Warum sie? VII (die Hauslehrerin)

(aus dem Tagebuch einer Hauslehrerin)

Warum sie 7

Freitag, 2. Dezember 1994

Ich habe die Stelle bekommen! Ich kann es kaum glauben. Was für ein Geschenk zu meinem 31. Geburtstag! Ich habe echt nicht mehr damit gerechnet. Ich hatte die Kandidatinnen gesehen, die vor und nach mir zum Bewerbungsgespräch gekommen waren. Beide um die 50, elegante Damen mit ergrautem Haar, die nur so strotzten vor Reife und Lebenserfahrung. Beide mit sicherlich besten Referenzen im Umgang mit verwöhnten Kindern aus der besseren Gesellschaft. Und dann dieser eifersüchtige Blick der Frau, als ihr Gatte, der ehrwürdige Bankier, nicht aufhören konnte, auf meine bestrumpften Beine und die schwarzen Lederstiefeln zu starren. Bei seiner Mutter, die mir wie eine Patriarchin vorkam in ihrem klassischen Twinset mit Perlen, konnte ich immerhin mit meiner Vorliebe für Dostojewski und Schubert punkten. Doch als mich die dritte Dame, die Mutter der Bankiersgattin, sichtlich zum Ärger ihrer Tochter fragte, ob ich katholisch sei und wie ich es mit Gott halte, hatte ich die Sache innerlich abgehakt. Als unverheiratete Frau in einer festen Beziehung hatte ich schon mit meiner evangelikalen Freikirche ein dauerndes Problem. Und jetzt lande ich ausgerechnet bei Katholiken. Ehrlich und naiv wie ich nun mal bin, habe ich ihnen auch noch die Wahrheit gesagt.

Und jetzt das! Es scheint doch tatsächlich noch Wunder zu geben! Am liebsten würde ich meine Freude hinausschreien in die Welt. Stattdessen sitze ich hier alleine mit einem Glas Wein vor meinem Tagebuch. Meine Eltern würden mich nur fragen, wieso ich nicht endlich selber ein Kind bekomme. Meine beste Freundin hat mir immer noch nicht verziehen, dass ich meine Stelle am Gymnasium gekündigt habe und sie nun meine Klasse übernehmen muss, und mein Freund ist gerade irgendwo am anderen Ende der Welt auf Dienstreise und wartet nur darauf, ausgerechnet mit dieser Neuigkeit mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt zu werden… Eben ist mir eine Träne auf die Seite getropft, auf das Wort „Freund“ (!) Mein Gott, ich habe Lust auf eine Zigarette! Lass mich standhaft bleiben! Bitte!

 

Dienstag, 3. Januar 1995

Mein erster Arbeitstag in der Villa der Bankiersfamilie. Worauf habe ich mich da bloss eingelassen? Die Frau gestresst zwischen den Silvestertagen in Davos und einer Modeschau in New York, ihr Mann genervt, weil sein Taxi zum Flughafen nicht kommen wollte, und mitten drin das kleine Mädchen am Weinen. Wie soll ich mit einem Kind arbeiten, das trotzig herumheult und mich von Anfang an ablehnt? Die Kleine hat mich den ganzen Tag kaum angeschaut. Und sehr lernfähig scheint sie auch nicht zu sein. Ich habe mich doch tatsächlich nach meiner alten Klasse zurückgesehnt, nach einem geordneten Rahmen und halbwegs motivierten Schülern. Und was sagt mein Freund dazu: „Du hast es so gewollt. Beklag dich nicht!“

Immerhin, mein kleines Studio in der Villa ist ganz angenehm, mit einem schönen Blick auf den See. Hier riecht alles noch nach meiner Vorgängerin. Fast sieben Jahre soll sie hier gewohnt haben. Ich mag ihr Parfüm.

 

Freitag, 6. Januar 1995

Seit gestern bin ich mit dem Mädchen bei ihrer Oma. Ich habe die beiden in den Gottesdienst begleitet und mir danach fast einen Zahn ausgebissen an diesem Dreikönigskuchen. Dafür hat mein Schützling mich zum ersten Mal angestrahlt, als sie mir die Krone aufgesetzt hat. Das Eis zwischen uns beginnt zu schmelzen.

Dafür herrscht sonst Eiszeit. Er brauche auch mal Zeit für sich und seine Freunde, hat mein Partner gesagt. Dabei hatte ich mich so auf das freie Wochenende mit ihm gefreut. Und er weiss doch, wie sehr ich seine Freerider-Leidenschaft hasse. Warum habe ich bloss solche Angst, ihn eines Tages im Leichenschauhaus identifizieren zu müssen?

 

Freitag, 10. Februar 1995

Mein Freund ist sauer, weil ich nicht ans Skiwochenende mit seinen Kollegen kommen will. So lange hätten sie damals nach einem gemeinsamen Termin gesucht und ich hätte es doch seit Oktober gewusst. Ja verdammt, habe ich, aber meine Arbeitgeber haben mich eingeladen, sie nach Davos ins Hotel zu begleiten. Und ich habe daraus kurzentschlossen eine „Verpflichtung“ gemacht.

Das Mädchen hat sich so gefreut, als ich zugesagt habe. Sie hat mich definitiv adoptiert. Und sie beschämt mich täglich von neuem für mein unsensibles Urteil. Sie ist nicht nur ausserordentlich lernfähig, sondern auch äusserst lernwillig. Der kleine Bengel hatte mir doch tagelang verheimlicht, dass sie bereits schreiben und lesen kann. Sie hatte das von ihrem Kindermädchen gelernt. Oder soll ich besser sagen von ihrer „Mutter“. Denn genau das war meine Vorgängerin für die Kleine während all der Jahre gewesen: Eine Mutter. Kein Wunder, war das arme Mädchen so trotzig und ablehnend gewesen: Man hatte ihr von einem Tag auf den anderen ihre wichtigste Bezugsperson weggenommen und durch eine Lehrerin ersetzt.

 

Sonntag, 24. September 1995

Ich traute meinen Ohren nicht, als mich mein Schützling heute Morgen am Flughafen gefragt hat, ob ich irgendwo in einen Gottesdienst gehen möchte. Wir kamen aus Mailand zurück, wohin wir ihre Mutter an die Modewoche begleitet hatten. Ich habe ihr gesagt, die Messe, in die wir jeweils mit ihrer Oma gehen, sei schon vorbei. Aber sie wollte nicht in eine Messe. Sie wollte mit mir kommen.

Das Mädchen ist einfach unglaublich! Sie war im Flieger eine Reihe vor mir neben ihrer Mutter gesessen und schien unentwegt in ihr Buch vertieft zu sein. Ich hatte mir wirklich alle Mühe gegeben, Haltung zu bewahren und die Tränen meiner Wut und Verzweiflung zurückzuhalten. Aber sie muss es gemerkt haben. Sie muss gespürt haben, dass mir gerade der Boden unter den Füssen weggezogen wurde.

Er hätte es sich lange überlegt, schreibt er in seiner sms. Es stimme einfach nicht mehr für ihn. Es sei eine schöne Zeit gewesen mit mir. Aber ich hätte mich verändert. Er freue sich für mich, aber er brauche jetzt auch seine Freiheit. Er sei diese Woche im Ausland. Wenn ich also meine Sachen holen möchte…

Dabei waren wir noch vor zwei Wochen im Urlaub am Meer. Und auch wenn sich meine Hoffnung nicht erfüllt hatte, einmal Zeit zu haben, in Ruhe über unsere Beziehung zu reden, waren die Tage doch recht entspannt und glücklich. Umso tiefer sass der Schock. Wie betäubt stand ich heute Abend inmitten der gottbegeisterten Menge, die unsere Kirche mit penetrantem Lobpreis erfüllte. Die verklärt lächelnden Gesichter um mich herum erschienen mir auf einmal wie höhnische Fratzen. Da nahm mich plötzlich jemand an der Hand und führte mich hinaus ins Freie. Sie habe Lust auf ein Eis, erklärte mein Mädchen mit der ernsthaftesten Miene. Und nachdem ich sie einen Moment lang fassungslos angestarrt hatte, bekam ich den Lachanfall meines Lebens. Wenn es tatsächlich so etwas wie Engel geben sollte, dann bin ich heute einem begegnet.

 

Donnerstag, 9. November 1995

Heute hatte ich zum ersten Mal Sex mit ihrem Vater. Die Kleine war mit ihrer Mutter beim Shoppen. Er hat mich in sein Büro zitiert für eine Standortbestimmung seiner Tochter. Ich weiss nicht, was in mich gefahren war, aber ich hatte mich spontan entschlossen, für einmal die Jacke meines Twinsets lässig elegant um die Schultern gelegt zu tragen, ganz im Stil seiner Mutter, der Patriarchin, oder auch ihrer Enkelin, wenn diese „Oma“ spielt. Er war sehr zufrieden mit der Entwicklung seines Mädchens. Und er war mehr als zufrieden mit mir. Sein anerkennender Blick tat mir gut, als er für einmal nicht nur meine Beine musterte. Ich war nicht zurückgewichen, als er näher trat. Auch nicht, als sich seine Hände um meine Hüften legten. Alles andere war einfach geschehen, kurz, leidenschaftlich, wortlos.

Zurück in meinem Zimmer musste ich mich zuerst übergeben. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich aus der Dusche kam, und mir ein Glas Whisky einschenkte, den ich aus den Beständen meines Ex-Partners hatte mitlaufen lassen. Der Gedanke an ihn erfüllte mich mit einer seltsamen Befriedigung. Was meint der Kerl denn, wer er sei. Nein, ich brauche ihn nicht! Es gibt auch andere Männer, die meine Qualitäten zu schätzen wissen.

Schliesslich war es mir zu eng geworden in meinem Zimmer. Ich wollte nicht zuhause sein, wenn die Kleine mit ihrer Mutter zurückkommt. In meine Daunenjacke verpackt sass ich bis um 23 Uhr frierend am See und habe fast eine ganze Packung Zigaretten geraucht. Die Fenster waren Dunkel, als ich nach Hause kam. Doch als ich in meinem Zimmer aus der Jacke schlüpfte, klopfte es leise an der Tür. „Du hast geraucht“, sagte mein kleiner Engel und schaute mich besorgt an. Sie trug nur ihr Nachthemd und darüber die Strickjacke meines Twinsets, in der sie fast zu verschwinden schien. Über eine Stunde hat sie im Salon auf mich gewartet, nachdem sie nicht schlafen konnte und in meinem Zimmer nur den Geruch von Erbrochenem und eine halb leere Flasche Whisky vorgefunden hatte.

 

Sonntag, 24. Dezember 1995, Heilig Abend

Die ganze Familie ist bei der Patriarchin in der Villa am See. Wir Angestellten haben frei bekommen, und so sitze ich hier alleine in diesem grossen Haus. Meine Eltern pfeifen schon lange auf Weihnachten und sind auf eine Kreuzfahrt ins Mittelmeer geflohen. Und mein Ex? Vor einem Jahr waren wir noch im Chalet seiner Eltern in den Bergen. Ich mochte die beiden, vor allem seine Mutter. Sie war die einzige gewesen, die mir zugehört hat und von der ich mich verstanden fühlte. Einen Moment lang war ich fast versucht, ihr eine sms zu schicken.

Vor einer Stunde hat in unserer Kirche die Weihnachtsfeier begonnen. Aber allein der Gedanke an Lopbreis und Anbetung löst bei mir heute Übelkeit aus. Dabei waren ich und die Kleine in letzter Zeit jeden Sonntag bei meinen Evangelikalen im Gottesdienst, wenn wir nicht mit ihrer Oma bei den Katholiken die Messe besucht haben. Die vielen jungen Leute und die herzliche Atmosphäre schienen ihr zu gefallen. Sie freute sich jedes Mal so darauf, mit mir da hin zugehen, dass ich wohl oder übel mitgehen musste. Dabei ging es mir von Woche zu Woche schlechter damit. Unverheiratet in einer Partnerschaft zu leben, war schon eine stete Herausforderung für mein Gewissen gewesen. Und schon damals kam ich mir unter diesen frommen Christen immer irgendwie nackt und beobachtet vor. Und heute singt und strahlt auch noch die Kleine neben mir, während ich unter der Woche mit ihrem Vater…

Was ist nur los mit mir? Ich fühle mich so ohnmächtig. Warum komme ich nicht los von ihm? Immer, wenn ich es mit dem Alten treibe, in seinem Büro, in der Bibliothek, im Gartenhaus, immer nur kurz, leidenschaftlich und wortlos, sehe ich meinen Ex-Freund vor mir. Und nach jedem Mal möchte ich mich am liebsten übergeben. Am Anfang hatte ich noch geglaubt, dass ich ihn hasse und dass ich es wegen ihm tue, um ihn zu bestrafen.

Doch nein, meine Liebe, sei endlich ehrlich mit dir selber. Wenn du jemanden hasst, dann dich selber. Du kannst es dir nicht verzeihen, dass du alles kaputt gemacht hast, indem du deinen Weg gegangen bist und gegen seinen Willen eine neue berufliche Herausforderung gesucht hast. Und tief in deinem Unterbewussten bestrafst du die Kleine dafür, dass sie dich glücklich macht.

 

Freitag, 2. Februar 1996, Mariä Lichtmess

Ich war mit meinem Schützling und ihrer Oma im Auto unterwegs zu einem Marienwallfahrtsort, als wir es in den Nachrichten hörten: Zwei Freerider sind am Morgen bei einem Lawinenniedergang ums Leben gekommen. Namen wurden wie immer keine genannt. Ich weiss nicht, wie ich es schaffte, mit meinen zitternden Händen den Wagen heil ans Ziel zu bringen. Dick eingepackt in meine Daunenjacken sass ich wenig später neben der Kleinen in der ungeheizten Kapelle vor der gotischen Madonna, während die Oma bei einem Priester beichten war. Kalter Weihrauch lag in der Luft und überall standen frische Blumen vom morgendlichen Gottesdienst. Doch die feierliche Pracht wirkte in diesem Moment wie eine Ohrfeige auf mich. Die Ungewissheit machte mich fast wahnsinnig vor Angst. Zum ersten Mal überhaupt habe ich zu Maria gebetet. Und nachdem ich in meiner Verzweiflung sogar eine Kerze angezündet hatte, liess ich die Kleine alleine und ging nach draussen. Ich brauchte eine Zigarette.

Ich konnte mir noch tausendmal einreden, dass es hunderte von Freeridern gebe, dass er und seine Kollegen erfahren seien und keine Risiken eingehen würden, und dass ich mich nicht so anstellen solle: Schliesslich habe er mich ja verlassen. Es half alles nichts: Meine Hände zitterten auch noch beim Anzünden der x-ten Zigarette.

Als ich mich endlich aufraffte und in die Kapelle zurückging, stand die Kleine in der Mitte vor dem Altar und starrte auf das grosse Kreuz mit dem leidenden Jesus. Weit und breit war sonst niemand zu sehen, und doch war es mir, als ob wir nicht alleine wären. Ich wollte zu ihr hintreten, aber irgendetwas hielt mich zurück. Und als ich sie rufen wollte, war meine Stimme wie gelähmt. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir so dagestanden sind. Es war eine gefühlte Ewigkeit. Das Mädchen war gerade erst acht geworden, doch als es sich schliesslich umdrehte, begegnete ich einen Moment lang dem Blick einer erwachsenen Frau. „Lass uns gehen!“ hörte ich sie mit einer ruhigen Entschiedenheit sagen, als sie an mir vorbei zum Ausgang schritt.

Und just als ich mich aus meiner Verblüffung löste und ihr folgen wollte, summte das Handy in meiner Jackentasche. Fassungslos starrte ich auf den Absender der sms, bevor ich meinen Lederhandschuh von den Fingern riss, um die Nachricht zu öffnen:

Mach dir keine Sorgen,
es geht mir gut!
Aber zwei meiner Freunde sind tot.
Du fehlst mir!

Die Oma kam gerade rechtzeitig aus dem Beichtstuhl, um mich aufzufangen, als die Beine unter mir nachgegeben haben. Und als wir aus der Kapelle ins Freie traten, wartete die Kleine bereits auf uns. Nie werde ich vergessen, wie ihr besorgter Blick in ein schelmisches Lächeln überging, bevor eine Handvoll Schnee in meinem Gesicht landete.

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Mittwoch, 2. Mai 2018

Ich hatte schon viel von der Frau gehört und gelesen, doch ihr Vortrag von heute Morgen zur Kleinkindpädagogik im digitalen Zeitalter hat all meine Erwartungen übertroffen. Umso mehr war ich erfreut, als sie meine spontane Einladung zum Nachtessen im Seerestaurant angenommen hat. Mein Mann und meine Söhne waren ohnehin von der Champions League absorbiert, und schliesslich hatten sie gewusst, was auf sie zukommt, als wir vor einem Jahr gemeinsam unterschieden haben, ob ich die Stelle als Leiterin des Bildungsdepartementes übernehmen soll.

Mein Gast war vor mir da und sass bereits am reservierten Tisch auf der Terrasse, als ich kam. Sie trug dasselbe edle Kaschmir-Twinset wie am Morgen, nur dass sie sich jetzt die Strickjacke stilvoll um die Schultern gelegt hatte. Ihr entschuldigendes Lächeln wirkte fast mädchenhaft, als sie meinen Blick auf ihren tätowierten Armen ruhen sah. Sie hoffe, ich störe mich nicht an ihren Jugendsünden, sagte sie schmunzelnd, als sie mir die Hand reichte. Manchmal sei das Leben schon seltsam, meinte sie nachdenklich, als wir wenig später an unseren Weingläsern nippten und der untergehenden Sonne zusahen. Erst vor zwei Wochen sei sie genau an diesem Tisch gesessen. Und als sie den Namen ihrer damaligen Begleitung erwähnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich, es passte alles zusammen: Der Beruf, das Alter, ihre Weise das Twinset zu tragen, und ihr Geruch. Das dezente Parfüm war mir schon am Morgen bei der Begrüssung aufgefallen. Ich wusste, dass ich es von irgendwoher kannte.

Doch die grösste Überraschung sollte erst noch kommen, als sie mir erzählte, dass unserer „Kleine“ vor etwa vier Jahren ins Kloster eingetreten war. Die Oma und auch die Mutter seien gestorben, aber die Patriarchin, oder Patin, wie sie die Grossmutter nannte, habe ihr ein Foto gezeigt. Und so, wie sie das Bild beschrieben hat, erinnerte es mich spontan an diesen denkwürdigen Moment damals in der Kapelle, und an diesen Blick der Kleinen, als sie sich umgedreht hatte.

„Mariä Lichtmess“, meinte mein Gegenüber nachdenklich, als ich ihr die Geschichte erzählte. „Ist das nicht auch der Tag des geweihten Lebens?“

Alles ist Zufall, oder nichts ist Zufall. Wenn ich an das erste glaubte, könnte ich nicht leben, aber von letzterem bin ich noch nicht überzeugt. (Etty Hillseum)

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Warum sie? VI (das Kindermädchen)

(Erinnerungen eines Kindermädchens)

001

An meinem 25. Geburtstag hatte meine langjährige Partnerin Schluss gemacht mit mir. Und da sie gleichzeitig meine Vorgesetzte in der Kita war, in der ich arbeitete, war der Moment für einen beruflichen Neuanfang gekommen. Schon eine Woche später hatte ich mich als diplomierte Kleinkinderzieherin auf die Stelle eines Kindermädchens bei einer renommierten Bankiersfamilie beworben. Und zu meiner grossen Verblüffung wurde ich schon auf das erste Gespräch hin engagiert.

Die Mutter des kleinen Mädchens, das ich betreuen sollte, schien zwar nicht sehr angetan von mir. Aber offenbar war es mir gelungen, ihre Mutter und ihre Schwiegermutter, in deren Villa am See das Vorstellungsgespräch stattgefunden hat, von mir zu überzeugen. Die erste hatte mich gefragt, wie ich es mit dem Glauben an Gott halte, und die zweite hat es zur Bedingung gemacht, dass man die Tattoos auf meinen Armen nicht sehen dürfe. Das abendliche Beten und das Tragen von langen Ärmeln schien mir damals aber ein fairer Preis für die einmalige Chance, in diesem Milieu arbeiten und vor allem auch leben zu dürfen.

Zuerst hatte ich ja vorgehabt, meine eigene Wohnung zu behalten. Aber aufgrund des beruflichen Engagements der Eltern des Mädchens wurde schnell klar, dass meine Dauerpräsenz unumgänglich sein würde. Ich bekam ein eigenes Studio in der Villa des Paares und durfte die Familie immer wieder auf Reisen begleiten. Dies alles kam mir damals sehr gelegen, um Distanz zu gewinnen zu meinem früheren Leben.

Ich konnte es gut mit der Kleinen, was auch wichtig war, da ihre Eltern häufig weg waren und ich dadurch zur wichtigsten Bezugsperson für das kleine Baby wurde. Natürlich hatte ich versucht, eine innere Distanz zu dem Kind zu wahren, aber das süsse Ding hatte es mir nicht leicht gemacht. Sie vertraute mir bald einmal mehr als ihrer eigenen Mutter. Und nur ihre Oma, die Mutter der Mutter, hatte einen ähnlich beruhigenden Einfluss auf sie wie ich.

Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, selber einmal Kinder zu haben. Allein der Gedanke, dass ich dazu mit einem Mann schlafen müsste, löste bei mir Übelkeit aus. Umso mehr genoss ich diesen Job und das Geschenk, für diesen kleinen Engel da sein zu dürfen und mitzuerleben, wie sie heranwächst.

Auch meine Arbeitgeber waren mehr als zufrieden mit mir. Die Mutter konnte eine gewisse Eifersucht zwar nicht verheimlichen, war aber dennoch glücklich, dass es ihrem Mädchen gut ging. Ihre Oma freute sich, dass ich mit der Kleinen betete und meine Beziehung zum Vater hatte sich von dem Tag an entspannt, als ich ihm klar gemacht habe, dass ich nicht auf Männer stehe.

Dass seine Mutter mich mochte, wurde mir schon bei unserer ersten Begegnung klar. Ich sehe sie heute noch, wie sie mich im Salon zum Bewerbungsgespräch empfangen hat, in einem knielangen dunkelblauen Etuikleid und einer weissen Kaschmir Strickjacke, die sie elegant um ihre Schultern gelegt trug. Ich war damals mit meinem ärmellosen Sommerkleid vergleichsweise unpassend gekleidet, was mir schlagartig bewusst wurde, als ich ihren skeptischen Blick auf meine Tätowierungen sah. Aber ihr Händedruck war fest und ihre Augen schauten mich an, als ob sie direkt in meine Seele schauen könnten. Die drei Frauen hatten mich damals über eine Stunde ausgefragt. Die Hausherrin hatte dabei am wenigsten gesagt. Doch ihre wenigen Fragen waren direkt und herausfordernd. Die Frau wusste, was sie wollte. Und es wurde schnell klar: Sie wollte mich.

Im ersten Jahr war ich häufig mit der Familie unterwegs und dazwischen längere Zeit bei der Oma, bei der sich die Kleine besonders wohl fühlte und wo wir in einer Eigentumswohnung am Stadtrand lebten. In der Villa am See verbrachten wir nur wenige Nächte, was mir anfänglich nur recht war, da ich mich dort trotz des fabelhaften Hauses und Gartens immer irgendwie seltsam und unfrei fühlte. Ich brauchte eine Weile, um mir einzugestehen, dass es an der Gegenwart der Hausherrin lag, die unter ihren Angestellten nicht ohne Respekt „die Patin“ genannt wurde. Und wenn ich mir zuerst eingebildet hatte, ihr Blick verfolge mich auf Schritt und Tritt, musste ich bald einmal feststellen, dass ich es war, der auf Schritt und Tritt nach ihr Ausschau hielt.

Es war kurz nach dem ersten Geburtstag der Kleinen, als wir zum ersten Mal mehrere Tage in der Villa verbrachten. Ich hatte frei an diesem Abend, während es sich die beiden Grossmütter mit der Enkelin vor dem brennenden Kamin bequem gemacht hatten. Gegen zehn Uhr brachte die Oma die schlafende Kleine zu mir nach oben, wo wir sie in meinem Zimmer in ihr Bettchen legten und gemeinsam einen Moment schweigend für sie beteten.

Kurz nach Mitternacht wurde ich dann durch ein Geräusch wach. Und als ich meine Augen öffnete, schien das Blut in meinen Adern zu gefrieren. Im fahlen Mondlicht, das durch die Vorhänge schien, sah ich, wie eine dunkle Gestalt sich über das Bettchen der Kleinen beugte. Ich weiss nicht, wie lange ich nicht geatmet hatte, bis ich endlich die grau schimmernden Haare der Patin erkannte. Sie drehte mir den Rücken zu und hatte sich offenbar ihren langen, schwarzen Strickmantel um die Schultern gelegt. Wie gebannt schaute ich zu, wie sie langsam das Mädchen aufhob und an ihre Brust nahm. Und plötzlich schien es mir, als ob ich sie leise singen hörte. Ich war etwas besorgt, weil ich befürchtete, die Kleine könnte aufwachen. Sie fühlte sich normalerweise nicht so wohl in den Armen ihrer Grossmutter. Doch ausser einem kleinen Seufzer war nichts zu hören, als diese sie wieder zurück in ihre Bettchen legte.

Ich stellte mich schlafend, um es der Patin zu ermöglichen, wieder unbemerkt mein Schlafzimmer zu verlassen. Doch als ich nach einer Weile nichts hörte und meine Augen öffnete, stand sie direkt neben meinem Bett und schaute auf mich herunter. Ungläubig starrte ich auf ihre nackte Brust, die hell im Mondlicht schimmerte. Ich weiss nicht, wie lange wir uns schweigend angeschaut haben. Irgendwann hob sie langsam ihre Arme und liess den Strickmantel von ihren Schultern gleiten. Und irgendwann tastete meine Hand nach dem Zipfel der Bettdecke, um diese zurückzuschlagen.

Wir waren sehr diskret und ich glaube nicht, dass irgendjemand je etwas von unserer Beziehung geahnt hat. Aber von da an waren die Kleine und ich deutlich häufiger in der Villa am See zu Gast. Die Patin war in dieser Zeit sichtlich aufgeblüht und ich musste immer heimlich schmunzeln, wenn die Leute dies selbstverständlich auf den positiven Einfluss der süssen Enkelin zurückführten. Ich war mir nie ganz sicher, was sie eigentlich in mir sah und was sie bei mir suchte. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie sei einfach nur unendlich einsam und suche bei mir Nähe und Halt. Ich meinerseits verfiel ihr in einer Leidenschaft, die ich mir bis heute nicht erklären kann, zumal die Patin problemlos meine Mutter hätte sein können.

Die nächsten drei Jahre sollten zu den schönsten meines Lebens werden. Ich reiste mit der Familie um die halbe Welt, durfte in den besten Hotels übernachten und dazwischen immer wieder unvergessliche Stunden in der Villa am See geniessen. Von der Patin erhielt ich von Zeit zu Zeit kleine Aufmerksamkeiten zugesteckt. Darunter auch ein exquisites Kaschmir-Twinset und eine Perlenkette. Ich wollte es nicht annehmen, aber sie deklarierte beides kurzerhand zu Teilen meiner Dienstkleidung. Das gehöre zum Stil des Hauses, meinte sie schmunzelnd.

Gleichzeitig wurde ich Zeugin, wie mein kleiner Schützling langsam aber sicher zum Leben erwachte. Sie war ein aufgewecktes und neugieriges Kind, das mich ziemlich auf Trab hielt, nicht nur mit ihren dauernden Fragen, sondern auch mit ihrem unermüdlichen Endeckerdrang. Schon bald kannten wir beide jeden Busch und Winkel im Park ihrer Grossmutter und jede Katze in der Gegend hatte von ihr einen Namen bekommen.

Das einzige, was mein Glück in dieser Zeit trübte, war die stetig wachsende Herausforderung, unsere Beziehung zu verheimlichen. Ich konnte zwar ganz gut damit leben, immer wieder für längere Zeit von der Patin getrennt zu sein. Umso grösser aber war unsere Begierde nach einander, wenn wir uns begegneten. Und so kostete es vor allem die Patin eine ungeheure Disziplin, sich angesichts der Präsenz ihrer Enkelin zurückzuhalten.

Wenig zurückgehalten hat sie sich jeweils dann, wenn sie nachts bei mir war. Die Kleine schlief schon lange in einem eigenen Zimmer nebenan und wir achteten immer sehr darauf, dass die Tür verschlossen war. Und da das Mädchen einen guten Schlaf hatte, machten wir uns ihretwegen wenig Sorgen.

Es war in einer milden Frühlingsnacht, als ich um zwei Uhr vom Glockenschlag der Kirche wach wurde. Ich konnte noch nicht lange geschlafen haben. Mein Körper war immer noch feucht von Schweiss und die Patin schlief erschöpft in meinen Armen. Vorsichtig löste ich mich von ihr und glitt aus dem Bett, um mich im Bad etwas frisch zu machen. Doch als ich in meinen Morgenmantel schlüpfte, sah ich, wie die Gardine bei der Balkontür in der nächtlichen Brise flatterte. Und als ich leise durch die Tür auf die mondhelle Terrasse trat, sah ich meine Befürchtung bestätigt. Auch die Tür nebenan zum Zimmer der Kleinen stand leicht offen. Das Kind lag friedlich schlafend in ihrem Bett und hielt den grossen Plüschbären im Arm, den ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Ihr Mund schien geheimnisvoll zu lächeln.

Am nächsten Morgen meldete ich mich bei der Patin im Büro. Ich sagte ihr, dass es nicht weitergehen kann. Ich sei verantwortlich für das Wohl der Kleinen. Die Patin war wortlos aufgestanden und ans Fenster getreten. Minutenlang starrte sie hinaus auf den See und nur die langen Ärmel der Jacke ihres Twinsets baumelten lose von ihren Schultern. Als sie sich schliesslich zu mir umdrehte, liefen Tränen über ihre Wangen.

Sie hat meine Entscheidung respektiert, ohne Wiederspruch. Und in den zwei Jahren, die ich noch für ihre Enkelin sorgen durfte, hat sie mich nicht ein einziges Mal ihren Schmerz spüren lassen.

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Ich musste schmunzeln, als ich beim Aussteigen aus meinem Wagen auf dem Parkplatz des Seerestaurants unwillkürlich in die Ärmel meiner schwarzen Lederjacke schlüpfen wollte. Als Dozentin und Leiterin der pädagogischen Hochschule war ich es zwar gewohnt, meine Arme weiterhin unter den Ärmeln meiner Blusen und Twinsets zu verbergen. Aber nicht hier in meiner Freizeit. Und nicht für sie. Diese Zeit war vorbei!

Ich hätte sie fast nicht erkannt, als mich die Bedienung auf die Terrasse führte. Mehr als zwanzig Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen. Ihre Haare waren weiss geworden und ihr Körper etwas fülliger. Aber sie machte immer noch eine gute Figur in ihrem geblümten Sommerkleid. Am meisten überraschte mich aber die modische lange Wickelstrickjacke, die sie sich in gewohnter Weise um die Schultern gelegt hatte. Das lässige Teil wollte so gar nicht zum klassischen Bild der Patin passen und liess ihre Trägerin gleich ein paar Jahre jünger aussehen.

Ihr Strahlen verriet mir, dass ihr meine Überraschung nicht entgangenen war. Und gleichzeitig freute ich mich über ihren anerkennenden Blick, als sie nach einer innigen Umarmung mein schulterfreies Sommerkleid musterte und die Lederjacke um meine Schultern zurechtrückte. Zärtlich strichen ihre Finger über die alte Tätowierung an meinem Unterarm, während ich ihr bei einem Glas Prosecco von meinem Leben erzählte: von meinem Studium zur Pädagogin, meiner beruflichen Karriere, von meinem überstandenen Brustkrebs und von meiner zwölf Jahre jüngeren Lebenspartnerin, mit der ich seit bald zehn Jahren offiziell liiert war und für deren Sohn ich eine zweite Mutter geworden bin.

Und als ich sie schliesslich nach ihrer Enkelin fragte, reichte sie mir ein Foto. Fassungslos starrte ich auf das weissumrahmte Gesicht, das mich unter einem schwarzen Schleier hervor anstrahlte. Mein Gott, wie sehr hatte ich dieses Lächeln vermisst. Unverwandt betrachtete ich das Bild, während mir die Grossmutter die ganze Geschichte erzählte. Ich spürte Stolz in ihren Worten, und eine tiefe Sehnsucht zu verstehen: Warum sie? Was gibt ihr die Kraft, so zu leben? Und so zu strahlen?

Die Gute war ganz aufgeregt. Sie hatte ihrer Enkelin geschrieben und diese hatte umgehend geantwortet: Sie würde sich sehr freuen über einen Besuch.

In einer Woche werde sie hinfahren.

„Was meinst Du, würde sie denken, wenn sie erfahren würde… ich meine, du weisst schon“, hörte ich sie sagen, während sie nun ihrerseits nachdenklich das Bild betrachtete.

Ja, was würde sie denken? Die Ansichten ihrer Kirche waren weiss Gott nicht die grösste Stütze gewesen in meinen Fragen und Kämpfen der letzten Jahre. Doch immer dann, in den schlimmsten Momenten meines Lebens, wenn ich nicht mehr weiter wusste und versucht habe zu beten, ist mir das Bild der Kleinen erschienen: Dieses geheimnisvolle Lächeln, damals in der Nacht, und der grosse Plüschbär in ihren Armen.

„Mach dir deswegen keine Sorgen!“ hörte ich mich sagen.

Ich war selber erstaunt, wie überzeugt die Stimme klang.

Warum Sie? V (die Grossmutter)

(Kondolenzbrief der Grossmutter)

Warum sie 5

Ehrwürdige Schwester,

Zum Tod Deiner lieben Mutter möchte ich Dir mein herzlichstes Beileid aussprechen. Endlich durfte sie ihr leidvolles Dasein hinter sich lassen. Möge sie ihre Ruhe und ihren Frieden finden!

Entschuldige bitte meine Unbeholfenheit, aber ich weiss gar nicht, wie ich eine Ordensfrau ansprechen muss. Deine katholische Oma hatte mir alten Protestantin damals so einiges beigebracht, aber darauf hatte sie mich nicht vorbereitet. Dass ausgerechnet Du einmal eine Klosterfrau werden würdest, hätte selbst sie sich wohl kaum träumen lassen.

Du wirst Dich wahrscheinlich fragen, warum ausgerechnet ich Dir heute schreibe, nachdem ich all die Jahre nichts von mir habe hören lassen. Es gibt einige Gründe, die mich zu diesem Schritt bewogen haben, doch der Wichtigste wird Dich vielleicht am meisten überraschen: Du fehlst mir.

Ich weiss nicht, ob Deine Mutter es Dir erzählt hat, aber zwei Wochen vor ihrem Tod hatte ich sie noch in der Klinik besucht. Sie war bereits sichtlich gezeichnet, aber es ging ihr relativ gut. Man hatte ihr Bett auf den Balkon geschoben und wir verbrachten einen wunderbaren Moment mit Blick auf den See.

Weisst Du, Deine Mutter konnte es vielleicht nicht so zeigen, aber sie war unglaublich stolz auf Dich. Sie hatte mir erzählt, dass sie Dir einen Brief geschrieben hat, den sie Deiner Priorin für den Moment ihres Todes übergeben hat. Und ja, sie hat mir auch anvertraut, was sie Dir darin mitgeteilt hat: Dass mein Sohn nicht Dein leiblicher Vater ist.

Deine Mutter hatte Recht. Ich hatte es die ganze Zeit geahnt. Es war etwas an ihrem Blick, damals, als sie mir eröffnet hatte, dass sie endlich schwanger sei. Aber ich hatte sie nicht gefragt. Ich wollte es gar nicht wirklich wissen. Und es ist mir auch heute nicht wichtig. Du wirst für mich immer meine Enkelin sein.

Eigentlich hatte ich fast gehofft, dass mein Sohn keine eigenen Kinder haben würde. Denn ich war je länger je mehr davon überzeugt, dass der Untergang unserer Bank auch mit dem inneren Zerfall unserer Familie zu tun hatte. Unsere Urväter hatten es zur Zeit der Belle Époque mit ihrer Privatbank zu Reichtum und Ansehen gebrachte und ihren Höhepunkt während des 2. Weltkriegen durch die Einlagen namhafter jüdischer und deutscher Fluchtgelder erlebt. Doch schon bald danach begannen sich die Krisen zu folgen. Und es waren immer auch Krisen unserer Männer. Und wenn ich hier von „uns“ rede, ist das eben auch Teil unseres Problems: Meine Mutter war die älteste Schwester des Haupterben, dessen Sohn ich geheiratet habe.

Es war eine reine Zweckehe, wobei ich immerhin sagen darf, dass ich meinen Cousin sehr gemocht habe. Er war unglaublich begabt, aber leider auch sehr sensibel. Als Teenager hatten wir oft zusammen Violinsonaten von Schubert und Mozart gespielt. Er war ein wunderbarer Geiger und auch ich hatte leidlich gut Klavier gespielt, bis wir geheiratet haben. Ich war damals gerade 20 geworden, hatte ein brillantes Abitur im Sack und hätte eigentlich gerne Medizin studiert. Aber mit 21 war ich schwanger mit Deinem Stiefvater. Für die Musik blieb da keine Zeit mehr, zumal mein Mann gleichzeitig in der Bank einsteigen musste.

Er war damit völlig überfordert und die Erwartungen seines strengen Vaters hatten ihn von Anfang an sehr belastet. Als dieser bei einem Reitunfall ums Leben kam, musste mein Mann die Leitung der Bank übernehme, mit gerade mal 25 Jahren. Er ist daran zerbrochen. Er hatte schon immer unter Depressionen gelitten. Nun kam der Alkohol dazu, und irgendwann die Drogen. Als man mir schliesslich eines Tages mitgeteilt hat, dass er mit seinem Wagen in die Schlucht gestürzt war, kam das für mich nicht wirklich überraschend. Offiziell war es ein Unfall. Was auch immer die Wahrheit ist, für ihn war es eine Erlösung.

Doch warum schreibe ich Dir das alles? Ich möchte, dass Du verstehst, woher Dein Stiefvater kommt und warum er so ist, wie er ist. Mein Sohn ist seinem Vater sehr ähnlich. Er hat unglaublich darunter gelitten, zusehen zu müssen, wie dieser buchstäblich zugrunde gegangen ist. Und ich in meiner Ohnmacht konnte ihm auch nicht wirklich helfen. Ich war völlig überfordert mit dem Leiden meines Mannes, und nach seinem Tod musste ich mich um den Scherben- und Schuldenhaufen in der Bank kümmern. Mein Sohn war damals schon 15, aber ich hatte nicht die Kraft, ihm den Wunsch auszuschlagen, in seiner Verzweiflung bei mir im Bett schlafen zu dürfen. Wobei ich heute ehrlicherweise nicht mehr sagen kann, wer von uns beiden die haltenden Arme des anderen in dieser Zeit mehr gebraucht hat.

Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, dass das eigentlich krank war, dass es gleichzeitig aber auch Ausdruck dieser inzestuösen Atmosphäre war, die unsere Familie wohl letztlich zugrunde gerichtet hat. Dass ich mir damals schliesslich einen anderen Mann ins Bett geholt hatte, war vor allem meiner Unfähigkeit geschuldet, meinem Sohn einfach nein zu sagen. Mir ist klar, wie sehr ich ihn damit verletzt habe, aber mein Gott, ich war damals gerade mal 36, und ich hatte niemanden, der mir gesagt hätte, was ich tun soll.

Seine Enttäuschung hatte dann immerhin den positiven Effekt, dass er mir unbedingt beweisen wollte, dass er es selber schafft und dass er nicht so ein Versager sei wie sein Vater. Und das ist ihm damals tatsächlich erstaunlich gut gelungen. Dabei hatte er sich klar von mir abgegrenzt und mir zu verstehen gegeben, dass er meine Hilfe nicht braucht. Und der Höhepunkt seiner Emanzipation von mir war schliesslich die Heirat mit Deiner Mutter, obwohl oder gerade weil er wusste, wie sehr ich gegen diese unpassende Verbindung war.

Ja, ich gebe es gerne zu, ich hatte Deine Mutter nicht gemocht. Ich hielt sie für unkultiviert, vulgär und überheblich, mit ihrem Anspruch, ausgefallenen Mode für sogenannt moderne Frauen machen zu wollen. Doch vor allem hielt ich sie nicht für fähig, Dich im Geiste unserer Familie und Tradition zu erziehen. Aber es spricht für die Klugheit Deiner Mutter, dass sie sich ihrer Grenzen sehr wohl bewusst war und von Anfang an ihre eigene Mutter und mich in Deine Erziehung miteinbezogen hat. Das hat sie zwar einiges an Überwindung gekostet, weil sie uns beide nicht besonders mochte. Aber sie hatte wohl keine andere Wahl.

Deine Oma hatte ich in dieser Zeit als eine bemerkenswerte Frau kennenlernen dürfen. Ich weiss wohl, dass Deine Mutter bis zuletzt einen unversöhnlichen Hass gegenüber ihrer eigenen Mutter gepflegt hat. Sie hat ihr nie verzeihen können, dass sie jahrelang im Namen einer katholischen Ehemoral schweigend alle Misshandlungen durch ihren Gatten erduldet hat, während dieser seinerseits seine Gewaltausbrüche mit biblischer Zucht und Strafe zu rechtfertigen suchte. Das war der Ursprung ihrer Ablehnung des christlichen Glaubens, verstärkt noch durch den Umstand, dass sie glaubte, letztendlich wegen der Frömmigkeit ihrer Mutter von ihrem Vater verlassen worden zu sein. Dass es ihre Mutter war, die eines Tages mit ihrer Tochter doch noch aus dieser Terrorbeziehung geflohen war, hatte Deine Mutter, die damals noch ein kleines Mädchen war, entweder gar nicht realisiert oder später verdrängt.

Ich hatte jedenfalls Deine Oma als weise und kluge Frau erlebt, die sehr unter der Ablehnung ihrer Tochter gelitten hat. Und gleichzeitig habe ich nie gehört, dass sie ein schlechtes Wort über Deine Mutter gesagt hätte. Ja, natürlich hatte sie sich Sorgen gemacht über deren Lebenswandel in der Welt der Mode und des Jetsets, unter der sie sich kaum etwas vorstellen konnte und die ihr entsprechend Angst machte. Aber das ganze Gerede von Sünde und Teufel entsprang wohl mehr den Projektionen und Schuldkomplexen Deiner Mutter als dem Glauben Deiner Oma.

Ich werde nie diesen Winterabend vergessen, als sie einmal bei mir zu Besuch war und wir vor dem brennenden Kamin über Gott und den Glauben diskutiert haben. Du warst damals etwa ein Jahre alt und hast die ganze Zeit über in ihren Armen geschlafen. Ich hatte ihr erzählt, dass ich als Kind auch streng gläubigen erzogen worden war und jede Woche in die Sonntagsschule musste. Wir Mädchen waren damals auf Zucht und Demut getrimmt worden. Wir trugen hochgeschlossene Kleider und dicke Strümpfe, und später dann klassische Kostüme und Twinsets. Es galt selbstverständlich alles zu vermeiden, was den Anschein von Hochmut und die Begierde der Männer erwecken könnte.

In gut protestantischer Tradition hatte sich das christliche Selbstverständnis unserer Familie auf die Tatsache unserer wirtschaftlichen Prosperität gegründet. Gottgefälligkeit wurde an Glück, Reichtum und Ansehen gemessen. Dass diese Logik für mich mit der Zeit unweigerlich Brüche bekommen musste angesichts des unübersehbaren Zerfalls unserer Familie, ist leicht nachvollziehbar. Und so hatte ich mich schon als Teenager und dann definitiv beim Tod meines Schwiegervaters vom christlichen Aberglauben abgewendet und mich in einen aufgeklärten Agnostizismus geflüchtet. Rein äusserlich beschränkte sich meine Emanzipation aber darauf, meinem Mädchentraum Grace Kelly zu folgen und zu beginnen, die Jacken meiner Twinsets um die Schultern drapiert zu tragen, was mir von Seiten meiner Mutter prompt den Vorwurf von Hochmut und Arroganz eingebracht hat.

Die Geduld und Liebe aber, mit der Deine Oma sich damals meine Geschichte und meine immer emotionaler gewordene Rechtfertigungstirade angehört hatte, hinterliess bei mir einen tiefen Eindruck. Es war das erste Mal, dass ich mit jemandem über dieses Thema reden konnte. Noch tiefer aber hatte mich berührt, dass Du damals während der ganzen Zeit in ihrem Schoss ruhig weitergeschlafen und nicht einen Ton von Dir gegeben hast. Wo Du doch in meinen Armen jeweils kaum zur Ruhe gekommen bist. Was hast Du bei Deiner Oma gespürt, was Du bei mir nicht gespürt hast. Was hatte sie, was ich nicht habe? Die Frage begleitet mich bis heute.

Wie auch immer, Du hast in den folgenden Jahren Deinen beiden Omas viel Freude gemacht. Wie sehr hatten wir gelacht, als Du mit knapp vier Jahren plötzlich mit einer meiner Strickjacken aufgetaucht bist und zum ersten Mal „Oma“ gespielt hast. Wie stolz waren wir auf Dich, als Du Dich so aufopferungsvoll für dieses arme Mädchen aus der Parallelklasse eingesetzt hast. Und wie sehr waren wir schockiert, als man Dir vorgeworfen hat, mit diesem Priester geschlafen zu haben. Für Deine Oma war das ein schwerer Schlag, der wohl ihren Tod beschleunigt hat. Sie hatte nie daran geglaubt, genau so wenig wie ich. Dass ich mich damals nicht für Dich eingesetzt hatte, gehört zu den Dingen, die ich mir nicht verzeihen kann. Heute bin ich einfach dankbar, dass Deine Oma die Geschichte mit dem Überfall nicht mehr miterleben musste.

Du kannst Dir vorstellen, dass Deine Entscheidung, Nonne zu werden, auch für mich ein Schock und eine ziemliche Herausforderung war. Warum Du? Und warum ausgerechnet jetzt? Du hattest Dich so wunderbar entwickelt und selbst ich hatte begonnen, mich in der Hoffnung zu wiegen, dass es mit Dir doch noch einmal eine Zukunft für unsere Bank geben könnte. Darum war ich im ersten Moment einfach nur wütend auf Dich. Wütend, weil Du meinen Sohn enttäuscht hast und weil Du uns einfach verlassen hast. Wütend aber vor allem auch, weil ich sofort gespürt hatte, dass Dein Stiefvater zusammenbrechen würde und es einmal mehr an mir, der guten alten Cousine liegen würde, den ganzen Laden zusammenzuhalten.

Doch unterdessen habe ich wieder die nötige Distanz und Ruhe gefunden. Ich habe mit meinem Sohn und der Familie gesprochen und wir werden demnächst unsere Anteile an der Bank verkaufen. Ich spüre Frieden und Zuversicht bei dieser Entscheidung. Und ich möchte Dir einfach sagen, dass ich Dir in keiner Weise mehr böse bin und dass Du Dich für nichts verantwortlich oder gar schuldig fühlen sollst.

Der Brief ist länger geworden, als ich dachte. Und wenn ich nachlese, was ich geschrieben habe, dann tönt es für mich fast ein wenig wie das, was Ihr wohl Beichte nennen würdet. Ich kann nur hoffen, dass der Gott Deiner Oma, wenn es ihn denn wirklich gibt, mir, der alten protestantischen Agnostikerin verzeihen kann. Vor allem aber hoffe ich, dass Du, meine Liebe, mir eines Tages verzeihen kannst, was ich und meine Familie Dir angetan haben.

Ich weiss nicht, ob es möglich ist und ob Du es überhaupt wünschst, aber ich würde mich sehr freuen, Dich einmal besuchen zu dürfen. Ich hätte Dir noch so viel zu sagen. Vor allem aber sehne ich mich danach nachzuholen, was ich nie getan habe: Dir zuzuhören.

Sei von ganzem Herzen gegrüsst

Deine Grossmutter

 

PS: Deine Mutter hat mir zum Abschied ihre formlose aber so wunderbar kuschlige Wickelstrickjacke aus ihrer letzten Kollektion geschenkt. Ich trage sie um die Schultern beim Schreiben Deines Briefes. Und als ich von der Klinik nach Hause kam, habe ich die ganzen Familienfotos und die Rosen vom Flügel geräumt und zum ersten Mal seit Jahren wieder Mozart gespielt. Meine Finger sind alt geworden, aber ich fühle mich wieder jung. Und seit heute Morgen ist auch der Flügel wieder gestimmt.

Warum sie? IV (die Mutter)

(Abschiedsbrief einer Mutter)

Warum sie 4

Mein liebes Kind,

Wenn Du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr am Leben sein.

Das Schicksal will es so. Es ist alles viel schneller gegangen, als die Ärzte geglaubt haben. Sie hatten ursprünglich von ein bis zwei Jahren gesprochen. Aber vielleicht ist es auch besser so.

Ich habe mich jedenfalls sehr über Deinen letzten Besuch gefreut. Es muss ein Schock für Dich gewesen sein, mich in diesem Zustand vorzufinden. Verzeih mir bitte, dass ich Dir nichts gesagt habe. Aber ich hatte Angst, dass Du vielleicht…

Ich hoffe einfach, Du hast danach wenigsten bei Deiner alten Schulfreundin etwas Trost und Kraft gefunden. Sie wird sich sicher auch gefreut haben, Dich nach all der Zeit wieder einmal zu sehen. Sie sah einfach toll aus bei Deinen Gelübden. Wer hätte das gedacht, nach allem, was das arme Mädchen durchgemacht hatte.

Sag bitte auch Deiner Priorin einen lieben Gruss. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie Dir erlaubt hat, die weite Reise zu machen, um mich noch einmal zu sehen, zumal sie nicht wissen konnte, dass es wohl das letzte Mal sein würde. Und Du ja auch nicht.

Warum schreibe ich Dir diesen Brief?

Du weisst, ich war nie eine grosse Schreiberin. Aber es gibt etwas, dass ich Dir sagen muss, etwas, das ich nicht mit ins Grab nehmen will. Ich glaube, Du hast ein Recht darauf, es zu wissen.

Eigentlich wollte ich es Dir ja bei Deinem Besuch sagen. Aber Du warst so erschüttert und traurig, dass ich es nicht übers Herz gebracht habe. Du hast überhaupt nicht sehr glücklich ausgesehen! Ich hatte Dein Ordensgewand vermisst, und den schwarzen Schleier. Die kurzen Haare passen einfach nicht zu Dir. Und dann die zugeknöpfte Strickjacke. Ich weiss, dass ich Dich immer kritisiert hatte wegen Deines Stils, aber wie sehr hätte ich mir gerade an diesem Tag gewünscht, dass Du die Grace Kelly machst, so wie früher. So elegant und selbstbewusst, wie ich Dich eben gekannt habe.

Aber lass mich zur Sache kommen: Du weisst ja, dass Dein Vater und ich damals lange Zeit vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen. Dein Vater war langsam ungeduldig geworden. Er hatte es mir nie gesagt, aber ich weiss, dass er bereits seit einiger Zeit heimlich eine Geliebte hatte. Für ihn war die Aussicht auf einen Stammhalter wichtiger als die Treue zu seiner Frau. Mir war klar, dass er mich verlassen würde, wenn wir nicht bald ein Kind bekämen. Und so hatte auch ich damals begonnen, mit einem anderen Mann zu schlafen.

Und dieser Mann, mein liebes Kind, ist Dein leiblicher Vater.

Der Mann, den Du „Vater“ nennst, ist eigentlich Dein Stiefvater. Er weiss es nicht, und er darf es nie erfahren. Es würde ihn umbringen. Er war so unglaublich stolz auf Dich, vom ersten Moment an. Er war felsenfest davon überzeugt, dass Du seine Augen hast. Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn Du ein Junge gewesen wärst. Aber nach der ersten Enttäuschung hatte er sich in den Kopf gesetzt, allen zu beweisen, dass seine Tochter im Blick auf seine Nachfolge in der Bank ihren Mann stehen würde.

Ich glaube wirklich, er hat Dich geliebt, auf seine Weise, so wie er auch mich geliebt hat. Er hatte nie gelernt, seine Gefühle zu zeigen. Aber er war immer gut zu mir. Er war der erste Mensch, der mich respektiert hat und mir das Gefühl gegeben hat, mehr zu sein als nur eine schöne Puppe.

Ich hatte es nicht leicht als Kind. Mein Vater hatte uns früh verlassen und meine Mutter war so mit sich selber und ihrem Gott beschäftigt, dass ich schnell gelernt hatte, auf mich selber zu vertrauen. Ich hatte mir alles selber aufgebaut: Meine Karriere als Model, mein Modedesign-Studium und mein eigenes Fashionlabel. Meine Mutter hatte mir nie verziehen, dass ich mich für läppische Modehefte und wenig Geld in Unterwäsche habe ablichten lassen. Das war für sie fast so schlimm, wie wenn ich mich prostituiert hätte. Und als ich schliesslich auch noch zur Schönheitskönigin gewählt wurde, war ich für sie endgültig dem Reich der Sünde verfallen.

Ich habe es Deinem Stiefvater immer hoch angerechnet, dass er mich schon nett fand, bevor meine Vorzüge mit einer Schleife und einem Krönchen geehrt wurden. Wir hatten uns an einer Party kennengelernt und ich hatte mich sofort unsterblich verliebt. Er war so anders als die anderen Typen. Hinter seinem vornehm zurückhaltenden Auftreten als Erbe eines renomierten Bankhauses spürte ich instinktiv seine Unsicherheit und seine Verletzlichkeit. Er war der einzige, bei dem ich nicht dauernd das Gefühl hatte, dass er mit mir ins Bett möchte. Ob er es sich tatsächlich hätte leisten können, mich zu heiraten, wenn ich nicht plötzlich eine VIP geworden wäre, weiss ich nicht.

Seine Mutter jedenfalls konnte sich mit unserer Ehe nie wirklich abfinden. Das verband sie schliesslich trotz aller gesellschaftlichen Differenz auch mit meiner Mutter, das und die gemeinsame Sorge um Deine Erziehung. Beide waren – wohl nicht ganz zu Unrecht – überzeugt, dass ich und Dein Stiefvater damit überfordert sein würden. Wobei es meiner Mutter vor allem darum ging, Dich vor den Klauen des Teufels zu bewahren, während seine Mutter sich berufen fühlte, Dir Stil und Kultur beizubringen. Und während ich meine Mutter dafür hasste, war ich meiner Schwiegermutter – bei aller Eifersucht, die ich ihr gegenüber empfunden habe – letztlich dankbar. Ich glaube, sie hatte dich wirklich ins Herz geschlossen. Und das obwohl ich immer das Gefühl hatte, dass sie die Wahrheit ahnte.

Aber Du warst auch ein goldiges Kind. Wer hätte Dich nicht lieben können? Manchmal erschienst Du mir so perfekt, dass es fast nicht auszuhalten war. Konnte das möglich sein? Wie hatte ausgerechnet ich so ein Kind verdient?

Ich kann nur hoffen, dass Du mir eines Tages verzeihen kannst, dass ich Dich damals bei der Geschichte mit dem Priester nicht unterstützt hatte. Natürlich war die Anschuldigung lächerlich, aber ich wollte es in dem Moment nicht sehen. Je älter Du damals wurdest, desto mehr hatte ich Mühe gehabt, Dir in die Augen zu schauen. Da erschien die vermeintliche Erkenntnis, dass auch Du letztlich nur eine schwache Sünderin bist, wie Balsam auf meine schuldgeplagte Seele.

Ich hatte sehr wohl gesehen, wie Du unter all dem gelitten hast. Aber ich hatte nicht die Kraft, etwas dagegen zu tun, zumal gerade in dieser Zeit ja auch meine Mutter im Sterben lag. „Soll Dein Gott Dir doch helfen!“, hatte ich mir damals gesagt. Und die Möglichkeit, dass es doch wahr sein könnte, war ja doch nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht hatten Dein Stiefvater und all die anderen ja doch Recht.

Erst als ich hilflos gefesselt und geknebelt mitansehen musste, was dieser Erpresser mit Dir machte, weil Dein Stiefvater auch nach wiederholten Drohungen einfach nicht auf seine Forderungen eingehen wollte, erst in dem Moment wurde mir schmerzhaft bewusst, wohin wir gekommen sind und wie sehr wir alle durch Lüge und Hass verblendet waren. Dass ich Dich damals einfach im Stich gelassen habe und aus dieser Beziehung geflohen bin, habe ich mir nie verziehen.

Weisst Du, es hat mir damals so gut getan, was Du mir am Tag Deiner Gelübde gesagt hast: Dass Du nicht an einen strafenden Gott glaubst, und schon gar nicht an die Rache Gottes. Denn der Gedanke an Gottes Rache hatte mich begleitet seit dem Tag, an dem Du mir mitgeteilt hattest, dass Du ins Kloster gehen wirst.

Warum Du? Warum tust Du das?

Diese Frage hatte mich nicht mehr losgelassen. Und immer wieder hatte mich diese quälende Vision verfolgt: Das verzerrte Gesicht meiner Mutter und ihr Vorwurf: „Du bist schuld an allem, was geschehen ist! Die Zeit der Rache ist gekommen!“. Ja, in den dunkelsten Stunden in der Klinik war ich wirklich überzeugt, dass das Kloster nun Deine Rache war an uns, an Deinem Stiefvater, aber vor allem auch an mir. Und das Schlimmste war, dass mir der Gedanken sogar irgendwie gefallen hat. Denn das war es doch, was ich schon seit langem verdient hatte.

Ich hatte eine unglaubliche Angst, zu Deinen Gelübden zu kommen. Doch ich hatte mir eingeredet, dass ich das alles selber zu verantworten habe und mich meiner gerechten Strafe nicht entziehen könne. Ja, ich wollte Dir die Genugtuung gönnen, Deine Mutter leiden zu sehen.

Doch dann war alles ganz anders: Deine ehrliche Freude, Dein liebender Blick und Deine feste Umarmung. Mein Gott, mit wie viel Stolz hast Du mich Deinen Mitschwestern vorgestellt, mich, Deine erbärmliche Mutter, die Dich nie wirklich zu lieben gewusst hat, die Dich nicht beschützen konnte, die Dich kläglich im Stich gelassen hat und ihr armseliges Leben zwischen mondänen Modeschauen und Klinikaufenthalten fristete.

Und wie nett sie alle waren, die Schwestern. Deine Novizenmeisterin hat Dich in höchsten Tönen gelobt. Eure Älteste meinte, Du seist eigentlich viel zu hübsch fürs Kloster. Und eure junge Priorin hatte sich so gefreut, mich kennenzulernen. Sie sei vor ihrem Ordenseintritt ein grosser Fan meiner Mode gewesen und hätte immer noch diesen eleganten schwarzen Mantel aus einer meiner ersten Kollektionen. Sie trage ihn immer noch im Winter über dem Ordensgewand. Nur die Markenetikette hätte sie damals beim Eintritt entfernt, damit die Schwestern nicht bemerkten, was für ein exquisites Teil sie da mitbringe.

Ich kann mich nicht erinnern, je so glücklich gewesen zu sein wie an jedem Tag. Ich habe gespürt, dass Du glücklich bist, dass es Dir wirklich gut geht und dass Du bei diesen Schwestern am rechten Ort bist. Vor allem aber habe ich gespürt, dass Du mich liebst und dass Du mir vergeben hast. Und als ich nachts ganz alleine in einem Abteil des ICE nach Hause fuhr, habe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder gebetet.

Doch am nächsten Morgen, als ich mich im Spiegel betrachtete, war sie plötzlich wieder da, diese Stimme. „Mach dir nichts vor“, hörte ich sie sagen, „du hast Deine Tochter immer belogen. Und wenn sie die Wahrheit erfährt, wird sie es Dir nie verzeihen!“. Ich glaube ich hätte es sogar geschafft, diese Stimme mit der Zeit zum Schweigen zu bringen, wenn nicht kurz danach die Diagnose gekommen wäre. Und mit dem Krebst kam die Angst zurück: Die Angst vor der Rache Gottes. Und mit ihr die Frage: Werde ich Gnade finden bei Gott? Und bei Dir?

Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, werde ich die Antwort wohl wissen. Ich habe versucht zu glauben. Dir zu glauben. Ich habe versucht zu beten. Und in manchen Momenten habe ich so etwas wie Frieden gespürt. Doch in den einsamen, nächtlichen Stunden, wenn die Schmerzen mich nicht schlafen lassen und das Morphin die Dämonen der Vergangenheit in mir weckt, dann ist der Gedanke an meine gerechte Strafe oft der einzige schwache Trost.

Aber wenn das wirklich stimmt, was Du glaubst, dann werde ich ja jetzt vielleicht irgendwo neben Dir sitzen, hier in Deiner kleinen aber so gemütlichen Klosterzelle. Oder liest Du diesen Brief vielleicht in der Kapelle, bei IHM, der Dir all das gibt, was wir Dir nie geben konnten?

Wie auch immer, bete für mich, mein Kind!

In Liebe

Deine Mutter

PS: Und bete für deinen Stiefvater. Sag ihm, dass ich ihn liebe!

 

 

 

Warum sie? III (der Vater)

(Burnout Klinik am See, Tonbandaufzeichnung 4. Therapiesitzung)

Warum sie 3

Warum sie? Warum tut sie mir das an?

Haben Sie Kinder? Nein? Dann können Sie nicht verstehen, wie das ist. Ich habe ihr alles gegeben, was ich hatte. Sie war das Wichtigste in meinem Leben?

Meine Frau hatte mir immer vorgeworfen, ich hätte mir einen Jungen gewünscht, als Erben und Stammhalter für unsere Privatbank. Natürlich war das ursprünglich der Plan gewesen, denn Tradition verpflichtet. Seit vier Generationen sind wir im Geschäft. Da können wir unsere treuen Kunden nicht einfach hängen lassen.

Und natürlich war es hart für mich, als meine Frau einfach nicht schwanger wurde. Jahrelang hatten wir alles ausprobiert, aber es schien vergeblich. In meiner Verzweiflung hatte ich mir bereits eine Alternative… ich meine, Sie wissen schon… Aber dann hatte es plötzlich doch geklappt.

Die Kleine hatte meine Augen, ganz eindeutig. Sie war für etwas Grossen berufen. Ich habe es in ihrem Blick gesehen. Und ich hatte mir geschworen, dass mein Vater stolz auf sie sein würde, und dass mir dereinst niemand vorwerfen sollte, ich hätte nicht alles für die Ehre der Familie und der Bank getan.

Das Mädchen entwickelte sich fantastisch. Sie hatte von mir Intelligenz und Zielstrebigkeit mitbekommen, und von ihrer Mutter Schönheit und Eleganz… nicht dass ich nicht auch attraktiv gewesen wäre, aber Sie verstehen, was ich meine. Natürlich hatte ich nicht sehr viel Zeit für die Kleine. Die Bank war damals in einer Krise und die Umstrukturierungsprozesse hatten mich viel Zeit und Kraft gekostet. Auch meine Frau durchlebte eine schwere Zeit. Ihre Blüte als Schönheitskönigin war vorbei. Nach der Geburt meiner Tochter war sie als Model nicht mehr gefragt und der Aufbau ihrer eigenen Modelinie hatte sie sehr in Anspruch genommen. Aber wir hatten stets dafür gesorgt, dass es unserer Tochter an nichts fehlte. Wir hatten für sie ein Kindermädchen angestellt und später auch eine Hauslehrerin.

Aus heutiger Sicht muss ich mir vorwerfen, dass ich mich all die Jahre nicht mehr um sie gekümmert habe. Ich hatte die Auswahl der Angestellten meiner Frau überlassen und sie hatte das an ihre Mutter delegiert. Diese war noch eine gläubige Katholikin alter Schule. Und obwohl meine Frau selber mit Gott nichts mehr am Hut hatte, konnte sie nicht verhindern, dass unsere Kleine von ihrer frommen Oma beeinflusst wurde. Wir bekamen erst gar nicht mit, dass das Kindermädchen abends regelmässig mit der Kleinen betete. Und letztlich sahen wir später auch keinen Grund einzuschreiten, als unsere Tochter jeweils sonntags ihre Hauslehrerin in den Gottesdienst begleiten wollte. Wer hätte schon gedacht…

Ich hatte ihren Glauben damals als pubertäre Laune abgetan. Mit irgendetwas musste sie sich ja von uns Eltern abgrenzen. Und da sie sonst in allem ein vorbildliches Mädchen war, hatte ich keinen Grund zur Beunruhigung. Irgendwann würde sie schon zur Vernunft kommen.

Doch dann kam der Schock aus heiterem Himmel. Nie werde ich diesen demütigenden Moment vergessen, als ich eines Morgens zur Schulleitung zitiert wurde und erfahren musste, dass der dringende Verdacht bestand, meine Tochter habe ein Verhältnis mit dem Schulseelsorger. Der junge Priester hatte natürlich alles abgestritten, aber ich war mir sicher, dass er lügt. Noch heute sehe ich ihn vor mir stehen, wie er mich anschaut. Ich hätte ihm in die Fresse… entschuldigen sie, bitte, aber sie hätten ihn sehen sollen!

Weder die Schule noch ich konnten uns damals einen Skandal leisten. Und so waren wir dankbar, dass es für diese Schande wenigstens keine stichhaltigen Beweise gab. Nicht auszudenken, wenn es später geheissen hätte, die Erbin des renommierten Bankhauses hätte schon als Schülerin… Es reichte, dass wir mit dem Gerücht leben mussten.

Natürlich hatte ich versucht, kühlen Kopf zu bewahren. Aber die Kränkung sass tief. Wie konnte sie mir das antun, sie, meine Prinzessin, der einzige Sinn meines Lebens und Arbeitens? Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl, das ich ein für alle Mal abgestellt zu haben glaubte: Der Hass. Jahrelang hatte mich dieses Gefühl gequält, nachdem sich meine Mutter zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters einen neuen Mann ins Bett geholt hatte.

Ich war fünfzehn, als mein Vater mit seinem Mercedes in einer Kurve von der Strasse abgekommen war und 150 Meter in eine Schlucht gestürzt war. Es war eine brutale Zeit für uns. Meine Mutter hatte ihre ganzen Beziehungen einsetzen müssen, um die verschuldete Bank vor dem Ruin zu retten und mich vor der Flucht in Alkohol und Drogen zu bewahren. Immer wieder hatten wir uns gegenseitig getröstet, indem sie mich bei sich im Bett hat schlafen lassen. Ich mochte ihre Nähe und ihren Geruch, doch eines Tages war die Zimmertür verschlossen. Und am nächsten Morgen in der Früh sah ich den Mann das Haus verlassen, den ich in Zukunft als meinen neuen Vater betrachten sollte.

Und nun ging meine eigene Tochter mit einem Priester ins Bett. Dabei war sie noch keine 18. Natürlich wusste ich, dass sie mich eines Tages… Aber doch nicht so. Schon drei Jahre früher hatte sie plötzlich begonnen, ihr Schlafzimmer abzuschliessen und sich auch im Bad einzuschliessen. Mir war damals sofort klar, wer dahinter gesteckt hatte. So sehr sie ihren Glaubenswahn von ihrer Oma geerbt hatte, so sehr hatte sie sich in allem anderen an meiner Mutter orientiert.

Diese hatte als junge Frau ihre vielversprechende akademische Karriere an den Nagel gehängt, um meinen Vater zu heiraten. Mit meiner Frau konnte sie sich nie anfreunden. Sie fand ihre Schwiegertochter billig und unkultiviert, und ihre Mode fand sie vulgär und exzentrisch. Umso mehr hatte sie es sich zum Ziel gesetzt, ihrer Enkelin Kultur und Stil beizubringen. Und das war ihr offensichtlich auch ganz gut gelungen. Im Gegensatz zu mir, der für ihre kulturelle Erziehung weitgehend unzugänglich geblieben war, hatte sich meine Tochter kreuz und quer durch die Weltliteratur gelesen. Und ihre altmodische Weise, Strickjacken im Stil von Grace Kelly um die Schultern gelegt zu tragen, hatte sie definitiv von meiner Mutter abgeschaut… nur dass sie diese dabei an Eleganz bei Weitem übertraf.

Meine Mutter war es auch, die nie an die Geschichte mit dem Priester geglaubt hatte. Sie hatte mir heftigste Vorwürfe gemacht, dass ich so wenig Vertrauen in meine eigene Tochter habe und ihr tatsächlich so etwas zutrauen würde. Aber ich war in meiner Enttäuschung blind vor Hass, ein Hass, der noch in dem Masse zunahm, wie auch meine Tochter begann, mich mit diesem mitleidig traurigen Ausdruck in den Augen anzuschauen.

Diesen Hass hatte mir schliesslich auch meine Frau zum Vorwurf gemacht, als sie sich kurz nach dem Schulabschluss unserer Tochter von mir trennte. Sie hatte mir nie verziehen, dass ich in jener verhängnisvollen Nacht des Überfalles versucht hatte, die Täter hinzuhalten und Zeit zu gewinnen. Ich war damals für Verhandlungen in Wien, als ich nachts in meinem Hotelzimmer von einem falschen Zimmermädchen überfallen wurde. Sie bedrohte mich mit einer Waffe und zwang mich, auf meinem Laptop ein live Video anzuschauen. Es zeigte meine Frau und meine Tochter. Sie sassen auf Stühlen in unserem Salon und waren brutal mit Klebeband gefesselt und geknebelt. Die Täter hatten von mir verlangt, über meinen Laptop grössere Geldsummen auf verschiedenen Bankkonten zu überweisen. Natürlich hatte ich versucht, sie hinzuhalten und behauptet, von hier aus keinen Zugang zu unseren Konten zu haben. Ich hatte die wiederholten Drohungen so lange ignoriert, bis ich mitansehen musste, wie meine Tochter vor laufender Kamera…

Für meine Frau war völlig klar: Ohne meinen blinden Hass hätte ich es nie so weit kommen lassen.

Das Schlimme ist, dass sie wohl Recht hatte. Ich weiss, dass es irgendwie pervers tönt, aber als ich das Mädchen so dasitzen sah, völlig hilflos und doch mit einem ungebrochenen Ausdruck in den Augen und dem strahlend goldenen Kreuzchen im Ausschnitt ihrer Bluse, da hörte ich mich aus der Finsternis meiner Seele sagen: „Das hast du davon, wenn du deinen Gott beleidigst“.

Zu meiner Überraschung und Erleichterung schien mir meine Tochter aber nichts übel zu nehmen. Ganz im Gegenteil. Obwohl sie selber sehr unter den Ereignissen gelitten hat und auch mehrere Wochen in die Klinik musste, hatte sie den Kontakt zu mir nie abgebrochen. Meine Beziehung zu ihr normalisierte sich in dem Masse, wie ich hoffen durfte, aufgrund ihrer glanzvollen Studienabschlüsse doch mit einem positiven Erfolg meiner Pläne rechnen zu können. Sie war erwachsen geworden und attraktiver denn je, als sie aus dem Ausland zurück kam und gleich einen Job bei einer renommierten Grossbank antreten konnte. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass sie direkt bei uns einsteigen würde. Nun ja, ich liess durchblicken, dass sie die Stelle meinetwegen bekommen habe, und schliesslich konnte es mir ja nur recht sein, wenn sie sich erst einmal bei der Konkurrenz Erfahrung und zusätzliche Kompetenzen erwarb.

Die Trennung von meiner Frau hatte auch mir zugesetzt. Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber meine Mutter hatte recht: Ich war einsam. Und so genoss ich es umso mehr, dass sich meine Tochter immer wieder Zeit für mich nahm, mich in die Oper und in Ausstellungen begleitete, und mich einmal pro Woche zum Mittagessen traf. Ich war so stolz auf sie. Sie war so ganz anders als ihre Mutter, ruhig und eher introvertiert. Und sie hatte und übertraf gleichzeitig fast alle Qualitäten, die ich an meiner eigenen Mutter immer bewundert habe.

Ich konnte den Tag kaum erwarten, an dem ich sie endlich als meine Nachfolgerin präsentieren könnte. Meine Kräfte begannen nachzulassen und langsam begann ich ungeduldig zu werden. Meine Mutter meinte zwar immer, ich solle dem Mädchen Zeit lassen. Aber sie wusste natürlich, dass sie ihren eigenen Sitz im Verwaltungsrat endlich räumen musste, wenn ich ihre Enkelin ins Geschäft bringe.

Wie auch immer, ich genoss die Zeit mit meiner Tochter. Sie tat mir gut und was ich so über sie hörte, gab mir allen Grund zu Zuversicht und väterlichem Stolz. Und sie war eine gute Zuhörerin. Mit ihr konnte ich über alles reden: Über meine Mutter, meine gesundheitlichen Beschwerden, mein Leiden an der Trennung von ihrer Mutter, und über die Sorgen mit der Bank, die Schwierigkeiten mit dem operativen Geschäft und die Notwendigkeit einer neuen, kompetenten Kraft in der Geschäftsleitung. Als Zeichen meiner Anerkennung begann ich auch, ihr regelmässig Geschenke zu machen. Ich kaufte ihr Seidentücher, Schmuck und eine schicke Handtasche, ein edles Kaschmir-Twinset und ein Abendkleid, und schliesslich einen Pelzmantel und eine eigene Penthaus Wohnung.

„Papa, ich bin nicht deine Geliebte!“, hatte sie gesagt, als ich ihr damals in ihrer alten Zweizimmerwohnung in einem etwas schäbigen Genossenschaftsbau den teuren Pelzmantel um die Schultern gelegt hatte, in dessen Tasche auch ihre neuen Wohnungsschlüssel steckten. Ich sehe sie heute noch, wie sie vor den Spiegel steht, sich in den Mantel kuschelt und die losen Ärmel nach links und rechts schwingen lässt. Sie sah einfach hinreissend aus. Und nie werde ich ihren Blick vergessen, der sich mir im Spiegel darbot: Dieser strahlende Glanz erblühter Weiblichkeit und das kurze Aufblitzen einer kindlichen Freude, die aber unvermittelt in eine seltsam ernste Traurigkeit überging.

Langsam war sie ans Fenster getreten und hatte sich den Mantel von den Schultern genommen. Ihr Rücken unter dem schwarzen Rollkragenpullover schien plötzlich zu beben, während sie schweigend in den Hof blickte, aus dem das Lachen spielender Kinder zu uns nach oben drang. Und als sie sich nach einer Weile umdrehte, rannen Tränen über ihre Wangen. Doch als sie schliesslich auf mich zukam, mir den zusammengefalteten Mantel in die Hand drückte und mich dabei zärtlich auf die Stirn küsste, war ihr Blick fest und entschlossen.

Sie hat mir an diesem Abend mitgeteilt, dass sie gekündigt hat…

… und dass sie ins Kloster eintreten wird.

*******

Lieben Sie ihre Tochter?

Wenn Hass ein Mass ist für gekränkte Liebe, ja dann muss ich sie wohl irgendwie lieben.

Sagen Sie: Glauben sie an Gott?

Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, kann er so grausam sein, die Tochter zum Werkzeug der Rache am eigenen Vater zu machen?

Vielleicht sollten Sie einmal ihre Tochter fragen.

Warum sie? II (die beste Freundin)

(Aus dem Tagebuch einer Freundin)

Warum sie 2

Samstag, 20.30 Uhr

Warum sie? Warum ausgerechnet sie? Sie, meine Stärke, mein Fels, meine einzige Burg, bei der ich Zuflucht gefunden hatte in den schlimmsten Jahren meines Lebens. Sie, die doch immer so stark war, so hoffnungsvoll, so positiv.

Ich sehe sie noch vor mir, vor drei Jahren, am Tag ihrer ersten Ordensgelübde. Mein Gott, war sie schön gewesen, so durch und durch glücklich und strahlend. Wie sehr hatte ich sie beneidet um ihr Glück, um ihren Mut und ihre Entschiedenheit. Und um ihren Glauben.

Doch von all dem war nichts zu spüren, als ich ihr heute Nachmittag im Stadtpark gegenüberstand. Eigentlich hätte ich es ahnen müssen, als ich die kurze WhatsApp-Nachricht von ihr sah, die erste seit Monaten. Die weisse Lilie, die sie lange als Profilbild hatte, war einem düsteren Kreuz gewichen, und so hatte ich auf den ersten Blick gar nicht realisiert, dass die Nachricht von ihr war. Sie sei gerade in der Stadt und ob ich Zeit hätte, sie im Stadtpark zu einem Kaffee zu treffen.

Ich hatte sie erst gar nicht erkannt, als ich sie unter den Gästen an den Gartentischen suchte. Ich hatte nach einem Ordensgewand und einem schwarzen Schleier Ausschau gehalten. Und so dauerte es einen Moment, bis ich realisierte, dass das Winken am hintersten Tisch unter dem Kastanienbaum mir galt. Meine freudige Erwartung wich langsam einer diffusen Irritation, als ich versuchte, in der unscheinbaren Gestalt mit den kurzgeschnittenen Haaren, der schwarzen Hose und dem zugeknöpften grauen Kaschmir-Cardigan meine beste Schulfreundin zu erkennen.

Sie sah erschöpft aus und ihre Augen hatten einen traurigen Ausdruck, als sie mich musterte und mit einem anerkennenden Schmunzeln die Jacke meines Twinsets um meine Schultern zurechtzupfte. „Du siehst toll aus!“ hörte ich ihre sanfte Stimme, als sie mich schliesslich umarmte und sich fest an meine Brust drückte. Ihre Nähe nahm mir fast den Atem, während ich unter dem weichen Kaschmir ihrer Jacke das leise Beben ihrer Schultern spürte.

Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment.

Und plötzlich war alles wieder da in mir: Diese quälenden Schuldgefühle und der nagende Schmerz bei der Erinnerung an meine Schwachheit, an meine Feigheit, an mein Versagen.

Ja, verdammt, ich hatte sie damals im Stich gelassen. Und ich schäme mich noch heute dafür. Ich hatte zwar geglaubt, das Ganze hinter mir gelassen zu haben. Und der Umstand, sie bei ihren Gelübden so stark und glücklich wiederzusehen, schien mich von meinen Ängsten und Skrupeln befreit zu haben. Umso grösser war der Schmerz, als mir heute bewusst wurde, dass ich mich die ganze Zeit über belogen hatte.

Und das eigentlich Schlimme waren nicht einmal die Schuldgefühle, sondern das, was ihnen zugrunde lag: Die erschreckende Feststellung, dass ich mich angesichts ihrer offensichtlichen Verletzlichkeit auch heute noch genauso hilflos und elend fühlte wie damals. Sie muss es gespürt haben, als sie zusah, wie mein Latte Macchiato kalt wurde, während meine Finger nervös mit der Vase spielten, aus der uns eine weisse Rose entgegenduftete. Sie muss gespürt haben, dass ich ihren Anblick nicht ausgehalten habe. Dass ich am liebsten davongelaufen wäre, so wie damals an jenem Samstagnachmittag.

Zwölf Jahre waren seither vergangen, doch noch immer verfolgt mich der schockierende Anblick, als mich das Dienstmädchen zu ihr in den Salon geführt hatte. Sie war am Morgen erst aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie und ihre Mutter nach einem brutalen Raubüberfall ein paar Tage verbringen mussten. Ich hatte zuerst geglaubt, jemand fremden vor mir zu haben. Die sonst so lebendige, natürliche und selbstbewusste junge Frau, die ihre Strickjacke gerne spielerisch um die Schultern drapiert zu tragen pflegte, sass mit zugeknöpfter Jacke eng zusammengekauert in der Ecke des Sofas, von wo aus sie mir mit ausdrucksleerem Blick entgegenstarrte. Spuren von Tränen glitzerten auf ihren blassen Wangen und die wunderbaren, langen Haare, um die ich sie immer beneidet hatte, waren verschwunden – offenbar eine Folge des Klebebandes, mit dem sie geknebelt worden war.

Sie musste bereits damals gespürt haben, dass ich mit der Situation nicht umgehen konnte, denn schon nach einer guten Viertelstunde hatte sie mich gebeten zu gehen. Für mich war damals eine Welt zusammengebrochen. Ich wollte es nicht glauben. Ich konnte es nicht verstehen. Warum sie?

Sie war damals für mich alles gewesen. Ich weiss nicht, wie ich das alles ohne sie durchgestanden hätte. Sie war meine einzige wirkliche Freundin. Die einzige, die sich nie über meinen Körper lustig gemacht hat, die in allem zu mir gehalten hat und die immer an mich geglaubt hat. Die einzige, die sich von meiner trotzigen und rebellischen Art nie hat abschrecken lassen. Sie war der erste Mensch, dem ich mich anvertraut hatte. Sie war es auch, die mich mit 14 Jahren dazu gebracht hatte, zur Polizei zu gehen und gegen meinen eigenen Vater auszusagen, nachdem meine jüngere Schwester sich das Leben genommen hatte. Ich war selber schon im Begriff, von der Brücke zu springen, als sie mir klar gemacht hatte, dass ich jetzt für meine kleinste Schwester verantwortlich sei… und dass ich ihre Freundin sei, dass ich ihr fehlen würde… dass sie mich liebe.

Ausser meinem Vater hatte mir niemand je gesagt, dass er mich liebe. Und daher war das Wort „Liebe“ bei aller Sehnsucht, die es in mir weckte, stets verbunden mit Angst: Angst vor dem Schmerz, Angst vor Ohnmacht, und vor allem Angst davor, enttäuscht, verraten und verlassen zu werden.

Doch sie hatte mich nie verlassen. Sie war da in der Zeit der quälenden Verhöre und Prozesse. Sie war da, als meine Mutter sich von mir abgewandt hatte. Und sie hatte mich regelmässig besucht, als ich wegen meiner Essstörungen in der Klinik war. Sie war so treu zu mir, dass manche sie sogar für lesbisch hielten. Letzteres fand erst ein Ende, als man ihr Mitte des letzten Schuljahres plötzlich vorgeworfen hatte, mit dem Schulseelsorger geschlafen zu haben. Der Vorwurf war absurd und haltlos. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie nie auch nur im Traum daran gedacht hätte, mit ihrem geistlichen Begleiter ins Bett zu gehen. Denn ich kannte damals sehr wohl den einzigen Jungen, mit dem sie sich wirklich so etwas hätte vorstellen können. Doch dieser war zu ihrem Leidwesen (und meinem heutigen Glück) in dieser Beziehung mindestens ebenso schüchtern und verklemmt wie sie selber.

Und dennoch wurde der Skandal mit dem Seelsorger zum Ausganspunkt meines Bruches mit ihr. Ich hatte regelmässig mit ihr zusammen die Veranstaltungen und Gottesdienste der Schulseelsorge besucht, wobei ich wohl weniger an Gott als an sie geglaubt hatte. Dass es so etwas wie einen starken, treuen und barmherzigen Gott geben könnte, hatte ich vor allem darum geglaubt, weil ich sie stets als stark, treu und barmherzig erlebt hatte. Doch das begann sich mit dem vermeintlichen Skandal zu ändern. Die falschen Anschuldigungen, der höhnische Spott mancher Mitschüler und das Misstrauen und die unverhohlene Verachtung einiger Lehrpersonen hatten ihr sichtlich zugesetzt. Immer öfter erschien sie mir traurig und bedrückt, und auch wenn sie es stets vor mir zu verbergen suchte, glaubte ich doch immer wieder, Spuren von Tränen in ihrem Gesicht zu erkennen.

Und so hatte ganz allmählich der Fels meines Lebens zu wanken begonnen. Plötzlich hatten die Arme, in denen ich bisher immer Kraft und Geborgenheit gefunden hatte, begonnen, sich an mir festhalten zu wollen. Doch darauf war ich nicht vorbereitet. Das durfte nicht sein. Ich hatte sie gebraucht, stark, treu und barmherzig. Plötzlich spürte ich die Angst in mir, und mit der Angst kamen die Ohnmacht und die Wut. Nein, sie durfte mich nicht verlassen. Nicht jetzt!

Und dann war sie da gesessen, in die Ecke des Sofas verkrochen, halb verdeckt von einem dicken Kissen, das ihre Arme fest gegen die Brust drückten. Sie hatte erbärmlich ausgesehen in ihrer formlosen Trainingshose, mit den abgeschnittenen Haaren und den dunklen Rändern unter ihren Augen. Nur ihre Stimme klang erstaunlich ruhig und sanft, als sie mich einlud, neben ihr Platz zu nehmen. Sie hatte mich gefragt, wie es mir gehe. Und ich hatte die ganze Zeit über kein vernünftiges Wort herausgebracht. Eine seltsame Beklemmung lag auf meiner Brust, als ob ich selber anstelle des Kissens zwischen ihren Armen gelegen hätte.

Das war damals einfach zu viel für mich. Ich fühlte mich verraten und verlassen, von ihr und von Gott. Verzweifelt vor Wut war ich in die nächste Kirche geeilt und hatte alle Opferkerzen ausgeblasen. „Scheiss Gott!“ höre ich mich jetzt noch schreien, als ich damals die Osterkerze von ihrem Sockel stiess.

Kurz danach war ich zum zweiten Mal in die Klinik eingewiesen worden. Sie hatte mehrfach versucht, mich zu besuchen. Aber ich wollte sie nicht sehen. Und als ich entlassen wurde, hatte ich erfahren, dass sich ihre Eltern getrennt hatten. Ich hatte die Kraft nicht, mich bei ihr zu melden.

Danach hatten wir uns Jahre lang nicht gesehen. Es waren einsame Jahre, geprägt von Scham und Schuldgefühlen. Mehrfach hatte ich mir vorgenommen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Doch das eine Mal, wo ich all meinen Mut zusammengenommen hatte, war sie zum Studium im Ausland.

Doch irgendwie war sie doch die ganze Zeit bei mir gewesen. „Ich glaube an dich!“ vernahm ich jeden Morgen tief in mir drin ihre Stimme, wenn ich mich im Spiegel betrachtete. „Kopf hoch!“ hörte ich sie rufen, wenn ich während meines Jus-Studiums immer mal wieder die Schultern habe hängen lassen. Und irgendwie spürte ich, dass sie stolz auf mich war, als ich mir als frisch gebackene Anwältin zuhause vor dem Spiegel zum ersten Mal die Jacke meines neuen Twinsets um die Schultern drapiert hatte.

Und dann lag da plötzlich eines Tages die Einladung zu ihren Ordensgelübden in meinem Briefkasten. Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich hingehen sollte oder nicht. Schliesslich hatte ich mich doch entschieden zu gehen und mir für diesen Anlass auch gleich noch einen neuen Rock und Blazer gekauft. Als ich jedoch vor den Stufe zur Kirche stand, war sie plötzlich wieder da, die Scham. Und ich war tatsächlich drauf und dran gewesen, wieder das Weite zu suchen, als plötzlich er auftauchte. Ich hatte ihn sofort erkannt, nach all den Jahren. Er war ein stattlicher Mann geworden, hatte aber diesen Hauch von jungenhafter Schüchternheit nicht ablegen können. Nie werde ich sein verlegenes Lächeln vergessen, als er offensichtlich vergeblich versucht hatte, mich irgendwo in seinen Erinnerungen einzuordnen.

„Wie geht es ihm und der Kleinen?“, hatte sie mich heute Nachmittag unvermittelt aus meinen quälenden Gedanken gerissen, indem sie beruhigend meine Hände fasste, die immer noch mit der Blumenvase spielten. Sie habe sich sehr über die Hochzeitsbilder gefreut, und auch über das Foto unserer kleinen Tochter.

Ich war froh und dankbar, über meine Familie sprechen zu können. Und noch dankbarer war ich letztlich, dass mein spontaner Babysitter nur eine Stunde Zeit hatte und ich bald wieder aufbrechen musste. Ihre Umarmung war diesmal sanft und zurückhaltend. Dafür konnte ich an meiner Brust deutlich das hölzerne Kreuz spüren, das sie unter ihrer Strickjacke verborgen um den Hals trug.

Erst als ich auf dem Parkplatz in meinem Wagen sass, begann sich meine innere Lähmung zu lösen. Erst jetzt wurde mir wirklich bewusst, wie traurig und verlassen sie aussah, als sie mir unter dem Kastanienbaum zum Abschied noch einmal zugewinkt hat. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Plötzlich haben die erwachsene Frau, die junge Mutter und die erfolgreiche Anwältin in mir begriffen, dass sie ein für alle Mal aufhören müssen, ihr Leben von einem verzweifelten kleinen Mädchen bestimmen zu lassen.

Ich war noch nie eine Sportskanone gewesen und auch meine eleganten Stiefelletten waren nicht zum Rennen auf Kieswegen gedacht. Doch in diesem Moment war mir alles egal. Durch die Tränen in meinen Augen konnte ich die verblüfften Blicke der Spaziergänger sehen, als ich an ihnen vorbei zurück zum Gartenrestaurant rannte. Und irgendwo hinter mir hörte ich jemanden rufen, ich hätte meine Strickjacke verloren. Aber was war schon eine Strickjacke? Ich war im Begriff, zum zweiten Mal in meinem Leben das Beste zu verlieren, was mir je geschenkt worden war.

Der Tisch unter dem Kastanienbaum war verlassen.

Ich habe wieder versagt!!!

Mein Gott, wie ich mich dafür hasse!

Ich glaube, wenn mein Mann und die Kleine nicht wären…

Ich möchte nur noch schlafen, schlafen… und nie mehr aufwachen!

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Sonntag, 00.30 Uhr

WhatsApp weckt mich aus einem Albtraum:

Danke für Deine Freundschaft.
Gesegnete Pfingsten!
Keep the Spirit of God! 🙂

Da wo das düstere Kreuz war, strahlte nun eine weisse Rose.

 

 

 

 

 

Warum sie? I (ein Mitschüler)

(Aus dem Tagebuch eines ehemaligen Mitschülers)

Warum sie 1
Bild von Cherrykoko

Warum hatte sie das getan? Warum? Warum ausgerechnet sie?

Hatte sie nicht alles, was sich eine junge Frau wünschen konnte?

Sie lebte in einem fantastischen Haus am See. Ihr Vater war der Leiter einer traditionsreichen Privatbank und ihre Mutter eine ehemalige Schönheitskönigin, die sich als Model und später als Modedesignerin einen Namen gemacht hatte. Von ihrem Vater hatte sie die Intelligenz, von ihrer Mutter die Schönheit. Alles war angerichtet für eine erfolgreiche Karriere.

Wie gross war doch der Stolz ihres Vaters gewesen, als sie das Studium in Rekordzeit mit Summa cum Laude abgeschlossen hatte. Dank seiner Beziehungen hatte sie auch gleich eine Topstelle in einer Grossbank bekommen. Bei allen schwierigen Fragen stärkte er ihr den Rücken. Und er genoss es sichtlich, mit seiner eleganten Tochter in die Oper zu gehen, Symphoniekonzerte zu besuchen und sich mit ihr in den besten Clubs und Restaurants zum Mittagessen zu treffen. Für jedermann war klar, wer dereinst seine Nachfolgerin werden sollte.

Was war also geschehen? Wie konnte es so weit kommen? Und wann hatte es begonnen?

Niemand konnte es wirklich sagen.

Natürlich war sie schon in der Schule irgendwie eine Aussenseiterin gewesen. Zu Beginn der Pubertät wurde sie wegen ihrer kleinen Brüste gehänselt. Sie war als Streberin verschrien und ihre eigenwillige Art, Strickjacken um die Schultern gelegt zu tragen, brachte ihr schon früh den Titel „Frau Professor“ ein… und „Papis Sekretärin“. Und auch die exquisiten Kleider, die ihre Mutter für sie entwarf, gehorchten nicht unbedingt dem Imperativ der aktuellen Teenie-Mode. Doch mit der Zeit war es ihr gelungen, sich Respekt zu verschaffen. Man begann, sie zu mögen, und irgendwann wurde sie gar zur Klassensprecherin gewählt. Wirkliche Freundinnen schien sie jedoch keine zu haben. Ausser vielleicht das eine Mädchen aus der Parallelklasse, ein trotziges, übergewichtiges Kind, dessen Vater aus irgendeinem Grund im Gefängnis sass.

Uns Jungs gegenüber war sie offen und nett, aber mehr nicht. Durch diese Zurückhaltung wurde sie spätestens in der Oberstufe zum Dauerthema auf dem Pausenhof und in den Umkleidekabinen. Wetten zirkulierten, wer es zuerst schaffen würde, sie zu küssen und mit ihr in den Ausgang zu gehen. Und eines Tages hatte tatsächlich einer behauptet, mit ihr im Bett gewesen zu sein. Als Beweis hatte er uns eine abgeschnittene Haarlocke präsentiert. Sie selber hatte zu diesem Thema beharrlich geschwiegen.

Unvergessen sind die Ohrfeigen, die sie damals zwei Mitschülern vor den Augen des Klassenlehrers verabreicht hatte. „Zufällig“ war ihr während der Stunde das Blatt in die Finger gekommen mit dem Resultat einer „repräsentativen“ Umfrage bezüglich der Qualität der „Titten und Ärsche“ aller Mädchen der Klasse. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll der Klassenlehrer seinen Kollegen gegenüber behauptet haben, sie habe sich dafür gerächt, dass sie nur auf Platz drei der Liste gestanden habe.

Die anderen Mädchen waren hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Eifersucht. Die einen hatten sie für ihre Unabhängigkeit beneidet, während andere sie für arrogant und verklemmt hielten. Das Gerücht, sie sei eine Lesbe, hatte sich ebenso hartnäckig gehalten wie die Behauptung, sie wolle ihre Zeit nicht verschwenden mit Jungs ihres Alters und sich stattdessen direkt einen Kerl von der Uni angeln.

Doch all diese Gerüchte und Spekulationen hatten sich Mitte des letzten Schuljahres in Luft aufgelöst, als stattdessen plötzlich der Verdacht im Raum stand, sie hätte Sex mit dem Schulseelsorger, dessen Angebote sie regelmässig besuchte und unterstützte. Es konnte den beiden nichts nachgewiesen werden, doch der junge Priester musste umgehend die Schule verlassen.

Die Angelegenheit musste schwer auf ihr gelastet haben. Sie hatte sich immer mehr zurückgezogen und ihr Abitur schliesslich weit unter ihren Möglichkeiten abgeschlossen. Kommt dazu, dass sich ihre Mutter damals unvermittelt von ihrem Vater hatte scheiden lassen. Kein Wunder also, dass sie wenige Monate nach Schulabschluss in eine schwere Depression gefallen war.

Ich weiss nicht, was mir den Mut gegeben hatte, sie damals in der Klinik zu besuchen. Es ging ihr schon besser, aber die Spuren der Medikamente waren nicht zu übersehen. Sie hatte sich sehr gefreut über meinen Besuch und ich war erstaunt, wie offen sie mir von ihrem Leiden erzählte, von der plötzlichen Stigmatisierung und Einsamkeit nach der Geschichte mit dem Seelsorger, vom Schmerz über die Trennung ihrer Eltern, und von der Nacht, die das Leben ihrer Familie verändert hatte. Ich konnte mich erinnern, dass sie einmal mehrere Tage gefehlt hatte. Aber genaueres hatte man damals nicht erfahren. Sie und ihre Mutter waren offenbar mehrere Stunden in der Hand von Geiselnehmern gewesen, während ihr Vater gezwungen worden war, umfangreiche Finanztransaktionen zu tätigen. Erst am folgenden Morgen waren sie von der Haushaltshilfe gefesselt und geknebelt aufgefunden worden. Ihr Blick schien seltsam leer und abwesend, als sie mir davon erzählte. Aber ich wagte nicht weiter zu fragen.

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik war sie zum Studium ins Ausland gegangen. Und als sie zurückkam, um ihre Karriere bei der Bank zu starten, war ich im Ausland. Wir hatten uns mehrere Jahre nicht mehr gesehen, als ich sie eines Tages auf der Treppe zur Unibibliothek beinahe über den Haufe rannte. Sie sah atemberaubend aus in ihrem gehäkelten Sommerkleid und der graue Kaschmir-Strickjacke, die ihr bei meinem Rempler von den Schultern geglitten war. Da sie einen dicken Stapel Bücher in den Armen hielt, musste ich ihr die Jacke aufheben. Noch heute erregt mich die Erinnerung an das betörend weiche Kaschmir und den dezenten Duft ihres Parfüms, wenn ich daran denke, wie ich unvermittelt mit ihrer Jacke in der Hand auf der Treppe stand und wartete, bis sie ihre Bücher zurückgegeben hatte.

Über zwei Stunden waren wir damals durch den Stadtpark spaziert, bis sie sich schliesslich verabschieden musste. Nie werde ich diesen letzten Moment vergessen, als sie nach einer kurzen Umarmung und einem leichten Kuss auf meine Wangen im Laufschritt zur Bushaltestelle eilte. Ihre Weise, die Jacken zu tragen, hatte auf mich bei aller Eigenständigkeit immer auch einen fragilen und verletzlichen Eindruck gemacht. Doch als ich nun zusah, wie die Strickjacke mit den langen Ärmeln im Rhythmus ihrer leichten Schritte elegant um ihre Schultern wehte, erschien sie mir plötzlich wie eine Königin… oder wie ein Engel. Ein drückender Schmerz befiel mein Herz, als sie mir aus dem Fenster des Busses mit einem seltsam wehmütigen Blick noch einmal zuwinkte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich eigentlich gar nichts von ihr erfahren hatte. Wir hatten doch tatsächlich die ganze Zeit nur über mich gesprochen.

Als ich schliesslich nach einer Woche endlich meinen ganzen Mut zusammennahm und mich in der Bank nach ihr erkundigte, erfuhr ich, dass sie ihre Stelle gekündigt hatte und schon seit einem Monat nicht mehr dort arbeitete. Auch aus dem Elternhaus war sie vor ein paar Tagen ausgezogen. Und da ihr Facebook-Account gelöscht war, ihre Mutter zum wiederholten Mal in einer Klinik weilte und ihr sichtlich erzürnter Vater sich kategorisch weigerte, über seine Tochter zu reden, schien sie sich für mich wie in Luft aufgelöst zu haben.

In der ersten Zeit nach ihrem Verschwinden war ich hin und her gerissen zwischen meiner Sorge um sie und meiner verletzten Eitelkeit. Was war nur in sie gefahren? Wie konnte sie alles aufgeben, einfach so? Und warum hatte sie mir nichts gesagt? Ich verstand sie nicht. Ich hatte sie wohl noch nie wirklich verstanden. Aber hatte ich je versucht, sie zu verstehen? Was wusste ich überhaupt von ihr? Plötzlich wurde mir schmerzhaft bewusst, wie sehr sie mir fehlte… wie sehr sie mir all die Jahre gefehlt hat. Und ja, ich war wütend auf sie. Doch eigentlich war ich wütend auf mich. Was war ich nur für ein ängstlicher, verklemmter Idiot gewesen! Ein jämmerlicher, ichbezogener Feigling! Ich hatte es vermasselst, all die Jahre.

Ich brauchte ein paar Wochen, um mich allmählich zu beruhigen und sie einmal mehr aus meinen Gedanken und Gefühlen zu verdrängen. Meine neue Arbeitsstelle nahm mich schliesslich voll in Anspruch und ein gelegentlicher Flirt mit einer Kollegin trug das Seine dazu bei, mich von meiner unerfüllten Sehnsucht abzulenken.

Und dann erhalte ich mit der Post diese Anzeige, nach über zwei Jahren!

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Die Kirche war nicht besonders gross, aber bis auf den letzten Platz besetzt. Drei Reihen vor mir sass ihre Mutter. Sie war alt geworden und die Medikamente hatten ihr zugesetzt. Aber ihre aufrechte Haltung und ihre langen, silbergrauen Haare, die sich auf ihrem Rücken in Wellen über das elegante, schwarzen Kaschmir-Cape ausbreiteten, liessen immer noch die ehemalige Schönheitskönigin erahnen. Sie trug einen schwarzen Hut mit breiter Krempe, und als sie den Kopf drehte, erkannte ich die dunklen Spuren des Liedschattens, die ihre Tränen auf der Wange hinterlassen hatten. Der Vater war nicht da. Das hätte mich auch gewundert. Auch sonst kannte ich kaum jemanden. Niemand von unserer alten Klasse war gekommen.

Umso dankbarer war ich für die junge Frau, die neben mir sass. Sie hatte mich beim Betreten der Kirche angesprochen. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, als sie mir geduldig zugesehen hatte, wie ich verzweifelt versuchte, sie einzuordnen. Ihre leicht zur Fülle neigende Figur steckte in einem perfekt geschnittenen, dunklen Kostüm, dessen lange Blazerjacke sie sich elegant um die Schultern gelegt hatte. Die Zeremonie hatte bereits lange begonnen, als ich immer noch nicht wusste, wo ich sie unterbringen musste. Ich wusste nur, dass es mir gut tat, sie neben mir zu spüren in dieser seltsam fremden Umgebung.

Und so richtig fremd wurde es für mich, als wir plötzlich alle standen und auf die schwarze Gestalt starrten, die ausgestreckt vor uns am Boden lag, den Kopf verborgen unter einem schwarzen Schleier. Ein Chor erfüllte den Raum mit einem monotonen Antwortgesang. Vereinzelt versuchten Leute um mich herum mitzusingen, auch die Frau an meiner Seite. Ich hörte einzelne Namen wie Franziskus, Benedikt und Teresa, die ich noch aus der Schule kannte, aber die meisten anderen sagten mir nichts. Einen Moment glaubte ich auch den Namen Edith Stein gehört zu haben, aber bevor ich mich noch länger darüber wundern konnte, begann sich die schwarze Gestalt vor uns langsam zu erheben.

Noch immer hatte ich ihr Gesicht nicht gesehen, als sie wenig später von einer älteren Frau im gleichen schwarzen Gewand vor allen Leuten herzlich umarmt wurde. Erst als eine Gruppe von ebenso schwarz gekleideten Frauen einen mehrstimmigen Gesang anstimmte, drehte sie sich endlich zu uns um. Ich hätte sie im ersten Moment fast nicht wiedererkannt, zumal unter dem schwarzen Schleier nur ihr helles Gesicht zu sehen war. Doch als ich ihr typisches, kaum wahrnehmbares Winken sah, das von meiner Banknachbarin spontan erwidert wurde, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es war das Winken, um das ich das Mädchen aus der Parallelklasse immer beneidet hatte.

Und dann, über alle Köpfe hinweg und an der Krempe des Hutes ihrer Mutter vorbei, trafen sich unsere Blicke. Das freudige Erkennen in ihren Augen gab mir einen Stich ins Herz. Doch tiefer als dieser spontane Blick hat mich der Ausdruck ihres Gesichtes getroffen, der diesem Blick voranging. Noch nie hatte ich ein solch entspanntes und selbstbewusstes Strahlen gesehen, einen Ausdruck, für den mir die Worte fehlen und der mich gleichzeitig mit einer tiefen Freude und einem lodernden Schmerz erfüllte.

Einen Moment lang stand ich da wie gelähmt, bis ich spürte, wie jemand sanft meinen Arm berührte. Und mitten im hymnischen Gesang, der die Kirche bis unters Dach erfüllte, hörte ich plötzlich eine leise Stimme an meinem Ohr:

„Du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hattest nie eine Chance gegen IHN“.