Stiefvaters zurückgekommen war und mich mit meinem Erbteil selbständig gemacht hatte. Und in all den Jahren, seit ich diesem Priester mein Knie in die … gerammt habe, hatte ich nie wieder die Kontrolle verloren. Ich hatte mir damals eingeredet, dass ich wusste, was ich tat, und dass ich es für das Mädchen getan habe. Aber als ich auf der Klippe gesessen war und in wütender Verzweiflung das hölzerne Kreuz in die Tiefe warf, in der meine Lady zerschellt war, wurde mir klar, dass es blanker, unkontrollierter Hass war: Hass auf meine Mutter, diese Hippie-Schlampe, die nun Grace Kelly spielte und in Kaschmir und Perlen über den Schulhof stolzierte. Und Hass auf diesen scheinheiligen Gottesmann, der letztlich auch nur ein Mann war, so wie diese Kerle, die mich damals…

Ich hatte mir geschworen… nein, ich hatte ihr geschworen, dass es nie mehr vorkommen werde. Und dann heute das: Dieser Moment, in dem ich das Safeword ignoriere und einfach weitermache. Dieses unheimliche Gefühl kalter Befriedigung beim Anblick der wachsenden Panik in den Augen dieser Frau. Dieser eisige Hass, der plötzlich den Verstand auszulöschen scheint. Und dann der Moment der Erkenntnis, des nackten Entsetzens, wenn du wie von aussen den Hass in deinen eigenen Augen zu sehen meinst.

Verdammt, wie konnte das passieren? Ich hatte mir solche Mühe gegeben, all die Jahre. Ich wollte, dass du stolz auf mich bist. Du warst für mich die Mutter, die ich nie hatte. Du hast an mich geglaubt. Doch ich habe dich enttäuscht. Ich habe versagt! Schon wieder versagt, so wie damals. Es ist vorbei. Ich kann das nicht mehr. Ich kann mir nicht mehr trauen. Ich hatte ganz vergessen, wie gut sich das anfühlt: Die Rasierklinge auf meinem Unterarm. Wie sehr sehne ich mich nach deinen sanften Händen, die meine Wunden verbinden. Und nach deiner Brust, um meine Tränen zu weinen.

Scheisse, ich kann nicht mehr! Warum hast du mich einfach so verlassen?

*******

„Ich war eine beschissene Mutter.”

Die Spuren der Tränen auf ihrer seidenen Bluse und das Zittern ihrer gepflegten Hände, die mit dem silbernen Besteck an ihrem Steak arbeiteten, hatten meine letzten Zweifel zerstreut. Natürlich hatte ich mich gefragt, was die Stadträtin von mir wollen könnte, als sie mich vor zwei Tagen völlig überraschend angerufen und zum Essen eingeladen hat. Aber wenn sie sich meines Schweigens versichern wollte, warum sollte sie mich ausgerechnet in dieses noble Restaurant einladen? Nein, es schien ihr völlig egal zu sein, ob jemand sie mit mir zusammen sehen würde.

„Ich habe meine Tochter umgebracht“, hatte sie schliesslich gesagt, nachdem die Bedienung ihren halbvollen Teller abgeräumt hatte. Sie sei völlig blind gewesen. Immer dann, wenn ihre Tochter sie am meisten gebraucht hätte, sei sie mit ihrer beruflichen und politischen Karriere beschäftigt gewesen. Und in der übrigen Zeit hätte sie ihr schlechtes Gewissen beruhigt und das Mädchen mit einer Überfülle von dem erstickt, was sie für Liebe gehalten habe. Tag und Nacht verfolge sie der ausdruckslose Blick der gebrochenen Augen, seit sie ihre Tochter mit einem Strick um den Hals auf dem Dachboden gefunden hatte. Kein Wort habe sie gesagt, keine Vorwarnung, keine Drohung, kein Brief, einfach nichts.

Darum sei sie schliesslich zu mir gekommen: Sie habe sich bestrafen wollen und wohl unbewusst auch das Risiko eines Skandals gesucht, der ihre teuer erkaufte Karriere ruinieren würde. Doch erst als ich neulich ihr Safeword ignoriert habe und sie in ihrer Panik plötzlich den nackten Hass in meinen Augen sah, sei ihr klar geworden, was sie wirklich gesucht habe. Wer immer diesen Hass in mir entfacht habe, sie habe ihn in diesem Moment gebraucht, genauso, wie meinen verzweifelten Blick voller Sorge und Trauer, als sie mein Haus verlassen habe. Ich hätte den toten Augen ihrer Tochter noch einmal einen Ausdruck verliehen, der sie auf geheimnisvolle Weise mit ihr versöhnt habe. Und dafür wolle sie mir danken.

Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte, als ich am Abend bei mir auf dem Sofa die Wunden an meinen Unterarmen pflegte und auf die Visitenkarte starrte, die vor mir auf dem Tisch lag. Die Stadträtin hatte eine Stiftung gegründet, die sich um suizidgefährdete Jugendliche kümmert. Und sie war auf der Suche nach einer Geschäftsführerin. Ich solle mir Zeit nehmen. Sie würde sich über meinen Anruf freuen, so oder so.

Wir mussten ein seltsames Paar abgegeben haben: Sie, die elegante Dame mit der exquisiten Kaschmir-Stola über dem schicken Kostüm und ich in meinem langärmligen Shirt und der Lederjacke. Das hatte sie aber nicht daran gehindert, mich zum Abschied spontan zu umarmen. „Immerhin gäbe es da ja auch noch mich“, hörte ich aus meiner Erinnerung eine Stimme sagen, als ich das Strahlen in ihren Augen sah.

Was mochte bloss aus dem Engel geworden sein, dachte ich mir, als ich mich in meine Wolljacke kuschelte und es mir auf dem Sofa bequem machte. Unterdessen war es zu spät, um noch anzurufen. Und so gab ich mir ganz der Stimme von Janis Joplin hin, deren Platten ich mir damals aus dem Nachlass meines Vaters gesichert hatte. Er wollte beerdigt werden wie sie: Die Asche verstreut über dem Meer, irgendwo über seiner geliebten Nordsee. Zum ersten Mal spürte ich eine leise Sehnsucht in mir, ihn dort einmal zu besuchen.

Ich war eingedöst, als das Smartphone in der Tasche meiner Strickjacke zu vibrieren begann. Ich könnte nicht sagen warum, aber ich wusste sofort, wer es war, noch bevor ich aufs Display geschaut habe.

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Warum sie? IX (die Konrektorin)

(aus den Urlaubsaufzeichnungen einer Witwe)

Warum sie 9

Ich hätte nie gedacht, dass es mir so viel ausmachen würde.

Es war sein Wille gewesen. Er hatte nie mit mir darüber gesprochen. Ich hatte es erst beim Öffnen seines Testaments erfahren.

Ich hatte nicht wirklich verstanden warum. Aber ich hatte mir damals auch nicht gross Gedanken darüber gemacht. Die Nordsee war unsere gemeinsame Liebe, die einzige vielleicht, die uns noch geblieben war. Hier über der Weite des Wattenmeeres wollte er sein Asche verstreut haben. Unser Freund, ein alter Fischer vom Ort, hatte mich in seinem Boot hinausgefahren. Die See war aufgewühlt und es hatte leicht zu regnen begonnen, als ich die Asche dem Wind übergeben habe. Zurück in der kleinen Pension am Hafen hatte ich mir einen Grog genehmigt. Und dann eine zweiten, einen dritten…

Als ich aus meinem Rausch erwacht war, war das Meer verschwunden. Die Vögel drehten kreischend ihre Kreise über dem grüngrauen Watt, dessen modrig salziger Geruch in mein Zimmer drang. Der trübe, regenverhangene Himmel schien am Horizont mit der Erde zu verschmelzen und die Fischkutter wirkten elend und verlassen auf dem schlammigen Grund des Hafens. Ich musste mich übergeben, einmal, zweimal, immer wieder.

Acht Jahre sind seither vergangen. Der Fischkutter unseres Freundes ist verschwunden. Er war vor fünf Jahren verstorben und sein Sohn hatte das Boot verkauft. Aber ansonsten war alles wie immer. Wie jeden Herbst, wenn ich hierher kam, um…

Ja warum eigentlich? Was führte mich immer wieder an diesen Ort zurück? Es gab hier nichts für mich. Kein Grab, keinen Ort um zu lieben und keinen Ort um zu hassen. Er war einfach verschwunden, ohne Ankündigung und ohne Abschied. Ein Herzinfarkt, unerwartet, wie aus dem Nichts, irgendwann mitten in der Nacht, im Bett einer seiner jungen Geliebten. Er hatte mir nichts gelassen… ausser der Erinnerung und dem Schmerz.

Ich war gerade 16 geworden, als wir uns kennengelernt hatten. Wir hatten den Sturz von Präsident Nixon gefeiert und ich war ziemlich stoned. Ich hatte nicht viel mitbekommen, als er es mit mir gemacht hat. Am nächsten Tag sah ich das Blut und war froh, dass es endlich geschehen war. Endlich gehörte ich dazu. Ich hatte die spöttischen Fragen und Kommentare meiner Freundinnen nicht mehr ausgehalten.

Er war zehn Jahre älter als ich, sah unglaublich aus mit seinem wilden Bart und den langen Haaren, und hatte so nebenbei bereits einen Doktor in Biochemie gemacht. Wir hatten zusammen Marx gelesen, über Philosophie diskutiert, Marihuana geraucht und stundenlang Janis Joplin gehört. Dass er nebenbei auch mit anderen Frauen Sex hatte, war für mich normal. Es anders zu empfinden, wäre spiessig gewesen.

Dass ich damals trotz Drogen, Sex und Rock ‘n Roll noch meine Reifeprüfung geschaffte hatte, habe ich wohl meinen Eltern zu verdanken. Wie oft hatte mich meine Mutter morgens mit sanfter Gewalt aus dem Bett geholt und mir geduldig geholfen, die Spuren meiner nächtlichen Exzesse zu beseitigen. Und wie viele Stunden war mein Vater mit mir am Tisch gesessen und hatte mich bei den Mathematikaufgaben unterstützt. Dass das für einen lutherischen Pastor mit einer grossen Gemeinde nichts selbstverständlich war, war mir erst bewusst geworden, als ich Jahre später an seinem Grab stand. Meine Eltern hatten sich nie beklagt. Auch nicht an dem Tag, als ich mit meinem Rucksack aufgebrochen war, um mit meinem Freund in die USA auszuwandern. Noch heute sehe ich die beiden Hand in Hand auf der Treppe zum Pfarrhaus stehen. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen und mein Vater machte eine seltsame Geste, die ich erst Jahre später begriff, als ich unseren katholischen Schulseelsorger den Segen spenden sah.

Zwei Jahre hatten wir in einer Kommune bei Boston gelebt, wo mein Held Assistenzprofessor am MIT war. Ich hatte versucht, an der Universität Philosophie zu studieren. Aber es war beim Versuch geblieben. Als wir ankamen, war ich noch nicht einmal 20 gewesen. Ich hatte entsetzliches Heimweh gehabt und schämte mich für meine spiessigen Gefühle. Das war wohl auch der Grund, warum ich mich besonders rückhaltlos auf das Leben der Kommune eingelassen hatte. Schon nach zwei Monaten hatte ich meine erste Abtreibung, und noch im selben Jahr die zweite. Zum Glück lebte auch ein Arzt mit uns zusammen. Mindestens drei Frauen hatten sich gebrüstet, Kinder von ihm zu haben, und auch meine zweite Schwangerschaft hatte ich wohl ihm zu verdanken.

Mein Partner hatte von all dem nichts mitbekommen. Erst als ich zum dritten Mal schwanger wurde, hatte ich es ihm gesagt. Ich hatte dieses Leben nicht mehr ausgehalten und wollte zurück nach Deutschland. Ich weiss nicht, ob er wirklich allein wegen des Kindes mit mir gekommen wäre, wenn da nicht dieses lukrative Stellenangebot einer deutschen Uni gewesen wäre. Er hatte sich ja leicht ausrechnen können, dass er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht der Vater war. Ich hätte es ja selber nicht sagen können. Mindesten drei andere wären in dieser Zeit auch dafür in Frage gekommen, wobei der jüngste gerade mal 18 und der älteste 62 war.

Alle Versuche, nach der Geburt meiner Tochter ein zweites Kind von ihm zu bekommen, waren in den folgenden Jahren fehlgeschlagen. Und nach der zweiten Fehlgeburt hatte ich mich sterilisieren lassen. Kurz danach hatte ich mein Studium abgeschlossen und meine erste Stelle als Deutsch- und Philosophielehrerin an einem Gymnasium übernommen. Wir waren seit einem Jahr zivil verheiratet und hatten uns mit dem stattlichen Einkommen meines Mannes am Stadtrand ein Haus mit Garten gekauft. Sein Bart und die langen Haare waren allmählich kürzer geworden, im Kleiderschrank hatte Anzüge und Krawatten Einzug gehalten und statt Janis Joplin erfüllten Mahler-Symphonien unser gediegenes Wohnzimmer. Und zu meinem vierzigsten Geburtstag hatte ich mir anlässlich meiner Beförderung zur Konrektorin ein exquisites, weinrotes Kaschmir-Twinset gekauft, zu dem ich endlich die Perlenkette zu tragen wagte, die ich von meiner Mutter geerbt hatte.

Vieles hatte sich mit den Jahren verändert, doch eines war gleich geblieben: Die Vorliebe meines Mannes für junge Frauen. Wir hatten nie darüber gesprochen. Irgendwie war es einfach klar: Ich stellte keine Fragen und er stellte keine Fragen. Und so hatten wir beide unser Leben gelebt zwischen Momenten geistiger Intimität beim gemeinsamen Geniessen eines guten Essens oder einer Symphonie und Momenten körperlicher Intimität beim Sex mit unseren wechselnden Partnern.

Ich hatte lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass es eigentlich die Hölle war. Noch während der Zeit in Boston war meine Mutter gestorben. Sie hatte ihre Kriegstraumata nie überwunden. Und nur drei Jahre später war mein Vater beim Kirschenernten im Garten des Pfarrhauses von der Leiter gefallen. Um die Eltern gross zu trauern, hatte ich mir damals nicht erlaubt. Sie gehörten zur Vergangenheit, die es zu überwinden galt. Die Zeit forderte die Entgrenzung der Beziehungen, die Befreiung von Elternhaus und Religion. Die Ideologie siegte über die Gefühle. Dass mich dennoch eine schreckliche Einsamkeit quälte, war nur ein Beweis mehr, wie sehr ich selber noch in bürgerlichen Schemata gefangen war.

Und dann stand ich eines Tages plötzlich diesem jungen Priester gegenüber, dem neuen Schulseelsorger unseres Gymnasiums. Ich wusste sofort, dass er mein Leben verändern würde. Er sah fantastisch aus, wobei es vor allem dieser Hauch schüchterner Verklemmtheit war, der mich in seinen Bann zog. Ich mochte seinen nervösen Eifer, in den er regelmässig verfiel, wenn ich ihn in philosophische Diskussionen über Gott verwickelte. Ich genoss die Macht, die ich über ihn hatte… bis zu dem Tag, an dem er seine Mutter beerdigte: Die besondere Atmosphäre am Grab, seine Stimme, seine Worte, die Erinnerung an meinen Vater. Ich weiss nicht was es war. Ich weiss nur, dass es mich nicht losgelassen hat und dass ich mitten in der Nacht aufgestanden war, um die alte Familienbibel meines Vaters aus dem Keller zu holen.

Und dann war da diese Schülerin, die „Heilige“, wie ich sie zu nennen pflegte. Sie war bei mir im freiwilligen Leistungskurs Philosophie. Das Mädchen war fasziniert von Hegel und Nietzsche und ich konnte kaum glauben, dass sie es war, von der mir mein Priesterfreund immer öfter erzählt hatte: Sie wolle Ordensfrau werden. Für sie sei das völlig klar. Sie wisse nur noch nicht, in welcher Gemeinschaft es sein werde. Wir hielten das beide für einen jugendlichen Spleen. Und doch hatte sie uns beide mit ihrer Überzeugung und Natürlichkeit in ihren Bann gezogen. Zuerst hatte ich geglaubt, dass sie einfach all das verkörperte, was meine Tochter nicht war. Doch als ich zum ersten Mal ihrem Beispiel folgte und mir die Jacke meines Twinsets elegant um die Schultern drapierte, wurde mir klar, dass sie vor allem das verkörperte, was ich nie gewesen war. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, diese junge Frau zu verstehen. Was hat ihr diese Kraft und innere Freiheit gegeben? Sie, die in grösster Selbstverständlichkeit all das lebte, von dem wir uns um der Freiheit Willen krampfhaft befreit zu haben schienen.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hatte ich mich eines Morgens zu meiner eigenen Überraschung sagen hören, als ich mit dem jungen Priester im Arm in meinem Bett lag. Plötzlich schien sich die Schleuse meiner Sehnsucht geöffnet zu haben, die ich jahrelang verzweifelt verrammelt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte es mir wirklich etwas bedeutet, mit einem Mann zu schlafen. Zum ersten Mal überhaupt war es mehr als nur konsensuelle Selbstbefriedigung.

Umso grösser war der Schock, als ich eines Tages meinen Geliebten vor Schmerzen gekrümmt auf dem Boden seines Sprechzimmers vorgefunden habe, nachdem ich vom Fenster meines Büros aus meine Tochter hatte über den Schulhof eilen sehen. Wie konnte sie es wagen? Wie konnte sie mir das antun? Was ging sie mein Leben an? Ausgerechnet sie, die ich vor Jahren einmal eines Morgens zusammen mit ihrem Vater…

Sie hatte alles zerstört. Er könne nicht so weitermachen, hatte er behauptet. Er wolle seiner Berufung treu bleiben. Es sei ein Fehler gewesen. Er hätte mir das nicht antun dürfen. Es tue ihm leid.

In der Tat, das hätte er mir nicht antun dürfen: In mir die Liebe zu entfesseln und mich dann einfach so fallen zu lassen. Ich fühlte mich meinen Gefühlen so hilflos ausgeliefert wie ein enttäuschter Teenager. All die Ideologien und Sprüche, mit denen ich mich mein Leben lang verleugnet und betrogen hatte, waren plötzlich zu zynischen Phrasen verkommen. Ja, verdammt, ich liebte, und es tat weh, höllisch weh. Und es war mir scheissegal, ob das nun spiessig war oder nicht. Ich liebte mein Leben, mein Haus, mein Kaschmir-Twinset und die Perlen. Und ich liebte einen Mann, den ich nicht haben konnte. Und darum liebte ich auch meinen Hass. Es war mein Gefühl und ich hatte ein verdammtes Recht auf dieses Gefühl. Und wer immer damals das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte, mein Priester hätte ein Verhältnis mit der „Heiligen“, es hätte durchaus eine Frucht meines Hasses sein können.

Ich habe ihn nie mehr gesehen, seit er damals mit Tränen in den Augen das Büro des Rektors verlassen hatte. Mein Mann hatte zu dieser Zeit eine Einladung für ein Forschungssemester und ich hatte spontan meinen Bildungsurlaub genommen und ihn in die Staaten begleitet. Als ich zurückkam, hatte die „Heilige“ die Schule abgeschlossen. Ich hatte erfahren, dass sie wegen Depressionen in der Klinik sei und nach etlichen schlaflosen Nächten hatte ich mich durchgerungen, sie zu besuchen. Sie hatte sich so gefreut, mich zu sehen, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte. Ob ich etwas von unserem Seelsorger gehört hätte? Es täte ihr leid, dass ich ihretwegen einen lieben Freund verloren hätte. Und ob ich wisse, wie es meiner Tochter gehe? Ich solle sie herzlich grüssen.

Nein, ich wusste es nicht. Und ich weiss es auch heute nicht. Der Schmerz darüber hat mich mit aller Gewalt eingeholt, als ich heute Nachmittag am Strand dieser jungen Joggerin begegnet bin. Ich war förmlich erstarrt, als ich sie von weitem kommen sah. Die Silhouette, die Bewegungen, die im Wind wehenden Haare. Natürlich war es Unsinn. Wieso hätte sie auch hier sein sollen, wo sie doch die Nordsee hasste. Aber das Gefühl war keine Täuschung: Da war Angst, ja, aber auch eine unerwartete, freudige Erregung, die sich vor allem in der Enttäuschung äusserte, als die junge Frau ohne mich anzublicken an mir vorbeirannte.

Ich weiss nicht, wie lange ich weinend auf diesem Stein sass, während sich das Meer langsam von mir zurückzog. Ja, sie fehlt mir, mehr als ich es mir je einzugestehen wagte. Und mit ihr die beiden älteren Geschwister, ein Junge und ein Mädchen. Davon war sie immer überzeugt gewesen, seit ich ihr von den Abtreibungen erzählt hatte. Mein Gott, wie naiv war ich zu glauben, dass sie mit 18 einfach so damit umgehen könnte. Warum nur musste ich es ihr erzählen? Hatte ich gehofft, sie würde mich von den nagenden Schuldgefühlen befreien, die mich bis heute immer wieder einholen? Hatte sie darum mit ihrem Vater… aus Rache?

In Momenten wie diesem hasste ich ihn. Warum hatte er mir nicht wenigstens sein Grab gelassen, einen Ort der Begegnung, einen Ort zum Lieben und einen Ort zum Hassen, eine letzte Zuflucht in meiner Einsamkeit? All die Jahre über hatte er mich immer wieder gehalten. Und doch liess er sich selber nicht halten, von nichts und niemandem, und schon gar nicht von mir. Immer wieder war er gekommen mit der kraftvollen Frische der Flut. Und immer wieder war er mit der Ebbe verschwunden und hatte eine modrig schlammige Leere zurückgelassen. Eine Leere, die ich verzweifelt zu füllen suchte, und die dadurch immer nur noch modriger und noch schlammiger geworden war.

„Gott segne Sie!“, hatte mir die „Heilige“ hinterhergerufen, als ich damals in der Klinik gegen die Tränen kämpfend ihr Zimmer verlassen hatte.

Wenn ich nur glauben könnte wie sie!

*******

Ob ich mit ihm hinausfahren wolle, hatte der Mann mich gefragt, als ich heute auf der Hafenmole gedankenversunken die steigende Flut betrachtete. Er mochte Mitte sechzig sein, trug einen dicken weissen Wollpullover, einen gepflegten, grauen Seemannsbart und eine gestrickte Mütze. Er hatte einen kleinen Fischkutter, mit dem er mich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder hinaus aufs Wattenmeer brachte.

Das Wetter war schon seit Tagen grau und feucht, und immer wieder wehte der Wind mir ein paar Regentropfen ins Gesicht. Die Küste schien bald in weiter Ferne und vor mir lag das wogende Meer in seiner unheimlichen Grenzenlosigkeit. Unwillkürlich zog ich mein Kaschmir-Tuch enger um die Schultern, während ich hörte, wie das sanfte Tuckern des Dieselmotors stoppte. Nachdem mein Begleiter mir einen gelben Ölmantel gebracht und umgelegt hatte, schauten wir schweigend über die graugrünen Wellen zum Horizont und wärmten unsere Hände an einem Grog.

Seine Frau ruhe hier draussen, hörte ich ihn schliesslich sagen. Seit fünf Jahren fahre er immer einmal im Monat hier hinaus. Vierzig Jahre seien sie verheiratet gewesen. Ob ich Janis Joplin kenne? Seine Frau sei ein grosser Fan von ihr gewesen. Janis habe ihr das Leben gerettet. Ihre Musik habe ihrem Leiden eine Stimme gegeben. Aber nicht nur das. Von dem Tag an, als sie erfahren habe, dass Janis an einer Überdosis Heroin gestorben sei, habe sie selber aufgehört, Drogen zu nehmen… nicht einmal mehr einen kleinen Grog von Zeit zu Zeit. Dafür habe sie ihm fünf Kinder geschenkt. Seine jüngste Tochter käme manchmal mit, wenn er mit dem Boot hinausfahre. Die anderen hätten dafür kein Verständnis. Ihnen fehle das Grab ihrer Mutter. Aber sie hatte es so gewollt… so wie Janis eben. Ob ich auch Familie habe?

Der Dieselmotor des Bootes musste heftig arbeiten, als wir im letzten Moment bei beginnender Ebbe wieder Richtung Hafen fuhren. Es regnete immer noch leicht, doch über der Küste war zum ersten Mal seit Tagen die Sonne durchgebrochen. Vermutlich lag es einfach nur an den beiden Grog, aber ich wusste nicht, ob ich nun hemmungslos weinen oder lachen sollte, als wir uns umdrehten und den Regenbogen über dem Wattenmeer entdeckten. Mein Gott, es war einfach zu kitschig…

Warum sie? VIII (der Schulseelsorger)

(aus dem geistlichen Tagebuch eines Priesters, Jahresexerzitien im Kloster)

Warum sie 8

Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äussersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen.
Ps 139, 7.9-10

Ja, mein Gott, wie konnte ich das vergessen! Hatte ich wirklich geglaubt, ich könnte einfach so weglaufen und weiterleben, als ob nichts geschehen wäre? Ich hätte es wissen müssen: So leicht lässt DU mich nicht davonkommen.

Ich hatte sie zuerst gar nicht wahrgenommen. Es war eine der Nonnen, die wie jeden Morgen im Gästesaal des Klosters für unser Frühstück sorgten. Ich war versunken in mein dumpfes Schweigen und nippte abwesend an meinem Kaffee. Erst als die dunkle Gestalt in der weissen Schürze unvermittelt in ihrer Bewegung innehielt, wurde ich auf sie Aufmerksam. Sie schien ebenso überrascht wie ich. Fassungslos starrte ich in diese Augen, die mich immer so fasziniert hatten, seit ich sie vor 15 Jahren zum ersten Mal gesehen hatte.

Sie hatte sich schneller gefasst als ich und das Blut kehrte bereits wieder in ihre glühenden Wangen zurück, als sie mir lächelnd den Kaffee nachfüllte. Ich wollte etwas sagen, wusste aber nicht was. Und als ich wieder einigermassen denken konnte, war sie bereits mit dem Geschirrwagen in die Klausur verschwunden.

An ein gesammeltes Beten und Meditieren war natürlich nach diesem Schock nicht mehr zu denken. Mein Versuch, in der Kapelle etwas zur Ruhe zu kommen, war kläglich gescheitert. Und nachdem mir auch in meinem Zimmer die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, hatte ich mich kurzerhand vom Mittagessen abgemeldet und mich auf eine Wanderung geflüchtet… wohl auch aus Angst, ihr wieder zu begegnen.

Sie hat es also tatsächlich getan. Ich hatte ihr damals nicht geglaubt, als sie als Schülerin zu mir in die geistliche Begleitung gekommen war. Mädchen, die mit gerade mal 15 Jahren ins Kloster wollen, vor allem, wenn es noch verwöhnte Kinder reicher Bankiers sind, haben irgendein Problem: Der Vater, die Mutter, die Pubertät. So wie die kleine Therese von Lisieux. Die erschien mir auch immer irgendwie gestört, als ich ihre Erinnerungen las.

Doch was ist, wenn ich mich getäuscht habe? War ich damals wirklich offen, eine echte Berufung zu erkennen? Ich hatte gerade mein erstes Jahr als Priester hinter mir, als ich die Stelle als Seelsorger in der renommierten Schule angetreten habe. Der Elan der Weihegnade war schnell verflogen und eine gewisse Ernüchterung und Frustration hatte bei mir Einzug gehalten. Und daran war nicht nur die Krebserkrankung meiner Mutter schuld, wie ich mir lange versucht hatte einzureden. Nach einem Jahr als Vikar in einer Gemeinde waren meine Ideale zerbrochen, und mit ihnen der Glaube ans Gute im Menschen… und der Glaube an die Liebe in Gott.

Natürlich wollte ich das nicht wahrhaben. Ich tat alles, um meine Krise hinter frommem Aktivismus zu verbergen, vor den anderen und vor allem auch vor mir selber. Was mir an innerer Sicherheit fehlte, habe ich durch äussere Radikalität wettgemacht. Das hat mir viel Bewunderung eingebracht, vor allem von Seiten der Schüler, von den gläubigen ebenso wie von manch anderen, denen meine Entschiedenheit imponiert hat. Einige der Lehrerkollegen aber hatten mich deswegen verachtet und mir das durch systematisches Ignorieren oder durch dauernde zynische und ironische Bemerkungen zum Ausdruck gebracht.

Zur Gruppe der Letzteren hatte auch die Konrektorin gehört. Nie werde ich den verächtlichen Ausdruck in ihrem Lächeln vergessen, als sie mir an meinem ersten Arbeitstag im Büro des Rektors vorgestellt worden war. Die attraktive Mittvierzigerin trug einen langen Wollmantel um die Schultern gelegt und hatte sich nicht die Mühe gemacht, den feinen Lederhandschuh auszuziehen, um mich zu begrüssen. Sie hatte mich zum Mittagessen in der Kantine eingeladen, und bei dieser Gelegenheit hatte ich nicht nur erfahren, dass sie neben ihren Aufgaben in der Schulleitung auch noch Deutsch und Philosophie unterrichtete, sondern auch, dass sie eine überzeugte Atheistin sei und ich deshalb sicher verstehen würde, wenn sie für meine Stelle an der Schule nicht allzu viel Interesse aufbringen könne.

Umso mehr Interesse schien sie in der Folge für mich aufzubringen. Immer wieder begegneten wir uns zufällig im Lehrerzimmer oder in der Kantine. Und bei jeder Gelegenheit forderte sie mich heraus mit ironischen Bemerkungen oder sonst einer subtilen Boshaftigkeit. Und immer, wenn sie sich in der Mittagspause dazu entschloss, sich mit ihrem Essen zu mir zu setzen – was mit der Zeit erstaunlich oft der Fall war – verwickelte sie mich früher oder später in eine philosophische Diskussion über die Sinnlosigkeit des Gottesglaubens. Ich fand sie unendlich dumm und bestrafte sie innerlich mit Verachtung, musste aber mit Erstaunen feststellen, dass ich allmählich begann, mit einer gewissen Erregung nach ihr Ausschau zu halten, wenn ich die Schule betrat.

Ich war ebenso überrascht wie berührt, als ich sie bei der Beerdigung meiner Mutter unter den Trauernden am Grab entdeckte. Ich hatte sie zuerst gar nicht erkannt, da sie zu dem eleganten schwarzen Kostüm einen Hut mit Schleier trug. Sie hatte ihren Handschuh ausgezogen, als sie mir schliesslich die Hand gab. Ich hätte schwören können, in ihren Augen hinter dem feinen Netz eine Träne zu erkennen. Aber sie hatte sich einer näheren Betrachtung entzogen, indem sie mich kurzerhand umarmt hat. Verblüfft und betört vom feinen Duft ihres Parfüms hatte ich zugeschaut, wie sie an der Schlange der Kondolierenden vorbei zwischen den Gräbern davoneilte.

Einen Monat später stand ich an einem Freitagabend mit einem Strauss Blumen vor der Tür ihres Hauses. Sie hatte mich zum Essen eingeladen und meine Hand zitterte leicht vor Aufregung, als ich die Klingel betätigte. Und sie zitterte erst recht, als ich ihr die Hand gab. Sie trugen einen knielangen, dunkelgrauen Wollrock und ein weinrotes Kaschmir-Twinset, dessen Jacke bis auf die zwei obersten Knöpfe geschlossen war und von einer Perlenkette abgerundet wurde.

Der Tisch in dem stilvollen Salon war nur für zwei Personen gedeckt. Ihr Mann, ein renommierter Professor für Biochemie, sei auf einer Konferenz in Boston. Und ihre Tochter weile für ein Auslandsemester in London. Meine Gastgeberin erwies sich als ausgezeichnete Köchin und der Wein war derart gut, dass wir schon bald bei der zweiten Flasche waren. Irgendwann waren die Knöpfe ihrer Strickjacke offen und ihre Wangen glühten rosig im dezenten Licht, als sie mir zuhörte, wie ich von meiner Mutter erzählte. Die Glocke der nahen Kirche schlug 10 Uhr, als sie mich einlud, es mir in der Bibliothek bequem zu machen, während sie das Geschirr in die Küche trug. Sie würde uns noch einen Tee kochen.

Ich war so vertieft in die Betrachtung einer wunderbaren, alten Lutherbibel, die dort auf einem Holzständer aufgeschlagen lag, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie sie hinter mir den Raum betreten hat. Erst der feine Duft ihres Parfüms und die leise Berührung ihres Armes, liess mich gewahr werden, dass sie plötzlich neben mir stand. Sie hatte sich die Jacke des Twinsets um die Schultern gelegt und schaute mit einem traurigen Blick an mir vorbei auf die Bibel. Gebannt sah ich zu, wie sie sorgfältig aber entschieden das Buch zuklappten und sich zu mir umdrehte. Die weissen Perlen funkelten im Licht der Lampe, während sich ihre Brust im Rhythmus des Atems gegen das feinen Kaschmir drängte. Und als ich den Blick hob, war die Trauer in ihren Augen einem seltsamen Ausdruck gewichen, den ich nicht recht deuten konnte. „Tee oder Whisky, Herr Pfarrer?“, durchbrach ihre sanfte Stimme schliesslich die knisternde Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hörte ich sie nachdenklich sagen, als ich ein paar Wochen später wieder einmal mit dem Kopf an ihrer Brust aufgewacht war. Ihre Augen hatten versonnen an die Decke gestarrt, während durch das offene Fenster der morgendliche Gesang der Vögel ins Zimmer drang. Sie wirkte erschöpft. Ihre strähnigen Haare zeugten von einer intensiven Nacht und ihr ungeschminktes Gesicht verriet gnadenlos, was sie täglich mit einiger Sorgfalt zu verbergen suchte. Langsam hatte ich mich von ihr gelöst, nachdem ich einmal mehr feststellen musste, dass ihr Mund am Morgen schal schmeckte. Dafür mochte ich den weichen Morgenmantel ihres Gatten, den dieser mir persönlich zu Verfügung gestellt hatte. Der Mann war eine Koryphäe auf seinem Fach und sehr gefragt als Redner bei Konferenzen rund um den Globus. Er mochte mich und fand es gut, dass seine Frau nicht so oft alleine war und zwischendurch anregende Gesellschaft im Haus hatte. Ich weiss bis heute nicht, ob er wirklich so naiv war, oder ob es ihm einfach egal war. Für ersteres würde sprechen, dass offenbar auch sonst niemand auf den Gedanken gekommen war, in der Beziehung zwischen dem jungen Priester und der fast zwanzig Jahre älteren Dame mehr als eine geistliche Freundschaft zu vermuten. Bis heute kränkt mich irgendwie der Gedanke, dass selbst meine Feinde mir offensichtlich nicht mehr zugetraut hatten.

Mit „sie“ hatte die Konrektorin damals meine fromme Schülerin gemeint, die „Heilige“, wie sie diese spöttisch zu nennen pflegte, seit dem ich ihr immer wieder von ihr erzählt hatte. Die junge Frau, die unaufdringlich aber konsequent ihren Glauben lebte und sich neben der Schule aufopferungsvoll um eine Schulfreundin kümmerte, hatte uns beide in ihren Bann gezogen. Mich, weil sie mich dauernd leidvoll an meine eigene Berufung erinnerte. Und die Konrektorin, weil diese sich nicht entscheiden konnte, ob sie die „Heilige“ nun als Rivalin oder als heimliches Vorbild betrachten sollte. Der Umstand, dass sie eines Tages begonnen hat, den Stil der Jungen zu imitieren und ihre Strickjacken auch an der Schule elegant um die Schultern drapiert zu tragen, erschien mir auf diesem Hintergrund wie eine perfekte Illustration von René Girards mimetischer Theorie.

Auch an dem Tag, an dem sie atemlos in mein Sprechzimmer gestürzt kam, wo ich vor Schmerz gekrümmt am Boden lag, wehten die langen Ärmel ihrer weinroten Twinsetjacke lose von ihren Schultern. Voll Sorge hatte sie mir die zusammengelegte Strickjacke unter den Kopf geschoben, während ich noch immer halb betäubt zu verstehen versuchte, was da gerade geschehen war: Als ich von der Pause zurückgekommen war, hatte eine junge Frau auf mich gewartet. Sie war am Fenster gestanden und hatte mir den Rücken zugekehrt. Ihre langen dunklen Haare wirbelten eindrücklich durch die Luft, als sie sich energisch umgedreht hat. Sie trug ein knielanges dunkles Kleid, elegante Lederstiefel und eine schwarze Lederjacke. Ich hatte die Frau noch nie gesehen. Und doch glaubte ich diese Augen zu kennen, die mich mit einem bedrohlichen Funkeln musterten. Ich war wie gelähmt durch diesen Blick, während sie auf mich zukam und ich sah, wie sich ihre roten Lippen zu bewegen begannen:

„Ich will, dass sie aufhören, meine Mutter zu vögeln!“

Noch heute höre ich diese Stimme in meinem Kopf: Ruhig, fast sanft, und doch klar und messerscharf in ihrer fordernden Intensität. Ich weiss nicht mehr, was ich in meinem Schock zu sagen versuchte. Was immer es war, ihre schallende Ohrfeige hatte dem Satz ein vorzeitiges Ende bereitet. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte sie mir das Knie zwischen die Beine gerammt, gefolgt von einer zweiten Ohrfeige, die mich stöhnend auf den Boden sinken liess. „Sofort!“ zischte sie mir ins Ohr, bevor sie so unvermittelt verschwand, wie sie aufgetaucht war. Ihre Mutter hatte schliesslich vom Fenster ihres Büros aus gesehen, wie sie den Schulhof verlassen hat.

Im Nachhinein war ich froh um dieses schmerzhafte Ende. Ich hätte nicht ewig so weiter machen können. Heute kann ich kaum nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte. Ich muss blind gewesen sein. Natürlich war da die Berufungskrise nach den ersten frustrierenden Erfahrungen als Priester. Natürlich hatte mich der qualvolle Tod meiner Mutter völlig aus der Bahn geworfen. Und natürlich war die zärtliche Leidenschaft und Liebe der Konrektorin in dieser Situation eine überwältigende Erfahrung für mich, wo ich doch in dieser Beziehung gerade mal eine kläglich misslungene Erfahrung mit einer Prostituierten während meiner Wehrdienstzeit vorzuweisen hatte. Doch wie hatte ich bloss monatelangen in dieser Illusion eines gestohlenen Glücks verharren können, aus dem mich der schwarze Engel schliesslich befreit hatte?

Wie auch immer, diese Freiheit hatte ihren Preis. Und bezahlt hat ihn eine andere.

Die Konrektorin hatte das Ende nicht akzeptieren wollen. Sie lasse sich ihr Glück nicht zerstören. Nicht von ihrer Tochter. Ich solle mir wegen dieser keine Gedanken machen. Sie würde es nicht wagen, ihrem Vater etwas zu sagen. Das könne sie sich nicht leisten.

Aber für mich war der Fall klar. Ich musste mein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen.

„Es ist wegen der „Heiligen“ nicht wahr?“ Noch heute höre ich den giftigen Ton in ihrer Stimme, nachdem ich ihr meine definitive Entscheidung mitgeteilt hatte. Ich solle doch ehrlich sein: Ich hätte einfach Angst vor der Kleinen, dass sie erfahren könnte, wie durch und durch menschlich und erbärmlich ihr heiliges Priesteridol in Wirklichkeit ist.

Zwei Wochen später wurde ich wie aus dem Nichts mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Verhältnis mit der „Heiligen“ zu haben. Bis heute weiss ich nicht, wer das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte. Schliesslich war ich ins Büro des Rektors zitiert worden, wo ich mich dem Vater des Mädchens gegenüber sah. Der renommierte Bankier war ausser sich vor Wut und nur wenig hat gefehlt und er hätte mich verprügelt. Auch die Konrektorin war zugegen. Sie trug die Jacke ihres weinroten Twinsets zugeknöpft und ihr Blick liess keinen Zweifel daran, dass sie mir diesmal keine Strickjacke unter den Kopf gelegt hätte.

Seit ich an diesem Tag aus dem Büro des Rektors entlassen worden war, hatte ich sie nicht mehr wiedergesehen, weder die Konrektorin noch die „Heilige“.

Während mehr als zwölf Jahren hatte ich alles getan, um diesem Wiedersehen aus dem Weg zu gehen.

*******

Es hatte keinen Sinn. Ich konnte weder beten noch meditieren.

Zwei Tage hatte ich gebraucht, um mich durchzuringen, ein Gespräch mit ihr zu erbitten.

Doch als ich die Priorin um Erlaubnis fragen wollte, war ich von allen guten Geistern verlassen. Stattdessen hatte ich meine vorzeitige Abreise angekündigt.

Noch am gleichen Tag sass ich im Auto des Klosters auf dem Weg zum Bahnhof. Und neben mir am Steuer die jüngste der Schwestern, in ihrem schwarzen Habit mit dem eindrucksvollen langen Schleier, und einer dunkelgrauen Kaschmir-Jacke, die sie sich elegant um die Schultern gelegt hat. Ich kannte die Jacke. Sie hatte sie schon getragen, als sie damals zu mir in die geistliche Begleitung kam.

Wir waren auf die Autobahn eingebogen, als sie es war, die nach einer gefühlten Ewigkeit das quälende Schweigen gebrochen hat: Sie hoffe, ich verzeihe ihr, aber sie wolle mir einfach sagen, wie froh und dankbar sie sei, mich endlich wiederzusehen. Es täte ihr leid, was damals geschehen sei und dass ich ihretwegen meine Stelle und meinen guten Ruf verloren hätte. Jeden Tag hätte sie für mich gebetet. Schon damals, als ich noch ihr Begleiter war. Sie wolle sich ja nichts einbilden, aber sie meinte gespürt zu haben, dass es mir nicht gut gegangen war. Doch gerade das sei für sie eine grosse Hilfe gewesen: Zu sehen, dass das Ja zu einer geistlichen Berufung nicht einfach ein Leben in Seligkeit bedeute. Es habe ihr sehr geholfen, ihre eigene Gebrochenheit anzunehmen, ihre eigenen Fragen, die Zweifel und die Momente der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Ich hätte für sie sichtbar gelebt, was ich immer wieder gepredigt hätte: Dass wir eben als Sünder berufen seien. Natürlich hätte sie gespürt, dass ich nicht an ihre Berufung geglaubt habe. Und einen Moment lang habe sie das auch ziemlich verunsichert. Aber letztlich sei es gerade die Auseinandersetzung mit diesem Wiederstand gewesen, mit meinen Fragen und meinem gelegentlichen Spott, was das Vertrauen in ihre eigene Erfahrung gestärkt habe, diese Erfahrung, die ihr Leben bestimmt hat seit jenem Fest Mariä Lichtmess, als sie acht Jahre alt war.

„Danke für alles! Gott segne sie!“, hörte ich sie noch durch die Scheibe des ICE rufen, als sich der Zug in Bewegung setzte. Es hatte leicht zu regnen begonnen und der Wind spielte munter mit dem schwarzen Schleier und den Ärmeln ihrer Strickjacke, als sie mit einem letzten Winken aus meinem Blickfeld verschwand.

„Kann ich etwas für sie tun?“ fragte die Schaffnerin freundlich, als sie wenig später mein Abteil betrat und die Tränen auf meinen Wangen sah.

Würde ich sagen: «Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben»,
auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag,
die Finsternis wäre wie Licht.
Ps 139,11-12

Warum sie? VII (die Hauslehrerin)

(aus dem Tagebuch einer Hauslehrerin)

Warum sie 7

Freitag, 2. Dezember 1994

Ich habe die Stelle bekommen! Ich kann es kaum glauben. Was für ein Geschenk zu meinem 31. Geburtstag! Ich habe echt nicht mehr damit gerechnet. Ich hatte die Kandidatinnen gesehen, die vor und nach mir zum Bewerbungsgespräch gekommen waren. Beide um die 50, elegante Damen mit ergrautem Haar, die nur so strotzten vor Reife und Lebenserfahrung. Beide mit sicherlich besten Referenzen im Umgang mit verwöhnten Kindern aus der besseren Gesellschaft. Und dann dieser eifersüchtige Blick der Frau, als ihr Gatte, der ehrwürdige Bankier, nicht aufhören konnte, auf meine bestrumpften Beine und die schwarzen Lederstiefeln zu starren. Bei seiner Mutter, die mir wie eine Patriarchin vorkam in ihrem klassischen Twinset mit Perlen, konnte ich immerhin mit meiner Vorliebe für Dostojewski und Schubert punkten. Doch als mich die dritte Dame, die Mutter der Bankiersgattin, sichtlich zum Ärger ihrer Tochter fragte, ob ich katholisch sei und wie ich es mit Gott halte, hatte ich die Sache innerlich abgehakt. Als unverheiratete Frau in einer festen Beziehung hatte ich schon mit meiner evangelikalen Freikirche ein dauerndes Problem. Und jetzt lande ich ausgerechnet bei Katholiken. Ehrlich und naiv wie ich nun mal bin, habe ich ihnen auch noch die Wahrheit gesagt.

Und jetzt das! Es scheint doch tatsächlich noch Wunder zu geben! Am liebsten würde ich meine Freude hinausschreien in die Welt. Stattdessen sitze ich hier alleine mit einem Glas Wein vor meinem Tagebuch. Meine Eltern würden mich nur fragen, wieso ich nicht endlich selber ein Kind bekomme. Meine beste Freundin hat mir immer noch nicht verziehen, dass ich meine Stelle am Gymnasium gekündigt habe und sie nun meine Klasse übernehmen muss, und mein Freund ist gerade irgendwo am anderen Ende der Welt auf Dienstreise und wartet nur darauf, ausgerechnet mit dieser Neuigkeit mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt zu werden… Eben ist mir eine Träne auf die Seite getropft, auf das Wort „Freund“ (!) Mein Gott, ich habe Lust auf eine Zigarette! Lass mich standhaft bleiben! Bitte!

 

Dienstag, 3. Januar 1995

Mein erster Arbeitstag in der Villa der Bankiersfamilie. Worauf habe ich mich da bloss eingelassen? Die Frau gestresst zwischen den Silvestertagen in Davos und einer Modeschau in New York, ihr Mann genervt, weil sein Taxi zum Flughafen nicht kommen wollte, und mitten drin das kleine Mädchen am Weinen. Wie soll ich mit einem Kind arbeiten, das trotzig herumheult und mich von Anfang an ablehnt? Die Kleine hat mich den ganzen Tag kaum angeschaut. Und sehr lernfähig scheint sie auch nicht zu sein. Ich habe mich doch tatsächlich nach meiner alten Klasse zurückgesehnt, nach einem geordneten Rahmen und halbwegs motivierten Schülern. Und was sagt mein Freund dazu: „Du hast es so gewollt. Beklag dich nicht!“

Immerhin, mein kleines Studio in der Villa ist ganz angenehm, mit einem schönen Blick auf den See. Hier riecht alles noch nach meiner Vorgängerin. Fast sieben Jahre soll sie hier gewohnt haben. Ich mag ihr Parfüm.

 

Freitag, 6. Januar 1995

Seit gestern bin ich mit dem Mädchen bei ihrer Oma. Ich habe die beiden in den Gottesdienst begleitet und mir danach fast einen Zahn ausgebissen an diesem Dreikönigskuchen. Dafür hat mein Schützling mich zum ersten Mal angestrahlt, als sie mir die Krone aufgesetzt hat. Das Eis zwischen uns beginnt zu schmelzen.

Dafür herrscht sonst Eiszeit. Er brauche auch mal Zeit für sich und seine Freunde, hat mein Partner gesagt. Dabei hatte ich mich so auf das freie Wochenende mit ihm gefreut. Und er weiss doch, wie sehr ich seine Freerider-Leidenschaft hasse. Warum habe ich bloss solche Angst, ihn eines Tages im Leichenschauhaus identifizieren zu müssen?

 

Freitag, 10. Februar 1995

Mein Freund ist sauer, weil ich nicht ans Skiwochenende mit seinen Kollegen kommen will. So lange hätten sie damals nach einem gemeinsamen Termin gesucht und ich hätte es doch seit Oktober gewusst. Ja verdammt, habe ich, aber meine Arbeitgeber haben mich eingeladen, sie nach Davos ins Hotel zu begleiten. Und ich habe daraus kurzentschlossen eine „Verpflichtung“ gemacht.

Das Mädchen hat sich so gefreut, als ich zugesagt habe. Sie hat mich definitiv adoptiert. Und sie beschämt mich täglich von neuem für mein unsensibles Urteil. Sie ist nicht nur ausserordentlich lernfähig, sondern auch äusserst lernwillig. Der kleine Bengel hatte mir doch tagelang verheimlicht, dass sie bereits schreiben und lesen kann. Sie hatte das von ihrem Kindermädchen gelernt. Oder soll ich besser sagen von ihrer „Mutter“. Denn genau das war meine Vorgängerin für die Kleine während all der Jahre gewesen: Eine Mutter. Kein Wunder, war das arme Mädchen so trotzig und ablehnend gewesen: Man hatte ihr von einem Tag auf den anderen ihre wichtigste Bezugsperson weggenommen und durch eine Lehrerin ersetzt.

 

Sonntag, 24. September 1995

Ich traute meinen Ohren nicht, als mich mein Schützling heute Morgen am Flughafen gefragt hat, ob ich irgendwo in einen Gottesdienst gehen möchte. Wir kamen aus Mailand zurück, wohin wir ihre Mutter an die Modewoche begleitet hatten. Ich habe ihr gesagt, die Messe, in die wir jeweils mit ihrer Oma gehen, sei schon vorbei. Aber sie wollte nicht in eine Messe. Sie wollte mit mir kommen.

Das Mädchen ist einfach unglaublich! Sie war im Flieger eine Reihe vor mir neben ihrer Mutter gesessen und schien unentwegt in ihr Buch vertieft zu sein. Ich hatte mir wirklich alle Mühe gegeben, Haltung zu bewahren und die Tränen meiner Wut und Verzweiflung zurückzuhalten. Aber sie muss es gemerkt haben. Sie muss gespürt haben, dass mir gerade der Boden unter den Füssen weggezogen wurde.

Er hätte es sich lange überlegt, schreibt er in seiner sms. Es stimme einfach nicht mehr für ihn. Es sei eine schöne Zeit gewesen mit mir. Aber ich hätte mich verändert. Er freue sich für mich, aber er brauche jetzt auch seine Freiheit. Er sei diese Woche im Ausland. Wenn ich also meine Sachen holen möchte…

Dabei waren wir noch vor zwei Wochen im Urlaub am Meer. Und auch wenn sich meine Hoffnung nicht erfüllt hatte, einmal Zeit zu haben, in Ruhe über unsere Beziehung zu reden, waren die Tage doch recht entspannt und glücklich. Umso tiefer sass der Schock. Wie betäubt stand ich heute Abend inmitten der gottbegeisterten Menge, die unsere Kirche mit penetrantem Lobpreis erfüllte. Die verklärt lächelnden Gesichter um mich herum erschienen mir auf einmal wie höhnische Fratzen. Da nahm mich plötzlich jemand an der Hand und führte mich hinaus ins Freie. Sie habe Lust auf ein Eis, erklärte mein Mädchen mit der ernsthaftesten Miene. Und nachdem ich sie einen Moment lang fassungslos angestarrt hatte, bekam ich den Lachanfall meines Lebens. Wenn es tatsächlich so etwas wie Engel geben sollte, dann bin ich heute einem begegnet.

 

Donnerstag, 9. November 1995

Heute hatte ich zum ersten Mal Sex mit ihrem Vater. Die Kleine war mit ihrer Mutter beim Shoppen. Er hat mich in sein Büro zitiert für eine Standortbestimmung seiner Tochter. Ich weiss nicht, was in mich gefahren war, aber ich hatte mich spontan entschlossen, für einmal die Jacke meines Twinsets lässig elegant um die Schultern gelegt zu tragen, ganz im Stil seiner Mutter, der Patriarchin, oder auch ihrer Enkelin, wenn diese „Oma“ spielt. Er war sehr zufrieden mit der Entwicklung seines Mädchens. Und er war mehr als zufrieden mit mir. Sein anerkennender Blick tat mir gut, als er für einmal nicht nur meine Beine musterte. Ich war nicht zurückgewichen, als er näher trat. Auch nicht, als sich seine Hände um meine Hüften legten. Alles andere war einfach geschehen, kurz, leidenschaftlich, wortlos.

Zurück in meinem Zimmer musste ich mich zuerst übergeben. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich aus der Dusche kam, und mir ein Glas Whisky einschenkte, den ich aus den Beständen meines Ex-Partners hatte mitlaufen lassen. Der Gedanke an ihn erfüllte mich mit einer seltsamen Befriedigung. Was meint der Kerl denn, wer er sei. Nein, ich brauche ihn nicht! Es gibt auch andere Männer, die meine Qualitäten zu schätzen wissen.

Schliesslich war es mir zu eng geworden in meinem Zimmer. Ich wollte nicht zuhause sein, wenn die Kleine mit ihrer Mutter zurückkommt. In meine Daunenjacke verpackt sass ich bis um 23 Uhr frierend am See und habe fast eine ganze Packung Zigaretten geraucht. Die Fenster waren Dunkel, als ich nach Hause kam. Doch als ich in meinem Zimmer aus der Jacke schlüpfte, klopfte es leise an der Tür. „Du hast geraucht“, sagte mein kleiner Engel und schaute mich besorgt an. Sie trug nur ihr Nachthemd und darüber die Strickjacke meines Twinsets, in der sie fast zu verschwinden schien. Über eine Stunde hat sie im Salon auf mich gewartet, nachdem sie nicht schlafen konnte und in meinem Zimmer nur den Geruch von Erbrochenem und eine halb leere Flasche Whisky vorgefunden hatte.

 

Sonntag, 24. Dezember 1995, Heilig Abend

Die ganze Familie ist bei der Patriarchin in der Villa am See. Wir Angestellten haben frei bekommen, und so sitze ich hier alleine in diesem grossen Haus. Meine Eltern pfeifen schon lange auf Weihnachten und sind auf eine Kreuzfahrt ins Mittelmeer geflohen. Und mein Ex? Vor einem Jahr waren wir noch im Chalet seiner Eltern in den Bergen. Ich mochte die beiden, vor allem seine Mutter. Sie war die einzige gewesen, die mir zugehört hat und von der ich mich verstanden fühlte. Einen Moment lang war ich fast versucht, ihr eine sms zu schicken.

Vor einer Stunde hat in unserer Kirche die Weihnachtsfeier begonnen. Aber allein der Gedanke an Lopbreis und Anbetung löst bei mir heute Übelkeit aus. Dabei waren ich und die Kleine in letzter Zeit jeden Sonntag bei meinen Evangelikalen im Gottesdienst, wenn wir nicht mit ihrer Oma bei den Katholiken die Messe besucht haben. Die vielen jungen Leute und die herzliche Atmosphäre schienen ihr zu gefallen. Sie freute sich jedes Mal so darauf, mit mir da hin zugehen, dass ich wohl oder übel mitgehen musste. Dabei ging es mir von Woche zu Woche schlechter damit. Unverheiratet in einer Partnerschaft zu leben, war schon eine stete Herausforderung für mein Gewissen gewesen. Und schon damals kam ich mir unter diesen frommen Christen immer irgendwie nackt und beobachtet vor. Und heute singt und strahlt auch noch die Kleine neben mir, während ich unter der Woche mit ihrem Vater…

Was ist nur los mit mir? Ich fühle mich so ohnmächtig. Warum komme ich nicht los von ihm? Immer, wenn ich es mit dem Alten treibe, in seinem Büro, in der Bibliothek, im Gartenhaus, immer nur kurz, leidenschaftlich und wortlos, sehe ich meinen Ex-Freund vor mir. Und nach jedem Mal möchte ich mich am liebsten übergeben. Am Anfang hatte ich noch geglaubt, dass ich ihn hasse und dass ich es wegen ihm tue, um ihn zu bestrafen.

Doch nein, meine Liebe, sei endlich ehrlich mit dir selber. Wenn du jemanden hasst, dann dich selber. Du kannst es dir nicht verzeihen, dass du alles kaputt gemacht hast, indem du deinen Weg gegangen bist und gegen seinen Willen eine neue berufliche Herausforderung gesucht hast. Und tief in deinem Unterbewussten bestrafst du die Kleine dafür, dass sie dich glücklich macht.

 

Freitag, 2. Februar 1996, Mariä Lichtmess

Ich war mit meinem Schützling und ihrer Oma im Auto unterwegs zu einem Marienwallfahrtsort, als wir es in den Nachrichten hörten: Zwei Freerider sind am Morgen bei einem Lawinenniedergang ums Leben gekommen. Namen wurden wie immer keine genannt. Ich weiss nicht, wie ich es schaffte, mit meinen zitternden Händen den Wagen heil ans Ziel zu bringen. Dick eingepackt in meine Daunenjacken sass ich wenig später neben der Kleinen in der ungeheizten Kapelle vor der gotischen Madonna, während die Oma bei einem Priester beichten war. Kalter Weihrauch lag in der Luft und überall standen frische Blumen vom morgendlichen Gottesdienst. Doch die feierliche Pracht wirkte in diesem Moment wie eine Ohrfeige auf mich. Die Ungewissheit machte mich fast wahnsinnig vor Angst. Zum ersten Mal überhaupt habe ich zu Maria gebetet. Und nachdem ich in meiner Verzweiflung sogar eine Kerze angezündet hatte, liess ich die Kleine alleine und ging nach draussen. Ich brauchte eine Zigarette.

Ich konnte mir noch tausendmal einreden, dass es hunderte von Freeridern gebe, dass er und seine Kollegen erfahren seien und keine Risiken eingehen würden, und dass ich mich nicht so anstellen solle: Schliesslich habe er mich ja verlassen. Es half alles nichts: Meine Hände zitterten auch noch beim Anzünden der x-ten Zigarette.

Als ich mich endlich aufraffte und in die Kapelle zurückging, stand die Kleine in der Mitte vor dem Altar und starrte auf das grosse Kreuz mit dem leidenden Jesus. Weit und breit war sonst niemand zu sehen, und doch war es mir, als ob wir nicht alleine wären. Ich wollte zu ihr hintreten, aber irgendetwas hielt mich zurück. Und als ich sie rufen wollte, war meine Stimme wie gelähmt. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir so dagestanden sind. Es war eine gefühlte Ewigkeit. Das Mädchen war gerade erst acht geworden, doch als es sich schliesslich umdrehte, begegnete ich einen Moment lang dem Blick einer erwachsenen Frau. „Lass uns gehen!“ hörte ich sie mit einer ruhigen Entschiedenheit sagen, als sie an mir vorbei zum Ausgang schritt.

Und just als ich mich aus meiner Verblüffung löste und ihr folgen wollte, summte das Handy in meiner Jackentasche. Fassungslos starrte ich auf den Absender der sms, bevor ich meinen Lederhandschuh von den Fingern riss, um die Nachricht zu öffnen:

Mach dir keine Sorgen,
es geht mir gut!
Aber zwei meiner Freunde sind tot.
Du fehlst mir!

Die Oma kam gerade rechtzeitig aus dem Beichtstuhl, um mich aufzufangen, als die Beine unter mir nachgegeben haben. Und als wir aus der Kapelle ins Freie traten, wartete die Kleine bereits auf uns. Nie werde ich vergessen, wie ihr besorgter Blick in ein schelmisches Lächeln überging, bevor eine Handvoll Schnee in meinem Gesicht landete.

*******

Mittwoch, 2. Mai 2018

Ich hatte schon viel von der Frau gehört und gelesen, doch ihr Vortrag von heute Morgen zur Kleinkindpädagogik im digitalen Zeitalter hat all meine Erwartungen übertroffen. Umso mehr war ich erfreut, als sie meine spontane Einladung zum Nachtessen im Seerestaurant angenommen hat. Mein Mann und meine Söhne waren ohnehin von der Champions League absorbiert, und schliesslich hatten sie gewusst, was auf sie zukommt, als wir vor einem Jahr gemeinsam unterschieden haben, ob ich die Stelle als Leiterin des Bildungsdepartementes übernehmen soll.

Mein Gast war vor mir da und sass bereits am reservierten Tisch auf der Terrasse, als ich kam. Sie trug dasselbe edle Kaschmir-Twinset wie am Morgen, nur dass sie sich jetzt die Strickjacke stilvoll um die Schultern gelegt hatte. Ihr entschuldigendes Lächeln wirkte fast mädchenhaft, als sie meinen Blick auf ihren tätowierten Armen ruhen sah. Sie hoffe, ich störe mich nicht an ihren Jugendsünden, sagte sie schmunzelnd, als sie mir die Hand reichte. Manchmal sei das Leben schon seltsam, meinte sie nachdenklich, als wir wenig später an unseren Weingläsern nippten und der untergehenden Sonne zusahen. Erst vor zwei Wochen sei sie genau an diesem Tisch gesessen. Und als sie den Namen ihrer damaligen Begleitung erwähnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich, es passte alles zusammen: Der Beruf, das Alter, ihre Weise das Twinset zu tragen, und ihr Geruch. Das dezente Parfüm war mir schon am Morgen bei der Begrüssung aufgefallen. Ich wusste, dass ich es von irgendwoher kannte.

Doch die grösste Überraschung sollte erst noch kommen, als sie mir erzählte, dass unserer „Kleine“ vor etwa vier Jahren ins Kloster eingetreten war. Die Oma und auch die Mutter seien gestorben, aber die Patriarchin, oder Patin, wie sie die Grossmutter nannte, habe ihr ein Foto gezeigt. Und so, wie sie das Bild beschrieben hat, erinnerte es mich spontan an diesen denkwürdigen Moment damals in der Kapelle, und an diesen Blick der Kleinen, als sie sich umgedreht hatte.

„Mariä Lichtmess“, meinte mein Gegenüber nachdenklich, als ich ihr die Geschichte erzählte. „Ist das nicht auch der Tag des geweihten Lebens?“

Alles ist Zufall, oder nichts ist Zufall. Wenn ich an das erste glaubte, könnte ich nicht leben, aber von letzterem bin ich noch nicht überzeugt. (Etty Hillseum)

Warum sie? VI (das Kindermädchen)

(Erinnerungen eines Kindermädchens)

001

An meinem 25. Geburtstag hatte meine langjährige Partnerin Schluss gemacht mit mir. Und da sie gleichzeitig meine Vorgesetzte in der Kita war, in der ich arbeitete, war der Moment für einen beruflichen Neuanfang gekommen. Schon eine Woche später hatte ich mich als diplomierte Kleinkinderzieherin auf die Stelle eines Kindermädchens bei einer renommierten Bankiersfamilie beworben. Und zu meiner grossen Verblüffung wurde ich schon auf das erste Gespräch hin engagiert.

Die Mutter des kleinen Mädchens, das ich betreuen sollte, schien zwar nicht sehr angetan von mir. Aber offenbar war es mir gelungen, ihre Mutter und ihre Schwiegermutter, in deren Villa am See das Vorstellungsgespräch stattgefunden hat, von mir zu überzeugen. Die erste hatte mich gefragt, wie ich es mit dem Glauben an Gott halte, und die zweite hat es zur Bedingung gemacht, dass man die Tattoos auf meinen Armen nicht sehen dürfe. Das abendliche Beten und das Tragen von langen Ärmeln schien mir damals aber ein fairer Preis für die einmalige Chance, in diesem Milieu arbeiten und vor allem auch leben zu dürfen.

Zuerst hatte ich ja vorgehabt, meine eigene Wohnung zu behalten. Aber aufgrund des beruflichen Engagements der Eltern des Mädchens wurde schnell klar, dass meine Dauerpräsenz unumgänglich sein würde. Ich bekam ein eigenes Studio in der Villa des Paares und durfte die Familie immer wieder auf Reisen begleiten. Dies alles kam mir damals sehr gelegen, um Distanz zu gewinnen zu meinem früheren Leben.

Ich konnte es gut mit der Kleinen, was auch wichtig war, da ihre Eltern häufig weg waren und ich dadurch zur wichtigsten Bezugsperson für das kleine Baby wurde. Natürlich hatte ich versucht, eine innere Distanz zu dem Kind zu wahren, aber das süsse Ding hatte es mir nicht leicht gemacht. Sie vertraute mir bald einmal mehr als ihrer eigenen Mutter. Und nur ihre Oma, die Mutter der Mutter, hatte einen ähnlich beruhigenden Einfluss auf sie wie ich.

Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, selber einmal Kinder zu haben. Allein der Gedanke, dass ich dazu mit einem Mann schlafen müsste, löste bei mir Übelkeit aus. Umso mehr genoss ich diesen Job und das Geschenk, für diesen kleinen Engel da sein zu dürfen und mitzuerleben, wie sie heranwächst.

Auch meine Arbeitgeber waren mehr als zufrieden mit mir. Die Mutter konnte eine gewisse Eifersucht zwar nicht verheimlichen, war aber dennoch glücklich, dass es ihrem Mädchen gut ging. Ihre Oma freute sich, dass ich mit der Kleinen betete und meine Beziehung zum Vater hatte sich von dem Tag an entspannt, als ich ihm klar gemacht habe, dass ich nicht auf Männer stehe.

Dass seine Mutter mich mochte, wurde mir schon bei unserer ersten Begegnung klar. Ich sehe sie heute noch, wie sie mich im Salon zum Bewerbungsgespräch empfangen hat, in einem knielangen dunkelblauen Etuikleid und einer weissen Kaschmir Strickjacke, die sie elegant um ihre Schultern gelegt trug. Ich war damals mit meinem ärmellosen Sommerkleid vergleichsweise unpassend gekleidet, was mir schlagartig bewusst wurde, als ich ihren skeptischen Blick auf meine Tätowierungen sah. Aber ihr Händedruck war fest und ihre Augen schauten mich an, als ob sie direkt in meine Seele schauen könnten. Die drei Frauen hatten mich damals über eine Stunde ausgefragt. Die Hausherrin hatte dabei am wenigsten gesagt. Doch ihre wenigen Fragen waren direkt und herausfordernd. Die Frau wusste, was sie wollte. Und es wurde schnell klar: Sie wollte mich.

Im ersten Jahr war ich häufig mit der Familie unterwegs und dazwischen längere Zeit bei der Oma, bei der sich die Kleine besonders wohl fühlte und wo wir in einer Eigentumswohnung am Stadtrand lebten. In der Villa am See verbrachten wir nur wenige Nächte, was mir anfänglich nur recht war, da ich mich dort trotz des fabelhaften Hauses und Gartens immer irgendwie seltsam und unfrei fühlte. Ich brauchte eine Weile, um mir einzugestehen, dass es an der Gegenwart der Hausherrin lag, die unter ihren Angestellten nicht ohne Respekt „die Patin“ genannt wurde. Und wenn ich mir zuerst eingebildet hatte, ihr Blick verfolge mich auf Schritt und Tritt, musste ich bald einmal feststellen, dass ich es war, der auf Schritt und Tritt nach ihr Ausschau hielt.

Es war kurz nach dem ersten Geburtstag der Kleinen, als wir zum ersten Mal mehrere Tage in der Villa verbrachten. Ich hatte frei an diesem Abend, während es sich die beiden Grossmütter mit der Enkelin vor dem brennenden Kamin bequem gemacht hatten. Gegen zehn Uhr brachte die Oma die schlafende Kleine zu mir nach oben, wo wir sie in meinem Zimmer in ihr Bettchen legten und gemeinsam einen Moment schweigend für sie beteten.

Kurz nach Mitternacht wurde ich dann durch ein Geräusch wach. Und als ich meine Augen öffnete, schien das Blut in meinen Adern zu gefrieren. Im fahlen Mondlicht, das durch die Vorhänge schien, sah ich, wie eine dunkle Gestalt sich über das Bettchen der Kleinen beugte. Ich weiss nicht, wie lange ich nicht geatmet hatte, bis ich endlich die grau schimmernden Haare der Patin erkannte. Sie drehte mir den Rücken zu und hatte sich offenbar ihren langen, schwarzen Strickmantel um die Schultern gelegt. Wie gebannt schaute ich zu, wie sie langsam das Mädchen aufhob und an ihre Brust nahm. Und plötzlich schien es mir, als ob ich sie leise singen hörte. Ich war etwas besorgt, weil ich befürchtete, die Kleine könnte aufwachen. Sie fühlte sich normalerweise nicht so wohl in den Armen ihrer Grossmutter. Doch ausser einem kleinen Seufzer war nichts zu hören, als diese sie wieder zurück in ihre Bettchen legte.

Ich stellte mich schlafend, um es der Patin zu ermöglichen, wieder unbemerkt mein Schlafzimmer zu verlassen. Doch als ich nach einer Weile nichts hörte und meine Augen öffnete, stand sie direkt neben meinem Bett und schaute auf mich herunter. Ungläubig starrte ich auf ihre nackte Brust, die hell im Mondlicht schimmerte. Ich weiss nicht, wie lange wir uns schweigend angeschaut haben. Irgendwann hob sie langsam ihre Arme und liess den Strickmantel von ihren Schultern gleiten. Und irgendwann tastete meine Hand nach dem Zipfel der Bettdecke, um diese zurückzuschlagen.

Wir waren sehr diskret und ich glaube nicht, dass irgendjemand je etwas von unserer Beziehung geahnt hat. Aber von da an waren die Kleine und ich deutlich häufiger in der Villa am See zu Gast. Die Patin war in dieser Zeit sichtlich aufgeblüht und ich musste immer heimlich schmunzeln, wenn die Leute dies selbstverständlich auf den positiven Einfluss der süssen Enkelin zurückführten. Ich war mir nie ganz sicher, was sie eigentlich in mir sah und was sie bei mir suchte. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie sei einfach nur unendlich einsam und suche bei mir Nähe und Halt. Ich meinerseits verfiel ihr in einer Leidenschaft, die ich mir bis heute nicht erklären kann, zumal die Patin problemlos meine Mutter hätte sein können.

Die nächsten drei Jahre sollten zu den schönsten meines Lebens werden. Ich reiste mit der Familie um die halbe Welt, durfte in den besten Hotels übernachten und dazwischen immer wieder unvergessliche Stunden in der Villa am See geniessen. Von der Patin erhielt ich von Zeit zu Zeit kleine Aufmerksamkeiten zugesteckt. Darunter auch ein exquisites Kaschmir-Twinset und eine Perlenkette. Ich wollte es nicht annehmen, aber sie deklarierte beides kurzerhand zu Teilen meiner Dienstkleidung. Das gehöre zum Stil des Hauses, meinte sie schmunzelnd.

Gleichzeitig wurde ich Zeugin, wie mein kleiner Schützling langsam aber sicher zum Leben erwachte. Sie war ein aufgewecktes und neugieriges Kind, das mich ziemlich auf Trab hielt, nicht nur mit ihren dauernden Fragen, sondern auch mit ihrem unermüdlichen Endeckerdrang. Schon bald kannten wir beide jeden Busch und Winkel im Park ihrer Grossmutter und jede Katze in der Gegend hatte von ihr einen Namen bekommen.

Das einzige, was mein Glück in dieser Zeit trübte, war die stetig wachsende Herausforderung, unsere Beziehung zu verheimlichen. Ich konnte zwar ganz gut damit leben, immer wieder für längere Zeit von der Patin getrennt zu sein. Umso grösser aber war unsere Begierde nach einander, wenn wir uns begegneten. Und so kostete es vor allem die Patin eine ungeheure Disziplin, sich angesichts der Präsenz ihrer Enkelin zurückzuhalten.

Wenig zurückgehalten hat sie sich jeweils dann, wenn sie nachts bei mir war. Die Kleine schlief schon lange in einem eigenen Zimmer nebenan und wir achteten immer sehr darauf, dass die Tür verschlossen war. Und da das Mädchen einen guten Schlaf hatte, machten wir uns ihretwegen wenig Sorgen.

Es war in einer milden Frühlingsnacht, als ich um zwei Uhr vom Glockenschlag der Kirche wach wurde. Ich konnte noch nicht lange geschlafen haben. Mein Körper war immer noch feucht von Schweiss und die Patin schlief erschöpft in meinen Armen. Vorsichtig löste ich mich von ihr und glitt aus dem Bett, um mich im Bad etwas frisch zu machen. Doch als ich in meinen Morgenmantel schlüpfte, sah ich, wie die Gardine bei der Balkontür in der nächtlichen Brise flatterte. Und als ich leise durch die Tür auf die mondhelle Terrasse trat, sah ich meine Befürchtung bestätigt. Auch die Tür nebenan zum Zimmer der Kleinen stand leicht offen. Das Kind lag friedlich schlafend in ihrem Bett und hielt den grossen Plüschbären im Arm, den ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Ihr Mund schien geheimnisvoll zu lächeln.

Am nächsten Morgen meldete ich mich bei der Patin im Büro. Ich sagte ihr, dass es nicht weitergehen kann. Ich sei verantwortlich für das Wohl der Kleinen. Die Patin war wortlos aufgestanden und ans Fenster getreten. Minutenlang starrte sie hinaus auf den See und nur die langen Ärmel der Jacke ihres Twinsets baumelten lose von ihren Schultern. Als sie sich schliesslich zu mir umdrehte, liefen Tränen über ihre Wangen.

Sie hat meine Entscheidung respektiert, ohne Wiederspruch. Und in den zwei Jahren, die ich noch für ihre Enkelin sorgen durfte, hat sie mich nicht ein einziges Mal ihren Schmerz spüren lassen.

*******

Ich musste schmunzeln, als ich beim Aussteigen aus meinem Wagen auf dem Parkplatz des Seerestaurants unwillkürlich in die Ärmel meiner schwarzen Lederjacke schlüpfen wollte. Als Dozentin und Leiterin der pädagogischen Hochschule war ich es zwar gewohnt, meine Arme weiterhin unter den Ärmeln meiner Blusen und Twinsets zu verbergen. Aber nicht hier in meiner Freizeit. Und nicht für sie. Diese Zeit war vorbei!

Ich hätte sie fast nicht erkannt, als mich die Bedienung auf die Terrasse führte. Mehr als zwanzig Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen. Ihre Haare waren weiss geworden und ihr Körper etwas fülliger. Aber sie machte immer noch eine gute Figur in ihrem geblümten Sommerkleid. Am meisten überraschte mich aber die modische lange Wickelstrickjacke, die sie sich in gewohnter Weise um die Schultern gelegt hatte. Das lässige Teil wollte so gar nicht zum klassischen Bild der Patin passen und liess ihre Trägerin gleich ein paar Jahre jünger aussehen.

Ihr Strahlen verriet mir, dass ihr meine Überraschung nicht entgangenen war. Und gleichzeitig freute ich mich über ihren anerkennenden Blick, als sie nach einer innigen Umarmung mein schulterfreies Sommerkleid musterte und die Lederjacke um meine Schultern zurechtrückte. Zärtlich strichen ihre Finger über die alte Tätowierung an meinem Unterarm, während ich ihr bei einem Glas Prosecco von meinem Leben erzählte: von meinem Studium zur Pädagogin, meiner beruflichen Karriere, von meinem überstandenen Brustkrebs und von meiner zwölf Jahre jüngeren Lebenspartnerin, mit der ich seit bald zehn Jahren offiziell liiert war und für deren Sohn ich eine zweite Mutter geworden bin.

Und als ich sie schliesslich nach ihrer Enkelin fragte, reichte sie mir ein Foto. Fassungslos starrte ich auf das weissumrahmte Gesicht, das mich unter einem schwarzen Schleier hervor anstrahlte. Mein Gott, wie sehr hatte ich dieses Lächeln vermisst. Unverwandt betrachtete ich das Bild, während mir die Grossmutter die ganze Geschichte erzählte. Ich spürte Stolz in ihren Worten, und eine tiefe Sehnsucht zu verstehen: Warum sie? Was gibt ihr die Kraft, so zu leben? Und so zu strahlen?

Die Gute war ganz aufgeregt. Sie hatte ihrer Enkelin geschrieben und diese hatte umgehend geantwortet: Sie würde sich sehr freuen über einen Besuch.

In einer Woche werde sie hinfahren.

„Was meinst Du, würde sie denken, wenn sie erfahren würde… ich meine, du weisst schon“, hörte ich sie sagen, während sie nun ihrerseits nachdenklich das Bild betrachtete.

Ja, was würde sie denken? Die Ansichten ihrer Kirche waren weiss Gott nicht die grösste Stütze gewesen in meinen Fragen und Kämpfen der letzten Jahre. Doch immer dann, in den schlimmsten Momenten meines Lebens, wenn ich nicht mehr weiter wusste und versucht habe zu beten, ist mir das Bild der Kleinen erschienen: Dieses geheimnisvolle Lächeln, damals in der Nacht, und der grosse Plüschbär in ihren Armen.

„Mach dir deswegen keine Sorgen!“ hörte ich mich sagen.

Ich war selber erstaunt, wie überzeugt die Stimme klang.

Warum Sie? V (die Grossmutter)

(Kondolenzbrief der Grossmutter)

Warum sie 5

Ehrwürdige Schwester,

Zum Tod Deiner lieben Mutter möchte ich Dir mein herzlichstes Beileid aussprechen. Endlich durfte sie ihr leidvolles Dasein hinter sich lassen. Möge sie ihre Ruhe und ihren Frieden finden!

Entschuldige bitte meine Unbeholfenheit, aber ich weiss gar nicht, wie ich eine Ordensfrau ansprechen muss. Deine katholische Oma hatte mir alten Protestantin damals so einiges beigebracht, aber darauf hatte sie mich nicht vorbereitet. Dass ausgerechnet Du einmal eine Klosterfrau werden würdest, hätte selbst sie sich wohl kaum träumen lassen.

Du wirst Dich wahrscheinlich fragen, warum ausgerechnet ich Dir heute schreibe, nachdem ich all die Jahre nichts von mir habe hören lassen. Es gibt einige Gründe, die mich zu diesem Schritt bewogen haben, doch der Wichtigste wird Dich vielleicht am meisten überraschen: Du fehlst mir.

Ich weiss nicht, ob Deine Mutter es Dir erzählt hat, aber zwei Wochen vor ihrem Tod hatte ich sie noch in der Klinik besucht. Sie war bereits sichtlich gezeichnet, aber es ging ihr relativ gut. Man hatte ihr Bett auf den Balkon geschoben und wir verbrachten einen wunderbaren Moment mit Blick auf den See.

Weisst Du, Deine Mutter konnte es vielleicht nicht so zeigen, aber sie war unglaublich stolz auf Dich. Sie hatte mir erzählt, dass sie Dir einen Brief geschrieben hat, den sie Deiner Priorin für den Moment ihres Todes übergeben hat. Und ja, sie hat mir auch anvertraut, was sie Dir darin mitgeteilt hat: Dass mein Sohn nicht Dein leiblicher Vater ist.

Deine Mutter hatte Recht. Ich hatte es die ganze Zeit geahnt. Es war etwas an ihrem Blick, damals, als sie mir eröffnet hatte, dass sie endlich schwanger sei. Aber ich hatte sie nicht gefragt. Ich wollte es gar nicht wirklich wissen. Und es ist mir auch heute nicht wichtig. Du wirst für mich immer meine Enkelin sein.

Eigentlich hatte ich fast gehofft, dass mein Sohn keine eigenen Kinder haben würde. Denn ich war je länger je mehr davon überzeugt, dass der Untergang unserer Bank auch mit dem inneren Zerfall unserer Familie zu tun hatte. Unsere Urväter hatten es zur Zeit der Belle Époque mit ihrer Privatbank zu Reichtum und Ansehen gebrachte und ihren Höhepunkt während des 2. Weltkriegen durch die Einlagen namhafter jüdischer und deutscher Fluchtgelder erlebt. Doch schon bald danach begannen sich die Krisen zu folgen. Und es waren immer auch Krisen unserer Männer. Und wenn ich hier von „uns“ rede, ist das eben auch Teil unseres Problems: Meine Mutter war die älteste Schwester des Haupterben, dessen Sohn ich geheiratet habe.

Es war eine reine Zweckehe, wobei ich immerhin sagen darf, dass ich meinen Cousin sehr gemocht habe. Er war unglaublich begabt, aber leider auch sehr sensibel. Als Teenager hatten wir oft zusammen Violinsonaten von Schubert und Mozart gespielt. Er war ein wunderbarer Geiger und auch ich hatte leidlich gut Klavier gespielt, bis wir geheiratet haben. Ich war damals gerade 20 geworden, hatte ein brillantes Abitur im Sack und hätte eigentlich gerne Medizin studiert. Aber mit 21 war ich schwanger mit Deinem Stiefvater. Für die Musik blieb da keine Zeit mehr, zumal mein Mann gleichzeitig in der Bank einsteigen musste.

Er war damit völlig überfordert und die Erwartungen seines strengen Vaters hatten ihn von Anfang an sehr belastet. Als dieser bei einem Reitunfall ums Leben kam, musste mein Mann die Leitung der Bank übernehme, mit gerade mal 25 Jahren. Er ist daran zerbrochen. Er hatte schon immer unter Depressionen gelitten. Nun kam der Alkohol dazu, und irgendwann die Drogen. Als man mir schliesslich eines Tages mitgeteilt hat, dass er mit seinem Wagen in die Schlucht gestürzt war, kam das für mich nicht wirklich überraschend. Offiziell war es ein Unfall. Was auch immer die Wahrheit ist, für ihn war es eine Erlösung.

Doch warum schreibe ich Dir das alles? Ich möchte, dass Du verstehst, woher Dein Stiefvater kommt und warum er so ist, wie er ist. Mein Sohn ist seinem Vater sehr ähnlich. Er hat unglaublich darunter gelitten, zusehen zu müssen, wie dieser buchstäblich zugrunde gegangen ist. Und ich in meiner Ohnmacht konnte ihm auch nicht wirklich helfen. Ich war völlig überfordert mit dem Leiden meines Mannes, und nach seinem Tod musste ich mich um den Scherben- und Schuldenhaufen in der Bank kümmern. Mein Sohn war damals schon 15, aber ich hatte nicht die Kraft, ihm den Wunsch auszuschlagen, in seiner Verzweiflung bei mir im Bett schlafen zu dürfen. Wobei ich heute ehrlicherweise nicht mehr sagen kann, wer von uns beiden die haltenden Arme des anderen in dieser Zeit mehr gebraucht hat.

Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, dass das eigentlich krank war, dass es gleichzeitig aber auch Ausdruck dieser inzestuösen Atmosphäre war, die unsere Familie wohl letztlich zugrunde gerichtet hat. Dass ich mir damals schliesslich einen anderen Mann ins Bett geholt hatte, war vor allem meiner Unfähigkeit geschuldet, meinem Sohn einfach nein zu sagen. Mir ist klar, wie sehr ich ihn damit verletzt habe, aber mein Gott, ich war damals gerade mal 36, und ich hatte niemanden, der mir gesagt hätte, was ich tun soll.

Seine Enttäuschung hatte dann immerhin den positiven Effekt, dass er mir unbedingt beweisen wollte, dass er es selber schafft und dass er nicht so ein Versager sei wie sein Vater. Und das ist ihm damals tatsächlich erstaunlich gut gelungen. Dabei hatte er sich klar von mir abgegrenzt und mir zu verstehen gegeben, dass er meine Hilfe nicht braucht. Und der Höhepunkt seiner Emanzipation von mir war schliesslich die Heirat mit Deiner Mutter, obwohl oder gerade weil er wusste, wie sehr ich gegen diese unpassende Verbindung war.

Ja, ich gebe es gerne zu, ich hatte Deine Mutter nicht gemocht. Ich hielt sie für unkultiviert, vulgär und überheblich, mit ihrem Anspruch, ausgefallenen Mode für sogenannt moderne Frauen machen zu wollen. Doch vor allem hielt ich sie nicht für fähig, Dich im Geiste unserer Familie und Tradition zu erziehen. Aber es spricht für die Klugheit Deiner Mutter, dass sie sich ihrer Grenzen sehr wohl bewusst war und von Anfang an ihre eigene Mutter und mich in Deine Erziehung miteinbezogen hat. Das hat sie zwar einiges an Überwindung gekostet, weil sie uns beide nicht besonders mochte. Aber sie hatte wohl keine andere Wahl.

Deine Oma hatte ich in dieser Zeit als eine bemerkenswerte Frau kennenlernen dürfen. Ich weiss wohl, dass Deine Mutter bis zuletzt einen unversöhnlichen Hass gegenüber ihrer eigenen Mutter gepflegt hat. Sie hat ihr nie verzeihen können, dass sie jahrelang im Namen einer katholischen Ehemoral schweigend alle Misshandlungen durch ihren Gatten erduldet hat, während dieser seinerseits seine Gewaltausbrüche mit biblischer Zucht und Strafe zu rechtfertigen suchte. Das war der Ursprung ihrer Ablehnung des christlichen Glaubens, verstärkt noch durch den Umstand, dass sie glaubte, letztendlich wegen der Frömmigkeit ihrer Mutter von ihrem Vater verlassen worden zu sein. Dass es ihre Mutter war, die eines Tages mit ihrer Tochter doch noch aus dieser Terrorbeziehung geflohen war, hatte Deine Mutter, die damals noch ein kleines Mädchen war, entweder gar nicht realisiert oder später verdrängt.

Ich hatte jedenfalls Deine Oma als weise und kluge Frau erlebt, die sehr unter der Ablehnung ihrer Tochter gelitten hat. Und gleichzeitig habe ich nie gehört, dass sie ein schlechtes Wort über Deine Mutter gesagt hätte. Ja, natürlich hatte sie sich Sorgen gemacht über deren Lebenswandel in der Welt der Mode und des Jetsets, unter der sie sich kaum etwas vorstellen konnte und die ihr entsprechend Angst machte. Aber das ganze Gerede von Sünde und Teufel entsprang wohl mehr den Projektionen und Schuldkomplexen Deiner Mutter als dem Glauben Deiner Oma.

Ich werde nie diesen Winterabend vergessen, als sie einmal bei mir zu Besuch war und wir vor dem brennenden Kamin über Gott und den Glauben diskutiert haben. Du warst damals etwa ein Jahre alt und hast die ganze Zeit über in ihren Armen geschlafen. Ich hatte ihr erzählt, dass ich als Kind auch streng gläubigen erzogen worden war und jede Woche in die Sonntagsschule musste. Wir Mädchen waren damals auf Zucht und Demut getrimmt worden. Wir trugen hochgeschlossene Kleider und dicke Strümpfe, und später dann klassische Kostüme und Twinsets. Es galt selbstverständlich alles zu vermeiden, was den Anschein von Hochmut und die Begierde der Männer erwecken könnte.

In gut protestantischer Tradition hatte sich das christliche Selbstverständnis unserer Familie auf die Tatsache unserer wirtschaftlichen Prosperität gegründet. Gottgefälligkeit wurde an Glück, Reichtum und Ansehen gemessen. Dass diese Logik für mich mit der Zeit unweigerlich Brüche bekommen musste angesichts des unübersehbaren Zerfalls unserer Familie, ist leicht nachvollziehbar. Und so hatte ich mich schon als Teenager und dann definitiv beim Tod meines Schwiegervaters vom christlichen Aberglauben abgewendet und mich in einen aufgeklärten Agnostizismus geflüchtet. Rein äusserlich beschränkte sich meine Emanzipation aber darauf, meinem Mädchentraum Grace Kelly zu folgen und zu beginnen, die Jacken meiner Twinsets um die Schultern drapiert zu tragen, was mir von Seiten meiner Mutter prompt den Vorwurf von Hochmut und Arroganz eingebracht hat.

Die Geduld und Liebe aber, mit der Deine Oma sich damals meine Geschichte und meine immer emotionaler gewordene Rechtfertigungstirade angehört hatte, hinterliess bei mir einen tiefen Eindruck. Es war das erste Mal, dass ich mit jemandem über dieses Thema reden konnte. Noch tiefer aber hatte mich berührt, dass Du damals während der ganzen Zeit in ihrem Schoss ruhig weitergeschlafen und nicht einen Ton von Dir gegeben hast. Wo Du doch in meinen Armen jeweils kaum zur Ruhe gekommen bist. Was hast Du bei Deiner Oma gespürt, was Du bei mir nicht gespürt hast. Was hatte sie, was ich nicht habe? Die Frage begleitet mich bis heute.

Wie auch immer, Du hast in den folgenden Jahren Deinen beiden Omas viel Freude gemacht. Wie sehr hatten wir gelacht, als Du mit knapp vier Jahren plötzlich mit einer meiner Strickjacken aufgetaucht bist und zum ersten Mal „Oma“ gespielt hast. Wie stolz waren wir auf Dich, als Du Dich so aufopferungsvoll für dieses arme Mädchen aus der Parallelklasse eingesetzt hast. Und wie sehr waren wir schockiert, als man Dir vorgeworfen hat, mit diesem Priester geschlafen zu haben. Für Deine Oma war das ein schwerer Schlag, der wohl ihren Tod beschleunigt hat. Sie hatte nie daran geglaubt, genau so wenig wie ich. Dass ich mich damals nicht für Dich eingesetzt hatte, gehört zu den Dingen, die ich mir nicht verzeihen kann. Heute bin ich einfach dankbar, dass Deine Oma die Geschichte mit dem Überfall nicht mehr miterleben musste.

Du kannst Dir vorstellen, dass Deine Entscheidung, Nonne zu werden, auch für mich ein Schock und eine ziemliche Herausforderung war. Warum Du? Und warum ausgerechnet jetzt? Du hattest Dich so wunderbar entwickelt und selbst ich hatte begonnen, mich in der Hoffnung zu wiegen, dass es mit Dir doch noch einmal eine Zukunft für unsere Bank geben könnte. Darum war ich im ersten Moment einfach nur wütend auf Dich. Wütend, weil Du meinen Sohn enttäuscht hast und weil Du uns einfach verlassen hast. Wütend aber vor allem auch, weil ich sofort gespürt hatte, dass Dein Stiefvater zusammenbrechen würde und es einmal mehr an mir, der guten alten Cousine liegen würde, den ganzen Laden zusammenzuhalten.

Doch unterdessen habe ich wieder die nötige Distanz und Ruhe gefunden. Ich habe mit meinem Sohn und der Familie gesprochen und wir werden demnächst unsere Anteile an der Bank verkaufen. Ich spüre Frieden und Zuversicht bei dieser Entscheidung. Und ich möchte Dir einfach sagen, dass ich Dir in keiner Weise mehr böse bin und dass Du Dich für nichts verantwortlich oder gar schuldig fühlen sollst.

Der Brief ist länger geworden, als ich dachte. Und wenn ich nachlese, was ich geschrieben habe, dann tönt es für mich fast ein wenig wie das, was Ihr wohl Beichte nennen würdet. Ich kann nur hoffen, dass der Gott Deiner Oma, wenn es ihn denn wirklich gibt, mir, der alten protestantischen Agnostikerin verzeihen kann. Vor allem aber hoffe ich, dass Du, meine Liebe, mir eines Tages verzeihen kannst, was ich und meine Familie Dir angetan haben.

Ich weiss nicht, ob es möglich ist und ob Du es überhaupt wünschst, aber ich würde mich sehr freuen, Dich einmal besuchen zu dürfen. Ich hätte Dir noch so viel zu sagen. Vor allem aber sehne ich mich danach nachzuholen, was ich nie getan habe: Dir zuzuhören.

Sei von ganzem Herzen gegrüsst

Deine Grossmutter

 

PS: Deine Mutter hat mir zum Abschied ihre formlose aber so wunderbar kuschlige Wickelstrickjacke aus ihrer letzten Kollektion geschenkt. Ich trage sie um die Schultern beim Schreiben Deines Briefes. Und als ich von der Klinik nach Hause kam, habe ich die ganzen Familienfotos und die Rosen vom Flügel geräumt und zum ersten Mal seit Jahren wieder Mozart gespielt. Meine Finger sind alt geworden, aber ich fühle mich wieder jung. Und seit heute Morgen ist auch der Flügel wieder gestimmt.

Warum sie? IV (die Mutter)

(Abschiedsbrief einer Mutter)

Warum sie 4

Mein liebes Kind,

Wenn Du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr am Leben sein.

Das Schicksal will es so. Es ist alles viel schneller gegangen, als die Ärzte geglaubt haben. Sie hatten ursprünglich von ein bis zwei Jahren gesprochen. Aber vielleicht ist es auch besser so.

Ich habe mich jedenfalls sehr über Deinen letzten Besuch gefreut. Es muss ein Schock für Dich gewesen sein, mich in diesem Zustand vorzufinden. Verzeih mir bitte, dass ich Dir nichts gesagt habe. Aber ich hatte Angst, dass Du vielleicht…

Ich hoffe einfach, Du hast danach wenigsten bei Deiner alten Schulfreundin etwas Trost und Kraft gefunden. Sie wird sich sicher auch gefreut haben, Dich nach all der Zeit wieder einmal zu sehen. Sie sah einfach toll aus bei Deinen Gelübden. Wer hätte das gedacht, nach allem, was das arme Mädchen durchgemacht hatte.

Sag bitte auch Deiner Priorin einen lieben Gruss. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie Dir erlaubt hat, die weite Reise zu machen, um mich noch einmal zu sehen, zumal sie nicht wissen konnte, dass es wohl das letzte Mal sein würde. Und Du ja auch nicht.

Warum schreibe ich Dir diesen Brief?

Du weisst, ich war nie eine grosse Schreiberin. Aber es gibt etwas, dass ich Dir sagen muss, etwas, das ich nicht mit ins Grab nehmen will. Ich glaube, Du hast ein Recht darauf, es zu wissen.

Eigentlich wollte ich es Dir ja bei Deinem Besuch sagen. Aber Du warst so erschüttert und traurig, dass ich es nicht übers Herz gebracht habe. Du hast überhaupt nicht sehr glücklich ausgesehen! Ich hatte Dein Ordensgewand vermisst, und den schwarzen Schleier. Die kurzen Haare passen einfach nicht zu Dir. Und dann die zugeknöpfte Strickjacke. Ich weiss, dass ich Dich immer kritisiert hatte wegen Deines Stils, aber wie sehr hätte ich mir gerade an diesem Tag gewünscht, dass Du die Grace Kelly machst, so wie früher. So elegant und selbstbewusst, wie ich Dich eben gekannt habe.

Aber lass mich zur Sache kommen: Du weisst ja, dass Dein Vater und ich damals lange Zeit vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen. Dein Vater war langsam ungeduldig geworden. Er hatte es mir nie gesagt, aber ich weiss, dass er bereits seit einiger Zeit heimlich eine Geliebte hatte. Für ihn war die Aussicht auf einen Stammhalter wichtiger als die Treue zu seiner Frau. Mir war klar, dass er mich verlassen würde, wenn wir nicht bald ein Kind bekämen. Und so hatte auch ich damals begonnen, mit einem anderen Mann zu schlafen.

Und dieser Mann, mein liebes Kind, ist Dein leiblicher Vater.

Der Mann, den Du „Vater“ nennst, ist eigentlich Dein Stiefvater. Er weiss es nicht, und er darf es nie erfahren. Es würde ihn umbringen. Er war so unglaublich stolz auf Dich, vom ersten Moment an. Er war felsenfest davon überzeugt, dass Du seine Augen hast. Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn Du ein Junge gewesen wärst. Aber nach der ersten Enttäuschung hatte er sich in den Kopf gesetzt, allen zu beweisen, dass seine Tochter im Blick auf seine Nachfolge in der Bank ihren Mann stehen würde.

Ich glaube wirklich, er hat Dich geliebt, auf seine Weise, so wie er auch mich geliebt hat. Er hatte nie gelernt, seine Gefühle zu zeigen. Aber er war immer gut zu mir. Er war der erste Mensch, der mich respektiert hat und mir das Gefühl gegeben hat, mehr zu sein als nur eine schöne Puppe.

Ich hatte es nicht leicht als Kind. Mein Vater hatte uns früh verlassen und meine Mutter war so mit sich selber und ihrem Gott beschäftigt, dass ich schnell gelernt hatte, auf mich selber zu vertrauen. Ich hatte mir alles selber aufgebaut: Meine Karriere als Model, mein Modedesign-Studium und mein eigenes Fashionlabel. Meine Mutter hatte mir nie verziehen, dass ich mich für läppische Modehefte und wenig Geld in Unterwäsche habe ablichten lassen. Das war für sie fast so schlimm, wie wenn ich mich prostituiert hätte. Und als ich schliesslich auch noch zur Schönheitskönigin gewählt wurde, war ich für sie endgültig dem Reich der Sünde verfallen.

Ich habe es Deinem Stiefvater immer hoch angerechnet, dass er mich schon nett fand, bevor meine Vorzüge mit einer Schleife und einem Krönchen geehrt wurden. Wir hatten uns an einer Party kennengelernt und ich hatte mich sofort unsterblich verliebt. Er war so anders als die anderen Typen. Hinter seinem vornehm zurückhaltenden Auftreten als Erbe eines renomierten Bankhauses spürte ich instinktiv seine Unsicherheit und seine Verletzlichkeit. Er war der einzige, bei dem ich nicht dauernd das Gefühl hatte, dass er mit mir ins Bett möchte. Ob er es sich tatsächlich hätte leisten können, mich zu heiraten, wenn ich nicht plötzlich eine VIP geworden wäre, weiss ich nicht.

Seine Mutter jedenfalls konnte sich mit unserer Ehe nie wirklich abfinden. Das verband sie schliesslich trotz aller gesellschaftlichen Differenz auch mit meiner Mutter, das und die gemeinsame Sorge um Deine Erziehung. Beide waren – wohl nicht ganz zu Unrecht – überzeugt, dass ich und Dein Stiefvater damit überfordert sein würden. Wobei es meiner Mutter vor allem darum ging, Dich vor den Klauen des Teufels zu bewahren, während seine Mutter sich berufen fühlte, Dir Stil und Kultur beizubringen. Und während ich meine Mutter dafür hasste, war ich meiner Schwiegermutter – bei aller Eifersucht, die ich ihr gegenüber empfunden habe – letztlich dankbar. Ich glaube, sie hatte dich wirklich ins Herz geschlossen. Und das obwohl ich immer das Gefühl hatte, dass sie die Wahrheit ahnte.

Aber Du warst auch ein goldiges Kind. Wer hätte Dich nicht lieben können? Manchmal erschienst Du mir so perfekt, dass es fast nicht auszuhalten war. Konnte das möglich sein? Wie hatte ausgerechnet ich so ein Kind verdient?

Ich kann nur hoffen, dass Du mir eines Tages verzeihen kannst, dass ich Dich damals bei der Geschichte mit dem Priester nicht unterstützt hatte. Natürlich war die Anschuldigung lächerlich, aber ich wollte es in dem Moment nicht sehen. Je älter Du damals wurdest, desto mehr hatte ich Mühe gehabt, Dir in die Augen zu schauen. Da erschien die vermeintliche Erkenntnis, dass auch Du letztlich nur eine schwache Sünderin bist, wie Balsam auf meine schuldgeplagte Seele.

Ich hatte sehr wohl gesehen, wie Du unter all dem gelitten hast. Aber ich hatte nicht die Kraft, etwas dagegen zu tun, zumal gerade in dieser Zeit ja auch meine Mutter im Sterben lag. „Soll Dein Gott Dir doch helfen!“, hatte ich mir damals gesagt. Und die Möglichkeit, dass es doch wahr sein könnte, war ja doch nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht hatten Dein Stiefvater und all die anderen ja doch Recht.

Erst als ich hilflos gefesselt und geknebelt mitansehen musste, was dieser Erpresser mit Dir machte, weil Dein Stiefvater auch nach wiederholten Drohungen einfach nicht auf seine Forderungen eingehen wollte, erst in dem Moment wurde mir schmerzhaft bewusst, wohin wir gekommen sind und wie sehr wir alle durch Lüge und Hass verblendet waren. Dass ich Dich damals einfach im Stich gelassen habe und aus dieser Beziehung geflohen bin, habe ich mir nie verziehen.

Weisst Du, es hat mir damals so gut getan, was Du mir am Tag Deiner Gelübde gesagt hast: Dass Du nicht an einen strafenden Gott glaubst, und schon gar nicht an die Rache Gottes. Denn der Gedanke an Gottes Rache hatte mich begleitet seit dem Tag, an dem Du mir mitgeteilt hattest, dass Du ins Kloster gehen wirst.

Warum Du? Warum tust Du das?

Diese Frage hatte mich nicht mehr losgelassen. Und immer wieder hatte mich diese quälende Vision verfolgt: Das verzerrte Gesicht meiner Mutter und ihr Vorwurf: „Du bist schuld an allem, was geschehen ist! Die Zeit der Rache ist gekommen!“. Ja, in den dunkelsten Stunden in der Klinik war ich wirklich überzeugt, dass das Kloster nun Deine Rache war an uns, an Deinem Stiefvater, aber vor allem auch an mir. Und das Schlimmste war, dass mir der Gedanken sogar irgendwie gefallen hat. Denn das war es doch, was ich schon seit langem verdient hatte.

Ich hatte eine unglaubliche Angst, zu Deinen Gelübden zu kommen. Doch ich hatte mir eingeredet, dass ich das alles selber zu verantworten habe und mich meiner gerechten Strafe nicht entziehen könne. Ja, ich wollte Dir die Genugtuung gönnen, Deine Mutter leiden zu sehen.

Doch dann war alles ganz anders: Deine ehrliche Freude, Dein liebender Blick und Deine feste Umarmung. Mein Gott, mit wie viel Stolz hast Du mich Deinen Mitschwestern vorgestellt, mich, Deine erbärmliche Mutter, die Dich nie wirklich zu lieben gewusst hat, die Dich nicht beschützen konnte, die Dich kläglich im Stich gelassen hat und ihr armseliges Leben zwischen mondänen Modeschauen und Klinikaufenthalten fristete.

Und wie nett sie alle waren, die Schwestern. Deine Novizenmeisterin hat Dich in höchsten Tönen gelobt. Eure Älteste meinte, Du seist eigentlich viel zu hübsch fürs Kloster. Und eure junge Priorin hatte sich so gefreut, mich kennenzulernen. Sie sei vor ihrem Ordenseintritt ein grosser Fan meiner Mode gewesen und hätte immer noch diesen eleganten schwarzen Mantel aus einer meiner ersten Kollektionen. Sie trage ihn immer noch im Winter über dem Ordensgewand. Nur die Markenetikette hätte sie damals beim Eintritt entfernt, damit die Schwestern nicht bemerkten, was für ein exquisites Teil sie da mitbringe.

Ich kann mich nicht erinnern, je so glücklich gewesen zu sein wie an jedem Tag. Ich habe gespürt, dass Du glücklich bist, dass es Dir wirklich gut geht und dass Du bei diesen Schwestern am rechten Ort bist. Vor allem aber habe ich gespürt, dass Du mich liebst und dass Du mir vergeben hast. Und als ich nachts ganz alleine in einem Abteil des ICE nach Hause fuhr, habe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder gebetet.

Doch am nächsten Morgen, als ich mich im Spiegel betrachtete, war sie plötzlich wieder da, diese Stimme. „Mach dir nichts vor“, hörte ich sie sagen, „du hast Deine Tochter immer belogen. Und wenn sie die Wahrheit erfährt, wird sie es Dir nie verzeihen!“. Ich glaube ich hätte es sogar geschafft, diese Stimme mit der Zeit zum Schweigen zu bringen, wenn nicht kurz danach die Diagnose gekommen wäre. Und mit dem Krebst kam die Angst zurück: Die Angst vor der Rache Gottes. Und mit ihr die Frage: Werde ich Gnade finden bei Gott? Und bei Dir?

Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, werde ich die Antwort wohl wissen. Ich habe versucht zu glauben. Dir zu glauben. Ich habe versucht zu beten. Und in manchen Momenten habe ich so etwas wie Frieden gespürt. Doch in den einsamen, nächtlichen Stunden, wenn die Schmerzen mich nicht schlafen lassen und das Morphin die Dämonen der Vergangenheit in mir weckt, dann ist der Gedanke an meine gerechte Strafe oft der einzige schwache Trost.

Aber wenn das wirklich stimmt, was Du glaubst, dann werde ich ja jetzt vielleicht irgendwo neben Dir sitzen, hier in Deiner kleinen aber so gemütlichen Klosterzelle. Oder liest Du diesen Brief vielleicht in der Kapelle, bei IHM, der Dir all das gibt, was wir Dir nie geben konnten?

Wie auch immer, bete für mich, mein Kind!

In Liebe

Deine Mutter

PS: Und bete für deinen Stiefvater. Sag ihm, dass ich ihn liebe!