Warum sie? XXVI (der Bariton)

(aus dem Tagebuch eines Sängers über Schuberts Winterreise und verlorene Liebe)

Samstag, 1. Januar

Mein Gott, was für eine Stimme!

Diese Leichtigkeit und Klarheit, diese Wärme und Intensität!

Das kann doch einfach nicht sein! Und doch, ich würde sie auch heute noch unter Tausenden wiedererkennen. Stundenlang hatte ich ihr damals beim Üben zugehört. Es war die Stimme meines Lebens. Die Stimme meiner Liebe. SIE war einzigartig.

Doch SIE ist tot. Seit fünfzehn Jahren schon.

Wer also hat da gesungen, heute Morgen in der Klosterkirche, ausgerechnet diese Bachkantate, und ausgerechnet an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal seit Jahren wieder meine Eltern zum Gottesdienst begleitet habe?

Seitdem ich vor acht Jahren geheiratet hatte, war ich an den Festtagen nie mehr zuhause gewesen. Entweder hatte ich irgendwo gesungen oder wir waren im Ferienhaus meiner Schwiegereltern in den Bergen. Ich hatte unsere alte Klosterkirche nie besonders gemocht. Als Kind kam sie mir düster und bedrückend vor, und der Weihrauch, den die Nonnen so lieben, tut meiner Stimme nicht gut.

Entsprechend lustlos sass ich heute Morgen zwischen meinen Eltern in der Kirchenbank und haderte mit meinem Schicksal. Doch dann ertönte aus dem dunklen Gewölbe über uns diese Stimme: „Jauchzet Gott in allen Landen!“ Der Schock fuhr mir durch Mark und Bein. Wie gelähmt sass ich da und kämpfte verzweifelt gegen die Tränen. Irgendwann spürte ich, wie die behandschuhten Finger meiner Mutter sanft meine Hand umschlossen. Ich wagte nicht, sie anzuschauen. 

Von unserem Platz aus konnten wir die Sängerin auf der Empore nicht sehen. Erst als das letzte „Halleluja“ verklungen war und die Leute zu applaudieren begannen, eilte ich nach vorne. Aber ich kam zu spät. Nur das Gesicht der Priorin schaute noch kurz über die Balustrade. Meine Mutter meinte, sie hätte die Orgel gespielt.

Als ich nach dem Mittagessen im Kloster angerufen habe, konnte mir die alte Schwester an der Pforte auch nicht weiterhelfen. Ja, da sei eine junge Frau als Gast gewesen. Schön habe sie gesungen, nicht wahr? Und nein, sie wissen nicht, wie sie heisse. Die Dame sei vor einer Stunde abgereist.

Den halben Nachmittag habe ich mich wie besessen durch das Internet gegoogelt: Nur zwei Sopranistinnen haben in den letzten Monaten diese fabelhafte Bachkantate in Konzerten gesungen. Sollte tatsächlich eine dieser beiden heute Morgen… ausgerechnet bei uns…  doch wenn ja, welche?

Die eine, die mit dem italienischen Namen, ist noch jung, 28 Jahre. Sie hatte in Basel studiert und vor einem Monat in einem grossen Konzert gesungen. Die Kritiken waren gut aber nicht überschwänglich, was irgendwie auch ihrer Erscheinung entspricht. Sie ist ganz hübsch mit ihren dunklen Haaren, aber ihre zierliche Gestalt passt einfach nicht zu dieser Stimme. Und die wenigen Aufnahmen auf ihrem YouTube-Kanal auch nicht wirklich.

Ganz anders die zweite Kandidatin, eine gebürtige Tschechin, 40 Jahre alt, eine stattliche Dame mit vollem, dunkelblondem Haar. Sie hat die Figur meiner Frau, vielleicht noch etwas kräftiger. Ihr YouTube-Kanal ist voll mit tollen Aufnahmen, aber fast alles Opern. Schwierig zu sagen, wie ihre Stimme bei Bach tönen würde.

Doch dann stiess ich auf ihre Interpretation der Winterreise von Schubert. Dreimal habe ich sie mir heute schon angehört. Ich hätte nie gedacht, dass mich neben der Fassbaender je eine andere Sängerin mit diesem Leidensgesang eines jungen Mannes berühren könnte.   

Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen, mit manchem Blumenstrauss.
Das Mädchen sprach von Liebe, die Mutter gar von Eh‘
nun ist die Welt so trübe, der Weg gehüllt in Schnee.

Mein Gott, was macht diese Musik mit mir? Sie bringt wie keine andere meinen Schmerz und meine Sehnsucht zum Ausdruck. Doch je mehr ich mich damit beschäftige, je mehr ich in die Welt und Stimmung dieser Lieder eintauche, desto mehr scheint mich dieses magische Werk selber in diese Trauer, Verzweiflung und Verlassenheit zu treiben.

Wie tröstlich ist da die Vorstellung, dass die gleiche Stimme heute Morgen mit ihrem freudig jubilierenden Halleluja wieder etwas Licht und Wärme in die Nacht meiner Seele gebracht hat… auch wenn mich die Faszination dieses Lichtes einmalmehr um den Schlaf zu bringen droht. 

Ein Licht tanzt freundlich vor mir her;
ich folg‘ ihm nach die Kreuz und Quer;
ich folg‘ ihm gern, und seh’s ihm an,
dass es verlockt den Wandersmann.

Ach, wer wie ich so elend ist.
gibt gern sich hin der bunten List,
die hinter Eis und Nacht und Graus
ihm weist ein helles, warmes Haus,
und eine liebe Seele drin –
nur Täuschung ist für mich Gewinn.


Sonntag, 2. Januar

Ich hatte kaum geschlafen und sass halb tot vor meinem Frühstück, als meine Mutter voller Begeisterung aus der Messe im Kloster zurückkam: Wir hätten heute Nachmittag einen Gast. Die junge Schwester komme zu Kaffee und Kuchen, ich wisse schon, die Bankerin, von der sie mir erzählt habe.

Ich konnte förmlich spüren, wie mir das Adrenalin ins Blut schoss. Nicht dass mir diese Nonne irgendetwas bedeutet hätte. Ich kannte sie kaum. Sie muss ins Kloster eingetreten sein, nachdem ich weggezogen war. Nur einmal war ich ihr kurz begegnet. Sie war ganz nett, aber nicht mein Typ. Doch die Hoffnung, von ihr etwas mehr über meine mysteriöse Sopranistin zu erfahren, versetzte auch mich in einen Zustand fiebriger Erwartung.  

Von der Strasse her ein Posthorn klingt.
Was hat es, dass es so hoch aufspringt, mein Herz?

Meine Mutter war wieder einmal ganz in ihrem Element. Sie liebt es über alles, Gäste zu verwöhnen, und hatte uns noch schnell einen Kuchen gebacken. Das elegante Kleid, das sie trug, hatte ich noch nie an ihr gesehen. Es steht ihr ausgezeichnet und schmeichelt ihrer Figur. Sie muss es gekauft haben, nachdem sie bei ihrer Pensionierung vor drei Jahren den ersten Achtsamkeitskurs bei der jungen Nonnen besucht hatte. Sie hat damals mit Rauchen aufgehört und dafür begonnen, täglich Shibashi zu machen. Ich wunderte mich schon etwas, wie gelassen sie auf einmal die zusätzlichen Kilos in Kauf nahm, aber noch mehr staunte ich über die harmonische Eleganz ihrer Bewegungen, als ich ihr heute Morgen bei ihren Übungen zusah.

Sie hegte eine fast schon peinliche Verehrung für ihre junge „Lehrerin“ und wusste dies nur mit Mühe zu verbergen, als wir heute Nachmittag mit unserem Gast vor dem brennenden Kaminfeuer sassen. Es sei so schön, dass es nun endlich einmal geklappt habe mit einem Besuch, eröffnete sie das Gespräch, nachdem sie uns mit Kaffee und Kuchen versorgt hatte. Wir seien ja so was von begeistert gewesen von dem gestrigen Gottesdienst. Wie denn dieser Priester noch mal heisse? Sie habe schon zu ihrem Mann gesagt, so eine Predigt hätten wir seit Jahren nicht mehr gehört. Und wie wunderbar die Nonnen immer wieder singen würden. Wie habe der alte Dorfpfarrer immer so schön gesagt: Eine gesunde Gemeinschaft erkenne man an ihrem Gesang. Und dann das Sahnehäubchen: diese fabelhafte Bachkantate. Was für eine Stimme! Sie sei im Tiefsten ihres Herzen berührt worden, und auch ihr Sohn habe heimlich ein paar Tränen vergossen, nicht wahr? Und natürlich hätten wir uns alle gefragt, wer denn da…

Die junge Nonne in ihrem schwarzen Gewand liess all das mit einem geduldigen Lächeln über sich ergehen, während sie ihre Finger an der Kaffeetasse wärmte und mich dabei immer wieder nachdenklich musterte. So sehr sich meine Mutter auch bemühte, mir war schnell klar, dass ich auf meine Frage keine Antwort bekommen würde. Irgendwann hat dann mein Vater das Zepter übernommen und sich bei der ehemaligen Bankerin nach ihrer Einschätzung der Entwicklung der internationalen Finanzmärkte erkundigt.

Die Post bringt keinen Brief für dich:
Was drängst du denn so wunderlich, mein Herz, mein Herz?

Als sich unser Gast schliesslich anschickte aufzubrechen, war es draussen schon dunkel. Sie müsse selbstverständlich nicht alleine im Finstern nach Hause gehen, meinte meine Mutter, während ich der Nonne in ihren schwarzen Daunenmantel half. Ich würde sie natürlich begleiten. Man wisse ja nie, was sich da heutzutage so alles herumtreibt.

Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen süssen Traum.
Ich schnitt in seine Rinde so manches liebe Wort;
es zog in Freud und Leide zu ihm mich immerfort.

Ich musst‘ auch heute wandern vorbei in tiefer Nacht,
da hab ich noch im Dunkeln die Augen zugemacht.
Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu:
komm her zu mir, Geselle, hier findst du deine Ruh‘!

Wie oft war ich damals diesen Weg gegangen, wenn ich SIE abends noch zurück in die Stadt begleitet habe. Er führt vorbei an dem Baum, unter dem wir uns zum ersten Mal geküsst hatten. Ich könnte nicht einmal sagen, ob es tatsächlich eine Linde ist, aber ich weiss genau, was ich damals in die Rinde geritzt habe. Und ich war dankbar, dass es heute dunkel war und ich es nicht sehen musste.

Die Sterne funkelten durch die nackten Zweige der Bäume, als wir dem Fluss entlang Richtung Kloster marschierten. Die dunkle Gestalt schritt schweigend neben mir her, während ich leise den Anfang des „Lindenbaums“ sang. Ob sie Schubert kenne, fragte ich sie schliesslich, die Winterreise? Ein unheimliches Stück, ja fast schon mystisch. Wie dieser junge Mann Sehnsucht und Schmerz in Musik verwandelt habe, einfach sagenhaft!

Und dann erzählte ich ihr von der Stimme von gestern, einer Stimme, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte: Die Stimme meiner Jugend und meiner ersten grossen Liebe. Wir waren schon im Kindergarten unzertrennlich. SIE half mir immer bei den Hausaufgaben und meine Mutter liebte SIE wie ihre eigene Tochter. Später waren wir zusammen auf der Musikakademie. Ich war gut, sehr gut sogar, aber SIE war besser. Ich hatte hervorragende Lehrer, aber das Wichtigste hatte ich von ihr gelernt: Die Liebe. Mein Gott, wie glücklich wir waren! Sobald wir unsere Diplome hätten, wollten wir heiraten.

Ich hatte mich damals in meinem jugendlichen Übermut zum ersten Mal an die Winterreise gewagt. Nie werde ich ihren Blick vergessen, als SIE mich beim Üben ertappte und mir kurzerhand die Noten weggenommen hat. Ich sei zu jung für dieses Werk, entweder ich verstehe es nicht oder es mache mich kaputt.

Ein halbes Jahr später hatte sie gleich selber dafür gesorgt, dass ich es verstehen werde. Ich war für eine Konzertreihe im Ausland, als ich die Nachricht bekam. Eine Joggerin hatte SIE am frühen Morgen im See gefunden. Ein Fremdverschulden war auszuschliessen. Ihre Kleider lagen säuberlich zusammengelegt am Ufer. In ihrem Blut fand man eine erhöhte Dosis des Medikamentes, dass sie gegen ihre Depressionen nahm. Doch einen Abschiedsbrief gab es nicht. Ihre beste Freundin war überzeugt, dass SIE es wollte. Ich will es nicht glauben.

Jahrelang hatte ich es nicht gewagt, die Winterreise wieder anzurühren. Dann vor einem Jahr kam mein Agent mit dem Projekt, diesen Liederzyklus aufzunehmen. Seither begleitet mich dieses Werk Tag und Nacht. Ich habe ihm alles geopfert und – mein Gott – wenn einer es heute verstehen kann, wer dann, wenn nicht ich!

Ob sie sich vorstellen könne, wie ich mich fühle, fragte ich die dunkle Gestalt neben mir, als wir schliesslich in die Klostergasse einbogen. Da versuche man verzweifelt, zu verzeihen und zu vergessen, und dann ertönt da mitten in den Schmerz und die Einsamkeit hinein diese Stimme. Ihre Stimme! SIE hatte diese Kantate bei ihrem Masterrezital singen wollen.

Die Erinnerung und der Schmerz hatten mir schliesslich die Sprache verschlagen, während wir langsam auf das Kloster zugingen. Und plötzlich meinte ich, es neben mir leise singen zu hören:

Nun bin ich manche Stunde entfernt von diesem Ort,
und immer hör‘ ich’s rauschen: du fändest Ruhe dort,
du fändest Ruhe dort.

Mein Gott, ich bin doch nicht verrückt! Sollte diese Nonne tatsächlich…? Aber nein, das kann einfach nicht sein! Warum sollte jemand wie sie den „Lindenbaum“ kennen. Ich muss mir das eingebildet haben. Vergeblich versuchte ich, ihren Blick zu deuten, als wir schliesslich an der Pforte unter der Laterne standen. Aber ihre Augen lagen im Schatten der Kapuze ihres Mantels, die sie sich tief in die Stirn gezogen hatte. Das feine Leder ihres Handschuhs fühlte sich kalt an, als sie mir zum Abschied die Hand gab.

Sie hatte die Tür bereits aufgeschlossen, da drehte sie sich plötzlich noch einmal um:

Wie es eigentlich meinem Sohn gehe? Der Kleine müsse doch sicher schon bald in die Schule kommen.

Bevor ich auch nur begriffen hatte, was sie sagte, war die Tür bereits hinter ihr ins Schloss gefallen.


Montag, 3. Januar, 13 Uhr

Die Worte der Nonne hatten mich wie eine Ohrfeige getroffen. Der brennende Schmerz wollte einfach nicht nachlassen, und als ich endlich doch eingeschlafen bin, haben sie mich noch im Traum verfolgt.

Die Sonne schien bereits durch meine Vorhänge, als ich mich endlich aus dem Bett wälzte. Der Frühstückstisch war noch gedeckt für mich, aber das Ei und der Kaffee waren kalt. Auf meinem Teller lag ein Zettel meiner Mutter: Vater hätte seinen Golf Tag und sie sei in die Stadt gefahren. Das Mittagessen ist im Kühlschrank.

Ich hatte mir in der Nacht fest vorgenommen, meine Frau anzurufen und mit meinem Jungen zu sprechen. Doch bevor ich mich dazu aufraffen konnte, läutete mein Telefon. Es war mein Agent. Wie lange ich noch brauche? Unser Pianist habe nur noch bis Ende Januar Zeit. Wenn ich bis in zwei Wochen nicht im Studio sei, könne ich die Winterreise vergessen.

Ich such’ im Schnee vergebens nach ihrer Tritte Spur,
wo sie an meinem Arme durchstrich die grüne Flur.
Ich will den Boden küssen, durchdringen Eis und Schnee
mit meinen heissen Tränen, bis ich die Erde seh’.

Es geht nicht! Es geht einfach nicht. Seit drei Stunden sitze ich nun am Flügel im Salon meiner Eltern und versuchte, meine Stimme und meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Mein Gott, wenn es draussen wenigsten Eis und Schnee gehabt hätte, dann hätten die Tränen meiner Verzweiflung etwas zum Schmelzen gehabt. Aber da war überall nur dieses entsetzliche Grau. Und weit und breit niemand, an dessen Arm ich die grüne Flur durchstreichen könnte.

Sie halte das nicht mehr aus, hatte meine Frau gesagt, an diesem Sonntag vor drei Monaten, nachdem sie einmal mehr alleine mit dem Jungen zu ihren Eltern musste. Ich sei im Begriff, alles kaputt zu machen, unsere Ehe, unsere Familie und vor allem mich selber. Sie könne und wolle das nicht länger mitanschauen. Entweder ich ziehe aus, oder sie gehe mit dem Jungen, jetzt sofort! Eine Stunde später sass ich in einem Taxi zum Bahnhof.

Der Schock sass tief und um mich davon abzulenken, hatte ich mich nur noch mehr in die Winterreise gestürzt. Stundenlang hatte ich mir alle möglichen Einspielungen angehört und fieberhaft nach meinem ureigenen Ausdruck des Schmerzes gesucht.

Wo find’ ich eine Blüte, wo find’ ich grünes Gras?
Die Blumen sind erstorben der Rasen sieht so blass.

Ja, sie sind erstorben, meine Blumen. Alle, die ich liebe, haben mich verlassen. Wann wenn nicht jetzt könnte ich die Winterreise verstehen? Wann wenn nicht jetzt sollte ich diesem Werk meine Stimme leihen?

Soll denn kein Angedenken ich nehmen mit von hier?
Wenn meine Schmerzen schweigen, wer sagt mir dann von ihr?

Ich kann SIE nicht vergessen. Und ich will SIE nicht vergessen. Wie sollte ich meine Liebe vergessen wollen. Nein, nie! Und wenn es um den Preis des ewigen Schmerzes ist.

Auch wenn Du mich noch tausendmal verlässt, ich verlasse Dich nie!


Montag, 3. Januar, 23 Uhr

Mein Herz ist wie erfroren, kalt starrt ihr Bild darin:
Schmilzt je das Herz mir wieder, fliesst auch das Bild dahin.

„Ja, wenn es doch nur endlich schmelzen würde!“

Wie aus dem Nichts ertönte die Stimme meiner Mutter hinter mir, nachdem ich mich am Flügel sitzend zum x-ten Mal an diesem Nachmittag durch die „Erstarrung“ gekämpft hatte. Ich hatte sie nicht kommen hören und erst als sich ihre Hände auf meine Schultern legten und begannen, sanft meinen Nacken zu massieren, witterte ich den vertrauten Duft ihres Parfüms.  

Meine Frau lasse mich grüssen, sagte sie mit diesem leisen Unterton in der Stimme, den ich nur zu gut kannte. Warum ich den Kleinen nicht wenigstens zum Neujahr einmal angerufen habe?

Ich ahnte, dass meine Mutter sich regelmässig mit ihrer Schwiegertochter traf, aber sie hatte mir bisher nie davon erzählt. Die beiden mochten sich von Anfang an und irgendwie hatte es mich immer irritiert, wie scheinbar mühelos meine Mutter die Neue in ihr Herz geschlossen hat, grad so, als ob es ihre erste „Tochter“ nie gegeben hätte. 

Meine Stimme sei so hart und kalt wie das Phantom, dem ich hinterhertrauere, hörte ich sie sagen, nachdem sie ans Fenster getreten war und mit dem Rücken zu mir der untergegangenen Sonne nachschaute. Fassungslos starrte ich auf ihre aufrechte Gestalt, die sich gegen das Abendrot abzeichnete. Sie trug einen weiten, schwarzen Faltenrock über ihren eleganten Stiefeln und hatte sich den weissen Mohair-Strickmantel um die Schultern gelegt, den meine Frau für sie gestrickt hat.

Als ich mich schliesslich aus meiner Starre erhob, um zu protestieren, drehte sie sich um und schaute mir direkt in die Augen: Ob ich es denn wirklich nicht merke? Ob ich wirklich nicht sehe, wie sich meine Liebe in Hass verwandelt habe? Hass auf meine Liebsten, die mich verlassen haben. Und Hass auf mich selber, weil ich verlassen wurde. Der Hass habe mein Herz eingefroren, und mit ihm ein kaltes, erstarrtes Bild von IHR. Ja, wenn mein Herz erst schmelzen würde, könnte auch endlich ihr Bild dahinfliessen. Aber genau das wolle ich einfach nicht zulassen, weil dieses Bild doch schon lange nicht mehr SIE sei, sondern nur noch der willkommene Grund für meine verletzte Eigenliebe. Eigentlich drehe sich doch alles nur noch um mich, meine Einsamkeit, meine Kränkung und mein Selbstmitleid. Ob ich wirklich vergessen habe, was SIE mir damals gesagt hat? Ob ich wirklich nicht merke, wie sehr mich das alles kaputt mache?

Ich habe meine Mutter noch nie so erlebt: so eindringlich, fast flehend, und dabei so unglaublich entschlossen und stark. Sprachlos standen wir uns gegenüber. Erst als sich eine Träne aus ihren Augen löste, wandte sie sich abrupt wieder um. Ich sah, wie ihre Schultern bebten unter der flauschigen Wolle des Strickmantels, während ich selber verzweifelt versuchte, ihre Worte zu verdauen.

Draussen war es langsam dunkel geworden. Nur die Lampe beim Flügel gab uns etwas Licht und warf meinen Schatten auf den weissen Rücken meiner Mutter. Sie schien mir plötzlich etwas gebeugt. Irgendwann holte sie ein Taschentuch aus dem Ärmel, wischte sich die Tränen ab und schnäuzte sich die Nase. Ich konnte sie atmen hören, ruhig, tief, kontrolliert, so wie sie es von der jungen Schwester gelernt hat. Dann, nach einem besonders tiefen Atemzug, richtete sie sich auf, und wie aus der Dunkelheit heraus durchbrach ihre Stimme das quälende Schweigen, ruhig, kaum vernehmbar, und doch klar und bestimmt: „Ich möchte, dass du gehst, noch heute Abend!“

Eine Stunde später packte ich meine Koffer ins Taxi. Meine Mutter stand auf der Treppe vor dem Haus, den warmen Strickmantel fest vor der Brust zusammengezogen. Im Schein der Lampe glaubte ich Tränen auf ihren Wangen funkeln zu sehen. Und als der Wagen anfuhr und ich mich noch einmal umdrehte, stand mein Vater hinter ihr. Ich winkte ihm kurz zu, doch seine kräftigen Arme hielten meine Mutter fest umschlossen.


Dienstag, 4. Januar

Zum ersten Mal seit Wochen sitze ich beim Frühstück in meinem kleinen Studio in der Stadt, eingehüllt in die edle Alpaka-Strickjacke, die mir meine Frau zum 40. Geburtstag geschenkt hat. Seit drei Monaten hatte ich sie nicht mehr getragen.

Ich habe erstaunlich gut geschlafen, nachdem ich mir bis tief in die Nacht den ganzen Schmerz aus der Seele geweint hatte. Dabei habe ich auch von der jungen Nonne geträumt. Diesmal hatte sie ihre Kapuze zurückgeschoben und ich konnte ihre Augen sehen. Sie lächelten.

Meine Hand zitterte leicht, als ich schliesslich die Nummer meiner Frau wählte. Sie klang etwas überrascht aber nicht unwillig. Dem Kleinen gehe es gut, aber nein, er wolle nicht mit seinem Vater reden, hörte ich sie sagen, nachdem ich mitbekommen hatte, wie sie im Hintergrund miteinander tuschelten. « Lass ihm einfach etwas Zeit! »

« Und du? »

« Das weisst du doch, oder?

« Ja, ich weiss, lass mir etwas Zeit!

Nach dem dritten Kaffee fühlte ich mich endlich stark genug, meinen Agenten anzurufen. Er schien nicht wirklich überrascht. Dafür hatte er ein neues Angebot für mich: Die Matthäus-Passion von Bach, drei Aufführungen in der Karwoche. Ein junges aber engagiertes Team, das nach einem erfahrenen Evangelisten suche. Er schicke mir die Liste mit den Namen der anderen Solisten.

Der Name der ersten Sopranistin kam mir bekannt vor. Und tatsächlich, es ist die junge Italienerin, auf die ich an Neujahr gestossen war. Sie hat ein neues Profilbild. Das schwarze Kleid steht ihr ausgezeichnet. Ich stehe zwar nicht auf diesen schlanken, südländischen Typ, aber irgendwie erinnert sie mich doch an meine Frau: dieser selbstbewusste und doch so angenehm unaufdringliche, ja fast scheue Blick, und ihre Weise, die schwarze Strickjacke elegant um die Schultern drapiert zu tragen, diese eigentümliche Mischung aus Verletzlichkeit und Souveränität, die mich immer so an ihr fasziniert hat.

An Arbeit war in meinem Zustand heute definitiv nicht zu denken. Und so nahm ich meinen warmen Wintermantel und ging zum ersten Mal seit Monaten einfach so für ein paar Stunden hinaus an die frische Luft. Ich hatte mir eben eine Maß Bier und eine Schweinshaxe bestellt, in einem kleinen Biergarten, draussen an der wärmenden Sonne, als die Nachricht meiner Mutter kam:

„Du hast Deine Noten auf dem Flügel vergessen.
Ich habe sie zu mir genommen.“

Und da ich im Status sah, dass sie am Schreiben war, wartete ich gespannt. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Nachricht erschien:

„Ich habe Dich belogen!
Deine Stimme war nie hart und kalt.
Ganz im Gegenteil.
Es tut mir leid. Bitte verzeih mir.
In Liebe, Deine Mutter“

Ich brauchte eine Stunde, um ihr zu antworten:

„Lass mir etwas Zeit!“

Und seit einer weiteren Stunde starre ich immer wieder auf dieses eine Wort, das ich ihr noch schicken wollte:

„Danke!“


Zitate aus der Winterreise, op. 89, D 911 von Franz Schubert (1797-1828), Text von Wilhelm Müller (1794-1827)
Originalbild von proidee.de

Warum sie? XXV (die Sopranistin)

(aus dem Tagebuch einer Tochter auf dem Weg zur Emanzipation)

28. Dezember

„Mia Carissima, auf was hast Du Dich da eingelassen!“

Ich wusste, dass meine Mutter so reagieren würde. Warum musste ich es ihr auch sagen? Ich hatte mir doch fest vorgenommen… Andererseits, warum auch nicht. Ich habe keine Geheimnisse vor ihr. Ich bin doch kein Kind mehr.

Und schliesslich, was ist schon so schlimm daran? Ich verbringe ein paar Tage im Kloster, einfach so, für mich. Mehr ist doch nicht dabei. Ich brauche einfach etwas Ruhe und Distanz zu allem.

Aber warum ausgerechnet in einem Kloster? Die Frage habe ich mir schon auch gestellt, als ich heute aus dem Zug gestiegen bin und nach einer schwarzen Gestalt Ausschau gehalten habe. Ich würde abgeholt werden, hatte man mir am Telefon gesagt. Und tatsächlich, da stand sie, inmitten der bewegten Menge, in einem langen Steppmantel und einem schwarzen Schleier, der ihr bis zu den Hüften reichte. Sie hatte mir den Rücken zugedreht und schaute in Richtung der Wagen zweiter Klasse. In dem Moment war es mir plötzlich peinlich, dass meine Mutter mir eine Jahreskarte für die erste Klasse bezahlt. Als professionelle Sängerin müsse ich mich schützen vor zu vielen Menschen, Viren und Bakterien.

Ich zögerte und wusste nicht, wie ich die Nonne ansprechen sollte, als sie sich unvermittelt umdrehte und mich ebenso verdutzt anschaute wie ich sie. Die Frau ist jung. Kaum älter als ich. Ihre Wangen strahlten rosig und ihr Händedruck war warm und fest. Ob ich eine gute Reise gehabt hätte und ob sie mir den Koffer abnehmen dürfe, hörte ich ihre klare Stimme, während ich fasziniert zusah, wie ihre schlanken Finger wieder in einen eleganten, langschäftigen Handschuh schlüpften. Edles Nappaleder, italienische Qualitätsarbeit, fuhr es mir durch den Kopf, während sie mir den Rollkoffer abnahm und mich in Richtung Ausgang führte.

Sie würden nicht ihr gehören, hörte ich sie sagen, als wir wenig später im Auto sassen. Es sei eine Leihgabe einer italienischen … Freundin, meinte sie mit einem verschmitzten Lächeln. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie von den Handschuhen sprach. Falls ich versucht gewesen war, mir etwas auf meine Beobachtungsgabe einzubilden, hat sie mich um Längen geschlagen. Die Frau ist mir unheimlich. Und dieses leise Zögern im Satz. Was braucht es wohl, um von dieser Frau als „Freundin“ geadelt zu werden?

29. Dezember

Ich hatte den halben Tag verschlafen, bis ich ihr nach der Siesta im Besuchszimmer gegenübersass. Der Raum hatte etwas Bedrückendes mit seinen alten Polstermöbeln, dem frommen Krimskrams, der tickenden Wanduhr und dem süsslichen Duft von Möbelpolitur. Instinktiv rückte ich tiefer in meine Sofaecke und kuschelte mich in meine Daunenjacke. Mir war kalt, schon seit dem Aufstehen. Dabei könnte ich nicht behaupten, die Nonnen würden beim Heizen sparen.

Ob ich alles hätte, was ich bräuchte, fragte mich die jungen Schwester, die mir in einem Sessel gegenüber sass und mich über die dampfende Teetasse hinweg musterte. Die Art, wie sie dabei den kleinen Finger abgespreizt hielt, überraschte mich nicht wirklich, nachdem ich gestern Nacht noch intensiv nach ihr gegoogelt hatte. Die Frau hat definitiv Klasse. Sie würde meiner Mutter gefallen.

Ich wisse nicht genau, warum ich eigentlich hier sei, begann ich schliesslich zu reden, nachdem sie mich eine Weile lang erwartungsvoll angeschaut hatte. Ich sei Sängerin und hätte eine strenge Zeit hinter mir. Ich erzählte ihr von den Adventskonzerten, den feierlichen Gottesdiensten, vom Weihnachtsoratorium und der Solokantate von Bach, dem Höhepunkt meines Jahres. Dabei sei ich eigentlich überhaupt nicht religiös. Ich könne mit diesen alten Geschichten und Vorstellungen gar nichts anfangen. Ich habe mich immer nur für die Musik interessiert.

Doch gerade in diesen Weihnachtstagen bin ich immer mal wieder an einzelnen Texten hängengeblieben. Und als ich in der Christmette während der Kommunion eine Arie gesungen habe, sah ich in die Gesichter der Menschen, die dem Priester ihre Hände hingehalten haben, um dieses heilige Brot zu empfangen. Und plötzlich fragte ich mich, warum sie das tun? Was für eine Sehnsucht treibt sie an? Und was hat einen Johann Sebastian Bach dazu gebracht, zu solchen Texten seine unglaubliche Musik zu schaffen?

Vielleicht bin ich einfach gekommen, um zu verstehen. Irgendwie habe ich gespürt, dass das jetzt ansteht, als ich nach Weihnachten erschöpft und alleine in meiner Wohnung sass. Aber nein, natürlich bin ich nicht hier, um mich bekehren zu lassen. Dafür ist das Ganze einfach zu absurd. Oder ob sie denn wirklich glaube an dieses Märchen vom Kind in der Krippe? Wo doch selbst Theologen heute sagen, dass es eine Legende sei, ein erfundener Mythos, wie schon die ganze Geschichte von Moses im Alten Testament. Und könne sie denn wirklich glauben und von ganzem Herzen bekennen – bei all dem Schrecklichen, was in der Welt geschieht, gerade auch im Namen eines allmächtigen Gottes – „dass er uns in Kreuz und Not allezeit hat beigestanden“?

Sie hat mir keine Antwort gegeben. Kein Wunder, meinte meine Mutter, was hätte sie mir schon sagen sollen. Dafür hatte sie sich noch die Zeit genommen, mich durch das Kloster zu führen. Mir war nicht bewusst gewesen, dass man mir eines der schönsten Zimmer im privaten Bereich gegeben hatten, in der Klausur, wie sie es nennen. Schliesslich hat sie mir auch gezeigt, wo ich ihre Zelle finde. Ich könne jederzeit bei ihr klopfen, wenn ich etwas brauche. Und ob ich morgen Lust auf einen Spaziergang hätte? Am Nachmittag sei sie besetzt, aber abends wäre dann auch die Priorin wieder da. Ansonsten solle ich mich völlig frei fühlen.

Das tat ich dann auch. Nach dem Nachtessen ging ich noch etwas an die frische Luft. Der milde Westwind war viel zu warm für diese Zeit, tat mir aber gut, als ich in meine Jacke verpackt auf einer Bank sass und den Sternenhimmel betrachtete. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich zum letzten Mal so entspannt, ruhig und frei gefühlt hatte.

Dann hörte ich den Glockenschlag der Klosterkirche, der mich daran erinnerte, dass ich meine Mutter anrufen musste.

30. Dezember

Ich hatte wieder bis neun Uhr geschlafen und war noch beim Frühstück, als die junge Schwester bereits mit dem Mantel über dem Arm auftauchte. Und kurz darauf spazierten wir schweigend dem Fluss entlang, während die winterliche Sonne uns durch die nackten Zweige der Bäume entgegenstrahlte. Ausser einem gelegentlichen Hund und seinem Herrchen waren wir alleine und selbst das Rauschen des nahen Städtchens trat allmählich hinter dem leisen Geräusch unserer Schritte zurück.

Ich hätte natürlich Recht, durchbrach sie schliesslich die Stille, als wir auf einer Brücke standen und das Wasser betrachteten, das lautlos unter uns vorbeiströmte. Auch sie glaube nicht wirklich an die Weihnachtsgeschichte, so wie sie in der Bibel steht. Aber sie glaube an die Wahrheit, die diese Geschichte erzählt: Dass Gott Mensch geworden ist und dass er dies in äusserster Diskretion getan habe, ohne Spektakel, Pauken und Trompeten. Und sie glaube fest, dass dieser Jesus auf immer ist, was sein Name besagt: Immanuel, Gott mit uns. Sie habe das schon als kleines Mädchen erfahren dürfen. Doch erst, als sie schon ein paar Jahre Nonne war, sei ihr auch die Erkenntnis geschenkt worden, „dass er uns in Kreuz und Not allezeit hat beigestanden“.

Ich war noch daran, nach einer passenden Antwort zu suchte, als sie begann, mir die Geschichte von den italienischen Handschuhen zu erzählen: Die Geschichte eines Engels, der plötzlich neben ihr aufgetaucht war, in der einsamsten Nacht ihres Lebens, an einer verlassenen Hotelbar. Die Geschichte einer geteilten Einsamkeit, von stinkenden Zigaretten und ihrem ersten Vollrausch, und von Armen, die sie gehalten haben, als sie am Morgen aufgewacht war. Diese Begegnung habe ihr die Kraft gegeben, sich der eigenen Geschichte und ihrer Dämonen zu stellen. Dabei habe der gute Engel von all dem gar nichts mitbekommen. Im Gegenteil, vermutlich würde er behaupten, es sei genau umgekehrt gewesen.

Das fröhliche Lachen meiner Begleiterin klang so spontan und authentisch, dass mir die Tränen kamen. Warum erzählt sie mir diese Geschichte, mir, einer Fremden? Wir kennen uns doch noch keine zwei Tage. Ich hasse es, vor anderen Menschen zu weinen, und daher war ich dankbar, dass sie sich der eingehenden Betrachtung eines blühenden Haselzweiges widmete, während ich verstohlen die Spuren meiner Tränen beseitigte.

Auf dem Rückweg fragte sie mich plötzlich, was es denn mit meinem geschärften Blick für gute Handschuhe auf sich habe. Die Frage war mir peinlich. Eigentlich spreche ich nicht gerne über meine Mutter. Irgendwie ist mir das zu intim. Unsere Beziehung ist so tief, so vertraut. Ich bin ihr einziges Kind, alles was sie hat. Und sie ist meine beste Freundin, meine einzig wirkliche. Ich weiss schon, was die Leute denken. Aber die verstehen das nicht. Und daher habe ich gelernt, lieber zu schweigen.

Diesen Blick, den habe mir meine Mutter eingeschärft, hörte ich mich schliesslich sagen, nachdem wir eine Weile wortlos nebeneinander gegangen waren. Für sie gebe es zwei Kriterien, an denen man die Klasse einer Frau erkenne: Den Klang ihrer Stimme und ihre Handschuhe.

Ja, meine Mutter hatte schon immer ihre eigenen Massstäbe. Seit ihr Vater sie als kleines Mädchen zum ersten Mal in die Mailänder Scala mitgenommen hatte, kannte sie nur ein Ziel: Opernsängerin zu werden. Diesem Traum hatte sie alles geopfert. Doch entweder war sie einfach nicht gut genug, oder sie hatte nicht die richtigen Freunde, oder beides zusammen. Wie auch immer, beim Versuch, es trotzdem irgendwie zu schaffen, hatte sie erst recht ihre Stimme ruiniert. Bis heute hat sie diese Niederlage nicht wirklich verdaut.

Es ist schon erstaunlich, dass ich dieser jungen Nonne all das erzählt habe. Meine Mutter hätte das nicht gewollt. Sie spricht nie über sich selber. Dafür umso mehr über mich. Wie sehr hätte sie sich gewünscht, dass ich ihren Traum verwirklichen würde. Ich weiss bis heute nicht, ob sie mir wirklich verziehen hat, dass ich die renommierte Opernausbildung in Italien abgebrochen habe und stattdessen in die Schweiz gefahren bin, um mich als Sängerin für Alte Musik ausbilden zu lassen.

Sie klang wieder einmal nicht sehr glücklich heute Abend und ich zögerte noch, ob ich ihr wirklich von dem Gespräch erzählen sollte, als es plötzlich an meiner Tür klopfte. Sie sei die Priorin und wolle sich nur kurz vorstellen, meinte die freundliche Nonne mit dem silbernen Kreuz über der Brust. Und als sie sah, dass ich am Telefon war, lud sie mich ein, später zu ihr ins Büro zu kommen, im zweiten Stock, links, am Ende des Ganges.

Mia Mamma hat es einmal mehr geschafft, mich in einer Mischung aus Ärger und schlechtem Gewissen zurückzulassen. Da tat es einfach gut, als ich wenig später an die offene Tür klopfte und mit einem munteren „hereinspaziert!“ empfangen wurde. Das Büro wirkte hell und leicht, kein Vergleich zur bedrückenden Atmosphäre im Besuchszimmer. Anstelle von alten Polstermöbeln standen bequeme IKEA-Sessel um einen kleinen Glastisch, auf dem eine Kerze brannte.

Die Schwester war jünger, als ich gedacht hätte. Sie war eben erst von einer Reise zurückgekommen. An der Garderobe hing ein eleganter Mantel und auf dem Tischchen daneben lag die ungeöffnete Post neben einer Handtasche und einem Paar abgenutzter Wollhandschuhe. Ihr Schreibtisch war aufgeräumt, und über der Lehne des Bürostuhls hing eine schwarze Strickjacke, ich tippe auf Kaschmir, eine dieser Jacken klassischer Twinsets, wie sie auch meine Schottische Gesangslehrerin zu tragen pflegte.

Was sie mir anbieten dürfe, fragte sie, nachdem sie mich eingeladen hatte, auf einem der Sessel Platz zu nehmen. Sie hätte da einen besonderen Whisky, einen Schottischen Single Malt, 19jährig, ein Geschenk einer Freundin. Und da diese so selten vorbeikommen und sie selber nie alleine trinke, müsse sie dafür immer ihre Gäste missbrauchen.

Starke Getränke sind eigentlich nicht so meine Sache, aber ihrer sanfte Stimme – die so gar nicht zu ihren Handschuhen passte – ihrer Herzlichkeit und ihrem entwaffnenden Humor konnte ich nicht widerstehen. Der Whisky war tatsächlich ausserordentlich, und mein Gegenüber war es auch. Sie war eine geduldige Zuhörerin und der ungewohnte Alkohol trug das Seine dazu bei, dass ich erzählte und erzählte.

Schliesslich fragte sie mich, wofür ich besonders dankbar sei am Ende dieses Jahres. Die Antwort fiel mir nicht schwer. Ich war 15, als ich zum ersten Mal die Solokantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ von Bach gehört hatte, gesungen von der legendären britischen Sopranistin Emma Kirkby. Von diesem Moment an hatte ich nur einen Traum: eines Tages zu singen wie sie. Dafür hatte ich alles geopfert, die Oper verlassen und den Traum meiner Mutter verraten. Und vor einem Monat war es endlich soweit. Ich hatte es tatsächlich geschafft: Der grosse Konzertsaal, bis auf den letzten Platz besetzt, die fantastischen Musiker und mitten drin ich, alleine vor all den Leuten, in meinem neuen Kleid, das ich speziell für diesen Anlass gekauft hatte. Natürlich war ich schrecklich nervös, aber es war alles gut gegangen. Die Leute waren zufrieden und die Kritiker auch. Nur meine Mutter war nicht gekommen. Dabei hatte ich ihr sogar das Flugticket bezahlt.

Ob ich es dabeihabe, das Kleid, fragte meine Zuhörerin schliesslich, nachdem mein Redefluss unvermittelt verstummt war. Natürlich, es sei in meinem Koffer. Ich möchte es doch meiner Mutter zeigen, erwiderte ich und ärgerte mich dabei über den Klang meiner Stimme. Die Schwester schien meinen Schmerz zu spüren und bot mir noch etwas Whisky an. Aber ich hatte genug. Ich fühlte mich plötzlich erschöpft und wollte nur noch schlafen. Schlafen und vergessen.

Ich hätte sie neugierig gemacht, hörte ich die Priorin mit gedämpfter Stimme sagen, als sie mich noch durch die nächtlichen Gänge zu meinem Zimmer begleitete. Sie würde mich so gerne singen hören. Ob ich nicht Lust hätte, die Kantate zu singen, am Neujahrstag, beim Festgottesdienst in der Klosterkirche?

Ich muss sie einen Moment lang entgeistert angestarrt haben. Nein, das gehe natürlich nicht, hallte meine Stimme durch den Gang. Ich sei zur Erholung gekommen, nicht zum Arbeiten. Ich werde morgen abreisen, um wie üblich Silvester mit meiner Mutter zu verbringen, und überhaupt, wie solle das denn gehen, in so kurzer Zeit und ohne Orchester?

Es ist klar, das Ganze ist natürlich völlig unrealistisch. Wenn da nur nicht dieser kurze Schatten auf ihrem Gesicht gewesen wäre, dieser leise Ausdruck von Enttäuschung in ihren Augen. Sollte sie es tatsächlich ernst gemeint haben?

31. Dezember

(9 Uhr) Ich habe meine Mutter angerufen. Mein Flug geht um 15 Uhr. Wenn alles gut geht, bin ich gegen 18 Uhr bei ihr. Die junge Schwester wird mich an den Bahnhof fahren.
Wer diese Schwester sei, von der ich dauernd rede, hat sie gefragt. Mein Gott, Mamma, wie ich diesen Klang in deiner Stimme hasse! Kannst Du nicht endlich aufhören damit? Nur weil ich immer noch keinen Freund habe. Den würdest du wahrscheinlich noch mehr hassen.

(12 Uhr) Ich bin eine Stunde lang dem Fluss entlang getigert, habe eine weitere Stunde in der kühlen Kirche gehadert und dann 30 Minuten auf die Priorin gewartet. Ob sie es wirklich ernst gemeint habe? Ja, hat sie, und wie! Auf ihrem Schreibtisch lag der Klavierauszug der Kantate bereit. Die Frau ist Konzertorganistin! Warum hat sie mir das nicht gleich gesagt?

(16 Uhr) Warum ich anrufe? Ich müsste doch längst im Flieger sitzen? Meine Mutter hat sofort begriffen, worum es ging, noch bevor ich etwas gesagt habe. Sie war ausser sich. Wie ich ihr das antun könne, sie einfach so im Stich zu lassen. Ich sei egoistisch und undankbar, nach allem, was sie für mich getan habe.
Ihre Worte tun mir weh und sie weiss das genau. Ich fühlte mich wie nackt im kalten Regen. Seit Stunden kämpfe ich gegen meine Schuldgefühle.
Schliesslich habe ich die junge Schwester gefragt, was sie getan hätte? Ob es wirklich egoistisch und herzlos von mir sei, meine Mutter an Silvester alleine zu lassen? Sie hat mich nur lächelnd angeschaut und gesagt, dass ich ihr eine grosse Freude mache, wenn ich bleibe… und vielen anderen auch.

1. Januar

Deo gratias, würden die Schwestern sagen. Dank sei Gott… wenn es DICH denn wirklich gibt.

Was für ein Beginn dieses Jahres! Wer hätte gedacht, dass ich heute hier sitze, alleine in meiner kleinen Wohnung, weit weg von meiner Mutter, völlig erschöpft, seit Stunden am Weinen, aber glücklich… wie noch nie!

Keine 24 Stunden ist es her, dass wir zum ersten Mal zusammen geprobt haben, die Priorin und ich, abends nach dem Gebet in der Klosterkirche. Es war kühl oben auf der Empore, aber als über unseren Köpfen die Trompetenregister der grossen Orgel erschallten, war alles vergessen: meine Anspannung, meine Zweifel, meine Ängste und diese ewigen Schuldgefühle. Sie ist einfach unglaublich! Es war, als ob wir uns blind verstehen würden, als ob wir schon immer zusammen musiziert hätten.

Zurück in meinem Zimmer las ich die Nachricht meiner Mutter. Ich brauche sie nicht anzurufen. Sie sei für eine Weile weggefahren. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Fast ein halbes Jahr hatte sie damals nicht mehr mit mir gesprochen, nachdem ich in die Schweiz gefahren war.

Eigentlich wollte ich schlafen gehen und mich auf den Morgen vorbereiten. Aber wie sollte das gehen mit dem ganzen Gefühlschaos, das in mir tobte? Nachdem ich mich eine Stunde lang verzweifelt hin und her gewälzt hatte, bin ich schliesslich aufgestanden und in die Kirche geflohen, wo die Schwestern den Jahreswechsel im Schweigen verbrachten. In meine Daunenjacke verpackt setzte ich mich in eine der hintersten Bänke. Vor mir verteilt sassen die Nonnen und dazwischen ein paar wenige Leute von auswärts. Ich suchte vergeblich nach der Priorin und der junge Schwester. Von hinten sehen sie alle gleich aus mit ihren schwarzen Schleiern. Und alle schauten sie nach vorne, wo inmitten von Kerzen ein sonnenförmiges Gebilde auf dem Altar stand, das „Allerheiligste“, wie mir die Priorin heute Morgen erklärte. Irgendwann begannen dann die Turmglocken über uns das alte Jahr auszuläuten. Ich genoss ihren warmen Klang. Und als mich schliesslich eine lächelnde Nonne sanft aus meinen Träumen weckte, war das neue Jahr schon über eine Stunde alt.

Ich war aufgeregt wie noch nie vor einem Konzert, als ich in meinem langen, schwarzen Kleid das Büro der Priorin betrat. Ich sehe einfach hinreissend aus, meinte sie begeistert, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte sie ihre Kaschmirjacke vom Stuhl genommen und mir um die Schultern gelegt. Es sei kühl in der Kirche und ich wolle ja wohl nicht in meiner Daunenjacke singen.

Seit zwei Stunden überlege ich, was ich als nächstes schreiben soll. Aber mir fehlen die Worte. Ich hatte auch schon bei Gottesdiensten gesungen, aber heute war es anders. Plötzlich war alles mit Sinn erfüllt:

„ Jauchzet Gott in allen Landen! …
dass er uns in Kreuz und Not allezeit hat beigestanden
.“

„Wir preisen, was er an uns hat getan.
Muss gleich der schwache Mund von seinen Wundern lallen,
so kann ein schlechtes Lob ihm dennoch wohlgefallen.“

Nein, ich bin nicht Emma und werde es auch nie sein. Aber es war meine Stimme, die heute diesen wunderbaren Kirchenraum erfüllt hat. Es war mein Schmerz, meine Sehnsucht und meine Freude. Und gleichzeitig war da mehr, viel mehr, als ob nicht ich selber gesungen hätte… als ob es in mir gesungen hätte… oder ER?

Als das letzte „Alleluja!“ verklungen war, begannen die Leute zu klatschen. Es waren nicht viele, aber das spielte keine Rolle. Ich sah die Freude in ihren Gesichtern. Und das machte mich froh.

Als „bescheidenen Dank“ hat mich die Priorin eingeladen, zusammen mit ihr und den Schwestern zu essen. Und als ich ihr schliesslich beim Abschied ihre Jacke zurückgeben wollte, meinte sie strahlend, ich könne sie bestimmt besser brauchen als sie. Das edle Stück passe perfekt zu meinem Kleid. Und vielleicht würde ich ja gelegentlich an sie und ihre Schwestern denken, wenn ich es beim Singen trage. Sie habe es damals mit ihrem ersten Konzerthonorar gekauft. Doch seit sie im Kloster ist, sei es eigentlich nur noch ein heimlicher Tröster, wenn zwischendurch mal nostalgische Sehnsüchte in ihr wach werden.

Mein Gott, ich liebe ihren Humor, ihre Selbstironie und ihr Lächeln. Dabei hätte ich schwören können, in ihren Augen eine Träne gesehen zu haben, als sie mich zum Abschied spontan umarmt hat.

Als ihre junge Mitschwester und ich wenig später im Auto sassen und schon im Begriff waren loszufahren, kam die Priorin noch einmal mit wehendem Schleier aus dem Haus gestürzt und überreichte mir noch eine Plastiktüte. Ich hatte diese spontan in meine Tasche gesteckt und erst zuhause beim Auspacken entdeckte ich darin den schwarzen Pullover, das passende Stück, das aus der Jacke ein Twinset macht.

„Was macht für dich eine Freundin aus?“, hatte ich die junge Schwester gefragt, bevor wir am Bahnhof aus dem Auto gestiegen sind. Ihre Antwort war ebenso spontan wie kurz:

„Eine Freundin ist jemand, der dir seine besten Handschuhe gibt, wenn du im Regen stehst und kalt hast.“

Warum sie? XXIV (der Festprediger)

(aus den Aufzeichnungen eines Priesters über die Qualen einer heimlichen Liebe)

26. Dezember, 22 Uhr

Weihnachten ist definitiv nicht meine Zeit.

Daran können auch die wunderbaren Festgottesdienste im Kloster nichts ändern. Dabei hatte ich mich so gefreut auf diese Tage, auf die liebevoll geschmückte Kirche, auf den Gesang der Nonnen, auf die gesammelte Stille im Kloster und auf sie, die Frau meiner Träume.

Doch einmal mehr haben sich meine Hoffnungen nicht erfüllt. Einmal mehr sitze ich da in meinem Gastzimmer, alleine vor meinem Laptop, mit einer Kerze und einer Flasche Talisker Whisky, meinem liebgewonnenen Begleiter in solch einsamen, verregneten Winternächten.

Es ist jedes Jahr dasselbe. Da hat man sich wochenlang vorbereitet, wunderbare Predigten gehalten und sich und den anderen eingeredet, wie sehr sich Gott nach uns sehnt und wie sehr wir uns freuen dürfen, dass er sich herablässt, für uns Mensch zu werden. Und dann ist Heilig Abend und ich spüre einfach nichts. Gar nichts! Nur immer wieder diese Müdigkeit und Leere, diese innere Kälte und Kraftlosigkeit, wenn ich in der Sakristei stehe und darauf warte, für das verwöhnte Festtagspublikum die Hochheiligste Nacht zu feiern.

Da kann die junge Nonne noch so oft diesen Peter Faber zitieren, einen der ersten Jesuiten, dem es offenbar ähnlich ergangen ist, weil er im entscheidenden Moment seine innere Wohnung so kalt und unvorbereitet fand. Ich solle doch froh sein, denn „das bedeutet, dass Christus in einen Stall kommen will. Wenn du nämlich schon glühend wärest, fändest Du jetzt die Menschheit deines Herrn nicht; denn du sähest viel weniger einem Stall ähnlich.“

Diese Weisheit hat sie natürlich von ihrem geistlichen Begleiter, einem Jesuiten. Na klar, für das hübsche Bankierstöchterchen ist nur das Beste gut genug. Mit einem normalen Priester wie mir gibt die sich nicht ab. Das hat sie mir schnell zu verstehen gegeben, nachdem ich damals vor drei Jahren zum ersten Mal gekommen war, um mit den Schwestern Weihnachten zu feiern. Nie werde ich diese unterkühlte Freundlichkeit vergessen, mit der sie mich damals am Bahnhof abgesetzt hat. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, aus dem Wagen zu steigen, obwohl sie wusste, dass ich keinen Schirm dabei hatte.

Es hatte nur einmal geregnet an diesem Tag, genau wie heute. Noch immer weht der Wind den Regen gegen mein Fenster. Vor Stunden schon hat er den Rest der weissen Pracht hinweggefegt, die noch vor ein paar Tagen im Mondschein den Klostergarten verzaubert hatte. Jetzt ist da nur mehr nackte Finsternis unter meinem Fenster. Nur drüben beim Friedhof stemmt sich noch das eine oder andere Grablicht gegen die Gewalten der Natur. Und gegenüber bei den Schwestern leuchtet es noch gelb aus einzelnen Fenstern. Auch oben links im zweiten Stock. Einen Moment lang glaubte ich, ihren Schatten hinter dem Vorhang zu sehen. Was würde ich dafür geben, einmal ihre Zelle zu besuchen. Was macht sie wohl gerade? Und woran denkt sie?

Wie auch immer, Prost, auf dein Wohl, Du Gefährtin meiner Träume!

Sie war mir damals sofort aufgefallen. Irgendwie war sie anders als die anderen Frauen in unserer Kursgruppe, reifer, selbstbewusster, erwachsener. Sie hatte nicht viel gesagt, aber was sie gesagt hat, hatte Hand und Fuss. Ich mochte ihre Stimme. Und ich mochte ihr Gesicht, vor allem wenn sie lächelte. Nie werde ich meine Verblüffung vergessen, als ich ihr und ihrer Mitnovizin beim Joggen begegnet bin. Ich hatte sie erst gar nicht erkannt mit ihren nackenlangen, dunklen Haaren. Irgendwie hatte ich sie mir unter ihrem Schleier blond und kurzhaarig vorgestellt. Doch diese „Enttäuschung“ hatte sie für mich nur noch faszinierender gemacht.

Mein Gott, über fünfundzwanzig Jahre ist das nun her. Ich war damals noch Novize bei den Benediktinern. Wie sehr hatte ich es genossen, endlich einmal aus meinem Kloster herauszukommen, weg von diesen alten Männern. Was hatte ich kämpfen müssen, um von meinem Abt die Erlaubnis zu bekommen, an dieser Studienwoche für Novizinnen und Novizen teilnehmen zu dürfen. Im Nachhinein gesehen war es ein Kampf auf Leben und Tod. Ich hätte es mir nie eingestanden, aber ich war innerlich tot, abgelöscht, am Rande einer Depression.

Sie hatte mich damals von einem Moment auf den anderen wieder zum Leben erweckt. Dabei hatte sie von all dem natürlich nichts mitbekommen. Wie hätte sie auch wissen sollen, was hinter meiner abgeklärten Fassade vor sich ging. Ich war viel zu scheu und ängstlich, um irgendetwas von meinen Gefühlen zu zeigen.

Sie war eine der ersten gewesen, die sich zurückgezogen hatten, als wir am letzten Abend vor dem Haus den Abschluss des Kurses gefeiert haben. Ihr Weinglas war noch halb voll, während unser Kursleiter schon die vierte Flasche öffnete. Als auch ich irgendwann gegen Mitternacht aufgestanden war, musste ich ums Gleichgewicht ringen. Die Aussicht, am nächsten Tag wieder hinter die Klostermauern zurückzumüssen, war durch den Alkohol nicht erträglicher geworden. Im Gegenteil.

Irgendwie hatte ich mich in dieser Nacht überwinden können, doch noch kurz in die Hauskapelle zu gehen, wo ich mich zuhinterst auf einen Stuhl sinken liess. Ich war so benommen, dass ich erst gar nicht bemerk hatte, dass ich nicht alleine war. Sie sass vorne beim Tabernakel. Es konnte nur sie sein. Wir hatten nur zwei Novizinnen mit weissem Schleier, und ihre Kollegin sass immer noch draussen mit dem Kursleiter am Diskutieren.

Die Nebel in meinem Kopf hatten sich schlagartig verzogen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ein unvergesslicher Moment der Intimität, nur sie und ich, umgeben von der unheimliche Stille dieser Kapelle. Einzig der flackernde Schein des ewigen Lichtes sorgte für etwas Bewegung an den Wänden, und an der Seite ihres Stuhles baumelten gelegentlich die losen Ärmel der schwarzen Strickjacke, die sie sich um die Schultern gelegt hatte.

Was war wohl damals in ihr vorgegangen? Was hatte sie um diese Zeit noch zu besprechen mit ihrem Jesus? Ging es ihr vielleicht wie mir? Hatte sie mit ihren Zweifeln gerungen? War sie vielleicht auch zur Einsicht gekommen, dass das kein Leben sei für eine intelligente junge Frau wie sie? Ich hatte selten so intensiv gebetet wie in dieser Nacht, für sie, für ihre Zukunft, für eine weise Entscheidung, und für mich.

Ich weiss nicht, wie lange ich so dagesessen war und sie angestarrt hatte. Irgendwann hat sie sich plötzlich umgedreht, als ob sie erst jetzt meiner gewahr wurde. Im Schein der Kerzen sah ich das Erstaunen in ihrem Gesicht. Und nach kurzem Zögern verneigte sie sich vor dem Tabernakel und eilte wortlose an mir vorbei aus der Kapelle. Ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt wahrgenommen hatte, wer da mit ihr im Dunkeln sass. Und selbst wenn, es hätte wohl für sie keine Rolle gespielt.

Ja, Prost, meine Liebe! Ich trinke auf Dich, Du ahnungsloses Objekt meiner Sehnsucht!

Eigentlich war mir damals schon klar, dass ich am falschen Ort war. Ich war nicht geschaffen fürs Kloster. Der Umstand, dass ich mich Hals über Kopf verliebt hatte, war zwar kein Beweis dafür. Aber es war der Anlass, der mich aus meiner Lethargie gerissen hatte und mich befähigt hat, eine Entscheidung zu treffen und den Orden zu verlassen. Dass ich dennoch Priester geworden bin, lag einerseits an meiner Liebe für Christus, anderseits aber auch an der festen Überzeugung, dass es neben ihr keine andere Frau in meinem Leben geben kann. Und da sie noch im selben Jahr ihre erste Profess abgelegt hat, hatte sie ohne es zu wissen auch meine Lebenswahl entschieden.

Immerhin hatte ich damals den Mut, meinem Bischof davon zu erzählen. Und der hatte die Weisheit, mich fürs Studium ins Ausland zu schicken, wo ich schliesslich fast zwanzig Jahre geblieben bin. Diese Zeit war so reich und erfüllt mit spannenden Aufgaben und Begegnungen, dass die Erinnerung an meine Liebe allmählich verblasst ist. Erst als ich vor ein paar Jahren zurückkam und eines Tages angefragt wurde, ob ich nicht im Kloster die Weihnachtsliturgien feiern könnte, war sie plötzlich wieder da. Und mit ihr die Gefühle, wie wenn ich nie weggewesen wäre. Dann stand ich vor ihr. Ich hatte sie sofort erkannt, ihren selbstbewussten Blick, ihr Lächeln, die warme Stimme. Nur der Schleier war jetzt schwarz, und über ihrer Brust hing ein kunstvolles Kreuz.

Glückwunsch, ehrwürdige Frau Priorin! Sie haben es zu etwas gebracht! Auf Ihr Wohl!

Ich hatte von Anfang an gewusst, dass sie das Zeug dazu hat. Sie war genau der Typ, ruhig, überlegt, verantwortungsbewusst, vorbildlich. Ich hatte mich immer gefragt, was eigentlich ihr wirklicher Name ist. Der Ordensname schien mir irgendwie nicht zu ihr zu passen. Ich hätte auf Petra getippt. Keine Ahnung warum. Sie war für mich einfach eine typische Petra. Vielleicht wegen Petrus? Wobei, so leidenschaftlich wie Petrus, nein, das war sie nicht. Petrus hätte sicher mit mir einen Whisky getrunken. Petra nicht, nein, ganz bestimmt nicht!

Oh, ja, das Licht ist aus bei ihr. Die ehrwürdige Frau Mutter schläft den Schlaf des Simeon.

Gott schenke Dir schöne Träume, liebe Petra! Ich trinke derweil auf Dein Wohl. Prost!

Ahnt sie überhaupt, wie glücklich sie mich gemacht hat, als sie mich am Weihnachtstag nach dem Mittagessen zu einem Spaziergang eingeladen hat? Es war das erste Mal in all den Jahren. Sie sah einfach umwerfend aus in ihrem eleganten, schwarzen Mantel. Das sei ein Designerstück, hat sie mir schmunzelnd gestanden, aus der Zeit vor ihrem Eintritt ins Kloster, eine Kreation der verstorbenen Mutter ihrer jungen Mitschwester, meiner speziellen Freundin.

Ich weiss nicht, was in sie gefahren war. So war sie noch nie zu mir. Irgendwann hatte es zu regnen begonnen. Wir hatten nur einen Schirm dabei und sie hatte doch tatsächlich bei mir untergehakt. Zurück im Kloster hatte sie mich im Gästesalon installiert und unsere Mäntel zum Trocknen aufgehängt. Und als sie wenig später mit Tee und Kuchen wiederkam, trug sie eine elegante schwarze Kaschmirjacke um ihre Schultern drapiert, genauso wie damals nachts in der Kapelle. Es war zum Verrücktwerden. Zum ersten Mal schien sie mich wirklich wahrzunehmen. Zum ersten Mal überhaupt hatte ich das Gefühl, von ihr angeschaut zu werden, nicht als hochwürdiger Priester von der ehrwürdigen Frau Prioren, nein, so richtig von Mensch zu Mensch, von Frau zu Mann.

Mein Gott, es ist einfach nur zum Heulen! Jubeln hätte ich wollen, wie die Engel an Weihnachten; ihr sagen, wie sehr ich mich freue, wie schön es ist, dass wir uns endlich etwas kennenlernen. Und danken hätte ich ihr wolle, danken und gratulieren für diese sagenhafte Toccata und Fuge von Bach, die sie zum Schluss des Festgottesdienstes gespielt hat. Wie sehr mich gerade dieses Stück zutiefst berührt hat. Mein Gott, ich hatte ja keine Ahnung, dass sie… Aber nein, nichts von dem habe ich über die Lippen gebracht. Stattdessen habe ich über alles und nichts geredet, über den Gang der Welt, das Elend der Kirche, über Skandale und Missbräuche, über die Schwierigkeit, in dieser Zeit noch so etwas wie Hoffnung zu predigen, und und und…

Und Du, Du bist einfach dagesessen, wie eine schwarze Madonna auf ihrem Thron, hast zugehört, ehrwürdig, elegant, lächelnd… mit Deinem Lächeln, das so unglaublich schön ist, und das doch mit der Zeit wieder nur das gnädig unverbindliche Lächeln einer ehrwürdigen Frau Mutter war.

Und dann hat diese Scheissglocke geläutet. Du bist aufgestanden, hast mir für meine Zeit gedankt, mir höflich die Hand gereicht und schon warst Du mit wehender Strickjacke zur Vesper entschwunden. Und Tschüss! Das war’s dann!

Nein, meine Liebe, dieser letzte Drink ist nicht für Dich! Den brauch ich jetzt für mich! Für mich ganz allein! Prost, alter Junge!

Mein Gott, Petra, was machst Du mit mir?
Da pennst Du einfach so ruhig in Deiner Zelle… und was ist mit mir?
Wie kannst Du mir das antun? Merkst Du denn gar nicht…?
Aber nein, natürlich nicht… Du hast noch nie…
Meinst Du denn wirklich, Du seist etwas Besseres als ich, nur weil Du die Heilige spielst, Dich in die Kapelle verkriechst und mich alleine saufen lässt?
Für wen haltet Ihr Euch eigentlich, Du und Deine blasierte Supernonne?
Aber klar, ich verstehe schon, die ehrwürdige Frau Mutter hat ihren Schützling gewarnt vor dem bösen Wolf… vor dem scheinheiligen Priester, der nachts in der Kapelle junge Schwestern stalkt… also immer schön auf Distanz bleiben, nett sein, lächeln, mehr nicht… auf keinen Fall!

Verdammt noch mal, Petra, oder wie immer Du wirklich heisst, warum kannst Du mich nicht einfach in Ruhe lassen?
Warum quälst Du mich mit Deinem geheuchelten Interesse, Deinem noblen Schweigen und Deinem verdammten Lächeln?
Ich bin Dir doch scheissegal… immer schon.
Ich war doch immer nur Luft für Dich… ausser natürlich als Sakramentenspender… dafür bin ich gut genug… um Euch Euren geliebten Jesus zu verschaffen.
Weisst Du eigentlich, wie sehr ich Dich dafür hasse, Dich und all Deine frommen Pinguine.

Oh mein Gott, was schreibe ich hier zusammen!
Herr, hilf mir!!!

Petra, vergib mir, bitte! Ich brauche Dich…
Wo bist Du? Hör mir zu! Ich will doch nur…

Petra!

*******

27. Dezember, 20 Uhr

Ich wage es nicht, den Brief zu öffnen.

Seit Stunden liegt er vor mir auf dem Tisch, neben meinem Laptop. Auch diesen wage ich kaum mehr aufzuklappen, nachdem ich heute Nachmittag meinen Eintrag von gestern Nacht gelesen hatte. Ich war nahe daran, die Seiten zu löschen. Aber nein! Die gehören zu mir. Sie sind ab sofort Teil meines Lebens. Ich kann nicht so tun, als ob nichts gewesen wäre.

Irgendwie ist es schon ein Wunder. Manch einer hätte sich an meiner Stelle wohl vor Scham umgebracht. Auch ich war nahe dran, heute Morgen, als ich bei Tageslicht aufgewacht war und noch im Halbschlaf die Glockenschläge der Turmuhr mitgezählt hatte. Es waren neun. Um acht Uhr war ich für die Messe vorgesehen.

Ich hasse dieses Gefühl, wenn einem schlagartig der Schock der Erkenntnis trifft und das Adrenalin in den Körper schiesst. Mein Gott, das war mir noch nie passiert, seit ich zum Priester geweiht worden bin. Man kann mir vieles vorwerfen, aber in dieser Beziehung war ich die Zuverlässigkeit in Person, und immer schon eine halbe Stunde vorher in der Sakristei. Aber warum hat mich niemand geweckt? Warum sind die Schwestern nicht klopfen gekommen?

Die Frage war verwirrend, wurde aber schnell von einer viel grundsätzlicheren und weit verwirrenderen Frage abgelöst: Wie zum Teufel bin ich überhaupt ins Bett gekommen? Ich hatte mein Pyjama nicht an, nur ein T-Shirt und meine Unterhose. Mein Rollkragenpullover, meine Hose und meine Socken lagen sorgfältig zusammengelegt auf einem Stuhl und mein Cardigan hing über der Lehne. Diese Mühe hätte ich mir nie gemacht. Was war hier los?

Die ältere Schwester, die mir schliesslich das Frühstück servierte, strahlte über das ganze Gesicht. Der alte Stadtpfarrer sei heute seit langem wieder einmal zum Konzelebrieren gekommen. Er habe sich so gefreut, die Messe mit ihnen feiern zu dürfen. Und die ehrwürdige Mutter lasse mich herzlich grüssen. Sie sei direkt nach dem Gottesdienst für zwei Tage zu ihrer Familie gefahren. Und ob ich schon am Morgen abreise oder noch bis zum Mittagessen bleibe?

Am liebsten hätte ich mich ja sofort und diskret mit einem Taxi aus dem Staub gemacht. Aber das hätten mir die Schwestern nie verziehen. Und so sass ich zwei Stunden später einmal mehr neben der jungen Schwester im Auto. Ich fühlte mich entsetzlich, verstand überhaupt nichts und betete vergeblich, aus diesem Albtraum aufzuwachen. Mein Kopf schmerzte, mein Magen rebellierte und mein ganzer Körper fröstelte unter dem warmen Mantel. Irgendwie hätte ich das quälende Schweigen brechen wollen, aber mir fehlten die Worte. Ich wagte nicht sie anzuschauen und starrte wie betäubt durch das Seitenfenster ins Leere.

„Wer ist Petra?“, hörte ich sie plötzlich fragen, als wir auf die Autobahn eingebogen waren. Ich war so verblüfft, dass ich sie nur verständnislos anstarrte. Sie hatte kurz ihren Kopf gedreht, aber da war keine Spur von Spott in ihren Augen. Und auch ihre Stimme klang ruhig und ernst: Ich hätte immer wieder nach Petra gerufen, heute Nacht, kurz nach zwölf, als ich sichtlich verzweifelt mit den Fäusten an die Tür zur Klausur gepoltert habe. Ich müsse wohl einen Zusammenbruch gehabt haben, oder einen schlechten Traum. Sie hätten mich schliesslich mit vereinten Kräften beruhigt und ins Bett gebracht.

Ich konnte es kaum fassen, was ich da hörte. Und doch zweifelte ich keinen Moment, dass sie die Wahrheit sagte. War es der Klang ihrer Stimme? Diese unaufgeregte Gelassenheit, als ob sie über das Normalste der Welt reden würde, und das völlige Fehlen jedes verächtlichen oder vorwurfsvollen Untertones? Was immer es war, sie hatte es irgendwie geschafft, mich durch die Rüstung meiner Scham und meines verletzten Stolzes hindurch zu berühren.

Wer denn alles dabei gewesen sei, wagte ich schliesslich zu fragen, während ich gespannt ihre Hände betrachtete, die in eleganten schwarzen Lederhandschuhen auf dem Lenkrad ruhten, bevor sie wieder aktiv wurden, als wir in die Ausfahrt einbogen. Und plötzlich hätte ich mir gewünscht, dass sie einfach weiterfährt, geradeaus, irgendwohin. Wie anders es doch war als das letzte Mal! Ja, ich fühlte mich auf einmal wohl bei ihr. Irgendwie tat mir diese junge Frau gut, ihre konzentrierte Gegenwart und die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie uns ans Ziel führte.

Ich solle mir nicht zu viele Gedanken machen, meinte sie, nachdem sie kurz darauf auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof den Motor abgestellt hatte. Wir seien alle nur Menschen, egal ob nun Priester oder Nonnen. Manchmal stosse man einfach an seine Grenzen. Auch sie habe das erfahren müssen. Aber vielleicht sei das ja gut so. Vielleicht seien ja gerade das die Momente, die wir brauchen, um zu erfahren, worum es wirklich geht.

Ich gebe es ja nicht gern zu, aber als wir uns wenig später auf dem Bahnsteig gegenüberstanden, musste ich spontan an ihren Jesuiten denken, und an die Geschichte mit dem kalten Stall. Wer immer dieser geistliche Begleiter ist, er kann stolz sein, einen solchen Engel begleiten zu dürfen. Mein Gott, sie sah einfach unglaublich aus in ihrem langen Daunenmantel und dem schwarzen Schleier, der immer wieder munter im Wind um ihren Kopf flatterte. Was immer bisher zwischen uns gestanden haben mag, in diesem Moment hätte ich sie am liebsten umarmt… und nie mehr losgelassen.

Sie hatte sich den Handschuh ausgezogen, als sie mir zum Abschied die Hand reichte. Und als ich den Zug besteigen wollte, hielt sie mich plötzlich zurück. Jetzt hätte sie doch fast noch den Brief vergessen, den sie mir übergeben sollte, meinte sie mit einem verschämten Lächeln. Sie wolle mir auch noch danken für die wunderbaren Gottesdienste und meine Predigtgedanken. Das hätte ihr sehr geholfen. Sie freue sich schon auf Ostern. Ich käme doch wieder für die Ostertage, oder?

Und nun sitze ich also da vor diesem ungeöffneten Brief und betrachte meinen Namen auf dem Umschlag. Es ist ihre Handschrift, keine Frage, ruhig, harmonisch, gefasst, ohne Schnörkel. Ich kenne sie von Zetteln mit den Anweisungen, die sie mir jeweils für die Liturgie gibt.

Zum x-ten Mal schon hatte ich den Brieföffner in der Hand, und immer habe ich ihn wieder weggelegt. Doch dann lag da plötzlich der Zettel vor mir mit diesem Satz aus der Weihnachtsansprache von Papst Franziskus an seine Kurie. Ich hatte ihn mir aufgeschrieben für später, irgendwann einmal in einer Predigt oder einem Vortrag:

„Demut ist die Fähigkeit, unser Menschsein ohne Verzweiflung, mit Realismus, Freude und Hoffnung auszufüllen; dieses Menschsein, das vom Herrn geliebt und gesegnet wird. Demut bedeutet zu verstehen, dass wir uns unserer Schwäche nicht schämen müssen“.

Dann mal los, alter Junge! Diesmal legst Du den Brieföffner nicht mehr weg!

Warum sie? XXIII (eine Auferstehende)

(aus dem Tagebuch einer Überlebenden, ACHTUNG Triggerwarnung!)


„Ich stehe Auge in Auge mit deiner Welt, Gott, und flüchte mich vor der Realität nicht in schöne Träume, obwohl ich glaube, dass auch neben der grausamen Realität Platz für schöne Träume ist – ich preise weiterhin deine Schöpfung, Gott – trotz allem!“

An die Worte von Etty Hillesum musste ich denken, als ich heute Abend den beiden jungen Frauen zusah, wie sie auf ihren Fahrrädern durch die reifen Kornfelder fuhren und mit einem letzten Winken hinter der Biegung beim Wegkreuz verschwanden. Da war dieses tiefempfunden Glück über die gemeinsam verbrachten Stunden, in dem aber gleichzeitig der Schmerz der Einsamkeit zu brennen begann, dieser einzig treue Begleiter meines Lebens… und mit ihm die Angst, dass alles nur ein schöner Traum gewesen war.

Ich hatte mich so gefreut, als mich gestern meine Freundin angerufen hat, die junge Krankenschwester von der Gemeinde. Sie habe das Wochenende frei und mache einen Ausflug. Ob ich da sei und ob sie mich besuchen dürfe? Wir kennen uns eigentlich noch nicht sehr lange. Sie hatte mir geholfen, meinen Vater zu pflegen in den letzten Wochen vor dem Tod. Und dabei hatten wir uns angefreundet. Ich hatte ihr von meiner Liebe zu Etty Hillesum erzählt und konnte es kaum glauben, als sie mir vor zwei Monaten anvertraut hat, dass sie Jüdin sei. Sie wirkte dabei so selbstbewusst und aufgeblüht. Ihr Vertrauen hat mich tief berührt. Sie hat mir eine leise Ahnung von dem Gefühl geschenkt, das mir nie vergönnt sein wird: dem Stolz einer Mutter auf ihr Kind.

Ob sie ihre Freundin mitbringen dürfe? Ich wisse schon, die junge Nonne, von der sie mir erzählt habe. Ich war etwas überrascht. Noch vor wenigen Wochen hatte sie sich bei mir ausgeweint, weil sie einfach nicht verstehen konnte, warum diese Schwester immer so böse zu ihr war. Und nun das.

Natürlich habe ich ja gesagt. Nein sagen war noch nie meine Stärke. Aber der Gedanke, eine Nonne im schwarzen Habit in meinem Haus zu haben, brachte mich wieder einmal an meine Grenzen. Wie oft hatte ich selber so ein Gewand getragen? Meine Mutter hatte es eigenhändig für mich genäht… für die ganz speziellen Gelegenheiten. Plötzlich waren sie wieder da, all die Bilder und der Schmerz. Dank meiner Tabletten habe ich es irgendwie geschafft, die Nacht zu überstehen. Mehrfach hatte ich das Handy in der Hand, um den Besuch abzusagen. Am Morgen habe ich meine Therapeutin angerufen. Sie war stolz auf mich. Und ich bin es auch. Stolz und dankbar, dass ich irgendwie die Kraft gefunden habe, der Realität eine Chance zu geben und nicht wieder zu flüchten.

Ich sah die beiden von weitem kommen. Ich war ihnen bis zum Wegkreuz entgegengegangen. Das war wichtig für mich. Es gab mir ein Gefühl von Kontrolle. Eingehüllt in meine Kaschmir Stola sass ich auf der Bank im Schatten des Kreuzes und genoss die würzige Spätsommerluft, die der milde Wind über die wogenden Felder und durch meine Haare wehte.

Auch die Haare meiner jungen Freundin und ihr weisses Sommerkleid wehten munter im Wind, als sie auf ihrem Rad den leichten Anstieg hinauf zu mir in Angriff nahm. Ich erkannte sie sofort an der hellblauen Strickjacke, die sich deutlich von den Farben der Umgebung abhob. In ihrem Windschatten folgte eine dunkle Gestalt, bei deren Anblick ich mich unwillkürlich tiefer in meine Stola verkroch. Erst als die beiden näher kamen und ich erkannte, dass die Nonne gar kein Ordensgewand trug, begann sich meine Anspannung zu lösen. Nie werde ich ihre strahlenden Augen und die glühenden Wangen vergessen, als sie schliesslich vor mir stand und mir die Hand reichte. Sie sah so natürlich und normal aus in ihrem langen, schwarzen Sommerrock, dem schwarzen Rollkragentop und einer graue Strickjacke, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. „Zu flache Brüste“, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf, und so sehr ich mich dafür schämte, der Gedanke hatte irgendwie etwas Beruhigendes.

„Mein Gott, wie schön es hier ist!“, hörte ich sie in ehrlicher Bewunderung sagen, als wir uns wenig später im Garten vor meinem Haus zum Kaffee niederliessen. Es war das erste Mal, dass ich alle drei Gartenstühle brauchte, die ich mir vor einem Jahr angeschafft hatte. Die beiden lobten den Kuchen, den ich gebacken hatte, und das Tempo, in dem dieser verschwand, liess keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinten. Das tat mir unendlich gut. Wie sehr habe ich mich nach solchen Momenten gesehnt! Nach Begegnung in Wahrheit und Freiheit. Und nach der Geborgenheit in Gemeinschaft von Menschen, die echt sind, ehrlich und dankbar. Menschen, die einem nicht andauernd etwas vorlügen und sich hinter Masken verstecken. Menschen, für die man mehr ist als nur ein Objekt der Begierde.

„Das Leben ist es Wert, gelebt zu werden. Gott, ein wenig bist du doch bei mir.“

Wie Recht sie hat, die gute Etty, dachte ich mir, als ich später von der Küche aus die beiden jungen Frauen betrachtete, die draussen auf der Wiese eine Siesta machten. Sie hatten ihre Jacken ausgezogen, sich mit Sonnencrème eingerieben und ihre Röcke bis zu den Hüften hochgezogen. Wie friedlich sie dalagen, ausgestreckt in der Sonne. Was für ein schönes Bild! Und was für ein Vertrauen! Ich wünschte, ich könnte so sein wie sie und auch einmal einfach loslassen! Der Anblick tat mir weh, und doch war ich so glücklich wie noch nie. Fühlt sich so eine Mutter, wenn sie das Glück ihrer Kinder sieht?

Die junge Krankenschwester hatte mein Herz vom ersten Moment an erobert. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte sofort Vertrauen zu ihr gefasst. Vielleicht lag es daran, dass sie schnell begriffen hatte, wie schlecht es mir ging und wie unerträglich es für mich war, diesen Mann zu betreuen, der rein biologisch gesehen das Recht hatte, sich mein Vater zu nennen. Natürlich hatte sie keine Ahnung. Sie pflegte ihn mit all ihrer Aufmerksamkeit und Professionalität wie jeden anderen Patienten auch. Aber einen guten Teil der Zeit schenkte sie mir. Sie hat für mich seine schmutzige Wäsche gewaschen, brachte mir neue, homöopathische Medikamente und ermutigte mich immer wieder, für eine Weile in mein Landhaus zu fahren, das ich mir mit dem Erbteil meiner Mutter gekauft hatte.

Nach dem Tod ihres Patienten hatte sie mich sofort gedrängt, das Haus meiner Eltern zu verkaufen. Sie spüre einen schlechten Geist darin und sie habe den Eindruck, es mache mich krank. Ich hätte sie umarmen können und einen Moment lang war ich versucht, mit ihr zu reden. Doch was hätte ich ihr sagen sollen? Die Wahrheit? Welche Wahrheit? Und wozu? Würde sie mir glauben? Nein, es ist vorbei. Meine Mutter ist tot, mein Vater ist tot, und ich bin zu alt. Man braucht mich nicht mehr.

Aber ich brauche junge Menschen wie sie. Menschen, die ans Leben glauben und die mir helfen, ans Leben zu glauben. Menschen, die mich erfahren lassen, dass Etty nicht verrückt war und dass es auch heute möglich ist, zu rufen:

„Das Leben ist schön. Und ich glaube an Gott. Und ich will mittendrin in alldem sein, was die Menschen ‚Gräueltaten‘ nennen und dann noch sagen: Das Leben ist schön.“

„Darf ich helfen?“ wurde ich plötzlich von einer Stimme aus meinen Gedanken gerissen. Wie gelähmt vor Schreck starrte ich auf die dunkle Gestalt, die im Türrahmen stand, während sich die Scherben eines Tellers über den Küchenboden verteilten. Die arme Nonne war mindestens so schockiert wie ich, wobei ich nicht sagen könnte, ob es meine heftige Reaktion war oder der Anblick meiner entblössten Arme. Reflexartig zog ich die Ärmel meines Pullovers über die Narben, bevor ich mit zitternden Händen begann, die Scherben auf dem Boden zusammenzuwischen. Doch bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte mir die junge Frau den Besen aus der Hand genommen und mich behutsam auf einen Stuhl gesetzt.

Sie habe die Bilder gesehen, die draussen im Gang hängen, sagte sie, nachdem sie die Überreste des Tellers im Müll entsorgt hatte. Sie seien unglaublich ausdrucksstark. Ob ich sie gemalt habe?

Ich schaute sie wortlos an. Was hätte ich sagen sollen? Danke? Doch in wessen Namen? Ja, es war meine Hand gewesen, damals in der Klinik. Aber habe tatsächlich auch ich sie gemalt? Gab es damals überhaupt so etwas wie ein Ich?

Sie hatte mich durchschaut. Ich sah es in ihren Augen. Ich konnte ihrem Blick nicht standhalten und drehte mich um. Draussen im Garten lag meine kleine Etty auf der Wiese, in ihrem hellen Sommerkleid, mit meiner Katze, die sich gegen ihre Hüfte kuschelte. Die beiden schienen zu schlafen. Was für ein Bild des Friedens!

Sie sei auch einmal vergewaltigt worden, hörte ich hinter mir die sanfte Stimme der Nonne.

„Einmal!“ entfuhr es mir unwillkürlich, und ich hasste mich dafür, noch bevor meine schneidende Stimme verklungen war.

Ich weiss, sie hat es gut gemeint. Sie wollte mir zeigen, dass sie mich versteht; dass sie mein Leiden mitfühlen kann. Aber nein, das kann sie nicht! Wie soll sie verstehen, was sich jeder menschlichen Vorstellungskraft entzieht? Wie soll sie mitfühlen, wo jedes Gefühl radikal ausgelöscht wird und nur noch stumme Ohnmacht bleibt? Nein, sie kann es nicht, und sie wird es auch nie können. Aber sie soll es auch gar nicht können. Ich will nicht, dass sie es kann. Ich brauche nicht ihr Verständnis, und auch nicht ihr Mitgefühl. Ich brauche sie, so wie sie ist, ihre Natürlichkeit und ihre Lebendigkeit, ihre Offenheit und ihre Herzlichkeit, ihren Glauben und ihre Hoffnung. Ja, was ich wirklich brauche, ist ihr Dasein und ihre Freundschaft.

Ich wagte nicht mich umzudrehen. Draussen vor dem Haus räkelten sich die beiden Schläfer in der Sonne, während sich mein ganzer Körper kalt anfühlte. Ich weiss nicht, wie lange ich zitternd so dagestanden bin. Instinktiv wartete ich auf die Strafe, auf irgendeine Form von Gewalt, die unfehlbar immer kam, wenn ich aufbegehrt habe. Doch stattdessen legte sich behutsam und wie von Geisterhand die warme Stola um meine Schultern. Und als ich mich endlich aus meiner Starre löste und umdrehte, wurde ich von Augen empfangen, die mich wie magisch aus den Klauen meiner Vergangenheit in die Gegenwart zurückholten. Und plötzlich erschien mir ihre Brust mächtig und voll, als ich mich an sie drückte und kräftigen Arme mich umschlossen.

„Ich fühle mich in niemandes Klauen, ich fühle mich nur in Gottes Armen… ich werde mich überall und immer, glaube ich, in Gottes Armen fühlen. Man wird mich möglicherweise körperlich zugrunde richten, aber mir weiter nichts anhaben können. Vielleicht werde ich der Verzweiflung anheimfallen und Entbehrungen erdulden müssen, die ich mir in meinen düstersten Phantasien nicht vorstellen kann. Und doch ist das alles belanglos, gemessen an dem Gefühl endloser Weite und Gottesvertrauen und innerer Erlebnisfähigkeit.“

Die junge Krankenschwester schien wieder eingeschlafen zu sein, als ich hinaus in die wärmende Sonne trat. Ich solle unserer Freundin Gesellschaft leisten, hatte die Nonne sanft aber bestimmt gemeint, als ich sie endlich losgelassen hatte. Sie werde uns unterdessen frischen Tee kochen. Und so stand ich plötzlich alleine vor dem Haus, geblendet vom hellen Licht und noch etwas benommen vom Gefühl endloser Weite, in die hinein ich mich soeben habe loslassen dürfen.

Auf der Wiese lag immer noch die zweite Decke, auf der unsere Nonne gelegen hatte. Und plötzlich tat ich etwas, was vor wenigen Minuten noch undenkbar gewesen wäre. Ich legte meine Stola über einen Stuhl, zog meinen Pullover aus, schlüpfte aus meinen Schuhen und liess mich vorsichtig auf der sonnenwarmen Decke nieder. Die lange Hose gab mir dabei eine gewisse Sicherheit, denn ich fühlte mich nackt und verletzlich in meinem weissen Body. Ich brauchte eine Weile, bis ich den Mut aufbrachte, mich auf den Rücken zu legen, und noch länger, um meine nackten Arme auszubreiten. Als ich es schliesslich wagte, auch noch meine Augen zu schliessen, befiel mich prompt ein Anflug von Panik. Erst nachdem ich mich mehrfach überzeugt hatte, dass es die Sonne war, die mir durch die geschlossenen Lieder strahlte, und nicht ein Scheinwerfer, begann sich die Angst langsam zu legen. Es war ein Kampf mit mir selber. Mein Herz pochte heftig in der Brust und mein Atem war kurz und flach. Dabei hörte ich die Vögel in den Bäumen, atmete den Duft der Wiese und spürte die Sonne auf meinem Körper. Doch ein Teil von mir blieb angespannt, hellwach, alarmiert, in Erwartung irgendeiner Katastrophe, die unweigerlich kommen musste… die immer gekommen war, wenn ich meinte, einmal glücklich sein zu dürfen.

Doch das einzige was kam, war eine sanfte Berührung an meiner Schulter, begleitet vom leisen Schnurren meiner Katze, die sich an mich schmiegte. Meine kleine Tigerin schaffte es schliesslich, dass ich mich langsam zu entspannen begann. Mein Atem wurde ruhiger, der Puls verstummte in den Schläfen und irgendwann spürte ich eine Hand, die sanft aber bestimmt begann, meine zur Faust geballten Finger zu lösen. Ich liess es zu. Es war wunderschön. Aber ich wagte nicht, die Augen zu öffnen. Ich wollte ihren Blick nicht sehen, wenn sie…

Sie hat kein Wort gesagt. Was immer sie gesehen und gedacht haben mag, da war kein besorgter Blick, keine Bestürzung und keine Frage. Irgendwann war die junge Nonne mit dem frischen Tee gekommen und hatte uns auch noch eine Platte mit Käse und Brot herausgebracht. Beim Essen erzählte uns die Krankenschwester schliesslich, dass sie sich entschieden habe, doch noch zu studieren. Nein, nicht Medizin, sondern Psychologie. Daran sei eigentlich ich schuld. Ich hätte ihr Etty Hillesum zu lesen gegeben:

„Es genügt nicht nur, von dir zu predigen, mein Gott, man muss dich in den Herzen der anderen erst aufspüren. Man muss den Weg zu dir im anderen freilegen, mein Gott, und dazu muss man das menschliche Gemüt genau kennen. Man muss ein geschulter Psychologe sein“.

Die letzten Monate seien für sie ein unglaubliches Geschenk gewesen. Sie habe sich mit vielem versöhnen können und eigentlich erst begonnen, zu fragen und zu verstehen, wer sie wirklich sei. Und dafür möchte sie uns beiden von Herzen danken. Die Begegnung und der Austausch mit uns habe ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben und in ihr wie bei Etty die Sehnsucht geweckt, „mitzuhelfen, dich, Gott, in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen“.

Natürlich freue ich mich für sie. Und irgendwie macht sie mich stolz, auf sie, aber ein wenig auch auf mich und das bisschen Mutter, das ich für sie sein durfte. Aber als die beiden Frauen heute Abend hinter dem Wegkreuz verschwunden waren, war davon nichts zu spüren. Es ist immer das Gleiche mit mir: Je grösser das erfahrene Glück, desto tiefer die Einsamkeit und der Schmerz. Doch diesmal entwickelte sich aus der Trauer heraus noch ein anderes Gefühl: Wut! Ja, ich bin wütend auf sie, weil sie mich verlässt. Und ich schäme mich dafür. Doch gleichzeitig spüre ich, dass es okay ist, dass es sein darf und dass sie mich verstehen würde.

Sie ist wirklich ein spezielles Mädchen. Sie war immer sehr diskret, hat nie viel gesagt und keine Fragen gestellt, und doch ahne ich, dass sie genau weiss, wie es mir geht. Ich bin überzeugt, es war kein Zufall, dass sie heute ihre Freundin mitgebracht hat.

Und wer weiss, vielleicht ist es auch kein Zufall, dass diese ihre graue Strickjacke über dem Stuhl hat hängen lassen.

***

In der Nacht hatte ich wieder einmal meinen Alptraum, zum ersten Mal seit langem. Meine Mutter zog mir das Gewand an und mein Vater fuhr mich in einem Wagen. Ich wusste was kam, doch ich wehrte mich nicht. Und plötzlich waren sie da. Von überall her schienen sie zu kommen, dunkle Silhouetten, die sich gegen das grelle Licht abzeichneten. Sie trugen elegante Anzüge und lange Gewänder, Schafköpfen und menschlichen Fratzen. Es gab kein Entkommen vor ihren nackten Bäuchen und den schamlosen Klauen. Sie waren überall, vor mir und hinter mir, über mir und in mir. Ich hörte sie lachen, stöhnen und keuchen. Es roch nach Schweiss und Zigarren, nach Alkohol und teurem Parfüm.

Der Stundenschlag meiner Standuhr holte mich schliesslich zurück in die Gegenwart. Es war kurz nach drei Uhr, als ich schweissgebadet aufstand, eine Dusche nahm, alle Fenster öffnete und im Kamin Feuer machte. Eingewickelt in die Strickjacke der jungen Nonne und mit einer Kanne heissem Tee setzte ich mich vor die wärmenden Flammen, während draussen auf der Wiese die Grillen zirpten. Und nachdem ich mich langsam wieder beruhigt hatte, nahm ich das Buch von Etty Hillesum vom Tisch und landete bei den Briefen aus dem Konzentrationslager Westerbork:

„Das Elend ist wirklich gross, und dennoch … quillt es mir immer wieder aus dem Herzen herauf …: Das Leben ist etwas Herrliches und Grosses, wir müssen später eine ganz neue Welt aufbauen – und jedem weiteren Verbrechen, jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen, das wir in uns selber erobern müssen. Wir dürfen zwar leiden, aber wir dürfen nicht darunter zerbrechen. Und wenn wir diese Zeit unversehrt überleben, körperlich und seelisch unversehrt, aber vor allem seelisch, ohne Verbitterung, ohne Hass, dann haben wir auch das Recht, nach dem Krieg ein Wort mitzureden. Vielleicht bin ich eine ehrgeizige Frau: Ich möchte ein sehr kleines Wörtchen mitreden.“

Am Morgen nach dem Frühstück zog ich kurzentschlossen meinen neuen Hosenanzug an, nahm meine Stola mit und fuhr mit dem Wagen hinunter in die Stadt. Ich war seit Jahren in keiner Kirche mehr und das Wort „Messe“ an der Tür liess mich einen Moment erschauern. Aber ich fand einen passenden Platz, hinten auf der Seite, mit dem Rücken gegen die Säule. Die Feier war fremd für mich, aber ich fühlte mich erstaunlich gut. Die Sonne schien durch die farbigen Fenster und der Gesang der Schwestern war wunderschön. Doch irgendwann standen alle da und beteten „Vater unser“. Mir wurde kalt bei diesem Wort und als der Priester auch noch von Blut und „Kelch des Heiles“ zu reden begann, musste ich gegen den Impuls käpfen, davonzurennen. Doch dann sah ich das strahlende Gesicht unserer jungen Nonne, als sie ganz in meiner Nähe das Brot verteilte. Sie wirkte so glücklich, so ganz und gar an ihrem Platz. Ich weiss nicht, ob sie mich gesehen hat.

Aber dann habe ich ihn gesehen. Er ging direkt neben meinem Platz vorbei. Er war alt geworden und wirkte gebeugt. Sein Gesicht war noch hagerer als sonst, doch sein Anzug war pefekt wie eh und je. Er ging am Arm einer stattlichen Dame, die wohl seine Frau war. Natürlich hat er mich nicht erkannt. Wie hätte er auch sollen. Aber ich werde dieses Gesicht nie vergessen. Seine Augen, die scharfe Nase und diese dünnen, blassen Lippen. Es ist ein Gesicht von vielen, die mich bis an mein Ende begleiten werden. Und der Geruch. Er braucht immer noch das gleiche Parfüm.

Ich sass wie betäubt an meiner Säule, als ich plötzlich sanft geschüttelt wurde. Die Kirche war fast leer und vor mir stand meine liebe Nonne, die mich besorgt ansah. Sie freue sich total, mich zu sehen, sagte sie, nachdem sie mich fest umarmt hatte. Sie habe mich sofort gesehen, als ich die Kirche betreten habe. Ich gab ihr ihre Jacke zurück und wollte sie zu einem Kaffee einladen. Aber leider hatte sie keine Zeit. Sie werde mich aber besuchen. Versprochen!

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, alleine irgendwo einen Kaffee trinken zu gehen. Und doch sass ich plötzlich da, an einem gemütlichen Tisch an der Sonne, mit meiner Blazer Jacke um den Schultern, und genoss den Gesang der Vögel und den Glockenschlag der nahen Kirche. Der Schock sass mir immer noch in den Gliedern, als ich einen Cappuccino bestellte. Doch da war auch eine Energie, die ich so nicht gekannt habe. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass sie ihren Ursprung in einem Gefühl hat, dass mir lange fremd war, das mir unheimlich ist, in dem ich aber eine unglaubliche Kraftquelle zu ahnen beginne.

Ja, liebe Etty, das Elend war wirklich gross. Ich habe gelitten, aber aus irgendeinem Grund bin ich nicht völlig zerbrochen. Zwar bin ich weiss Gott nicht unversehrt, weder körperlich noch seelisch. Doch ich verspreche dir, ich werde nicht verbittern. Aber in einem Punkt folge ich dir nicht: Den Hass und die Wut lasse ich mir nicht nehmen. Von niemandem! Nicht von ihnen, nicht von Gott, und auch nicht von dir! Jetzt noch nicht.

Der Gedanke fühlte sich gut an. Und langsam begann ich die Ärmel meiner Bluse hochzukrempeln, während die Bedienung die Tasse vor mich hinstellte. Sie lächelte freundlich und fragte, ob sie den Sonnenschirm aufspannen solle.

Nein, ich will mich nicht mehr verstecken. Ich will leben, die Sonne auf meiner Haut spüren und ja, vielleicht auch irgendwann einmal ein sehr kleines Wörtchen mitreden.

Zitate aus „Das denkende Herz – die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943“, Rowohlt Taschenbuch
Bild: Original von wooloverslondon.com

Warum sie? XXII (die Krankenschwester)

(Aus den Aufzeichnungen einer jungen Gemeindeschwester)


Sie mag mich nicht.

Ich sah es in ihren Augen, als ich ihr mein Beileid bekundete. Die junge Nonne hatte sich den schwarzen Chormantel um die Schultern gelegt und die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Ein grauer Schatten lag über ihrem Gesicht und ihre Finger wirkten kalt und kraftlos in meiner Hand.

Nur wenige Leute waren zur Beerdigung gekommen. Ein paar Angestellte des Klosters und frühere Bekannte aus der Umgebung. Die alte Nonne hatte nur noch eine Schwester, die aber in Australien lebte. Ihre ältere Schwester hatte sich bereits kurz nach dem Krieg das Leben genommen und ihr jüngerer Bruder war vor ein paar Jahren an Krebs gestorben.

Ich war mit Abstand die Jüngste am Grab und mein hellblaues Twinset und die weisse Hose bildeten einen grellen Kontrast zu all dem Schwarz, das mich umgab. Ich war mir dessen sehr wohl bewusst. Ja, ich war gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Aber trauern, um sie, nein, das werde ich nicht. Ich war hier, stellvertretend für alle anderen, um sie Gottes Urteil zu übergeben.

Zehn Tage ist es her, seit ich sie frühmorgens zusammengesunken über ihrem Schreibtisch gefunden hatte. Ihr Kopf lag auf dem aufgeschlagenen Tagebuch und ihre Füllfeder war ihr aus den Fingern in den Schoss gerollt, wo sich die blaue Tinte in dem weissen Nachthemd ausgebreitet hat. Sie musste stundenlang so dagelegen haben, war aber noch am Leben, als die Sanitäter sie mitgenommen haben.

Ich könne gehen, ich würde hier nicht mehr gebraucht, hatte mich die junge Schwester damals angefaucht, nachdem sie mir das Tagebuch förmlich aus der Hand gerissen hatte. Dabei hatte ich doch nur etwas aufräumen wollen, genauso wie vor ein paar Tagen, als mich auch die Alte plötzlich angeschrien hatte.

Sie hätten kein Recht, mich so zu behandeln, ich mache hier nur meinen Job, hatte ich der Jungen schliesslich geantwortet. Ihre intimen Geheimnisse würden mich nicht interessieren. Und auch sie solle sich gefälligst mehr um ihre Mitschwester sorgen als um deren Tagebuch. Es könne doch einfach nicht sein, dass diese die halbe Nacht bewusstlos in ihrer Scheisse sitze und die frommen Nonnen am Morgen einfach so ihre Psalmen singen gehen, ohne dass eine einzige sich die Mühe mache, nach der Alten zu sehen.

Ich war mindestens so erstaunt über mich wie sie. So hatte wohl noch nie jemand mit ihr geredet, mit ihr, diesem verwöhnten Bankierstöchterchen und der ach so frommen Vorzeigenonne. Ihr entgeisterter Blick tat mir gut, als ich wütend die Klostermauern hinter mir liess, die mir an diesem Morgen besonders düster und erdrückend erschienen.

Zwei Tage später war die Alte zurück. Ein Hirnschlag sei es gewesen, ein kleiner. Sie war halbseitig gelähmt, aber offenbar noch nicht bereit zu sterben. Doch es sei nur eine Frage der Zeit. Die Gemeinde wollte, dass ich mich wieder um sie kümmere. Zum Glück konnte ich meine Chefin überzeugen, jemand anderen zu schicken.

Doch dann kam der Anruf meiner Kollegin: Die Alte wolle mich sehen. Sie wartete im Garten auf mich, an ihrem Lieblingsplatz, wo ich sie jeweils nach dem Mittagessen parkiert hatte. Mir war nicht wohl dabei, doch immerhin blieb mir die Begegnung mit der jungen Supernonne erspart, die sonst um diese Zeit nebenan ihre asiatischen Übungen zu machen pflegte.

Die Gestalt im Rollstuhl wirkte noch gekrümmter als sonst und ihr blasses Gesicht war leicht verzerrt. Nur in ihren Augen funkelte noch etwas Leben, als sie mir unter der gehäkelten Decke hervor eine zittrige Hand entgegenstreckte. Ob ich ihr verzeihen könne, hörte ich sie leise stammeln, während eine Träne über ihre runzligen Wangen glitt.

Natürlich hatte ich ihr verziehen. Sie war ja eigentlich eine liebenswürdige alte Frau und ich hatte mir von Patienten weiss Gott schon anderes anhören müssen, als wegen eines Tagebuches angeschrien zu werden. Mein Lächeln schien sie zu beruhigen und langsam entspannten sich ihre Gesichtszüge. Ich holte mir einen Gartenstuhl und setzte mich nahe zu ihr hin. Meine Finger umschlossen ihre kalten Hände unter der weichen Decke, während sie sichtlich angestrengt versuchte, mir etwas zu sagen. Ich hatte Mühe zu verstehe, was sie meinte, und brauchte eine Weile, bis ich zu ahnen begann, dass sie eigentlich gar nicht mit mir sprach. Und je länger sie redete, desto deutlicher wurden ihre Worte, und desto klarer wurde das Bild, das sich vor mir entfaltete. Fassungslos nahm ich wahr, wie ich immer tiefer hineingezogen wurde in den finsteren Abgrund einer leidenden Seele, in die quälende Unsagbarkeit einer Wahrheit, die mit letzter Verzweiflung darum ringt, doch noch irgendwie Worte zu finde, nachdem sie sich der schreibenden Hand noch verweigert hatte: „Mein Gott, ich habe doch…“

Das Ganze war zu viel für mich. Ich hatte es nicht mehr geschafft, die Nonne in ihr Zimmer zurückzubringen, nachdem sie schliesslich erschöpft aber sichtlich erleichtert in sich zusammengesunken war. Ich wollte nur noch weg hier. Für einen Moment glaubte ich, hinter dem Fenster der jungen Nonne eine Bewegung gesehen zu haben. Soll die sich doch um die Alte kümmern, dachte ich mir noch, als ich in meine Jacke schlüpfte und an der verdutzten Pfortenschwester vorbei ins Freie eilte.

Mir war plötzlich kalt geworden. Auch die heisse Dusche wollte daran nichts ändern. Erst als ich eingehüllt in meine Wolldecke in der Abendsonne auf meinem Balkon das dritte Glas Sliwowitz in mich hineingeschüttet hatte, begann ich langsam wieder klar zu denke. Und plötzlich hatte die Kälte einen Namen: Wut. Ja, verdammt, ich war wütend! Wie konnte sie mir das antun? Mich so zu missbrauchen! Was hatte ich mit ihrer verdammten Vergangenheit zu tun? Wie kam sie dazu, ausgerechnet mir ihr schreckliches Geheimnis zuzumuten? Und wie um alles in der Welt konnte sie glauben, ich würde ihr all das verzeihen?

Am nächsten Morgen hatte mich die Priorin persönlich angerufen, um mir mitzuteilen, dass die Alte in der Nacht friedlich eingeschlafen sei. Der herbeigerufene Priester sei zwar zu spät gekommen für eine letzte Beichte und das Sterbesakrament. Aber sie habe mich am Nachmittag noch mit der Schwester im Garten gesehen. Was immer da geschehen sei, es müsse einen heilsamen Effekt gehabt haben. Offenbar hätte ich der guten Schwester geholfen, endlich loszulassen, und dafür sei sie mir unendlich dankbar.

Einen Moment lang hatte ich geglaubt, mich übergeben zu müssen. Diese Alte hatte sich doch tatsächlich meine Vergebung erschlichen und sich dann einfach so aus dem Staub gemacht. Oh, nein, meine Liebe, so läuft das nicht! Nicht mit mir! Du hattest kein Recht dazu! Und wer bin ich, dass ich das Recht hätte, dir zu verzeihen? Wenn einer dir verzeihen kann, dir und deinesgleichen, dann Gott allein… wenn es ihn denn gibt.

Ich fühlte mich so ohnmächtig und wütend wie damals nach dem Tod meiner Grossmutter. Ob ich ihr verzeihen könne, hatte auch sie mich am Sterbebett gefragt. Und natürlich hatte ich ja gesagt, weil man das in solchen Situationen einfach so sagt. Und irgendwie hätte ich es ja eigentlich auch gewollt, wenn schon nicht ihretwegen so doch wenigsten meinetwegen. Doch als ich wenige Stunden später vor ihrem wunderbar zurechtgemachten Leichnam stand, wurde mir erst richtig bewusst, wie sehr ich sie verachtete, und wie sehr ich sie dafür hasste, mich all die Jahre belogen zu haben.

Eine Woche vor ihrem Tod hatte mich ein entfernter Cousin von ihr in ihr Geheimnis eingeweiht. Meine Grossmutter sei ein Jahre alt gewesen, als sie damals während des Krieges in der Obhut einer böhmischen Bauernfamilie zurückgelassen worden war. Ihre Eltern und ihre drei älteren Geschwister mussten vor den Nazis fliehen und wussten, dass es unmöglich sein würde, sich mit einem Säugling auf Dauer zu verstecken. Offenbar waren sie aber auch so nicht weit gekommen. Nach dem Krieg fand man ihre Namen auf der Liste eines Deportationszuges nach Polen, wo sich ihre Spur verlor. Die Verwandten hätten jahrelang versucht, herauszufinden, was aus der Familie geworden sei und ob jemand von ihnen den Krieg überlebt hat. Nur meine Grossmutter habe sich nie dafür interessiert. Im Gegenteil, als sie alt genug war zu begreifen, was mit ihr geschehen war, habe sie sich nicht nur von ihrer Familie abgewendet, sondern auch stets verleugnet, was sie eigentlich war: eine Jüdin.

In den sechziger Jahren hatte sie schliesslich einen angesehene deutschen Unternehmer geheiratet und zwanzig Jahre später dessen ganzes Vermögen geerbt. Sie verkehrte in den besten Kreisen und zählte namhafte Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur zu ihren Freunden. Und sie hatte stets dafür gesorgt, dass es mir – zumindest aus materieller Sicht – an nichts gefehlt hat. Eigentlich wäre sie die perfekte Grossmutter gewesen, wenn da nicht immer diese quälende Unversöhntheit gewesen wäre, die nie ausgesprochen wurde und gerade darum unser ganzes Leben begleitet und vergiftet hat.

Sie hatte ihrer Familie nie verziehen, sie damals alleine zurückgelassen zu haben. Und sie hatte den Deutschen nie verziehen, in deren gutbürgerlichen Nachkriegsgesellschaft sie zwar Wohlstand und Ansehen genoss, die sie aber insgeheim immer verachtet hat. Sie hatte ihrem Mann nicht verziehen, dass er sie mit einer Skilehrerin betrogen hat, bevor er einige Tage später in einer Lawine umgekommen war. Und sie hatte mir nie verziehen, dass die Ärzte sich bei meiner Geburt für mich und gegen meine Mutter, entschieden haben. Schliesslich konnte und wollte sie nicht verstehen, dass ich nach meinem brillanten Abitur an einer von ihr bezahlten renommierten Privatschule meinen Studienplatz für Medizin habe sausen lassen, um stattdessen eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen.

Als ich an ihrem Grab gestanden bin und statt der einen gleich mehrere Schaufelt Erde auf ihren Sarg heruntergeworfen habe, war mir bewusst geworden, wie sehr ich selber von dieser bitteren Unversöhntheit besessen bin. Ja, verdammt, wie soll das gehen? Wie soll ich ihr je verzeihen, ausgerechnet ihr, die selber nie verzeihen konnte? Wie soll ich ihr verzeihen, dass sie meine Mutter und mich um unsere wahre Identität betrogen hat?

Wenn ich ehrlich bin, fühlt sich mein ganzes Leben gerade wie eine einzige Revolte an. Mir war sehr wohl bewusst gewesen, wie sehr ich meine Grossmutter enttäusche und kränke, als ich ihr mitgeteilt habe, dass ich nicht studieren werde. Diese Entscheidung war ein Akt der Befreiung für mich und gleichzeitig meine Rache für ihre unausgesprochene Erwartung, für den Tod meiner Mutter gerade stehen zu müssen. Und jetzt, ein Jahr nach ihrem Tod, führt mich ausgerechnet mein Job als Krankenschwester zu dieser alten Nonne, die mir gnadenlos zu verstehen gibt, dass ich mich von nichts befreit habe, von rein gar nichts. Und das Schlimmste ist, dass ich mich selber dafür hasse und dass ich mir selber wohl am wenigsten verzeihen kann, einfach nicht verzeihen zu können.

„Ein „sich hineinsteigern“ in ein sogenanntes tragisches Gefühl. Nicht nur sich unglücklich fühlen, sondern sich immer mehr unglücklich fühlen wollen“.

Fast zwei Tage habe ich gebraucht, bis dieser Satz wieder in mein Bewusstsein durchgedrungen ist. Dabei hatte ich ihn mir schon vor Wochen an den Spiegel gehängt, weil er wie für mich geschrieben scheint. Nur reicht es offenbar nicht, eine Weisheit vor sich zu haben, man muss sie auch sehen wollen. Mein Gott, ich könnte meine ganze Wohnung vollpflastern mit solchen Sätzen von Etty Hillesum. Doch was nützt es mir, wenn ich gerade dann nicht hinschaue, wenn ich sie am meisten brauchen würde?

Vielleicht liegt es daran, dass es ausgerechnet meine Grossmutter war, die mir kurz vor ihrem Tod „Das denkende Herz“ geschenkt hat, die Tagebücher von Etty Hillesum. Beim Räumen ihres Schlafzimmers hatte ich neben ihrem Bett eine Kopie dieses Buches gefunden. Sie muss es mehrfach gelesen haben, denn das Buch war abgenutzt und die Seiten intensiv mit Bleistift markiert worden, besonders da, wo das Buchzeichen eingelegt war:

„Der Friede kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Hass gegen die Mitmenschen, gleich welcher Rasse oder welchen Volkes, in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Hass mehr ist, sondern auf weite Sicht vielleicht sogar zu Liebe werden könnte“.

Und oben auf der Seite war ein Satz dick unterstrichen:

„Ich glaube an Gott, und ich glaube an die Menschen…“

Ich konnte kaum glauben, dass dieses Buch wirklich meiner Grossmutter gehört haben soll. Aber ihre Haushälterin hatte es mir bestätigt. Sie soll sich in den letzten Monaten ihres Lebens sehr verändert haben. Ich hatte davon nichts mitbekommen. Wir hatten nie mehr wirklich miteinander gesprochen. Ich hatte ihr keine Gelegenheit dazu gegeben.

Und natürlich hatte ich Ettys Tagebüchern erst einmal keine weitere Beachtung geschenkt. Ich hatte das Buch zusammen mit der Kopie meiner Grossmutter in einer Umzugskiste verstaut, bis mir eine Freundin vor drei Monaten begeistert von dieser jungen Jüdin erzählt hat. Und wenn sie nicht gewesen wäre, hätte ich die Lektüre auch nach 50 Seiten wieder aufgegeben. Doch dank ihrem Drängen wurde ich zur entscheidenden Erkenntnis geführt:

„In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.“

Von dem Moment an hatte ich mir vorgenommen, auch meinen Brunnen wieder auszugraben, wenn schon nicht für Gott so doch wenigstens für mich. Zweimal hatte ich die Tagebücher schon durchgearbeitet. Und nachdem ich nach dem Tod der alten Nonne endlich aufgehört hatte, mich wieder einmal in mein tragisches Gefühl hineinzusteigern und mich unbedingt unglücklich fühlen zu wollen, habe ich sie das dritte Mal gelesen, und diesmal die Kopie meiner Grossmutter mit all ihren Anmerkungen und Unterstreichungen. Vieles ist mir noch immer fremd und den Gott, vor dem Etty hingekniet ist, habe ich noch immer nicht wirklich gefunden. Doch eines habe ich in diesen Tagen begriffen:

„Ich muss Klarheit erlangen, und ich muss mich selbst akzeptieren. Alles ist schwer in mir, und ich möchte so gerne leicht sein.“

Und dazu gibt es nur einen Weg: Gnadenlos ehrlich sein mit sich selber und sich immer wieder Zeit nehmen, um „Hineinzuhorchen“ in sich selber, denn „… an sich selbst lernt man dann alle guten und bösen Eigenschaften der Menschen kennen. Und man muss zuerst sich selbst die eigenen schlechten Eigenschaften vergeben, wenn man den anderen vergeben will. Das ist wohl das Schwierigste, was ein Mensch lernen muss.“

Denn „ich glaube nicht mehr daran, dass wir an der äusseren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben“.

Mir ist schon klar: Ich bin noch nicht sehr weit fortgeschritten in diesem Lernprozess. Dafür sitzt mir das Unversöhnte noch zu tief in den Knochen. Aber heute Morgen, als ich mir erstaunlich selbstbewusst die Jacke meines Twinsets um die Schultern legte und mich unter die dunkle Menge der Trauergäste mischte, spürte ich in mir eine ungewohnte Leichtigkeit… und zum ersten Mal so etwas wie Stolz, Jüdin zu sein. Und als ich schliesslich vor der Grube stand und auf den Sarg der alten Nonnen hinunterschaute, fühlte ich einen seltsamen Frieden in mir und die Bereitschaft zu „versuchen, auch die schlimmsten Verbrechen irgendwie zu begreifen und zu ergründen, und (…) immer wieder den nackten, kleinen Menschen aufzuspüren, der aber in den monströsen Ruinen seiner sinnlosen Taten oft nicht mehr zu finden ist.“

Ja, ich glaube, ich kann ihr verzeihen, dass sie mich zur einzigen Erbin ihres Geheimnisses gemacht hat. Mehr kann ich nicht tun, und mehr muss ich auch nicht tun. Und als ich ganz sachte etwas Erde auf ihren Sarg streute, spürte ich zum ersten Mal so etwas wie Mitleid mit meiner Grossmutter. Und um ein Haar wären mir die ersten Tränen gekommen, wenn mich nicht in diesem Moment der kalte Blick der jungen Nonne getroffen hätte.

Ihre Augen lassen mich nicht mehr los. Warum hasst sie mich so? Was habe ich ihr getan, dass sie mir nicht verzeihen kann?

***

„Es tut mir leid“, hörte ich sie leise sagen, während ich nachdenklich den Zucker in meinem Kaffee verrührte. Und als ich den Kopf hob, schaute ich direkt in ihre Augen. Da war keine Kälte mehr, dafür ein flehender Ausdruck, mit einem Hauch von Ängstlichkeit.

Vor drei Tagen hatte ich überraschend einen Brief von ihr bekommen mit Fotokopien der letzten Seiten aus dem Tagebuch unserer alten Nonne. Ob wir uns treffen könnten, im kleinen Kaffee am Marktplatz? Ich war vor ihr da und setzte mich an einen Tisch am Fenster, von dem aus ich den Platz überschauen konnte. Ich war schrecklich aufgeregt und meine Finger spielten nervös mit dem goldenen Davidstern, den ich über meinem Twinset um den Hals trug, ein Geschenk meiner lieben Freundin, nachdem ich mich ihr gegenüber vor ein paar Tagen als Jüdin „geoutet“ hatte.

Für einen Moment war ich völlig in meinen Gedanken und Fragen versunken gewesen, als plötzlich wie aus dem Nichts die junge Schwester vor mir stand. Ohne ihr schwarzes Ordensgewand und den imposanten Schleier war sie mir unter den Menschen auf dem Platz nicht aufgefallen. Sie sah irgendwie müde und zerbrechlich aus, woran auch die etwas abgetragene, graue Kaschmirjacke nichts ändern konnte, die sie wie so oft elegant um ihre Schultern gelegt trug.

Sie sei blind gewesen vor Eifersucht, begann sie schliesslich zu reden, während ihre schlanken Finger die warme Teetasse umschlossen. Die alte Schwester sei für sie von Anfang an wie eine Mutter gewesen. Doch dann war sie zum Pflegefall geworden und plötzlich sei ich aufgetaucht, um ihr all das zu geben, was sie ihr nicht geben konnte. Sie könne nicht sagen warum, aber irgendetwas habe sie spontan irritiert, seit wir uns zum ersten Mal gegenübergestanden sind, damals im Garten mit der alten Schwester im Rollstuhl zwischen uns. Vielleicht habe es daran gelegen, dass wir uns irgendwie ähnlich seien. Meine Haltung, mein Blick, meine Ausstrahlung, und die Weise, wie ich meine Jacke trage… sie habe sofort gespürt, dass ich kaum „nur“ dazu erzogen worden sei, Krankenschwester zu sein.

Und dann seien plötzlich in dem Tagebuch meine dunklen Augen aufgetaucht, ausgerechnet in der Nacht, in der die alte Schwester ihren Zusammenbruch hatte. Sie sei überzeugt gewesen, dass ich die Ursache dafür gewesen war. Immer und immer wieder habe sie versucht zu verstehen, was ihr die Alte in ihrem letzten Tagebucheintrag sagen wollte. Wovor hatte sie solche Angst? Was sollte ich, und was sollte Gott ihr nicht verzeihen können?

Dann habe sie mich und die Schwester im Garten gesehen, am Tag vor ihrem Tod. Der Gedanke, dass es am Ende ausgerechnet ich gewesen sein soll, die ihre letzte Beichte hören durfte – wie es die Priorin formuliert habe –  das habe sie einfach nicht ertragen. Ja, sie habe mich gehasst in diesem Moment. Erst mit etwas Distanz sei ihr langsam bewusst geworden, dass vor Gott alles einen Sinn hat und dass es wohl genau so geschehen sollte.

„Darf ich?“, hielt sie unvermittelt inne, während ihre Finger vorsichtig nach dem Davidstern über meiner Brust fassten. Nachdenklich betrachtete sie das goldene Stück, bevor sie mir direkt in die Augen schaute: „Alles ist Zufall oder nichts ist Zufall“. Für Etty Hillesum mag die Antwort noch nicht so ganz klar gewesen sein, für sie selber aber gebe es eigentlich keinen Zweifel mehr. Sie hoffe einfach und bete für mich, dass ich irgendwann verzeihen könne.

Und sie? Ob sie denn schon wirklich verziehen habe, fragte ich, als sie sich anschickte zu gehen.

Die Frage schien sie zu überraschen und nach kurzem Zögern öffnete sich ihr Mund zu einer Antwort, die es aber nie über ihre Lippen schaffte.

„Bete für mich!“ sagte sie schliesslich, als sie mir zum Abschied die Hand reichte.

Und als sie schon bei der Tür war, drehte sie sich noch einmal um. Ob ich das gewesen sei, der damals ihrer Interessentin das Gebet von Etty Hillesum an die Tür gehängt habe?

Nun war es an mir, überrascht zu sein.

Und zum ersten Mal überhaupt sah ich sie lächeln.

(Zitate aus „Das denkende Herz – die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943“, Rowohlt Taschenbuch)

Warum sie? XXI (eine Zeitzeugin)

(Die letzten Einträge aus dem Tagebuch einer alten Nonne)


„Bist du das auf dem Foto? Wow, du warst ja eine richtige Prinzessin!“

Ja, das bin ich, oder besser, das war ich. Mein Gott, ist das lange her! Seit über siebzig Jahren trage ich dieses Bild mit mir herum. Und bis heute hat es nie jemand zu Gesicht bekommen. Warum nur habe ich es gestern zum ersten Mal seit Jahren wieder hervorgeholt? Und warum habe ich es auf meinem Schreibtisch stehen lassen? Ich wusste doch, dass mein lieber Engel heute wieder meine Zelle putzen würde.  

„Und wer ist der fesche Mann an deiner Hand?“, hörte ich meine junge Mitschwester fragen, die sichtlich fasziniert diese alte Fotographie betrachtete. Die Frage macht mir Angst. All die Jahre habe ich versucht, sie zu verdrängen und stattdessen nur auf Gott zu schauen. Aber die Frage war bei mir geblieben, zusammen mit dem Bild, zuunterst in meiner Schublade.

Mir muss schon klar gewesen sein, dass ihr das Bild auffallen wird. Sie ist ein aufmerksames Mädchen und sie ist ein intelligentes Mädchen. Wahrscheinlich hatte sie schneller begriffen als ich selber, warum das Foto plötzlich dastand. Habe ich nicht genau diese Frage gesucht? Und doch, jetzt, wo sie ausgesprochen im Raum stand, hat sie mich einmal mehr überfordert. Mit zitternden Händen habe ich ihr das Bild abgenommen und zurück in die Schublade gelegt.

Sie ist noch so jung. Mit ihren etwas über dreissig Jahren könnte sie fast meine Urenkelin sein. Wie soll ich ihr erklären, wie das damals war? Wie soll ich ihr erklären, was ich selber nie verstanden habe… oder verstehen wollte?

***

Mein Gott, wie schön sie ist! Ich hätte sie fast nicht erkannt in ihrer dunklen Trainingshose und dem ärmellosen Top. Ich war mir so gewöhnt, sie in Ordensgewand und Schleier zu sehen. Die junge Krankenschwester von der Gemeinde, die für meine Pflege vorbeikommt, hatte mich nach dem Mittagessen in den Garten gebracht. Ich hatte von anderen Schwestern gehört, dass mein Engel dort gelegentlich so asiatische Übungen mache, aber ich konnte mir bis heute nichts darunter vorstellen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, in diesen harmonischen Bewegungen den Geist des Bösen zu wittern? Würde ich nicht seit einem Jahr im Rollstuhl sitzen, ich hätte sofort mitgemacht.

Sie war so vertieft in ihr Tun, dass sie mich nicht bemerkt hatte. Erst als sie in die Sandalen schlüpfte und sich ihre graue Strickjacke um die Schultern legte, entdeckte sie, dass sie nicht alleine war. Strahlend kam sie auf mich zu und unwillkürlich musste ich an das Foto denken. Sie erinnert mich an meine Jugend, an die Leichtigkeit eines jungen Lebens, das ich immer gesucht und doch nie gefunden hatte.

Sie freute sich, dass ich mich freute, und setzte sich spontan neben mich auf eine Bank. Schweigend lauschten wir dem Zwitschern der Vögel und dem Summen der Hummeln und Bienen um uns. Dabei suchte ich innerlich verzweifelt nach den richtigen Worten. Die ganze Nacht hatte ich mit mir gerungen und heute Morgen beim Gottesdienst wurde mir klar: Ich muss es tun! Ich hatte ihre Frage herausgefordert und ich werde ihr antworten… wem, wenn nicht ihr, und wann, wenn nicht jetzt.

„Das Foto von gestern hat mich sehr berührt“, unterbrach sie meine Gedanken, während sie sanft meine Hand fasste. Sie glaube gespürt zu haben, wie wichtig das Bild für mich sei. Umso mehr habe sie sich gefreut über mein Vertrauen, es ihr zu zeigen. Irgendwie kenne sie uns alle nur als Nonnen und daher falle es ihr schwer, sich vorzustellen, dass auch wir ein Leben davor hatten. Es habe ihr so gut getan zu spüren, dass sie nicht die einzige sei, die gelegentlich von der Sehnsucht nach der ersten Liebe gepackt werde. Wobei es ein solches Foto von ihr nicht gäbe. Soweit sei es damals nie gekommen.

Ein wehmütiger Zug lag um ihre Augen, als ihr Blick an mir vorbei in die Vergangenheit schweifte. Sie sei ein Feigling gewesen, meinte sie mit einem leisen Schmunzeln… und er auch! Fast die ganze Schulzeit hätten sie zusammen verbracht. Sie habe ihn insgeheim angehimmelt, und eigentlich sei sie überzeugt, dass sie ihm auch nicht gleichgültig gewesen war. Irgendwie hätten sie wohl beide darauf gewartet, dass der andere den ersten Schritt macht. Sie habe sich damals mit der Überzeugung getröstet, dass sie wohl zu etwas anderem berufen sei. Und als sie eines Tages doch bereit gewesen war, ihr Herz in die Hand zu nehmen, war da plötzlich dieses Gerücht, sie hätte eine Beziehung mit ihrem Schulseelsorger. Nie werde sie den Schmerz in seinem Blick vergessen, und den Zweifel, den sie von da an stets in seinen Augen zu erkennen meinte. Nächtelang habe sie in ihrem Kopf durchgespielt, was sie ihm sagen würde. Doch dazu es sei nie gekommen. Dafür hätte er sie eines Tages überraschend in der Klinik besucht, wo sie wegen einer Depression behandelt wurde. Sie habe sich unglaublich gefreut und ihm fast alles von sich erzählt, nur das Eigentliche nicht.

Eine Träne lief über ihre Wange, als sie mich lächelnd anschaute. Jahre später, als sie sich zum Eintritt ins Kloster vorbereitete, seien sie sich noch einmal begegnet. Zwei Stunden seien sie durch den Stadtpark spaziert, nebeneinander, fast wie auf meinem Bild, nur ohne Händchenhalten. Diesmal habe er von sich erzählt, von seinem Leben und seinen Träumen. Bis heute frage sie sich immer mal wieder, was wohl geschehen wäre, wenn er sie damals…  

Er sei unterdessen verheiratet mit ihrer liebsten Freundin und Vater von zwei wunderbaren Kindern, hörte ich sie schliesslich sagen, nachdem wir eine Weile schweigend dagesessen hatten. Und sie sei Nonne und das sei gut so, meinte sie lachend, denn wer würde sich sonst um mich kümmern.

Ich fühlte mich plötzlich sehr müde und war dankbar, als sie mir ihre Jacke über die zitternden Beine legte und mich zurück in meine Zelle brachte.

***

Er hat sich umgebracht, einfach so, zwei Tage nachdem das Foto von uns entstanden war. Wie um alles in der Welt soll ich das meinem Engel erzählen?

Ich habe es versucht, immer wieder in den letzten Tagen. Doch jedes Mal, wenn ich ihr Lächeln sah und dabei an die freudige Wehmut dachte, mit der sie mir ihre Liebesgeschichte anvertraut hatte, hat mich der Mut verlassen. Darf ich ihr das wirklich zumuten? Soll ich dieses junge Leben wirklich mit den dunklen Schatten meiner Vergangenheit belasten? Habe ich nicht all das hinter mir gelassen, als ich damals mein Leben Gott geweiht habe?

Doch plötzlich ist alles wieder da, lebendiger denn je. Seit Tagen kann ich kaum mehr richtig beten und heute Nacht hatten mich im Traum die Bilder verfolgt: Wie ich verzweifelt durch den Wald renne auf der Suche nach ihm. Ich höre den Schuss, ganz in der Nähe. Ich komme auf eine Lichtung. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und da, am Fuss der alten Eiche, liegt er, in seiner alten Uniformjacke. Überall ist Blut. Der Lauf der Pistole steckt immer noch in seinem Mund.

Ich war damals 18. Wenige Wochen zuvor hatte ich mit meiner Mutter im Garten gearbeitet, als er plötzlich daherkam. Wir hatten ihn zuerst nicht erkannt. Er sah abgekämpft aus, ausgehungert und um Jahre gealtert. Wir hatten ihn auch darum nicht erkannt, weil wir ihn nicht mehr erwartet hatten. Seine Familie hielt ihn für tot, irgendwo verschollen an der Ostfront.

Ich konnte es kaum glauben: Mein Held war zurück. Seit ich ein kleines Mädchen war, hatte ich für ihn geschwärmt. Vielleicht lag es daran, dass mein Vater schon früh gestorben war und ich mir so sehr einen älteren Bruder gewünscht hätte. Er war acht Jahre älter als ich und hatte natürlich nichts von meiner kindlichen Schwärmerei geahnt. Doch seit er unser Dorf verlassen hatte, habe ich jede Woche eine Kerze für ihn angezündet, bei der Heiligen Muttergottes in unserer Kirche.

Nach seiner Rückkehr hatte er in einem Schuppen neben dem Haus seiner Eltern gewohnt. Er war schweigsam und verschlossen und sass stundenlang alleine in der Kneipe. Immer wieder hörten wir ihn streiten mit seinem Vater. Er solle gefälligst arbeiten. Hier würde niemandem etwas geschenkt. Alle schienen einen weiten Bogen um ihn herum zu machen. Nur ich nicht. Ich brachte ihm zwischendurch ein paar Äpfel, ein Stück frisches Brot oder wessen ich auch immer habhaft werden konnte, ohne dass meine Mutter es merkte.

Ich war gerne bei ihm. Und er schien langsam etwas Vertrauen zu schöpfen. Ich las ihm aus meinem Lieblingsbuch vor und zwischendurch gelang es mir sogar, seinem steinernen Gesicht ein schwaches Lächeln zu entlocken. Langsam führte ich ihn wieder hinaus in die Natur und schliesslich war er sogar bereit, mich zum Picknick mit meiner Familie zu begleiten. Wir feierten den „Tag der Befreiung“. Es war einer der glücklichsten Tage meines Lebens, der Tag, an dem meine Schwester das Foto von uns machte. Zwei Tage später war plötzlich die amerikanische Militärpolizei im Dorf. Meine Mutter wollte mir nicht sagen warum. Doch ich ahnte, was sie suchten, und ich wusste, wo ich ihn finden würde.

Warum, mein Gott, kommt das alles jetzt wieder hoch? Warum nur habe ich vor einer Woche dieses unselige Foto hervorgeholt. Warum jetzt? Was willst DU von mir?

***

Meine Hände zitterten, als ich ihr beim Lesen zusah. Sie stand mit dem Rücken zu mir am Fenster. Was hätte ich dafür gegeben, ihr Gesicht zu sehen. Ich hatte mein Tagebuch auf dem Tisch liegen lassen, mit dem Foto als Buchzeichen. Sie hatte den Wink verstanden. Ein Blick von ihr und ein kurzes Nicken von mir, und die Tür zu den verschütteten Kammern meiner Seele war aufgestossen. Noch nie hatte ich mit jemandem über all das gesprochen. Niemand hatte damals mit irgendjemandem über irgendetwas gesprochen.

Ich hätte es auch heute nicht gekonnt. Die Vorstellung, die Worte auszusprechen, sie in ihrer ganzen Nacktheit laut und deutlich in Raum und Zeit zu stellen und dabei von einem anderen Menschen gehört und angeschaut zu werden, nein, die Vorstellung allein lässt mich erschauern. Und doch spüre ich, dass es sein muss; dass ich endlich das Schweigen durchbrechen muss… und dass ER mich nicht gehen lässt, bevor ich es getan habe. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum ich in meinem Alter noch einigermassen leserlich schreiben kann. 

Es ist eine harte Arbeit. Gestern Nacht, als ich nicht schlafen konnte, hatte ich mich alleine vom Bett in den Rollstuhl gekämpft und dann zwei Stunden am Schreibtisch gesessen. Als ich fertig war und zurück ins Bett wollte, war ich so schwach, dass ich vom Bettrand auf den Boden glitt. Da lag ich nun, hilflos, erschöpft und mit einer brennenden Sehnsucht, geholt zu werden und erlöst zu werden von den Schatten meiner Seele. Doch der weisse Engel, der kam, hatte seltsam graue Flügel. Und nachdem sie mich in ihre Strickjacke gewickelt hatte, holte sie die Priorin und mit vereinten Kräften brachten sie mich zurück in mein irdisches Bett.

In diesem Moment wusste ich, dass es noch nicht zu Ende war. Denn plötzlich sah ich meine Mutter, wie wir zusammen meine ältere Schwester die Treppe hoch tragen und in ihre Kammer bringen. Es war einer dieser Tage gewesen, über den wir nie ein Wort gesprochen haben. Der Tag, an dem der Krieg in unser Dorf kam.

Lange Zeit hatten wir vom Krieg nicht viel mitbekommen. Die Front war weit weg und ausser den Bombergeschwadern, die gelegentlich in grosser Höhe über unsere Köpfe hinweg in Richtung Stadt flogen, kannten wir den Feind nur aus dem Radio und aus den Erzählungen unserer jungen Männer, wenn diese auf Heimaturlaub waren. Einer davon war auch mein Held. Er war der Star unter unseren Hitlerjungen gewesen und der Stolz seines Vaters, als er mit achtzehn der SS beitrat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er sich uns zum ersten Mal in seiner schwarzen Uniform präsentierte. Nach Kriegsbeginn hatte er sich freiwillig bei der Waffen-SS gemeldet. Bei seinem ersten Fronturlaub war er voller Begeisterung, an diesem historischen Moment teilhaben zu dürfen. Doch dann wurde er verwundet und danach in eine andere Einheit versetzt. Seine Besuche wurden selten, und wenn er da war, schien er erschöpft und lustlos. Er wurde immer verschlossener und weigerte sich, über seine Einsätze zu sprechen. Die Leute wunderten sich und unter uns Kindern begannen die wildesten Gerüchte zu zirkulieren. Aber offiziell hatte niemand darüber gesprochen, auch meine Schwester nicht, die eines Tages völlig verstört von einem BDM-Einsatz aus der Stadt zurückgekommen war. Ich hatte zufällig mitbekommen, wie meine Mutter ihr verboten hat, mit uns zu reden.

Irgendwann hiess es dann, er sei in russische Gefangenschaft gekommen. Und irgendwann wurden die Ortsnamen in den täglichen Nachrichten immer vertrauter. Dann, als zum ersten Mal aus der Ferne das Donnern der Artillerie zu hören war, begannen die ersten, ihre Häuser zu verlassen. Unsere Mutter hatte damals entschieden zu bleiben. Sie wollte nicht glauben, was man so hörte. Und wohin hätten wir auch fliehen sollen? Unser Haus war alles, was wir hatten. Dann, wie aus dem Nichts, waren sie da, die „Befreier“. Einer von ihnen, fast noch ein Junge, bot mir eine Zigarette an. Als ich ablehnte, packten sie mich uns stiessen mich ins Haus. Sie brachten uns ins Schlafzimmer meiner Mutter, wo sie meinen kleinen Bruder und seine Schwester in den Kleiderschrank sperrten. Ich weiss nicht, wie viele es waren. Ich hatte die Augen geschlossen. Meine Mutter und ich hatten keinen Laut von uns gegeben. Nur meine ältere Schwester hatte geschrien, bis man sie mit dem Halstuch ihrer BDM-Uniform geknebelt hat. Sie war im dritten Monat schwanger gewesen.

Ich weiss nicht, ob ich ohne meinen Engel den Mut gehabt hätte, mich auch diesem Teil meiner Wahrheit zu stellen. Heute Morgen hätte ich es noch nicht gekonnt. Sie hatte sich Zeit gelassen mit lesen. Als sie sich schliesslich umdrehte, hatte sie Tränen in den Augen. Wortlos kniete sie vor mich hin, fasste zärtlich meine zitternden Hände, blickte mich ruhig an und legte dann ihren Kopf in meinen Schoss. Ich weiss nicht, was ich erwartet, befürchtet oder erhofft hatte. Das jedenfalls nicht. Im ersten Moment hat sich mein Körper spontan verkrampft. Doch dann schien eine eigentümliche Wärme von ihr auszugehen, die ganz allmählich meinen Unterleib erfüllte. Und für kurze Zeit gelang es ihr sogar, die Erinnerung an die dunklen Augen meiner jungen Krankenschwester zu verdrängen, an ihren Schmerz und die Trauer, als ich sie heute Morgen in einem panischen Reflex angeschrien hatte. Dabei hatte sie doch nur diskret mein Tagebuch in der Schublade versorgen wollen.

***

Es muss sein. Ich habe keine andere Wahl. Die dunklen Augen lassen mich nicht mehr los. Es ist kurz vor Mitternacht und wieder sitze ich vor meinem Tagebuch, dessen weisse Seiten darauf warten, die ganze Last meiner Wahrheit zu tragen. Meine Hand zittert und beim Gedanken, dass sie es eines Tages lesen würde, wird mir schwindlig vor Angst. Wird sie mir verzeihen können? Wird Gott mir verzeihen können?

„Nazischlampe“ hat mich das blonde Mädchen genannt, das mir vorher im Traum erschienen war. So hatten sie uns damals genannt, immer und immer wieder. Ich hatte das Wort aus meinem Bewusstsein verdrängt. Und mit ihm die Wahrheit, die einfach nicht sein durfte, und die mich gerade darum mein ganzes weiteres Leben nicht losgelassen hat. Dabei lag der Schlüssel dazu die ganze Zeit in meiner Schublade. Aber ich konnte ihn nicht verstehen, weil ich ihn nicht verstehen wollte. 

Mein Vater war Sozialist und Gewerkschafter gewesen. Er war krank und starb in Dachau. Ich hatte damals nicht verstanden, worum es ging, und war einfach nur wütend, dass er uns verlassen hat. Meine Mutter verachtete die Nazis, aber sie war auch eine pragmatische Frau. Sie hatte vier Kinder grosszuziehen und war zu manchen Kompromissen bereit. Und meine ältere Schwester hasste ihren Dienst beim Bund Deutscher Mädchen schon lange, bevor man sich allenthalben über den „Bund Deutscher Matratzen“ lustig machte. Wir hatten nie erfahren, von wem sie damals schwanger war. Nein, sie alle waren keine Nazis. Das war nicht gerecht. Sie konnten nichts dafür.

Ich war an allem Schuld. Ich ganz allein. Ich wollte es einfach nicht sehen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, wer er wirklich war: Seine Überheblichkeit, mit der er schon als Junge die anderen Kinder behandelte, seinen Fanatismus, mit dem er seinen Vater und uns alle beeindrucken wollte, seine zunehmende Verschlossenheit und die Gerüchte, die man sich über ihn erzählte, und schliesslich all das, womit mich der amerikanische Offizier beim Verhör konfrontiert hat, nachdem man mich neben seiner Leiche aufgegriffen hatte. Nein, der Mann auf den Bildern, die man mir zeigte, war nicht er. Das konnte nicht er sein. Das musste alles ein einziger Irrtum sein, eine Lüge. Es durfte nicht wahr sein, weil sonst auch das andere wahr gewesen wäre, was einfach nicht wahr sein durfte:

Ich hatte es kaum erwarten können, meinen zehnten Geburtstag zu feiern. Endlich bekam auch ich den blauen Rock, die weisse Bluse und das schwarze Halstuch mit dem Lederknoten. Endlich gehörte auch ich zum Jungmädelbund. Ich war so stolz, ein Teil von dem zu sein, was ihm wichtig war. Und ich wollte doch einfach nur, dass er auch stolz auf mich sein konnte.

Eines Tages, es muss im Frühling 1941 oder 1942 gewesen sein, so genau weiss ich das nicht mehr, hatte ich mich bei einer Übung im Wald verlaufen. Statt auf meine Kameradinnen war ich schliesslich auf drei Kinder gestossen, ein Mädchen und zwei kleine Knaben, die sich ängstlich an den Rock ihrer Schwester klammerten. Das Mädchen war etwa so alt wie ich und hatte unter ihrem Kopftuch lange, schwarz gekrauste Haare. Ihre dunklen Augen schauten mich mit einem seltsam flehenden Ausdruck an. Sie rief mir etwas zu, das ich nicht verstanden habe, bevor sie die Knaben an der Hand fasste und davoneilte. Ich war ihnen heimlich gefolgt bis zu einem Bauernhof am Waldrand, wo sie von einer aufgeregten Frau mit einem blauen Kopftuch erwartet und eiligst in einen Schuppen befördert wurden.

Ich hatte nicht gewusst, wem dieser Hof gehört hat. Erst als der Lastwagen mit der SS-Eskorte durch unser Dorf donnerte, erkannte ich die alten Freunde meines Vaters. Neben ihnen auf der Ladefläche sass die Frau mit dem blauen Kopftuch, die einen Mann mit einer blutenden Kopfwunde im Arm hielt. Der kleinere der beiden Knaben winkte mir strahlend zu. Sein Bruder klammerte sich an seine Schwester, deren traurige Augen mich auch dann noch nicht losgelassen hatten, als der Lastwagen schon längst um die Ecke verschwunden war.

Mein Gott, ich habe doch…

(Bild: Andrew Garfield und Claire Foy im Film Breath, deutsch: Solange ich atme)

Warum sie? XX (die Interessentin)

(Tagebuch eines zweiwöchigen Klosteraufenthaltes)

Sonntag, Ankunft

Da bin ich nun also im Kloster. Wer hätte das gedacht?

Zwei Wochen werde ich hier mitleben. Das war der Vorschlag der Priorin, als ich vor einem Monat für ein Gespräch bei ihr war. Eigentlich wollte ich damals nur ganz unverbindlich ein paar Fragen stellen, und nun sitze ich hier in einer Klosterzelle vor einem leeren Tagebuch. Ich soll darin aufschreiben, was mich bewegt, meine Gefühle, meine Stimmungen, all das, was in meiner Seele vorgeht, hat die junge Schwester gesagt, die mich in diesen Tagen begleiten soll. Dabei ist es doch vor allem mein Kopf, indem sich all die tausend Gedanken und Fragen bewegen, mit denen ich heute Morgen angereist bin.

Das Highlight dieses Tages waren allerdings tatsächlich Gefühle, wenn auch weniger meine eigenen als diejenigen der eleganten Dame mit den silbergrauen Haaren und dem schwarzen Twinset, die während des Festgottesdienstes zur silbernen Profess der Priorin neben mir sass. Sie war offensichtlich sehr bewegt und wischte sich immer wieder die Tränen aus dem Gesicht. Nach dem Gottesdienst kam sie zu mir, um sich zu entschuldigen. Ich müsse mir keine Sorgen machen, sie sei einfach gerade etwas überwältigt von ihren Gefühlen. Sie habe gehört, dass ich ein paar Tage im Kloster bleibe. Sie freue sich für mich und wünsche mir eine gute Unterscheidung der Geister.

Die Lady sei eine reformierte Pastorin, hat mir meine Begleiterin später erzählt. Sie habe zusammen mit der Priorin das Noviziat gemacht. Ich hatte nicht gewagt zu fragen, was damals geschehen war, und auch nicht, warum sie heute trotzdem zur Heiligen Kommunion gegangen ist. Diese Frau fasziniert mich. Irgendwie erinnert sie mich an meine vermeintliche Schwiegermutter. Was hat sie nur gemeint mit „Unterscheidung der Geister“?

Montag, 1. Tag

Ich kann es immer noch nicht glauben: Ausgerechnet mein „Stern“ ist meine persönliche Begleiterin in diesen Tagen. Kaum ein halbes Jahr ist es her, seit ich ihr zum ersten Mal begegnet bin. Es war an diesem katholischen Jugendfestival, zu dem mich eine Kollegin mitgeschleppt hatte. Ich weiss bis heute nicht, wie sie das geschafft hat. Kurz vorher hatte mein Freund Schluss gemacht. Ich war am Boden zerstört und hatte überhaupt keinen Bock, andere Leute zu sehen, schon gar nicht gottbegeisterte Jugendliche mit ihren frommen Worship-Schnulzen. Eine Flasche Wein, eine Packung Chips, meine kuschlige Wolljacke und Netflix bis zur Erschöpfung war alles, was meine Tage nach der Arbeit noch halbwegs erträglich machte.

Doch dann stand da plötzlich diese Supernonne auf der Bühne. Sie erzählte von ihrer ersten Verliebtheit, von ihrer Karriere als Bankerin und von ihren Depressionen. Vor allem aber sprach sie von Gott, diesem leuchtenden Stern, der ihr durch alle Krisen hindurch die Richtung gewiesen hat. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, war sie zu meinem Stern geworden. Im Licht ihres strahlenden Lächelns kam mir mein Leben plötzlich so schäbig vor, so leer und so bestimmt von dunklen Gedanken und sinnlichen Befriedigungen. Es war, als ob sie im Chaos meiner Gefühle die Stimme der Vernunft geweckt hätte. Und jetzt bin ich hier, mit ihr als Begleiterin, was für ein Geschenk!  

Dienstag, 2. Tag

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18.30). Genauso hatte ich mich gefühlt heute Morgen beim Frühstück. Die Sonne schien in unseren Speisesaal und durch das offene Fenster hörte ich den Gesang der Vögel im Garten. Es war fast wie im Paradies, wenn da nicht plötzlich diese alte Schwester im Rollstuhl gewesen wäre, die sich an ihrem Kaffee verschluckt hat. Ihr endloses Husten machte der Stille ein Ende, und irgendwie auch meiner Stimmung. Als ich wenig später im Gottesdienst sass und die mehrheitlich betagten Schwestern betrachtete, wurde mir mulmig zumute. Ich arbeite zwar als Physiotherapeutin in einem Altersheim, aber sollte ich wirklich auch mein ganzes Leben mit alten Menschen verbringen? Und jeden Tag um halb sechs Uhr morgens zur Laudes in der Kirche sitzen? Und bei allem immer dieses schwarze Gewand tragen, ein Leben lang? Und was würden meine Eltern dazu sagen, und meine Freunde?

Die Fragen liessen mich nicht mehr los, bis ich am Nachmittag meiner Begleiterin davon erzählte. Warum ich denn hier sei, wollte sie wissen. Na ja, um das Klosterleben kennenzulernen und endlich etwas Zeit für Gott zu haben. Ob jemand von mir verlangt hätte, Nonne zu werden? Nein. Wieso ich mich dann also von Fragen irritieren lassen, die keiner gestellt hat? Und ob ich Lust hätte, mit ihr Joggen zu gehen?  Drei simple Fragen, ein entwaffnendes Lächeln und eine halbe Stunde rennen zu zweit am Flussufer hatten gereicht, um in mir die Überzeugung zurückzubringen, mit Gott Mauern zu überspringen.

Mittwoch, 3. Tag

Wie habe ich das verdient? Drei Tage bin ich erst da, und doch fühle ich mich hier wie zuhause. Ich habe keine Mühe, um fünf Uhr aufzustehen, die Psalmen in den Gebetszeiten berühren mein Herz und der Gesang der Schwestern ist einfach himmlisch. All die Fragen von gestern lassen mich nur noch schmunzeln. Am Nachmittag haben wir die Zelle der alten Schwester im Rollstuhl geputzt. Was für eine humorvolle und herzensgute Frau! Sie hat mich – mit einem Augenzwinkern – vor meiner Begleiterin gewarnt. Ich solle mich nicht von diesem Engel verzaubern lassen, sondern von Gott. Mein Gott, was haben wir drei gelacht! Abends nach der Komplet erzählte mir dann die junge Schwester bei einer Tasse Tee von ihrer Berufungserfahrung. Acht Jahre als alt sei sie gewesen, an Mariä Himmelfahrt, dem Tag des geweihten Lebens, als Jesus ihr gesagt habe, wie sehr er sie liebe. Als „Beweis“ seiner Liebe habe er damals ihre Gebete erhört und ihrer verehrten Hauslehrerin den Freund zurückgebracht. Ich musste weinen vor Freude, als ich später noch alleine in der dunklen Klosterkirche sass und Gott für mein Glück dankte. Ja, Herr, du machst meine Finsternis hell! Ps 18,29

Donnerstag, 4. Tag

Was für ein Scheisstag! Was soll das? Ich verstehe gar nichts mehr. Mein Glück von gestern ist wie weggeblasen, als ob es nur ein Trugbild gewesen wäre. Ich kann nicht mehr beten. Gott ist weg und auch mein Stern ist weg. Sie war heute bei ihrem geistlichen Begleiter und heute Abend hat die Gemeinschaft eine Versammlung. Ich fühle mich so allein. Was mache ich überhaupt hier?

Freitag, 5. Tag

Natürlich dürfe ich jederzeit gehen, sagte meine Begleiterin, als ich heute Morgen nach dem Frühstück verzweifelt bei ihr geklopft habe. Sie sass ruhig da und hörte mir geduldig zu, während ich unter Tränen mein Elend beklagte. Sie habe den Eindruck, ich sei in einem Zustand, in dem ich besser keine Enscheidung treffen sollte, meinte sie schliesslich und erinnerte mich an die Freude und die guten Gründe, die ich noch vor zwei Tagen hatte. Entscheidungen, die man bei Licht getroffen hat, sollte man nie bei Dunkelheit ändern.

Okay, aber was ist, wenn die Dunkelheit kein Ende mehr nimmt? Den ganzen Tag habe ich mich bemüht, aber nichts hat sich geändert. Es ist, als ob man mir den Stecker gezogen hat. Die Stille im Kloster nimmt mir fast den Atem. Und dabei ist es erst kurz nach 21 Uhr. Nicht einmal meine warme Wolljacke will mir mehr Trost spenden, und dabei ist es noch viel zu früh für mich, um Schlafen zu gehen. Aber nein, ich habe mich entschieden: wer oder was auch immer mir hier das Leben zur Hölle macht, ich lasse mich nicht unterkriegen!

Samstag, 6. Tag

Irgendwie bin ich schon etwas stolz auf mich. Nachdem ich gesten Morgen noch die Laudes geschwänzt hatte, habe ich mich heute pünktlich aus dem Bett gekämpft. Das ganze Tagesprogramm habe ich abgesessen und sogar für mich alleine noch einen Rosenkranz gebetet. Ich spüre zwar immer noch nichts von Gott, aber ich tue ihm den Gefallen nicht, loszulassen.

Eine kleine Belohnung habe ich dennoch bekommen. Nachdem es mir gelungen war, mit einer Willenleistung nach einer kurzen Siesta wieder unter meiner Decke hervorzukriechen, bin ich im Garten zufällig auf meine junge Begleiterin gestossen, die barfuss auf der Wiese stand und völlig vertieft war in eine Abfolge seltsamer Bewegungen. Fasziniert betrachtete ich ihre schlanke Gestalt in der dunklen Trainingshose und dem schwarzen Sporttop. Sie wirkte so frei und natürlich in ihren Bewegungen, von den Zehen bis in die Fingerspitzen erfüllt von ihrem Tun. Das sei Shibashi, erklärte sie mir strahlend. Morgen nach dem Mittagessen wird sie mir zeigen, wie das geht. Immerhin eine kleine Freude und ein Grund, noch etwas zu bleiben.

Sonntag, 7. Tag

Immer noch nichts, keine Freude, kein Feuer, nicht einmal mehr Glut. Seit Tagen haben wir das schönste Frühlingswetter, und doch fühle ich mich so leblos, wie abgelöscht. Umso erstaunlicher, dass ich doch irgendwie die Kraft finde, am Morgen aufzustehen, mit den Schwestern zu beten, und vor allem zu bleiben. Ist es einfach meine Sturheit, die mir meine Mutter schon als Kind vorgehalten hat? Wem will ich hier etwas beweisen? Oder willst vielleicht DU mir etwas beweisen, Gott?

Immerhin, das Shibashi hat meinen Tag gerettet. Mein Stern hat gestrahlt vor Freude, als sie mir die verschiedenen Bewegungen und „Bilder“ beibrachte. 18 gibt es davon, 9 kann ich schon. Ich weiss zwar nicht, was diese asiatischen Übungen mit Gebet zu tun haben sollen, aber es war einfach traumhaft, gemeinsam mit ihr barfuss im frischen Gras zu „tanzen“, umgeben vom betörenden Duft der Hyazinthen und dem Gesang der Vögel. Ja, Gott, das hast DU davon. Wenn DU mir schon beim Gebet keinen Trost schenken möchtest, dann hole ich ihn mir eben anderswo.

Montag, 8. Tag

Heute sind meine Freundinnen in Urlaub gefahren. Sie hätten noch ein Bett für mich, hatten sie mir vor einer Woche geschrieben, bevor ich mein Handy endgültig abgestellt hatte. Die beiden fehlen mir. Und mir fehlt die Freiheit, am Morgen auszuschlafen, stundenlang alleine durch die Wälder zu wandern und abends mit den Mädels bei einer Flasche Wein und Netflix abzuhängen. Stattdessen hocke ich hier und warte vergeblich auf den Gott, mit dem ich noch vor ein paar Tagen Mauern überspringen wollte.

Immerhin bin ich nicht mehr alleine mit meiner trostlosen Laune. Auch mein Stern erschien heute Morgen ziemlich blass. Sie habe schlecht geschlafen und sei mit dem falschen Fuss aufgestanden, meinte sie mit einem müden Lächeln, als wir uns wieder zum Shibashi trafen. Ihr formloser, langer Wollpullover passte dabei perfekt zu den grauen Wolken, die über Nacht aufgezogen waren. Das änderte aber nichts an der Geduld, mit der sie mich in ihre Kunst einführte. Dabei war meinem geschulten Blick natürlich nicht entgangen, wie verspannt ihre Schultern waren. Aber ich hätte nie zu träume gewagt, dass sie sich tatsächlich von mir massieren lassen würde.

Es ist schon erstaunlich, wie viel Kraft wir manchmal aus der Schwäche eines anderen ziehen. Plötzlich war ich die Aktive und sie die Empfangende. Ich genoss das Gefühl ihrer Schultern unter der Wolle des Pullovers, die Zartheit ihrer Haut am Hals und den Anblick ihrer gekräuselten Haare im Nacken. Sie sass vor mir wie eine schnurrende Katze und ich konnte förmlich spüren, wie sie sich unter meinen Händen entspannte. Was für ein Vertrauen, und was für ein schöner Moment der Intimität… bis wir fast gleichzeitig die dunkle Gestalt der Priorin entdeckten, die uns vom Fenster ihres Büros aus beobachtete.

Dienstag, 9. Tag

Ich habe schlecht geschlafen und von der Priorin geträumt. Aber ansonsten hat sich nichts verändert, ausser dass es begonnen hat zu regnen und dass wir keine Lust auf Shibashi hatten. Dass wir uns dennoch überwunden haben, joggen zu gehen, lag wohl vor allem daran, dass wir beide einen Moment Freiheit vom Kloster gesucht haben. Denn nach wenigen Minuten sassen wir bereits im Schutz eines Bootsunterstandes am Flussufer.

Sie müsse sich wieder zusammenreissen. Sie bete nicht mehr richtig und habe ihre Disziplin verloren, hörte ich sie sagen, während sie nachdenklich Kieselsteine ins Wasser warf. Das könne sie sich schenken, gab ich resigniert zurück. Ich würde mich seit Tagen bemühen und nichts hätte sich verändert. Gott lasse sich nicht kaufen. Ich sei eine gute Schülerin, meinte sie darauf lachend. Die Nähe Gottes könne ich mir tatsächlich durch nichts erwirken. Aber ich kann das Meine dazu beitragen, mich nicht selber zu entfernen. Und vielleicht sei das ja gerade auch der Sinn von so trostlosen Zeiten: dass wir uns bewusst werden, dass alles ein Geschenk ist. Und schliesslich würde ich ja auch von meinem Freund erwarten, dass er mir vertraut und an meine Liebe glaubt, auch wenn ich es ihm nicht jeden Tag sage. „Klugscheisser“, habe ich ihr an den Kopf geworfen. Was wisse sie denn schon von Liebe?

Es tat gut, einen Moment lang einfach so mit ihr herumzualbern. Wenn da nur nicht dieses kurze Aufflackern von Schmerz in ihrem Blick gewesen wäre. Irgendwie lässt mich das nicht mehr los. Ich wollte ihr noch etwas sagen nach der Komplet. Aber dann war sie weg. Und morgen sei sie auch weg, den ganzen Tag. Einmal mehr sitze ich alleine da mit meinen Gefühlen. Und wo bist DU?

Mittwoch, 10. Tag

Heute Morgen nach dem Frühstück fand ich einen Zettel an meiner Tür mit einem Gebet von Etty Hillesum: „Gott, schenke mir ab und zu einen kurzen Augenblick der Ruhe. Ich werde auch nicht mehr in aller Einfalt glauben, dass der Friede, falls er über mich kommt, ewig sei, ich nehme auch die Unruhe und den Kampf auf mich, die wieder danach kommen“.

Wer immer den Zettel geschrieben hat, er kam zu spät. Zum ersten Mal seit Tagen spürte ich beim Morgengebet wieder so etwas wie Frieden und Ruhe, und dies, obwohl ich einmal mehr wirres Zeug geträumt hatte. Doch da ich mich auf keinen Fall der „Einfalt“ schuldig machen wollte, genoss ich jede Stunde des Tages, indem ich mir vornahm, neue Kräfte zu sammeln im Blick auf meinen nächsten Durchhänger. Ich war schon etwas stolz auf mich, doch als ich heute Abend meiner Begleiterin danken wollte, schaute mich diese nur ratlos an. Sie wisse nichts von einem Zettel.

Donnerstag, 11. Tag

Was für ein Glück: Der „kurze Augenblick der Ruhe“ dauert an. Und was für ein sagenhafter Moment heute Nachmittag, als ich nach dem Shibashi eingehüllt in meine Wolljacke, mit meinem Buch und einer Tasse heissem Tee am Fenster meiner Zelle sass und plötzlich die Sonne durch die Wolken brach. Wie wenig es doch braucht, um die Welt in ein anderes Licht zu tauchen! Wo waren sie geblieben, all meine düsteren Gedanken der letzten Tage, meine Antriebslosigkeit, meine Ohnmacht und diese Leere und Trauer, die meine Gebete bestimmten? Und doch waren sie real. Genauso real wie mein heutiges Glück. So bin ich! Diese Einsicht war irgendwie demütigend. Doch gleichzeitig spürte ich, dass es gut ist, wie ich bin, und dass ich so sein darf und dass ich so geliebt bin, wie ich bin.

Meine Begleiterin musste weinen vor Freude, als ich ihr abends davon erzählte. Und ich musste weinen, weil sie weinte. In meiner Freude habe ich sie spontan umarmt. Aber nach einem kurzen Zögern hat sie mich sanft aber bestimmt zurückgestossen. Ich solle Gott danken, nicht ihr, meinte sie  mit einem sanften Lächeln. Und ich solle mich gut daran erinnern, wenn die Trostlosigkeit wiederkommt. Die Gelegenheit, das einzuüben, hatte sie mir damit gleich selber gegeben.

Freitag, 12. Tag

Wieder eine Nacht voller wilder Träume: Erst war ich beim Shibashi, aber ich konnte die Bilder nicht mehr. Dann bin ich verzweifelt durch das Kloster gerannt und habe den Ausgang nicht gefunden. Und schliesslich hatte ich Sex mit meinem Ex-Freund, als plötzlich die schwarze Gestalt der Priorin über uns auftauchte. Ich war völlig verschwitzt, als der Wecker läutete.

Warum sie mich zurückgestossen habe, fragte ich meine Begleiterin nach dem Frühstück? Es sei doch nur eine Umarmung gewesen. Sie muss meine Enttäuschung und Wut gespürt haben, liess sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Ich hätte sicher Recht und sie wolle mir auch nichts unterstellen, aber manchmal sei es im Leben einfach wichtig, realistisch zu sein und gewisse Versuchungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Wehret den Anfängen“, meinte sie, indem sie mich eindringlich ansah. Es gebe Dynamiken, die fressen einem mit Haut und Haar, wenn man ihnen nur den kleinen Finger hinhält.

Heute hatte ich keine Lust auf Shibashi. Stattdessen sass ich in meiner Zelle und musste plötzlich an übermorgen denken. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mein Handy bis Sonntag nicht zu brauchen, und eigentlich wollte ich auch nur kurz nachschauen, wann mein Zug fahren wird. Doch dann war da diese Nachricht von meiner Kollegin, dass eine meiner Patientinnen vor einer Woche gestorben sei. Und als ich ihr antworten wollte, stiess ich auf eine Mail von der Mutter meines Ex. Es täte ihr leid, was damals geschehen sei. Ihr Mann hätte kein Recht gehabt, einen Keil zwischen mich und ihren Sohn zu treiben. Sie würde sich sehr freuen, mich wiederzusehen… und ihr Sohn auch.

Das würde ihr so passen, nachdem sie damals einfach geschwiegen hatte. Oh nein, ich habe mein Lektion verstanden. Wer bin ich denn – eine simple Physiotherapeutin – um vor dieser ehrwürdigen Adelsfamilie bestehen zu wollen. Ich war naiv und blind gewesen, aber ich werde mich nicht ein zweites Mal zurückweisen lassen. Die Wut und der Schmerz haben mich den ganzen restlichen Tag begleitet. Ich hatte mir vorgenommen, noch heute Nacht zurückzuschreiben. Aber nachdem ich drei Entwürfe gelöscht hatte, gab ich auf und flüchtete mich stattdessen ins Internet. Ich wusste, wo ich meinen Trost finden würde, und einmal mehr hatte ich mit Erfolg verdrängt, wie leer und frustriert ich mich danach jeweils fühle. Ich ekle mich vor mir selber, und auch die heisse Dusche hat daran nichts geändert. Ich sehe vor mir den traurigen Blick meiner Nonnen, als ich heute Abend demonstrativ einen weiten Bogen um sie herum gemacht hatte. Mein Handy ist wieder ausgeschaltet, aber ich weiss noch immer nicht, wann mein Zug fährt.

Samstag, 13. Tag

Ich fühlte mich beschissen. Wie konnte ich diesen heiligen Ort nur so entweihen? Den ganzen Tag hätte ich mich am liebsten verkrochen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie es alle wissen. Ich schämte mich und hasste sie gleichzeitig dafür. Und dann war da auch noch dieser Traum: Wir machten Shibashi und ich habe sie massiert. Doch dann war sie plötzlich verschwunden. Ich habe sie überall gesucht. Dann war da auf einmal der Vater meines Ex. Er versperrte mir den Weg, aber ich konnte mich losreissen. Schliesslich fand ich sie in meiner Zelle. Sie war halb nackt und irgendwie geknebelt. Und als ich mich über sie beugte, war da wieder die schwarze Gestalt der Priorin…

Noch verstörender als der Traum war das, was er mit mir machte. Wie konnte das sein? Was war nur mit mir los? War das wirklich ich? Ich schaffte es nicht mehr, ihr in die Augen zu schauen. Den ganzen Nachmittag lag ich heulend auf dem Bett und nachdem ich nachts nicht einschlafen konnte, nahm ich schliesslich meine Wolljacke und setzte mich in die Kirche. Ich fühlte mich leer und konnte nicht beten. Und da war sie wieder, diese Frage: Warum bist du hier? Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Weil ich meinem Stern gefolgt bin.

Sie trug ein weisses Nachthemd und hatte sich einen grauen Cardigan um die Schultern gelegt, als ich sie schliesslich aus dem Bett holte. Ich solle im Gesprächszimmer auf sie warten, meinte sie mit verschlafenem Blick. Und als sie ein paar Minuten später mit zwei Tassen Tee daher kam, trug sie wieder ihr schwarzes Ordensgewand. Ich habe ihr die ganze Wahrheit gesagt: dass ich mich von einem Engel habe verzaubern lassen statt von Gott; dass ich wohl in sie verliebt sei… und dass ich gestern Nacht in meiner Zelle masturbiert habe.

Die Turmuhr schlug Mitternacht, während wir schweigend dasassen. Und als ich mich endlich überwinden konnte, den Kopf zu heben, schaute ich direkt in ihre strahlend feuchten Augen. Sie sei so froh für mich, dass ich den Mut hatte zu reden. Manch vermeintliche Wahrheit würde sich bei Licht besehen relativieren und manche Knoten würden sich von selbst lösen, wenn man nur fähig sei, sie klar und laut zu benennen. Und bevor wir uns kurz darauf im Gang vor ihrer Zelle trennten, war sie es, die mich spontan in den Arm nahm.

Noch nie fühlte ich mich so leicht und frei wie heute Nacht in meinem kleinen Zimmer. Die Stille und Einsamkeit sind so erfüllt von Wärme und Trost, dass ich meine Jacke gar nicht vermisse, die ich im Gesprächszimmer vergessen habe. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllt mich, wenn ich an die vergangenen Tage denke. Und gleichzeitig freue ich mich auf mein Zuhause, meine Arbeit und die alten Menschen im Heim. Und ja, ich werde seiner Mutter schreiben… gleich morgen Abend.

Sonntag, 14. Tag

Unser Abschied war kurz und herzlich. Sie sah majestätisch aus in ihrem schwarzen Gewand, inmitten der Menschen auf dem Bahnsteig. Ja, sie fasziniert mich und irgendwie mag ich sie sehr. Doch mir war klar geworden, dass ich selber wohl nie so ein Gewand tragen werde. Ich habe es ihr gesagt, und wenn sie enttäuscht gewesen sein sollte, so hat sie es mich nicht merken lassen.

Sie spüre bei mir eine grosse Sehnsucht nach Leben, Sinn und Liebe, hat sie gemeint, während sie mir einen Zettel in die Hand drückte. Doch wir hätten alle unsere Schwächen und Verletzungen, und darum müssten wir aufpassen, dass unsere Sehnsucht nicht genau an diesen Stellen in falsche Bahnen geleitet wird. Aber sie mache sich meinetwegen keine Sorgen. Ich hätte eine sensible Wahrnehmung, ich sei ehrlich mit mir selber und das sei eine hervorragende Voraussetzung für die Unterscheidung der Geister. Und falls ich wissen möchte, was es damit auf sich hat: Auf dem Zettel stehe Name und Adresse ihres geistlichen Begleiters.

Ich weiss nicht genau, was sie damit gemeint hat, und hatte auch keine Zeit mehr zu fragen. Der Schaffner hatte mich gedrängt einzusteigen und bevor die Tür sich endgültig zwischen uns schob, konnte ich ihr gerade noch zurufen, sie solle doch bitte für meinen Freund beten.

Der Name auf dem Zettel sagt mir nichts, und irgendwann werde ich sicher nachschauen, was dieses SJ dahinter bedeutet. Aber für den Moment liegt das Papier erst mal als Buchzeichen in meiner Bibel, bei Psalm 18:

„Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen.“

Warum sie? XIX (die Pastorin)

(aus dem Tagebuch und einem Brief einer ehemaligen Novizin)

Sonntag, 2 Uhr morgens

Hier scheint die Zeit stillzustehen.

Nichts hat sich verändert in der altehrwürdigen Klosterkirche. Diese unglaubliche Stille, das einsame Flackern des roten Lichtes beim Tabernakel, der Geruch des frisch gebohnerten Steinbodens und der prächtige Blumenschmuck für das kommende Fest. Alles ist noch genauso wie vor 25 Jahren, an jenem Samstagabend vor der Gelübdefeier, meiner letzten Nacht als katholische Nonne.

Nur „mein“ Platz vorne bei der Christus-Ikone, vor der ich damals nächtelang gesessen und mit IHM gehadert hatte, ist besetzt. Ich war mir so gewohnt, die Kirche nachts für mich alleine zu haben, dass ich richtig erschrak, als ich die dunkle Gestalt entdeckte. Sie musste mich gehört haben, drehte sich aber nicht um, als ich leise in eine Bank glitt und mich fröstelnd in die Jacke meines Twinsets kuschelte.

Ich wusste, wer sie war. Es konnte nur sie sein. Keine andere Schwester würde um diese Zeit noch in der Kirche beten. Ausser vielleicht der Priorin, meiner Freundin. Aber mit ihr hatte ich eben noch einen Whisky getrunken, heimlich in ihrer Zelle, so wie damals.

Ich hatte von ihr gehört, von dieser jungen Nonne, der attraktiven Bankierstochter, die für Gott Vermögen und Karriere geopfert hat. Ich war ihr schon einmal begegnet, als ich vor ein paar Jahren das Kloster besucht hatte. Was für eine Frau: ihr Blick, ihre Stimme, ihre Eleganz! Warum war sie hier? Sie faszinierte mich. Und sie irritierte mich. Sie besetzte meinen Platz und irgendwie hat es wehgetan zu hören, mit welcher Leidenschaft die Priorin von ihr erzählt hat. Offenbar hatte sie eine schwere Krise durchgemacht. Doch Gott sei Dank sei sie geblieben… nicht wie ich, dachte ich im Stillen.

Sie schien mir tatsächlich etwas blasser und nachdenklicher zu sein und ich hatte mich schon gewundert, warum sie nicht mehr Leiterin des Gästehauses war. Was für eine Last trug sie unter ihrem schwarzen Gewand? Was hatte sie wohl mit IHM zu besprechen in dieser Nacht? Sie war die ganze Zeit dagesessen, ohne sich zu bewegen. Einmal glaubte ich, ein leises Schluchzen zu hören. Dann plötzlich ein ebenso leises Lachen. Meine Gegenwart schien sie wenig zu kümmern. Ganz im Gegensatz zu mir. Ihre Präsenz weckte Erinnerungen und Gefühle in mir, die ich längst überwunden zu haben glaubte.

ER hatte einfach geschwiegen, damals in dieser letzten Nacht vor unseren ersten Gelübden. Ich hatte IHN angefleht, um Verzeihung gebeten und bis in die frühen Morgenstunden auf ein Zeichen gewartet. Ich hätte nicht viel gebraucht, nur etwas Licht, ein leises Ja oder einen Hauch von Freude und Trost. Aber nichts! Nur diese Stille und der Geruch von Bohnerwachs und frischen Blumen, der mir fast den Atem raubte.

Zwei Jahre hatten wir uns damals gemeinsam durchgekämpft, die heutige Priorin und ich. Sie kam zwei Wochen nach mir ins Kloster, wo wir erst einmal unser Postulat absolvieren mussten. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können: Sie, die hochbegabte Musikerin aus gut katholischer Familie mit nackenlangem dunklen Haar, und ich, die langhaarige Blondine, eine Konvertitin aus atheistischem Elternhaus mit meinem Bachelor in katholischer Theologie. Und doch hatten wir uns sofort gefunden. Vielleicht hatten wir beide gespürt, dass wir in der fremden Welt des Klosters nur gemeinsam bestehen konnten.

„Twinset“ hatten sie uns damals genannt, was wohl weniger unserer engen Freundschaft geschuldet war als dem Umstand, dass wir beide ein klassisches, schwarzes Twinset mit in die „Ehe“ brachten. Das edle Kaschmirteil wurde für uns nicht nur zum Ausdruck unserer Komplizenschaft, sondern auch heimliches Symbol unserer Weiblichkeit und Unabhängigkeit. Wie viel uns das tatsächlich bedeutet hat, war uns erst bewusst geworden, als wir nach einem Jahr beim Eintritt ins Noviziat unsere eigenen Kleider ablegen und das Ordensgewand übernehmen mussten… oder eben durften, zur grösseren Ehre Gottes.

Nun waren wir endgültig „Twins“ geworden und manch ältere Schwester musste erst lernen, uns zu unterscheiden, nachdem unsere Haare unter der Haube und dem weissen Schleier verschwunden waren. Und wir beide mussten uns nun definitiv der Frage stellen, was wir hier eigentlich wollten und welchen Preis wir bereit waren, Gott für seine Liebe zu zahlen.

Damals war ich absolut überzeugt, dass dies mein Weg sei und dass ER mich gerufen hat, ihm alles zu geben. Seit meinem 19. Geburtstag, an dem ich als Leiterin unserer Pfadfindergruppe in Taizé war, hatte sich mein Leben radikal verändert. Noch heute sehe ich mich dort am Boden sitzen, in der Versöhnungskirche, inmitten einer Heerschar junger Menschen. Ich war zwar dank meines Grossvaters reformiert getauft, hatte mit Glauben aber wenig am Hut. Entsprechend skeptisch und distanziert hatte ich das Treiben um mich herum beobachtet. Doch ganz allmählich hatte mich der meditative Gesang in seinen Bann gezogen. Und dann, wie aus dem Nichts, schien etwas in meiner Brust aufzubrechen. Umgeben von singenden Menschen und doch irgendwie allein sass ich da und liess dem scheinbar endlosen Strom meiner Tränen freien Lauf.

Eine Woche später hatte ich meinen Eltern eröffnet, dass ich nicht Jura studieren werde, um später wie geplant die Kanzlei meines Vaters zu übernehmen. Meine Mutter hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich stattdessen konvertiert bin und katholische Theologie studiert habe. Ich sei schuld am frühen Tod meines Vaters. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Ich liess mich davon aber nicht beeindrucken: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“, sagt Jesus in der Bibel und dieses Wort war für mich der Schlüssel zur Freiheit. Endlich, so glaubte ich, konnte ich mein Leben leben und aus dem Gefängnis familiärer Erwartungen und Fesseln ausbrechen.

Doch wie so oft, wenn man sich krampfhaft von Fesseln befreien möchte, legt man sich selber neue an. Schon als ich aus Taizé zurückgekommen war, hatte ich aufgehört, Cannabis zu rauchen und mit Männern im Bett nach der Erfüllung meiner Sehnsucht zu suchen. Ich wollte nur noch für Gott leben. Und da ich bald einmal feststellen musste, dass das Theologiestudium überhaupt nicht dem entsprach, was ich in meinem naiven Glaubenseifer suchte, landete ich schliesslich da, wo der Glaube am radikalsten gelebt wird: im Kloster. Die klare Tagesstruktur, die straffe Lebensordnung, das gemeinsame Gebet und das Wohlwollen der Schwestern faszinierten mich. Wochenlang fühlte ich mich frei und wie im siebten Himmel.

Das erste, was ganz allmählich diesen Himmel trübte, war unser Spiritual, ein gebrechlicher, fast 90jähriger Pater, der zwar eine Seele von Mensch war, aber offensichtlich seit Jahrzehnten kein theologisches Buch mehr gelesen hatte. Die tägliche Messe mit ihm frühmorgens in der kühlen Kirche wurde bald zur Qual für mich. Und ausgerechnet ihm hätte ich beichten sollen, wie sehr ich an seiner theologischen Magerkost zu leiden hatte. Ich schämte mich für meinen Mangel an Demut und meine Überheblichkeit. Und gleichzeitig ärgerte ich mich immer mehr über das Gefühl, von diesem alten Mann abhängig zu sein, der von manchen Schwestern auf geradezu peinliche Weise verehrt und verwöhnt wurde.

Darum war es ein wahres Geschenk, als ich den jungen, dynamischen Priester sah, der die Studienwoche für uns Novizinnen leitete. Ich genoss diese Tage weg vom Kloster, in einem tollen Bildungshaus am See mit Gefährtinnen und Gefährten aus anderen Orden. Die Vorträge waren gehaltvoll, unterhaltsam aber auch herausfordernd. Ich sog alles auf wie ein trockener Schwamm und klebte förmlich an den Lippen unseres charismatischen Referenten. Und plötzlich war sie wieder da, die Begeisterung für das geistliche Leben in Gemeinschaft mit anderen jungen Frauen und attraktiven Männern wie ihm.

Selten war ich so glücklich und erfüllt wie an diesem letzten Abend, als wir auf der Terrasse vor dem Haus bei Wein, Bier und angeregten Diskussionen den Abschluss der Woche feierten. Irgendwann nach Mitternacht waren alle gegangen. Nur ich und unser Priester sassen noch da. Mit der letzten Flasche Wein und zwei Gläsern waren wir schliesslich hinunter gegangen zum See. Es war kühl geworden und er hatte mir seine Strickjacke um die Schultern gelegt. Dann war die Flasche leer und ich hatte mich noch gefragt, wie ich es wohl zurück in mein Zimmer schaffen sollte, als ich plötzlich seinen Arm um meine Hüfte spürte. Ich wollte etwas sagen, aber seine Lippen verschlossen meinen Mund. Sein Atem roch nach Wein. Ich sehe einen weissen Schwan, der im Mondschein majestätisch über die Wasseroberfläche gleitet, während kühle Hände unter dem Ordensgewand nach meiner Haut tasten…

Ich weiss nicht, wie lange ich damals zitternd unter der heissen Dusche sass. Ich war wie betäubt und unfähig zu denken und zu fühlen. Mein Kopf und mein Körper schmerzten, als ich mich schliesslich frühmorgens aus dem Bett wälzte und noch einmal hinunter zum See ging. Sie war unübersehbar, die Stelle mit dem niedergedrückten Gras. Und daneben inmitten von blühenden Margeriten fand ich die leere Weinflasche, zwei Gläser… und mein Höschen.

Ich war als junge Frau wie ein Uhrwerk, wenn es um meine Periode ging. Doch damals kam sie einen Tag später. Nur einen Tag, doch dieser eine Tag war für mich wie ein Jahr in der Hölle. Die pure Verzweiflung hatte mich gepackt. Wie konnte das passieren? Was hatte ich getan? Wie konnte ich Gott so etwas antun? Ich fühlte mich schmutzig und unwürdig. Ja, ich hatte Sex gehabt mit vielen Jungs, bevor Gott in mein Leben kam. Aber ich hatte alles gebeichtet und Frieden gefunden. Doch diesmal half alles Beichten nichts. Unser guter Spiritual gab sich alle Mühe, mir Gottes Barmherzigkeit zu versichern, aber ich wurde das Gefühl von Ekel und Scham nicht mehr los. Und immer wieder hörte ich diese erregte Stimme an meinem Ohr: „Du hast es so gewollt. Du hast mich verführt. Es ist deine Schuld!“ Ich fühlte mich so Ohnmächtig und hasste mich gleichzeitig dafür.

Das war über 25 Jahre her, doch die Erinnerung daran überfiel mich mit aller Gewalt, als ich heute Nacht in der Kirche sass. Plötzlich war alles wieder da: der Schmerz, die Bilder, die Gefühle und die unzähligen Argumente, mit denen ich all die Jahre versucht habe, das Geschehene vor mir selber zu rechtfertigen. Ich weiss nicht, wie lange ich schluchzend und tränenüberströmt dasass, als ich plötzlich eine Hand an meiner Schultern spürte. Unwillkürlich zuckte ich zusammen und hörte, wie mein „bitte nicht!“ durch die dunkle Kirche hallte. Zitternd zog ich die Jacke um meine Schultern zusammen, während das Herz in meiner Brust pochte. Ich brauchte einen Moment, bis ich es wagte, die Augen zu öffnen. Erleichtert starrte ich in das Gesicht der jungen Nonne, die mich im Schein der Opferkerzen besorgt anschaute.

Sie sass schweigend neben mir, während ich mich langsam wieder entspannte. Und irgendwann begann ich zu reden, erst zögerlich, dann immer entschlossener, und obwohl ich kaum mehr als flüsterte, schien meine Stimme den Kirchenraum bis unter das Dach auszufüllen. Eine unglaubliche Stille umgab mich, als ich schliesslich verstummte. Der Geruch von Bohnerwachs und frischen Blumen raubte mir fast den Atem. Es war genau wie damals in der Nacht vor der Gelübdefeier, der Nacht, in der Gott geschwiegen hat. Auch diesmal schien ER zu schweigen.

Doch dann kam mir aus der Dunkelheit des Raumes plötzlich ein Wort entgegen. Ich kannte dieses Wort. Es ist in aller Leute Mund. Und doch war es für mich immer ein fremdes Wort. Ein Wort, das mit meinem Leben nichts zu tun hatte… nichts zu tun haben durfte.

Ich brauchte einen Moment um zu realisieren, woher das Wort gekommen war, und als ich den Kopf drehte schaute ich direkt in die funkelnden Augen der jungen Schwester, die mich eindringlich ansah:

„Das war Missbrauch. Du wurdest vergewaltigt!“

*******

Sonntag, 22 Uhr

Ehrwürdige Frau Mutter, meine liebste Twin

Nein, meine Anrede ist für einmal nicht ironisch gemeint. Herzlichen Glückwunsch zu Deiner silbernen Profess! Was für eine wunderbare Feier! Und was für eine Überraschung für uns alle: Die Passacaglia zum Abschluss des Gottesdienstes, gespielt von der Jubilarin selber! Du warst einfach umwerfend. So habe ich Dich noch nie erlebt. So authentisch und verletzlich, und doch gleichzeitig so selbstbewusst und stark, eine „ehrwürdige Frau Mutter“ im wahrsten Sinne des Wortes. Deine Mitschwestern können stolz sein auf ihre Priorin.

Entschuldige bitte, dass ich direkt nach der Feier einfach so verschwunden bin. Du musst Dir keine Sorgen machen. Es war nicht wie damals vor 25 Jahren, als ich noch vor dem Morgengrauen meine Koffer gepackt hatte und einfach abgehauen bin. Ganz im Gegenteil, erstaunlicherweise geht es mir sehr gut, besser denn je. Ich war am Ende des Gottesdienstes von einer so tiefen Dankbarkeit erfüllt, dass ich mich einfach nach meiner Familie sehnte.

Ein Brief ist nicht der Ort, um alles zu erzählen, was ich Dir erzählen möchte und bei nächster Gelegenheit auch erzählen werde. Manches muss ich auch erst noch für mich selber klären. Darum hier nur so viel:

Du weisst, wie schwer es mir auch nach all den Jahren noch gefallen ist, an diesen Ort zurückzukommen. Und als Du mich gestern Abend in Deiner Klosterzelle mit dem alten, schwarzen Twinset überrascht hast, wurde mir fast schwindlig vor Schmerz. Weisst Du eigentlich, wie gut Du immer noch aussiehst darin? Es steht Dir fast noch besser, seit Deine Haare grau sind.

Wie oft waren wir damals nachts nach der Komplet noch zusammengesessen, heimlich in Deiner Zelle, bei Kerzenlicht und einer Flasche Whisky. Es war unser kleiner, regressiver Akt der Freiheit, das Ordensgewand mit dem Twinset zu tauschen und uns einen Moment lang wie erwachsene Frauen zu fühlen. Es erstaunt mich bis heute, dass uns die Priorin damals nicht bei der Novizenmeisterin verpfiffen hat, als sie uns schliesslich bei unserer nächtlichen Eskapade ertappte. Das war kurz vor unserer Studienwoche und von da an begann sich alles zu ändern.

Die nächtlichen Momente des vertrauten Austausches waren uns genommen. Doch mir kam das damals sehr entgegen. Es war etwas passiert, über das ich mit Dir weder reden konnte noch wollte. Plötzlich war ich mit allem überfordert. Wochenlang hatte ich darum gekämpft, zu verstehen und Ordnung ins Chaos meiner Gedanken und Gefühle zu bringen. Und dabei zusehen zu müssen, wie Du neben mir scheinbar mühelos Deinen Weg gehst, hatte mich zunehmend überfordert und von Dir entfremdet.

Schliesslich hatte sich mein Verstand in die Überzeugung geflüchtet, dass alles ein einziger Fehler war. Es konnte unmöglich Gottes Wille sein, dass ich mein Frausein verleugne und mein ganzes Leben als Nonne verbringe, eingeschlossen hinter Klostermauern, und bis zum Lebensende abhängig von den Entscheidungen irgendwelcher Männer. Mein Austritt aus dem Kloster hatte sich vernünftig und selbstbestimmt angefühlt und viele hatten mir dafür gratuliert. Und letztlich war es nur ein weiterer, logischer Schritt in meiner Emanzipation, dass ich auch der katholischen Kirche wieder den Rücken kehrte und stattdessen meinen Master in reformierter Theologie machte.

Das Leben schien mir dabei Recht zu geben. Ich liebe meine Arbeit als Pfarrerin. Ich habe einen wunderbaren Mann geheiratet und unsere beiden Kinder machen uns viel Freude. Vor kurzem ist mein zweites Buch erschienen und ja, ich bin stolz auf meinen Ruf als angesagte, emanzipierte Theologin, Predigerin und Referentin. Ich hatte mir und der Welt bewiesen, dass ich als Frau zu mehr fähig bin als zum demütig schweigsamen Dienst in einer Männerkirche.  

Doch als ich Dir gegenübersass, wusste ich, dass das alles nur ein Teil meiner Wahrheit ist. Meine Flucht aus dem Kloster und der Kirche hat mir zwar ein schönes und erfolgreiches Leben beschert, doch es war eine Flucht. Und das, wovor ich geflüchtet bin, hat mich nie losgelassen. Es ist tief eingeschrieben in meine Seele und in meinen Körper. Das wurde mir mit aller Gewalt bewusst, als ich nachts in der Kirche sass. Plötzlich waren sie wieder da, die Ohnmacht, die Verzweiflung und der Schmerz, genau wie damals in der Nacht vor den Gelübden. Doch diesmal war es anders. Diesmal war Gott da. Plötzlich sass er neben mir in Gestalt eines Engels, der jungen Schwester, von der Du mir so begeistert erzählt hast. Sie hat mir einfach zugehört, bis ich nichts mehr zu sagen hatte. Und dann hat sie mir den Schlüssel gegeben: einen kurzen Satz, der trotz seiner nackten Brutalität von einem Moment auf den anderen meinem ganzen Chaos Sinn und Ordnung verliehen hat.

Es ist wie bei einem Puzzle, bei dem sich plötzlich wie von selber alle Teile zusammenfügen. Und dabei wirst du dir bewusst, dass du eigentlich die ganze Zeit versucht hast, genau das zu verhindern. Du ahnst, wie die Wahrheit aussieht, eigentlich weisst du es sogar, aber es darf einfach nicht sein. Lieber belügst du dich selber ein Leben lang und suchst nach der Rechtfertigung für deine Schuldgefühle in einer Theologie, die die unentrinnbare Schwachheit des durch Adam in Sünde gefallenen Menschen predigt. Was für ein bitterer und abstrakter Trost im Vergleich zur unendlichen Güte und Barmherzigkeit unseres alten Spirituals. Er war zwar theologisch etwas einfältig, aber er hat uns nie verurteilt sondern immer nur ermutigt und unterstützt.

Ich weiss nicht, wie ich Deiner lieben Mitschwester und Gott danken soll für das, was sie mir in dieser Nacht geschenkt haben. Zum ersten Mal seit über 25 Jahren fühle ich mich frei. Meine Wahrheit ist schmerzhaft und ich werde mich ihr stellen müssen. Aber ich fühle mich bereit und stark genug dazu. Ich habe eine Familie, die mir Kraft gibt, und einen wunderbaren Beruf, den ich trotz allem als meine Berufung erfahre. Und dennoch frage ich mich natürlich, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals den Mut und das Vertrauen gehabt hätte, mit Dir über alles zu reden. Ich bin überzeugt, auch Du hättest mir damals schon das Schlüsselwort gegeben. Aber hätte ich es auch hören können?

Wie auch immer, es ist, wie es ist, und so, wie es ist, ist es gut.

Grüsse bitte meinen Engel von mir! Ich war erst eifersüchtig auf sie. Heute bin ich eifersüchtig auf Dich. Ihr seid ein tolles Twinset! Deo gratias!

In betender Verbundenheit
Deine alte Twin

PS: Weisst Du, was aus dem Priester geworden ist, der uns im Noviziat die Studienwoche gegeben hat? Er hatte es bis zum Generalvikar geschafft, ehe er plötzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Ich habe gehört, er hätte irgendwo eine Tochter.

Warum sie? XVIII (die Priorin)

(aus dem Tagebuch einer Musikerin über ihre Beziehung zur Passacaglia von Bach)

Deo gratias! Sie ist zurückgekommen!

Ich hatte ehrlich gesagt nicht mehr daran geglaubt. Natürlich haben wir jeden Tag für sie gebetet. Und ich habe jeden Abend eine Kerze für sie angezündet. Aber in den 25 Jahren, seit ich nun im Kloster bin, ist noch keine zurückgekommen, die sich hat exklaustrieren lassen.

Entsprechend schwierig waren für mich die vergangenen Wochen. Ja, ich hatte grosse Hoffnungen in diese junge Frau gesetzt. Vielleicht zu viele Hoffnungen. Ihre Präsenz hatte mir gut getan. Wenn sie wüsste, wie sehr sie mir mit ihrer positiven Ausstrahlung und ihrem hoffnungsvollen Glauben durch so manche persönliche Krise geholfen hat.

Doch dann, vor etwa einem Jahr, hatte bei ihr die Krise begonnen. Sie hat mir vertraut und mich von Anfang an eingeweiht: Ins Auftauchen ihres leiblichen Vaters, in die Erkenntnis, dass ihre beste Freundin tatsächlich ihre Halbschwester ist, und vor allem in die traumatische Erfahrung ihrer Vergewaltigung als junge Frau.

Ich hatte getan, was ich konnte, um sie zu unterstützen. Aber ich musste ohnmächtig mitansehen, wie sie immer tiefer in die Verzweiflung rutschte. Schliesslich hatte ich ihr einen Therapeuten empfohlen, einen erfahrenen Priester und Ordensmann. Aber sie hat nicht auf mich gehört und ist stattdessen zu dieser Traumaspezialistin gegangen, die keine Gelegenheit auslässt um zu betonen, was sie von uns Nonnen hält.

Immer und immer wieder habe ich im Gebet um das Vertrauen gerungen. Und dabei musste ich mitansehen, wie es meinem Sorgenkind von Tag zu Tag schlechter ging. Mein Gott, ich hätte ihr nie erlauben dürfen, zu diesem Prozess zu fahren. Nie werde ich den Anblick vergessen, als ich sie nach ihrer Rückkehr weinend in ihrem Bett fand, und daneben im Waschbecken ihre Haare. Ich hatte versucht, mit ihr zu reden und sie zu trösten, aber sie hatte mich aus der Zelle geworfen.

Das hatte wehgetan. Doch der damalige Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, was ich empfunden habe, als sie vor ein paar Wochen bei mir im Büro aufgetaucht war, um mich zu bitten, das Kloster verlassen zu dürfen. Das sind die Momente, wo all unser Bemühen um Glauben, Vertrauen und Loslassen an seine irdischen Grenzen stösst.

Am gleichen Tag, mitten in meine Niedergeschlagenheit hinein, erhielt ich den Anruf aus meiner Heimatstadt. Ich wurde angefragt für ein Orgelkonzert im Rahmen einer kleinen Reihe anlässlich des 80. Geburtstags meines ehemaligen Orgellehrers. Seit Jahren schon hatte ich keine grösseren Konzerte mehr gegeben. Wie sind sie also ausgerechnet auf mich gekommen? Die Frage löste sich auf, als ich erfuhr, was man mir zu spielen vorschlug: Die Passacaglia und Fuge in c-moll von Bach.

Nur einer wusste, was dieses Werk für mich bedeutet… und warum ich es noch nie gespielt habe.

Natürlich hatte ich spontan abgesagt. Meine Aufgaben als Priorin des Klosters würden es mir nicht mehr erlauben, auswärtige Verpflichtungen einzugehen. Doch noch in derselben Nacht, als ich nicht schlafen konnte, hatte ich meine alten Orgelnoten hervorgekramt. Und drei Tage später hatte ich nachgefragt, ob die Einladung noch gelte.

Es ist der absolute Wahnsinn. Eine Verzweiflungstat? Wem will ich etwas beweisen? Und warum ausgerechnet jetzt? Ich weiss es nicht. Seit Wochen übe ich nun an diesem Meisterwerk. Technisch hatte ich es erstaunlich schnell im Griff. Aber emotional ist es eine Leidensgeschichte. Meine Gedanken drehen fast nur noch um dieses Konzert. Und dabei habe ich noch nicht einmal mit meinem geistlichen Begleiter darüber gesprochen.

Ob es mir gut gehe, hat unsere Rückkehrerin mich heute Morgen gefragt, als ich ihr half, das Gepäck in ihre Zelle zu bringen. Und der skeptische Ausdruck in ihrem Gesicht war Beweis genug, dass es nicht nur eine Höflichkeitsfrage war. Wie könnte es mir nicht gut gehen, jetzt, wo sie wieder da sei, antwortete ich, wobei ich mich über den schmerzlich vorwurfsvollen Unterton in meiner Stimme ärgerte. Wieso nur war ich so unfähig zu zeigen, wie sehr ich mich freute?

***

Es tat mir gut, sie neben mir zu wissen. Ich hatte sie gebeten, mich an das Konzert zu begleiten. Sie war eine gute Fahrerin und ich fühlte mich einfach wohl und sicher bei ihr im Auto. Das war genau das, was ich brauchte in diesem Moment: Sicherheit und Geborgenheit.

Ob ich mein Brustkreuz vergessen hätte, meinte sie heute Morgen in spontaner Sorge, als ich zu ihr in den Wagen stieg. Sie war es nicht gewohnt, ihre Priorin ohne Ordensgewand zu sehen, und musterte erstaunt mein schwarzes Twinset, das ich seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Es sei unter dem Pullover, log ich. Ich hatte nicht die Kraft, ihr und mir selber zu erklären, warum ich es zusammen mit meinem Ordensgewand in der Zelle gelassen habe. Mir war zwar schnell klar gewesen, dass ich dieses Konzert in Zivil geben würde. Ich wollte als Musikerin wahrgenommen werden und nicht als exotische Nonne. Aber das mit dem Kreuz war etwas anderes…

Was das für ein Stück sei, das ich da spiele, hat sie mich während der Fahrt gefragt. Sie habe mich gestern noch in der Kirche üben gehört.

Mein Gott, wie soll ich ihr erklären, was die Passacaglia ist? Ein Stück mit einem Bassthema und zwanzig Variationen, gefolgt von einer Fuge. Eines der absoluten Meisterwerke von Johann Sebastian Bach. Doch was sagt das einem Laien wie ihr? Und was sagt das schon von dem, was dieses Stück für mich bedeutet?

Ich muss schon im Mutterleib damit aufgewachsen sein. Mein Vater hatte es meiner Mutter vorgespielt, und seither hat es ihre Beziehung begleitet, wie das Bassthema der Passacaglia sich durch die Variationen zieht. Immer und immer wieder habe ich mir schon als Kind dieses Stück angehört. Es war für mich Ausdruck der perfekten Harmonie, einer Ordnung, die sich kreativ entfaltet und doch durch das Grundthema gehalten ist. Und genau so hatte ich meine Kindheit erlebt: Das unbeschwerte Zusammenleben mit meinen Eltern und meinen beiden kleinen Brüdern, die ersten Schuljahre, den Besuch der Gottesdienste am Sonntag und meine Erstkommunion in dem weissen Kleid und dem Blumenkranz auf dem Kopf.

Doch dann kam mein zwölfter Geburtstag. Wir hatten gefeiert wie jedes Jahr, mit Verwandten, Cousins und Cousinen. Es wurde gelacht, Musik gemacht, gespielt und unter den Älteren auch getrunken. Und dann war da plötzlich die Hand meines Onkels an meinem Busen. Na, ob mir das gefalle? Ich sei ja mächtig am Aufblühen. Nie werde ich diese Stimme an meinem Ohr vergessen, und den Alkohol in seinem Atem, als er mich am Hals küsste.

Meine Mutter wollte davon nichts wissen. Das sei sicher nicht so gemeint gewesen. Es sei ja auch ganz natürlich, dass ich im Moment diesbezüglich etwas empfindlicher sei. Mein Onkel hatte mich danach auch nie mehr angefasst und ich vermute, meine Mutter hatte dafür gesorgt. Doch das Gefühl des Ekels, der Ohnmacht und der Angst hatten sich tief in meine Seele eingeprägt. Die harmonische Ordnung der Passacaglia war zerbrochen.

Erst zwölf Jahre später war ich bereit, mich mit diesem Werk zu versöhnen. Ich hatte soeben das Konzertexamen meines Orgelstudiums mit Auszeichnung bestanden und feierte meinen Geburtstag mit meinen Freunden und meinem verehrten Lehrer und Professor. Ihm hatte ich alles zu verdanken. Er war wie ein Vater für mich und hat auch dann an mich geglaubt, als ich wegen einer Depression alles hinschmeissen wollte. Er hatte nie Fragen gestellt und immer akzeptiert, dass ich mich weigerte, die Passacaglia zu spielen. Und darum hatte ich sie ihm an diesem Abend in meiner kurzen Dankesrede als Abschiedsgeschenk versprochen. Ich sah damals auch keinen Grund, ihn nicht noch auf ein Glas Wein zu sich nach Hause zu begleiten. Es war schon nach Mitternacht und wir hatten beide etwas viel getrunken. Ich fühlte mich wohl bei ihm und war gerade im Begriff, seine Bibliothek zu betrachten, als er plötzlich hinter mir stand, die Jacke des Twinsets von meinen Schultern nahm und begann, unter dem Pullover nach meinem Busen zu tasten. Einen Moment lang war ich wie gelähmt, was ihn wohl annehmen liess, dass ich bereit sei für mehr. Er habe immer gewusst, dass ich irgendwann die Passacaglia für ihn spielen werde, hörte ich seine Stimme an meinem Ohr, während seine Rechte unter den Bund meines Rockes glitt.

Mehr war damals nicht geschehen. Ich hatte mich losgerissen, meine Tasche und meine Jacke gepackt, und war wortlos davongerannt. Tagelang hatte er versucht, mich telefonisch zu erreichen. Und schliesslich bekam ich einen Brief: Es täte ihm schrecklich leid. Sein Verhalten sei unverzeihlich gewesen und er schäme sich. Ich habe den Brief zerrissen… und die Passacaglia für immer begraben.

Doch wie sollte ich das alles meiner jungen Mitschwester erklären? Und vor allem, wie sollte ich ihr erklären, warum ich heute auf dem Weg bin, genau diese Passacaglia zu spielen? Wo ich es doch noch nicht einmal selber wirklich wusste.

Ich wusste es auch dann noch nicht, als ich am Nachmittag zum ersten Mal seit fast dreissig Jahren wieder an dieser Orgel sass, an der ich mein Prüfungskonzert absolviert hatte. Ich hatte meine Begleiterin gebeten, mich bis am Abend nach dem Konzert alleine zu lassen. Hier oben war noch alles wie damals, als ob die Zeit stillgestanden wäre: Der Blick hinunter ins geräumige Kirchenschiff und der Blick hinauf in die verspielte Üppigkeit des barocken Himmels, der mich umgab. In der Luft lag ein Hauch von kaltem Weihrauch und die Isolation der alten Kirchenfenster hat bis heute niemand an die Hand genommen. Unter mir hörte ich gelegentlich die Stimmen von Touristen, während ich hier oben auf der Empore ganz für mich alleine war. Auch das schwarze Twinset hatte mich damals schon begleitet. Ich hatte es mir mit meinem ersten Konzerthonorar gekauft. Und mein Lehrer liebte es, mich darin spielen zu sehen, vor allem, wenn ich mir die Jacke wegen des steten Luftzugs um die Schultern gelegt hatte.

Erst als ich schliesslich begann, die Register für die ersten Variationen der Passacaglia auszuwählen und dabei nach all den Jahren wieder die unglaubliche Kraft und Majestät dieser Orgel spürte, wusste ich plötzlich, warum ich hier war: Ich war gekommen, um mir meine Freiheit zurückzuholen. Niemand hatte das Recht, mir mein Leben wegzunehmen, meine Würde, mein Twinset und meine Passacaglia, nicht mein Onkel, nicht mein Lehrer, und auch nicht Gott.

***

Meine liebe Mitschwester hatte Tränen in den Augen, als sie nach dem Konzert zu mir auf die Empore kam. Fantastisch sei es gewesen, einfach wunderbar. Sie hätte noch nie so etwas Schönes gehört.

Auch mir kamen die Tränen, als sie mich spontan umarmte. Doch ich fühlte mich in diesem Moment einfach nur erschöpft und leer. Darum war ich dankbar, als sie kurzerhand meine Sachen zusammenpackte und dafür sorgte, dass ich hier wegkam.

Die Kirche war voll gewesen und die Leute waren begeistert. Vorne in der zweiten Reihe hatte ich meinen ehemaligen Lehrer erkannt. Er war als einer der ersten aufgestanden um zu applaudieren. Selbst aus der Distanz hatte ich die Tränen in seinen Augen gesehen. Er hat am Ausgang auf mich gewartet, als wir die Treppe von der Empore herunterkamen. Aber meine Begleiterin umging das Gedränge der Konzertbesucher und führte mich durch einen Seitenausgang ins Freie. Ich war froh, hatte sie mir die Entscheidung abgenommen. Ich fühlte mich nicht bereit, ihm zu begegnen. Nicht in diesem Moment.

„Ich sprach mir’s aus, als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte“, hörte ich sie wenig später verträumt vor sich her sagen, als wir auf einer Bank am Fluss sassen und die Lichter der nächtlichen Stadt betrachteten: „Etwa so wie sich’s in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben. So bewegte sich’s auch in meinem Innern, und es war mir, als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen und weiter keine übrigen Sinne besäße noch brauchte.“

„Goethe“, meinte sie schmunzelnd, als sie meinen fragenden Blick sah. Wer könnte besser beschreiben, was die Musik von Bach in der Seele bewirken kann? Sie habe mir den ganzen Nachmittag beim Registrieren und Proben zugehört. Das habe ihr geholfen, das Stück ein wenig kennenzulernen. Doch was sie heute Abend erfahren durfte, hätte sie nicht im Traum für möglich gehalten.

Irgendwie musste sie beim Konzert spontan an uns denken, an uns beide, aber auch die ganze Gemeinschaft. Da sei dieses würdevolle Bassthema, das Fundament, das die Passacaglia durchträgt. Man könnte darin den Ewigen sehen, aber sie habe dabei vor allem an mich denken müssen. Seit sie zum ersten Mal in unser Kloster gekommen war, sei ich dagewesen: Treu, tragend, zusammenhaltend, das Fundament eben, auf dem sie und die anderen Schwestern den Raum finden für ihr eigenes Suchen und Fragen, aber auch für ihre Ideen und Kreativität. Zehn Variationen lang trage dieses Fundament, das dabei durchaus auch bereit sei, sich rhythmisch einmal den Bedürfnissen der anderen Stimmen anzupassen. Doch dann, bei der elften Variation, kommt plötzlich der Moment, wo das Fundament verstummt. Aber siehe da, sofort, ohne dass der laufende Melodiefluss unterbrochen wird, übernimmt die Sopranstimme das Grundthema. Gemeinsam tragen die Oberstimmen die Passacaglia durch die nächsten fünf Variationen, ja mehr noch, sie scheinen ihre Freiheit zu geniessen, spielerisch, leicht, doch ohne je das Fundament zu verraten. So wie ich das gespielt habe, hätte man meinen können, den Engeln beim Musizieren zuzuschauen. Und dann ist auch sie wieder da, die tragende Bassstimme, und begleitet das Ganze zu seinem feierlichen Höhepunkt. Doch was für eine Überraschung: Da fange es ja erst richtig an. Aus diesem Höhepunkt heraus entfaltet sich übergangslos die Fuge, dieses fantastische, fast tänzerische Zusammenspiel gleichberechtigter Stimmen in einem einzigen Lobgesang, als ob die ewige Harmonie sich mit sich selber unterhielte. Mein Gott, was für eine einzigartige Erfahrung! Und was für ein Meisterwerk! Und dabei sei der Mann damals gerade mal 22 gewesen.

Meine Begleiterin hatte sich so in ein leidenschaftliches Feuer geredet, dass ich nur noch staunend dasass. Ich müsse keine Angst haben, meinte sie schliesslich nach einem Moment des Schweigens, indem sie sich zum mir umdrehte und mich eindringlich ansah. Auch ich dürfe mal Pause machen, meine Verantwortung ablegen und das Brustkreuz zuhause lassen. Sie habe zwar keine Ahnung, was mit mir los sei und was mich gerade derart bedrückt, aber sie sei wieder da und werde mich nicht mehr alleine lassen, und die anderen auch nicht.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und ergriff einfach nur ihre Hand. Ich hatte keine Angst. Nicht mehr. Sie hat auf ihre Weise das ausgedrückt, was ich beim Spielen gespürt habe: Friede und Trost, ein Gefühl der Freiheit und der Freude, und eine wachsende Lebendigkeit, die sich spätestens dann auch noch ihrer letzten Fesseln entledigt hat, als ich begonnen habe, die Fuge zu spielen.

***

Nein, ich hatte die Passacaglia nicht für ihn gespielt.

Aber ich habe es nicht über mich gebracht, ihm das zu sagen. Seine Freude war so ehrlich und berührend, als er mich heute Morgen vor der Abreise noch im Hotel aufsuchte. Er sei einfach unendlich dankbar, dass ich seiner Einladung gefolgt sei. Er habe damals einen unverzeihlichen Fehler begangen. Er sei überzeugt gewesen, dass ich… aber seine Liebe habe ihn blind gemacht.

Wie hätte ich ihm sagen können, dass er vielleicht gar nicht so blind gewesen war? Mein Gott, was wäre aus uns geworden, wenn er es einfach etwas sanfter angegangen wäre. Ich glaube, er hätte damals alles von mir haben können, wenn er nur gefragt hätte. Aber vielleicht war es gut so. Er hätte mein Vater sein können. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Warum ich eigentlich Nonne geworden sei, fragte mich meine junge Mitschwester, als wir wenig später im Auto auf dem Weg nach Hause waren. Ja, warum eigentlich? War es am Ende gar eine Flucht: Die Flucht vor ihm, vor der Passacaglia, vor dem Leben und vor mir selber? Nein, ich bin überzeugt, dass da mehr war. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätten mich die Schwestern auch gar nicht aufgenommen. Vielleicht ist der Moment gekommen, mir diese Frage neu zu beantworten, zwei Wochen vor meinem Professjubiläum.

„Frag mich ein ander Mal!“ hörte ich mich sagen, während ich erschöpft die Augen schloss und mich in die Jacke meines Twinsets kuschelte. Ich hatte gerade überhaupt keine Ahnung, warum ich hier bin. Und ich hatte weder Lust noch Kraft, mir diese Frage zu stellen. Ich war einfach nur glücklich und fühlte, dass es gut und richtig ist, hier zu sein, in diesem Moment, auf dem Weg mit meiner jungen Weggefährtin.

Woher sie eigentlich wisse, dass ich mein Kreuz nicht dabeihabe, fragte ich sie, als wir schliesslich in die Einfahrt zu unserem Kloster einbogen. Und nie werde ich diesen leisen Ausdruck von Sorge vergessen, der ihr Lächeln begleitete:

„Du bist eine schlechte Lügnerin, ehrwürdige Frau Mutter!“

Warum sie? XVII (der Schwager)

(Aus den Aufzeichnungen eines ehemaligen Polizisten)

Letzte Nacht haben wir zum ersten Mal miteinander geschlafen.

Es war wunderschön. Aber ich bin schon etwas erschrocken, als ich das Blut sah. Warum hatte sie mir nichts gesagt? Wie hätte ich wissen sollen, dass sie in ihrem Alter noch Jungfrau war.

Manchmal werde ich einfach nicht schlau aus ihr. Aber sie macht es mir auch nicht einfach. Ich habe immer gedacht, ich sei kompliziert. Doch sie schlägt mich um Längen. Dabei hatte ich sie gar nicht so in Erinnerung. Wir waren ein gutes Team, damals bei der Polizei: Offen, direkt, unkompliziert und vor allem eines: Professionell. Wir hatten uns gemocht, aber mehr nicht. Sie schien sich nicht für Männer zu interessieren und ich stand nicht auf ihren maskulinen Typ.

Doch seither hat sich einiges Verändert, bei mir, aber vor allem auch bei ihr. Seit einem Jahr sind wir zusammen und vor ein paar Monaten hatte sie einmal einen Anlauf genommen, über sich zu reden. Seither wusste ich, dass sie eine Halbschwester hat, die in irgendeinem Kloster Nonne ist. Und eigentlich gäbe es da noch einen Halbbruder. Der würde eine wichtige Rolle spielen in ihrem Leben, aber sie wisse nicht so recht, wie sie mir das erklären soll.

Dabei war es geblieben, bis plötzlich vor ein paar Wochen diese Schwester aus dem Kloster aufgetaucht war. Ich kam damals von einer Dienstreise zurück und wollte meiner Freundin einen Überraschungsbesuch abstatten, als ich unten beim Fahrstuhl dieser Frau begegnete. Sie trug einen schwarzen Daunenmantel und hatte die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Das kam mir seltsam vor, denn draussen war es frühlingshaft mild. Ihre Hände spielten nervös mit dem Kragen ihres Mantels, während wir auf das Kommen des Fahrstuhls warteten. Doch als sich die Tür öffnete und ich ihr den Vortritt lassen wollte, zögerte sie einen Moment, bevor sie mit einem unverständlichen Murmeln in Richtung Treppenhaus verschwand.

Ich bin es nicht gewohnt, dass Frauen vor mir davonrennen. Umso mehr freute ich mich, als meine Liebste oben bereits vor der Tür auf mich wartete. Doch ihre Reaktion war eher irritiert als erfreut. Sie brauchte einen Moment, um ihrem Glück Ausdruck zu verleihen, und ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass sie gar nicht auf mich gewartet hat. Fassungslos starrte ich auf die Gestalt, die plötzlich nach Atem ringend die Treppe hoch kam. Sie hatte ihren Mantel ausgezogen und machte einen ziemlich jämmerlichen Eindruck in ihrem unförmigen, langen Pullover und den alten Jeans.

Das war sie also, ihre Schwester. Sehr glücklich sah sie nicht aus, diese Nonne. Mit ihrem kahlgeschorenen Kopf hätte sie auch aus irgendeiner Sekte kommen können. Offenbar kam sie aber direkt von ihrer Therapeutin. Sie mache gerade eine schwierige Zeit durch, meinte meine Liebste, als sie mich überzeugte, dass ich im Moment besser wieder gehen sollte. Und am nächsten Tag erklärte sie mir, dass die Nonne bei ihr einziehen werde, vorübergehend, um etwas Distanz zu finden.   

Sie hat mir nie gesagt, was das Problem ihrer Schwester ist. Und ich habe auch nicht danach gefragt. Die Erinnerung an meine eigene Krise war noch zu frisch, als dass ich mich mit den Krisen anderer hätte beschäftigen wollen. Doch die Situation hatte auch ihr Gutes: Da ihr Gastzimmer belegt war, hatte Puma nun endlich auch eine Zahnbürste bei mir.

„Gut geschlafen? Ich liebe Dich, Deine Puma“ stand auf dem Zettel, den ich am Kühlschrank gefunden habe, nachdem sie zum ersten Mal bei mir übernachtet hatte. Irgendwie hatte ich diesen Namen aus meinem Bewusstsein verdrängt, so wie ich vieles aus unserer gemeinsamen Vergangenheit verdrängt hatte. Puma war damals ihr Funkrufname bei der Polizei. Und irgendwann hatten wir sie einfach nur noch Puma genannt. Das Tier passte zu ihr: Kraftvoll, athletisch, kämpferisch und gleichzeitig unaufdringlich in seiner nüchternen Schmucklosigkeit. Doch genau diese Eigenschaften machten sie zur perfekten Partnerin. Sie war verdammt gut, besser als manche meiner männlichen Kollegen.

Die Ärmste macht sich bis heute Vorwürfe, mich damals im Stich gelassen zu haben. Dabei war es allein meine Schuld. Ich hatte die Verantwortung. Wir hätten nie alleine in diese Villa eindringen dürfen. Doch ich war mir sicher gewesen, dass die Täter das Haus bereits verlassen hatten. Heute muss ich mich fragen, ob ich ebenso naiv gewesen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte, wem das Haus gehört. Und spätestens als ich die beliebte Schauspielerin im Wohnzimmer neben ihrem Gatten gefesselt und geknebelt am Boden liegen sah, war ich vollends blind für die Gefahr. Nie werde ich den Anblick dieser Frau vergessen, die mich flehend anstarrte und verzweifelt in ihren Knebel stöhnte, als ich mich über sie beugte. Erst als ich den Schrei meiner Partnerin in meinem Rücken hörte, begriff ich, was sie mir sagen wollte. Doch da fiel auch schon der Schuss.

Fast zwei Wochen lag ich im künstlichen Koma. Und als ich endlich wieder auf den Beinen war, habe ich meinen Dienst quittiert. Die Polizeipsychologin hatte sich zwar alle Mühe gegeben und mich sogar dazu gebracht, Tagebuch zu schreiben. Doch der Schock sass tief. Ich hatte jedes Vertrauen in mich verloren. Und vor allem, ich konnte mir selber nicht verzeihen. Nachdem ich mehrere Monate depressiv herumgehangen war und von meinem Ersparten gelebt hatte, hat mir ein ehemaliger Kollege schliesslich einen Job vermittelt. Seither arbeite ich als Chauffeur für einen namhaften CEO. Ich gehörte schon bei der Polizei zu den besten Fahrern und die gepanzerte Luxus-Limousine war einfach ein Traum. Und da mein Chef auf seine Kinder hörte und weitgehend auf das Fliegen verzichtete, durfte ich ihn und seine Familie durch halb Europa fahren. Dank diesem Job kam ich langsam wieder zum Leben zurück.

Dann kam der Tag, als mich meine alten Kollegen zu einer Gartenparty eingeladen haben. Ich hatte lange gezögert hinzugehen. Entsprechend nervös hatte ich mich nach ihr umgesehen und war fast etwas erleichtert, als ich sie unter den Gästen nicht entdecken konnte. Dafür wurde meine Aufmerksamkeit spontan angezogen von einer Frau mit schönen, schulterlangen Haaren, die sich draussen im Garten mit meinem ehemaligen Vorgesetzten unterhielt. Sie drehte mir den Rücken zu und hatte sich über einem geblümten Sommerkleid einen weissen Cardigan elegant um die Schultern gelegt. Ich hatte gehört, dass Puma unterdessen bei der Kriminalpolizei war und dass sie sich ziemlich verändert habe. Doch auf das war ich nicht gefasst. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, als sie sich umdrehte und zusah, wie ich fassungslos realisierte, wer da vor mir stand.

Ihre Schwester sieht ihr recht ähnlich. Als wir uns neulich zu dritt zu einem Kaffee trafen, glaubte ich einen Moment lang, die alte Puma vor mir zu sehen. Die kurzen Haare, die knabenhaften Gesichtszüge, das Tarnmuster T-Shirt und die Lederjacke waren mir nur zu gut bekannt. Nur passten diese Klamotten nicht so recht zur schmächtigen Gestalt der jungen Nonne. Hauptsache, sie fühle sich wohl, meinte meine Liebste schmunzelnd, als ich sie darauf ansprach. Ihre Schwester kämpfe gerade gegen sich und alle. Auch sie brauche eben mal eine punkige Phase.

Als wir uns drei Wochen später wieder trafen, war diese Phase offenbar vorbei. Die Haare der Nonne waren nachgewachsen und das martialische T-Shirt hatte dem ärmellosen, schwarzen Rollkragentop Platz gemacht, das ich an ihrer Schwester so mochte. Auch ihr Gesicht war wieder etwas aufgeblüht und ihre anfängliche Unsicherheit mir gegenüber war wie weggeblasen. Im Gegenteil, so wie sie die schwarze Lederjacke modisch elegant um die Schultern gelegt trug, hatte ich fast den Eindruck, als ob sie mit mir kokettieren wolle. Der skeptisch Blick, den meine Liebste mir dabei zuwarf, liess vermute, dass auch ihr diese Dynamik nicht entgangen war.

Ob sie schon Pläne habe, wie es nun weitergeht, hatte ich die Nonne schliesslich gefragt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass diese aufblühende Schönheit wieder hinter Klostermauern verschwinden sollte. Gleichzeitig spürte ich, dass es für uns nicht gut wäre, wenn sie noch lange hier herumhängen würde. Ich könne es wohl kaum erwarten, ihre Schwester wieder für mich alleine zu haben, antwortete sie sichtlich irritiert, und bevor ich etwas erwidern konnte, war sie aufgestanden und hatte ihren Kaffee und uns einfach stehen lassen. Ich wollte ihr noch hinterher, aber Puma hielt mich am Arm zurück. Sie schaffe das schon, meinte sie gelassen. Das Mädel wisse, dass ich Recht habe. Aber sie brauche einfach noch etwas Zeit.

Noch am selben Abend hat mich das „Mädel“ angerufen und sich für ihr Verhalten entschuldigt. Es täte ihr leid, dass sie derart in unser Leben eingedrungen sei. Sie sei uns wirklich dankbar für die Liebe und Geduld, mit der wir sie aufgenommen hätten. Und ich solle mir keine Sorgen machen. In zwei Wochen werde sie in ihr Kloster zurückkehren.

Ich weiss nicht, warum mich diese Worte derart aufgewühlt haben. Nachdem ich mich die längste Zeit im Bett hin und her gewälzt hatte, war ich aufgestanden und hatte begonnen, im Internet nach dem Kloster zu googeln. Und je mehr ich darüber fand, desto weniger konnte ich es begreifen: Was um alles in der Welt will diese Frau dort? Puma hatte mir erzählt, dass sie Bankerin gewesen sei, und nicht einfach irgendeine Bankerin. Und sie war attraktiv, verdammt attraktiv sogar, wenn ich die Bilder sehe aus ihrem früheren Leben. Okay, sie hat etwas kleine Brüste, aber ihre natürliche Eleganz war einfach atemberaubend. Und ja, verdammt, sie war im wahrsten Sinne des Wortes im Begriff, mir den Atem zu rauben. Wenn ich ehrlich bin, hatte sie es gar nicht nötig zu kokettieren. Sie ist einfach so und ich habe offensichtlich ein Problem, damit klar zu kommen.

Entsprechend aufgeregt war ich, als wir uns gestern Abend bei unserem Lieblingspizzaiolo zu einem Abschiedsessen trafen. Ich kam wie üblich etwas zu spät und staunte nicht schlecht, neben den beiden Schwestern auch noch deren Vater zu treffen. Er hätte nicht oft Gelegenheit, seine beiden Töchter zum Essen einzuladen, meinte er grinsend, als er mir die Hand gab. Nicht minder erstaunt war ich über den Anblick unserer Nonne. Sie hatte ihre Haare wieder etwas kürzer geschnitten und trug den unförmigen, schwarzen Pullover, in dem ich sie bei der ersten Begegnung gesehen hatte. Über ihrer Brust hing ein braunes Holzkreuz und an ihrer linken Hand war ein goldener Ring, den ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ihre Erscheinung irritierte mich, doch noch verstörender waren diese klaren Augen, die mich ruhig musterten. Ich konnte ihrem Blick nicht standhalten und war dankbar um ihre Schwester, die mich aus dem peinlichen Moment befreite, indem sie mich zu sich zog und küsste. „Ich liebe dich“, hauchte sie mir ins Ohr, während ich erfreut registrierte, dass sie nicht nur das schwarze Rollkragentop trug, sondern über ihren Schultern auch den weissen Cardigan, der für mich zum Symbol der neuen Puma geworden war.

Die drei schienen sich bestens zu unterhalten, während ich erstaunlich appetitlos an meiner Quattro Stagioni herumkaute. Irgendwie fühlte ich mich völlig fehl am Platz, und daran konnte auch meine Liebste nichts ändern, die unter dem Tisch immer mal wieder sanft ihre Hand auf meinen Oberschenkel legte. Doch als unsere Teller abgeräumt waren, hielt ich es nicht länger aus: Warum sie eigentlich Nonne sei, brach es aus mir heraus. Was finde sie in diesem Kloster, was sie bei uns draussen nicht findet?

Eine gewisse Aggression in meiner Stimme war unüberhörbar. Und für einen Moment trat betretene Stille ein. Ich schämte mich plötzlich für meinen Ton und wagte nicht, meinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Umso befreiender war die ruhige Stimme, die unserem Schweigen ein Ende setzte: Gott habe ihr eine Liebeserklärung gemacht, vor langer Zeit einmal in einer Kirche. Sie sei noch ein kleines Mädchen gewesen. Seit diesem Tag sei ihr ganzes Leben eine einzige Suche nach der passenden Antwort.

Diese Worte klangen aus ihrem Mund so natürlich, unprätentiös und authentisch, dass man fast geneigt war zu vergessen, wie absurd sie eigentlich waren. Soll wirklich die mystische Liebesschwärmerei eines Mädchens ihr ganzes Leben bestimmen? Und was für ein Gott soll das sein, der so etwas von einem Kind verlangt. Wäre es nicht langsam Zeit, sich von solchen Wahnvorstellungen und Zwängen zu befreien und endlich erwachsen zu werden?

Gott habe nie etwas von ihr verlangt, hörte ich sie schliesslich sagen, als ob sie meine Gedanken erahnt hätte. Er habe sie damals einfach angeschaut, beim Namen gerufen und ihr gesagt, dass sie wichtig sei für ihn, und dass er sie liebe. Und auf die eine oder andere Weise habe er ihr das seither immer wieder gesagt. Zuletzt vor ein paar Tagen bei ihren Exerzitien, nachdem sie ihm nachts in der Kapelle einmal so richtig ihre Meinung gesagt und ihm ihre ganze Wut und ihren Frust an den Kopf geworfen habe. Sie wisse nicht, ob wir das nachvollziehen könnten, aber sie habe sich noch nie so frei und erwachsen gefühlt wie in diesem Moment.

Nie werde ich den Glanz in ihren Augen vergessen, als sie dies erzählte. Dabei sass sie aufrecht da und schaute uns der Reihe nach an. Es war, als ob sie über das Normalste der Welt reden würde, und dabei strahlte sie eine natürliche Schönheit aus, bei der selbst der schäbige Pullover an ihr elegant wirkte. Doch irgendwie weigerte sich etwas in mir, ihr das Ganze abzunehmen. Diese Liebesgeschichte sei ja schon schön und recht, aber das sei doch noch lange kein Grunde, das eigene Leben wegzuwerfen und sich in ein Kloster zu verkriechen.

Der missbilligende Blick ihres Vaters und die Hand auf meinem Oberschenkel verrieten mir, dass ich etwas zu weite gegangen war. Aber die Nonne schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Sie sei froh, dass endlich jemand den Mut habe, ihr diese Fragen direkt ins Gesicht zu stellen. Viele würden insgeheim so denken wie ich, doch nur wenige würden sie damit konfrontieren, meinte sie, während ein trauriger Zug ihre Augen umspielte.

Sie habe jahrelang nach ihrer Form gesucht, auf die Liebeserklärung Gottes zu antworten. Und schon während ihres Studiums sei ihr klar geworden, dass dies nicht als Bankerin geschehen wird. Und auch die heimlichen Gefühle, die sie über Jahre zu einem ihrer Klassenkameraden hegte, sollten sich nicht als ihr Weg erweisen. Dann machte sie zum ersten Mal eine Auszeit in diesem Kloster und lernte dabei auch die Schwestern kennen. Vom ersten Moment an habe sie sich wohl gefühlt an diesem Ort und nach einer Woche wusste sie, wo ihr Platz sein würde. Warum ausgerechnet dort könne sie bis heute nicht sagen. Der Ort sei nicht besser und nicht schlechter als andere Orte. Und das Leben einer Nonne sei weder grundsätzlich besser noch gottgefälliger als jedes andere sinnvoll gestaltete Leben. Auch ihre Mitschwestern seien weiss Gott keine Heiligen, von ihr selber ganz zu schweigen. Doch für sie sei damals klar geworden: „Das ist der Ort, an dem ich Gott mit meinem Leben für seine Liebe danken möchte“.

Sie wisse nicht, was für mich eigentlich Leben bedeute, sagte sie schliesslich, indem sie mir direkt in die Augen schaute. Wenn ich tatsächlich meine, sie werfe ihr Leben weg, müssten wir uns wohl zuerst darüber einigen, was wir beide unter Leben verstehen. Denn ja, in gewissem Sinne werfe sie tatsächlich ihr Leben weg, weil sie im tiefsten Überzeugt ist, dass sie es gerade dadurch immer neu bekommt. Das sei alles eine Frage der Beziehung, der man sein Leben anvertraut: „Da, wo eine Beziehung mich wirklich lebendig macht, da ist mein Ort“.

Diese Worte klangen immer noch in meinem Ohr, als ich heute Morgen erschöpft aber überglücklich mit meiner wohlig schnurrenden Puma im Arm aufwachte. Lange ist es her, seit ich mich nicht mehr so glücklich und lebendig gefühlt hatte. Wie habe ich das bloss verdient? Okay, sie mag manchmal etwas kompliziert sein, nicht immer einfach zu verstehen und durchaus eigensinnig. Und eine Heilige ist sie weiss Gott auch nicht… wobei, bis heute Nacht ja irgendwie schon…

Was los sei, hörte ich sie verschlafen murmeln, als sie offenbar mein Lachen spürte. „Woran denkst du?“

„Ich habe mich gerade gefragt, wo eigentlich mein Ort sei“.

„Und?“

*******

Ich staunte nicht schlecht, als ich sie zum ersten Mal in ihrem schwarzen Ordensgewand sah. Und sie staunte nicht weniger, als sie die Luxus-Limousine sah, deren offene Tür sie zum Einsteigen einlud.

Ich war gekommen, um meine zukünftige Schwägerin zurück in ihr Kloster zu fahren. Mein Chef hatte mir dazu mit Vergnügen seinen Wagen überlassen, nachdem ich ihm erklärt hatte, worum es ging. Meine Befürchtung, es könnte ihr allenfalls peinlich sein, erwies sich schnell als unbegründet. Im Gegenteil, es machte ihr sichtlich Spass, vor den Augen einiger verblüffter Passanten in die edle Karosse zu steigen.

„Die meinen sicher, wir spielen hier eine Posse“, sagte sie lachend, als wir schliesslich davonfuhren. Dabei konnte ich diese Leute verstehen. Auch mir kam das Ganze irgendwie surreal vor. Diese elegante Nonne sass offensichtlich nicht zum ersten Mal in so einem Wagen. Neugierig musterte sie die Ausstattung und das digitale Display am Armaturenbrett. Ihr Stiefvater habe auch ein paar nette Wagen gehabt, meinte sie, aber das hier sei schon noch mal was anderes. Und wer hätte je gedacht, dass sie erst Nonne werden müsse, damit man ihretwegen mit einer gepanzerten Limousine anrücke.

Ihr schelmisches Lächeln verriet mir, dass ihr meine Verblüffung nicht entgangen war. Woher zum Teufel weiss die Frau, dass diese Kiste gepanzert ist? Soviel zum Thema „hinter Klostermauern verkrochen“, dachte ich mir. Langsam aber sicher begann sie mir etwas unheimlich zu werden.

„Danke für alles„, hörte ich sie schliesslich sagen, als wir in die Auffahrt zum Kloster einbogen. Meine Ehrlichkeit und meine Fragen hätten ihr gut getan. Sie wünsche mir einfach, dass ich nicht nur fähig sei zu fragen, sondern auch zuzuhören und zu vertrauen. Wie auch immer, sie sei so glücklich für ihre Schwester und dafür, einen Schwager wie mich an ihrer Seite zu wissen.

Auch ich musste plötzlich mit den Tränen kämpfen, als ich sah, mit welch ehrlicher Freude sie von ihrer Priorin und ein paar anderen Schwestern empfangen wurde. Wer hätte gedacht, dass ich einmal stolz auf eine Nonne sein würde. Mir ist nach wie vor unverständlich, was diese Frau antreibt und was sie hier hinter diesen Mauern sucht. Aber eines war mir in diesem Moment klar: Das war ihr Ort!

Ich solle auf ihre Schwester aufpassen, meinte sie strahlend, als sie mich zum Abschied fest umarmte. Und als ich schon im Begriff war, den Motor zu starten, klopfte sie noch einmal an die Scheibe: „Und frag sie doch bei Gelegenheit nach ihrem Halbbruder. Ich glaube, das würde sie freuen“.