Warum sie? XXI (eine Zeitzeugin)

(Die letzten Einträge aus dem Tagebuch einer alten Nonne)

„Bist du das auf dem Foto? Wow, du warst ja eine richtige Prinzessin!“

Ja, das bin ich, oder besser, das war ich. Mein Gott, ist das lange her! Seit über siebzig Jahren trage ich dieses Bild mit mir herum. Und bis heute hat es nie jemand zu Gesicht bekommen. Warum nur habe ich es gestern zum ersten Mal seit Jahren wieder hervorgeholt? Und warum habe ich es auf meinem Schreibtisch stehen lassen? Ich wusste doch, dass mein lieber Engel heute wieder meine Zelle putzen würde.  

„Und wer ist der fesche Mann an deiner Hand?“, hörte ich meine junge Mitschwester fragen, die sichtlich fasziniert diese alte Fotographie betrachtete. Die Frage macht mir Angst. All die Jahre habe ich versucht, sie zu verdrängen und stattdessen nur auf Gott zu schauen. Aber die Frage war bei mir geblieben, zusammen mit dem Bild, zuunterst in meiner Schublade.

Mir muss schon klar gewesen sein, dass ihr das Bild auffallen wird. Sie ist ein aufmerksames Mädchen und sie ist ein intelligentes Mädchen. Wahrscheinlich hatte sie schneller begriffen als ich selber, warum das Foto plötzlich dastand. Habe ich nicht genau diese Frage gesucht? Und doch, jetzt, wo sie ausgesprochen im Raum stand, hat sie mich einmal mehr überfordert. Mit zitternden Händen habe ich ihr das Bild abgenommen und zurück in die Schublade gelegt.

Sie ist noch so jung. Mit ihren etwas über dreissig Jahren könnte sie fast meine Urenkelin sein. Wie soll ich ihr erklären, wie das damals war? Wie soll ich ihr erklären, was ich selber nie verstanden habe… oder verstehen wollte?

***

Mein Gott, wie schön sie ist! Ich hätte sie fast nicht erkannt in ihrer dunklen Trainingshose und dem ärmellosen Top. Ich war mir so gewöhnt, sie in Ordensgewand und Schleier zu sehen. Die junge Krankenschwester von der Gemeinde, die für meine Pflege vorbeikommt, hatte mich nach dem Mittagessen in den Garten gebracht. Ich hatte von anderen Schwestern gehört, dass mein Engel dort gelegentlich so asiatische Übungen mache, aber ich konnte mir bis heute nichts darunter vorstellen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, in diesen harmonischen Bewegungen den Geist des Bösen zu wittern? Würde ich nicht seit einem Jahr im Rollstuhl sitzen, ich hätte sofort mitgemacht.

Sie war so vertieft in ihr Tun, dass sie mich nicht bemerkt hatte. Erst als sie in die Sandalen schlüpfte und sich ihre graue Strickjacke um die Schultern legte, entdeckte sie, dass sie nicht alleine war. Strahlend kam sie auf mich zu und unwillkürlich musste ich an das Foto denken. Sie erinnert mich an meine Jugend, an die Leichtigkeit eines jungen Lebens, das ich immer gesucht und doch nie gefunden hatte.

Sie freute sich, dass ich mich freute, und setzte sich spontan neben mich auf eine Bank. Schweigend lauschten wir dem Zwitschern der Vögel und dem Summen der Hummeln und Bienen um uns. Dabei suchte ich innerlich verzweifelt nach den richtigen Worten. Die ganze Nacht hatte ich mit mir gerungen und heute Morgen beim Gottesdienst wurde mir klar: Ich muss es tun! Ich hatte ihre Frage herausgefordert und ich werde ihr antworten… wem, wenn nicht ihr, und wann, wenn nicht jetzt.

„Das Foto von gestern hat mich sehr berührt“, unterbrach sie meine Gedanken, während sie sanft meine Hand fasste. Sie glaube gespürt zu haben, wie wichtig das Bild für mich sei. Umso mehr habe sie sich gefreut über mein Vertrauen, es ihr zu zeigen. Irgendwie kenne sie uns alle nur als Nonnen und daher falle es ihr schwer, sich vorzustellen, dass auch wir ein Leben davor hatten. Es habe ihr so gut getan zu spüren, dass sie nicht die einzige sei, die gelegentlich von der Sehnsucht nach der ersten Liebe gepackt werde. Wobei es ein solches Foto von ihr nicht gäbe. Soweit sei es damals nie gekommen.

Ein wehmütiger Zug lag um ihre Augen, als ihr Blick an mir vorbei in die Vergangenheit schweifte. Sie sei ein Feigling gewesen, meinte sie mit einem leisen Schmunzeln… und er auch! Fast die ganze Schulzeit hätten sie zusammen verbracht. Sie habe ihn insgeheim angehimmelt, und eigentlich sei sie überzeugt, dass sie ihm auch nicht gleichgültig gewesen war. Irgendwie hätten sie wohl beide darauf gewartet, dass der andere den ersten Schritt macht. Sie habe sich damals mit der Überzeugung getröstet, dass sie wohl zu etwas anderem berufen sei. Und als sie eines Tages doch bereit gewesen war, ihr Herz in die Hand zu nehmen, war da plötzlich dieses Gerücht, sie hätte eine Beziehung mit ihrem Schulseelsorger. Nie werde sie den Schmerz in seinem Blick vergessen, und den Zweifel, den sie von da an stets in seinen Augen zur erkennen meinte. Nächtelang habe sie in ihrem Kopf durchgespielt, was sie ihm sagen würde. Doch dazu es sei nie gekommen. Dafür hätte er sie eines Tages überraschend in der Klinik besucht, wo sie wegen einer Depression behandelt wurde. Sie habe sich unglaublich gefreut und ihm fast alles von sich erzählt, nur das Eigentliche nicht.

Eine Träne lief über ihre Wange, als sie mich lächelnd anschaute. Jahre später, als sie sich zum Eintritt ins Kloster vorbereitete, seien sie sich noch einmal begegnet. Zwei Stunden seien sie durch den Stadtpark spaziert, nebeneinander, fast wie auf meinem Bild, nur ohne Händchenhalten. Diesmal habe er von sich erzählt, von seinem Leben und seinen Träumen. Bis heute frage sie sich immer mal wieder, was wohl geschehen wäre, wenn er sie damals…  

Er sei unterdessen verheiratet mit ihrer liebsten Freundin und Vater von zwei wunderbaren Kindern, hörte ich sie schliesslich sagen, nachdem wir eine Weile schweigend dagesessen hatten. Und sie sei Nonne und das sei gut so, meinte sie lachend, denn wer würde sich sonst um mich kümmern.

Ich fühlte mich plötzlich sehr müde und war dankbar, als sie mir ihre Jacke über die zitternden Beine legte und mich zurück in meine Zelle brachte.

***

Er hat sich umgebracht, einfach so, zwei Tage nachdem das Foto von uns entstanden war. Wie um alles in der Welt soll ich das meinem Engel erzählen?

Ich habe es versucht, immer wieder in den letzten Tagen. Doch jedes Mal, wenn ich ihr Lächeln sah und dabei an die freudige Wehmut dachte, mit der sie mir ihre Liebesgeschichte anvertraut hatte, hat mich der Mut verlassen. Darf ich ihr das wirklich zumuten? Soll ich dieses junge Leben wirklich mit den dunklen Schatten meiner Vergangenheit belasten? Habe ich nicht all das hinter mir gelassen, als ich damals mein Leben Gott geweiht habe?

Doch plötzlich ist alles wieder da, lebendiger denn je. Seit Tagen kann ich kaum mehr richtig beten und heute Nacht hatten mich im Traum die Bilder verfolgt: Wie ich verzweifelt durch den Wald renne auf der Suche nach ihm. Ich höre den Schuss, ganz in der Nähe. Ich komme auf eine Lichtung. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und da, am Fuss der alten Eiche, liegt er, in seiner alten Uniformjacke. Überall ist Blut. Der Lauf der Pistole steckt immer noch in seinem Mund.

Ich war damals 18. Wenige Wochen zuvor hatte ich mit meiner Mutter im Garten gearbeitet, als er plötzlich daherkam. Wir hatten ihn zuerst nicht erkannt. Er sah abgekämpft aus, ausgehungert und um Jahre gealtert. Wir hatten ihn auch darum nicht erkannt, weil wir ihn nicht mehr erwartet hatten. Seine Familie hielt ihn für tot, irgendwo verschollen an der Ostfront.

Ich konnte es kaum glauben: Mein Held war zurück. Seit ich ein kleines Mädchen war, hatte ich für ihn geschwärmt. Vielleicht lag es daran, dass mein Vater schon früh gestorben war und ich mir so sehr einen älteren Bruder gewünscht hätte. Er war acht Jahre älter als ich und hatte natürlich nichts von meiner kindlichen Schwärmerei geahnt. Doch seit er unser Dorf verlassen hatte, habe ich jede Woche eine Kerze für ihn angezündet, bei der Heiligen Muttergottes in unserer Kirche.

Nach seiner Rückkehr hatte er in einem Schuppen neben dem Haus seiner Eltern gewohnt. Er war schweigsam und verschlossen und sass stundenlang alleine in der Kneipe. Immer wieder hörten wir ihn streiten mit seinem Vater. Er solle gefälligst arbeiten. Hier würde niemandem etwas geschenkt. Alle schienen einen weiten Bogen um ihn herum zu machen. Nur ich nicht. Ich brachte ihm zwischendurch ein paar Äpfel, ein Stück frisches Brot oder wessen ich auch immer habhaft werden konnte, ohne dass meine Mutter es merkte.

Ich war gerne bei ihm. Und er schien langsam etwas Vertrauen zu schöpfen. Ich las ihm aus meinem Lieblingsbuch vor und zwischendurch gelang es mir sogar, seinem steinernen Gesicht ein schwaches Lächeln zu entlocken. Langsam führte ich ihn wieder hinaus in die Natur und schliesslich war er sogar bereit, mich zum Picknick mit meiner Familie zu begleiten. Wir feierten den „Tag der Befreiung“. Es war einer der glücklichsten Tage meines Lebens, der Tag, an dem meine Schwester das Foto von uns machte. Zwei Tage später war plötzlich die amerikanische Militärpolizei im Dorf. Meine Mutter wollte mir nicht sagen warum. Doch ich ahnte, was sie suchten, und ich wusste, wo ich ihn finden würde.

Warum, mein Gott, kommt das alles jetzt wieder hoch? Warum nur habe ich vor einer Woche dieses unselige Foto hervorgeholt. Warum jetzt? Was willst DU von mir?

***

Meine Hände zitterten, als ich ihr beim Lesen zusah. Sie stand mit dem Rücken zu mir am Fenster. Was hätte ich dafür gegeben, ihr Gesicht zu sehen. Ich hatte mein Tagebuch auf dem Tisch liegen lassen, mit dem Foto als Buchzeichen. Sie hatte den Wink verstanden. Ein Blick von ihr und ein kurzes Nicken von mir, und die Tür zu den verschütteten Kammern meiner Seele war aufgestossen. Noch nie hatte ich mit jemandem über all das gesprochen. Niemand hatte damals mit irgendjemandem über irgendetwas gesprochen.

Ich hätte es auch heute nicht gekonnt. Die Vorstellung, die Worte auszusprechen, sie in ihrer ganzen Nacktheit laut und deutlich in Raum und Zeit zu stellen und dabei von einem anderen Menschen gehört und angeschaut zu werden, nein, die Vorstellung allein lässt mich erschauern. Und doch spüre ich, dass es sein muss; dass ich endlich das Schweigen durchbrechen muss… und dass ER mich nicht gehen lässt, bevor ich es getan habe. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum ich in meinem Alter noch einigermassen leserlich schreiben kann. 

Es ist eine harte Arbeit. Gestern Nacht, als ich nicht schlafen konnte, hatte ich mich alleine vom Bett in den Rollstuhl gekämpft und dann zwei Stunden am Schreibtisch gesessen. Als ich fertig war und zurück ins Bett wollte, war ich so schwach, dass ich vom Bettrand auf den Boden glitt. Da lag ich nun, hilflos, erschöpft und mit einer brennenden Sehnsucht, geholt zu werden und erlöst zu werden von den Schatten meiner Seele. Doch der weisse Engel, der kam, hatte seltsam graue Flügel. Und nachdem sie mich in ihre Strickjacke gewickelt hatte, holte sie die Priorin und mit vereinten Kräften brachten sie mich zurück in mein irdisches Bett.

In diesem Moment wusste ich, dass es noch nicht zu Ende war. Denn plötzlich sah ich meine Mutter, wie wir zusammen meine ältere Schwester die Treppe hoch tragen und in ihre Kammer bringen. Es war einer dieser Tage gewesen, über den wir nie ein Wort gesprochen haben. Der Tag, an dem der Krieg in unser Dorf kam.

Lange Zeit hatten wir vom Krieg nicht viel mitbekommen. Die Front war weit weg und ausser den Bombergeschwadern, die gelegentlich in grosser Höhe über unsere Köpfe hinweg in Richtung Stadt flogen, kannten wir den Feind nur aus dem Radio und aus den Erzählungen unserer jungen Männer, wenn diese auf Heimaturlaub waren. Einer davon war auch mein Held. Er war der Star unter unseren Hitlerjungen gewesen und der Stolz seines Vaters, als er mit achtzehn der SS beitrat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er sich uns zum ersten Mal in seiner schwarzen Uniform präsentierte. Nach Kriegsbeginn hatte er sich freiwillig bei der Waffen-SS gemeldet. Bei seinem ersten Fronturlaub war er voller Begeisterung, an diesem historischen Moment teilhaben zu dürfen. Doch dann wurde er verwundet und danach in eine andere Einheit versetzt. Seine Besuche wurden selten, und wenn er da war, schien er erschöpft und lustlos. Er wurde immer verschlossener und weigerte sich, über seine Einsätze zu sprechen. Die Leute wunderten sich und unter uns Kindern begannen die wildesten Gerüchte zu zirkulieren. Aber offiziell hatte niemand darüber gesprochen, auch meine Schwester nicht, die eines Tages völlig verstört von einem BDM-Einsatz aus der Stadt zurückgekommen war. Ich hatte zufällig mitbekommen, wie meine Mutter ihr verboten hat, mit uns zu reden.

Irgendwann hiess es dann, er sei in russische Gefangenschaft gekommen. Und irgendwann wurden die Ortsnamen in den täglichen Nachrichten immer vertrauter. Dann, als zum ersten Mal aus der Ferne das Donnern der Artillerie zu hören war, begannen die ersten, ihre Häuser zu verlassen. Unsere Mutter hatte damals entschieden zu bleiben. Sie wollte nicht glauben, was man so hörte. Und wohin hätten wir auch fliehen sollen? Unser Haus war alles, was wir hatten. Dann, wie aus dem Nichts, waren sie da, die „Befreier“. Einer von ihnen, fast noch ein Junge, bot mir eine Zigarette an. Als ich ablehnte, packten sie mich uns stiessen mich ins Haus. Sie brachten uns ins Schlafzimmer meiner Mutter, wo sie meinen kleinen Bruder und seine Schwester in den Kleiderschrank sperrten. Ich weiss nicht, wie viele es waren. Ich hatte die Augen geschlossen. Meine Mutter und ich hatten keinen Laut von uns gegeben. Nur meine ältere Schwester hatte geschrien, bis man sie mit dem Halstuch ihrer BDM-Uniform geknebelt hat. Sie war im dritten Monat schwanger gewesen.

Ich weiss nicht, ob ich ohne meinen Engel den Mut gehabt hätte, mich auch diesem Teil meiner Wahrheit zu stellen. Heute Morgen hätte ich es noch nicht gekonnt. Sie hatte sich Zeit gelassen mit lesen. Als sie sich schliesslich umdrehte, hatte sie Tränen in den Augen. Wortlos kniete sie vor mich hin, fasste zärtlich meine zitternden Hände, blickte mich ruhig an und legte dann ihren Kopf in meinen Schoss. Ich weiss nicht, was ich erwartet, befürchtet oder erhofft hatte. Das jedenfalls nicht. Im ersten Moment hat sich mein Körper spontan verkrampft. Doch dann schien eine eigentümliche Wärme von ihr auszugehen, die ganz allmählich meinen Unterleib erfüllte. Und für kurze Zeit gelang es ihr sogar, die Erinnerung an die dunklen Augen meiner jungen Krankenschwester zu verdrängen, an ihren Schmerz und die Trauer, als ich sie heute Morgen in einem panischen Reflex angeschrien hatte. Dabei hatte sie doch nur diskret mein Tagebuch in der Schublade versorgen wollen.

***

Es muss sein. Ich habe keine andere Wahl. Die dunklen Augen lassen mich nicht mehr los. Es ist kurz vor Mitternacht und wieder sitze ich vor meinem Tagebuch, dessen weisse Seiten darauf warten, die ganze Last meiner Wahrheit zu tragen. Meine Hand zittert und beim Gedanken, dass sie es eines Tages lesen würde, wird mir schwindlig vor Angst. Wird sie mir verzeihen können? Wird Gott mir verzeihen können?

„Nazischlampe“ hat mich das blonde Mädchen genannt, das mir vorher im Traum erschienen war. So hatten sie uns damals genannt, immer und immer wieder. Ich hatte das Wort aus meinem Bewusstsein verdrängt. Und mit ihm die Wahrheit, die einfach nicht sein durfte, und die mich gerade darum mein ganzes weiteres Leben nicht losgelassen hat. Dabei lag der Schlüssel dazu die ganze Zeit in meiner Schublade. Aber ich konnte ihn nicht verstehen, weil ich ihn nicht verstehen wollte. 

Mein Vater war Sozialist und Gewerkschafter gewesen. Er war krank und starb in Dachau. Ich hatte damals nicht verstanden, worum es ging, und war einfach nur wütend, dass er uns verlassen hat. Meine Mutter verachtete die Nazis, aber sie war auch eine pragmatische Frau. Sie hatte vier Kinder grosszuziehen und war zu manchen Kompromissen bereit. Und meine ältere Schwester hasste ihren Dienst beim Bund Deutscher Mädchen schon lange, bevor man sich allenthalben über den „Bund Deutscher Matratzen“ lustig machte. Wir hatten nie erfahren, von wem sie damals schwanger war. Nein, sie alle waren keine Nazis. Das war nicht gerecht. Sie konnten nichts dafür.

Ich war an allem Schuld. Ich ganz allein. Ich wollte es einfach nicht sehen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, wer er wirklich war: Seine Überheblichkeit, mit der er schon als Junge die anderen Kinder behandelte, seinen Fanatismus, mit dem er seinen Vater und uns alle beeindrucken wollte, seine zunehmende Verschlossenheit und die Gerüchte, die man sich über ihn erzählte, und schliesslich all das, womit mich der amerikanische Offizier beim Verhör konfrontiert hat, nachdem man mich neben seiner Leiche aufgegriffen hatte. Nein, der Mann auf den Bildern, die man mir zeigte, war nicht er. Das konnte nicht er sein. Das musste alles ein einziger Irrtum sein, eine Lüge. Es durfte nicht wahr sein, weil sonst auch das andere wahr gewesen wäre, was einfach nicht wahr sein durfte:

Ich hatte es kaum erwarten können, meinen zehnten Geburtstag zu feiern. Endlich bekam auch ich den blauen Rock, die weisse Bluse und das schwarze Halstuch mit dem Lederknoten. Endlich gehörte auch ich zum Jungmädelbund. Ich war so stolz, ein Teil von dem zu sein, was ihm wichtig war. Und ich wollte doch einfach nur, dass er auch stolz auf mich sein konnte.

Eines Tages, es muss im Frühling 1941 oder 1942 gewesen sein, so genau weiss ich das nicht mehr, hatte ich mich bei einer Übung im Wald verlaufen. Statt auf meine Kameradinnen war ich schliesslich auf drei Kinder gestossen, ein Mädchen und zwei kleine Knaben, die sich ängstlich an den Rock ihrer Schwester klammerten. Das Mädchen war etwa so alt wie ich und hatte unter ihrem Kopftuch lange, schwarz gekrauste Haare. Ihre dunklen Augen schauten mich mit einem seltsam flehenden Ausdruck an. Sie rief mir etwas zu, das ich nicht verstanden habe, bevor sie die Knaben an der Hand fasste und davoneilte. Ich war ihnen heimlich gefolgt bis zu einem Bauernhof am Waldrand, wo sie von einer aufgeregten Frau mit einem blauen Kopftuch erwartet und eiligst in einen Schuppen befördert wurden.

Ich hatte nicht gewusst, wem dieser Hof gehört hat. Erst als der Lastwagen mit der SS-Eskorte durch unser Dorf donnerte, erkannte ich die alten Freunde meines Vaters. Neben ihnen auf der Ladefläche sass die Frau mit dem blauen Kopftuch, die einen Mann mit einer blutenden Kopfwunde im Arm hielt. Der kleinere der beiden Knaben winkte mir strahlend zu. Sein Bruder klammerte sich an seine Schwester, deren traurige Augen mich auch dann noch nicht losgelassen hatten, als der Lastwagen schon längst um die Ecke verschwunden war.

Mein Gott, ich habe doch…

(Bild: Andrew Garfield und Claire Foy im Film Breath, deutsch: Solange ich lebe)

Warum sie? XX (die Interessentin)

(Tagebuch eines zweiwöchigen Klosteraufenthaltes)

Sonntag, Ankunft

Da bin ich nun also im Kloster. Wer hätte das gedacht?

Zwei Wochen werde ich hier mitleben. Das war der Vorschlag der Priorin, als ich vor einem Monat für ein Gespräch bei ihr war. Eigentlich wollte ich damals nur ganz unverbindlich ein paar Fragen stellen, und nun sitze ich hier in einer Klosterzelle vor einem leeren Tagebuch. Ich soll darin aufschreiben, was mich bewegt, meine Gefühle, meine Stimmungen, all das, was in meiner Seele vorgeht, hat die junge Schwester gesagt, die mich in diesen Tagen begleiten soll. Dabei ist es doch vor allem mein Kopf, indem sich all die tausend Gedanken und Fragen bewegen, mit denen ich heute Morgen angereist bin.

Das Highlight dieses Tages waren allerdings tatsächlich Gefühle, wenn auch weniger meine eigenen als diejenigen der eleganten Dame mit den silbergrauen Haaren und dem schwarzen Twinset, die während des Festgottesdienstes zur silbernen Profess der Priorin neben mir sass. Sie war offensichtlich sehr bewegt und wischte sich immer wieder die Tränen aus dem Gesicht. Nach dem Gottesdienst kam sie zu mir, um sich zu entschuldigen. Ich müsse mir keine Sorgen machen, sie sei einfach gerade etwas überwältigt von ihren Gefühlen. Sie habe gehört, dass ich ein paar Tage im Kloster bleibe. Sie freue sich für mich und wünsche mir eine gute Unterscheidung der Geister.

Die Lady sei eine reformierte Pastorin, hat mir meine Begleiterin später erzählt. Sie habe zusammen mit der Priorin das Noviziat gemacht. Ich hatte nicht gewagt zu fragen, was damals geschehen war, und auch nicht, warum sie heute trotzdem zur Heiligen Kommunion gegangen ist. Diese Frau fasziniert mich. Irgendwie erinnert sie mich an meine vermeintliche Schwiegermutter. Was hat sie nur gemeint mit „Unterscheidung der Geister“?

Montag, 1. Tag

Ich kann es immer noch nicht glauben: Ausgerechnet mein „Stern“ ist meine persönliche Begleiterin in diesen Tagen. Kaum ein halbes Jahr ist es her, seit ich ihr zum ersten Mal begegnet bin. Es war an diesem katholischen Jugendfestival, zu dem mich eine Kollegin mitgeschleppt hatte. Ich weiss bis heute nicht, wie sie das geschafft hat. Kurz vorher hatte mein Freund Schluss gemacht. Ich war am Boden zerstört und hatte überhaupt keinen Bock, andere Leute zu sehen, schon gar nicht gottbegeisterte Jugendliche mit ihren frommen Worship-Schnulzen. Eine Flasche Wein, eine Packung Chips, meine kuschlige Wolljacke und Netflix bis zur Erschöpfung war alles, was meine Tage nach der Arbeit noch halbwegs erträglich machte.

Doch dann stand da plötzlich diese Supernonne auf der Bühne. Sie erzählte von ihrer ersten Verliebtheit, von ihrer Karriere als Bankerin und von ihren Depressionen. Vor allem aber sprach sie von Gott, diesem leuchtenden Stern, der ihr durch alle Krisen hindurch die Richtung gewiesen hat. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, war sie zu meinem Stern geworden. Im Licht ihres strahlenden Lächelns kam mir mein Leben plötzlich so schäbig vor, so leer und so bestimmt von dunklen Gedanken und sinnlichen Befriedigungen. Es war, als ob sie im Chaos meiner Gefühle die Stimme der Vernunft geweckt hätte. Und jetzt bin ich hier, mit ihr als Begleiterin, was für ein Geschenk!  

Dienstag, 2. Tag

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18.30). Genauso hatte ich mich gefühlt heute Morgen beim Frühstück. Die Sonne schien in unseren Speisesaal und durch das offene Fenster hörte ich den Gesang der Vögel im Garten. Es war fast wie im Paradies, wenn da nicht plötzlich diese alte Schwester im Rollstuhl gewesen wäre, die sich an ihrem Kaffee verschluckt hat. Ihr endloses Husten machte der Stille ein Ende, und irgendwie auch meiner Stimmung. Als ich wenig später im Gottesdienst sass und die mehrheitlich betagten Schwestern betrachtete, wurde mir mulmig zumute. Ich arbeite zwar als Physiotherapeutin in einem Altersheim, aber sollte ich wirklich auch mein ganzes Leben mit alten Menschen verbringen? Und jeden Tag um halb sechs Uhr morgens zur Laudes in der Kirche sitzen? Und bei allem immer dieses schwarze Gewand tragen, ein Leben lang? Und was würden meine Eltern dazu sagen, und meine Freunde?

Die Fragen liessen mich nicht mehr los, bis ich am Nachmittag meiner Begleiterin davon erzählte. Warum ich denn hier sei, wollte sie wissen. Na ja, um das Klosterleben kennenzulernen und endlich etwas Zeit für Gott zu haben. Ob jemand von mir verlangt hätte, Nonne zu werden? Nein. Wieso ich mich dann also von Fragen irritieren lassen, die keiner gestellt hat? Und ob ich Lust hätte, mit ihr Joggen zu gehen?  Drei simple Fragen, ein entwaffnendes Lächeln und eine halbe Stunde rennen zu zweit am Flussufer hatten gereicht, um in mir die Überzeugung zurückzubringen, mit Gott Mauern zu überspringen.

Mittwoch, 3. Tag

Wie habe ich das verdient? Drei Tage bin ich erst da, und doch fühle ich mich hier wie zuhause. Ich habe keine Mühe, um fünf Uhr aufzustehen, die Psalmen in den Gebetszeiten berühren mein Herz und der Gesang der Schwestern ist einfach himmlisch. All die Fragen von gestern lassen mich nur noch schmunzeln. Am Nachmittag haben wir die Zelle der alten Schwester im Rollstuhl geputzt. Was für eine humorvolle und herzensgute Frau! Sie hat mich – mit einem Augenzwinkern – vor meiner Begleiterin gewarnt. Ich solle mich nicht von diesem Engel verzaubern lassen, sondern von Gott. Mein Gott, was haben wir drei gelacht! Abends nach der Komplet erzählte mir dann die junge Schwester bei einer Tasse Tee von ihrer Berufungserfahrung. Acht Jahre als alt sei sie gewesen, an Mariä Himmelfahrt, dem Tag des geweihten Lebens, als Jesus ihr gesagt habe, wie sehr er sie liebe. Als „Beweis“ seiner Liebe habe er damals ihre Gebete erhört und ihrer verehrten Hauslehrerin den Freund zurückgebracht. Ich musste weinen vor Freude, als ich später noch alleine in der dunklen Klosterkirche sass und Gott für mein Glück dankte. Ja, Herr, du machst meine Finsternis hell! Ps 18,29

Donnerstag, 4. Tag

Was für ein Scheisstag! Was soll das? Ich verstehe gar nichts mehr. Mein Glück von gestern ist wie weggeblasen, als ob es nur ein Trugbild gewesen wäre. Ich kann nicht mehr beten. Gott ist weg und auch mein Stern ist weg. Sie war heute bei ihrem geistlichen Begleiter und heute Abend hat die Gemeinschaft eine Versammlung. Ich fühle mich so allein. Was mache ich überhaupt hier?

Freitag, 5. Tag

Natürlich dürfe ich jederzeit gehen, sagte meine Begleiterin, als ich heute Morgen nach dem Frühstück verzweifelt bei ihr geklopft habe. Sie sass ruhig da und hörte mir geduldig zu, während ich unter Tränen mein Elend beklagte. Sie habe den Eindruck, ich sei in einem Zustand, in dem ich besser keine Enscheidung treffen sollte, meinte sie schliesslich und erinnerte mich an die Freude und die guten Gründe, die ich noch vor zwei Tagen hatte. Entscheidungen, die man bei Licht getroffen hat, sollte man nie bei Dunkelheit ändern.

Okay, aber was ist, wenn die Dunkelheit kein Ende mehr nimmt? Den ganzen Tag habe ich mich bemüht, aber nichts hat sich geändert. Es ist, als ob man mir den Stecker gezogen hat. Die Stille im Kloster nimmt mir fast den Atem. Und dabei ist es erst kurz nach 21 Uhr. Nicht einmal meine warme Wolljacke will mir mehr Trost spenden, und dabei ist es noch viel zu früh für mich, um Schlafen zu gehen. Aber nein, ich habe mich entschieden: wer oder was auch immer mir hier das Leben zur Hölle macht, ich lasse mich nicht unterkriegen!

Samstag, 6. Tag

Irgendwie bin ich schon etwas stolz auf mich. Nachdem ich gesten Morgen noch die Laudes geschwänzt hatte, habe ich mich heute pünktlich aus dem Bett gekämpft. Das ganze Tagesprogramm habe ich abgesessen und sogar für mich alleine noch einen Rosenkranz gebetet. Ich spüre zwar immer noch nichts von Gott, aber ich tue ihm den Gefallen nicht, loszulassen.

Eine kleine Belohnung habe ich dennoch bekommen. Nachdem es mir gelungen war, mit einer Willenleistung nach einer kurzen Siesta wieder unter meiner Decke hervorzukriechen, bin ich im Garten zufällig auf meine junge Begleiterin gestossen, die barfuss auf der Wiese stand und völlig vertieft war in eine Abfolge seltsamer Bewegungen. Fasziniert betrachtete ich ihre schlanke Gestalt in der dunklen Trainingshose und dem schwarzen Sporttop. Sie wirkte so frei und natürlich in ihren Bewegungen, von den Zehen bis in die Fingerspitzen erfüllt von ihrem Tun. Das sei Shibashi, erklärte sie mir strahlend. Morgen nach dem Mittagessen wird sie mir zeigen, wie das geht. Immerhin eine kleine Freude und ein Grund, noch etwas zu bleiben.

Sonntag, 7. Tag

Immer noch nichts, keine Freude, kein Feuer, nicht einmal mehr Glut. Seit Tagen haben wir das schönste Frühlingswetter, und doch fühle ich mich so leblos, wie abgelöscht. Umso erstaunlicher, dass ich doch irgendwie die Kraft finde, am Morgen aufzustehen, mit den Schwestern zu beten, und vor allem zu bleiben. Ist es einfach meine Sturheit, die mir meine Mutter schon als Kind vorgehalten hat? Wem will ich hier etwas beweisen? Oder willst vielleicht DU mir etwas beweisen, Gott?

Immerhin, das Shibashi hat meinen Tag gerettet. Mein Stern hat gestrahlt vor Freude, als sie mir die verschiedenen Bewegungen und „Bilder“ beibrachte. 18 gibt es davon, 9 kann ich schon. Ich weiss zwar nicht, was diese asiatischen Übungen mit Gebet zu tun haben sollen, aber es war einfach traumhaft, gemeinsam mit ihr barfuss im frischen Gras zu „tanzen“, umgeben vom betörenden Duft der Hyazinthen und dem Gesang der Vögel. Ja, Gott, das hast DU davon. Wenn DU mir schon beim Gebet keinen Trost schenken möchtest, dann hole ich ihn mir eben anderswo.

Montag, 8. Tag

Heute sind meine Freundinnen in Urlaub gefahren. Sie hätten noch ein Bett für mich, hatten sie mir vor einer Woche geschrieben, bevor ich mein Handy endgültig abgestellt hatte. Die beiden fehlten mir. Und mir fehlte die Freiheit, am Morgen auszuschlafen, stundenlang alleine durch die Wälder zu wandern und abends mit den Mädels bei einer Flasche Wein und Netflix abzuhängen. Stattdessen hocke ich hier und warte vergeblich auf den Gott, mit dem ich noch vor ein paar Tagen Mauern überspringen wollte.

Immerhin bin ich nicht mehr alleine mit meiner trostlosen Laune. Auch mein Stern erschien heute Morgen ziemlich blass. Sie habe schlecht geschlafen und sei mit dem falschen Fuss aufgestanden, meinte sie mit einem müden Lächeln, als wir uns wieder zum Shibashi trafen. Ihr formloser, langer Wollpullover passte dabei perfekt zu den grauen Wolken, die über Nacht aufgezogen waren. Das änderte aber nichts an der Geduld, mit der sie mich in ihre Kunst einführte. Dabei war meinem geschulten Blick natürlich nicht entgangen, wie verspannt ihre Schultern waren. Aber ich hätte nie zu träume gewagt, dass sie sich tatsächlich von mir massieren lassen würde.

Es ist schon erstaunlich, wie viel Kraft wir manchmal aus der Schwäche eines anderen ziehen. Plötzlich war ich die Aktive und sie die Empfangende. Ich genoss das Gefühl ihrer Schultern unter der Wolle des Pullovers, die Zartheit ihrer Haut am Hals und den Anblick ihrer gekräuselten Haare im Nacken. Sie sass vor mir wie eine schnurrende Katze und ich konnte förmlich spüren, wie sie sich unter meinen Händen entspannte. Was für ein Vertrauen, und was für ein schöner Moment der Intimität… bis wir fast gleichzeitig die dunkle Gestalt der Priorin entdeckten, die uns vom Fenster ihres Büros aus beobachtete.

Dienstag, 9. Tag

Ich habe schlecht geschlafen und von der Priorin geträumt. Aber ansonsten hat sich nichts verändert, ausser dass es begonnen hat zu regnen und dass wir keine Lust auf Shibashi hatten. Dass wir uns dennoch überwunden haben, joggen zu gehen, lag wohl vor allem daran, dass wir beide einen Moment Freiheit vom Kloster gesucht haben. Denn nach wenigen Minuten sassen wir bereits im Schutz eines Bootsunterstandes am Flussufer.

Sie müsse sich wieder zusammenreissen. Sie bete nicht mehr richtig und habe ihre Disziplin verloren, hörte ich sie sagen, während sie nachdenklich Kieselsteine ins Wasser warf. Das könne sie sich schenken, gab ich resigniert zurück. Ich würde mich seit Tagen bemühen und nichts hätte sich verändert. Gott lasse sich nicht kaufen. Ich sei eine gute Schülerin, meinte sie darauf lachend. Die Nähe Gottes könne ich mir tatsächlich durch nichts erwirken. Aber ich kann das Meine dazu beitragen, mich nicht selber zu entfernen. Und vielleicht sei das ja gerade auch der Sinn von so trostlosen Zeiten: dass wir uns bewusst werden, dass alles ein Geschenk ist. Und schliesslich würde ich ja auch von meinem Freund erwarten, dass er mir vertraut und an meine Liebe glaubt, auch wenn ich es ihm nicht jeden Tag sage. „Klugscheisser“, habe ich ihr an den Kopf geworfen. Was wisse sie denn schon von Liebe?

Es tat gut, einen Moment lang einfach so mit ihr herumzualbern. Wenn da nur nicht dieses kurze Aufflackern von Schmerz in ihrem Blick gewesen wäre. Irgendwie lässt mich das nicht mehr los. Ich wollte ihr noch etwas sagen nach der Komplet. Aber dann war sie weg. Und morgen sei sie auch weg, den ganzen Tag. Einmal mehr sitze ich alleine da mit meinen Gefühlen. Und wo bist DU?

Mittwoch, 10. Tag

Heute Morgen nach dem Frühstück fand ich einen Zettel an meiner Tür mit einem Gebet von Etty Hillesum: „Gott, schenke mir ab und zu einen kurzen Augenblick der Ruhe. Ich werde auch nicht mehr in aller Einfalt glauben, dass der Friede, falls er über mich kommt, ewig sei, ich nehme auch die Unruhe und den Kampf auf mich, die wieder danach kommen“.

Wer immer den Zettel geschrieben hat, er kam zu spät. Zum ersten Mal seit Tagen spürte ich beim Morgengebet wieder so etwas wie Frieden und Ruhe, und dies, obwohl ich einmal mehr wirres Zeug geträumt hatte. Doch da ich mich auf keinen Fall der „Einfalt“ schuldig machen wollte, genoss ich jede Stunde des Tages, indem ich mir vornahm, neue Kräfte zu sammeln im Blick auf meinen nächsten Durchhänger. Ich war schon etwas stolz auf mich, doch als ich heute Abend meiner Begleiterin danken wollte, schaute mich diese nur ratlos an. Sie wisse nichts von einem Zettel.

Donnerstag, 11. Tag

Was für ein Glück: Der „kurze Augenblick der Ruhe“ dauert an. Und was für ein sagenhafter Moment heute Nachmittag, als ich nach dem Shibashi eingehüllt in meine Wolljacke, mit meinem Buch und einer Tasse heissem Tee am Fenster meiner Zelle sass und plötzlich die Sonne durch die Wolken brach. Wie wenig es doch braucht, um die Welt in ein anderes Licht zu tauchen! Wo waren sie geblieben, all meine düsteren Gedanken der letzten Tage, meine Antriebslosigkeit, meine Ohnmacht und diese Leere und Trauer, die meine Gebete bestimmten? Und doch waren sie real. Genauso real wie mein heutiges Glück. So bin ich! Diese Einsicht war irgendwie demütigend. Doch gleichzeitig spürte ich, dass es gut ist, wie ich bin, und dass ich so sein darf und dass ich so geliebt bin, wie ich bin.

Meine Begleiterin musste weinen vor Freude, als ich ihr abends davon erzählte. Und ich musste weinen, weil sie weinte. In meiner Freude habe ich sie spontan umarmt. Aber nach einem kurzen Zögern hat sie mich sanft aber bestimmt zurückgestossen. Ich solle Gott danken, nicht ihr, meinte sie  mit einem sanften Lächeln. Und ich solle mich gut daran erinnern, wenn die Trostlosigkeit wiederkommt. Die Gelegenheit, das einzuüben, hatte sie mir damit gleich selber gegeben.

Freitag, 12. Tag

Wieder eine Nacht voller wilder Träume: Erst war ich beim Shibashi, aber ich konnte die Bilder nicht mehr. Dann bin ich verzweifelt durch das Kloster gerannt und habe den Ausgang nicht gefunden. Und schliesslich hatte ich Sex mit meinem Ex-Freund, als plötzlich die schwarze Gestalt der Priorin über uns auftauchte. Ich war völlig verschwitzt, als der Wecker läutete.

Warum sie mich zurückgestossen habe, fragte ich meine Begleiterin nach dem Frühstück? Es sei doch nur eine Umarmung gewesen. Sie muss meine Enttäuschung und Wut gespürt haben, liess sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Ich hätte sicher Recht und sie wolle mir auch nichts unterstellen, aber manchmal sei es im Leben einfach wichtig, realistisch zu sein und gewisse Versuchungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Wehret den Anfängen“, meinte sie, indem sie mich eindringlich ansah. Es gebe Dynamiken, die fressen einem mit Haut und Haar, wenn man ihnen nur den kleinen Finger hinhält.

Heute hatte ich keine Lust auf Shibashi. Stattdessen sass ich in meiner Zelle und musste plötzlich an übermorgen denken. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mein Handy bis Sonntag nicht zu brauchen, und eigentlich wollte ich auch nur kurz nachschauen, wann mein Zug fahren wird. Doch dann war da diese Nachricht von meiner Kollegin, dass eine meiner Patientinnen vor einer Woche gestorben sei. Und als ich ihr antworten wollte, stiess ich auf eine Mail von der Mutter meines Ex. Es täte ihr leid, was damals geschehen sei. Ihr Mann hätte kein Recht gehabt, einen Keil zwischen mich und ihren Sohn zu treiben. Sie würde sich sehr freuen, mich wiederzusehen… und ihr Sohn auch.

Das würde ihr so passen, nachdem sie damals einfach geschwiegen hatte. Oh nein, ich habe mein Lektion verstanden. Wer bin ich denn – eine simple Physiotherapeutin – um vor dieser ehrwürdigen Adelsfamilie bestehen zu wollen. Ich war naiv und blind gewesen, aber ich werde mich nicht ein zweites Mal zurückweisen lassen. Die Wut und der Schmerz haben mich den ganzen restlichen Tag begleitet. Ich hatte mir vorgenommen, noch heute Nacht zurückzuschreiben. Aber nachdem ich drei Entwürfe gelöscht hatte, gab ich auf und flüchtete mich stattdessen ins Internet. Ich wusste, wo ich meinen Trost finden würde, und einmal mehr hatte ich mit Erfolg verdrängt, wie leer und frustriert ich mich danach jeweils fühle. Ich ekle mich vor mir selber, und auch die heisse Dusche hat daran nichts geändert. Ich sehe vor mir den traurigen Blick meiner Nonnen, als ich heute Abend demonstrativ einen weiten Bogen um sie herum gemacht hatte. Mein Handy ist wieder ausgeschaltet, aber ich weiss noch immer nicht, wann mein Zug fährt.

Samstag, 13. Tag

Ich fühlte mich beschissen. Wie konnte ich diesen heiligen Ort nur so entweihen? Den ganzen Tag hätte ich mich am liebsten verkrochen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie es alle wissen. Ich schämte mich und hasste sie gleichzeitig dafür. Und dann war da auch noch dieser Traum: Wir machten Shibashi und ich habe sie massiert. Doch dann war sie plötzlich verschwunden. Ich habe sie überall gesucht. Dann war da auf einmal der Vater meines Ex. Er versperrte mir den Weg, aber ich konnte mich losreissen. Schliesslich fand ich sie in meiner Zelle. Sie war halb nackt und irgendwie geknebelt. Und als ich mich über sie beugte, war da wieder die schwarze Gestalt der Priorin…

Noch verstörender als der Traum war das, was er mit mir machte. Wie konnte das sein? Was war nur mit mir los? War das wirklich ich? Ich schaffte es nicht mehr, ihr in die Augen zu schauen. Den ganzen Nachmittag lag ich heulend auf dem Bett und nachdem ich nachts nicht einschlafen konnte, nahm ich schliesslich meine Wolljacke und setzte mich in die Kirche. Ich fühlte mich leer und konnte nicht beten. Und da war sie wieder, diese Frage: Warum bist du hier? Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Weil ich meinem Stern gefolgt bin.

Sie trug ein weisses Nachthemd und hatte sich einen grauen Cardigan um die Schultern gelegt, als ich sie schliesslich aus dem Bett holte. Ich solle im Gesprächszimmer auf sie warten, meinte sie mit verschlafenem Blick. Und als sie ein paar Minuten später mit zwei Tassen Tee daher kam, trug sie wieder ihr schwarzes Ordensgewand. Ich habe ihr die ganze Wahrheit gesagt: dass ich mich von einem Engel habe verzaubern lassen statt von Gott; dass ich wohl in sie verliebt sei… und dass ich gestern Nacht in meiner Zelle masturbiert habe.

Die Turmuhr schlug Mitternacht, während wir schweigend dasassen. Und als ich mich endlich überwinden konnte, den Kopf zu heben, schaute ich direkt in ihre strahlend feuchten Augen. Sie sei so froh für mich, dass ich den Mut hatte zu reden. Manch vermeintliche Wahrheit würde sich bei Licht besehen relativieren und manche Knoten würden sich von selbst lösen, wenn man nur fähig sei, sie klar und laut zu benennen. Und bevor wir uns kurz darauf im Gang vor ihrer Zelle trennten, war sie es, die mich spontan in den Arm nahm.

Noch nie fühlte ich mich so leicht und frei wie heute Nacht in meinem kleinen Zimmer. Die Stille und Einsamkeit sind so erfüllt von Wärme und Trost, dass ich meine Jacke gar nicht vermisse, die ich im Gesprächszimmer vergessen habe. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllt mich, wenn ich an die vergangenen Tage denke. Und gleichzeitig freue ich mich auf mein Zuhause, meine Arbeit und die alten Menschen im Heim. Und ja, ich werde seiner Mutter schreiben… gleich morgen Abend.

Sonntag, 14. Tag

Unser Abschied war kurz und herzlich. Sie sah majestätisch aus in ihrem schwarzen Gewand, inmitten der Menschen auf dem Bahnsteig. Ja, sie fasziniert mich und irgendwie mag ich sie sehr. Doch mir war klar geworden, dass ich selber wohl nie so ein Gewand tragen werde. Ich habe es ihr gesagt, und wenn sie enttäuscht gewesen sein sollte, so hat sie es mich nicht merken lassen.

Sie spüre bei mir eine grosse Sehnsucht nach Leben, Sinn und Liebe, hat sie gemeint, während sie mir einen Zettel in die Hand drückte. Doch wir hätten alle unsere Schwächen und Verletzungen, und darum müssten wir aufpassen, dass unsere Sehnsucht nicht genau an diesen Stellen in falsche Bahnen geleitet wird. Aber sie mache sich meinetwegen keine Sorgen. Ich hätte eine sensible Wahrnehmung, ich sei ehrlich mit mir selber und das sei eine hervorragende Voraussetzung für die Unterscheidung der Geister. Und falls ich wissen möchte, was es damit auf sich hat: Auf dem Zettel stehe Name und Adresse ihres geistlichen Begleiters.

Ich weiss nicht genau, was sie damit gemeint hat, und hatte auch keine Zeit mehr zu fragen. Der Schaffner hatte mich gedrängt einzusteigen und bevor die Tür sich endgültig zwischen uns schob, konnte ich ihr gerade noch zurufen, sie solle doch bitte für meinen Freund beten.

Der Name auf dem Zettel sagt mir nichts, und irgendwann werde ich sicher nachschauen, was dieses SJ dahinter bedeutet. Aber für den Moment liegt das Papier erst mal als Buchzeichen in meiner Bibel, bei Psalm 18:

„Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen.“

Warum sie? XIX (die Pastorin)

(aus dem Tagebuch und einem Brief einer ehemaligen Novizin)

Sonntag, 2 Uhr morgens

Hier scheint die Zeit stillzustehen.

Nichts hat sich verändert in der altehrwürdigen Klosterkirche. Diese unglaubliche Stille, das einsame Flackern des roten Lichtes beim Tabernakel, der Geruch des frisch gebohnerten Steinbodens und der prächtige Blumenschmuck für das kommende Fest. Alles ist noch genauso wie vor 25 Jahren, an jenem Samstagabend vor der Gelübdefeier, meiner letzten Nacht als katholische Nonne.

Nur „mein“ Platz vorne bei der Christus-Ikone, vor der ich damals nächtelang gesessen und mit IHM gehadert hatte, ist besetzt. Ich war mir so gewohnt, die Kirche nachts für mich alleine zu haben, dass ich richtig erschrak, als ich die dunkle Gestalt entdeckte. Sie musste mich gehört haben, drehte sich aber nicht um, als ich leise in eine Bank glitt und mich fröstelnd in die Jacke meines Twinsets kuschelte.

Ich wusste, wer sie war. Es konnte nur sie sein. Keine andere Schwester würde um diese Zeit noch in der Kirche beten. Ausser vielleicht der Priorin, meiner Freundin. Aber mit ihr hatte ich eben noch einen Whisky getrunken, heimlich in ihrer Zelle, so wie damals.

Ich hatte von ihr gehört, von dieser jungen Nonne, der attraktiven Bankierstochter, die für Gott Vermögen und Karriere geopfert hat. Ich war ihr schon einmal begegnet, als ich vor ein paar Jahren das Kloster besucht hatte. Was für eine Frau: ihr Blick, ihre Stimme, ihre Eleganz! Warum war sie hier? Sie faszinierte mich. Und sie irritierte mich. Sie besetzte meinen Platz und irgendwie hat es wehgetan zu hören, mit welcher Leidenschaft die Priorin von ihr erzählt hat. Offenbar hatte sie eine schwere Krise durchgemacht. Doch Gott sei Dank sei sie geblieben… nicht wie ich, dachte ich im Stillen.

Sie schien mir tatsächlich etwas blasser und nachdenklicher zu sein und ich hatte mich schon gewundert, warum sie nicht mehr Leiterin des Gästehauses war. Was für eine Last trug sie unter ihrem schwarzen Gewand? Was hatte sie wohl mit IHM zu besprechen in dieser Nacht? Sie war die ganze Zeit dagesessen, ohne sich zu bewegen. Einmal glaubte ich, ein leises Schluchzen zu hören. Dann plötzlich ein ebenso leises Lachen. Meine Gegenwart schien sie wenig zu kümmern. Ganz im Gegensatz zu mir. Ihre Präsenz weckte Erinnerungen und Gefühle in mir, die ich längst überwunden zu haben glaubte.

ER hatte einfach geschwiegen, damals in dieser letzten Nacht vor unseren ersten Gelübden. Ich hatte IHN angefleht, um Verzeihung gebeten und bis in die frühen Morgenstunden auf ein Zeichen gewartet. Ich hätte nicht viel gebraucht, nur etwas Licht, ein leises Ja oder einen Hauch von Freude und Trost. Aber nichts! Nur diese Stille und der Geruch von Bohnerwachs und frischen Blumen, der mir fast den Atem raubte.

Zwei Jahre hatten wir uns damals gemeinsam durchgekämpft, die heutige Priorin und ich. Sie kam zwei Wochen nach mir ins Kloster, wo wir erst einmal unser Postulat absolvieren mussten. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können: Sie, die hochbegabte Musikerin aus gut katholischer Familie mit nackenlangem dunklen Haar, und ich, die langhaarige Blondine, eine Konvertitin aus atheistischem Elternhaus mit meinem Bachelor in katholischer Theologie. Und doch hatten wir uns sofort gefunden. Vielleicht hatten wir beide gespürt, dass wir in der fremden Welt des Klosters nur gemeinsam bestehen konnten.

„Twinset“ hatten sie uns damals genannt, was wohl weniger unserer engen Freundschaft geschuldet war als dem Umstand, dass wir beide ein klassisches, schwarzes Twinset mit in die „Ehe“ brachten. Das edle Kaschmirteil wurde für uns nicht nur zum Ausdruck unserer Komplizenschaft, sondern auch heimliches Symbol unserer Weiblichkeit und Unabhängigkeit. Wie viel uns das tatsächlich bedeutet hat, war uns erst bewusst geworden, als wir nach einem Jahr beim Eintritt ins Noviziat unsere eigenen Kleider ablegen und das Ordensgewand übernehmen mussten… oder eben durften, zur grösseren Ehre Gottes.

Nun waren wir endgültig „Twins“ geworden und manch ältere Schwester musste erst lernen, uns zu unterscheiden, nachdem unsere Haare unter der Haube und dem weissen Schleier verschwunden waren. Und wir beide mussten uns nun definitiv der Frage stellen, was wir hier eigentlich wollten und welchen Preis wir bereit waren, Gott für seine Liebe zu zahlen.

Damals war ich absolut überzeugt, dass dies mein Weg sei und dass ER mich gerufen hat, ihm alles zu geben. Seit meinem 19. Geburtstag, an dem ich als Leiterin unserer Pfadfindergruppe in Taizé war, hatte sich mein Leben radikal verändert. Noch heute sehe ich mich dort am Boden sitzen, in der Versöhnungskirche, inmitten einer Heerschar junger Menschen. Ich war zwar dank meines Grossvaters reformiert getauft, hatte mit Glauben aber wenig am Hut. Entsprechend skeptisch und distanziert hatte ich das Treiben um mich herum beobachtet. Doch ganz allmählich hatte mich der meditative Gesang in seinen Bann gezogen. Und dann, wie aus dem Nichts, schien etwas in meiner Brust aufzubrechen. Umgeben von singenden Menschen und doch irgendwie allein sass ich da und liess dem scheinbar endlosen Strom meiner Tränen freien Lauf.

Eine Woche später hatte ich meinen Eltern eröffnet, dass ich nicht Jura studieren werde, um später wie geplant die Kanzlei meines Vaters zu übernehmen. Meine Mutter hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich stattdessen konvertiert bin und katholische Theologie studiert habe. Ich sei schuld am frühen Tod meines Vaters. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Ich liess mich davon aber nicht beeindrucken: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“, sagt Jesus in der Bibel und dieses Wort war für mich der Schlüssel zur Freiheit. Endlich, so glaubte ich, konnte ich mein Leben leben und aus dem Gefängnis familiärer Erwartungen und Fesseln ausbrechen.

Doch wie so oft, wenn man sich krampfhaft von Fesseln befreien möchte, legt man sich selber neue an. Schon als ich aus Taizé zurückgekommen war, hatte ich aufgehört, Cannabis zu rauchen und mit Männern im Bett nach der Erfüllung meiner Sehnsucht zu suchen. Ich wollte nur noch für Gott leben. Und da ich bald einmal feststellen musste, dass das Theologiestudium überhaupt nicht dem entsprach, was ich in meinem naiven Glaubenseifer suchte, landete ich schliesslich da, wo der Glaube am radikalsten gelebt wird: im Kloster. Die klare Tagesstruktur, die straffe Lebensordnung, das gemeinsame Gebet und das Wohlwollen der Schwestern faszinierten mich. Wochenlang fühlte ich mich frei und wie im siebten Himmel.

Das erste, was ganz allmählich diesen Himmel trübte, war unser Spiritual, ein gebrechlicher, fast 90jähriger Pater, der zwar eine Seele von Mensch war, aber offensichtlich seit Jahrzehnten kein theologisches Buch mehr gelesen hatte. Die tägliche Messe mit ihm frühmorgens in der kühlen Kirche wurde bald zur Qual für mich. Und ausgerechnet ihm hätte ich beichten sollen, wie sehr ich an seiner theologischen Magerkost zu leiden hatte. Ich schämte mich für meinen Mangel an Demut und meine Überheblichkeit. Und gleichzeitig ärgerte ich mich immer mehr über das Gefühl, von diesem alten Mann abhängig zu sein, der von manchen Schwestern auf geradezu peinliche Weise verehrt und verwöhnt wurde.

Darum war es ein wahres Geschenk, als ich den jungen, dynamischen Priester sah, der die Studienwoche für uns Novizinnen leitete. Ich genoss diese Tage weg vom Kloster, in einem tollen Bildungshaus am See mit Gefährtinnen und Gefährten aus anderen Orden. Die Vorträge waren gehaltvoll, unterhaltsam aber auch herausfordernd. Ich sog alles auf wie ein trockener Schwamm und klebte förmlich an den Lippen unseres charismatischen Referenten. Und plötzlich war sie wieder da, die Begeisterung für das geistliche Leben in Gemeinschaft mit anderen jungen Frauen und attraktiven Männern wie ihm.

Selten war ich so glücklich und erfüllt wie an diesem letzten Abend, als wir auf der Terrasse vor dem Haus bei Wein, Bier und angeregten Diskussionen den Abschluss der Woche feierten. Irgendwann nach Mitternacht waren alle gegangen. Nur ich und unser Priester sassen noch da. Mit der letzten Flasche Wein und zwei Gläsern waren wir schliesslich hinunter gegangen zum See. Es war kühl geworden und er hatte mir seine Strickjacke um die Schultern gelegt. Dann war die Flasche leer und ich hatte mich noch gefragt, wie ich es wohl zurück in mein Zimmer schaffen sollte, als ich plötzlich seinen Arm um meine Hüfte spürte. Ich wollte etwas sagen, aber seine Lippen verschlossen meinen Mund. Sein Atem roch nach Wein. Ich sehe einen weissen Schwan, der im Mondschein majestätisch über die Wasseroberfläche gleitet, während kühle Hände unter dem Ordensgewand nach meiner Haut tasten…

Ich weiss nicht, wie lange ich damals zitternd unter der heissen Dusche sass. Ich war wie betäubt und unfähig zu denken und zu fühlen. Mein Kopf und mein Körper schmerzten, als ich mich schliesslich frühmorgens aus dem Bett wälzte und noch einmal hinunter zum See ging. Sie war unübersehbar, die Stelle mit dem niedergedrückten Gras. Und daneben inmitten von blühenden Margeriten fand ich die leere Weinflasche, zwei Gläser… und mein Höschen.

Ich war als junge Frau wie ein Uhrwerk, wenn es um meine Periode ging. Doch damals kam sie einen Tag später. Nur einen Tag, doch dieser eine Tag war für mich wie ein Jahr in der Hölle. Die pure Verzweiflung hatte mich gepackt. Wie konnte das passieren? Was hatte ich getan? Wie konnte ich Gott so etwas antun? Ich fühlte mich schmutzig und unwürdig. Ja, ich hatte Sex gehabt mit vielen Jungs, bevor Gott in mein Leben kam. Aber ich hatte alles gebeichtet und Frieden gefunden. Doch diesmal half alles Beichten nichts. Unser guter Spiritual gab sich alle Mühe, mir Gottes Barmherzigkeit zu versichern, aber ich wurde das Gefühl von Ekel und Scham nicht mehr los. Und immer wieder hörte ich diese erregte Stimme an meinem Ohr: „Du hast es so gewollt. Du hast mich verführt. Es ist deine Schuld!“ Ich fühlte mich so Ohnmächtig und hasste mich gleichzeitig dafür.

Das war über 25 Jahre her, doch die Erinnerung daran überfiel mich mit aller Gewalt, als ich heute Nacht in der Kirche sass. Plötzlich war alles wieder da: der Schmerz, die Bilder, die Gefühle und die unzähligen Argumente, mit denen ich all die Jahre versucht habe, das Geschehene vor mir selber zu rechtfertigen. Ich weiss nicht, wie lange ich schluchzend und tränenüberströmt dasass, als ich plötzlich eine Hand an meiner Schultern spürte. Unwillkürlich zuckte ich zusammen und hörte, wie mein „bitte nicht!“ durch die dunkle Kirche hallte. Zitternd zog ich die Jacke um meine Schultern zusammen, während das Herz in meiner Brust pochte. Ich brauchte einen Moment, bis ich es wagte, die Augen zu öffnen. Erleichtert starrte ich in das Gesicht der jungen Nonne, die mich im Schein der Opferkerzen besorgt anschaute.

Sie sass schweigend neben mir, während ich mich langsam wieder entspannte. Und irgendwann begann ich zu reden, erst zögerlich, dann immer entschlossener, und obwohl ich kaum mehr als flüsterte, schien meine Stimme den Kirchenraum bis unter das Dach auszufüllen. Eine unglaubliche Stille umgab mich, als ich schliesslich verstummte. Der Geruch von Bohnerwachs und frischen Blumen raubte mir fast den Atem. Es war genau wie damals in der Nacht vor der Gelübdefeier, der Nacht, in der Gott geschwiegen hat. Auch diesmal schien ER zu schweigen.

Doch dann kam mir aus der Dunkelheit des Raumes plötzlich ein Wort entgegen. Ich kannte dieses Wort. Es ist in aller Leute Mund. Und doch war es für mich immer ein fremdes Wort. Ein Wort, das mit meinem Leben nichts zu tun hatte… nichts zu tun haben durfte.

Ich brauchte einen Moment um zu realisieren, woher das Wort gekommen war, und als ich den Kopf drehte schaute ich direkt in die funkelnden Augen der jungen Schwester, die mich eindringlich ansah:

„Das war Missbrauch. Du wurdest vergewaltigt!“

*******

Sonntag, 22 Uhr

Ehrwürdige Frau Mutter, meine liebste Twin

Nein, meine Anrede ist für einmal nicht ironisch gemeint. Herzlichen Glückwunsch zu Deiner silbernen Profess! Was für eine wunderbare Feier! Und was für eine Überraschung für uns alle: Die Passacaglia zum Abschluss des Gottesdienstes, gespielt von der Jubilarin selber! Du warst einfach umwerfend. So habe ich Dich noch nie erlebt. So authentisch und verletzlich, und doch gleichzeitig so selbstbewusst und stark, eine „ehrwürdige Frau Mutter“ im wahrsten Sinne des Wortes. Deine Mitschwestern können stolz sein auf ihre Priorin.

Entschuldige bitte, dass ich direkt nach der Feier einfach so verschwunden bin. Du musst Dir keine Sorgen machen. Es war nicht wie damals vor 25 Jahren, als ich noch vor dem Morgengrauen meine Koffer gepackt hatte und einfach abgehauen bin. Ganz im Gegenteil, erstaunlicherweise geht es mir sehr gut, besser denn je. Ich war am Ende des Gottesdienstes von einer so tiefen Dankbarkeit erfüllt, dass ich mich einfach nach meiner Familie sehnte.

Ein Brief ist nicht der Ort, um alles zu erzählen, was ich Dir erzählen möchte und bei nächster Gelegenheit auch erzählen werde. Manches muss ich auch erst noch für mich selber klären. Darum hier nur so viel:

Du weisst, wie schwer es mir auch nach all den Jahren noch gefallen ist, an diesen Ort zurückzukommen. Und als Du mich gestern Abend in Deiner Klosterzelle mit dem alten, schwarzen Twinset überrascht hast, wurde mir fast schwindlig vor Schmerz. Weisst Du eigentlich, wie gut Du immer noch aussiehst darin? Es steht Dir fast noch besser, seit Deine Haare grau sind.

Wie oft waren wir damals nachts nach der Komplet noch zusammengesessen, heimlich in Deiner Zelle, bei Kerzenlicht und einer Flasche Whisky. Es war unser kleiner, regressiver Akt der Freiheit, das Ordensgewand mit dem Twinset zu tauschen und uns einen Moment lang wie erwachsene Frauen zu fühlen. Es erstaunt mich bis heute, dass uns die Priorin damals nicht bei der Novizenmeisterin verpfiffen hat, als sie uns schliesslich bei unserer nächtlichen Eskapade ertappte. Das war kurz vor unserer Studienwoche und von da an begann sich alles zu ändern.

Die nächtlichen Momente des vertrauten Austausches waren uns genommen. Doch mir kam das damals sehr entgegen. Es war etwas passiert, über das ich mit Dir weder reden konnte noch wollte. Plötzlich war ich mit allem überfordert. Wochenlang hatte ich darum gekämpft, zu verstehen und Ordnung ins Chaos meiner Gedanken und Gefühle zu bringen. Und dabei zusehen zu müssen, wie Du neben mir scheinbar mühelos Deinen Weg gehst, hatte mich zunehmend überfordert und von Dir entfremdet.

Schliesslich hatte sich mein Verstand in die Überzeugung geflüchtet, dass alles ein einziger Fehler war. Es konnte unmöglich Gottes Wille sein, dass ich mein Frausein verleugne und mein ganzes Leben als Nonne verbringe, eingeschlossen hinter Klostermauern, und bis zum Lebensende abhängig von den Entscheidungen irgendwelcher Männer. Mein Austritt aus dem Kloster hatte sich vernünftig und selbstbestimmt angefühlt und viele hatten mir dafür gratuliert. Und letztlich war es nur ein weiterer, logischer Schritt in meiner Emanzipation, dass ich auch der katholischen Kirche wieder den Rücken kehrte und stattdessen meinen Master in reformierter Theologie machte.

Das Leben schien mir dabei Recht zu geben. Ich liebe meine Arbeit als Pfarrerin. Ich habe einen wunderbaren Mann geheiratet und unsere beiden Kinder machen uns viel Freude. Vor kurzem ist mein zweites Buch erschienen und ja, ich bin stolz auf meinen Ruf als angesagte, emanzipierte Theologin, Predigerin und Referentin. Ich hatte mir und der Welt bewiesen, dass ich als Frau zu mehr fähig bin als zum demütig schweigsamen Dienst in einer Männerkirche.  

Doch als ich Dir gegenübersass, wusste ich, dass das alles nur ein Teil meiner Wahrheit ist. Meine Flucht aus dem Kloster und der Kirche hat mir zwar ein schönes und erfolgreiches Leben beschert, doch es war eine Flucht. Und das, wovor ich geflüchtet bin, hat mich nie losgelassen. Es ist tief eingeschrieben in meine Seele und in meinen Körper. Das wurde mir mit aller Gewalt bewusst, als ich nachts in der Kirche sass. Plötzlich waren sie wieder da, die Ohnmacht, die Verzweiflung und der Schmerz, genau wie damals in der Nacht vor den Gelübden. Doch diesmal war es anders. Diesmal war Gott da. Plötzlich sass er neben mir in Gestalt eines Engels, der jungen Schwester, von der Du mir so begeistert erzählt hast. Sie hat mir einfach zugehört, bis ich nichts mehr zu sagen hatte. Und dann hat sie mir den Schlüssel gegeben: einen kurzen Satz, der trotz seiner nackten Brutalität von einem Moment auf den anderen meinem ganzen Chaos Sinn und Ordnung verliehen hat.

Es ist wie bei einem Puzzle, bei dem sich plötzlich wie von selber alle Teile zusammenfügen. Und dabei wirst du dir bewusst, dass du eigentlich die ganze Zeit versucht hast, genau das zu verhindern. Du ahnst, wie die Wahrheit aussieht, eigentlich weisst du es sogar, aber es darf einfach nicht sein. Lieber belügst du dich selber ein Leben lang und suchst nach der Rechtfertigung für deine Schuldgefühle in einer Theologie, die die unentrinnbare Schwachheit des durch Adam in Sünde gefallenen Menschen predigt. Was für ein bitterer und abstrakter Trost im Vergleich zur unendlichen Güte und Barmherzigkeit unseres alten Spirituals. Er war zwar theologisch etwas einfältig, aber er hat uns nie verurteilt sondern immer nur ermutigt und unterstützt.

Ich weiss nicht, wie ich Deiner lieben Mitschwester und Gott danken soll für das, was sie mir in dieser Nacht geschenkt haben. Zum ersten Mal seit über 25 Jahren fühle ich mich frei. Meine Wahrheit ist schmerzhaft und ich werde mich ihr stellen müssen. Aber ich fühle mich bereit und stark genug dazu. Ich habe eine Familie, die mir Kraft gibt, und einen wunderbaren Beruf, den ich trotz allem als meine Berufung erfahre. Und dennoch frage ich mich natürlich, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals den Mut und das Vertrauen gehabt hätte, mit Dir über alles zu reden. Ich bin überzeugt, auch Du hättest mir damals schon das Schlüsselwort gegeben. Aber hätte ich es auch hören können?

Wie auch immer, es ist, wie es ist, und so, wie es ist, ist es gut.

Grüsse bitte meinen Engel von mir! Ich war erst eifersüchtig auf sie. Heute bin ich eifersüchtig auf Dich. Ihr seid ein tolles Twinset! Deo gratias!

In betender Verbundenheit
Deine alte Twin

PS: Weisst Du, was aus dem Priester geworden ist, der uns im Noviziat die Studienwoche gegeben hat? Er hatte es bis zum Generalvikar geschafft, ehe er plötzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Ich habe gehört, er hätte irgendwo eine Tochter.

Warum sie? XVIII (die Priorin)

(aus dem Tagebuch einer Musikerin über ihre Beziehung zur Passacaglia von Bach)

Deo gratias! Sie ist zurückgekommen!

Ich hatte ehrlich gesagt nicht mehr daran geglaubt. Natürlich haben wir jeden Tag für sie gebetet. Und ich habe jeden Abend eine Kerze für sie angezündet. Aber in den 25 Jahren, seit ich nun im Kloster bin, ist noch keine zurückgekommen, die sich hat exklaustrieren lassen.

Entsprechend schwierig waren für mich die vergangenen Wochen. Ja, ich hatte grosse Hoffnungen in diese junge Frau gesetzt. Vielleicht zu viele Hoffnungen. Ihre Präsenz hatte mir gut getan. Wenn sie wüsste, wie sehr sie mir mit ihrer positiven Ausstrahlung und ihrem hoffnungsvollen Glauben durch so manche persönliche Krise geholfen hat.

Doch dann, vor etwa einem Jahr, hatte bei ihr die Krise begonnen. Sie hat mir vertraut und mich von Anfang an eingeweiht: Ins Auftauchen ihres leiblichen Vaters, in die Erkenntnis, dass ihre beste Freundin tatsächlich ihre Halbschwester ist, und vor allem in die traumatische Erfahrung ihrer Vergewaltigung als junge Frau.

Ich hatte getan, was ich konnte, um sie zu unterstützen. Aber ich musste ohnmächtig mitansehen, wie sie immer tiefer in die Verzweiflung rutschte. Schliesslich hatte ich ihr einen Therapeuten empfohlen, einen erfahrenen Priester und Ordensmann. Aber sie hat nicht auf mich gehört und ist stattdessen zu dieser Traumaspezialistin gegangen, die keine Gelegenheit auslässt um zu betonen, was sie von uns Nonnen hält.

Immer und immer wieder habe ich im Gebet um das Vertrauen gerungen. Und dabei musste ich mitansehen, wie es meinem Sorgenkind von Tag zu Tag schlechter ging. Mein Gott, ich hätte ihr nie erlauben dürfen, zu diesem Prozess zu fahren. Nie werde ich den Anblick vergessen, als ich sie nach ihrer Rückkehr weinend in ihrem Bett fand, und daneben im Waschbecken ihre Haare. Ich hatte versucht, mit ihr zu reden und sie zu trösten, aber sie hatte mich aus der Zelle geworfen.

Das hatte wehgetan. Doch der damalige Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, was ich empfunden habe, als sie vor ein paar Wochen bei mir im Büro aufgetaucht war, um mich zu bitten, das Kloster verlassen zu dürfen. Das sind die Momente, wo all unser Bemühen um Glauben, Vertrauen und Loslassen an seine irdischen Grenzen stösst.

Am gleichen Tag, mitten in meine Niedergeschlagenheit hinein, erhielt ich den Anruf aus meiner Heimatstadt. Ich wurde angefragt für ein Orgelkonzert im Rahmen einer kleinen Reihe anlässlich des 80. Geburtstags meines ehemaligen Orgellehrers. Seit Jahren schon hatte ich keine grösseren Konzerte mehr gegeben. Wie sind sie also ausgerechnet auf mich gekommen? Die Frage löste sich auf, als ich erfuhr, was man mir zu spielen vorschlug: Die Passacaglia und Fuge in c-moll von Bach.

Nur einer wusste, was dieses Werk für mich bedeutet… und warum ich es noch nie gespielt habe.

Natürlich hatte ich spontan abgesagt. Meine Aufgaben als Priorin des Klosters würden es mir nicht mehr erlauben, auswärtige Verpflichtungen einzugehen. Doch noch in derselben Nacht, als ich nicht schlafen konnte, hatte ich meine alten Orgelnoten hervorgekramt. Und drei Tage später hatte ich nachgefragt, ob die Einladung noch gelte.

Es ist der absolute Wahnsinn. Eine Verzweiflungstat? Wem will ich etwas beweisen? Und warum ausgerechnet jetzt? Ich weiss es nicht. Seit Wochen übe ich nun an diesem Meisterwerk. Technisch hatte ich es erstaunlich schnell im Griff. Aber emotional ist es eine Leidensgeschichte. Meine Gedanken drehen fast nur noch um dieses Konzert. Und dabei habe ich noch nicht einmal mit meinem geistlichen Begleiter darüber gesprochen.

Ob es mir gut gehe, hat unsere Rückkehrerin mich heute Morgen gefragt, als ich ihr half, das Gepäck in ihre Zelle zu bringen. Und der skeptische Ausdruck in ihrem Gesicht war Beweis genug, dass es nicht nur eine Höflichkeitsfrage war. Wie könnte es mir nicht gut gehen, jetzt, wo sie wieder da sei, antwortete ich, wobei ich mich über den schmerzlich vorwurfsvollen Unterton in meiner Stimme ärgerte. Wieso nur war ich so unfähig zu zeigen, wie sehr ich mich freute?

***

Es tat mir gut, sie neben mir zu wissen. Ich hatte sie gebeten, mich an das Konzert zu begleiten. Sie war eine gute Fahrerin und ich fühlte mich einfach wohl und sicher bei ihr im Auto. Das war genau das, was ich brauchte in diesem Moment: Sicherheit und Geborgenheit.

Ob ich mein Brustkreuz vergessen hätte, meinte sie heute Morgen in spontaner Sorge, als ich zu ihr in den Wagen stieg. Sie war es nicht gewohnt, ihre Priorin ohne Ordensgewand zu sehen, und musterte erstaunt mein schwarzes Twinset, das ich seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Es sei unter dem Pullover, log ich. Ich hatte nicht die Kraft, ihr und mir selber zu erklären, warum ich es zusammen mit meinem Ordensgewand in der Zelle gelassen habe. Mir war zwar schnell klar gewesen, dass ich dieses Konzert in Zivil geben würde. Ich wollte als Musikerin wahrgenommen werden und nicht als exotische Nonne. Aber das mit dem Kreuz war etwas anderes…

Was das für ein Stück sei, das ich da spiele, hat sie mich während der Fahrt gefragt. Sie habe mich gestern noch in der Kirche üben gehört.

Mein Gott, wie soll ich ihr erklären, was die Passacaglia ist? Ein Stück mit einem Bassthema und zwanzig Variationen, gefolgt von einer Fuge. Eines der absoluten Meisterwerke von Johann Sebastian Bach. Doch was sagt das einem Laien wie ihr? Und was sagt das schon von dem, was dieses Stück für mich bedeutet?

Ich muss schon im Mutterleib damit aufgewachsen sein. Mein Vater hatte es meiner Mutter vorgespielt, und seither hat es ihre Beziehung begleitet, wie das Bassthema der Passacaglia sich durch die Variationen zieht. Immer und immer wieder habe ich mir schon als Kind dieses Stück angehört. Es war für mich Ausdruck der perfekten Harmonie, einer Ordnung, die sich kreativ entfaltet und doch durch das Grundthema gehalten ist. Und genau so hatte ich meine Kindheit erlebt: Das unbeschwerte Zusammenleben mit meinen Eltern und meinen beiden kleinen Brüdern, die ersten Schuljahre, den Besuch der Gottesdienste am Sonntag und meine Erstkommunion in dem weissen Kleid und dem Blumenkranz auf dem Kopf.

Doch dann kam mein zwölfter Geburtstag. Wir hatten gefeiert wie jedes Jahr, mit Verwandten, Cousins und Cousinen. Es wurde gelacht, Musik gemacht, gespielt und unter den Älteren auch getrunken. Und dann war da plötzlich die Hand meines Onkels an meinem Busen. Na, ob mir das gefalle? Ich sei ja mächtig am Aufblühen. Nie werde ich diese Stimme an meinem Ohr vergessen, und den Alkohol in seinem Atem, als er mich am Hals küsste.

Meine Mutter wollte davon nichts wissen. Das sei sicher nicht so gemeint gewesen. Es sei ja auch ganz natürlich, dass ich im Moment diesbezüglich etwas empfindlicher sei. Mein Onkel hatte mich danach auch nie mehr angefasst und ich vermute, meine Mutter hatte dafür gesorgt. Doch das Gefühl des Ekels, der Ohnmacht und der Angst hatten sich tief in meine Seele eingeprägt. Die harmonische Ordnung der Passacaglia war zerbrochen.

Erst zwölf Jahre später war ich bereit, mich mit diesem Werk zu versöhnen. Ich hatte soeben das Konzertexamen meines Orgelstudiums mit Auszeichnung bestanden und feierte meinen Geburtstag mit meinen Freunden und meinem verehrten Lehrer und Professor. Ihm hatte ich alles zu verdanken. Er war wie ein Vater für mich und hat auch dann an mich geglaubt, als ich wegen einer Depression alles hinschmeissen wollte. Er hatte nie Fragen gestellt und immer akzeptiert, dass ich mich weigerte, die Passacaglia zu spielen. Und darum hatte ich sie ihm an diesem Abend in meiner kurzen Dankesrede als Abschiedsgeschenk versprochen. Ich sah damals auch keinen Grund, ihn nicht noch auf ein Glas Wein zu sich nach Hause zu begleiten. Es war schon nach Mitternacht und wir hatten beide etwas viel getrunken. Ich fühlte mich wohl bei ihm und war gerade im Begriff, seine Bibliothek zu betrachten, als er plötzlich hinter mir stand, die Jacke des Twinsets von meinen Schultern nahm und begann, unter dem Pullover nach meinem Busen zu tasten. Einen Moment lang war ich wie gelähmt, was ihn wohl annehmen liess, dass ich bereit sei für mehr. Er habe immer gewusst, dass ich irgendwann die Passacaglia für ihn spielen werde, hörte ich seine Stimme an meinem Ohr, während seine Rechte unter den Bund meines Rockes glitt.

Mehr war damals nicht geschehen. Ich hatte mich losgerissen, meine Tasche und meine Jacke gepackt, und war wortlos davongerannt. Tagelang hatte er versucht, mich telefonisch zu erreichen. Und schliesslich bekam ich einen Brief: Es täte ihm schrecklich leid. Sein Verhalten sei unverzeihlich gewesen und er schäme sich. Ich habe den Brief zerrissen… und die Passacaglia für immer begraben.

Doch wie sollte ich das alles meiner jungen Mitschwester erklären? Und vor allem, wie sollte ich ihr erklären, warum ich heute auf dem Weg bin, genau diese Passacaglia zu spielen? Wo ich es doch noch nicht einmal selber wirklich wusste.

Ich wusste es auch dann noch nicht, als ich am Nachmittag zum ersten Mal seit fast dreissig Jahren wieder an dieser Orgel sass, an der ich mein Prüfungskonzert absolviert hatte. Ich hatte meine Begleiterin gebeten, mich bis am Abend nach dem Konzert alleine zu lassen. Hier oben war noch alles wie damals, als ob die Zeit stillgestanden wäre: Der Blick hinunter ins geräumige Kirchenschiff und der Blick hinauf in die verspielte Üppigkeit des barocken Himmels, der mich umgab. In der Luft lag ein Hauch von kaltem Weihrauch und die Isolation der alten Kirchenfenster hat bis heute niemand an die Hand genommen. Unter mir hörte ich gelegentlich die Stimmen von Touristen, während ich hier oben auf der Empore ganz für mich alleine war. Auch das schwarze Twinset hatte mich damals schon begleitet. Ich hatte es mir mit meinem ersten Konzerthonorar gekauft. Und mein Lehrer liebte es, mich darin spielen zu sehen, vor allem, wenn ich mir die Jacke wegen des steten Luftzugs um die Schultern gelegt hatte.

Erst als ich schliesslich begann, die Register für die ersten Variationen der Passacaglia auszuwählen und dabei nach all den Jahren wieder die unglaubliche Kraft und Majestät dieser Orgel spürte, wusste ich plötzlich, warum ich hier war: Ich war gekommen, um mir meine Freiheit zurückzuholen. Niemand hatte das Recht, mir mein Leben wegzunehmen, meine Würde, mein Twinset und meine Passacaglia, nicht mein Onkel, nicht mein Lehrer, und auch nicht Gott.

***

Meine liebe Mitschwester hatte Tränen in den Augen, als sie nach dem Konzert zu mir auf die Empore kam. Fantastisch sei es gewesen, einfach wunderbar. Sie hätte noch nie so etwas Schönes gehört.

Auch mir kamen die Tränen, als sie mich spontan umarmte. Doch ich fühlte mich in diesem Moment einfach nur erschöpft und leer. Darum war ich dankbar, als sie kurzerhand meine Sachen zusammenpackte und dafür sorgte, dass ich hier wegkam.

Die Kirche war voll gewesen und die Leute waren begeistert. Vorne in der zweiten Reihe hatte ich meinen ehemaligen Lehrer erkannt. Er war als einer der ersten aufgestanden um zu applaudieren. Selbst aus der Distanz hatte ich die Tränen in seinen Augen gesehen. Er hat am Ausgang auf mich gewartet, als wir die Treppe von der Empore herunterkamen. Aber meine Begleiterin umging das Gedränge der Konzertbesucher und führte mich durch einen Seitenausgang ins Freie. Ich war froh, hatte sie mir die Entscheidung abgenommen. Ich fühlte mich nicht bereit, ihm zu begegnen. Nicht in diesem Moment.

„Ich sprach mir’s aus, als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte“, hörte ich sie wenig später verträumt vor sich her sagen, als wir auf einer Bank am Fluss sassen und die Lichter der nächtlichen Stadt betrachteten: „Etwa so wie sich’s in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben. So bewegte sich’s auch in meinem Innern, und es war mir, als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen und weiter keine übrigen Sinne besäße noch brauchte.“

„Goethe“, meinte sie schmunzelnd, als sie meinen fragenden Blick sah. Wer könnte besser beschreiben, was die Musik von Bach in der Seele bewirken kann? Sie habe mir den ganzen Nachmittag beim Registrieren und Proben zugehört. Das habe ihr geholfen, das Stück ein wenig kennenzulernen. Doch was sie heute Abend erfahren durfte, hätte sie nicht im Traum für möglich gehalten.

Irgendwie musste sie beim Konzert spontan an uns denken, an uns beide, aber auch die ganze Gemeinschaft. Da sei dieses würdevolle Bassthema, das Fundament, das die Passacaglia durchträgt. Man könnte darin den Ewigen sehen, aber sie habe dabei vor allem an mich denken müssen. Seit sie zum ersten Mal in unser Kloster gekommen war, sei ich dagewesen: Treu, tragend, zusammenhaltend, das Fundament eben, auf dem sie und die anderen Schwestern den Raum finden für ihr eigenes Suchen und Fragen, aber auch für ihre Ideen und Kreativität. Zehn Variationen lang trage dieses Fundament, das dabei durchaus auch bereit sei, sich rhythmisch einmal den Bedürfnissen der anderen Stimmen anzupassen. Doch dann, bei der elften Variation, kommt plötzlich der Moment, wo das Fundament verstummt. Aber siehe da, sofort, ohne dass der laufende Melodiefluss unterbrochen wird, übernimmt die Sopranstimme das Grundthema. Gemeinsam tragen die Oberstimmen die Passacaglia durch die nächsten fünf Variationen, ja mehr noch, sie scheinen ihre Freiheit zu geniessen, spielerisch, leicht, doch ohne je das Fundament zu verraten. So wie ich das gespielt habe, hätte man meinen können, den Engeln beim Musizieren zuzuschauen. Und dann ist auch sie wieder da, die tragende Bassstimme, und begleitet das Ganze zu seinem feierlichen Höhepunkt. Doch was für eine Überraschung: Da fange es ja erst richtig an. Aus diesem Höhepunkt heraus entfaltet sich übergangslos die Fuge, dieses fantastische, fast tänzerische Zusammenspiel gleichberechtigter Stimmen in einem einzigen Lobgesang, als ob die ewige Harmonie sich mit sich selber unterhielte. Mein Gott, was für eine einzigartige Erfahrung! Und was für ein Meisterwerk! Und dabei sei der Mann damals gerade mal 22 gewesen.

Meine Begleiterin hatte sich so in ein leidenschaftliches Feuer geredet, dass ich nur noch staunend dasass. Ich müsse keine Angst haben, meinte sie schliesslich nach einem Moment des Schweigens, indem sie sich zum mir umdrehte und mich eindringlich ansah. Auch ich dürfe mal Pause machen, meine Verantwortung ablegen und das Brustkreuz zuhause lassen. Sie habe zwar keine Ahnung, was mit mir los sei und was mich gerade derart bedrückt, aber sie sei wieder da und werde mich nicht mehr alleine lassen, und die anderen auch nicht.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und ergriff einfach nur ihre Hand. Ich hatte keine Angst. Nicht mehr. Sie hat auf ihre Weise das ausgedrückt, was ich beim Spielen gespürt habe: Friede und Trost, ein Gefühl der Freiheit und der Freude, und eine wachsende Lebendigkeit, die sich spätestens dann auch noch ihrer letzten Fesseln entledigt hat, als ich begonnen habe, die Fuge zu spielen.

***

Nein, ich hatte die Passacaglia nicht für ihn gespielt.

Aber ich habe es nicht über mich gebracht, ihm das zu sagen. Seine Freude war so ehrlich und berührend, als er mich heute Morgen vor der Abreise noch im Hotel aufsuchte. Er sei einfach unendlich dankbar, dass ich seiner Einladung gefolgt sei. Er habe damals einen unverzeihlichen Fehler begangen. Er sei überzeugt gewesen, dass ich… aber seine Liebe habe ihn blind gemacht.

Wie hätte ich ihm sagen können, dass er vielleicht gar nicht so blind gewesen war? Mein Gott, was wäre aus uns geworden, wenn er es einfach etwas sanfter angegangen wäre. Ich glaube, er hätte damals alles von mir haben können, wenn er nur gefragt hätte. Aber vielleicht war es gut so. Er hätte mein Vater sein können. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Warum ich eigentlich Nonne geworden sei, fragte mich meine junge Mitschwester, als wir wenig später im Auto auf dem Weg nach Hause waren. Ja, warum eigentlich? War es am Ende gar eine Flucht: Die Flucht vor ihm, vor der Passacaglia, vor dem Leben und vor mir selber? Nein, ich bin überzeugt, dass da mehr war. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätten mich die Schwestern auch gar nicht aufgenommen. Vielleicht ist der Moment gekommen, mir diese Frage neu zu beantworten, zwei Wochen vor meinem Professjubiläum.

„Frag mich ein ander Mal!“ hörte ich mich sagen, während ich erschöpft die Augen schloss und mich in die Jacke meines Twinsets kuschelte. Ich hatte gerade überhaupt keine Ahnung, warum ich hier bin. Und ich hatte weder Lust noch Kraft, mir diese Frage zu stellen. Ich war einfach nur glücklich und fühlte, dass es gut und richtig ist, hier zu sein, in diesem Moment, auf dem Weg mit meiner jungen Weggefährtin.

Woher sie eigentlich wisse, dass ich mein Kreuz nicht dabeihabe, fragte ich sie, als wir schliesslich in die Einfahrt zu unserem Kloster einbogen. Und nie werde ich diesen leisen Ausdruck von Sorge vergessen, der ihr Lächeln begleitete:

„Du bist eine schlechte Lügnerin, ehrwürdige Frau Mutter!“

Warum sie? XVII (der Schwager)

(Aus den Aufzeichnungen eines ehemaligen Polizisten)

Letzte Nacht haben wir zum ersten Mal miteinander geschlafen.

Es war wunderschön. Aber ich bin schon etwas erschrocken, als ich das Blut sah. Warum hatte sie mir nichts gesagt? Wie hätte ich wissen sollen, dass sie in ihrem Alter noch Jungfrau war.

Manchmal werde ich einfach nicht schlau aus ihr. Aber sie macht es mir auch nicht einfach. Ich habe immer gedacht, ich sei kompliziert. Doch sie schlägt mich um Längen. Dabei hatte ich sie gar nicht so in Erinnerung. Wir waren ein gutes Team, damals bei der Polizei: Offen, direkt, unkompliziert und vor allem eines: Professionell. Wir hatten uns gemocht, aber mehr nicht. Sie schien sich nicht für Männer zu interessieren und ich stand nicht auf ihren maskulinen Typ.

Doch seither hat sich einiges Verändert, bei mir, aber vor allem auch bei ihr. Seit einem Jahr sind wir zusammen und vor ein paar Monaten hatte sie einmal einen Anlauf genommen, über sich zu reden. Seither wusste ich, dass sie eine Halbschwester hat, die in irgendeinem Kloster Nonne ist. Und eigentlich gäbe es da noch einen Halbbruder. Der würde eine wichtige Rolle spielen in ihrem Leben, aber sie wisse nicht so recht, wie sie mir das erklären soll.

Dabei war es geblieben, bis plötzlich vor ein paar Wochen diese Schwester aus dem Kloster aufgetaucht war. Ich kam damals von einer Dienstreise zurück und wollte meiner Freundin einen Überraschungsbesuch abstatten, als ich unten beim Fahrstuhl dieser Frau begegnete. Sie trug einen schwarzen Daunenmantel und hatte die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Das kam mir seltsam vor, denn draussen war es frühlingshaft mild. Ihre Hände spielten nervös mit dem Kragen ihres Mantels, während wir auf das Kommen des Fahrstuhls warteten. Doch als sich die Tür öffnete und ich ihr den Vortritt lassen wollte, zögerte sie einen Moment, bevor sie mit einem unverständlichen Murmeln in Richtung Treppenhaus verschwand.

Ich bin es nicht gewohnt, dass Frauen vor mir davonrennen. Umso mehr freute ich mich, als meine Liebste oben bereits vor der Tür auf mich wartete. Doch ihre Reaktion war eher irritiert als erfreut. Sie brauchte einen Moment, um ihrem Glück Ausdruck zu verleihen, und ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass sie gar nicht auf mich gewartet hat. Fassungslos starrte ich auf die Gestalt, die plötzlich nach Atem ringend die Treppe hoch kam. Sie hatte ihren Mantel ausgezogen und machte einen ziemlich jämmerlichen Eindruck in ihrem unförmigen, langen Pullover und den alten Jeans.

Das war sie also, ihre Schwester. Sehr glücklich sah sie nicht aus, diese Nonne. Mit ihrem kahlgeschorenen Kopf hätte sie auch aus irgendeiner Sekte kommen können. Offenbar kam sie aber direkt von ihrer Therapeutin. Sie mache gerade eine schwierige Zeit durch, meinte meine Liebste, als sie mich überzeugte, dass ich im Moment besser wieder gehen sollte. Und am nächsten Tag erklärte sie mir, dass die Nonne bei ihr einziehen werde, vorübergehend, um etwas Distanz zu finden.   

Sie hat mir nie gesagt, was das Problem ihrer Schwester ist. Und ich habe auch nicht danach gefragt. Die Erinnerung an meine eigene Krise war noch zu frisch, als dass ich mich mit den Krisen anderer hätte beschäftigen wollen. Doch die Situation hatte auch ihr Gutes: Da ihr Gastzimmer belegt war, hatte Puma nun endlich auch eine Zahnbürste bei mir.

„Gut geschlafen? Ich liebe Dich, Deine Puma“ stand auf dem Zettel, den ich am Kühlschrank gefunden habe, nachdem sie zum ersten Mal bei mir übernachtet hatte. Irgendwie hatte ich diesen Namen aus meinem Bewusstsein verdrängt, so wie ich vieles aus unserer gemeinsamen Vergangenheit verdrängt hatte. Puma war damals ihr Funkrufname bei der Polizei. Und irgendwann hatten wir sie einfach nur noch Puma genannt. Das Tier passte zu ihr: Kraftvoll, athletisch, kämpferisch und gleichzeitig unaufdringlich in seiner nüchternen Schmucklosigkeit. Doch genau diese Eigenschaften machten sie zur perfekten Partnerin. Sie war verdammt gut, besser als manche meiner männlichen Kollegen.

Die Ärmste macht sich bis heute Vorwürfe, mich damals im Stich gelassen zu haben. Dabei war es allein meine Schuld. Ich hatte die Verantwortung. Wir hätten nie alleine in diese Villa eindringen dürfen. Doch ich war mir sicher gewesen, dass die Täter das Haus bereits verlassen hatten. Heute muss ich mich fragen, ob ich ebenso naiv gewesen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte, wem das Haus gehört. Und spätestens als ich die beliebte Schauspielerin im Wohnzimmer neben ihrem Gatten gefesselt und geknebelt am Boden liegen sah, war ich vollends blind für die Gefahr. Nie werde ich den Anblick dieser Frau vergessen, die mich flehend anstarrte und verzweifelt in ihren Knebel stöhnte, als ich mich über sie beugte. Erst als ich den Schrei meiner Partnerin in meinem Rücken hörte, begriff ich, was sie mir sagen wollte. Doch da fiel auch schon der Schuss.

Fast zwei Wochen lag ich im künstlichen Koma. Und als ich endlich wieder auf den Beinen war, habe ich meinen Dienst quittiert. Die Polizeipsychologin hatte sich zwar alle Mühe gegeben und mich sogar dazu gebracht, Tagebuch zu schreiben. Doch der Schock sass tief. Ich hatte jedes Vertrauen in mich verloren. Und vor allem, ich konnte mir selber nicht verzeihen. Nachdem ich mehrere Monate depressiv herumgehangen war und von meinem Ersparten gelebt hatte, hat mir ein ehemaliger Kollege schliesslich einen Job vermittelt. Seither arbeite ich als Chauffeur für einen namhaften CEO. Ich gehörte schon bei der Polizei zu den besten Fahrern und die gepanzerte Luxus-Limousine war einfach ein Traum. Und da mein Chef auf seine Kinder hörte und weitgehend auf das Fliegen verzichtete, durfte ich ihn und seine Familie durch halb Europa fahren. Dank diesem Job kam ich langsam wieder zum Leben zurück.

Dann kam der Tag, als mich meine alten Kollegen zu einer Gartenparty eingeladen haben. Ich hatte lange gezögert hinzugehen. Entsprechend nervös hatte ich mich nach ihr umgesehen und war fast etwas erleichtert, als ich sie unter den Gästen nicht entdecken konnte. Dafür wurde meine Aufmerksamkeit spontan angezogen von einer Frau mit schönen, schulterlangen Haaren, die sich draussen im Garten mit meinem ehemaligen Vorgesetzten unterhielt. Sie drehte mir den Rücken zu und hatte sich über einem geblümten Sommerkleid einen weissen Cardigan elegant um die Schultern gelegt. Ich hatte gehört, dass Puma unterdessen bei der Kriminalpolizei war und dass sie sich ziemlich verändert habe. Doch auf das war ich nicht gefasst. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, als sie sich umdrehte und zusah, wie ich fassungslos realisierte, wer da vor mir stand.

Ihre Schwester sieht ihr recht ähnlich. Als wir uns neulich zu dritt zu einem Kaffee trafen, glaubte ich einen Moment lang, die alte Puma vor mir zu sehen. Die kurzen Haare, die knabenhaften Gesichtszüge, das Tarnmuster T-Shirt und die Lederjacke waren mir nur zu gut bekannt. Nur passten diese Klamotten nicht so recht zur schmächtigen Gestalt der jungen Nonne. Hauptsache, sie fühle sich wohl, meinte meine Liebste schmunzelnd, als ich sie darauf ansprach. Ihre Schwester kämpfe gerade gegen sich und alle. Auch sie brauche eben mal eine punkige Phase.

Als wir uns drei Wochen später wieder trafen, war diese Phase offenbar vorbei. Die Haare der Nonne waren nachgewachsen und das martialische T-Shirt hatte dem ärmellosen, schwarzen Rollkragentop Platz gemacht, das ich an ihrer Schwester so mochte. Auch ihr Gesicht war wieder etwas aufgeblüht und ihre anfängliche Unsicherheit mir gegenüber war wie weggeblasen. Im Gegenteil, so wie sie die schwarze Lederjacke modisch elegant um die Schultern gelegt trug, hatte ich fast den Eindruck, als ob sie mit mir kokettieren wolle. Der skeptisch Blick, den meine Liebste mir dabei zuwarf, liess vermute, dass auch ihr diese Dynamik nicht entgangen war.

Ob sie schon Pläne habe, wie es nun weitergeht, hatte ich die Nonne schliesslich gefragt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass diese aufblühende Schönheit wieder hinter Klostermauern verschwinden sollte. Gleichzeitig spürte ich, dass es für uns nicht gut wäre, wenn sie noch lange hier herumhängen würde. Ich könne es wohl kaum erwarten, ihre Schwester wieder für mich alleine zu haben, antwortete sie sichtlich irritiert, und bevor ich etwas erwidern konnte, war sie aufgestanden und hatte ihren Kaffee und uns einfach stehen lassen. Ich wollte ihr noch hinterher, aber Puma hielt mich am Arm zurück. Sie schaffe das schon, meinte sie gelassen. Das Mädel wisse, dass ich Recht habe. Aber sie brauche einfach noch etwas Zeit.

Noch am selben Abend hat mich das „Mädel“ angerufen und sich für ihr Verhalten entschuldigt. Es täte ihr leid, dass sie derart in unser Leben eingedrungen sei. Sie sei uns wirklich dankbar für die Liebe und Geduld, mit der wir sie aufgenommen hätten. Und ich solle mir keine Sorgen machen. In zwei Wochen werde sie in ihr Kloster zurückkehren.

Ich weiss nicht, warum mich diese Worte derart aufgewühlt haben. Nachdem ich mich die längste Zeit im Bett hin und her gewälzt hatte, war ich aufgestanden und hatte begonnen, im Internet nach dem Kloster zu googeln. Und je mehr ich darüber fand, desto weniger konnte ich es begreifen: Was um alles in der Welt will diese Frau dort? Puma hatte mir erzählt, dass sie Bankerin gewesen sei, und nicht einfach irgendeine Bankerin. Und sie war attraktiv, verdammt attraktiv sogar, wenn ich die Bilder sehe aus ihrem früheren Leben. Okay, sie hat etwas kleine Brüste, aber ihre natürliche Eleganz war einfach atemberaubend. Und ja, verdammt, sie war im wahrsten Sinne des Wortes im Begriff, mir den Atem zu rauben. Wenn ich ehrlich bin, hatte sie es gar nicht nötig zu kokettieren. Sie ist einfach so und ich habe offensichtlich ein Problem, damit klar zu kommen.

Entsprechend aufgeregt war ich, als wir uns gestern Abend bei unserem Lieblingspizzaiolo zu einem Abschiedsessen trafen. Ich kam wie üblich etwas zu spät und staunte nicht schlecht, neben den beiden Schwestern auch noch deren Vater zu treffen. Er hätte nicht oft Gelegenheit, seine beiden Töchter zum Essen einzuladen, meinte er grinsend, als er mir die Hand gab. Nicht minder erstaunt war ich über den Anblick unserer Nonne. Sie hatte ihre Haare wieder etwas kürzer geschnitten und trug den unförmigen, schwarzen Pullover, in dem ich sie bei der ersten Begegnung gesehen hatte. Über ihrer Brust hing ein braunes Holzkreuz und an ihrer linken Hand war ein goldener Ring, den ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ihre Erscheinung irritierte mich, doch noch verstörender waren diese klaren Augen, die mich ruhig musterten. Ich konnte ihrem Blick nicht standhalten und war dankbar um ihre Schwester, die mich aus dem peinlichen Moment befreite, indem sie mich zu sich zog und küsste. „Ich liebe dich“, hauchte sie mir ins Ohr, während ich erfreut registrierte, dass sie nicht nur das schwarze Rollkragentop trug, sondern über ihren Schultern auch den weissen Cardigan, der für mich zum Symbol der neuen Puma geworden war.

Die drei schienen sich bestens zu unterhalten, während ich erstaunlich appetitlos an meiner Quattro Stagioni herumkaute. Irgendwie fühlte ich mich völlig fehl am Platz, und daran konnte auch meine Liebste nichts ändern, die unter dem Tisch immer mal wieder sanft ihre Hand auf meinen Oberschenkel legte. Doch als unsere Teller abgeräumt waren, hielt ich es nicht länger aus: Warum sie eigentlich Nonne sei, brach es aus mir heraus. Was finde sie in diesem Kloster, was sie bei uns draussen nicht findet?

Eine gewisse Aggression in meiner Stimme war unüberhörbar. Und für einen Moment trat betretene Stille ein. Ich schämte mich plötzlich für meinen Ton und wagte nicht, meinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Umso befreiender war die ruhige Stimme, die unserem Schweigen ein Ende setzte: Gott habe ihr eine Liebeserklärung gemacht, vor langer Zeit einmal in einer Kirche. Sie sei noch ein kleines Mädchen gewesen. Seit diesem Tag sei ihr ganzes Leben eine einzige Suche nach der passenden Antwort.

Diese Worte klangen aus ihrem Mund so natürlich, unprätentiös und authentisch, dass man fast geneigt war zu vergessen, wie absurd sie eigentlich waren. Soll wirklich die mystische Liebesschwärmerei eines Mädchens ihr ganzes Leben bestimmen? Und was für ein Gott soll das sein, der so etwas von einem Kind verlangt. Wäre es nicht langsam Zeit, sich von solchen Wahnvorstellungen und Zwängen zu befreien und endlich erwachsen zu werden?

Gott habe nie etwas von ihr verlangt, hörte ich sie schliesslich sagen, als ob sie meine Gedanken erahnt hätte. Er habe sie damals einfach angeschaut, beim Namen gerufen und ihr gesagt, dass sie wichtig sei für ihn, und dass er sie liebe. Und auf die eine oder andere Weise habe er ihr das seither immer wieder gesagt. Zuletzt vor ein paar Tagen bei ihren Exerzitien, nachdem sie ihm nachts in der Kapelle einmal so richtig ihre Meinung gesagt und ihm ihre ganze Wut und ihren Frust an den Kopf geworfen habe. Sie wisse nicht, ob wir das nachvollziehen könnten, aber sie habe sich noch nie so frei und erwachsen gefühlt wie in diesem Moment.

Nie werde ich den Glanz in ihren Augen vergessen, als sie dies erzählte. Dabei sass sie aufrecht da und schaute uns der Reihe nach an. Es war, als ob sie über das Normalste der Welt reden würde, und dabei strahlte sie eine natürliche Schönheit aus, bei der selbst der schäbige Pullover an ihr elegant wirkte. Doch irgendwie weigerte sich etwas in mir, ihr das Ganze abzunehmen. Diese Liebesgeschichte sei ja schon schön und recht, aber das sei doch noch lange kein Grunde, das eigene Leben wegzuwerfen und sich in ein Kloster zu verkriechen.

Der missbilligende Blick ihres Vaters und die Hand auf meinem Oberschenkel verrieten mir, dass ich etwas zu weite gegangen war. Aber die Nonne schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Sie sei froh, dass endlich jemand den Mut habe, ihr diese Fragen direkt ins Gesicht zu stellen. Viele würden insgeheim so denken wie ich, doch nur wenige würden sie damit konfrontieren, meinte sie, während ein trauriger Zug ihre Augen umspielte.

Sie habe jahrelang nach ihrer Form gesucht, auf die Liebeserklärung Gottes zu antworten. Und schon während ihres Studiums sei ihr klar geworden, dass dies nicht als Bankerin geschehen wird. Und auch die heimlichen Gefühle, die sie über Jahre zu einem ihrer Klassenkameraden hegte, sollten sich nicht als ihr Weg erweisen. Dann machte sie zum ersten Mal eine Auszeit in diesem Kloster und lernte dabei auch die Schwestern kennen. Vom ersten Moment an habe sie sich wohl gefühlt an diesem Ort und nach einer Woche wusste sie, wo ihr Platz sein würde. Warum ausgerechnet dort könne sie bis heute nicht sagen. Der Ort sei nicht besser und nicht schlechter als andere Orte. Und das Leben einer Nonne sei weder grundsätzlich besser noch gottgefälliger als jedes andere sinnvoll gestaltete Leben. Auch ihre Mitschwestern seien weiss Gott keine Heiligen, von ihr selber ganz zu schweigen. Doch für sie sei damals klar geworden: „Das ist der Ort, an dem ich Gott mit meinem Leben für seine Liebe danken möchte“.

Sie wisse nicht, was für mich eigentlich Leben bedeute, sagte sie schliesslich, indem sie mir direkt in die Augen schaute. Wenn ich tatsächlich meine, sie werfe ihr Leben weg, müssten wir uns wohl zuerst darüber einigen, was wir beide unter Leben verstehen. Denn ja, in gewissem Sinne werfe sie tatsächlich ihr Leben weg, weil sie im tiefsten Überzeugt ist, dass sie es gerade dadurch immer neu bekommt. Das sei alles eine Frage der Beziehung, der man sein Leben anvertraut: „Da, wo eine Beziehung mich wirklich lebendig macht, da ist mein Ort“.

Diese Worte klangen immer noch in meinem Ohr, als ich heute Morgen erschöpft aber überglücklich mit meiner wohlig schnurrenden Puma im Arm aufwachte. Lange ist es her, seit ich mich nicht mehr so glücklich und lebendig gefühlt hatte. Wie habe ich das bloss verdient? Okay, sie mag manchmal etwas kompliziert sein, nicht immer einfach zu verstehen und durchaus eigensinnig. Und eine Heilige ist sie weiss Gott auch nicht… wobei, bis heute Nacht ja irgendwie schon…

Was los sei, hörte ich sie verschlafen murmeln, als sie offenbar mein Lachen spürte. „Woran denkst du?“

„Ich habe mich gerade gefragt, wo eigentlich mein Ort sei“.

„Und?“

*******

Ich staunte nicht schlecht, als ich sie zum ersten Mal in ihrem schwarzen Ordensgewand sah. Und sie staunte nicht weniger, als sie die Luxus-Limousine sah, deren offene Tür sie zum Einsteigen einlud.

Ich war gekommen, um meine zukünftige Schwägerin zurück in ihr Kloster zu fahren. Mein Chef hatte mir dazu mit Vergnügen seinen Wagen überlassen, nachdem ich ihm erklärt hatte, worum es ging. Meine Befürchtung, es könnte ihr allenfalls peinlich sein, erwies sich schnell als unbegründet. Im Gegenteil, es machte ihr sichtlich Spass, vor den Augen einiger verblüffter Passanten in die edle Karosse zu steigen.

„Die meinen sicher, wir spielen hier eine Posse“, sagte sie lachend, als wir schliesslich davonfuhren. Dabei konnte ich diese Leute verstehen. Auch mir kam das Ganze irgendwie surreal vor. Diese elegante Nonne sass offensichtlich nicht zum ersten Mal in so einem Wagen. Neugierig musterte sie die Ausstattung und das digitale Display am Armaturenbrett. Ihr Stiefvater habe auch ein paar nette Wagen gehabt, meinte sie, aber das hier sei schon noch mal was anderes. Und wer hätte je gedacht, dass sie erst Nonne werden müsse, damit man ihretwegen mit einer gepanzerten Limousine anrücke.

Ihr schelmisches Lächeln verriet mir, dass ihr meine Verblüffung nicht entgangen war. Woher zum Teufel weiss die Frau, dass diese Kiste gepanzert ist? Soviel zum Thema „hinter Klostermauern verkrochen“, dachte ich mir. Langsam aber sicher begann sie mir etwas unheimlich zu werden.

„Danke für alles„, hörte ich sie schliesslich sagen, als wir in die Auffahrt zum Kloster einbogen. Meine Ehrlichkeit und meine Fragen hätten ihr gut getan. Sie wünsche mir einfach, dass ich nicht nur fähig sei zu fragen, sondern auch zuzuhören und zu vertrauen. Wie auch immer, sie sei so glücklich für ihre Schwester und dafür, einen Schwager wie mich an ihrer Seite zu wissen.

Auch ich musste plötzlich mit den Tränen kämpfen, als ich sah, mit welch ehrlicher Freude sie von ihrer Priorin und ein paar anderen Schwestern empfangen wurde. Wer hätte gedacht, dass ich einmal stolz auf eine Nonne sein würde. Mir ist nach wie vor unverständlich, was diese Frau antreibt und was sie hier hinter diesen Mauern sucht. Aber eines war mir in diesem Moment klar: Das war ihr Ort!

Ich solle auf ihre Schwester aufpassen, meinte sie strahlend, als sie mich zum Abschied fest umarmte. Und als ich schon im Begriff war, den Motor zu starten, klopfte sie noch einmal an die Scheibe: „Und frag sie doch bei Gelegenheit nach ihrem Halbbruder. Ich glaube, das würde sie freuen“.

Warum sie? XVI (die Therapeutin)

(aus dem Tagebuch einer überzeugten Atheistin)

Warum kommt sie zu mir? Ausgerechnet zu mir?

Sie weiss doch, was ich von all dem halte. Ich hatte es ihr doch direkt ins Gesicht gesagt, damals in der Cafeteria ihres Gästehauses. Ich hatte ihr gesagt, was ich von der katholischen Kirche halte, und vom Christentum, ja überhaupt von jeder Form von Religion. Und ich hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass ich nicht verstehe, wie eine intelligente, junge Frau wie sie ihr Leben einem solchen Aberglauben opfern konnte.

Ich war damals Referentin an einem Seminar über Traumatherapie. Der jungen Nonne in ihrem schrecklichen schwarzen Gewand war ich zum ersten Mal begegnet, als sie unsere Gruppe am Morgen im Namen der Klostergemeinschaft begrüsst hat. Mir war nicht bewusst gewesen, dass das Bildungshaus zu einem Kloster gehörte und dass es da sogar noch Schwestern gab. Aber meine Irritation hatte sich rasch gelegt, als ich spürte, wie professionell und diskret wir betreut wurden. Erst als ich nachts nicht schlafen konnte und in der Cafeteria noch an meinem Referat arbeitete, stand diese dunkle Gestalt plötzlich wieder vor mir. Sie hatte ihren Rundgang abgeschlossen und lud mich spontan zu einem Glas Wein ein.

Es hat mir im Nachhinein leidgetan, dass unser Gespräch derart aus dem Ruder gelaufen ist. Ich hatte gesehen, dass ich die junge Frau mit meiner Direktheit verletzt habe, aber ich war wie gefangen von meinen Gefühlen. Ihr Glas war kaum berührt, als sie sich schliesslich zurückgezogen hat. Ich wollte mich am nächsten Morgen bei ihr entschuldigen, doch man sagte mir, sie sei für ein paar Tage verreist.

Und heute, mehr als drei Monate später, ruft sie plötzlich an. Ob sie zu mir kommen dürfe? Sie brauche meine Hilfe. Was um alles in der Welt sucht sie ausgerechnet bei mir?

***

Ich hätte sie fast nicht erkannt, als sie heute zum ersten Mal vor meiner Tür stand. Ihre Wangen wirkten eingefallen und die dunklen Ringe unter ihren Augen zeugten von unruhigen Nächten. Trotz des frühlingshaften Wetters trug sie einen langen Daunenmantel, dessen Kapuze sie sich tief in die Stirn gezogen hatte, als ob sie sich verstecken wollte. Erst als ich ihr den Mantel abnahm, sah ich, dass sie ohne ihr Ordensgewand gekommen war. Fassungslos starrte ich auf ihren kahlgeschorenen Kopf, auf dem sich das Licht der Deckenlampe spiegelte.

Keine Angst, sie habe nicht Krebst, meinte sie entschuldigend, als ich uns wenig später etwas Baldriantee einschenkte. Offenbar war ihr meine Bestürzung nicht entgangen. Ich hatte einen Moment gebraucht, allein in der Küche, um meine Fassung wiederzufinden. Zu frisch sind sie immer noch, die Erinnerungen, zu lebendig der Schmerz. Zwei Monate ist es her, seit ich meine Mutter begraben habe. Und fast zwanzig Jahre, seit sie zum ersten Mal ihre Haare verloren hatte.

Ich brauchte eine Weile, um mich auf meine neue Klientin einstellen zu können. Einen Moment lang sassen wir beide nur schweigend da und starrten über unsere dampfenden Tassen hinweg ins Leere. Sie habe Angst, hörte ich sie schliesslich sagen, und dabei schaute sie mich forschend an, als ob sie meine Reaktion deuten wollte. Ihr Leben fühle sich gerade an, als sei es eine einzige Lüge. Sie wisse nicht mehr, was sie noch glauben soll.

Nach dem Tod ihrer Mutter habe sie erfahren, dass ihr Vater gar nicht ihr wirklicher Vater sei. Und vor ein paar Monaten sei es ihr zum ersten Mal passiert, dass sie sich bei einem Kurs in einen der Teilnehmer verliebt habe. Genau dieser Mann kam zwei Monate später zu ihr und behauptete, ihr biologischer Vater zu sein. Mehr noch, dessen Tochter, mit der sie neben einer Freundschaft auch ein kurzes, sexuelles Intermezzo verband, erwies sich als ihre Halbschwester. Das alleine hatte ihre Welt schon ordentlich durchgerüttelt. Doch dann wurde auch noch der Mann verhaftet, der sie vor Jahren bei einem Überfall brutal vergewaltigt hatte. Sie sei damals einige Zeit in der Klinik gewesen und hätte eigentlich gemeint, die Geschichte überwunden und verziehen zu haben. Doch plötzlich seien sie wieder dagewesen, die Alpträume, die schrecklichen Bauchschmerzen, die Ekzeme und die gelegentlichen Angstzustände. Sie habe es nicht wahrhaben wollen und mit ihrem Willen dagegen angekämpft, bis sie vor ein paar Tagen ihrem Peiniger im Gerichtssaal gegenübergestanden ist. An dem Tag habe sie zum ersten Mal geraucht und sich bis zur Besinnungslosigkeit besoffen. Und zurück in ihrer Klosterzelle habe sie sich die Haare vom Kopf geschoren.

Ich hatte mir schon viele Geschichten angehört, manche davon weit schrecklicher als diese. Doch heute war es anders. Ich ertappte mich dabei, wie ich förmlich an den Lippen dieser jungen Frau klebte. Sie wirkte so zart und zerbrechlich in ihrer abgewetzten Jeans und dem unförmigen, langen Wollpullover, unter dem sie ihre Weiblichkeit zu verbergen suchte. Was für ein Unterschied zu der aufrechten, selbstbewussten Nonne, die mir damals in ihrem imposanten Ordensgewand gegenübersass. Kaum zu glauben, dass es dieselbe Frau war. Und dass sie heute bei mir sass.

Ihr Vertrauen und ihre Offenheit haben mich unglaublich berührt. Ich musste unwillkürlich gegen die Tränen kämpfen, als sie mich fragte, ob ich ihr helfen würde. Ja, meine Liebe, das werde ich. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dich von deinen Lügen zu befreien und dich aus deinem Gefängnis herauszuholen.

Sie trug ihren Mantel über den Arm gelegt, als sie mir vom Gartentor noch einmal zuwinkte. Hinter der Gardine schaute ich ihr zu, bis sie am Ende der Strasse um die Ecke verschwunden war, so wie ich es früher immer bei meiner Tochter getan habe.

***

Heute haben wir die Behandlung mit EMDR begonnen. Ich hatte ihr erklärt, worum es dabei ging, und sie schien unterdessen alles gelesen zu haben, was es im Internet dazu gab. Auch die beiden Fragebogen, die ich ihr mitgegeben hatte, waren sorgfältig ausgefüllt. Eine ausgeprägte dissoziative Störung war nicht zu erkennen, aber das beschriebene Trauma war massiv. Da es jedoch ein einmaliges Ereignis war, bin ich zuversichtlich. Sie konnte es jedenfalls kaum erwarten, zu beginnen.

Als ich ihr zwei Stunden später in den Mantel half, wirkte sie erschöpft und mitgenommen. Ich habe ihr zur Sicherheit ein paar Tabletten mitgegeben. Sie könne mich jederzeit anrufen, falls sie Hilfe brauche. Sie nickte nur und zog sich die Kapuze über den Kopf. Diesmal hat sie am Gartentor nicht zurückgeschaut. Doch erst, als sie um die Ecke verschwunden war, spürte ich den Schmerz in mir. Irgendwann vor Jahren hatte auch meine Tochter begonnen, nicht mehr zurückzuschauen.

Seit der Scheidung lebt sie bei ihrem Vater. Und spätestens seit ihrem 18. Geburtstag will sie nichts mehr mit mir zu tun haben. All meine Versuche, mit ihr zu reden, endeten in einem Fiasko. Ich kann ja verstehen, dass sie mir die Schuld am Scheitern unserer Ehe gibt. Ja, ich habe die Trennung gewollt. Ich habe es einfach nicht mehr länger ausgehalten. Seit unserer Schulzeit waren wir ein Paar gewesen. Er war mein Fels, der mir Halt gab in all den Nöten meiner Jugend. Und genau so ist er bis heute geblieben: Treu, standhaft, zuverlässig, ein echter Fels eben. Doch ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen von früher. Ich brauche keinen Felsen mehr. Ich brauche einen Mann, der zuhören kann, der auch einmal weinen kann und der keine Angst hat, sich auch gelegentlich von mir in den Arm nehmen zu lassen. Einen Mann aber auch, der mich herausfordert, der mich immer wieder überrascht und der mir vor allem das Gefühl gibt, eine Frau zu sein.

Wie sehne ich mich danach, dass es schon morgen wäre. Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Eigentlich müsste er vor drei Stunden gelandet sein. Aber sein Handy ist immer noch ausgeschaltet. Er wollte nicht, dass ich ihn am Flughafen abhole. Es sei zu gefährlich wegen seiner Frau. Dafür treffen wir uns morgen in unserer kleinen Pension am See. Ich kann es kaum erwarten, ihn wieder im Arm zu halten, seine leidenschaftlichen Hände zu spüren und seinen Geruch.

Die drei Wochen kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Mir ist klar geworden, dass es so mit uns nicht weitergehen kann. Er muss sich nun endlich entscheiden: Sie oder ich.

***

Die Arbeit mit meiner jungen Nonne geht gut voran. Ich musste zweimal hinschauen, als sie heute in einem Tarnmuster-T-Shirt und einer schwarzen Lederjacke vor meiner Tür stand. Sie lächelte verlegen, als sie die Baseball-Mütze abnahm und ich die nachwachsenden Haare musterte. Die Klamotten hätte sie von ihrer Schwester. Sie sei meinem Rat gefolgt und habe das Kloster verlassen. Ihre Priorin hätte zwar gar keine Freude gehabt. Sie hätten sich aber schliesslich auf eine vorübergehende Exklaustrierung geeinigt. Ich habe zwar keine Ahnung, was das bedeutet. Doch ich bin stolz auf sie, dass sie diesen Schritt in Richtung Freiheit gewagt hat.

Wenn nur mein Liebster auch schon so weit wäre. Was hält ihn noch bei dieser Frau? Seine Tochter ist seit drei Jahren verheiratet und auch sein Sohn kürzlich ausgezogen. Ich kann einfach nicht verstehen, worauf er noch wartet. Ich müsse Geduld haben und ihm Vertrauen, hatte er gesagt, als ich ihn zur Rede stellte. Doch worauf soll ich noch warten? Wir wissen doch beide, dass wir zusammengehören. Warum müssen wir uns immer noch verstecken? Warum kann ich ihn nicht einfach begleiten auf seinen Reisen? Warum können wir nicht gemeinsam ins Theater gehen, ins Kino und in die Oper? Und warum kann es nicht immer so sein wie vor einer Woche am See?

Ich hatte mich so glücklich und frei gefühlt, als ob ich mich erst gerade gestern verliebt hätte. Natürlich war er erschöpft von seiner Reise. Aber einmal mehr war es mir schnell gelungen, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ich konnte förmlich spüren, wie er sich in meinen Armen entspannte. Und als wir uns fürs Abendessen wieder ankleideten, überraschte er mich mit einem Geschenk: Einem weissen Kaschmir-Cardigan. Ich hatte ihm erst neulich erzählt, dass ich schon lange von so einem edlen Teil träumte, es mir aber nie zu kaufen wagte. Mein Mann hatte nichts übrig für Strickjacken, und für luxuriöse Sonderwünsche fehlte uns das Geld. Umso mehr genoss ich den Moment, als mein Liebster mir vor dem Spiegel das edle Stück um die Schultern legte, das er extra aus London mitgebracht habe.

Ich hatte es seither jede freie Minute getragen, auch jetzt, wo ich bei brennendem Kamin mit einem Glas Wein am Tisch sitze und mein Tagebuch schreibe. Ach, wie schön wäre es, wenn Du jetzt bei mir sein könntest. Irgendwann wird es soweit sein. Doch im Moment freue ich mich einfach auf morgen. Mildes Frühlingswetter ist angesagt, Strickjackenwetter! Vielleicht können wir ja zum ersten Mal draussen…

Nein, verdammt, das darf doch einfach nicht wahr sein!

Sorry, ich kann morgen nicht. Dringende Dienstreise. Ich melde mich. Küsschen, M

Das kannst Du nicht mit mir machen! Hättest Du mich nicht wenigstens anrufen können? Ich bin doch kein Teenager, den man mit einer billigen sms abspeisen kann!

Es ist kurz nach Mitternacht. Seit drei Stunden versuche ich ihn vergeblich zu erreichen. Wenigstens scheinen die Tabletten langsam zu wirken. Was ist nur los mit mir?

***

Er hat mich die ganze Zeit belogen!!!

Ihr Mann werde sie nie verlassen, hat seine Frau mir erklärt. Er könne sie gar nicht verlassen. Er liebe sie noch immer, und selbst wenn es nicht so wäre, die Firma, die ihm so am Herzen liegt und in die er so viel Zeit und Energie investiert, gehöre ihr.

Ich hatte schon seit Tagen gespürt, dass etwas nicht stimmte. Und als ich diese Frau heute Nachmittag vor meiner Tür sah, wusste ich, dass sie es war. Wir waren uns noch nie begegnet und doch war es mir, als ob wir uns schon immer gekannt hätten. Irgendwie war sie seit Jahren Teil meines Lebens. Und ich Teil von ihrem. Sie habe es schon immer gewusst, erzählte sie mir, als ich ihr einen Tee einschenkte. Und er habe gewusst, dass sie es gewusst hat. Doch er habe das Spiel mit der heimlichen Geliebten weitergespielt, um sie nicht zu verletzen und um mich nicht zu verlieren. Er wusste genau, dass es mir um mehr ging als nur eine Affäre.

Sie sei mir nicht böse, vielleicht ein bisschen eifersüchtig, aber nicht böse. Ich hätte ihrem Mann das gegeben, was sie ihm nicht mehr geben konnte. Irgendwie hätten wir ja alle davon profitiert. Doch in letzter Zeit sei er plötzlich unruhig geworden. Sie habe sofort geahnt, dass ich ihn unter Druck setze: „Sie haben ihn vor die Entscheidung gestellt: Sie oder ich. Habe ich recht?“

Das Ganze war plötzlich zu viel für mich. Ich weiss nicht, wie lange ich hemmungslos schluchzend im Bad sass, bevor ich die Kraft hatte, wieder aufzustehen. Sie hatte auf mich gewartet, war aber im Begriff zu gehen. „Eine edle Jacke, die sie da haben“, hörte ich sie sagen, als sie mir zum Abschied die Hand gab. Ihr Mann habe ihr vor Jahren auch so eine geschenkt. Sie habe sie aber nie getragen. Erst vor ein paar Tagen, als sie in ihrem Schrank nach etwas suchte, sei ihr zufällig aufgefallen, dass sie nicht mehr da war.

Keine zehn Minuten später stand die Nonne vor der Tür. Ich wollte sie noch anrufen, um den Termin abzusagen, aber es war natürlich zu spät. Was muss ich auch für einen Eindruck auf sie gemacht haben, so aufgelöst und verheult, wie ich mich fühlte? Aber wenn es ihr aufgefallen war, so hat sie es mich nicht spüren lassen.

Die Sitzung verlief ganz gut. Die Methode scheint zu greifen. Die junge Frau wirkt schon viel ruhiger und entspannter, kein Vergleich zu den ersten Malen. Beim Abschied hat sie mir die Tabletten zurückgegeben und gleichzeitig angekündigt, dass sie erst in zwei Wochen wieder kommen möchte. Sie würde gerne ignatianische Exerzitien machen. Was ich davon halte?

Ich hatte keine Ahnung, was Exerzitien sind, aber was ich in der Schule über Jesuiten gehört hatte, liess mich nichts Gutes ahnen. Doch ich hatte in dem Moment einfach nicht mehr die Kraft, auch noch mit ihr zu kämpfen. Ich solle mir keine Sorgen machen, meinte sie, als sie meine Irritation spürte. „Sie machen einen wunderbaren Job. Alles andere dürfen sie uns überlassen“, hörte ich sie noch sagen, während ich verdutzt zusah, wie sie sich die Lederjacke um die Schultern legte und mit einem munteren Winken durch den Garten davoneilte.

Was hat sie bloss gemeint mit „uns“? Wem soll ich sie überlassen? Hat sie etwa einen Freund? Wen immer sie gemeint hat, ich beneide sie darum. Denn spätestens, als sie um die Ecke verschwunden war, wurde mir mit aller Gewalt bewusst, dass es für mich seit heute Nachmittag kein „uns“ mehr gibt.

Ich kann nicht schlafen und quäle mich seit Stunden mit meinen Gedanken und Gefühlen, als plötzlich mein Handy klingelt: Eine sms von meiner Nonne: „Ich bete für Sie!“

***

Seit Tagen habe ich mir den Kopf zerbrochen, was ich ihr ihr sagen werde. Immer und immer wieder habe ich die Konfrontation vor meinem inneren Auge durchgespielt, von wegen die Nummer sei nur für Notfälle, nicht für Privates. Sie dürfe von mir aus glauben, was sie wolle, aber wenn ich weiter mit ihr arbeiten soll, dann erwarte ich, dass sie Gott und ihren Aberglauben aus dem Spiel lasse. Wenn dieser Gott offensichtlich schon ihr nicht helfen könne, warum sollte er dann ausgerechnet mir helfen. Nein, ich brauche ihr Gebet nicht. Und auch sie würde besser daran tun, endlich erwachsen zu werden und sich selber zu helfen, als dauernd fremde Mächte anzurufen.

Doch als sie schliesslich vor meiner Tür stand, war ich einfach nur glücklich, sie wiederzusehen. Einen Moment lang war ich versucht, sie in den Arm zu nehmen. Sie sah fantastisch aus in ihrem ärmellosen, schwarzen Rollkragentop, der eleganten dunklen Hose und der Lederjacke, die sie um die Schultern drapiert trug. „Meine Schwester hat Stil“, meinte sie schmunzelnd, als sie meinen anerkennenden Blick sah.

Sie schien wie verwandelt und erzählte mir ausführlich von ihren Exerzitien: Von der wohltuenden Stille auf dem Land, von der regelmässigen Tagesstruktur, die ihr in ihrem chaotischen Zustand eine grosse Hilfe war, und von ihrem geistlichen Begleiter, einem Jesuiten, der wohl etwa so alt sei wie ich und den ich unbedingt einmal kennenlernen müsse. Vor allem aber erzählte sie von dieser einen Nacht, als ihr alles zu viel wurde. Zuerst habe sie eine riesige Angst empfunden. Doch dann sei plötzlich eine Wut aufgekommen, ein Hass auf alles und jeden, besonders aber auf sich selber, ihr Leben, ihre Lügen und ihre Arroganz, mir voreilig die Tabletten zurückzugeben. Sie habe schon das Handy in der Hand gehabt, um mich anzurufen, doch dann hätte es sie irgendwie in die Kapelle gezogen. Dort sei sie erst nur schluchzend und schmollend am Boden gesessen. Doch irgendwann habe sie zu reden begonnen, zuerst nur leise, dann immer lauter, bis sie schliesslich dem gekreuzigten Christus ihre ganze Wut ins Gesicht geschrien habe. Sie habe sich selber nicht mehr gekannt. Noch nie sei sie derart aus der Haut gefahren. Sie könne nicht sagen, wie lange das gedauert habe. Irgendwann sei sie einfach erschöpft vor dem Kreuz zusammengesunken. Und plötzlich sei da eine grosse Ruhe über sie gekommen, ein tiefer innerer Frieden. Und dann – ich dürfe nicht lachen, meinte sie verlegen – sei es ihr gewesen, als ob jemand eine weisse Jacke um ihre Schultern lege, in der Art wie ich gerade meine trage.

Ich wusste nicht, was ich von dieser Geschichte halten sollte. Das Ganze irritierte mich sehr, doch die junge Frau wirkte so stark und lebendig, als sie mir davon erzählte, so erwachsen auch und frei von jeder naiven Begeisterung und Schwärmerei.

„Dann werden Sie jetzt wohl die Therapie abbrechen“, hörte ich mich in meiner Unbeholfenheit sagen, als sie ihre Erzählung beendet hatte. Meine Reaktion schien sie zu überraschen und einen Moment lang schaute sie mich etwas erschrocken an: Nein, warum? Ich sei ihre Therapeutin, sie vertraue mir und sie werde so lange weitermachen, bis ich entscheide, dass es genug sei.

***

Heute war sie zum letzten Mal bei mir. Eigentlich sollte ich glücklich sein, und auch etwas stolz. Aus therapeutischer Sicht ist sie ein voller Erfolg. Vor einer Woche sei sie ins Kloster zurückgekehrt. Und heute stand sie in ihrem schwarzen Ordensgewand vor der Tür, mit Schleier und allem Drum und Dran. Sie könne mir gar nicht sagen, wie dankbar sie mir sei, meinte sie, als wir uns verabschiedeten. Und dann hat sie mich doch tatsächlich einfach so umarmt.

Ich musste gegen die Tränen kämpfen und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Von meinen Gefühlen überrumpelt nahm ich den weissen Cardigan von meinen Schultern und wollte ihn ihr als Geschenk mitgeben. Aber sie schüttelte nur lächelnd den Kopf. Sie sei keine Dominikanerin.

Ich muss ziemlich ratlos dagestanden sein, auf der Treppe vor meinem Haus, mit meiner Jacke in der Hand. So ratlos, dass ich um ein Haar verpasst hätte, zurückzuwinken, bevor sie um die Ecke bog. Noch nie hatte ich mich so verloren gefühlt, so unendlich allein und verlassen.

Daran wollte auch die Aussicht nichts ändern, in zwei Stunden meine neue Liebe zu treffen. Wir haben uns vor zwei Wochen bei einem Kurs kennengelernt. Er war auch Mönch gewesen und ganz erstaunt, dass ich wusste, was „exklaustriert“ bedeutet. Seine empathische Art hat mich spontan berührt. Er ist attraktiv, humorvoll und leidenschaftlich, und er mag die Weise, wie ich meinen weissen Cardigan trage. Es würde ihn an seine Mutter erinnern, die vor zwei Jahren wie meine Mutter an Krebst verstorben war.

Ich kann nicht sagen warum, aber als ich mich schliesslich zuhause vor dem Spiegel für mein Rendezvous bereitmachte, tauschte ich aus einem spontanen Gefühl heraus die Strickjacke mit einem Blazer. Und wenig später, in meinem Wagen vor seinem Haus, wurde mir bewusst, dass sich mein ganzes Leben gerade anfühlt, als sei es eine einzige Lüge.

Ich weiss nicht mehr, wo und wie lange ich in dieser Nacht herumgefahren bin. Irgendwann stand ich frierend an einem See und schaute zum x-ten Mal auf mein Smartphone. Was hätte ich in diesem Moment gegeben für eine Nachricht von ihr, und wenn es nur ein „Ich bete für Dich“ gewesen wäre.

Warum sie? XV (die Frau des Täters)

(aus dem Tagebuch einer verzweifelten Ehefrau und Mutter)

„Was ist, wenn ich mich die ganze Zeit belogen habe?“

Ihre Stimme klang kraftlos, als ob sie Angst hätte, die Frage auszusprechen. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie immer noch an ihrem ersten Drink war, hätte ich sie für betrunken gehalten.

Ich hatte sie nicht erkannt, als ich gegen 23 Uhr erschöpft und halb erfroren aus meinem regennassen Daunenmantel schlüpfte und die schummrige Bar unseres Hotels betrat. Sie sass alleine auf einem Hocker am Tresen. Die Geschäftsleute, die mit uns diese billige Absteige teilten, waren schon im Bett oder auf ihren Zimmern am Vorbereiten ihrer Termine. Nur die Dame vom Empfang schaute kurz herein um zu fragen, was ich trinken wolle.

Ich war in diesem Moment einfach nur froh, nicht alleine zu sein, und hatte mich neben sie an die Bar gesetzt. Wortlos nippten wir an unseren Gläsern, während die billige Kopie einer Bahnhofsuhr an der Wand vor sich hin tickte. Als ich mein zweites Glas leerte, war sie immer noch beim ersten. Vor ihr auf dem Tresen lag ein zwanzig Euro Schein: Das ganze Taschengeld, das man ihr auf die Reise mitgegeben hatte.

Es täte ihr Leid. Sie bete für mich und meine Familie, hatte ich sie plötzlich sagen gehört. Verdutzt starrte ich in die müden Augen dieser jungen Frau, die mich nachdenklich betrachtete. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpullover und eine etwas abgetragene graue Kaschmirjacke. Die kurz geschnittenen Haare verliehen ihrem schönen Gesicht einen knabenhaften Zug. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen, am Morgen, beim Betreten des Gerichtsgebäudes. Es war nur das Gesicht. Mehr war von der Person nicht zu sehen gewesen zwischen der weissen Haube des Ordensgewandes und unter der Kapuze des langen Daunenmantels.

Sie war im Gerichtssaal ein paar Reihen vor mir gesessen, aufrecht und irgendwie unglaublich erhaben in ihrem langen, schwarzen Gewand und dem Schleier, der ihr bis zu den Hüften reichte. Ich wusste, wer sie war, und dass sie es war, die mein Mann… Und unwillkürlich war die Wut in mir hochgekommen. Die Wut auf diese Frau, die meine Familie zerstört hatte. Ich schämte mich entsetzlich für meine Gefühle, doch das schien meinen Hass nur noch zu vergrössern. Und so war ich am Ende des Tages aus dem Saal geflüchtet, bevor ich ihr oder meinem Mann noch einmal in die Augen schauen musste.

Fast drei Stunden war ich bei Wind und Regen ziellos durch die nächtlichen Strassen gestapft, nachdem ich es alleine in meinem Hotelzimmer nicht mehr ausgehalten hatte. Keiner der wenigen Menschen, die mir bei diesem Wetter begegnet waren, hatte Anlass, sich über meine feuchten Wangen zu wundern, die unter der Kapuze meines dicken Daunenmantels im Licht der Strassenlaternen funkelten. Irgendwann war ich bei einer Kirche vorbeigekommen. Doch als ich eintreten wollte, stand wie aus dem nichts eine schwarze Gestalt vor mir. Starr vor Schreck erkannte ich das weisse Stück eines Klerikerkragens, während eine kalte Stimme mir erklärte, dass geschlossen wird. Ich solle morgen wieder kommen. Es fühlte sich an wie eine Ohrfeige, als die Tür vor meiner Nase ins Schloss fiel und von innen verriegelt wurde.

Ich weiss nicht, wie lange ich schluchzend auf der kalten Steintreppe sass, während immer mal wieder eine Windböe den Regen unter das schützende Vordach wehte. Ich weiss auch nicht mehr wirklich, wie es dazu gekommen war, dass ich begann, mit den behandschuhten Fäusten gegen die Kirchentür zu schlagen. Zuerst nur zögerlich und kraftlos, doch dann von Schlag zu Schlag heftiger, schneller und immer verzweifelter. Und irgendwann hatte in mir die Wut zu schreien begonnen: Die Wut auf meinen Mann, der meine Familie zerstört hat. Die Wut auf diese selbstgerechte Nonne, die auch noch behauptet, ihm alles verziehen zu haben. Und die Wut auf meine Mutter, die mich behandelt wie ein Kind und mir gleichzeitig Vorwürfe macht, meinen Ehemann im Stich zu lassen. Und irgendwann begann sogar das fahle Licht um mich herum zornig blau zu flackern.

Jemand musste die Polizei gerufen haben. Wie betäubt hatte ich die beiden dunklen Gestalten vor mir stehen sehen, während im Hintergrund das Blaulicht ihres Wagens die kahlen Bäume auf dem Kirchplatz gespenstisch aufleuchten liess. Wer ich sei und was ich hier tue, wollten sie wissen, und als ich nur eine zusammenhangslose Antwort zustande brachte, wollte mich der Beamte schon zum psychiatrischen Notfalldienst bringen. Doch seine Kollegin hatte ihn ruhig aber bestimmt zum Wagen zurückgeschickt und sich neben mich auf den Boden gesetzt. Sie war jung. Jedenfalls jünger, als ich mich gerade fühlte. Ihr Name erinnerte mich an eine Schulfreundin. Sie bot mir eine Zigarette an. Ich mochte ihre Marke nicht, aber das war in dem Moment so was von egal. Ich erzählte ihr, dass ich mein Kind verloren hatte, Fehlgeburt, vor einem Monat. Ich sei hier wegen dem Prozess meines Mannes. Nein, nicht weil ich ihn liebe. Ich musste einfach sehen, dass es wahr ist. Dass das alles nicht ein einziger Alpttaum ist. Ich musste einfach wissen, dass er wirklich… und dass es nicht meine Schuld ist.

Die Polizistin hatte mir schliesslich angeboten, mich nach Hause zu fahren. Und nachdem sie mir erklärt hatte, wo ich um diese Zeit noch Zigaretten bekommen könne und wie ich zurück zu meinem Hotel komme, hat sie mir ihre Karte gegeben. Ich solle sie anrufen, wenn ich mich verlaufe, hatte sie lächelnd gemeint, während sie mir wieder auf die Beine half.

Ich musste an sie denken, als die junge Frau neben mir von ihrem Barhocker glitt und zwischen den Tischen mit den hochgestellten Stühlen etwas verloren nach dem Weg zur Toilette suchte. Wo war ihre Würde und Erhabenheit geblieben, die mich den ganzen Tag so irritiert hatte? Und was hatte sie eben gemeint? Wobei sollte sie sich belogen haben? Sie wirkte so hilflos und zerbrechlich in ihrer grauen Strickjacke, der dunklen Wollstrumpfhose und den weissen Hotelschlappen, in denen sie zögernd umherschlurfte. Einen Moment lang war ich versucht, ihr zu helfen, nahm dann aber die Zigaretten aus meiner Manteltasche und ging hinaus in die Kälte der Nacht. Ich hatte seit meiner ersten Schwangerschaft nicht mehr geraucht und schon fast vergessen, wie beruhigend das Nikotin war für meine Nerven.

Ob ich ihr auch eine hätte? Ich war so vertieft in meine Gedanken, dass ich sie gar nicht bemerkt hatte. Ihre Augen funkelten mich neugierig an, als ich das Feuerzeug vor ihrem Gesicht aufflammen liess. Doch dann brauchte sie erst einen Moment, um sich vom ersten Zug zu erholen. Es sei ihre erste, meinte sie lächelnd, als sich ihr Husten beruhigt hatte. Schulter an Schulter standen wir da, in der dunklen Ecke neben dem Eingang, mehr schlecht als recht geschützt vor dem feuchten Wind, der durch die Strasse fegte. Fasziniert betrachtete ich ihr Profil, das sich gegen das Licht über der Tür abzeichnete, den goldenen Ring an ihrem Finger, der immer kurz aufblitzte, wenn sie die Zigarette zum Mund führte, und den feinen Rauch, den sie bei geschlossenen Augen durch ihre halb geöffneten Lippen in den Nachthimmel entweichen liess.

Sie habe sich den ganzen Tag gefragt, wie er so jemandem wie mich verdient habe, hörte ich sie schliesslich sagen, nachdem wir uns eine zweite Zigarette angezündet hatten. Sie bewundere mich. Wie ich das nur schaffe, da zu sein und zu ihm zu stehen, vor all diesen Leuten? Sie habe mich beobachtet, am Morgen während der Verhandlungspause. Sie habe meine Einsamkeit gespürt. Und doch hätte ich so ruhig, so würdevoll und über alles erhaben gewirkt in dem schwarzen Wollkleid, den eleganten Stiefeln und dem mächtigen, langen Daunenmantel über meinen Schultern. Und ja, sie habe mich gehasst dafür.

Unwillkürlich war sie etwas von mir weggerückt und hatte fröstelnd ihre Strickjacke vor der Brust zusammengezogen. Und nach einem letzten tiefen Zug hatte sie entschlossen den Zigarettenstummel weggeworfen. Sie habe sich die ganze Zeit etwas vorgemacht. Sie habe sich eingeredet, dass sie stark sei und das Trauma aus eigener Kraft überwunden habe. Darum wollte sie am Ende doch noch zu diesem Prozess kommen. Sie musste sich beweisen, dass ihr Wille den Hass besiegt hat, dass sie ihm verziehen habe und frei sei. Doch ihr ganzes frommes Gerede über Barmherzigkeit, Vergebung und Loslassen sei eine einzige Lüge gewesen. Plötzlich sei alles wieder dagewesene, heute Morgen im Gerichtssaal, als sie ihm zum ersten Mal seit damals gegenüberstand: Der Schmerz, der Ekel, die Ohnmacht und die Wut. Sie habe versucht sich einzureden, dass es normal sei, dass es vorbei gehen würde und dass ihr Gott schon die Kraft geben werde. Doch es war stärker als sie. Und als sie dann noch mich sah und die plötzliche Wucht ihres Hasses spürte, wusste sie…

Schmutziges Regenwasser spritzte von der Strasse zu uns herüber, als ein Taxi vor uns zum Halten kam. Schweigend schauten wir zu, wie ein Pärchen aus dem Wagen stieg und in sichtlich bester Laune an uns vorbei in die Lobby torkelte. Und so schnell wie es aufgetaucht war, so schnell war das Taxi wieder verschwunden, nachdem es ein zweites Mal Wasser über meine Stiefel befördert hatte. Ich musste an die offenen Schlappen meiner Begleiterin denken und plötzlich nahm ich wahr, wie ich selber vor Kälte zitterte. Mein Mantel lag in der Bar über einem Stuhl am Trocknen. Ich wollte sie gerade beim Arm nehmen und ins Haus führen, als sie sich plötzlich zu mir umdrehte: „Was ist, wenn ich mich von Anfang an getäuscht habe?“

Da war er wieder, dieser kraftlose Ausdruck in ihrer Stimme. Sie zitterte von Kopf bis Fuss und ihre Finger gruben sich krampfhaft in ihre Oberarme. Ihre Augen starrten mich verzweifelt an, während ihr die Tränen an den bebenden Lippen vorbei über die Wangen liefen. Sie wisse nicht mehr, was sie glauben dürfe. Vielleicht hätten sie ja doch recht gehabt, all jene, die immer gesagt haben, sie würde sich selber belügen. Sie sei ins Kloster geflohen… wegen damals.

Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Aber ich wusste, dass die Ärmste nicht länger hier draussen stehen durfte. Sanft aber bestimmt legte ich meinen Arm um sie und führte sie zurück in die Bar, wo ich uns gleich die ganze Flasche Grappa besorgte. Ich legte ihr meinen Mantel um die Schultern und half ihr, das Glas an die Lippen zu führen, das sie mit ihren zitternden Händen schon halb verschüttet hatte. Und ganz allmählich begann der Alkohol seine Wirkung zu entfalten.

„Bitte, lass mich nicht allein!“ hörte ich sie leise stammeln, als ich uns irgendwann den Rest der Flasche in die Gläser füllte. Ich weiss nicht mehr, wer von uns beiden die andere gestützt hat, als wir schliesslich zum Fahrstuhl wankten und nach oben fuhren. „Schau mich an! Sieht so eine Nonne aus?“ fragte sie verzweifelt, als wir uns im Spiegel an der Rückwand betrachteten. Sie könne nicht mehr beten. Sie habe es versucht, heute Abend, in einer Kirche. Aber sie habe es nicht ausgehalten, diese schweigende Leere. Es fühle sich alles so tot an in ihr…

*******

Mein Gott, sie hat sich umgebracht, schoss es mir durch den Kopf, als ich am Morgen aus einem Traum hochschreckte und die dunkle Gestalt vor mir hängen sah. Ich brauchte einen Moment um zu begreifen, dass es nur das schwarze Ordensgewand war, das an einem Bügel an der Schranktür hing. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie ich in ihr Zimmer gekommen war. Ich lag in meiner Strumpfhose und dem langen Wollkleid unter einer warmen Decke. Das Bett neben mir war gebraucht aber leer. Auf dem Nachttischchen lagen ein hölzernes Brustkreuz und der goldene Ring, den ich an ihrer Hand gesehen hatte. Erleichtert entdeckte ich schliesslich durch das Fenster eine dunkle Gestalt auf dem Balkon. Sie trug ihren schwarzen Daunenmantel und unter der Kapuze sah ich bläulichen Rauch emporsteigen.

Ihre müden Augen lächelten entschuldigend, als sie ins Zimmer trat und die Zigaretten und das Feuerzeug neben meine Handtasche legte. Halb betäubt schaute ich zu, wie sie den Reissverschluss ihres Mantels öffnete und diesen von ihren Armen auf den Boden gleiten liess. Sie trug nur die dunkle Wollstrumpfhose, die sie bis unter ihre kleinen Brüste hochgezogen hatte. Mein Kopf schmerzte entsetzlich und mein Magen fühlte sich elend an, während sie sichtlich verlegen wieder unter ihre Bettdecke schlüpfte und mir den Rücken zudrehte.

Mühsam wälzte ich mich unter meiner Decke hervor und wankte durch den Raum, wobei ich fast über meine Stiefel und die graue Strickjacke stolperte, die neben dem Bett auf dem Boden lagen. Und als ich die Tür zum Bad öffnete, kam mir der säuerliche Geruch von Erbrochenem entgegen. Doch als auch ich meinen Kopf in die Kloschüssel steckte, wollte nichts kommen. Stattdessen nahm ich den schwarzen Rollkragenpullover und den Büstenhalter, die ich in der Dusche fand, und reinigte sie mit etwas Seife von den Spuren ihres Unfalls.

Sie schaute mir etwas verschämt entgegen, als ich zurück ins Zimmer trat. Doch mehr als ein müdes Lächeln vermochte ich ihr nicht zu schenken. Meine Hände zitterten, als ich mir eine Zigarette aus der Packung klopfte und nach dem Feuerzeug griff. Und da ich meinen eigenen Mantel nirgendwo sehen konnte, hob ich ihren vom Boden auf und legte ihn mir um die Schultern.

„Wie heisst sie? Hast du ihr schon einen Namen gegeben?“ hörte ich sie plötzlich fragen, als ich die Balkontür öffnen wollte. Verdutzt drehte ich mich um und starrte sie verständnislos an. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. „Dein Mädchen. Du musst ihr einen Namen geben!“ Ihre Stimme klang klar und eindringlich. Und plötzlich spürte ich eine beklemmende Enge in meiner Brust. Die abgestandene Luft im Zimmer schien mir den Atem zu nehmen und es gelang mir gerade noch, die Balkontür aufzureissen, bevor es um mich schwarz zu werden drohte.

Mein Mädchen? Ich konnte mich nicht erinnern, ihr davon erzählt zu haben. Aber ich konnte mich an diesem Morgen an vieles nicht mehr erinnern. Die feuchtkühle Luft auf dem Balkon tat mir gut und allmählich entspannte sich meine Brust, während ich mich in den warmen Daunenmantel kuschelte und den Rauch der Zigarette durch meine Lippen strömen liess. Ja, es wäre ein Mädchen geworden. Das hatten sie mir im Krankenhaus gesagt. Aber was sollte mich das kümmern? Sie wurde nie geboren. Nicht einen Moment hatte ich seit der Fehlgeburt an das Kind gedacht, und schon gar nicht an „mein Mädchen“. Für mich gab es die ganze Zeit nur eines: Mein Versagen. Und das einzige, was mir half, einigermassen damit zu leben, war der Gedanke, dass es seine Schuld war. Meine Wut auf ihn bewahrte mich davor, in eine Depression zu fallen. Darum war ich auch hier. Nur darum. Ich musste sehen und hören, dass es wahr ist. Ich bildete mir ein, dass ich frei würde, wenn ich den definitiven Schuldspruch hören würde. Wie oft hatte ich mir in den langen, schlaflosen Nächten vorgestellt, was ich dann machen würde. Wie ich im Gerichtssaal aufstehen und vor ihn hintreten würde. Und wie ich ihm vor allen Leuten ins Gesicht sagen würde, dass unser Mädchen tot ist, und dass er sie umgebracht habe.

Genau das hatte ich dann ihr an den Kopf geworfen, gestern an der Bar, als mir klar wurde, wer sie war. Plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an diesen Moment, und mit ihr auch meine Scham. Ich war nicht darauf gefasst gewesen, sie dort zu treffen. Und so war es einfach aus mir herausgebrochen, als sie sich arglos nach meinem Jungen erkundigte. Ich war über mich selber erschrocken, aber noch mehr über ihre Reaktion: Die plötzliche Starre in ihrem Gesicht, die leichenhafte Blässe ihrer Wangen und den entsetzlichen Schmerz in ihren Augen. Einen Moment lang glaubte ich, den Gekreuzigten vor mir zu sehen, dieses schreckliche Gesicht in unserer Dorfkirche, vor dem ich mich als kleines Mädchen immer so gefürchtet hatte.

Ich hatte ihren Blick nicht ausgehalten und wäre am liebsten davongerannt. Aber wir waren beide sitzen geblieben, schweigend vor unseren Gläsern, begleitet vom Ticken der Uhr an der Wand. Ich hörte ihren Atem neben mir, der sich nur langsam beruhigen wollte. Verzweifelt hatte ich nach Worten gesucht. Ich wollte ihr alles erklären, mich entschuldigen, ihr sagen, dass es mir leid tut. Aber ich war wie gelähmt. Und irgendwann hatte ich den rechten Moment verpasst. Doch dann war sie plötzlich neben mir gestanden und hatte mich um eine Zigarette gebeten. Die erste ihres Lebens. Wieso war sie zurückgekommen? Und warum war sie bei mir geblieben, ausgerechnet bei mir, die ganze Nacht?

Sie schien friedlich zu schlafen, als ich nach drei weiteren Zigaretten zurück ins Zimmer trat. Ich liess die Balkontür offen, legte ihren Mantel über den Stuhl und schlüpfte leise aus meinem Wollkleid. Vorsichtig glitt ich zu ihr unter die Decke und schmiegte mich an ihren Rücken. Die Wärme ihres Körpers und die Ruhe ihres Atems schienen wie magisch auf mich überzugehen. Noch nie hatte ich den Geruch von verrauchten Haaren so genossen. „Danke“, hauchte ich in ihr Ohr. Doch ausser einem kurzen, unverständlichen Murmeln unterbrach nichts den gleichmässigen Rhythmus ihres Atems. Und irgendwann muss auch ich eingeschlafen sein.

*******

Sieben Jahre Haft. Wir hatten mit mehr gerechnet. Aber seinem Anwalt war es immerhin gelungen, die Anklage wegen Terrorismus abzuwenden.

Keine von uns war bei der Urteilsverkündung dabei. Selbst wenn wir die Kraft dazu gehabt hätten, wir hatten beide keinen Grund mehr, noch einmal hinzugehen. Ein Bekannter hatte mir eine sms geschickt, als wir am Bahnhof auf unsere Züge warteten. Ich zeigte ihr die Nachricht. Sie nickte nur. Schweigend standen wir auf dem ungedeckten Bahnsteig, eingepackt in unsere langen Mäntel, die Kapuzen tief in die Stirn gezogen.

Ob ich noch eine Zigarette hätte? Es war die letzte. Mit vereinten Kräften gelang es uns, sie trotz Wind und Nieselregen anzuzünden. Ihre Hände zitterten dabei. Ich gab ihr meine Lederhandschuhe. Abwechslungsweise nahmen wir einen tiefen Zug und schauten wortlos zu, wie der Rauch zwischen unseren Lippen in den grauen Himmel entwich. Unwillkürlich musste ich an meine beste Schulfreundin denken, wie wir damals in der Pause gemeinsam am gleichen Kaugummi gekaut hatten. Und plötzlich lächelte mein Gegenüber, als ob sie meine Gedanken erahnt hätte. Mein Gott, wie schön sie war, wenn sie lächelte!

In dem Moment war mir klar, wie unser Mädchen heissen wird. Der Gedanke erfüllte mich mit einer Freude, wie ich sie schon lange nicht mehr gekannt habe. Ich konnte es kaum erwarten, meinen Jungen wieder in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, und ihm von seiner kleinen Schwester zu erzählen. Gemeinsam würden wir einen Stein für sie bemahlen. So wird sie immer Teil von uns sein. Und wer weiss, vielleicht kann sie ja auch für uns beten. Für ihren Vater. Und für ihre Patin, der sie weit mehr als nur ihren Namen zu verdanken hat. Ich fürchte, die wird in nächster Zeit einen kleinen Schutzengel brauchen können.

Sie wirkte verlassen auf dem regennassen Bahnsteig, als sich mein Zug in Bewegung setzte. Der Wind hatte ihr die Kapuze vom Kopf gezogen und von ihren feuchten Haaren tropfte das Wasser über ihre Wangen. Sie winkte mir zum Abschied zu, doch ihr Blick schien bereits weit weg zu sein. Ihre Hände steckten immer noch in meinen Handschuhen. Aber ich meine, den goldenen Ring nicht an ihrem Finger gesehen zu haben, als wir die Zigarette anzündeten. Den Schleier hatte sie noch im Hotel irgendwo in ihren Rucksack gestopft.

Warum sie? XIV (der Vergewaltiger)

(Aus den Aufzeichnungen eines Untersuchungshäftlings)

Sie habe mir verziehen, schreibt sie.

Aber ich will das nicht! Ich will ihre gottverdammte Barmherzigkeit nicht.

Sie soll mich hassen, genauso wie ich mich selber hasse.

Ich hatte immer geahnt, dass sie eines Tages zurückkommen würde. Dass dieser Dämon meiner Vergangenheit mich eines Tages einholen würde. Und als ich vor ein paar Wochen von einem Spaziergang aus dem Wald zurückkam und die Polizei vor unserem Haus sah, wusste ich, dass der Moment gekommen war. Mir war klar, dass ich nicht mehr länger davonlaufen konnte. Nicht vor der Wahrheit, und nicht vor mir selber.

Seit Tagen schon hatte ich Alpträume gehabt und konnte kaum mehr schlafen. Ich hatte genügend Krimis gesehen um zu wissen, was es bedeutet, als an unserer Schule eine Reinigungskraft vergewaltigt wurde und auch wir Lehrer eine DNA-Probe abgeben mussten. Natürlich hatte ich gehofft, dass es von damals noch keine DNA-Proben gab. Doch gleichzeitig war da auch etwas in mir, dass sich sehnte nach dem Moment der Wahrheit. Zu sehr quälte mich der besorgt fragende Blick meiner Frau, wenn ich mich immer öfter wortlos ihrer tröstenden Umarmung verweigerte.

Doch wie sehr hätte ich mich nach einer letzten Umarmung gesehnt, als mich die SEK-Beamten vor ihren Augen abgeführt haben. Schwer bewaffnet, mit Sturmhauben über dem Kopf hatten sie mich im Vorgarten unserer Hauses überwältigt, auf den Boden gezwungen, nach Waffen durchsucht und dann mit Handschellen gefesselt. Erst als sie mich in den Wagen schoben, sah ich meine Frau zusammen mit einer Polizeibeamtin vor der Tür stehen. Nie werde ich ihren verzweifelten Blick vergessen und das Winken unseres kleinen Jungen auf ihrem Arm.

Natürlich war mir klar, dass ich ein Verbrechen begangen hatte. Doch irgendwie hatte ich mir immer versucht einzureden, dass wir jung waren, dass es nur ein dummer Jungenstreich war und dass ja niemand wirklich zu Schaden gekommen sei. Damit hatte ich all die Jahre versucht, meinen Ekel, meine Schuldgefühle und meine bodenlose Abscheu vor mir selber zu verbergen. Und irgendwie schien mir das auch zu gelingen. Das Leben ging weiter und mit der Zeit sah es tatsächlich so aus, als wäre für alle Beteiligten Gras über die Sache gewachsen.

Umso grösser war der Schock, als ich nun wie ein Schwerverbrecher abgeführt und in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht wurde. Alles war kalt hier, die Zelle, die Gänge, der Verhörraum und die Beamten, die mich stundenlang verhört hatten. Ich wusste nicht, was sie noch von mir wollten. Ich hatte doch alles gestanden. Doch dann war plötzlich diese Beamtin vom Nachrichtendienst da und hielt mir das Foto einer Frau unter die Nase. Ich hatte sie sofort erkannt: Diese dunklen Augen, die markanten Gesichtszüge und das gekrauste, schwarze Haar. Ich hatte sie an der Uni in einem Seminar kennengelernt. Sie und ihr Partner waren idealistische Träumer mit grossen Visionen aber ohne Geld. Ich gab ihnen den Tipp, wo sie welches finden könnten, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte diese Frau daraus Nägel mit Köpfen gemacht. Sie war es, die nachts in einem Wiener Hotel den Bankier überfallen hat, während wir zuhause seine Frau und Tochter als Geiseln hielten. Nach dem Coup waren beide spurlos verschwunden und von meinem Anteil an der Beute hatte ich nie etwas gesehen. Mir war schnell klar, dass sie mich reingelegt hatten. Und sie wussten, dass ich von allen am meisten Grund hatte, zu schweigen.

Die Frau sei vor drei Jahren im Gazastreifen beim Angriff einer Israelischen Sondereinheit auf eine palästinensische Terrorzelle getötet worden. Ihr Partner war schon vor fünf Jahren bei einem missglückten Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen. Der Nachrichtendienst habe von Anfang an hinter dem Überfall auf den Bankier einen terroristischen Hintergrund vermutet. Die Privatbank hatte den Ruf, auch durch jüdische Fluchtgelder gross geworden zu sein. Man habe damals schnell die Identität der beiden untergetauchten Studenten ermitteln können, deren Spur in den Nahen Osten führte. Nur die Identität des dritten Terroristen sei völlig im Dunkeln geblieben… bis heute, wie die Beamtin mit einem sichtlich zufriedenen Lächeln betonte.

Das Ganze ist ein einziger Alptraum. Ja, verdammt, ich hatte Scheisse gebaut! Aber ich bin doch kein Terrorist! Ich wusste nichts von revolutionären Zellen und der palästinensischen Sache. Und mir war es völlig egal, woher diese Bank ihr Geld hatte. Das Ganze war doch nur ein dummer Jugendstreich. Es ging doch nur um ein bisschen Geld und darum, dieser arroganten Familie einen Denkzettel zu verpassen. Wer konnte denn wissen, dass dieser verdammte Bankier wirklich bis zum Äussersten gehen würde. Mein Gott, ich hatte doch nicht vor, dieses Mädchen…

Ja, es stimmt, ich habe sie gehasst. Ich hasste sie seit dem Tag, als sie mir zum ersten Mal in der Schule über den Weg lief. Sie war gerade mal vierzehn, aber sie wirkte viel älter auf mich, was wohl auch an der Weise lag, wie sie ihre lange Strickjacke elegant um die Schultern gelegt trug.  Nie werde ich ihren Blick vergessen, als ich ihr damals in der Pause eine Zigarette anbieten wollte. Ich glaube, ich hätte alles ertragen: Ablehnung, Spott, ja selbst Verachtung. Aber nicht diese mitleidsvolle Freundlichkeit, mit der sie sich bedankte, bevor sie mich stehen liess, um sich wieder ihrem Wrack von einer Freundin zuzuwenden. Und das vor den Augen meiner Kameraden.

Ich war zwei Klassen über ihr und hätte damals jedes Mädchen haben können. Aber von diesem Moment an gab es für mich nur noch sie. Ich wollte sie haben. Und je unerreichbarer sie mir erschien, desto besessener war ich von ihr. Und dann lief sie uns eines Tages im Park direkt in die Arme. Unsere Clique hatte gekifft und getrunken und war auf einer Parkbank am Abhängen, als die Kleine mit dieser Studentennutte daher kam. Ich war einmal mit einem Kollegen bei der, aber sie hatte mich nicht mehr erkannt. Kein Wunder, so heruntergekommen und zerschlagen wie die aussah. Aber unser Bankierstöchterchen schien eine Vorliebe zu haben für so armseligen Existenzen. Die Kleine hatte sich doch tatsächlich schützend vor ihre Freundin gestellt und mir direkt in die Augen geschaut. Auch dann noch, als ich ihr eine Haarlocke vom Kopf schnitt. Ihr Blick zeigte weder Angst noch Herausforderung, sondern einfach nur mitleidige Trauer.

In der Oberstufe wurden bei uns dann Wetten abgeschlossen, wer als erster mit ihr ins Bett steigen würde. Im Vollrausch bei einer Party hatte ich schliesslich die Haarlocke hervorgezaubert und den Preis für mich beansprucht. Aber niemand hatte mir geglaubt. Die meisten hielten sie unterdessen ohnehin für lesbisch. Dann war plötzlich eine neue Herausforderung aufgetaucht: Unser Schulseelsorger, dieser junge Priester, dem es offensichtlich gelungen war, ihr Interesse zu wecken. Ich war mir sicher, dass zwischen den beiden etwas lief. Und eines Abends war ich dem Typen heimlich gefolgt. Daher wusste ich auch, dass das Gerücht falsch war, das kurz darauf die ganze Schule in Aufruhr versetzte. Aber mein Hass war stärker als die Versuchung, allen auf die Nase zu binden, mit wem unser frommer Geistlicher tatsächlich ins Bett ging.

Und dann kam diese verhängnisvolle Nacht. Es war ein Kinderspiel, sie und ihre Mutter zu überwältigen, als sie gegen Mitternacht aus der Oper nach Hause kamen. Doch dann schien die Zeit nicht vergehen zu wollen, während wir im Salon zusammen mit unseren Geiseln auf den Anruf aus Wien warteten. Als er schliesslich kam, hatte ich bereits einen Joint geraucht und mich zum dritten Mal an der Hausbar bedient. Doch dann wollte der Alte einfach nicht bezahlen. Wir hatten ihm per Video die Geiseln gezeigt und mit allem möglichen gedroht. Aber er zeigte sich auch dann noch nicht kooperativ, als mein Partner bei laufender Kamera die Tochter vor mir auf die Knie zwang und ihr das Klebeband vom Mund riss. Das kurze Aufblitzen von Zorn in ihren Augen werde ich nie vergessen, und auch nicht das kleine goldene Kreuz, das mir entgegenstrahlte, als ich ihre seidene Bluse zerriss.

Zurück zuhause hatte ich mir eine Stunde lang den Magen aus dem Leib gekotzt. Und egal wieviel Whisky ich in mich hineinschüttete, diese Augen, die ganz allmählich erloschen waren und nur noch leer durch mich hindurchstarrten, verschwanden nicht aus meinem Kopf. Ich war überzeugt, dass sie mich trotz der Maskierung erkannt hatte. Irgendwann am Morgen kam dann meine Mutter ins Zimmer, zerrte mich aus dem Bett, packte ein paar Sachen in eine Tasche, verfrachtete mich in ihren Wagen und fuhr mit mir in unser Ferienhaus in den Bergen. Sie nahm mir das Handy ab und verbot mir, das Haus zu verlassen, bis sie sich wieder melde. Meine Wange brannte von ihrer Ohrfeige, als ich wie betäubt hinter der Gardine zugesehen habe, wie sie mit entschlossenem Schritt zu ihrem Wagen eilte. Sie sah aus wie ein römischer Offizier mit ihren prächtigen, silbergrauen Haaren, den schwarzen Stiefeln und dem dunkelroten Strickmantel, der wie ein Umhang im Rhythmus ihrer Schritte um ihre aufrechten Schultern wehte. Und plötzlich wurde mir klar: Ich hasste sie!

Für meine Mutter war ich das Ein und Alles. Wegen mir hatte sie damals meinen Vater verlassen, wie sie immer wieder betonte. Ich sollte nicht so werden wie er: Ein ziellos daher lebender Künstler ohne jedes Verantwortungsgefühl, stets abhängig von den Launen seiner Inspiration und seiner ungehemmten Gefühle. Seine unbeschwerte Ungebundenheit, die sie so fasziniert hatte, als sie mit ihm ins Bett gestiegen war, wurde schnell zur Quelle existentieller Angst, als es plötzlich konkret wurde. Er muss bald nach der Trennung gestorben sein, möglicherweise von eigener Hand, wenn ich den Streit richtig deute, den ich als kleiner Junge einmal zufällig zwischen meiner Mutter und ihrem Vater mitgehört hatte.

Meine Mutter arbeitete als Sekretärin im Rektorat unserer Schule. Daneben war sie Präsidentin des Kirchenchors und Vizepräsidentin der Kirchenpflege. Eigentlich hätte sie als junge Frau gerne studiert, Betriebswirtschaft oder Gesang. Aber in ihrer Familie mussten die Mädels noch etwas Richtiges lernen. Sie hatte aus der Not eine Tugend gemacht, indem sie stets danach strebte, in allem, was sie tat, perfekt zu sein. Dabei hatte sie sich auch immer wieder Zeit genommen für mich. Sie nahm mich mit auf Reisen, führte mich ins Theater und in die Oper und war immer stolz, wenn sie ihren ach so begabten Sohn bei Freunden und Bekannten vorführen durfte.

Auch ich hatte es damals genossen, an ihrer Seite stehen zu dürfen. Ich war stolz auf meine Mutter und bis heute kenne ich keine Frau, die es mit ihr an Eleganz und Erhabenheit aufnehmen könnte. Sie war vielleicht etwas altmodisch und hasste jede Form von Extravaganz, aber ihr Stil passte zu ihr und sie wusste ihn zu veredeln. Das gleiche galt für ihre Erziehungsgrundsätze. Sie war mit mir genauso streng und konsequent, wie mit sich selber. Natürlich hatte ich spätestens mit der Pubertät begonnen, hinter ihrem Rücken mein eigenes Leben zu führen. Aber für sie blieb ich der brave Junge, bis zu dem Tag, als sie früher als erwartet direkt vom Flughafen mit versteinerter Miene in mein Zimmer gestürzt kam und meine Klassenkameradin an den Haaren aus meinem Bett zerrte.

Ich hätte sie wohl gehasst dafür, wenn ich meine Scham erst einmal überwunden gehabt hätte. Doch dann tauchte am nächsten Tag plötzlich wie aus dem Nichts diese junge Schülerin auf. Sie war nicht neu an der Schule. Ich musste ihr schon früher über den Weg gelaufen sein. Warum nur war sie mir vorher nie aufgefallen? Und wie konnte ich all die Jahre nur so blind sein? Musste ich wirklich ihre Augen zum Erlöschen bringen, um endlich die Fesseln meines Hasses zu sprengen?

Es war mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich diesen letzten Blick meiner Mutter sah, bevor sie damals vor unserem Ferienhaus in ihren Wagen stieg. Da war keine Spur mehr von ihrer Wut und Erregung, sondern nur noch dieser unerträgliche Ausdruck mitleidiger Trauer. Wo war das zornige Funkeln in ihren Augen geblieben, als sie mir noch kurz zuvor eine schallende Ohrfeige verpasst hatte? Mein Gott, wie lange hatte ich mich nach so einem Blick gesehnt: Einem Blick, der zwar weh tut, der aber endlich einmal wirklich mich meint, der mich wahrnimmt und mich ernst nimmt.

Nach diesem Blick hatte ich auch bei der Kleinen gesucht. Sie war so anders, als die anderen Mädchen. Ihr reifes Selbstbewusstsein und ihre natürliche Eleganz hatten mich gleichzeitig fasziniert und herausgefordert. Doch was ich von ihr bekam war freundliches aber bestimmtes Desinteresse. Und damit hatte sie mir ohne es zu ahnen genau das gegeben, was ich brauchte: Jemanden, den ich hassen konnte, wie ich meine Mutter nie zu hassen gewagt hätte.

Beide hatten mir am gleichen Tag einen kurzen Moment lang den Ausdruck ihres Zorn geschenkt, bevor ihre Augen durch meine Schuld für immer erloschen sind. Meine Mutter war damals bei der Rückfahrt mit überhöhter Geschwindigkeit von der Bergstrasse abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Ich sollte nie erfahren, warum sie mich an diesem Tag trotz wichtiger Termine ins Auto gepackt und in die Berge gefahren hat. Zwei Monate später war sie gestorben, ohne noch einmal aus dem Koma erwacht zu sein.

*******

„Ich bin schwanger, im dritten Monat. Wie konntest du uns das antun?“

Die Stimme meiner Frau klang wütend, als sie mir heute im Besuchsraum der Haftanstalt gegenübersass. Sie sah erschöpft aus, aber in ihren dunklen Augen war dieses leidenschaftliche Funkeln, in das ich mich vom ersten Moment an verliebt hatte. Sie hatte mir damals das Leben gerettet. Ohne sie hätte ich mich wohl zu Tode gesoffen. Sie hatte immer an mich geglaubt und mir geholfen, mein Studium abzuschliessen.

Ich sass da wie betäubt. Was hätte ich ihr sagen sollen? Dass es mir Leid tut? Dass ich mich freue? Ich habe mich die Worte sagen hören. Doch sie klangen hohl und leer in dem kahlen Raum. Meinte ich wirklich, was ich da sagte, oder waren es nur hilflose Floskeln auf der Suche nach Zuwendung und Trost? Denn das war es, was ich brauchte: Ihre warme Stimme, ihr Lächeln und ihren Humor, ihre Geduld und ihre Zuversicht, ihren Geruch und die Wärme ihres Körpers, ihre sanften Hände und ihre kräftigen Arme, die mich halten, wenn ich nachts schweissgebadet aus meinen Träumen erwache.

Sie werde eine Weile zu ihrer Mutter nach Italien fahren, hörte ich sie sagen, während eine Träne über ihre Wange lief. Sie brauche Zeit, und es sei auch besser für den Jungen. Sie wisse nicht, wann sie zurückkomme… ob sie zurückkomme. Sie liebe mich. Und sie werde versuchen, mir zu verzeihen. Aber sie könne mir nicht… Die Nachbarin werde sich erst einmal um das Haus kümmern.

Was hatte ich von ihr erwartet? Dass sie mir Treue schwört? Dass sie auf mich wartet und mich jede Woche im Gefängnis besucht? Doch würde ich das wirklich wollen? Wäre ich fähig, ihr immer wieder in die Augen zu schauen? Wo ich mir im Moment nicht einmal selber in die Augen schauen kann. Und was hätte ich dem Jungen sagen sollen?

„Tu uns einen Gefallen!“ hörte ich sie noch sagen, als sie sich an der Tür ein letztes Mal umdrehte. Und dabei lag ein seltsamer Ausdruck in ihren Augen. Es war keine mitleidige Trauer, auch kein Vorwurf und keine Verachtung. Nein, ihr Blick war ernst, fast flehend, und er ging mir durch Mark und Bein.

„Hör auf, dich selber zu bemitleiden!“

Am gleichen Abend, alleine in meiner Zelle, hatte ich zum ersten Mal den Mut, den Brief der „Kleinen“ zu Ende zu lesen. Ja, sie habe mich gehasst, schreibt sie, bis ihr bewusst geworden sei, dass sie sich selber dafür hasste, dass ich sie gehasst habe, und dass dieser Hass sie für immer an mich binden würde. Sie habe mich losgelassen und mir verziehen, schon vor Jahren. Aber letztlich müsse ich mir selber verzeihen. Sie bete für mich und meine Familie, und:

„PS: Ich bin nicht wegen dir ins Kloster eingetreten!“

Warum sie? XIII (eine Nachgeborene)

(Aus den Aufzeichnungen der Selbstfindung einer Tochter und Schwester)

Warum sie 13

Es war ein Junge.

Es muss ein Junge gewesen sein. Ich bin mir absolut sicher.

Ich hatte es schon immer irgendwie geahnt. Doch vor einer Woche, als mir meine Mutter ihre Wahrheit gebeichtet hat, haben sich all meine Ahnungen, Fragen und Antworten wie von selbst zu einem Bild zusammengefügt. Sie hat mir den Schlüssel gegeben zu den verschlossenen Stuben in mir. Plötzlich hat alles Sinn gemacht.

Und im gleichen Moment war mir klar: Er ist nicht „gewesen“. Er ist… realer und lebendiger denn je!

Something’s Got a Hold on Me

Im Hintergrund singt Beth Hart mit Joe Bonamassa den alten Klassiker von Etta James, während ich vor meinem Computer sitze, und versuche all dem eine Gestalt zu geben. Oder sollte ich besser sagen „wir“ sitzen vor dem Computer? Wer ist es denn, der da schreibt und nach einer gemeinsamen Form sucht? Die neue Kaschmirjacke um meine Schultern gehört mir. Aber das ärmellose Army-T-Shirt mit dem Tarnmuster würde eher zu ihm passen.

Ich hatte mich so gefreut, als ich vor einer Woche auf der Brücke meine schluchzende Mutter im Arm hielt und plötzlich wusste, dass ich nicht alleine war. Es war, als ob es seine Arme wären, in denen sie sich allmählich beruhigte. Schon lange war ich nicht mehr so glücklich, wie in diesem Moment.

I get a feeling that I never, never, never, never had before, no no, yeah

Doch als ich abends alleine in meiner Wohnung war, hatte mich plötzlich ein beklemmendes Gefühl befallen. Ohne ersichtlichen Grund stieg langsam eine klaustrophobe Angst in mir auf. Ich musste raus an die Luft. Mit einer Flasche Bier aus dem Kühlschrank setzte ich mich unten an den Fluss und versuchte, mich wieder einigermassen zu beruhigen. Ich mochte den Geruch des Wassers und den Geschmack des Biers. Ich trank es auf sein Wohl… und das Wohl unserer Weggemeinschaft.

Doch als die Flasche halb leer war, hielt ich plötzlich inne. Es widerstrebte mir, aus der Flasche zu trinken. Eigentlich hatte es mir immer schon widerstrebt. Aber es war die sicherste Weise, meine Mutter zu ärgern. Und es gab mir schon als Mädchen das Gefühl, stark zu sein und dazuzugehören, wenn ich mit meinem Vater und seinen Kollegen unterwegs war.

„Der Rest ist für dich!“, hörte ich  mich rufen, als ich die halb volle Bierflasche in hohem Bogen ins Wasser warf… nicht sehr umweltbewusst. Ich geb’s zu. Aber es fühlte sich verdammt richtig an.

Vielleicht ist der Moment gekommen, ihn loszulassen. Doch was bleibt, wenn er weg ist? Was gehört zu ihm? Und wer bin ich?

Und wem kann ich das alles erzählen? Wer kann mich verstehen? Wer soll mir glauben… wo ich doch selber manchmal noch gar nicht weiss, was ich davon halten soll… und was ich glauben darf?

And I just wanna tell you right now that
I believe, I really do believe that
Something’s got a hold on me, yeah

Meine Mutter kommt nicht in Frage. Noch nicht. Sie ist gerade zu sehr mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt. Sie würde sicher sagen, ich rede mir das alles nur ein, um sie zu trösten. Und das würde ihr nur neue Schuldgefühle geben. Und mein Vater? Der ist gerade auf seinem eigenen Trip. Vor zwei Tagen hat er mich endlich angerufen… nach fast drei Wochen. Es täte ihm leid. Ich solle mir keine Sorgen machen. Aber er brauche noch etwas Zeit. Er werde mir alles erklären… bald. Er liebe mich.

Eigentlich gibt es nur eine Person, mit der ich über all das reden kann… reden möchte. Meine Kollegen würden mich für verrückt halten, wenn sie wüssten, dass meine einzige wirkliche Freundin ausgerechnet eine katholische Nonne ist. Ich mag ja tatsächlich etwas verrückt sein, aber das hätte selbst ich mir noch vor einem Jahr nicht träumen lassen. Doch irgendwie schien sie mir vom ersten Moment an vertraut. Ich mag ihre Augen, ihre Stimme, ihre Ernsthaftigkeit und ihren Humor… und ihren Geruch.

Sechs Monate ist es her, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich hatte eben meine neue Stelle bei der Kriminalpolizei angetreten, als mich meine Chefin zu einer Opferbefragung mitgenommen hatte. Der Polizei war im Rahmen einer DNA-Analyse überraschend ein Fisch ins Netz gegangen. Der Fall lag über zehn Jahre zurück: Ein Raubüberfall mit Geiselnahme auf eine Bankiersfamilie. Eines der Opfer, die Tochter des Bankiers, war dabei vergewaltigt worden. Meine Chefin hatte mir nicht gesagt, wer die Frau war. Umso grösser war der Schock, als ich plötzlich dieser schwarz gekleideten Nonne gegenübersass.

Aus meiner Zeit im Streifendienst hatte ich einiges an Erfahrung mit misshandelten Frauen. Ich kannte sie, diese verzweifelten Gesichter, die gehetzten Augen und die leeren Blicke. Und als ich begriff, dass wir ein Kloster besuchten, spürte ich die Wut in mir aufsteigen: Die Wut auf die Männer mit ihrem Machogehabe, ihren sexistischen Sprüchen und ihren geilen Blicken. Aber auch die Wut auf die Frauen, die sich immer wieder auf diese Kerle einlassen, die sich immer wieder demütigen, misshandeln und zerbrechen lassen, statt endlich einmal aufzustehen und zu kämpfen. Und schliesslich die Wut auf die Kirchen, die diese gedemütigten und zerbrochenen Frauen entweder zu Sünderinnen oder zu Heiligen machen. Gibt es denn keinen anderen Weg als feige hinter Klostermauern zu flüchten und seine Weiblichkeit endgültig abzutöten?

An diesem Abend hatte ich bei mir zuhause ein halbe Flasche Whisky in mich hineingeschüttet. Die Begegnung mit dieser jungen Nonne hatte mir völlig den Boden unter den Füssen weggezogen. Da war dieser kräftige Händedruck, ihre warme aber bestimmte Stimme, und dieser wohlwollend neugierige Blick, mit dem sie meine Wut und Verachtung schmelzen liess. Sie war dankbar für unseren Besuch und wirkte keineswegs aufgewühlt. Sie könne uns nicht mehr sagen, als sie damals zu Protokoll gegeben habe. Sie werde nicht vor Gericht aussagen. Für sie sei die Angelegenheit abgeschlossen. Sie habe dem Täter verziehen. Der Rest sei Sache des Staates.

Nie werde ich ihren Blick vergessen, als ich einwendete, es sei Sache von uns Frauen, auch öffentlich dafür einzustehen, was man uns angetan hat. Ich schämte mich sogleich für den aggressiven Ton in meiner Stimme, aber mein Gegenüber schaute mir nur nachdenklich in die Augen. Ich hätte Recht, meinte sie schliesslich, als sie sich langsam erhob. Aber dazu müssten wir zuerst lernen, mit unserer Angst zu leben und uns nicht dauernd als Opfer zu definieren.

Sie muss es gespürt haben. Ich bin mir sicher. Ich sah es an ihrem Blick, als sie mir zum Abschied die Hand gab. Sie wusste um diese Scheissangst, die mich seit meiner Kindheit begleitet. Ja, verdammt, ich fürchte mich vor allem und jedem. Und vor allem fürchtete ich mich davor, Frau zu sein. Die Erkenntnis war ebenso demütigend wie befreiend: Man braucht keine Klostermauern, um die Weiblichkeit abzutöten. Die Nonne hatte mir den Spiegel vorgehalten. Wie eine Aikido-Kämpferin hat sie meine Energie aufgenommen und meine Wut und Verachtung gegen mich selber gewendet. Ich musste erst meinen Kater ausschlafen, um zu realisieren, dass sie mir damit das Leben gerettet hat.

Einen Monat später besuchte ich mein erstes Achtsamkeitsseminar bei ihr. Ich hatte schrecklich Angst vor dieser fremden Welt, zumal ich mit Gott und Kirche nichts am Hut hatte. Aber die Sehnsucht der Frau in mir war geweckt. Und diese Sehnsucht siegte über die Angst. Zum ersten Mal seit langem verbrachte ich ein Wochenende, ohne meine Dienstwaffe in Reichweite zu haben. Wir waren nur Frauen in der Gruppe. Ich war die jüngste. Aber vielen war anzusehen, dass sie wussten, was Angst ist. Die Spuren des Lebens waren eingezeichnet in ihren Gesichtern, in ihren verspannten Gliedern und in die ungelenke Steife ihrer Bewegungen, als sie sich bemühten, die Shibashi-Bilder mit Leben zu erfüllen. Doch was immer diese Frauen als Last mit sich trugen, eines hatten sie in diesem Moment nicht: Angst, ihre Schwäche und Gebrechlichkeit zuzulassen. Das hat mich sehr berührt. Selten habe ich mich so wohl gefühlt, und frei… als Frau.

My heart feels heavy, my feet feel light
I shake all over, but I feel alright
I never felt like this before
Something’s got a hold on me that won’t let go

Natürlich war ich immer eine Frau gewesen und als kleines Mädchen hatte ich es geliebt, Röcke zu tragen und meiner blonden Puppe Zöpfe zu flechten. Aber als ich in die Schule kam, begann ich, das Leben der Jungs sehr viel spannender zu finden. Ich spielte mit ihnen Fussball, prügelte mich mit ihnen und verschaffte mir Respekt als Beschützer der Schwachen. Doch mit der Pubertät wurde es schwieriger. Irgendwie mochte ich das Aufblühen meiner weiblichen Formen. Aber gleichzeitig ärgerte mich der wachsende Kräfteunterschied zu meinen männlichen Kameraden. Ich wollte stark sein wie sie, und damit frei und unabhängig.

Meinen Vater hatte das damals gefreut. Er konnte mit mir all das machen, was er eigentlich mit einem Sohn hätte machen wollen. Und sein Stolz wurde mein Antrieb und mein Ziel. Ich arbeitete hart an mir selber, machte viel Sport, und verachtete alles, was Mädchen meines Alters ansonsten zu tun pflegen. Und solange ich das Ziel vor Augen hatte, empfand ich weder einen Verlust noch spürte ich die Angst, die hinter allem steckte.

Das änderte sich erst bei der Polizei, als mein bester Kollege und Patrouillenpartner vor meinen Augen angeschossen wurde. Ich hatte mich nach der Grundausbildung als Anwärterin für die Sondereinheit gemeldet. Das war als Frau ein schwieriges und fast aussichtsloses Unterfangen, aber ich war gut und fühlte mich damals stark und unbesiegbar. Ich hätte es vielleicht sogar geschafft. Aber dann hatte ich einen Moment nicht aufgepasst. Keiner hatte mir einen Vorwurf gemacht. Alle hatten sie gesagt, dass wir keine Chance hatten und dass mich keine Schuld traf. Aber ich wusste es besser. Ich konnte ihn nicht beschützen. Und ich werde auch mich nie wirklich beschützen können.

Wie sehr mein Leben von der Angst bestimmt war, wurde mir bei meinem zweiten Kurs im Kloster bewusst. Ja, ich habe mein Frausein verdrängt, aber ich habe es nie verneint. Ich wollte nie ein Mann sein. Aber ich wollte wie ein Mann sein. Ich habe mich nie im falschen Körper gefühlt. Aber ich wollte, dass mein Körper so stark und unabhängig sei, wie der eines Mannes. Wie lächerlich das war, wurde mir bewusst, als ich mich diesmal beim Shibashi inmitten von einer Gruppe Männer wiederfand. Amüsiert schaute ich zu, wie sie mehr oder weniger angestrengt versuchten, die sanft fliessenden Bewegungen der jungen Nonne nachzumachen. Ich spürte ihre Unbeholfenheit, ihre Schwäche… und ihre Angst. Und plötzlich mochte ich diese Männer, genauso wie ich die sanfte Berührung meines leichten Rockes mochte, den ich am Vortag spontan eingepackt und an diesem Morgen zum ersten Mal seit langem wieder einmal angezogen hatte.

I got a feeling, I feel so strange
Everything about me seems to have changed
Step by step, I got a brand new walk
I even sound sweeter when I talk

Seither mache ich jeden Morgen nach dem Joggen neben meinen Liegestützen und dem Training am Boxsack auch die 18 Shibashi Bilder. Ich habe mir ein Sommerkleid gekauft, neue Schuhe, ein neues Parfüm und eine weisse Kaschmirjacke, von der ich insgeheim schon immer geträumt hatte, die aber so gar nicht zu meinem Image passen wollte. Entsprechen nervös war ich auch, als ich zum ersten Mal in Kleid und Strickjacke mit meinen Kollegen in den Ausgang ging. Ihr Respekt und die anerkennenden Blicke taten mir gut und befreiten mich von dem Gefühl, vor ihnen meinen „Mann“ stehen zu müssen. Gleichzeitig ertappte ich mich bei der Sehnsucht, dass sie mir gegenüber durchaus etwas mehr ihren Mann hätten stehen dürfen.

Ich war die ganzen Jahre so damit beschäftigt, den Mann in mir zu pflegen, dass ich mit wenigen Ausnahmen kaum grosses Interesse an anderen Männern entwickelt hatte. Die damit verbundene Einsamkeit hatte ich mir nie eingestanden. Doch genau dieses Gefühl war es, das mich ein paar Wochen später während meines Urlaubs in den Bergen in eine Kirche geführt hatte. Eigentlich wusste ich nicht, was ich dort wollte. Ich setzte mich in eine Bank und betrachtete geistesabwesend die barocken Engel an den Wänden. Einzelne Leute kamen und gingen, und ein paar Reihen vor mir war eine junge Frau am Beten. Da spürte ich plötzlich die ganze Verlassenheit und Trauer in mir. Und ganz allmählich begannen die Tränen zu fliessen…

I never thought it could happen to me
Got me heavy without the misery
I never thought it could be this way
Love’s sure gonna put a hurting on me

Ich musste eingeschlafen sein, denn ich zuckte zusammen, als mich jemand sanft an der Schulter berührte. Ungläubig starrte ich in das besorgte Gesicht, das sich zu mir heruntergebeugt hatte. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, meine Lieblingsnonne an diesem Ort anzutreffen. Ohne ihren schwarzen Schleier hatte ich sie von hinten nicht erkannt. Sie trug Wanderkleidung und hatte sich ihre graue Strickjacke um die Schultern gelegt. Sie freute sich riesig, mich zu sehen, und zu meiner Überraschung und Freude war sie einverstanden, mich am nächsten Tag auf eine zweitägige Wanderung hinauf zum See zu begleiten.

Für eine Nonne war sie erstaunlich gut in Form. Doch als wir an dem warmen Sommerabend am See unser Zelt aufgestellt hatten, waren wir beide erschöpft. Wir hatten keine Badekleider mitgenommen, was mich aber nicht daran hinderte, nackt in den See zu springen, während meine Begleiterin mit dem Stundenbuch auf einem Felsen sass und mir zuschaute. Sie brauchte eine Weile, bis sie ihre Hemmungen fallen liess und ihrerseits mit einem lauten Schrei in das kühle Nass sprang.

Der gleiche Schrei riss mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Als ich die Augen öffnete, sass sie neben mir mit angezogenen Knien auf ihrem Schlafsack und zitterte am ganzen Leib. Sie hatte einen Alptraum gehabt und im Schein des Mondes, der durch die Zeltwand schien, wirkte ihr Gesicht ängstlich und verstört. Wortlos legte ich meine Arme um sie und zog sie an mich. Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment, so zart und hilfsbedürftig. Ich mochte ihren Geruch. Und ganz allmählich begann sie sich zu entspannen, sich in meinen Armen zu drehen und sich an mich zu schmiegen. Ich spürte ihre Hände über meiner Haut, ihren Atem an meinem Hals und das wachsende Drängen ihres Körpers. Jetzt brauchte ich einen Moment, bis ich meine Hemmungen fallen liess, um mich mit einem Aufschrei dem Strom der Leidenschaft zu überlassen.

Noch heute höre ich das Keuchen ihres Atems neben meinem Gesicht, als wir schliesslich erschöpft und verschwitzt auf unseren Schlafsäcken zur Ruhe kamen. Ich war einen Moment wie betäubt, als sie sich langsam aus meinen Armen löste. Wie aus weiter Ferne hörte ich den Reissverschluss des Zeltes. Als ich mich endlich einigermassen gefasst hatte, sah ich sie draussen auf dem Felsen sitzen, nackt im Schein des Mondes. Sie hatte die Beine angezogen und ihre Arme um die Knie geschlungen, als ich ihr meine Daunenjacke um die fröstelnden Schultern legte und mich neben sie setzte. Schweigend blickten wir auf den See, in dem sich der klare Sternenhimmel spiegelte.

„Es tut mir leid!“, durchbrach sie plötzlich die unheimliche Stille, die uns umgab. Sie wisse nicht, wie das passieren konnte: „Ich bin eigentlich nicht… ich meine… du weisst schon.“

Nein, ich weiss nicht. Und es ist mir auch egal, was sie wirklich ist. Ich weiss nur, dass es unglaublich schön war; dass ich es genossen habe, für sie da zu sein… und dass ich sie liebe. Doch eines weiss ich genau: Dass ich nicht so bin! Ich weiss es seit jenem Moment, als sie sich aus meinen Armen gelöst und mich in dem Zelt zurückgelassen hatte, allein, erschöpft… und unbefriedigt. Wie sehr hätte ich mir in diesem Moment gewünscht, dass sie ein Mann wäre… dass er mich einfach nehmen würde und mich endlich…

Würde ich ihr wirklich all das erzählen können… wollen? Würde sie mich verstehen? Würde sie glauben, was ich ja selber noch kaum zu glauben wage: Dass da noch einer ist… und immer schon war… in mir… mit mir? Mein Bruder.

Let me tell you now
I never felt like this before
Something’s got a hold on me that won’t let go
I believe I’d die if I only could
I feel strange, but it sure feels good

Das tönt so abgefahren. Und doch ergibt plötzlich alles einen Sinn: Meine Angst, für die ich nie einen Grund gefunden hatte. Ist es die Angst der Nachgeborenen? Diese tief verwurzelte, instinktive Existenzangst eines Kindes, dessen Mutter sich schon einmal gegen das Leben eines Kindes entschieden hatte? Und dieses jahrelange Ringen mit dem Männlichen in mir. Die Gewalt, die es meiner Weiblichkeit angetan hat. Und gleichzeitig die Stärke und Geborgenheit, die es ihr gegeben hat. Und dann dieser allmähliche Prozess der Versöhnung, als die Angst begonnen hat, ihren Schrecken zu verlieren: Als die Frau plötzlich Mut hatte, Frau zu sein. Und der Mann begriff, dass er nicht immer seinen Mann stehen musste. Als die Schwester begriff, dass ihr niemand das Leben wegnehmen will. Und als der Bruder begriff, dass er niemandem das Leben wegnehmen muss, um selber zu leben.

Ja, Bruderherz, Du hast es mir nicht leicht gemacht. Es war schliesslich nicht meine Schuld, dass Du nicht leben durftest. Aber ob Du’s glaubst oder nicht, ich bin irgendwie stolz auf Dich… nein, auf uns. Ich finde, wir haben das eigentlich ganz gut hingekriegt. Es wäre Dir zwar um ein Haar gelungen, mich zu einem Mann zu machen. Aber dabei habe ich auch unendlich viel gelernt von Dir. Und dafür bin ich Dir einfach nur dankbar. Den Rest holt deine kleine Schwester schon nach. Verlass Dich drauf!

Yeah, he walks like love
He talks like love
Makes me feel alright
In the middle of the night

Nur eines fehlt noch: Dein Name.

Aber ich habe da so eine Idee. Ich bin gespannt, was meine Lieblingsnonne dazu meint… unsere Seelenschwester.

*******

Eine Schwester?!?

Ich hätte vieles erwartet, aber nicht das. Fassungslos starrte ich meinen Vater an, der mir in einem Café gegenüber sass und sanft meine Hände ergriffen hatte. Vor ein paar Tagen noch hätte ich ihn für verrückt gehalten. Aber so sah er nicht aus. Ganz im Gegenteil. Sein ernstes aber entspanntes Gesicht war sonnengebräunt, seine Hände zitterten nicht und seine Stimme klang ruhig und entschlossen. Er trug seine Strickjacke um die Schultern gelegt. So hatte ich ihn noch nie erlebt: So stark und gleichzeitig so verletzlich… so unglaublich männlich.

Es sei eine Halbschwester… aus der Zeit vor meiner Mutter.

Ich konnte es nicht fassen. Da war ich gerade daran, meinen Halbbruder in meine Realität zu integrieren, und nun soll es da auch noch eine Schwester geben. Das Ganze wurde etwas zu viel für mich. Unwillkürlich zog ich meine Kaschmirjacke enger um mich, wobei ich spontan an meine Lieblingsnonne denken musste. Ihr Beispiel hatte mir am Morgen vor dem Spiegel den Mut gegeben, meiner Sehnsucht zu folgen und die Jacke elegant um die Schultern zu legen. Ich fühlte mich plötzlich so verletzlich, und doch auch so stark. Da war keine Spur von Angst.

Wir seien uns übrigens sehr ähnlich, drang wie von weit her die Stimme meines Vaters durch meine Gedanken, während ich in seinen Augen ein ungewohntes Strahlen zu erkennen glaubte: Den spontanen Ausdruck von Anerkennung und Stolz, den ich all die Jahre vergeblich gesucht hatte.

Es sei die Weise, wie ich meine Jacke trage. Als ich eben durch die Tür gekommen sei, hätte er doch tatsächlich einen Moment lang geglaubt…

Warum sie? XII (eine Sünderin)

(Aus den Notizen des Neubeginns einer Ehefrau und Mutter)

Warum sie 12

Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Älter. Nein, sie war nicht sein Typ.

Ich schämte mich fast ein wenig für diesen Gedanken. Hatte die junge Nonne meine Erleichterung gespürt?

Ich war froh, einen Moment allein zu sein, nachdem sie mich in das Besuchszimmer des Klosters geführt hatte. Sie war verschwunden, um uns einen Tee zu kochen, während ich es mir in einem der Polstersessel bequem machte. Der Raum wirkte beruhigend auf mich. Ich mochte den Geruch von alten Möbeln und das leise Ticken der Wanduhr. Vor mir auf dem Tisch brannte eine Kerze und gegenüber an der Wand hing ein grosses Kreuz mit dem leidenden Christus. Ich war froh, hatte er seinen Kopf gesenkt. Auch die Madonna, die in der Ecke auf einem Tischchen stand, war ganz von ihrem Kind in Anspruch genommen und verschonte mich mit ihrem Blick.

Als Kind hat mich die Muttergottes in unserer Kirche immer traurig gemacht. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass sie auch mich einmal anschauen würde. So, wie mich meine Grossmutter angeschaut hatte. Wenn man mich damals eingeladen hätte, eine Madonna zu machen, hätte sie die Gestalt meiner Oma gehabt: Etwas dick und schwerfällig, vom Tod ihrer Kinder und den harten Jahren als Witwe und Trümmerfrau gezeichnet. Sie sässe in ihrem Sessel, eingehüllt in ihre warme Wolljacke und würde mit ihren verwitterten Händen feine, bunte Borten an weisse Taschentücher häkeln. Ihre langen, weissen Haare wären im Nacken in einen Knoten gebunden und ihre funkelnden Augen würden auf einem Mädchen ruhen, das zu ihren Füssen sitzt und ihren Erzählungen lauscht.

Doch auch diese Augen waren eines Tages erloschen. Leer und gebrochen hatten sie mich angestarrt, damals am Fuss der Treppe. Ich hatte das Poltern im Treppenhaus gehört und war aus der Wohnung gestürmt. Die Nachbarin hatte mich zurückgehalten. Die Notärztin hatte gemeint, es sei ein Herzinfarkt. Wahrscheinlich sei sie schon tot gewesen, als sie mit ihren vollen Einkaufstaschen die Treppe heruntergestürzt war. Seither habe ich sie nicht mehr ertragen, diese Madonnen von Lourdes und Fatima. In ihren leblosen Augen glaubte ich immer, diesen letzten Blick meiner Grossmutter zu sehen… vor allem seit jenem Tag, als ich…

Die warme Stimme der jungen Nonne befreite mich aus meinen düsteren Gedanken. Ob ich bequem sitze oder ein Kissen wolle, fragte sie mich, während sie uns den dampfenden Tee eingoss. Fasziniert bewunderte ich ihre Hände: Die schlanken Finger, die gepflegten Nägel, den goldenen Ring an ihrer linken Hand und den abgespreizten kleinen Finger, als sie mir die Tasse reichte. Die Frau hatte Stil. Und plötzlich war sie wieder da, meine Unsicherheit. Mit beiden Händen hielt ich meine Tasse, um mein nervöses Zittern zu verbergen. Was machte ich eigentlich hier? Was wollte ich von ihr?

Ich musste wissen, was mit meinem Mann geschehen war. Ich habe es einfach nicht mehr länger ausgehalten. Was war damals passiert an diesem Wochenende? Er war wie verwandelt von diesem Achtsamkeitsseminar nach Hause gekommen: Aufgestellt, lebendig, hoffnungsvoll. Er hatte mich spontan zum Essen ausgeführt. Und dann, bei Mondschein auf einer Bank am See, hat er mir seine ganze Geschichte erzählt: Sein erstes Mal mit dieser Frau, diese Nächte voller Leidenschaft, seine Liebe… und ihr Verrat. Es war ihm schwer gefallen. Er hatte geweint. Und ich hatte mich einfach nur gefreut. Eingehüllt in meine Strickjacke hielt ich ihn im Arm, bis seine Tränen versiegt waren. Danach zuhause hielt er mich im Arm. Und wie. Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich wieder einen Orgasmus. Ich hätte nicht geglaubt, dass das mit uns noch einmal geschehen würde.

Doch als am Morgen der Wecker läutete, war das Bett neben mir leer. Auch das Bett in seinem Schlafzimmer war unberührt. Dafür roch es im Bad nach Erbrochenem. Ich fand ihn schliesslich im Wohnzimmer auf der Coach. Er sah erbärmlich aus. Sein Pyjama war verschmutzt und neben ihm am Boden lag eine leere Whiskyflasche. Ich kochte ihm einen Kaffee und half ihm ins Bett, bevor ich zur Arbeit musste. Als ich abends nach Hause kam, war er weg. Er hatte sich in der Schule krank gemeldet und mir einen Brief hinterlassen: Es täte ihm leid. Er brauche etwas Zeit für sich. Ich solle mir keine Sorgen machen. Es gehe nicht um mich. „Ich liebe dich!!!“

Eine Woche war er jetzt schon weg. Ich wusste nicht, wo er war. Auf meine Anrufe antwortete er nicht. Auch unsere Tochter konnte ihn nicht erreichen. Was war nur geschehen in dieser Nacht? Was hatte ihn so aus der Fassung gebracht? Und warum spricht er nicht mit mir? War es meine Schuld? Was habe ich falsch gemacht?

Ich war so in meine Erzählung vertieft, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie die junge Nonne von irgendwoher eine Packung Kleenex Tücher hervorgezaubert hatte. Schluchzend trocknete ich mir die Tränen aus dem Gesicht, während sie mich aufmerksam betrachtete. Ihre Hände lagen ruhig in ihrem Schoss, mit den Handflächen nach oben, offen, empfangend. Nachdenklich senkte ich meinen Blick auf ihre Füsse, die in einfachen Sandalen steckten. Ihre Zehen schimmerten durch die schwarzen Strümpfe und unwillkürlich fragte ich mich, ob auch Nonnen ihre Nägel lackieren dürfen. Wer war diese Frau? Wer verbarg sich unter diesem schwarzen Gewand, der weissen Haube und dem schwarzen Schleier, die gerade mal die Hände und das Gesicht freigaben. Und was hatte diese Frau mit meinem Mann zu tun?

Sie könne mir nicht sagen, was an diesem Wochenende vorgefallen sei. Und selbst wenn sie es könnte, dürfte sie es nicht. Mein Mann hätte nicht mit ihr geredet. Aber sie habe gespürt, dass diese Tage wichtig waren für ihn. Irgendetwas sei geschehen. Er sei wie verwandelt abgereist, genauso, wie ich es beschrieben hätte: Aufgestellt, lebendig und hoffnungsvoll. Mehr könne sie mir nicht sagen.

Ich glaubte ihr. Und doch hatte ich das Gefühl, dass der Schlüssel bei ihr lag. Was hatte sie bei meinem Mann ausgelöst? Er war begeistert von ihr. Das war unübersehbar. Natürlich hatte er es zu überspielen versucht. Aber eine Frau spürt das, wenn ihr Mann von einer anderen Frau redet. Es hatte mich nicht gestört, damals, an diesem Abend am See. Doch mit den Fragen waren auch die Zweifel gekommen. War es nicht das gleiche wie damals mit seiner neuen Kollegin, dieser Englischlehrerin, einer Witwe und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Auch von ihr hatte er immer öfter erzählt. Und plötzlich war er wie verwandelt im Bett: Zärtlich, wild, leidenschaftlich. Ich hatte es genossen, bis ich merkte, dass er die Augen geschlossen hatte. Unter ihm lag ich, aber in seinem Kopf war sie.

Doch nein, das konnte nicht sein. Ich war mir ganz sicher. Diesmal waren seine Augen offen gewesen. Er hatte mich gemeint. Sonst wäre es nie so weit gekommen. Und als mich heute die junge Nonne an der Klosterpforte begrüsst hatte, waren die letzten Zweifel verflogen: Mein Mann stand nicht auf jüngere Frauen. Er liebte reifere Semester. Und in dieser Beziehung hatte ich immer noch ganz gute Karten.

„Warum sind sie wirklich gekommen?“, wurde ich von einer sanften Stimme aus meinen Gedanken gerissen. Nachdenklich betrachtete ich das Gesicht der jungen Frau, die mich ruhig anschaute, während sie mir eine Tasse Tee nachschenkte. Und für einen kurzen Moment glaubte ich in ihrem Gesicht einen Zug meines Mannes zu erkennen: Dieser Hauch eines fragenden Ausdrucks, dieses leise Zusammenziehen der Augenbrauen, als sie versuchte, mein Schweigen zu deuten.

Ihre Predigt habe mich sehr berührt, sagte ich schliesslich, nachdem ich mich mit einem Schluck Tee etwas beruhigt hatte. Mein Mann hatte mir begeistert davon erzählt: „Liebe ermöglicht Wahrheit. Und Wahrheit befreit zur Liebe.“ Das hat bei ihm voll eingeschlagen. Die Mondscheinbeichte am See war die eindrückliche Frucht davon. Aber nicht nur das. Als ich damals auf der Bank sass, mit meinem weinenden Mann im Arm, frierend aber unendlich glücklich, wusste ich, dass es möglich war: Dass es wahr sein darf. Dass auch meine Wahrheit wahr sein darf… nach über dreissig Jahren voller Scham, Schuldgefühlen und Verdrängung. Ich hatte mir fest vorgenommen, bei nächster Gelegenheit mit meinem Mann zu sprechen. Aber dann war er weg. Und ich weiss nicht, wann er wiederkommt… ob er wiederkommt.

Ich war von meinen eigenen Worten erschrocken. Nein, ich hatte nicht vorgehabt, mit ihr darüber zu sprechen. Was ging diese junge Nonne meine Vergangenheit an? Sie, die ihre Weiblichkeit unterdrückte und unter dieses schreckliche, schwarze Gewand verbannte. Was verstand sie schon vom wahren Leben… vom Leben einer Frau ausserhalb der schützenden Klostermauern? Ich hatte das Gefühl, bereits zu viel gesagt zu haben. Mein Magen fühlte sich plötzlich flau an. Was würde sie von mir denken, ausgerechnet sie, eine unbefleckte Dienerin der katholischen Kirche?

Sie muss mein Unbehagen bemerkt haben. Seit einigen Minuten schon bin ich ihrem Blick ausgewichen. Ich starrte nur noch in meinen Schoss, wo sich die Finger meiner Rechten nervös mit dem Ehering beschäftigten. Sie sagte nichts. Nur das leise Ticken der Wanduhr begleitete unser Schweigen. Die Stille tat mir gut. Dann ertönte in der Ferne plötzlich eine Glocke. Draussen im Gang hörte ich eilige Schritte. Es war Zeit für die Vesper. Aber meine Begleiterin blieb ruhig sitzen. Auch als die Glocke verklungen war. Und als ich endlich meinen Blick hob, waren ihre Augen geschlossen. Erst meinte ich, sie schlafe. Aber ihre Hände waren gefaltet um einen Rosenkranz. Sie betete. Und als sie die Augen öffnete, rann eine Träne über ihre Wange.

„Ich habe ein Kind abgetrieben“, hörte ich mich plötzlich sagen. Und meine Stimme klang ruhig und fest. „Ich war 20 Jahre alt, am Anfang meines Studiums. Wir waren in Italien im Urlaub, am Meer, meine beste Freundin und ich. Wir hatten einen Tauchtrip gebucht mit einer Gruppe Engländer. Die Leute waren nett, das Wetter schön und wir fühlten uns frei. Wir hatten uns beide verliebt. Meiner war ein Student aus Oxford, ein junger Lord. Wir sassen die halbe Nacht auf dem Deck, haben geraucht, getrunken und geknutscht. Und irgendwann lag ich in seiner Koje.

Es war ein Schock, als ich merkte, dass ich schwanger war. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mein Lover in Oxford war wütend. Wieso ich nicht verhütet hätte? Das sei allein mein Problem. Ich solle es wegmachen… und verdammt noch mal seinen Namen aus dem Spiel lassen. Auch meine Freundin hatte gemeint, ich wolle doch unmöglich jetzt schon ein Kind bekommen… und unter diesen Umständen. Meinen Eltern hatte ich nichts gesagt. Sie hätten mich gezwungen, es zu behalten. Eine Kollegin hatte mir schliesslich einen Termin bei einem Gynäkologen verschafft. Am Abend vorher hatte mich plötzlich die Panik ergriffen. Ich wollte das Kind behalten. Es war mein Kind. Ich hatte meine Freundin angerufen. Sie kam zu mir und brachte eine Flasche Whisky mit. Irgendwann bin ich in ihren Armen eingeschlafen. Und am Morgen hatte sie mich zum Termin begleitet.

Es gelang mir damals erstaunlich schnell, damit klar zu kommen. Ich hatte mich ins Studium gestürzt und mich in der Freizeit mit Sport abgelenkt. Stundenlang hatte ich im Schwimmbecken meine Längen gezogen. Und dann hatte ich meinen Mann kennengelernt. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, kein Verliebtsein mit Schmetterlingen im Bauch. Wir mochten uns, wir neckten uns, wir forderten uns gegenseitig heraus, und irgendwann wussten wir einfach, dass wir zusammengehören. Erst als es mit dem Kinderwunsch nicht klappen wollte, holte mich meine Vergangenheit wieder ein. Scham und Schuldgefühle wurden quälender, je länger uns ein Erfolg verwehrt blieb. Irgendwann ekelte ich mich so vor mir selber, dass ich schon fürchtete, mich selber zu boykottieren. Und als ich dann tatsächlich mit unserer Tochter schwanger wurde, konnte ich mich schon gar nicht mehr darüber freuen. Alle späteren Versuche, meinem Mann auch noch den ersehnten Sohn zu schenken, blieben vergeblich.

Wir haben eine wunderbare Tochter. Sie hatte es nicht immer leicht und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie unbewusst versucht, ihrem Vater den Sohn zu ersetzen. Auch mit mir musste sie in den letzten Jahren viel Geduld haben. Durch die Menopause war alles in mir wieder hochgekommen. Ich ekelte mich vor allem: Vor mir, vor ihr, vor dem Leben. Und der Gedanke, dass es meine Schuldgefühle sein könnten, die meine Tochter daran hinderten, wirklich eine Frau zu sein, machte es für mich auch nicht leichter, sie zu lieben. Mein Gott, was würde ich dafür geben, noch einmal von vorne beginnen zu können!“

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich mich erhoben hatte. Irgendwie fand ich mich vor dem Kreuz wieder, wo meine Finger sanft über den Körper des leidenden Christus glitten. Ich spürte die feinen Löcher, die der Holzwurm in dem alten Stück hinterlassen hatte, während ganz allmählich das leise Ticken der Wanduhr wieder in mein Bewusstsein trat. Noch nie hatte ich Stille so erfüllt erlebt. Erschöpft aber seltsam entspannt liess ich mich wieder in meinen Sessel sinken. Es war dunkel geworden draussen. Nur die Kerze erhellte den Raum. Die dunkle Gestalt der Nonne sass reglos da. Das Weiss ihrer gefalteten Hände und ihres Gesichtes schienen aus dem Dunkel zu leuchten. Und ihre Augen funkelten im Schein der Kerze.

„Danke!“, hörte ich sie leise sagen. Nur ein Wort. Aber dieses eine Wort schien nicht nur meine Ohren und mein Herz, sondern meinen ganzen Körper zu berühren. Es war, als ob die längst versiegten Lebensströme in mir wieder zu fliessen beginnen.

Ich hätte ihr gerne noch etwas gesagt, als sie mir schliesslich in die Jacke half und mich zur Pforte begleitete. Aber ich brachte kein Wort heraus. Doch als ich über den Platz zu meinem Wagen ging und hörte, wie die Tür hinter mir ins Schloss fiel, wusste ich, dass es gut war. Ich fühlte mich frei. So frei wie damals, als ich mit meiner Freundin nach Italien aufgebrochen war.

Nein, ich werde nicht mehr von vorne beginnen können. Aber ich bin frei, neu zu beginnen… immer wieder.

*******

Ich hatte sie fast nicht wiedererkannt, als sie mich vom Bahnhof abholte. Meine Tochter hatte die Haare wachsen lassen. Nicht lang, aber immerhin. Sie trug eine schwarze Lederhose und ein ärmelloses Rollkragentop, das ihre Brust wunderbar zur Geltung brachte. Lachend zogen wir uns gegenseitig die Strickjacken um die Schultern zurecht, nachdem wir uns lange und herzhaft umarmt hatten.

Ich hatte sie seit Wochen nicht mehr gesehen. Sie hatte einen neuen Job und kam nur noch selten nach Hause. Sie fehlte mir. Und ich wusste, dass ich ihr fehlte. Aber wir wussten beide, dass es gut war so. Die Distanz tat ihr gut. Sie schien so fröhlich und aufgestellt… so erwachsen… und so unglaublich weiblich.

Zwei Wochen waren seit dem Verschwinden meines Mannes vergangen, ohne dass wir etwas von ihm gehört haben. Aber ich hatte die Reise nicht seinetwegen gemacht. Ich war gekommen, um neu zu beginnen… und durfte erfreut feststellen, dass meine Tochter schon ohne mich begonnen hatte.

Arm in Arm schlenderten wir dem Fluss entlang, während ich ihr alles erzählte. Schweigend standen wir schliesslich auf der Brücke und schauten den Frachtschiffen zu, die tuckernd unter uns vorbeiglitten. Ich hatte keine Angst gehabt, als ich redete. Doch jetzt befiel mich plötzlich wieder dieses flaue Gefühl im Magen, wie wenn mich die alten Geister einholen würden. Ich wagte nicht, mich umzudrehen.

„War es ein Junge oder ein Mädchen?“, hörte ich sie schliesslich fragen.

Ich muss sie ziemlich entgeistert angesehen haben. Die Frage traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wusste es nicht. Ich hatte mich nie gefragt. Niemand war damals auf die Idee gekommen, danach zu fragen. Es war einfach da. Und es musste weg. Ich fühlte mich plötzlich leer. Und in dieser Leere stieg aus der Tiefe langsam der Schmerz auf. Der Schmerz jenes letzten Abends: Es war mein Kind.

Ich weiss nicht, wie lange meine Tochter mich in ihren kräftigen Armen gehalten hat. Der Schmerz schien kein Ende zu nehmen, und mit ihm der Strom meiner Tränen.

Und sie begannen von neuem zu fliessen, abends am Bahnhof, als der ICE sich langsam in Bewegung setzte. „Danke!“, hörte ich meine Tochter noch durch die Scheibe rufen, während sie mit wehender Strickjacke neben dem fahrenden Zug herrannte.

Der Schmerz war weg. Etwas Neues hatte begonnen.