Warum sie? XV (die Frau des Täters)

(aus dem Tagebuch einer verzweifelten Ehefrau und Mutter)

Warum sie 15

„Was ist, wenn ich mich die ganze Zeit belogen habe?“

Ihre Stimme klang kraftlos, als ob sie Angst hätte, die Frage auszusprechen. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie immer noch an ihrem ersten Drink war, hätte ich sie für betrunken gehalten.

Ich hatte sie nicht erkannt, als ich gegen 23 Uhr erschöpft und halb erfroren aus meinem regennassen Daunenmantel schlüpfte und die schummrige Bar unseres Hotels betrat. Sie sass alleine auf einem Hocker am Tresen. Die Geschäftsleute, die mit uns diese billige Absteige teilten, waren schon im Bett oder auf ihren Zimmern am Vorbereiten ihrer Termine. Nur die Dame vom Empfang schaute kurz herein um zu fragen, was ich trinken wolle.

Ich war in diesem Moment einfach nur froh, nicht alleine zu sein, und hatte mich neben sie an die Bar gesetzt. Wortlos nippten wir an unseren Gläsern, während die billige Kopie einer Bahnhofsuhr an der Wand vor sich hin tickte. Als ich mein zweites Glas leerte, war sie immer noch beim ersten. Vor ihr auf dem Tresen lag ein zwanzig Euro Schein: Das ganze Taschengeld, das man ihr auf die Reise mitgegeben hatte.

Es täte ihr Leid. Sie bete für mich und meine Familie, hatte ich sie plötzlich sagen gehört. Verdutzt starrte ich in die müden Augen dieser jungen Frau, die mich nachdenklich betrachtete. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpullover und eine etwas abgetragene graue Kaschmirjacke. Die kurz geschnittenen Haare verliehen ihrem schönen Gesicht einen knabenhaften Zug. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen, am Morgen, beim Betreten des Gerichtsgebäudes. Es war nur das Gesicht. Mehr war von der Person nicht zu sehen gewesen zwischen der weissen Haube des Ordensgewandes und unter der Kapuze des langen Daunenmantels.

Sie war im Gerichtssaal ein paar Reihen vor mir gesessen, aufrecht und irgendwie unglaublich erhaben in ihrem langen, schwarzen Gewand und dem Schleier, der ihr bis zu den Hüften reichte. Ich wusste, wer sie war, und dass sie es war, die mein Mann… Und unwillkürlich war die Wut in mir hochgekommen. Die Wut auf diese Frau, die meine Familie zerstört hatte. Ich schämte mich entsetzlich für meine Gefühle, doch das schien meinen Hass nur noch zu vergrössern. Und so war ich am Ende des Tages aus dem Saal geflüchtet, bevor ich ihr oder meinem Mann noch einmal in die Augen schauen musste.

Fast drei Stunden war ich bei Wind und Regen ziellos durch die nächtlichen Strassen gestapft, nachdem ich es alleine in meinem Hotelzimmer nicht mehr ausgehalten hatte. Keiner der wenigen Menschen, die mir bei diesem Wetter begegnet waren, hatte Anlass, sich über meine feuchten Wangen zu wundern, die unter der Kapuze meines dicken Daunenmantels im Licht der Strassenlaternen funkelten. Irgendwann war ich bei einer Kirche vorbeigekommen. Doch als ich eintreten wollte, stand wie aus dem nichts eine schwarze Gestalt vor mir. Starr vor Schreck erkannte ich das weisse Stück eines Klerikerkragens, während eine kalte Stimme mir erklärte, dass geschlossen wird. Ich solle morgen wieder kommen. Es fühlte sich an wie eine Ohrfeige, als die Tür vor meiner Nase ins Schloss fiel und von innen verriegelt wurde.

Ich weiss nicht, wie lange ich schluchzend auf der kalten Steintreppe sass, während immer mal wieder eine Windböe den Regen unter das schützende Vordach wehte. Ich weiss auch nicht mehr wirklich, wie es dazu gekommen war, dass ich begann, mit den behandschuhten Fäusten gegen die Kirchentür zu schlagen. Zuerst nur zögerlich und kraftlos, doch dann von Schlag zu Schlag heftiger, schneller und immer verzweifelter. Und irgendwann hatte in mir die Wut zu schreien begonnen: Die Wut auf meinen Mann, der meine Familie zerstört hat. Die Wut auf diese selbstgerechte Nonne, die auch noch behauptet, ihm alles verziehen zu haben. Und die Wut auf meine Mutter, die mich behandelt wie ein Kind und mir gleichzeitig Vorwürfe macht, meinen Ehemann im Stich zu lassen. Und irgendwann begann sogar das fahle Licht um mich herum zornig blau zu flackern.

Jemand musste die Polizei gerufen haben. Wie betäubt hatte ich die beiden dunklen Gestalten vor mir stehen sehen, während im Hintergrund das Blaulicht ihres Wagens die kahlen Bäume auf dem Kirchplatz gespenstisch aufleuchten liess. Wer ich sei und was ich hier tue, wollten sie wissen, und als ich nur eine zusammenhangslose Antwort zustande brachte, wollte mich der Beamte schon zum psychiatrischen Notfalldienst bringen. Doch seine Kollegin hatte ihn ruhig aber bestimmt zum Wagen zurückgeschickt und sich neben mich auf den Boden gesetzt. Sie war jung. Jedenfalls jünger, als ich mich gerade fühlte. Ihr Name erinnerte mich an eine Schulfreundin. Sie bot mir eine Zigarette an. Ich mochte ihre Marke nicht, aber das war in dem Moment so was von egal. Ich erzählte ihr, dass ich mein Kind verloren hatte, Fehlgeburt, vor einem Monat. Ich sei hier wegen dem Prozess meines Mannes. Nein, nicht weil ich ihn liebe. Ich musste einfach sehen, dass es wahr ist. Dass das alles nicht ein einziger Alpttaum ist. Ich musste einfach wissen, dass er wirklich… und dass es nicht meine Schuld ist.

Die Polizistin hatte mir schliesslich angeboten, mich nach Hause zu fahren. Und nachdem sie mir erklärt hatte, wo ich um diese Zeit noch Zigaretten bekommen könne und wie ich zurück zu meinem Hotel komme, hat sie mir ihre Karte gegeben. Ich solle sie anrufen, wenn ich mich verlaufe, hatte sie lächelnd gemeint, während sie mir wieder auf die Beine half.

Ich musste an sie denken, als die junge Frau neben mir von ihrem Barhocker glitt und zwischen den Tischen mit den hochgestellten Stühlen etwas verloren nach dem Weg zur Toilette suchte. Wo war ihre Würde und Erhabenheit geblieben, die mich den ganzen Tag so irritiert hatte? Und was hatte sie eben gemeint? Wobei sollte sie sich belogen haben? Sie wirkte so hilflos und zerbrechlich in ihrer grauen Strickjacke, der dunklen Wollstrumpfhose und den weissen Hotelschlappen, in denen sie zögernd umherschlurfte. Einen Moment lang war ich versucht, ihr zu helfen, nahm dann aber die Zigaretten aus meiner Manteltasche und ging hinaus in die Kälte der Nacht. Ich hatte seit meiner ersten Schwangerschaft nicht mehr geraucht und schon fast vergessen, wie beruhigend das Nikotin war für meine Nerven.

Ob ich ihr auch eine hätte? Ich war so vertieft in meine Gedanken, dass ich sie gar nicht bemerkt hatte. Ihre Augen funkelten mich neugierig an, als ich das Feuerzeug vor ihrem Gesicht aufflammen liess. Doch dann brauchte sie erst einen Moment, um sich vom ersten Zug zu erholen. Es sei ihre erste, meinte sie lächelnd, als sich ihr Husten beruhigt hatte. Schulter an Schulter standen wir da, in der dunklen Ecke neben dem Eingang, mehr schlecht als recht geschützt vor dem feuchten Wind, der durch die Strasse fegte. Fasziniert betrachtete ich ihr Profil, das sich gegen das Licht über der Tür abzeichnete, den goldenen Ring an ihrem Finger, der immer kurz aufblitzte, wenn sie die Zigarette zum Mund führte, und den feinen Rauch, den sie bei geschlossenen Augen durch ihre halb geöffneten Lippen in den Nachthimmel entweichen liess.

Sie habe sich den ganzen Tag gefragt, wie er so jemandem wie mich verdient habe, hörte ich sie schliesslich sagen, nachdem wir uns eine zweite Zigarette angezündet hatten. Sie bewundere mich. Wie ich das nur schaffe, da zu sein und zu ihm zu stehen, vor all diesen Leuten? Sie habe mich beobachtet, am Morgen während der Verhandlungspause. Sie habe meine Einsamkeit gespürt. Und doch hätte ich so ruhig, so würdevoll und über alles erhaben gewirkt in dem schwarzen Wollkleid, den eleganten Stiefeln und dem mächtigen, langen Daunenmantel über meinen Schultern. Und ja, sie habe mich gehasst dafür.

Unwillkürlich war sie etwas von mir weggerückt und hatte fröstelnd ihre Strickjacke vor der Brust zusammengezogen. Und nach einem letzten tiefen Zug hatte sie entschlossen den Zigarettenstummel weggeworfen. Sie habe sich die ganze Zeit etwas vorgemacht. Sie habe sich eingeredet, dass sie stark sei und das Trauma aus eigener Kraft überwunden habe. Darum wollte sie am Ende doch noch zu diesem Prozess kommen. Sie musste sich beweisen, dass ihr Wille den Hass besiegt hat, dass sie ihm verziehen habe und frei sei. Doch ihr ganzes frommes Gerede über Barmherzigkeit, Vergebung und Loslassen sei eine einzige Lüge gewesen. Plötzlich sei alles wieder dagewesene, heute Morgen im Gerichtssaal, als sie ihm zum ersten Mal seit damals gegenüberstand: Der Schmerz, der Ekel, die Ohnmacht und die Wut. Sie habe versucht sich einzureden, dass es normal sei, dass es vorbei gehen würde und dass ihr Gott schon die Kraft geben werde. Doch es war stärker als sie. Und als sie dann noch mich sah und die plötzliche Wucht ihres Hasses spürte, wusste sie…

Schmutziges Regenwasser spritzte von der Strasse zu uns herüber, als ein Taxi vor uns zum Halten kam. Schweigend schauten wir zu, wie ein Pärchen aus dem Wagen stieg und in sichtlich bester Laune an uns vorbei in die Lobby torkelte. Und so schnell wie es aufgetaucht war, so schnell war das Taxi wieder verschwunden, nachdem es ein zweites Mal Wasser über meine Stiefel befördert hatte. Ich musste an die offenen Schlappen meiner Begleiterin denken und plötzlich nahm ich wahr, wie ich selber vor Kälte zitterte. Mein Mantel lag in der Bar über einem Stuhl am Trocknen. Ich wollte sie gerade beim Arm nehmen und ins Haus führen, als sie sich plötzlich zu mir umdrehte: „Was ist, wenn ich mich von Anfang an getäuscht habe?“

Da war er wieder, dieser kraftlose Ausdruck in ihrer Stimme. Sie zitterte von Kopf bis Fuss und ihre Finger gruben sich krampfhaft in ihre Oberarme. Ihre Augen starrten mich verzweifelt an, während ihr die Tränen an den bebenden Lippen vorbei über die Wangen liefen. Sie wisse nicht mehr, was sie glauben dürfe. Vielleicht hätten sie ja doch recht gehabt, all jene, die immer gesagt haben, sie würde sich selber belügen. Sie sei ins Kloster geflohen… wegen damals.

Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Aber ich wusste, dass die Ärmste nicht länger hier draussen stehen durfte. Sanft aber bestimmt legte ich meinen Arm um sie und führte sie zurück in die Bar, wo ich uns gleich die ganze Flasche Grappa besorgte. Ich legte ihr meinen Mantel um die Schultern und half ihr, das Glas an die Lippen zu führen, das sie mit ihren zitternden Händen schon halb verschüttet hatte. Und ganz allmählich begann der Alkohol seine Wirkung zu entfalten.

„Bitte, lass mich nicht allein!“ hörte ich sie leise stammeln, als ich uns irgendwann den Rest der Flasche in die Gläser füllte. Ich weiss nicht mehr, wer von uns beiden die andere gestützt hat, als wir schliesslich zum Fahrstuhl wankten und nach oben fuhren. „Schau mich an! Sieht so eine Nonne aus?“ fragte sie verzweifelt, als wir uns im Spiegel an der Rückwand betrachteten. Sie könne nicht mehr beten. Sie habe es versucht, heute Abend, in einer Kirche. Aber sie habe es nicht ausgehalten, diese schweigende Leere. Es fühle sich alles so tot an in ihr…

*******

Mein Gott, sie hat sich umgebracht, schoss es mir durch den Kopf, als ich am Morgen aus einem Traum hochschreckte und die dunkle Gestalt vor mir hängen sah. Ich brauchte einen Moment um zu begreifen, dass es nur das schwarze Ordensgewand war, das an einem Bügel an der Schranktür hing. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie ich in ihr Zimmer gekommen war. Ich lag in meiner Strumpfhose und dem langen Wollkleid unter einer warmen Decke. Das Bett neben mir war gebraucht aber leer. Auf dem Nachttischchen lagen ein hölzernes Brustkreuz und der goldene Ring, den ich an ihrer Hand gesehen hatte. Erleichtert entdeckte ich schliesslich durch das Fenster eine dunkle Gestalt auf dem Balkon. Sie trug ihren schwarzen Daunenmantel und unter der Kapuze sah ich bläulichen Rauch emporsteigen.

Ihre müden Augen lächelten entschuldigend, als sie ins Zimmer trat und die Zigaretten und das Feuerzeug neben meine Handtasche legte. Halb betäubt schaute ich zu, wie sie den Reissverschluss ihres Mantels öffnete und diesen von ihren Armen auf den Boden gleiten liess. Sie trug nur die dunkle Wollstrumpfhose, die sie bis unter ihre kleinen Brüste hochgezogen hatte. Mein Kopf schmerzte entsetzlich und mein Magen fühlte sich elend an, während sie sichtlich verlegen wieder unter ihre Bettdecke schlüpfte und mir den Rücken zudrehte.

Mühsam wälzte ich mich unter meiner Decke hervor und wankte durch den Raum, wobei ich fast über meine Stiefel und die graue Strickjacke stolperte, die neben dem Bett auf dem Boden lagen. Und als ich die Tür zum Bad öffnete, kam mir der säuerliche Geruch von Erbrochenem entgegen. Doch als auch ich meinen Kopf in die Kloschüssel steckte, wollte nichts kommen. Stattdessen nahm ich den schwarzen Rollkragenpullover und den Büstenhalter, die ich in der Dusche fand, und reinigte sie mit etwas Seife von den Spuren ihres Unfalls.

Sie schaute mir etwas verschämt entgegen, als ich zurück ins Zimmer trat. Doch mehr als ein müdes Lächeln vermochte ich ihr nicht zu schenken. Meine Hände zitterten, als ich mir eine Zigarette aus der Packung klopfte und nach dem Feuerzeug griff. Und da ich meinen eigenen Mantel nirgendwo sehen konnte, hob ich ihren vom Boden auf und legte ihn mir um die Schultern.

„Wie heisst sie? Hast du ihr schon einen Namen gegeben?“ hörte ich sie plötzlich fragen, als ich die Balkontür öffnen wollte. Verdutzt drehte ich mich um und starrte sie verständnislos an. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. „Dein Mädchen. Du musst ihr einen Namen geben!“ Ihre Stimme klang klar und eindringlich. Und plötzlich spürte ich eine beklemmende Enge in meiner Brust. Die abgestandene Luft im Zimmer schien mir den Atem zu nehmen und es gelang mir gerade noch, die Balkontür aufzureissen, bevor es um mich schwarz zu werden drohte.

Mein Mädchen? Ich konnte mich nicht erinnern, ihr davon erzählt zu haben. Aber ich konnte mich an diesem Morgen an vieles nicht mehr erinnern. Die feuchtkühle Luft auf dem Balkon tat mir gut und allmählich entspannte sich meine Brust, während ich mich in den warmen Daunenmantel kuschelte und den Rauch der Zigarette durch meine Lippen strömen liess. Ja, es wäre ein Mädchen geworden. Das hatten sie mir im Krankenhaus gesagt. Aber was sollte mich das kümmern? Sie wurde nie geboren. Nicht einen Moment hatte ich seit der Fehlgeburt an das Kind gedacht, und schon gar nicht an „mein Mädchen“. Für mich gab es die ganze Zeit nur eines: Mein Versagen. Und das einzige, was mir half, einigermassen damit zu leben, war der Gedanke, dass es seine Schuld war. Meine Wut auf ihn bewahrte mich davor, in eine Depression zu fallen. Darum war ich auch hier. Nur darum. Ich musste sehen und hören, dass es wahr ist. Ich bildete mir ein, dass ich frei würde, wenn ich den definitiven Schuldspruch hören würde. Wie oft hatte ich mir in den langen, schlaflosen Nächten vorgestellt, was ich dann machen würde. Wie ich im Gerichtssaal aufstehen und vor ihn hintreten würde. Und wie ich ihm vor allen Leuten ins Gesicht sagen würde, dass unser Mädchen tot ist, und dass er sie umgebracht habe.

Genau das hatte ich dann ihr an den Kopf geworfen, gestern an der Bar, als mir klar wurde, wer sie war. Plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an diesen Moment, und mit ihr auch meine Scham. Ich war nicht darauf gefasst gewesen, sie dort zu treffen. Und so war es einfach aus mir herausgebrochen, als sie sich arglos nach meinem Jungen erkundigte. Ich war über mich selber erschrocken, aber noch mehr über ihre Reaktion: Die plötzliche Starre in ihrem Gesicht, die leichenhafte Blässe ihrer Wangen und den entsetzlichen Schmerz in ihren Augen. Einen Moment lang glaubte ich, den Gekreuzigten vor mir zu sehen, dieses schreckliche Gesicht in unserer Dorfkirche, vor dem ich mich als kleines Mädchen immer so gefürchtet hatte.

Ich hatte ihren Blick nicht ausgehalten und wäre am liebsten davongerannt. Aber wir waren beide sitzen geblieben, schweigend vor unseren Gläsern, begleitet vom Ticken der Uhr an der Wand. Ich hörte ihren Atem neben mir, der sich nur langsam beruhigen wollte. Verzweifelt hatte ich nach Worten gesucht. Ich wollte ihr alles erklären, mich entschuldigen, ihr sagen, dass es mir leid tut. Aber ich war wie gelähmt. Und irgendwann hatte ich den rechten Moment verpasst. Doch dann war sie plötzlich neben mir gestanden und hatte mich um eine Zigarette gebeten. Die erste ihres Lebens. Wieso war sie zurückgekommen? Und warum war sie bei mir geblieben, ausgerechnet bei mir, die ganze Nacht?

Sie schien friedlich zu schlafen, als ich nach drei weiteren Zigaretten zurück ins Zimmer trat. Ich liess die Balkontür offen, legte ihren Mantel über den Stuhl und schlüpfte leise aus meinem Wollkleid. Vorsichtig glitt ich zu ihr unter die Decke und schmiegte mich an ihren Rücken. Die Wärme ihres Körpers und die Ruhe ihres Atems schienen wie magisch auf mich überzugehen. Noch nie hatte ich den Geruch von verrauchten Haaren so genossen. „Danke“, hauchte ich in ihr Ohr. Doch ausser einem kurzen, unverständlichen Murmeln unterbrach nichts den gleichmässigen Rhythmus ihres Atems. Und irgendwann muss auch ich eingeschlafen sein.

*******

Sieben Jahre Haft. Wir hatten mit mehr gerechnet. Aber seinem Anwalt war es immerhin gelungen, die Anklage wegen Terrorismus abzuwenden.

Keine von uns war bei der Urteilsverkündung dabei. Selbst wenn wir die Kraft dazu gehabt hätten, wir hatten beide keinen Grund mehr, noch einmal hinzugehen. Ein Bekannter hatte mir eine sms geschickt, als wir am Bahnhof auf unsere Züge warteten. Ich zeigte ihr die Nachricht. Sie nickte nur. Schweigend standen wir auf dem ungedeckten Bahnsteig, eingepackt in unsere langen Mäntel, die Kapuzen tief in die Stirn gezogen.

Ob ich noch eine Zigarette hätte? Es war die letzte. Mit vereinten Kräften gelang es uns, sie trotz Wind und Nieselregen anzuzünden. Ihre Hände zitterten dabei. Ich gab ihr meine Lederhandschuhe. Abwechslungsweise nahmen wir einen tiefen Zug und schauten wortlos zu, wie der Rauch zwischen unseren Lippen in den grauen Himmel entwich. Unwillkürlich musste ich an meine beste Schulfreundin denken, wie wir damals in der Pause gemeinsam am gleichen Kaugummi gekaut hatten. Und plötzlich lächelte mein Gegenüber, als ob sie meine Gedanken erahnt hätte. Mein Gott, wie schön sie war, wenn sie lächelte!

In dem Moment war mir klar, wie unser Mädchen heissen wird. Der Gedanke erfüllte mich mit einer Freude, wie ich sie schon lange nicht mehr gekannt habe. Ich konnte es kaum erwarten, meinen Jungen wieder in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, und ihm von seiner kleinen Schwester zu erzählen. Gemeinsam würden wir einen Stein für sie bemahlen. So wird sie immer Teil von uns sein. Und wer weiss, vielleicht kann sie ja auch für uns beten. Für ihren Vater. Und für ihre Patin, der sie weit mehr als nur ihren Namen zu verdanken hat. Ich fürchte, die wird in nächster Zeit einen kleinen Schutzengel brauchen können.

Sie wirkte verlassen auf dem regennassen Bahnsteig, als sich mein Zug in Bewegung setzte. Der Wind hatte ihr die Kapuze vom Kopf gezogen und von ihren feuchten Haaren tropfte das Wasser über ihre Wangen. Sie winkte mir zum Abschied zu, doch ihr Blick schien bereits weit weg zu sein. Ihre Hände steckten immer noch in meinen Handschuhen. Aber ich meine, den goldenen Ring nicht an ihrem Finger gesehen zu haben, als wir die Zigarette anzündeten. Den Schleier hatte sie noch im Hotel irgendwo in ihren Rucksack gestopft.

Warum sie? XIV (der Vergewaltiger)

(Aus den Aufzeichnungen eines Untersuchungshäftlings)

Warum sie 14

Sie habe mir verziehen, schreibt sie.

Aber ich will das nicht! Ich will ihre gottverdammte Barmherzigkeit nicht.

Sie soll mich hassen, genauso wie ich mich selber hasse.

Ich hatte immer geahnt, dass sie eines Tages zurückkommen würde. Dass dieser Dämon meiner Vergangenheit mich eines Tages einholen würde. Und als ich vor ein paar Wochen von einem Spaziergang aus dem Wald zurückkam und die Polizei vor unserem Haus sah, wusste ich, dass der Moment gekommen war. Mir war klar, dass ich nicht mehr länger davonlaufen konnte. Nicht vor der Wahrheit, und nicht vor mir selber.

Seit Tagen schon hatte ich Alpträume gehabt und konnte kaum mehr schlafen. Ich hatte genügend Krimis gesehen um zu wissen, was es bedeutet, als an unserer Schule eine Reinigungskraft vergewaltigt wurde und auch wir Lehrer eine DNA-Probe abgeben mussten. Natürlich hatte ich gehofft, dass es von damals noch keine DNA-Proben gab. Doch gleichzeitig war da auch etwas in mir, dass sich sehnte nach dem Moment der Wahrheit. Zu sehr quälte mich der besorgt fragende Blick meiner Frau, wenn ich mich immer öfter wortlos ihrer tröstenden Umarmung verweigerte.

Doch wie sehr hätte ich mich nach einer letzten Umarmung gesehnt, als mich die SEK-Beamten vor ihren Augen abgeführt haben. Schwer bewaffnet, mit Sturmhauben über dem Kopf hatten sie mich im Vorgarten unserer Hauses überwältigt, auf den Boden gezwungen, nach Waffen durchsucht und dann mit Handschellen gefesselt. Erst als sie mich in den Wagen schoben, sah ich meine Frau zusammen mit einer Polizeibeamtin vor der Tür stehen. Nie werde ich ihren verzweifelten Blick vergessen und das Winken unseres kleinen Jungen auf ihrem Arm.

Natürlich war mir klar, dass ich ein Verbrechen begangen hatte. Doch irgendwie hatte ich mir immer versucht einzureden, dass wir jung waren, dass es nur ein dummer Jungenstreich war und dass ja niemand wirklich zu Schaden gekommen sei. Damit hatte ich all die Jahre versucht, meinen Ekel, meine Schuldgefühle und meine bodenlose Abscheu vor mir selber zu verbergen. Und irgendwie schien mir das auch zu gelingen. Das Leben ging weiter und mit der Zeit sah es tatsächlich so aus, als wäre für alle Beteiligten Gras über die Sache gewachsen.

Umso grösser war der Schock, als ich nun wie ein Schwerverbrecher abgeführt und in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht wurde. Alles war kalt hier, die Zelle, die Gänge, der Verhörraum und die Beamten, die mich stundenlang verhört hatten. Ich wusste nicht, was sie noch von mir wollten. Ich hatte doch alles gestanden. Doch dann war plötzlich diese Beamtin vom Nachrichtendienst da und hielt mir das Foto einer Frau unter die Nase. Ich hatte sie sofort erkannt: Diese dunklen Augen, die markanten Gesichtszüge und das gekrauste, schwarze Haar. Ich hatte sie an der Uni in einem Seminar kennengelernt. Sie und ihr Partner waren idealistische Träumer mit grossen Visionen aber ohne Geld. Ich gab ihnen den Tipp, wo sie welches finden könnten, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte diese Frau daraus Nägel mit Köpfen gemacht. Sie war es, die nachts in einem Wiener Hotel den Bankier überfallen hat, während wir zuhause seine Frau und Tochter als Geiseln hielten. Nach dem Coup waren beide spurlos verschwunden und von meinem Anteil an der Beute hatte ich nie etwas gesehen. Mir war schnell klar, dass sie mich reingelegt hatten. Und sie wussten, dass ich von allen am meisten Grund hatte, zu schweigen.

Die Frau sei vor drei Jahren im Gazastreifen beim Angriff einer Israelischen Sondereinheit auf eine palästinensische Terrorzelle getötet worden. Ihr Partner war schon vor fünf Jahren bei einem missglückten Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen. Der Nachrichtendienst habe von Anfang an hinter dem Überfall auf den Bankier einen terroristischen Hintergrund vermutet. Die Privatbank hatte den Ruf, auch durch jüdische Fluchtgelder gross geworden zu sein. Man habe damals schnell die Identität der beiden untergetauchten Studenten ermitteln können, deren Spur in den Nahen Osten führte. Nur die Identität des dritten Terroristen sei völlig im Dunkeln geblieben… bis heute, wie die Beamtin mit einem sichtlich zufriedenen Lächeln betonte.

Das Ganze ist ein einziger Alptraum. Ja, verdammt, ich hatte Scheisse gebaut! Aber ich bin doch kein Terrorist! Ich wusste nichts von revolutionären Zellen und der palästinensischen Sache. Und mir war es völlig egal, woher diese Bank ihr Geld hatte. Das Ganze war doch nur ein dummer Jugendstreich. Es ging doch nur um ein bisschen Geld und darum, dieser arroganten Familie einen Denkzettel zu verpassen. Wer konnte denn wissen, dass dieser verdammte Bankier wirklich bis zum Äussersten gehen würde. Mein Gott, ich hatte doch nicht vor, dieses Mädchen…

Ja, es stimmt, ich habe sie gehasst. Ich hasste sie seit dem Tag, als sie mir zum ersten Mal in der Schule über den Weg lief. Sie war gerade mal vierzehn, aber sie wirkte viel älter auf mich, was wohl auch an der Weise lag, wie sie ihre lange Strickjacke elegant um die Schultern gelegt trug.  Nie werde ich ihren Blick vergessen, als ich ihr damals in der Pause eine Zigarette anbieten wollte. Ich glaube, ich hätte alles ertragen: Ablehnung, Spott, ja selbst Verachtung. Aber nicht diese mitleidsvolle Freundlichkeit, mit der sie sich bedankte, bevor sie mich stehen liess, um sich wieder ihrem Wrack von einer Freundin zuzuwenden. Und das vor den Augen meiner Kameraden.

Ich war zwei Klassen über ihr und hätte damals jedes Mädchen haben können. Aber von diesem Moment an gab es für mich nur noch sie. Ich wollte sie haben. Und je unerreichbarer sie mir erschien, desto besessener war ich von ihr. Und dann lief sie uns eines Tages im Park direkt in die Arme. Unsere Clique hatte gekifft und getrunken und war auf einer Parkbank am Abhängen, als die Kleine mit dieser Studentennutte daher kam. Ich war einmal mit einem Kollegen bei der, aber sie hatte mich nicht mehr erkannt. Kein Wunder, so heruntergekommen und zerschlagen wie die aussah. Aber unser Bankierstöchterchen schien eine Vorliebe zu haben für so armseligen Existenzen. Die Kleine hatte sich doch tatsächlich schützend vor ihre Freundin gestellt und mir direkt in die Augen geschaut. Auch dann noch, als ich ihr eine Haarlocke vom Kopf schnitt. Ihr Blick zeigte weder Angst noch Herausforderung, sondern einfach nur mitleidige Trauer.

In der Oberstufe wurden bei uns dann Wetten abgeschlossen, wer als erster mit ihr ins Bett steigen würde. Im Vollrausch bei einer Party hatte ich schliesslich die Haarlocke hervorgezaubert und den Preis für mich beansprucht. Aber niemand hatte mir geglaubt. Die meisten hielten sie unterdessen ohnehin für lesbisch. Dann war plötzlich eine neue Herausforderung aufgetaucht: Unser Schulseelsorger, dieser junge Priester, dem es offensichtlich gelungen war, ihr Interesse zu wecken. Ich war mir sicher, dass zwischen den beiden etwas lief. Und eines Abends war ich dem Typen heimlich gefolgt. Daher wusste ich auch, dass das Gerücht falsch war, das kurz darauf die ganze Schule in Aufruhr versetzte. Aber mein Hass war stärker als die Versuchung, allen auf die Nase zu binden, mit wem unser frommer Geistlicher tatsächlich ins Bett ging.

Und dann kam diese verhängnisvolle Nacht. Es war ein Kinderspiel, sie und ihre Mutter zu überwältigen, als sie gegen Mitternacht aus der Oper nach Hause kamen. Doch dann schien die Zeit nicht vergehen zu wollen, während wir im Salon zusammen mit unseren Geiseln auf den Anruf aus Wien warteten. Als er schliesslich kam, hatte ich bereits einen Joint geraucht und mich zum dritten Mal an der Hausbar bedient. Doch dann wollte der Alte einfach nicht bezahlen. Wir hatten ihm per Video die Geiseln gezeigt und mit allem möglichen gedroht. Aber er zeigte sich auch dann noch nicht kooperativ, als mein Partner bei laufender Kamera die Tochter vor mir auf die Knie zwang und ihr das Klebeband vom Mund riss. Das kurze Aufblitzen von Zorn in ihren Augen werde ich nie vergessen, und auch nicht das kleine goldene Kreuz, das mir entgegenstrahlte, als ich ihre seidene Bluse zerriss.

Zurück zuhause hatte ich mir eine Stunde lang den Magen aus dem Leib gekotzt. Und egal wieviel Whisky ich in mich hineinschüttete, diese Augen, die ganz allmählich erloschen waren und nur noch leer durch mich hindurchstarrten, verschwanden nicht aus meinem Kopf. Ich war überzeugt, dass sie mich trotz der Maskierung erkannt hatte. Irgendwann am Morgen kam dann meine Mutter ins Zimmer, zerrte mich aus dem Bett, packte ein paar Sachen in eine Tasche, verfrachtete mich in ihren Wagen und fuhr mit mir in unser Ferienhaus in den Bergen. Sie nahm mir das Handy ab und verbot mir, das Haus zu verlassen, bis sie sich wieder melde. Meine Wange brannte von ihrer Ohrfeige, als ich wie betäubt hinter der Gardine zugesehen habe, wie sie mit entschlossenem Schritt zu ihrem Wagen eilte. Sie sah aus wie ein römischer Offizier mit ihren prächtigen, silbergrauen Haaren, den schwarzen Stiefeln und dem dunkelroten Strickmantel, der wie ein Umhang im Rhythmus ihrer Schritte um ihre aufrechten Schultern wehte. Und plötzlich wurde mir klar: Ich hasste sie!

Für meine Mutter war ich das Ein und Alles. Wegen mir hatte sie damals meinen Vater verlassen, wie sie immer wieder betonte. Ich sollte nicht so werden wie er: Ein ziellos daher lebender Künstler ohne jedes Verantwortungsgefühl, stets abhängig von den Launen seiner Inspiration und seiner ungehemmten Gefühle. Seine unbeschwerte Ungebundenheit, die sie so fasziniert hatte, als sie mit ihm ins Bett gestiegen war, wurde schnell zur Quelle existentieller Angst, als es plötzlich konkret wurde. Er muss bald nach der Trennung gestorben sein, möglicherweise von eigener Hand, wenn ich den Streit richtig deute, den ich als kleiner Junge einmal zufällig zwischen meiner Mutter und ihrem Vater mitgehört hatte.

Meine Mutter arbeitete als Sekretärin im Rektorat unserer Schule. Daneben war sie Präsidentin des Kirchenchors und Vizepräsidentin der Kirchenpflege. Eigentlich hätte sie als junge Frau gerne studiert, Betriebswirtschaft oder Gesang. Aber in ihrer Familie mussten die Mädels noch etwas Richtiges lernen. Sie hatte aus der Not eine Tugend gemacht, indem sie stets danach strebte, in allem, was sie tat, perfekt zu sein. Dabei hatte sie sich auch immer wieder Zeit genommen für mich. Sie nahm mich mit auf Reisen, führte mich ins Theater und in die Oper und war immer stolz, wenn sie ihren ach so begabten Sohn bei Freunden und Bekannten vorführen durfte.

Auch ich hatte es damals genossen, an ihrer Seite stehen zu dürfen. Ich war stolz auf meine Mutter und bis heute kenne ich keine Frau, die es mit ihr an Eleganz und Erhabenheit aufnehmen könnte. Sie war vielleicht etwas altmodisch und hasste jede Form von Extravaganz, aber ihr Stil passte zu ihr und sie wusste ihn zu veredeln. Das gleiche galt für ihre Erziehungsgrundsätze. Sie war mit mir genauso streng und konsequent, wie mit sich selber. Natürlich hatte ich spätestens mit der Pubertät begonnen, hinter ihrem Rücken mein eigenes Leben zu führen. Aber für sie blieb ich der brave Junge, bis zu dem Tag, als sie früher als erwartet direkt vom Flughafen mit versteinerter Miene in mein Zimmer gestürzt kam und meine Klassenkameradin an den Haaren aus meinem Bett zerrte.

Ich hätte sie wohl gehasst dafür, wenn ich meine Scham erst einmal überwunden gehabt hätte. Doch dann tauchte am nächsten Tag plötzlich wie aus dem Nichts diese junge Schülerin auf. Sie war nicht neu an der Schule. Ich musste ihr schon früher über den Weg gelaufen sein. Warum nur war sie mir vorher nie aufgefallen? Und wie konnte ich all die Jahre nur so blind sein? Musste ich wirklich ihre Augen zum Erlöschen bringen, um endlich die Fesseln meines Hasses zu sprengen?

Es war mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich diesen letzten Blick meiner Mutter sah, bevor sie damals vor unserem Ferienhaus in ihren Wagen stieg. Da war keine Spur mehr von ihrer Wut und Erregung, sondern nur noch dieser unerträgliche Ausdruck mitleidiger Trauer. Wo war das zornige Funkeln in ihren Augen geblieben, als sie mir noch kurz zuvor eine schallende Ohrfeige verpasst hatte? Mein Gott, wie lange hatte ich mich nach so einem Blick gesehnt: Einem Blick, der zwar weh tut, der aber endlich einmal wirklich mich meint, der mich wahrnimmt und mich ernst nimmt.

Nach diesem Blick hatte ich auch bei der Kleinen gesucht. Sie war so anders, als die anderen Mädchen. Ihr reifes Selbstbewusstsein und ihre natürliche Eleganz hatten mich gleichzeitig fasziniert und herausgefordert. Doch was ich von ihr bekam war freundliches aber bestimmtes Desinteresse. Und damit hatte sie mir ohne es zu ahnen genau das gegeben, was ich brauchte: Jemanden, den ich hassen konnte, wie ich meine Mutter nie zu hassen gewagt hätte.

Beide hatten mir am gleichen Tag einen kurzen Moment lang den Ausdruck ihres Zorn geschenkt, bevor ihre Augen durch meine Schuld für immer erloschen sind. Meine Mutter war damals bei der Rückfahrt mit überhöhter Geschwindigkeit von der Bergstrasse abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Ich sollte nie erfahren, warum sie mich an diesem Tag trotz wichtiger Termine ins Auto gepackt und in die Berge gefahren hat. Zwei Monate später war sie gestorben, ohne noch einmal aus dem Koma erwacht zu sein.

*******

„Ich bin schwanger, im dritten Monat. Wie konntest du uns das antun?“

Die Stimme meiner Frau klang wütend, als sie mir heute im Besuchsraum der Haftanstalt gegenübersass. Sie sah erschöpft aus, aber in ihren dunklen Augen war dieses leidenschaftliche Funkeln, in das ich mich vom ersten Moment an verliebt hatte. Sie hatte mir damals das Leben gerettet. Ohne sie hätte ich mich wohl zu Tode gesoffen. Sie hatte immer an mich geglaubt und mir geholfen, mein Studium abzuschliessen.

Ich sass da wie betäubt. Was hätte ich ihr sagen sollen? Dass es mir Leid tut? Dass ich mich freue? Ich habe mich die Worte sagen hören. Doch sie klangen hohl und leer in dem kahlen Raum. Meinte ich wirklich, was ich da sagte, oder waren es nur hilflose Floskeln auf der Suche nach Zuwendung und Trost? Denn das war es, was ich brauchte: Ihre warme Stimme, ihr Lächeln und ihren Humor, ihre Geduld und ihre Zuversicht, ihren Geruch und die Wärme ihres Körpers, ihre sanften Hände und ihre kräftigen Arme, die mich halten, wenn ich nachts schweissgebadet aus meinen Träumen erwache.

Sie werde eine Weile zu ihrer Mutter nach Italien fahren, hörte ich sie sagen, während eine Träne über ihre Wange lief. Sie brauche Zeit, und es sei auch besser für den Jungen. Sie wisse nicht, wann sie zurückkomme… ob sie zurückkomme. Sie liebe mich. Und sie werde versuchen, mir zu verzeihen. Aber sie könne mir nicht… Die Nachbarin werde sich erst einmal um das Haus kümmern.

Was hatte ich von ihr erwartet? Dass sie mir Treue schwört? Dass sie auf mich wartet und mich jede Woche im Gefängnis besucht? Doch würde ich das wirklich wollen? Wäre ich fähig, ihr immer wieder in die Augen zu schauen? Wo ich mir im Moment nicht einmal selber in die Augen schauen kann. Und was hätte ich dem Jungen sagen sollen?

„Tu uns einen Gefallen!“ hörte ich sie noch sagen, als sie sich an der Tür ein letztes Mal umdrehte. Und dabei lag ein seltsamer Ausdruck in ihren Augen. Es war keine mitleidige Trauer, auch kein Vorwurf und keine Verachtung. Nein, ihr Blick war ernst, fast flehend, und er ging mir durch Mark und Bein.

„Hör auf, dich selber zu bemitleiden!“

Am gleichen Abend, alleine in meiner Zelle, hatte ich zum ersten Mal den Mut, den Brief der „Kleinen“ zu Ende zu lesen. Ja, sie habe mich gehasst, schreibt sie, bis ihr bewusst geworden sei, dass sie sich selber dafür hasste, dass ich sie gehasst habe, und dass dieser Hass sie für immer an mich binden würde. Sie habe mich losgelassen und mir verziehen, schon vor Jahren. Aber letztlich müsse ich mir selber verzeihen. Sie bete für mich und meine Familie, und:

„PS: Ich bin nicht wegen dir ins Kloster eingetreten!“

Warum sie? XIII (eine Nachgeborene)

(Aus den Aufzeichnungen der Selbstfindung einer Tochter und Schwester)

Warum sie 13

Es war ein Junge.

Es muss ein Junge gewesen sein. Ich bin mir absolut sicher.

Ich hatte es schon immer irgendwie geahnt. Doch vor einer Woche, als mir meine Mutter ihre Wahrheit gebeichtet hat, haben sich all meine Ahnungen, Fragen und Antworten wie von selbst zu einem Bild zusammengefügt. Sie hat mir den Schlüssel gegeben zu den verschlossenen Stuben in mir. Plötzlich hat alles Sinn gemacht.

Und im gleichen Moment war mir klar: Er ist nicht „gewesen“. Er ist… realer und lebendiger denn je!

Something’s Got a Hold on Me

Im Hintergrund singt Beth Hart mit Joe Bonamassa den alten Klassiker von Etta James, während ich vor meinem Computer sitze, und versuche all dem eine Gestalt zu geben. Oder sollte ich besser sagen „wir“ sitzen vor dem Computer? Wer ist es denn, der da schreibt und nach einer gemeinsamen Form sucht? Die neue Kaschmirjacke um meine Schultern gehört mir. Aber das ärmellose Army-T-Shirt mit dem Tarnmuster würde eher zu ihm passen.

Ich hatte mich so gefreut, als ich vor einer Woche auf der Brücke meine schluchzende Mutter im Arm hielt und plötzlich wusste, dass ich nicht alleine war. Es war, als ob es seine Arme wären, in denen sie sich allmählich beruhigte. Schon lange war ich nicht mehr so glücklich, wie in diesem Moment.

I get a feeling that I never, never, never, never had before, no no, yeah

Doch als ich abends alleine in meiner Wohnung war, hatte mich plötzlich ein beklemmendes Gefühl befallen. Ohne ersichtlichen Grund stieg langsam eine klaustrophobe Angst in mir auf. Ich musste raus an die Luft. Mit einer Flasche Bier aus dem Kühlschrank setzte ich mich unten an den Fluss und versuchte, mich wieder einigermassen zu beruhigen. Ich mochte den Geruch des Wassers und den Geschmack des Biers. Ich trank es auf sein Wohl… und das Wohl unserer Weggemeinschaft.

Doch als die Flasche halb leer war, hielt ich plötzlich inne. Es widerstrebte mir, aus der Flasche zu trinken. Eigentlich hatte es mir immer schon widerstrebt. Aber es war die sicherste Weise, meine Mutter zu ärgern. Und es gab mir schon als Mädchen das Gefühl, stark zu sein und dazuzugehören, wenn ich mit meinem Vater und seinen Kollegen unterwegs war.

„Der Rest ist für dich!“, hörte ich  mich rufen, als ich die halb volle Bierflasche in hohem Bogen ins Wasser warf… nicht sehr umweltbewusst. Ich geb’s zu. Aber es fühlte sich verdammt richtig an.

Vielleicht ist der Moment gekommen, ihn loszulassen. Doch was bleibt, wenn er weg ist? Was gehört zu ihm? Und wer bin ich?

Und wem kann ich das alles erzählen? Wer kann mich verstehen? Wer soll mir glauben… wo ich doch selber manchmal noch gar nicht weiss, was ich davon halten soll… und was ich glauben darf?

And I just wanna tell you right now that
I believe, I really do believe that
Something’s got a hold on me, yeah

Meine Mutter kommt nicht in Frage. Noch nicht. Sie ist gerade zu sehr mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt. Sie würde sicher sagen, ich rede mir das alles nur ein, um sie zu trösten. Und das würde ihr nur neue Schuldgefühle geben. Und mein Vater? Der ist gerade auf seinem eigenen Trip. Vor zwei Tagen hat er mich endlich angerufen… nach fast drei Wochen. Es täte ihm leid. Ich solle mir keine Sorgen machen. Aber er brauche noch etwas Zeit. Er werde mir alles erklären… bald. Er liebe mich.

Eigentlich gibt es nur eine Person, mit der ich über all das reden kann… reden möchte. Meine Kollegen würden mich für verrückt halten, wenn sie wüssten, dass meine einzige wirkliche Freundin ausgerechnet eine katholische Nonne ist. Ich mag ja tatsächlich etwas verrückt sein, aber das hätte selbst ich mir noch vor einem Jahr nicht träumen lassen. Doch irgendwie schien sie mir vom ersten Moment an vertraut. Ich mag ihre Augen, ihre Stimme, ihre Ernsthaftigkeit und ihren Humor… und ihren Geruch.

Sechs Monate ist es her, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich hatte eben meine neue Stelle bei der Kriminalpolizei angetreten, als mich meine Chefin zu einer Opferbefragung mitgenommen hatte. Der Polizei war im Rahmen einer DNA-Analyse überraschend ein Fisch ins Netz gegangen. Der Fall lag über zehn Jahre zurück: Ein Raubüberfall mit Geiselnahme auf eine Bankiersfamilie. Eines der Opfer, die Tochter des Bankiers, war dabei vergewaltigt worden. Meine Chefin hatte mir nicht gesagt, wer die Frau war. Umso grösser war der Schock, als ich plötzlich dieser schwarz gekleideten Nonne gegenübersass.

Aus meiner Zeit im Streifendienst hatte ich einiges an Erfahrung mit misshandelten Frauen. Ich kannte sie, diese verzweifelten Gesichter, die gehetzten Augen und die leeren Blicke. Und als ich begriff, dass wir ein Kloster besuchten, spürte ich die Wut in mir aufsteigen: Die Wut auf die Männer mit ihrem Machogehabe, ihren sexistischen Sprüchen und ihren geilen Blicken. Aber auch die Wut auf die Frauen, die sich immer wieder auf diese Kerle einlassen, die sich immer wieder demütigen, misshandeln und zerbrechen lassen, statt endlich einmal aufzustehen und zu kämpfen. Und schliesslich die Wut auf die Kirchen, die diese gedemütigten und zerbrochenen Frauen entweder zu Sünderinnen oder zu Heiligen machen. Gibt es denn keinen anderen Weg als feige hinter Klostermauern zu flüchten und seine Weiblichkeit endgültig abzutöten?

An diesem Abend hatte ich bei mir zuhause ein halbe Flasche Whisky in mich hineingeschüttet. Die Begegnung mit dieser jungen Nonne hatte mir völlig den Boden unter den Füssen weggezogen. Da war dieser kräftige Händedruck, ihre warme aber bestimmte Stimme, und dieser wohlwollend neugierige Blick, mit dem sie meine Wut und Verachtung schmelzen liess. Sie war dankbar für unseren Besuch und wirkte keineswegs aufgewühlt. Sie könne uns nicht mehr sagen, als sie damals zu Protokoll gegeben habe. Sie werde nicht vor Gericht aussagen. Für sie sei die Angelegenheit abgeschlossen. Sie habe dem Täter verziehen. Der Rest sei Sache des Staates.

Nie werde ich ihren Blick vergessen, als ich einwendete, es sei Sache von uns Frauen, auch öffentlich dafür einzustehen, was man uns angetan hat. Ich schämte mich sogleich für den aggressiven Ton in meiner Stimme, aber mein Gegenüber schaute mir nur nachdenklich in die Augen. Ich hätte Recht, meinte sie schliesslich, als sie sich langsam erhob. Aber dazu müssten wir zuerst lernen, mit unserer Angst zu leben und uns nicht dauernd als Opfer zu definieren.

Sie muss es gespürt haben. Ich bin mir sicher. Ich sah es an ihrem Blick, als sie mir zum Abschied die Hand gab. Sie wusste um diese Scheissangst, die mich seit meiner Kindheit begleitet. Ja, verdammt, ich fürchte mich vor allem und jedem. Und vor allem fürchtete ich mich davor, Frau zu sein. Die Erkenntnis war ebenso demütigend wie befreiend: Man braucht keine Klostermauern, um die Weiblichkeit abzutöten. Die Nonne hatte mir den Spiegel vorgehalten. Wie eine Aikido-Kämpferin hat sie meine Energie aufgenommen und meine Wut und Verachtung gegen mich selber gewendet. Ich musste erst meinen Kater ausschlafen, um zu realisieren, dass sie mir damit das Leben gerettet hat.

Einen Monat später besuchte ich mein erstes Achtsamkeitsseminar bei ihr. Ich hatte schrecklich Angst vor dieser fremden Welt, zumal ich mit Gott und Kirche nichts am Hut hatte. Aber die Sehnsucht der Frau in mir war geweckt. Und diese Sehnsucht siegte über die Angst. Zum ersten Mal seit langem verbrachte ich ein Wochenende, ohne meine Dienstwaffe in Reichweite zu haben. Wir waren nur Frauen in der Gruppe. Ich war die jüngste. Aber vielen war anzusehen, dass sie wussten, was Angst ist. Die Spuren des Lebens waren eingezeichnet in ihren Gesichtern, in ihren verspannten Gliedern und in die ungelenke Steife ihrer Bewegungen, als sie sich bemühten, die Shibashi-Bilder mit Leben zu erfüllen. Doch was immer diese Frauen als Last mit sich trugen, eines hatten sie in diesem Moment nicht: Angst, ihre Schwäche und Gebrechlichkeit zuzulassen. Das hat mich sehr berührt. Selten habe ich mich so wohl gefühlt, und frei… als Frau.

My heart feels heavy, my feet feel light
I shake all over, but I feel alright
I never felt like this before
Something’s got a hold on me that won’t let go

Natürlich war ich immer eine Frau gewesen und als kleines Mädchen hatte ich es geliebt, Röcke zu tragen und meiner blonden Puppe Zöpfe zu flechten. Aber als ich in die Schule kam, begann ich, das Leben der Jungs sehr viel spannender zu finden. Ich spielte mit ihnen Fussball, prügelte mich mit ihnen und verschaffte mir Respekt als Beschützer der Schwachen. Doch mit der Pubertät wurde es schwieriger. Irgendwie mochte ich das Aufblühen meiner weiblichen Formen. Aber gleichzeitig ärgerte mich der wachsende Kräfteunterschied zu meinen männlichen Kameraden. Ich wollte stark sein wie sie, und damit frei und unabhängig.

Meinen Vater hatte das damals gefreut. Er konnte mit mir all das machen, was er eigentlich mit einem Sohn hätte machen wollen. Und sein Stolz wurde mein Antrieb und mein Ziel. Ich arbeitete hart an mir selber, machte viel Sport, und verachtete alles, was Mädchen meines Alters ansonsten zu tun pflegen. Und solange ich das Ziel vor Augen hatte, empfand ich weder einen Verlust noch spürte ich die Angst, die hinter allem steckte.

Das änderte sich erst bei der Polizei, als mein bester Kollege und Patrouillenpartner vor meinen Augen angeschossen wurde. Ich hatte mich nach der Grundausbildung als Anwärterin für die Sondereinheit gemeldet. Das war als Frau ein schwieriges und fast aussichtsloses Unterfangen, aber ich war gut und fühlte mich damals stark und unbesiegbar. Ich hätte es vielleicht sogar geschafft. Aber dann hatte ich einen Moment nicht aufgepasst. Keiner hatte mir einen Vorwurf gemacht. Alle hatten sie gesagt, dass wir keine Chance hatten und dass mich keine Schuld traf. Aber ich wusste es besser. Ich konnte ihn nicht beschützen. Und ich werde auch mich nie wirklich beschützen können.

Wie sehr mein Leben von der Angst bestimmt war, wurde mir bei meinem zweiten Kurs im Kloster bewusst. Ja, ich habe mein Frausein verdrängt, aber ich habe es nie verneint. Ich wollte nie ein Mann sein. Aber ich wollte wie ein Mann sein. Ich habe mich nie im falschen Körper gefühlt. Aber ich wollte, dass mein Körper so stark und unabhängig sei, wie der eines Mannes. Wie lächerlich das war, wurde mir bewusst, als ich mich diesmal beim Shibashi inmitten von einer Gruppe Männer wiederfand. Amüsiert schaute ich zu, wie sie mehr oder weniger angestrengt versuchten, die sanft fliessenden Bewegungen der jungen Nonne nachzumachen. Ich spürte ihre Unbeholfenheit, ihre Schwäche… und ihre Angst. Und plötzlich mochte ich diese Männer, genauso wie ich die sanfte Berührung meines leichten Rockes mochte, den ich am Vortag spontan eingepackt und an diesem Morgen zum ersten Mal seit langem wieder einmal angezogen hatte.

I got a feeling, I feel so strange
Everything about me seems to have changed
Step by step, I got a brand new walk
I even sound sweeter when I talk

Seither mache ich jeden Morgen nach dem Joggen neben meinen Liegestützen und dem Training am Boxsack auch die 18 Shibashi Bilder. Ich habe mir ein Sommerkleid gekauft, neue Schuhe, ein neues Parfüm und eine weisse Kaschmirjacke, von der ich insgeheim schon immer geträumt hatte, die aber so gar nicht zu meinem Image passen wollte. Entsprechen nervös war ich auch, als ich zum ersten Mal in Kleid und Strickjacke mit meinen Kollegen in den Ausgang ging. Ihr Respekt und die anerkennenden Blicke taten mir gut und befreiten mich von dem Gefühl, vor ihnen meinen „Mann“ stehen zu müssen. Gleichzeitig ertappte ich mich bei der Sehnsucht, dass sie mir gegenüber durchaus etwas mehr ihren Mann hätten stehen dürfen.

Ich war die ganzen Jahre so damit beschäftigt, den Mann in mir zu pflegen, dass ich mit wenigen Ausnahmen kaum grosses Interesse an anderen Männern entwickelt hatte. Die damit verbundene Einsamkeit hatte ich mir nie eingestanden. Doch genau dieses Gefühl war es, das mich ein paar Wochen später während meines Urlaubs in den Bergen in eine Kirche geführt hatte. Eigentlich wusste ich nicht, was ich dort wollte. Ich setzte mich in eine Bank und betrachtete geistesabwesend die barocken Engel an den Wänden. Einzelne Leute kamen und gingen, und ein paar Reihen vor mir war eine junge Frau am Beten. Da spürte ich plötzlich die ganze Verlassenheit und Trauer in mir. Und ganz allmählich begannen die Tränen zu fliessen…

I never thought it could happen to me
Got me heavy without the misery
I never thought it could be this way
Love’s sure gonna put a hurting on me

Ich musste eingeschlafen sein, denn ich zuckte zusammen, als mich jemand sanft an der Schulter berührte. Ungläubig starrte ich in das besorgte Gesicht, das sich zu mir heruntergebeugt hatte. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, meine Lieblingsnonne an diesem Ort anzutreffen. Ohne ihren schwarzen Schleier hatte ich sie von hinten nicht erkannt. Sie trug Wanderkleidung und hatte sich ihre graue Strickjacke um die Schultern gelegt. Sie freute sich riesig, mich zu sehen, und zu meiner Überraschung und Freude war sie einverstanden, mich am nächsten Tag auf eine zweitägige Wanderung hinauf zum See zu begleiten.

Für eine Nonne war sie erstaunlich gut in Form. Doch als wir an dem warmen Sommerabend am See unser Zelt aufgestellt hatten, waren wir beide erschöpft. Wir hatten keine Badekleider mitgenommen, was mich aber nicht daran hinderte, nackt in den See zu springen, während meine Begleiterin mit dem Stundenbuch auf einem Felsen sass und mir zuschaute. Sie brauchte eine Weile, bis sie ihre Hemmungen fallen liess und ihrerseits mit einem lauten Schrei in das kühle Nass sprang.

Der gleiche Schrei riss mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Als ich die Augen öffnete, sass sie neben mir mit angezogenen Knien auf ihrem Schlafsack und zitterte am ganzen Leib. Sie hatte einen Alptraum gehabt und im Schein des Mondes, der durch die Zeltwand schien, wirkte ihr Gesicht ängstlich und verstört. Wortlos legte ich meine Arme um sie und zog sie an mich. Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment, so zart und hilfsbedürftig. Ich mochte ihren Geruch. Und ganz allmählich begann sie sich zu entspannen, sich in meinen Armen zu drehen und sich an mich zu schmiegen. Ich spürte ihre Hände über meiner Haut, ihren Atem an meinem Hals und das wachsende Drängen ihres Körpers. Jetzt brauchte ich einen Moment, bis ich meine Hemmungen fallen liess, um mich mit einem Aufschrei dem Strom der Leidenschaft zu überlassen.

Noch heute höre ich das Keuchen ihres Atems neben meinem Gesicht, als wir schliesslich erschöpft und verschwitzt auf unseren Schlafsäcken zur Ruhe kamen. Ich war einen Moment wie betäubt, als sie sich langsam aus meinen Armen löste. Wie aus weiter Ferne hörte ich den Reissverschluss des Zeltes. Als ich mich endlich einigermassen gefasst hatte, sah ich sie draussen auf dem Felsen sitzen, nackt im Schein des Mondes. Sie hatte die Beine angezogen und ihre Arme um die Knie geschlungen, als ich ihr meine Daunenjacke um die fröstelnden Schultern legte und mich neben sie setzte. Schweigend blickten wir auf den See, in dem sich der klare Sternenhimmel spiegelte.

„Es tut mir leid!“, durchbrach sie plötzlich die unheimliche Stille, die uns umgab. Sie wisse nicht, wie das passieren konnte: „Ich bin eigentlich nicht… ich meine… du weisst schon.“

Nein, ich weiss nicht. Und es ist mir auch egal, was sie wirklich ist. Ich weiss nur, dass es unglaublich schön war; dass ich es genossen habe, für sie da zu sein… und dass ich sie liebe. Doch eines weiss ich genau: Dass ich nicht so bin! Ich weiss es seit jenem Moment, als sie sich aus meinen Armen gelöst und mich in dem Zelt zurückgelassen hatte, allein, erschöpft… und unbefriedigt. Wie sehr hätte ich mir in diesem Moment gewünscht, dass sie ein Mann wäre… dass er mich einfach nehmen würde und mich endlich…

Würde ich ihr wirklich all das erzählen können… wollen? Würde sie mich verstehen? Würde sie glauben, was ich ja selber noch kaum zu glauben wage: Dass da noch einer ist… und immer schon war… in mir… mit mir? Mein Bruder.

Let me tell you now
I never felt like this before
Something’s got a hold on me that won’t let go
I believe I’d die if I only could
I feel strange, but it sure feels good

Das tönt so abgefahren. Und doch ergibt plötzlich alles einen Sinn: Meine Angst, für die ich nie einen Grund gefunden hatte. Ist es die Angst der Nachgeborenen? Diese tief verwurzelte, instinktive Existenzangst eines Kindes, dessen Mutter sich schon einmal gegen das Leben eines Kindes entschieden hatte? Und dieses jahrelange Ringen mit dem Männlichen in mir. Die Gewalt, die es meiner Weiblichkeit angetan hat. Und gleichzeitig die Stärke und Geborgenheit, die es ihr gegeben hat. Und dann dieser allmähliche Prozess der Versöhnung, als die Angst begonnen hat, ihren Schrecken zu verlieren: Als die Frau plötzlich Mut hatte, Frau zu sein. Und der Mann begriff, dass er nicht immer seinen Mann stehen musste. Als die Schwester begriff, dass ihr niemand das Leben wegnehmen will. Und als der Bruder begriff, dass er niemandem das Leben wegnehmen muss, um selber zu leben.

Ja, Bruderherz, Du hast es mir nicht leicht gemacht. Es war schliesslich nicht meine Schuld, dass Du nicht leben durftest. Aber ob Du’s glaubst oder nicht, ich bin irgendwie stolz auf Dich… nein, auf uns. Ich finde, wir haben das eigentlich ganz gut hingekriegt. Es wäre Dir zwar um ein Haar gelungen, mich zu einem Mann zu machen. Aber dabei habe ich auch unendlich viel gelernt von Dir. Und dafür bin ich Dir einfach nur dankbar. Den Rest holt deine kleine Schwester schon nach. Verlass Dich drauf!

Yeah, he walks like love
He talks like love
Makes me feel alright
In the middle of the night

Nur eines fehlt noch: Dein Name.

Aber ich habe da so eine Idee. Ich bin gespannt, was meine Lieblingsnonne dazu meint… unsere Seelenschwester.

*******

Eine Schwester?!?

Ich hätte vieles erwartet, aber nicht das. Fassungslos starrte ich meinen Vater an, der mir in einem Café gegenüber sass und sanft meine Hände ergriffen hatte. Vor ein paar Tagen noch hätte ich ihn für verrückt gehalten. Aber so sah er nicht aus. Ganz im Gegenteil. Sein ernstes aber entspanntes Gesicht war sonnengebräunt, seine Hände zitterten nicht und seine Stimme klang ruhig und entschlossen. Er trug seine Strickjacke um die Schultern gelegt. So hatte ich ihn noch nie erlebt: So stark und gleichzeitig so verletzlich… so unglaublich männlich.

Es sei eine Halbschwester… aus der Zeit vor meiner Mutter.

Ich konnte es nicht fassen. Da war ich gerade daran, meinen Halbbruder in meine Realität zu integrieren, und nun soll es da auch noch eine Schwester geben. Das Ganze wurde etwas zu viel für mich. Unwillkürlich zog ich meine Kaschmirjacke enger um mich, wobei ich spontan an meine Lieblingsnonne denken musste. Ihr Beispiel hatte mir am Morgen vor dem Spiegel den Mut gegeben, meiner Sehnsucht zu folgen und die Jacke elegant um die Schultern zu legen. Ich fühlte mich plötzlich so verletzlich, und doch auch so stark. Da war keine Spur von Angst.

Wir seien uns übrigens sehr ähnlich, drang wie von weit her die Stimme meines Vaters durch meine Gedanken, während ich in seinen Augen ein ungewohntes Strahlen zu erkennen glaubte: Den spontanen Ausdruck von Anerkennung und Stolz, den ich all die Jahre vergeblich gesucht hatte.

Es sei die Weise, wie ich meine Jacke trage. Als ich eben durch die Tür gekommen sei, hätte er doch tatsächlich einen Moment lang geglaubt…

Warum sie? XII (eine Sünderin)

(Aus den Notizen des Neubeginns einer Ehefrau und Mutter)

Warum sie 12

Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Älter. Nein, sie war nicht sein Typ.

Ich schämte mich fast ein wenig für diesen Gedanken. Hatte die junge Nonne meine Erleichterung gespürt?

Ich war froh, einen Moment allein zu sein, nachdem sie mich in das Besuchszimmer des Klosters geführt hatte. Sie war verschwunden, um uns einen Tee zu kochen, während ich es mir in einem der Polstersessel bequem machte. Der Raum wirkte beruhigend auf mich. Ich mochte den Geruch von alten Möbeln und das leise Ticken der Wanduhr. Vor mir auf dem Tisch brannte eine Kerze und gegenüber an der Wand hing ein grosses Kreuz mit dem leidenden Christus. Ich war froh, hatte er seinen Kopf gesenkt. Auch die Madonna, die in der Ecke auf einem Tischchen stand, war ganz von ihrem Kind in Anspruch genommen und verschonte mich mit ihrem Blick.

Als Kind hat mich die Muttergottes in unserer Kirche immer traurig gemacht. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass sie auch mich einmal anschauen würde. So, wie mich meine Grossmutter angeschaut hatte. Wenn man mich damals eingeladen hätte, eine Madonna zu machen, hätte sie die Gestalt meiner Oma gehabt: Etwas dick und schwerfällig, vom Tod ihrer Kinder und den harten Jahren als Witwe und Trümmerfrau gezeichnet. Sie sässe in ihrem Sessel, eingehüllt in ihre warme Wolljacke und würde mit ihren verwitterten Händen feine, bunte Borten an weisse Taschentücher häkeln. Ihre langen, weissen Haare wären im Nacken in einen Knoten gebunden und ihre funkelnden Augen würden auf einem Mädchen ruhen, das zu ihren Füssen sitzt und ihren Erzählungen lauscht.

Doch auch diese Augen waren eines Tages erloschen. Leer und gebrochen hatten sie mich angestarrt, damals am Fuss der Treppe. Ich hatte das Poltern im Treppenhaus gehört und war aus der Wohnung gestürmt. Die Nachbarin hatte mich zurückgehalten. Die Notärztin hatte gemeint, es sei ein Herzinfarkt. Wahrscheinlich sei sie schon tot gewesen, als sie mit ihren vollen Einkaufstaschen die Treppe heruntergestürzt war. Seither habe ich sie nicht mehr ertragen, diese Madonnen von Lourdes und Fatima. In ihren leblosen Augen glaubte ich immer, diesen letzten Blick meiner Grossmutter zu sehen… vor allem seit jenem Tag, als ich…

Die warme Stimme der jungen Nonne befreite mich aus meinen düsteren Gedanken. Ob ich bequem sitze oder ein Kissen wolle, fragte sie mich, während sie uns den dampfenden Tee eingoss. Fasziniert bewunderte ich ihre Hände: Die schlanken Finger, die gepflegten Nägel, den goldenen Ring an ihrer linken Hand und den abgespreizten kleinen Finger, als sie mir die Tasse reichte. Die Frau hatte Stil. Und plötzlich war sie wieder da, meine Unsicherheit. Mit beiden Händen hielt ich meine Tasse, um mein nervöses Zittern zu verbergen. Was machte ich eigentlich hier? Was wollte ich von ihr?

Ich musste wissen, was mit meinem Mann geschehen war. Ich habe es einfach nicht mehr länger ausgehalten. Was war damals passiert an diesem Wochenende? Er war wie verwandelt von diesem Achtsamkeitsseminar nach Hause gekommen: Aufgestellt, lebendig, hoffnungsvoll. Er hatte mich spontan zum Essen ausgeführt. Und dann, bei Mondschein auf einer Bank am See, hat er mir seine ganze Geschichte erzählt: Sein erstes Mal mit dieser Frau, diese Nächte voller Leidenschaft, seine Liebe… und ihr Verrat. Es war ihm schwer gefallen. Er hatte geweint. Und ich hatte mich einfach nur gefreut. Eingehüllt in meine Strickjacke hielt ich ihn im Arm, bis seine Tränen versiegt waren. Danach zuhause hielt er mich im Arm. Und wie. Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich wieder einen Orgasmus. Ich hätte nicht geglaubt, dass das mit uns noch einmal geschehen würde.

Doch als am Morgen der Wecker läutete, war das Bett neben mir leer. Auch das Bett in seinem Schlafzimmer war unberührt. Dafür roch es im Bad nach Erbrochenem. Ich fand ihn schliesslich im Wohnzimmer auf der Coach. Er sah erbärmlich aus. Sein Pyjama war verschmutzt und neben ihm am Boden lag eine leere Whiskyflasche. Ich kochte ihm einen Kaffee und half ihm ins Bett, bevor ich zur Arbeit musste. Als ich abends nach Hause kam, war er weg. Er hatte sich in der Schule krank gemeldet und mir einen Brief hinterlassen: Es täte ihm leid. Er brauche etwas Zeit für sich. Ich solle mir keine Sorgen machen. Es gehe nicht um mich. „Ich liebe dich!!!“

Eine Woche war er jetzt schon weg. Ich wusste nicht, wo er war. Auf meine Anrufe antwortete er nicht. Auch unsere Tochter konnte ihn nicht erreichen. Was war nur geschehen in dieser Nacht? Was hatte ihn so aus der Fassung gebracht? Und warum spricht er nicht mit mir? War es meine Schuld? Was habe ich falsch gemacht?

Ich war so in meine Erzählung vertieft, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie die junge Nonne von irgendwoher eine Packung Kleenex Tücher hervorgezaubert hatte. Schluchzend trocknete ich mir die Tränen aus dem Gesicht, während sie mich aufmerksam betrachtete. Ihre Hände lagen ruhig in ihrem Schoss, mit den Handflächen nach oben, offen, empfangend. Nachdenklich senkte ich meinen Blick auf ihre Füsse, die in einfachen Sandalen steckten. Ihre Zehen schimmerten durch die schwarzen Strümpfe und unwillkürlich fragte ich mich, ob auch Nonnen ihre Nägel lackieren dürfen. Wer war diese Frau? Wer verbarg sich unter diesem schwarzen Gewand, der weissen Haube und dem schwarzen Schleier, die gerade mal die Hände und das Gesicht freigaben. Und was hatte diese Frau mit meinem Mann zu tun?

Sie könne mir nicht sagen, was an diesem Wochenende vorgefallen sei. Und selbst wenn sie es könnte, dürfte sie es nicht. Mein Mann hätte nicht mit ihr geredet. Aber sie habe gespürt, dass diese Tage wichtig waren für ihn. Irgendetwas sei geschehen. Er sei wie verwandelt abgereist, genauso, wie ich es beschrieben hätte: Aufgestellt, lebendig und hoffnungsvoll. Mehr könne sie mir nicht sagen.

Ich glaubte ihr. Und doch hatte ich das Gefühl, dass der Schlüssel bei ihr lag. Was hatte sie bei meinem Mann ausgelöst? Er war begeistert von ihr. Das war unübersehbar. Natürlich hatte er es zu überspielen versucht. Aber eine Frau spürt das, wenn ihr Mann von einer anderen Frau redet. Es hatte mich nicht gestört, damals, an diesem Abend am See. Doch mit den Fragen waren auch die Zweifel gekommen. War es nicht das gleiche wie damals mit seiner neuen Kollegin, dieser Englischlehrerin, einer Witwe und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Auch von ihr hatte er immer öfter erzählt. Und plötzlich war er wie verwandelt im Bett: Zärtlich, wild, leidenschaftlich. Ich hatte es genossen, bis ich merkte, dass er die Augen geschlossen hatte. Unter ihm lag ich, aber in seinem Kopf war sie.

Doch nein, das konnte nicht sein. Ich war mir ganz sicher. Diesmal waren seine Augen offen gewesen. Er hatte mich gemeint. Sonst wäre es nie so weit gekommen. Und als mich heute die junge Nonne an der Klosterpforte begrüsst hatte, waren die letzten Zweifel verflogen: Mein Mann stand nicht auf jüngere Frauen. Er liebte reifere Semester. Und in dieser Beziehung hatte ich immer noch ganz gute Karten.

„Warum sind sie wirklich gekommen?“, wurde ich von einer sanften Stimme aus meinen Gedanken gerissen. Nachdenklich betrachtete ich das Gesicht der jungen Frau, die mich ruhig anschaute, während sie mir eine Tasse Tee nachschenkte. Und für einen kurzen Moment glaubte ich in ihrem Gesicht einen Zug meines Mannes zu erkennen: Dieser Hauch eines fragenden Ausdrucks, dieses leise Zusammenziehen der Augenbrauen, als sie versuchte, mein Schweigen zu deuten.

Ihre Predigt habe mich sehr berührt, sagte ich schliesslich, nachdem ich mich mit einem Schluck Tee etwas beruhigt hatte. Mein Mann hatte mir begeistert davon erzählt: „Liebe ermöglicht Wahrheit. Und Wahrheit befreit zur Liebe.“ Das hat bei ihm voll eingeschlagen. Die Mondscheinbeichte am See war die eindrückliche Frucht davon. Aber nicht nur das. Als ich damals auf der Bank sass, mit meinem weinenden Mann im Arm, frierend aber unendlich glücklich, wusste ich, dass es möglich war: Dass es wahr sein darf. Dass auch meine Wahrheit wahr sein darf… nach über dreissig Jahren voller Scham, Schuldgefühlen und Verdrängung. Ich hatte mir fest vorgenommen, bei nächster Gelegenheit mit meinem Mann zu sprechen. Aber dann war er weg. Und ich weiss nicht, wann er wiederkommt… ob er wiederkommt.

Ich war von meinen eigenen Worten erschrocken. Nein, ich hatte nicht vorgehabt, mit ihr darüber zu sprechen. Was ging diese junge Nonne meine Vergangenheit an? Sie, die ihre Weiblichkeit unterdrückte und unter dieses schreckliche, schwarze Gewand verbannte. Was verstand sie schon vom wahren Leben… vom Leben einer Frau ausserhalb der schützenden Klostermauern? Ich hatte das Gefühl, bereits zu viel gesagt zu haben. Mein Magen fühlte sich plötzlich flau an. Was würde sie von mir denken, ausgerechnet sie, eine unbefleckte Dienerin der katholischen Kirche?

Sie muss mein Unbehagen bemerkt haben. Seit einigen Minuten schon bin ich ihrem Blick ausgewichen. Ich starrte nur noch in meinen Schoss, wo sich die Finger meiner Rechten nervös mit dem Ehering beschäftigten. Sie sagte nichts. Nur das leise Ticken der Wanduhr begleitete unser Schweigen. Die Stille tat mir gut. Dann ertönte in der Ferne plötzlich eine Glocke. Draussen im Gang hörte ich eilige Schritte. Es war Zeit für die Vesper. Aber meine Begleiterin blieb ruhig sitzen. Auch als die Glocke verklungen war. Und als ich endlich meinen Blick hob, waren ihre Augen geschlossen. Erst meinte ich, sie schlafe. Aber ihre Hände waren gefaltet um einen Rosenkranz. Sie betete. Und als sie die Augen öffnete, rann eine Träne über ihre Wange.

„Ich habe ein Kind abgetrieben“, hörte ich mich plötzlich sagen. Und meine Stimme klang ruhig und fest. „Ich war 20 Jahre alt, am Anfang meines Studiums. Wir waren in Italien im Urlaub, am Meer, meine beste Freundin und ich. Wir hatten einen Tauchtrip gebucht mit einer Gruppe Engländer. Die Leute waren nett, das Wetter schön und wir fühlten uns frei. Wir hatten uns beide verliebt. Meiner war ein Student aus Oxford, ein junger Lord. Wir sassen die halbe Nacht auf dem Deck, haben geraucht, getrunken und geknutscht. Und irgendwann lag ich in seiner Koje.

Es war ein Schock, als ich merkte, dass ich schwanger war. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mein Lover in Oxford war wütend. Wieso ich nicht verhütet hätte? Das sei allein mein Problem. Ich solle es wegmachen… und verdammt noch mal seinen Namen aus dem Spiel lassen. Auch meine Freundin hatte gemeint, ich wolle doch unmöglich jetzt schon ein Kind bekommen… und unter diesen Umständen. Meinen Eltern hatte ich nichts gesagt. Sie hätten mich gezwungen, es zu behalten. Eine Kollegin hatte mir schliesslich einen Termin bei einem Gynäkologen verschafft. Am Abend vorher hatte mich plötzlich die Panik ergriffen. Ich wollte das Kind behalten. Es war mein Kind. Ich hatte meine Freundin angerufen. Sie kam zu mir und brachte eine Flasche Whisky mit. Irgendwann bin ich in ihren Armen eingeschlafen. Und am Morgen hatte sie mich zum Termin begleitet.

Es gelang mir damals erstaunlich schnell, damit klar zu kommen. Ich hatte mich ins Studium gestürzt und mich in der Freizeit mit Sport abgelenkt. Stundenlang hatte ich im Schwimmbecken meine Längen gezogen. Und dann hatte ich meinen Mann kennengelernt. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, kein Verliebtsein mit Schmetterlingen im Bauch. Wir mochten uns, wir neckten uns, wir forderten uns gegenseitig heraus, und irgendwann wussten wir einfach, dass wir zusammengehören. Erst als es mit dem Kinderwunsch nicht klappen wollte, holte mich meine Vergangenheit wieder ein. Scham und Schuldgefühle wurden quälender, je länger uns ein Erfolg verwehrt blieb. Irgendwann ekelte ich mich so vor mir selber, dass ich schon fürchtete, mich selber zu boykottieren. Und als ich dann tatsächlich mit unserer Tochter schwanger wurde, konnte ich mich schon gar nicht mehr darüber freuen. Alle späteren Versuche, meinem Mann auch noch den ersehnten Sohn zu schenken, blieben vergeblich.

Wir haben eine wunderbare Tochter. Sie hatte es nicht immer leicht und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie unbewusst versucht, ihrem Vater den Sohn zu ersetzen. Auch mit mir musste sie in den letzten Jahren viel Geduld haben. Durch die Menopause war alles in mir wieder hochgekommen. Ich ekelte mich vor allem: Vor mir, vor ihr, vor dem Leben. Und der Gedanke, dass es meine Schuldgefühle sein könnten, die meine Tochter daran hinderten, wirklich eine Frau zu sein, machte es für mich auch nicht leichter, sie zu lieben. Mein Gott, was würde ich dafür geben, noch einmal von vorne beginnen zu können!“

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich mich erhoben hatte. Irgendwie fand ich mich vor dem Kreuz wieder, wo meine Finger sanft über den Körper des leidenden Christus glitten. Ich spürte die feinen Löcher, die der Holzwurm in dem alten Stück hinterlassen hatte, während ganz allmählich das leise Ticken der Wanduhr wieder in mein Bewusstsein trat. Noch nie hatte ich Stille so erfüllt erlebt. Erschöpft aber seltsam entspannt liess ich mich wieder in meinen Sessel sinken. Es war dunkel geworden draussen. Nur die Kerze erhellte den Raum. Die dunkle Gestalt der Nonne sass reglos da. Das Weiss ihrer gefalteten Hände und ihres Gesichtes schienen aus dem Dunkel zu leuchten. Und ihre Augen funkelten im Schein der Kerze.

„Danke!“, hörte ich sie leise sagen. Nur ein Wort. Aber dieses eine Wort schien nicht nur meine Ohren und mein Herz, sondern meinen ganzen Körper zu berühren. Es war, als ob die längst versiegten Lebensströme in mir wieder zu fliessen beginnen.

Ich hätte ihr gerne noch etwas gesagt, als sie mir schliesslich in die Jacke half und mich zur Pforte begleitete. Aber ich brachte kein Wort heraus. Doch als ich über den Platz zu meinem Wagen ging und hörte, wie die Tür hinter mir ins Schloss fiel, wusste ich, dass es gut war. Ich fühlte mich frei. So frei wie damals, als ich mit meiner Freundin nach Italien aufgebrochen war.

Nein, ich werde nicht mehr von vorne beginnen können. Aber ich bin frei, neu zu beginnen… immer wieder.

*******

Ich hatte sie fast nicht wiedererkannt, als sie mich vom Bahnhof abholte. Meine Tochter hatte die Haare wachsen lassen. Nicht lang, aber immerhin. Sie trug eine schwarze Lederhose und ein ärmelloses Rollkragentop, das ihre Brust wunderbar zur Geltung brachte. Lachend zogen wir uns gegenseitig die Strickjacken um die Schultern zurecht, nachdem wir uns lange und herzhaft umarmt hatten.

Ich hatte sie seit Wochen nicht mehr gesehen. Sie hatte einen neuen Job und kam nur noch selten nach Hause. Sie fehlte mir. Und ich wusste, dass ich ihr fehlte. Aber wir wussten beide, dass es gut war so. Die Distanz tat ihr gut. Sie schien so fröhlich und aufgestellt… so erwachsen… und so unglaublich weiblich.

Zwei Wochen waren seit dem Verschwinden meines Mannes vergangen, ohne dass wir etwas von ihm gehört haben. Aber ich hatte die Reise nicht seinetwegen gemacht. Ich war gekommen, um neu zu beginnen… und durfte erfreut feststellen, dass meine Tochter schon ohne mich begonnen hatte.

Arm in Arm schlenderten wir dem Fluss entlang, während ich ihr alles erzählte. Schweigend standen wir schliesslich auf der Brücke und schauten den Frachtschiffen zu, die tuckernd unter uns vorbeiglitten. Ich hatte keine Angst gehabt, als ich redete. Doch jetzt befiel mich plötzlich wieder dieses flaue Gefühl im Magen, wie wenn mich die alten Geister einholen würden. Ich wagte nicht, mich umzudrehen.

„War es ein Junge oder ein Mädchen?“, hörte ich sie schliesslich fragen.

Ich muss sie ziemlich entgeistert angesehen haben. Die Frage traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wusste es nicht. Ich hatte mich nie gefragt. Niemand war damals auf die Idee gekommen, danach zu fragen. Es war einfach da. Und es musste weg. Ich fühlte mich plötzlich leer. Und in dieser Leere stieg aus der Tiefe langsam der Schmerz auf. Der Schmerz jenes letzten Abends: Es war mein Kind.

Ich weiss nicht, wie lange meine Tochter mich in ihren kräftigen Armen gehalten hat. Der Schmerz schien kein Ende zu nehmen, und mit ihm der Strom meiner Tränen.

Und sie begannen von neuem zu fliessen, abends am Bahnhof, als der ICE sich langsam in Bewegung setzte. „Danke!“, hörte ich meine Tochter noch durch die Scheibe rufen, während sie mit wehender Strickjacke neben dem fahrenden Zug herrannte.

Der Schmerz war weg. Etwas Neues hatte begonnen.

Warum Sie? XI (ein Kursteilnehmer)

(aus den Aufzeichnungen eines Lehrers und Familienvaters)

Warum sie 11

„Eine weise Frau bietet Pfirsiche an.“

Ich versuche mir die Blicke meiner Kollegen vorzustellen. Von meinen Schülern ganz zu schweigen. Die würden mich für verrückt halten. Oder noch schlimmer: Für eine Schwuchtel.

Da stehe ich doch tatsächlich frühmorgens in diesem Meditationsraum und stelle mir vor, mit meinen Armen irgendwelche imaginären Wolken zu teilen und einen Regenbogen in die nach Parfüm und Duschgel duftende Luft zu malen. Gemeinsam mit einer Gruppe mehr oder weniger bemüht blickender Damen jeglichen Alters, einem sichtlich angestrengten Rentner und einem hoffnungslos verklemmten Seminaristen versuche ich möglichst cool und lässig, Seide in der Luft schweben zu lassen und als Drache aus dem Meer zu steigen.

Shibashi nennt sich dieses bizarre Treiben. Und bis gestern Abend hätte mich nichts und niemand in der Welt dazu gebracht, bei diesem Spektakel mitzumachen. Doch dann kam die Einführung in dieses Achtsamkeitsseminar und der Blick unserer Kursleiterin, der nicht von mir weiche wollte, als sie uns mit sanfter aber bestimmter Stimme zu dieser „selbstverständlich freiwilligen“ Morgenübung eingeladen hatte.

Das Ganze habe ich meiner Tochter zu verdanken. Sie macht sich Sorgen um mich. Ich sähe abgekämpft aus, hat sie gemeint. Reizbar und unleidig sei ich geworden. Ich müsse dringend etwas unternehmen, wenn ich nicht bald in ein Burnout fallen wolle. Sie muss es ernst meinen. Sonst hätte sie mir nicht zu meinem 50. Geburtstag dieses Wochenendseminar geschenkt.

Mir war das natürlich peinlich. Meine Frau hätte das nie gewagt. Sie kennt mich und weiss, dass sie mir mit sowas nicht kommen muss. Meine Tochter ist da freier. Das war sie schon immer. Sie hat sich von mir nie in eine Schablone zwingen lassen. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich unter den Jungs ihres Alters durchzusetzen gewusst. Und neben ihrer blonden Puppe, die sie mit Hingabe pflegte, hatte sie mich früh dazu gebracht, all das mit ihr zu machen, was ich gerne mit meinem Sohn gemacht hätte… einem Sohn, der mir leider nie vergönnt war.

Ich liebe meine Tochter. Aber gestern, als ich bei Nebel und Nieselregen meinen Wagen auf dem Parkplatz des Klosters abgestellt hatte, war ich einfach nur wütend auf sie. Wie kam sie dazu, mich nach zwei Jahren einfach so für diesen Kurs anzumelden? Ohne mich zu fragen. Wenig hat gefehlt und ich wäre wieder weggefahren. Erst das Zittern meiner Hand, als ich den Motor wieder starten wollte, brachte mich zur Besinnung. Sie hatte Recht. So konnte es nicht weitergehen. Ich musste etwas tun.

Das erste, was ich sah, als ich das Gästehaus betrat, war eine dunkle Gestalt, die mit dem Rücken zu mir am Empfang stand. Der Anblick des schwarzen Ordensgewands mit dem langen Schleier passte perfekt zum trüben Wetter und zu meiner Stimmung. Umso grösser war die Verblüffung, als sich die Gestalt zu mir umdrehte. Sprachlos registrierte ich die wohlwollenden Augen, die warme Stimme und den kräftigen Händedruck. Da wo ich spontan Runzeln und andere Spuren des Alters erwartet hätte, strahlte mir ein junges Gesicht entgegen. Die Nonne war kaum mehr als dreissig Jahre alt.

Ich hing förmlich an ihren Lippen, als sie uns abends das Programm des Wochenendes vorstellte. Seit ich begriffen hatte, dass sie die Leiterin dieses Achtsamkeitsseminars war, waren meine inneren Nebelschwaden wie weggeblasen. Eine seltsame Erregung hatte von mir Besitz ergriffen. Eine Erregung, die sich in einem leisen Stich äusserte, als sie uns ihren Kollegen vorstellte: Einen Psychotherapeuten, Personal Coach und ausgewiesenen Spezialisten für Burnout-Prophylaxe. Er strahlte diese penetrant sympathische Souveränität aus, die Menschen seines Faches so eigen war. Er hätte ihr Vater sein können. Ich mochte diesen Typen nicht.

Ich habe in der Nacht kaum geschlafen. Und als ich am Morgen den Meditationsraum betrat, war die Enttäuschung gross: Die Nonne fehlte. Alle waren pünktlich da zum Shibashi, in bequemer Kleidung, die meisten sichtlich unsicher in Erwartung dessen, was da auf sie zukommen würde. Eine der jungen Frauen war mir gestern nicht aufgefallen. Sie trug kurze Haare, ein ärmelloses schwarzes Sport-Top und eine dunkelblaue Trainingshose. Sie war barfuss, hatte sich eine graue Strickjacke um die Hüfte gebunden und war im Gespräch mit einer der älteren Kursteilnehmerinnen. Erst als sie sich umdrehte und uns einlud, einen Kreis zu bilden, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich weiss nicht, was ich mir nachts so alles vorgestellt hatte. Aber kurze Haare waren es definitiv nicht.

Zu meinem Erstaunen konnte ich meine Hemmung schnell ablegen. Die Übungen waren einfach, etwas ungewohnt, aber unerwartet wohltuend. Und dies, obwohl ich nur halb bei der Sache war. Immer wieder verlor ich mich im Anblick der jungen Frau, deren warme Stimme uns führte und deren Körper bis in die Fingerspitzen von den Bewegungen erfüllt schien. Nie werde ich ihren Blick vergessen, als „die weise Frau“ mir einen „Pfirsich anbot“.

Was macht diese Frau im Kloster? Wie kann sich eine so lebensvolle junge Schönheit unter diesem schwarzen Ordensgewand verstecken? Die Frage liess mich nicht mehr los. Auch nicht, als wir später am Morgen wieder im Meditationsraum sassen und versuchten, loszulassen und in die Wahrnehmung zu kommen. Es war zum Verzweifeln. Alle um mich herum hockten aufrecht und tief versunken auf ihren Meditationskissen. Nur mir wollte es einfach nicht gelingen, mich zu konzentrieren. Dass unsere Nonne unterdessen wieder ihr Gewand trug und mir gegenüber auf einem Gebetsschemel kniete, machte die Sache auch nicht besser. Ich konnte noch lange die Augen schliessen. Zu sehr hatte sich mir ihr Bild eingeprägt: Ihr schlanker und doch so athletischer Körper, ihre etwas flache Brust, ihre nackten Arme und die kurzen Haare, die sich in ihrem Nacken kräuselten.

„Darf ich?“ wurde ich plötzlich von ihrer leisen Stimme aus meinen Träumereien gerissen. Sie stand direkt hinter mir. Und bevor ich antworten konnte, spürte ich, wie ihre Daumen sanft gegen meinen verspannten Nacken drückten, während ihre Finger meine Schultern leicht nach hinten zogen. „Aushalten und hinatmen, so lange es geht“, hörte ich sie flüstern, während ein seltsamer Schauer meinen Körper durchfuhr. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Berührung derart intensiv empfunden habe. Doch das wäre noch gegangen, wenn da nicht dieser feine Geruch gewesen wäre. Ihr Geruch.

Die Erinnerung überfiel mich mit aller Gewalt: Die Hotelbar, warmes Licht, sanfte Klaviermusik im Hintergrund. Ich war allein, einsam, frustriert. Das lokale Bier schmeckte mir nicht. Plötzlich sass sie neben mir. Sie war schön. Unglaublich schön. Und auch sie war allein, einsam und frustriert. Sie spendierte mir einen Drink. Wir redeten. Mit der Zeit redete vor allem ich, über deutsche Literatur, Adalbert Stifter und das Ideal der reinen Liebe. Sie hörte zu, bestellte uns noch einen Drink… und später noch einen. Irgendwann lagen wir im Bett. In meinem Bett. Sie war geduldig und einfühlsam. Eine gute Lehrerin.

Ich war damals zwanzig. Eigentlich hatte ich alles, was ich mir wünschen konnte. Ich hatte Eltern, die nicht geschieden waren. Ich hatte ein exzellentes Abitur im Sack, war sportlich und gut aussehend, und hatte mich eben an der Uni für Germanistik eingeschrieben. Aber ich war alleine. Wieder alleine. Ich sei ja wirklich nett, hatte die Letzte gemeint. Aber eben irgendwie verklemmt. Etwas stimme nicht mit mir. Ob ich nicht einmal einen Therapeuten aufsuchen wolle?

Meine „Therapeutin“ war etwas älter als ich, aber nicht viel, nun ja, vielleicht zehn Jahre. Sie wohnte im gleichen Hotel. Ich wusste nicht, wer sie war. Ich wusste auch nicht, was sie tagsüber machte. Aber nachts war sie bei mir. Geredet wurde nicht mehr viel. Dafür waren wir zu beschäftigt. Und danach zu erschöpft. Das Ganze war ein wunderbarer Traum. Als ich aus dem Traum erwachte, war sie weg. Auf dem Tisch lagen ein Brief und ein Umschlag. Sie danke mir für die gemeinsame Zeit. Ich sei ein wunderbarer Liebhaber. Sie sei sich sicher, dass ich mein Glück finden werde. Der Brief trug keine Unterschrift. In dem Umschlag steckten 2000 Euro.

Mir wurde plötzlich schlecht und ich musste den Meditationsraum verlassen. In meine Strickjacke gehüllt setzte ich mich im Garten auf eine Bank, während ich die frische Morgenluft durch meine Lungen strömen liess. Und dann begannen plötzlich die Tränen zu fliessen. Tränen, gegen die ich all die Jahre mit Erfolg gekämpft habe. Tränen der Trauer? Nein, es waren Tränen der Wut. Ich war wütend auf mich. Und ich schämte mich. Ich schämte mich, wie ich mich damals geschämt hatte, an diesem Morgen, an dem ich nackt und von der Leidenschaft der Nacht gezeichnet auf diese Geldscheine gestarrt hatte. Ich hatte mich so schmutzig gefühlt, gedemütigt, missbraucht, weggeworfen wie eine leere Bierflasche… und bezahlt wie ein billiger Callboy.

Was hatte sie mir mit dem Geld sagen wollen? Dass es ein Geschäft war? Dass ich sie vergessen soll? Dass ich sie nicht suchen soll? Wollte sie mein Schweigen erkaufen? Am Empfang hatte man mir keine Auskunft gegeben. Andere Gäste nach ihr zu fragen, hatte ich nicht gewagt. Dafür hatte ich mich zu sehr geschämt. Sie war so schnell aus meinem Leben verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Irgendwie war es mir mit der Zeit gelungen, sie zu vergessen und den Schmerz zu verdrängen. Und das Geld kam mir damals sehr gelegen. Hatte ich ihr eigentlich von meinem Traum erzählt, nach Grönland zu reisen? Wie auch immer, mit der Zeit hatte ich sie aus meiner Erinnerung gelöscht… bis auf ihren Geruch.

Ich weiss nicht, wie lange ich schluchzend auf dieser Parkbank sass. Als ich mich schliesslich umdrehte, sah ich die junge Schwester in diskreter Distanz unter der Tür stehen. Sie hatte sich die graue Strickjacke um die Schultern gelegt und schien auf mich gewartet zu haben. „Es tut mir leid, dass ich sie berührt habe“, sagte sie, als ich mich für mein Verhalten entschuldigen wollte. „Ich hätte ihr Einverständnis abwarten müssen.“ Ich verstand nicht, was sie meinte. Aber die besorgte Ernsthaftigkeit in ihrem Blick liess keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte. Und das tat mir unendlich gut in diesem Moment.

Für den Nachmittag stand unser Burnout-Profi auf dem Programm. Das wollte ich mir nicht antun. Ich brauchte Luft zum Atmen und vor allem Zeit für mich. Und so bin ich nach dem Essen abgehauen, allein in den Wald. Einen Baum sollen wir umarmen, hatte uns die Nonne am Morgen als Übung mitgegeben. Und was ich damals noch für einen alberner Wohlfühltipp hielt, erschloss sich mir nun wie von selber. Der Baum war nicht besonders schön. Auch nicht besonders dick. Aber seine Krone war dicht und bergend mit satten, grünen Blättern. Ich hatte mich mit dem Rücken gegen den Stamm gesetzt, um mich etwas zu erholen. Ganz allmählich begann ich mich zu entspannen. Es war, als ob eine Kraft in meinen Rücken strömen würde. Und plötzlich begann ich zu reden. Klar und deutlich, mitten im Wald. Ich sprach von der jungen Nonne, die mich faszinierte und die mir gleichzeitig so nahe und so fremd vorkam. Ich sprach von meiner Tochter. Davon wie dankbar ich bin, dass sie mich zu diesem Wochenende genötigt hat. Ich sprach von meiner Frau: Wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich mich dafür schäme, dass ich ihr nie alles von mir erzählt habe. Und schliesslich erzählte ich von damals. Alles. Die ganze Wahrheit. Es tat verdammt weh. Ich weinte und zwischendurch kam ich ins Stocken. Doch irgendwann war alles gesagt, laut ausgesprochen inmitten der Gruppe von Bäumen, die mich schweigend in ihrer Mitte aufnahmen. Und als ich mich schliesslich von dem Stamm löste und erhob, fühlte sich mein Rücken kraftvoll und entspannt an.

Liebe ermöglicht Wahrheit. Und Wahrheit befreit zur Liebe.

Das ist die Essenz des kurzen Predigtimpulses, den unsere junge Ordensschwester am nächsten Morgen im Gottesdienst gehalten hat. Sie redete von unserer Sehnsucht, geliebt zu werden. Und von unserer Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn unsere Wahrheit bekannt würde. Sie sprach vom ewigen Stress, die eigene Wahrheit verheimlichen und verdrängen zu müssen. Und sie sprach davon, was es denn bräuchte, um die Angst zu überwinden und diese eigene Wahrheit nicht nur wahrzunehmen, sondern auch wahr sein zu lassen: Liebe. Bedingungslose Liebe.

Natürlich hatte ich das alles auch schon gehört. Irgendwie reden sie ja alle davon. Aber diesmal war es anders. Diesmal stimmte es. Nicht weil sie es sagte. Nicht weil sie mich unbestritten in ihren Bann gezogen hatte. Nein. Ich hatte es selber erfahren. Irgendetwas hat mir den Rücken gestärkt und mir die Kraft gegeben, meiner Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Irgendetwas hat mich an meinen tiefsten Schmerz geführt und mich dabei nicht allein gelassen. Das Ganze war irgendwie fremd für mich. Ich wagte es noch nicht zu benennen. Aber es war real. Mein Rücken fühlte sich aufrecht an. Zum ersten Mal seit Monaten habe ich eine Nacht durchgeschlafen. Und meine Hand zitterte nicht, als ich schliesslich den Wagenschlüssel ins Zündschloss steckte.

Sie muss die Veränderung bemerkt haben. Ihr besorgter Blick war allmählich in ein leises Lächeln übergegangen, als sie bei der Abschlussrunde meinem hilflosen Bemühen lauschte, meine persönliche Betroffenheit vor den anderen zu verbergen. Nicht jeder müsse meine Wahrheit kennen, meinte sie, als sie mir zum Abschied die Hand schüttelte. Aber es gäbe sicher Menschen in meinem Leben, denen es sehr viel bedeuten würde. Ich solle meine Tochter herzlich grüssen.

Ich weiss nicht, was in diesem Moment in mich gefahren war, aber ich musste sie einfach umarmen. Und als ich kurz darauf mit meinem Wagen in die Allee einbog, die hinunter zur Landstrasse führte, sah ich sie im Rückspiegel auf der Treppe stehen. Einen Moment glaubte ich, sie winken zu sehen. Aber wahrscheinlich waren es nur die Ärmel ihrer grauen Strickjacke, die im Wind wehten. Dann war sie verschwunden und nur ein Hauch ihres Geruchs lag noch in meiner Nase.

*******

Ich konnte nicht schlafen. Aber diesmal war es anders als sonst. Ich kannte dieses Gefühl von früher, aus der Zeit, als ich meine Frau kennengelernt habe. Und zuletzt vor ein paar Jahren, als meine neue Kollegin an die Schule gekommen war.

Vorsichtig glitt ich aus dem Bett und legte mir meine Strickjacke um die Schultern. Meine Frau schlief tief und fest, als ich aus dem Schlafzimmer in mein Büro schlich und das Notebook öffnete. Und als ich den Namen der Nonne in die Google Maske tippte, war ich aufgeregt wie ein verschämter Teenager.

Das Ergebnis war enttäuschend. Neben ein paar Kursangeboten des Klosters waren da gerade mal zwei Artikel einer Lokalzeitung. Einer über ihre ersten Gelübde und einer über ihre Berufung zur Leiterin des Gästehauses. Auch Bilder gab es nur wenige: Ein Portrait-Foto von der Webseite des Klosters, ein Bild von den Gelübden im Kreise ihrer Mitschwestern und ein Bild von ihr mit einem Blumenstrauss, flankiert vom Bürgermeister und der Äbtissin des Klosters. Die nächsten Bilder zeigten alle möglichen Klosterfrauen mit ähnlichem Namen. Ich wollte schon aufgeben, als ich weiter unten auf ein Bild stiess mit einer attraktiven, jungen Frau in Begleitung eines älteren Mannes. Die Frau trug ein elegantes Kostüm und hatte lange Haare… aber ihr Blick hatte schon damals diesen wohlwollenden Ausdruck, der dir das Gefühl gibt, gemeint zu sein.

Das Bild stammte aus dem Jahresbericht einer Privatbank. Es handelte sich um die Würdigung der Gründerfamilie, die offenbar ihre ganzen Anteile abgetreten hatte, nachdem die Tochter und designierte Nachfolgerin des Direktors unerwartet aus dem Geschäft ausgestiegen war. In fiebriger Erregung scrollte ich durch den Artikel, der mit weiteren Bildern der Familiengeschichte illustriert war. Ein Foto aus der Zeit meiner Studienjahre zeigte die Familie vor einer prächtigen Villa. Im Zentrum stand eine würdevolle Dame mittleren Alters, die sich die Jacke ihres klassischen Twinsets elegant um die Schultern gelegt hatte. Rechts von ihr erkannte ich den Bankier vom ersten Bild, offenbar ihr Sohn, der damals noch sehr jung aussah. Sein Arm lag um die Hüfte einer Frau in einem modischen Hosenanzug, die ein kleines Mädchen auf dem Arm trug.

Mir war plötzlich kalt und meine Hand zitterte, als ich versuchte, das Bild zu vergrössern. Fassungslos starrte ich auf das Gesicht dieser Frau. Die Auflösung war schlecht und das Gesicht unscharf. Aber es gab keinen Zweifel. Ich würde sie aus Tausenden wiedererkennen.

Unwillkürlich klappte ich das Notebook zu, während sich um mich herum alles zu drehen begann…

Warum sie? X (eine Überlebende)

(Aus dem Tagebuch einer Domina)

Warum sie 10

Meine Mutter hat sich verliebt.

Es ist der erste Brief, den ich von ihr bekomme, seit fast acht Jahren. Warum schreibt sie mir das? Was will sie von mir? Warum kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich hatte ihr doch gesagt, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Mein Stiefvater war tot und mit ihr hatte mich schon lange nichts mehr verbunden.

Verdammt, ich will das nicht! Ich kann mir das nicht leisten! Noch so ein Aussetzer wie heute Nachmittag und ich kann meinen Job vergessen. Ein Safeword nicht zu respektieren, ist in unserem Business ein absolutes No-Go. Wenn sich das rumspricht, bin ich ruiniert. Mein Glück, dass meine Klientin kaum ein Interesse hat, irgendjemandem zu verraten, was sie bei ihrer „Steuerberaterin“ tatsächlich tut. Ich gehe nicht davon aus, dass sie meinetwegen ihre politische Karriere aufs Spiel setzen wird.

Aber wiedersehen werde ich sie wohl nicht mehr. Und den Ausdruck in ihren Augen, als sie mein Haus verlassen hat, werde ich so schnell nicht vergessen. Ich weiss nicht, wie lange ich würgend über der Kloschüssel gehangen habe, nachdem sie in ihrem teuren Wagen davongebraust war. Es war der gleiche Blick gewesen, den meine Mutter gehabt hatte, als sie mir damals frühmorgens vor dem Zimmer meines Vaters begegnet war.

Ich wusste, dass es nicht gut gehen konnte, seit diese elegante Dame zum ersten Mal vor meiner Tür gestanden ist. Sie ist jünger als meine Mutter, und wohl nur ein paar Jahre älter als ich. Ich mochte sie, irgendwie. Doch als sie heute wieder so da lag … Ich weiss nicht, was in mich gefahren war, als ich einfach ihr Zeichen ignorierte. Wie gebannt hatte ich zugeschaut, wie ihre Augen mich über den Knebel hinweg erst fassungslos und schliesslich in nackter Verzweiflung angestarrt hatten.

Scheisse, ja, ich hasse meine Mutter, aber doch nicht so!

Meine Mutter hatte mich nie geliebt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je so etwas wie zärtlich mit mir war. Klar, sie hatte alles getan, damit für mich gesorgt wurde und ich eine gute Ausbildung bekam. Aber Liebe, nein! Ich war doch überhaupt nur auf der Welt, weil sie einen Anlass gebraucht hatte, diese verdammte Kommune zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren. Mir war immer schon klar, dass ich in ihrem Leben eigentlich keinen Platz hatte, ja dass ich überhaupt in dieser Welt nichts verloren hatte. Ich war und bin genau so überflüssig wie mein Bruder und meine Schwester, die irgendwo in Boston in einem Mülleimer gelandet sind. Ich hatte einfach das Pech, dass ich gerade zufällig in die Lebensplanung meiner Mutter gepasst habe. Und ich dumme Kuh hatte mich noch jahrelang darum bemüht, dass sie stolz auf mich sei. Die vorbildliche Lehrerin sollte sich wegen ihrer Tochter nicht schämen müssen.

Oh ja, stolz war sie auf mich gewesen. So stolz, dass sie mich zwei Wochen nach meinem 18. Geburtstag für erwachsen genug gehalten hatte, um mich endlich mit ihrer verdammten Wahrheit zu konfrontieren. Was hatte sie sich bloss dabei gedacht? Dass ich ihr danke dafür, dass wenigsten ich leben darf? Hatte sie wirklich gehofft, ich würde ihr verzeihen und ihr ihre Schuldgefühle abnehmen? War ihr eigentlich klar, dass sie mir damit auch meinen Vater genommen hatte?

Es geschah ihr ganz recht, dass sie mich ein paar Wochen später beim Verlassen seines Zimmers ertappt hatte. Sollte sie nur glauben, dass ich mit ihm geschlafen habe. Ich hätte ja auch perfekt in sein Beuteschema gepasst. Sie brauchte ja nicht zu wissen, dass wir die ganze Nacht nur geraucht und über die Vergangenheit gesprochen hatten. Er hatte von seiner Jugend erzählt und mir seine alten Janis Joplin Schallplatten vorgespielt. Im Nachhinein hatte ich es fast bereut, dass ich nicht wirklich mit ihm im Bett war. Schliesslich hatte er ja bei sich im Labor einen Gentest machen lassen. Das Resultat war für keinen von uns eine Überraschung gewesen.

Eine Woche später war ich zum ersten Mal auf der Brücke gestanden. Es war allein der Hass, der mich schliesslich immer wieder zurückgehalten hatte. Dafür hätte mir dieser Zuhälter ein Jahr später um ein Haar die Entscheidung abgenommen. Er hatte Wind davon bekommen, dass ich und eine Kollegin begonnen hatten, in seinem Revier zu wildern und uns neben dem Studium etwas Taschengeld zu verdienen. Seine beiden Bodyguards hatten von mir alles genommen, was es zu holen gab. Meine Kommilitonin hatte mich schliesslich mehr tot als lebendig unter den Trümmern unseres kleinen Studios hervorgezogen und mit Hilfe einer Freundin in ein Frauenhaus gebracht.

Als ich wieder zu mir kam, sass ein Engel neben mir auf der Bettkante. Es war ein Mädchen, kaum 14, die mich besorgt musterte. Ihre “Flügel“ bestanden aus einer weissen Strickjacke, die sie sich um die Schultern gelegt hatte. Vorsichtig hatte sie meinen Kopf angehoben und mir einen Strohhalm zwischen die aufgeschlagenen Lippen geschoben. Und während ich langsam an dem warmen Tee nippte, sah ich das zweite Mädchen auf dem Bett nebenan sitzen. Sie lehnte in eine Wolldecke gehüllt an der Wand und ihre Augen schauten mich genau so leer und ausdruckslos an, wie ich mich fühlte. Das arme Kind war jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden, bis ihre Freundin, der Engel, sie überzeugen konnte, mit ihr in dieses Frauenhaus zu fliehen.

Während der drei Wochen, in denen ich dort Zuflucht gesucht hatte, war der Engel jeden Tag vorbeigekommen, um ihre Freundin und mich zu besuchen. Wie sie das neben der Schule geschafft hat, war mir ein Rätsel. Ebenso rätselhaft war für mich, woher dieses Kind sein Vertrauen und seine Kraft nahm. Eines Tages war sie mit mir in einem Park spazieren. Unser Weg führte an einer Parkbank vorbei, auf der betrunkene Jugendliche herumhingen. Ich war noch immer sehr schwach und fühlte mich plötzlich wie gelähmt vor Angst, als sich uns einer der jungen Männer in den Weg stellte. Er schien meine Begleiterin zu kennen und verhöhnte uns als Lesben. Doch mein Engel hatte einfach nur wortlos meine Hand gefasst und sich schützend vor mich gestellte. Fassungslos hatte ich zugeschaut, wie der Typ plötzlich ein Messer in der Hand hielt und dem Mädchen eine Haarlocke vom Kopf schnitt. Noch heute höre ich das grölende Gelächter, als mein Engel schweigend den Arm um mich legte und mich an der stolz präsentierten Trophäe ihres Peinigers vorbei von der Gruppe wegführte.

Erst als wir den Ausgang des Parks erreicht hatten, begann sich meine Lähmung zu lösen. Dafür glaubte ich plötzlich zu spüren, wie mein Engel zu zittern begann. Und bevor ich mich versah, hatte sich das Mädchen schluchzend an mich gedrückt und ihr Gesicht in meiner Brust vergraben. Einen Moment lang fühlte ich mich völlig hilflos, bis ich endlich meine Arme hob und zaghaft ihre bebenden Schultern an mich drückte. Ich konnte kaum glauben, was da geschah. Noch nie hatte jemand bei mir Trost gesucht. Noch nie hatte sich jemand von mir halten lassen. Zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich von jemandem gebraucht wurde… dass ich für jemanden wichtig war.

Eine Woche später, war ich nach London geflogen. Sie hatte mich an den Flughafen begleitet, wo sie mir zum Abschied ein kleines Holzkreuz geschenkt hat. Wieso sie bloss an all das glauben könne, hatte ich sie gefragt, wo sie doch selber täglich erlebe, wieviel Dreck, Bosheit und sinnloses Leid es in der Welt gäbe. Da hätte ich sicher Recht, aber immerhin gäbe es da ja auch noch mich, hatte sie mit ihrem unwiderstehlichen Strahlen geantwortet, bevor sie mich ein letztes Mal fest umarmt hat.

Mein Vater hatte mir an einer renommierten Business School einen Studienplatz besorgt, doch ich war bei meiner Ankunft noch so kaputt, dass mich seine Tante, bei der ich wohnen sollte, schon nach wenigen Tagen zu einer Bekannten ans Meer gefahren hat. Meine dortige Gastgeberin, eine richtige Lady, arbeitete offiziell als eine Art Lebensberaterin und gemessen an den schicken Wagen gehörte ihre meist weibliche Kundschaft zur besseren Gesellschaft. Körperlich hatte ich mich auf dem prächtigen Landsitz schnell erholt. Ich hatte Reiten gelernt und mich in meinen besseren Stunden durch die halbe Englische Literatur gelesen. Doch immer wieder hatten mich meine Geister auch oben auf die Klippen geführt.

Ich hatte in dieser Zeit wieder diesen Traum, den ich als Kind schon hatte: Da war ein Junge und ein Mädchen. Ich kannte sie nicht, und doch gehörten sie zu mir. Ich wollte mit ihnen gehen, aber immer waren sie verschwunden, im Dunkel, im Nebel, einfach weg. Intuitiv wusste ich schon immer, wer sie waren. Ich hatte auch sonst gelegentlich das Gefühl gehabt, dass ich nicht allein sei, dass da jemand hinter mir steht oder mich durch den Spiegel anschaut. Ich konnte mir noch lange einreden, dass es Unsinn war und dass ich selber gar nicht existieren würde, wenn auch nur einer von ihnen existiert hätten. Aber das befreite mich nicht von der quälenden Frage, warum ausgerechnet ich leben durfte… oder besser leben musste?

Es war ein kalter, grauer Tag, als ich wieder einmal oben an der Klippe stand und mit allem abgeschlossen hatte. Unter mir donnerte die Brandung gegen die Felsen und der Wind blies mir die salzig feuchte Meerluft ins Gesicht. Meine Knie zitterten und ich hatte bereits die Augen geschlossen um zu springen, als meine behandschuhten Finger in der Tasche meiner Daunenjacke plötzlich einen hölzernen Gegenstand umfassten. Und als ich mich nach einer Weile vorsichtig umdrehte, sah ich auf der Kuppe hinter mir die Lady, die mich vom Rücken ihres Pferdes aus beobachtete.

Ob sie mich einfach so hätte springen lassen, habe ich sie später einmal gefragt. Worauf sie nur meinte, es gäbe Entscheidungen im Leben, die mir niemand abnehmen könne. Sie hatte mich damals zu sich aufs Pferd gehoben und nach Hause gebracht. Und nachdem ich bei ihr im Salon nach einer Tasse Tee wieder etwas zu mir gekommen war, hatte sie mich unvermittelt gepackt und die Ärmel meiner Strickjacke zurückgeschoben. Ich wagte sie nicht anzuschauen, während sie wortlos die Schnitte an meinen Unterarmen desinfizierte und verband. Ich weiss nicht, wie lange ich mich damals an ihrer Brust ausgeweint hatte. Es war bereits dunkel, als ich mit ihrer Frage auf mein Zimmer ging: „Willst du wirklich leben?“ Sie sei keine Psychiaterin. Aber sie könne mir vielleicht helfen, mit meinen Gefühlen und meiner Gewalt umzugehen.

Am nächsten Morgen zeigte sie mir die diskreten Räume ihres Hauses, in denen sie ihre Kundinnen und Kunden zu empfangen pflegte. Und in den folgenden Monaten führte sie mich Schritt für Schritt in die Geheimnisse ihres Metiers ein. Sie half mir, jede Faser meines Körpers kennenzulernen und zu erforschen. Und sie brachte mir bei, meine Gefühle zu beherrschen und Angst, Ohnmacht und Schmerz gezielt und dosiert als Quelle der Lust zu verwenden, zuerst an mir selber, und dann allmählich auch an anderen. Dabei hatte ich vor allem eines gelernt: Wo die Grenzen sind und wo ich mich und andere vor selbstzerstörerischen Neigungen bewahren musste.

Nach drei Jahren hatte ich meinem Vater geschrieben, dass ich meinen Master in Business Administration erfolgreich abgeschlossen habe. Zu meiner Überraschung hatte er sogar geantwortet. Er sei stolz auf mich. Er hätte kürzlich einen kleinen Herzinfarkt gehabt, aber es gehe ihm wieder gut. Meine Mutter sei unterdessen Konrektorin geworden. Sie sei in letzter Zeit richtig aufgeblüht und habe jetzt einen neuen Lover, einen jungen Priester, den Seelsorger an ihrer Schule.

Drei Tage später sass ich in einem Mietwagen gegenüber dem Eingang ihres Gymnasiums. Mein Engel war gross geworden, eine richtige junge Frau. Ihren letzten Brief hatte ich vor zwei Jahren erhalten. Sie hatte darin begeistert von ihrem neuen Seelsorger erzählt, einem engagierten jungen Priester, mit dem sie endlich einmal über alles reden könne. Ich hatte ihr nie geantwortet. Was hätte ich ihr auch sagen sollen? Doch eines konnte ich für sie tun: Verhindern, dass sie ausgerechnet wegen meiner Mutter von diesem Arschloch enttäuscht wurde.

Als ich am nächsten Tag nach England zurückkam, war meine Lady tot. Man hatte sie am Fuss der Klippen gefunden, nachdem ihr Pferd alleine von einem Ausritt zurückgekommen war. Offiziell war es ein Unfall. Aber ich konnte am Rande des Abgrunds keine Pferdespuren finden. Plötzlich wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich von ihr wusste. Ich wusste nur, dass sie mir das Leben gerettet hatte, dass es Entscheidungen gab, die dir niemand abnehmen kann… und dass sie mir verdammt noch mal fehlte!

Wie sehr sie mir fehlte und wie sehr ich sie gleichzeitig aus meinem Leben verdrängt hatte, wurde mir heute schlagartig bewusst. Acht Jahre ist es her, seit ich nach dem Tod meines Stiefvaters zurückgekommen war und mich mit meinem Erbteil selbständig gemacht hatte. Und in all den Jahren, seit ich diesem Priester mein Knie in die … gerammt habe, hatte ich nie wieder die Kontrolle verloren. Ich hatte mir damals eingeredet, dass ich wusste, was ich tat, und dass ich es für das Mädchen getan habe. Aber als ich auf der Klippe gesessen war und in wütender Verzweiflung das hölzerne Kreuz in die Tiefe warf, in der meine Lady zerschellt war, wurde mir klar, dass es blanker, unkontrollierter Hass war: Hass auf meine Mutter, diese Hippie-Schlampe, die nun Grace Kelly spielte und in Kaschmir und Perlen über den Schulhof stolzierte. Und Hass auf diesen scheinheiligen Gottesmann, der letztlich auch nur ein Mann war, so wie diese Kerle, die mich damals…

Ich hatte mir geschworen… nein, ich hatte ihr geschworen, dass es nie mehr vorkommen werde. Und dann heute das: Dieser Moment, in dem ich das Safeword ignoriere und einfach weitermache. Dieses unheimliche Gefühl kalter Befriedigung beim Anblick der wachsenden Panik in den Augen dieser Frau. Dieser eisige Hass, der plötzlich den Verstand auszulöschen scheint. Und dann der Moment der Erkenntnis, des nackten Entsetzens, wenn du wie von aussen den Hass in deinen eigenen Augen zu sehen meinst.

Verdammt, wie konnte das passieren? Ich hatte mir solche Mühe gegeben, all die Jahre. Ich wollte, dass du stolz auf mich bist. Du warst für mich die Mutter, die ich nie hatte. Du hast an mich geglaubt. Doch ich habe dich enttäuscht. Ich habe versagt! Schon wieder versagt, so wie damals. Es ist vorbei. Ich kann das nicht mehr. Ich kann mir nicht mehr trauen. Ich hatte ganz vergessen, wie gut sich das anfühlt: Die Rasierklinge auf meinem Unterarm. Wie sehr sehne ich mich nach deinen sanften Händen, die meine Wunden verbinden. Und nach deiner Brust, um meine Tränen zu weinen.

Scheisse, ich kann nicht mehr! Warum hast du mich einfach so verlassen?

*******

„Ich war eine beschissene Mutter.”

Die Spuren der Tränen auf ihrer seidenen Bluse und das Zittern ihrer gepflegten Hände, die mit dem silbernen Besteck an ihrem Steak arbeiteten, hatten meine letzten Zweifel zerstreut. Natürlich hatte ich mich gefragt, was die Stadträtin von mir wollen könnte, als sie mich vor zwei Tagen völlig überraschend angerufen und zum Essen eingeladen hat. Aber wenn sie sich meines Schweigens versichern wollte, warum sollte sie mich ausgerechnet in dieses noble Restaurant einladen? Nein, es schien ihr völlig egal zu sein, ob jemand sie mit mir zusammen sehen würde.

„Ich habe meine Tochter umgebracht“, hatte sie schliesslich gesagt, nachdem die Bedienung ihren halbvollen Teller abgeräumt hatte. Sie sei völlig blind gewesen. Immer dann, wenn ihre Tochter sie am meisten gebraucht hätte, sei sie mit ihrer beruflichen und politischen Karriere beschäftigt gewesen. Und in der übrigen Zeit hätte sie ihr schlechtes Gewissen beruhigt und das Mädchen mit einer Überfülle von dem erstickt, was sie für Liebe gehalten habe. Tag und Nacht verfolge sie der ausdruckslose Blick der gebrochenen Augen, seit sie ihre Tochter mit einem Strick um den Hals auf dem Dachboden gefunden hatte. Kein Wort habe sie gesagt, keine Vorwarnung, keine Drohung, kein Brief, einfach nichts.

Darum sei sie schliesslich zu mir gekommen: Sie habe sich bestrafen wollen und wohl unbewusst auch das Risiko eines Skandals gesucht, der ihre teuer erkaufte Karriere ruinieren würde. Doch erst als ich neulich ihr Safeword ignoriert habe und sie in ihrer Panik plötzlich den nackten Hass in meinen Augen sah, sei ihr klar geworden, was sie wirklich gesucht habe. Wer immer diesen Hass in mir entfacht habe, sie habe ihn in diesem Moment gebraucht, genauso, wie meinen verzweifelten Blick voller Sorge und Trauer, als sie mein Haus verlassen habe. Ich hätte den toten Augen ihrer Tochter noch einmal einen Ausdruck verliehen, der sie auf geheimnisvolle Weise mit ihr versöhnt habe. Und dafür wolle sie mir danken.

Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte, als ich am Abend bei mir auf dem Sofa die Wunden an meinen Unterarmen pflegte und auf die Visitenkarte starrte, die vor mir auf dem Tisch lag. Die Stadträtin hatte eine Stiftung gegründet, die sich um suizidgefährdete Jugendliche kümmert. Und sie war auf der Suche nach einer Geschäftsführerin. Ich solle mir Zeit nehmen. Sie würde sich über meinen Anruf freuen, so oder so.

Wir mussten ein seltsames Paar abgegeben haben: Sie, die elegante Dame mit der exquisiten Kaschmir-Stola über dem schicken Kostüm und ich in meinem langärmligen Shirt und der Lederjacke. Das hatte sie aber nicht daran gehindert, mich zum Abschied spontan zu umarmen. „Immerhin gäbe es da ja auch noch mich“, hörte ich aus meiner Erinnerung eine Stimme sagen, als ich das Strahlen in ihren Augen sah.

Was mochte bloss aus dem Engel geworden sein, dachte ich mir, als ich mich in meine Wolljacke kuschelte und es mir auf dem Sofa bequem machte. Unterdessen war es zu spät, um noch anzurufen. Und so gab ich mich ganz der Stimme von Janis Joplin hin, deren Platten ich mir damals aus dem Nachlass meines Vaters gesichert hatte. Er wollte beerdigt werden wie sie: Die Asche verstreut über dem Meer, irgendwo über seiner geliebten Nordsee. Zum ersten Mal spürte ich eine leise Sehnsucht in mir, ihn dort einmal zu besuchen.

Ich war eingedöst, als das Smartphone in der Tasche meiner Strickjacke zu vibrieren begann. Ich könnte nicht sagen warum, aber ich wusste sofort, wer es war, noch bevor ich aufs Display geschaut habe.

Warum sie? IX (die Konrektorin)

(aus den Urlaubsaufzeichnungen einer Witwe)

Warum sie 9

Ich hätte nie gedacht, dass es mir so viel ausmachen würde.

Es war sein Wille gewesen. Er hatte nie mit mir darüber gesprochen. Ich hatte es erst beim Öffnen seines Testaments erfahren.

Ich hatte nicht wirklich verstanden warum. Aber ich hatte mir damals auch nicht gross Gedanken darüber gemacht. Die Nordsee war unsere gemeinsame Liebe, die einzige vielleicht, die uns noch geblieben war. Hier über der Weite des Wattenmeeres wollte er sein Asche verstreut haben. Unser Freund, ein alter Fischer vom Ort, hatte mich in seinem Boot hinausgefahren. Die See war aufgewühlt und es hatte leicht zu regnen begonnen, als ich die Asche dem Wind übergeben habe. Zurück in der kleinen Pension am Hafen hatte ich mir einen Grog genehmigt. Und dann eine zweiten, einen dritten…

Als ich aus meinem Rausch erwacht war, war das Meer verschwunden. Die Vögel drehten kreischend ihre Kreise über dem grüngrauen Watt, dessen modrig salziger Geruch in mein Zimmer drang. Der trübe, regenverhangene Himmel schien am Horizont mit der Erde zu verschmelzen und die Fischkutter wirkten elend und verlassen auf dem schlammigen Grund des Hafens. Ich musste mich übergeben, einmal, zweimal, immer wieder.

Acht Jahre sind seither vergangen. Der Fischkutter unseres Freundes ist verschwunden. Er war vor fünf Jahren verstorben und sein Sohn hatte das Boot verkauft. Aber ansonsten war alles wie immer. Wie jeden Herbst, wenn ich hierher kam, um…

Ja warum eigentlich? Was führte mich immer wieder an diesen Ort zurück? Es gab hier nichts für mich. Kein Grab, keinen Ort um zu lieben und keinen Ort um zu hassen. Er war einfach verschwunden, ohne Ankündigung und ohne Abschied. Ein Herzinfarkt, unerwartet, wie aus dem Nichts, irgendwann mitten in der Nacht, im Bett einer seiner jungen Geliebten. Er hatte mir nichts gelassen… ausser der Erinnerung und dem Schmerz.

Ich war gerade 16 geworden, als wir uns kennengelernt hatten. Wir hatten den Sturz von Präsident Nixon gefeiert und ich war ziemlich stoned. Ich hatte nicht viel mitbekommen, als er es mit mir gemacht hat. Am nächsten Tag sah ich das Blut und war froh, dass es endlich geschehen war. Endlich gehörte ich dazu. Ich hatte die spöttischen Fragen und Kommentare meiner Freundinnen nicht mehr ausgehalten.

Er war zehn Jahre älter als ich, sah unglaublich aus mit seinem wilden Bart und den langen Haaren, und hatte so nebenbei bereits einen Doktor in Biochemie gemacht. Wir hatten zusammen Marx gelesen, über Philosophie diskutiert, Marihuana geraucht und stundenlang Janis Joplin gehört. Dass er nebenbei auch mit anderen Frauen Sex hatte, war für mich normal. Es anders zu empfinden, wäre spiessig gewesen.

Dass ich damals trotz Drogen, Sex und Rock ‘n Roll noch meine Reifeprüfung geschaffte hatte, habe ich wohl meinen Eltern zu verdanken. Wie oft hatte mich meine Mutter morgens mit sanfter Gewalt aus dem Bett geholt und mir geduldig geholfen, die Spuren meiner nächtlichen Exzesse zu beseitigen. Und wie viele Stunden war mein Vater mit mir am Tisch gesessen und hatte mich bei den Mathematikaufgaben unterstützt. Dass das für einen lutherischen Pastor mit einer grossen Gemeinde nichts selbstverständlich war, war mir erst bewusst geworden, als ich Jahre später an seinem Grab stand. Meine Eltern hatten sich nie beklagt. Auch nicht an dem Tag, als ich mit meinem Rucksack aufgebrochen war, um mit meinem Freund in die USA auszuwandern. Noch heute sehe ich die beiden Hand in Hand auf der Treppe zum Pfarrhaus stehen. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen und mein Vater machte eine seltsame Geste, die ich erst Jahre später begriff, als ich unseren katholischen Schulseelsorger den Segen spenden sah.

Zwei Jahre hatten wir in einer Kommune bei Boston gelebt, wo mein Held Assistenzprofessor am MIT war. Ich hatte versucht, an der Universität Philosophie zu studieren. Aber es war beim Versuch geblieben. Als wir ankamen, war ich noch nicht einmal 20 gewesen. Ich hatte entsetzliches Heimweh gehabt und schämte mich für meine spiessigen Gefühle. Das war wohl auch der Grund, warum ich mich besonders rückhaltlos auf das Leben der Kommune eingelassen hatte. Schon nach zwei Monaten hatte ich meine erste Abtreibung, und noch im selben Jahr die zweite. Zum Glück lebte auch ein Arzt mit uns zusammen. Mindestens drei Frauen hatten sich gebrüstet, Kinder von ihm zu haben, und auch meine zweite Schwangerschaft hatte ich wohl ihm zu verdanken.

Mein Partner hatte von all dem nichts mitbekommen. Erst als ich zum dritten Mal schwanger wurde, hatte ich es ihm gesagt. Ich hatte dieses Leben nicht mehr ausgehalten und wollte zurück nach Deutschland. Ich weiss nicht, ob er wirklich allein wegen des Kindes mit mir gekommen wäre, wenn da nicht dieses lukrative Stellenangebot einer deutschen Uni gewesen wäre. Er hatte sich ja leicht ausrechnen können, dass er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht der Vater war. Ich hätte es ja selber nicht sagen können. Mindesten drei andere wären in dieser Zeit auch dafür in Frage gekommen, wobei der jüngste gerade mal 18 und der älteste 62 war.

Alle Versuche, nach der Geburt meiner Tochter ein zweites Kind von ihm zu bekommen, waren in den folgenden Jahren fehlgeschlagen. Und nach der zweiten Fehlgeburt hatte ich mich sterilisieren lassen. Kurz danach hatte ich mein Studium abgeschlossen und meine erste Stelle als Deutsch- und Philosophielehrerin an einem Gymnasium übernommen. Wir waren seit einem Jahr zivil verheiratet und hatten uns mit dem stattlichen Einkommen meines Mannes am Stadtrand ein Haus mit Garten gekauft. Sein Bart und die langen Haare waren allmählich kürzer geworden, im Kleiderschrank hatte Anzüge und Krawatten Einzug gehalten und statt Janis Joplin erfüllten Mahler-Symphonien unser gediegenes Wohnzimmer. Und zu meinem vierzigsten Geburtstag hatte ich mir anlässlich meiner Beförderung zur Konrektorin ein exquisites, weinrotes Kaschmir-Twinset gekauft, zu dem ich endlich die Perlenkette zu tragen wagte, die ich von meiner Mutter geerbt hatte.

Vieles hatte sich mit den Jahren verändert, doch eines war gleich geblieben: Die Vorliebe meines Mannes für junge Frauen. Wir hatten nie darüber gesprochen. Irgendwie war es einfach klar: Ich stellte keine Fragen und er stellte keine Fragen. Und so hatten wir beide unser Leben gelebt zwischen Momenten geistiger Intimität beim gemeinsamen Geniessen eines guten Essens oder einer Symphonie und Momenten körperlicher Intimität beim Sex mit unseren wechselnden Partnern.

Ich hatte lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass es eigentlich die Hölle war. Noch während der Zeit in Boston war meine Mutter gestorben. Sie hatte ihre Kriegstraumata nie überwunden. Und nur drei Jahre später war mein Vater beim Kirschenernten im Garten des Pfarrhauses von der Leiter gefallen. Um die Eltern gross zu trauern, hatte ich mir damals nicht erlaubt. Sie gehörten zur Vergangenheit, die es zu überwinden galt. Die Zeit forderte die Entgrenzung der Beziehungen, die Befreiung von Elternhaus und Religion. Die Ideologie siegte über die Gefühle. Dass mich dennoch eine schreckliche Einsamkeit quälte, war nur ein Beweis mehr, wie sehr ich selber noch in bürgerlichen Schemata gefangen war.

Und dann stand ich eines Tages plötzlich diesem jungen Priester gegenüber, dem neuen Schulseelsorger unseres Gymnasiums. Ich wusste sofort, dass er mein Leben verändern würde. Er sah fantastisch aus, wobei es vor allem dieser Hauch schüchterner Verklemmtheit war, der mich in seinen Bann zog. Ich mochte seinen nervösen Eifer, in den er regelmässig verfiel, wenn ich ihn in philosophische Diskussionen über Gott verwickelte. Ich genoss die Macht, die ich über ihn hatte… bis zu dem Tag, an dem er seine Mutter beerdigte: Die besondere Atmosphäre am Grab, seine Stimme, seine Worte, die Erinnerung an meinen Vater. Ich weiss nicht was es war. Ich weiss nur, dass es mich nicht losgelassen hat und dass ich mitten in der Nacht aufgestanden war, um die alte Familienbibel meines Vaters aus dem Keller zu holen.

Und dann war da diese Schülerin, die „Heilige“, wie ich sie zu nennen pflegte. Sie war bei mir im freiwilligen Leistungskurs Philosophie. Das Mädchen war fasziniert von Hegel und Nietzsche und ich konnte kaum glauben, dass sie es war, von der mir mein Priesterfreund immer öfter erzählt hatte: Sie wolle Ordensfrau werden. Für sie sei das völlig klar. Sie wisse nur noch nicht, in welcher Gemeinschaft es sein werde. Wir hielten das beide für einen jugendlichen Spleen. Und doch hatte sie uns beide mit ihrer Überzeugung und Natürlichkeit in ihren Bann gezogen. Zuerst hatte ich geglaubt, dass sie einfach all das verkörperte, was meine Tochter nicht war. Doch als ich zum ersten Mal ihrem Beispiel folgte und mir die Jacke meines Twinsets elegant um die Schultern drapierte, wurde mir klar, dass sie vor allem das verkörperte, was ich nie gewesen war. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, diese junge Frau zu verstehen. Was hat ihr diese Kraft und innere Freiheit gegeben? Sie, die in grösster Selbstverständlichkeit all das lebte, von dem wir uns um der Freiheit Willen krampfhaft befreit zu haben schienen.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hatte ich mich eines Morgens zu meiner eigenen Überraschung sagen hören, als ich mit dem jungen Priester im Arm in meinem Bett lag. Plötzlich schien sich die Schleuse meiner Sehnsucht geöffnet zu haben, die ich jahrelang verzweifelt verrammelt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte es mir wirklich etwas bedeutet, mit einem Mann zu schlafen. Zum ersten Mal überhaupt war es mehr als nur konsensuelle Selbstbefriedigung.

Umso grösser war der Schock, als ich eines Tages meinen Geliebten vor Schmerzen gekrümmt auf dem Boden seines Sprechzimmers vorgefunden habe, nachdem ich vom Fenster meines Büros aus meine Tochter hatte über den Schulhof eilen sehen. Wie konnte sie es wagen? Wie konnte sie mir das antun? Was ging sie mein Leben an? Ausgerechnet sie, die ich vor Jahren einmal eines Morgens zusammen mit ihrem Vater…

Sie hatte alles zerstört. Er könne nicht so weitermachen, hatte er behauptet. Er wolle seiner Berufung treu bleiben. Es sei ein Fehler gewesen. Er hätte mir das nicht antun dürfen. Es tue ihm leid.

In der Tat, das hätte er mir nicht antun dürfen: In mir die Liebe zu entfesseln und mich dann einfach so fallen zu lassen. Ich fühlte mich meinen Gefühlen so hilflos ausgeliefert wie ein enttäuschter Teenager. All die Ideologien und Sprüche, mit denen ich mich mein Leben lang verleugnet und betrogen hatte, waren plötzlich zu zynischen Phrasen verkommen. Ja, verdammt, ich liebte, und es tat weh, höllisch weh. Und es war mir scheissegal, ob das nun spiessig war oder nicht. Ich liebte mein Leben, mein Haus, mein Kaschmir-Twinset und die Perlen. Und ich liebte einen Mann, den ich nicht haben konnte. Und darum liebte ich auch meinen Hass. Es war mein Gefühl und ich hatte ein verdammtes Recht auf dieses Gefühl. Und wer immer damals das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte, mein Priester hätte ein Verhältnis mit der „Heiligen“, es hätte durchaus eine Frucht meines Hasses sein können.

Ich habe ihn nie mehr gesehen, seit er damals mit Tränen in den Augen das Büro des Rektors verlassen hatte. Mein Mann hatte zu dieser Zeit eine Einladung für ein Forschungssemester und ich hatte spontan meinen Bildungsurlaub genommen und ihn in die Staaten begleitet. Als ich zurückkam, hatte die „Heilige“ die Schule abgeschlossen. Ich hatte erfahren, dass sie wegen Depressionen in der Klinik sei und nach etlichen schlaflosen Nächten hatte ich mich durchgerungen, sie zu besuchen. Sie hatte sich so gefreut, mich zu sehen, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte. Ob ich etwas von unserem Seelsorger gehört hätte? Es täte ihr leid, dass ich ihretwegen einen lieben Freund verloren hätte. Und ob ich wisse, wie es meiner Tochter gehe? Ich solle sie herzlich grüssen.

Nein, ich wusste es nicht. Und ich weiss es auch heute nicht. Der Schmerz darüber hat mich mit aller Gewalt eingeholt, als ich heute Nachmittag am Strand dieser jungen Joggerin begegnet bin. Ich war förmlich erstarrt, als ich sie von weitem kommen sah. Die Silhouette, die Bewegungen, die im Wind wehenden Haare. Natürlich war es Unsinn. Wieso hätte sie auch hier sein sollen, wo sie doch die Nordsee hasste. Aber das Gefühl war keine Täuschung: Da war Angst, ja, aber auch eine unerwartete, freudige Erregung, die sich vor allem in der Enttäuschung äusserte, als die junge Frau ohne mich anzublicken an mir vorbeirannte.

Ich weiss nicht, wie lange ich weinend auf diesem Stein sass, während sich das Meer langsam von mir zurückzog. Ja, sie fehlt mir, mehr als ich es mir je einzugestehen wagte. Und mit ihr die beiden älteren Geschwister, ein Junge und ein Mädchen. Davon war sie immer überzeugt gewesen, seit ich ihr von den Abtreibungen erzählt hatte. Mein Gott, wie naiv war ich zu glauben, dass sie mit 18 einfach so damit umgehen könnte. Warum nur musste ich es ihr erzählen? Hatte ich gehofft, sie würde mich von den nagenden Schuldgefühlen befreien, die mich bis heute immer wieder einholen? Hatte sie darum mit ihrem Vater… aus Rache?

In Momenten wie diesem hasste ich ihn. Warum hatte er mir nicht wenigstens sein Grab gelassen, einen Ort der Begegnung, einen Ort zum Lieben und einen Ort zum Hassen, eine letzte Zuflucht in meiner Einsamkeit? All die Jahre über hatte er mich immer wieder gehalten. Und doch liess er sich selber nicht halten, von nichts und niemandem, und schon gar nicht von mir. Immer wieder war er gekommen mit der kraftvollen Frische der Flut. Und immer wieder war er mit der Ebbe verschwunden und hatte eine modrig schlammige Leere zurückgelassen. Eine Leere, die ich verzweifelt zu füllen suchte, und die dadurch immer nur noch modriger und noch schlammiger geworden war.

„Gott segne Sie!“, hatte mir die „Heilige“ hinterhergerufen, als ich damals in der Klinik gegen die Tränen kämpfend ihr Zimmer verlassen hatte.

Wenn ich nur glauben könnte wie sie!

*******

Ob ich mit ihm hinausfahren wolle, hatte der Mann mich gefragt, als ich heute auf der Hafenmole gedankenversunken die steigende Flut betrachtete. Er mochte Mitte sechzig sein, trug einen dicken weissen Wollpullover, einen gepflegten, grauen Seemannsbart und eine gestrickte Mütze. Er hatte einen kleinen Fischkutter, mit dem er mich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder hinaus aufs Wattenmeer brachte.

Das Wetter war schon seit Tagen grau und feucht, und immer wieder wehte der Wind mir ein paar Regentropfen ins Gesicht. Die Küste schien bald in weiter Ferne und vor mir lag das wogende Meer in seiner unheimlichen Grenzenlosigkeit. Unwillkürlich zog ich mein Kaschmir-Tuch enger um die Schultern, während ich hörte, wie das sanfte Tuckern des Dieselmotors stoppte. Nachdem mein Begleiter mir einen gelben Ölmantel gebracht und umgelegt hatte, schauten wir schweigend über die graugrünen Wellen zum Horizont und wärmten unsere Hände an einem Grog.

Seine Frau ruhe hier draussen, hörte ich ihn schliesslich sagen. Seit fünf Jahren fahre er immer einmal im Monat hier hinaus. Vierzig Jahre seien sie verheiratet gewesen. Ob ich Janis Joplin kenne? Seine Frau sei ein grosser Fan von ihr gewesen. Janis habe ihr das Leben gerettet. Ihre Musik habe ihrem Leiden eine Stimme gegeben. Aber nicht nur das. Von dem Tag an, als sie erfahren habe, dass Janis an einer Überdosis Heroin gestorben sei, habe sie selber aufgehört, Drogen zu nehmen… nicht einmal mehr einen kleinen Grog von Zeit zu Zeit. Dafür habe sie ihm fünf Kinder geschenkt. Seine jüngste Tochter käme manchmal mit, wenn er mit dem Boot hinausfahre. Die anderen hätten dafür kein Verständnis. Ihnen fehle das Grab ihrer Mutter. Aber sie hatte es so gewollt… so wie Janis eben. Ob ich auch Familie habe?

Der Dieselmotor des Bootes musste heftig arbeiten, als wir im letzten Moment bei beginnender Ebbe wieder Richtung Hafen fuhren. Es regnete immer noch leicht, doch über der Küste war zum ersten Mal seit Tagen die Sonne durchgebrochen. Vermutlich lag es einfach nur an den beiden Grog, aber ich wusste nicht, ob ich nun hemmungslos weinen oder lachen sollte, als wir uns umdrehten und den Regenbogen über dem Wattenmeer entdeckten. Mein Gott, es war einfach zu kitschig…

Warum sie? VIII (der Schulseelsorger)

(aus dem geistlichen Tagebuch eines Priesters, Jahresexerzitien im Kloster)

Warum sie 8

Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äussersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen.
Ps 139, 7.9-10

Ja, mein Gott, wie konnte ich das vergessen! Hatte ich wirklich geglaubt, ich könnte einfach so weglaufen und weiterleben, als ob nichts geschehen wäre? Ich hätte es wissen müssen: So leicht lässt DU mich nicht davonkommen.

Ich hatte sie zuerst gar nicht wahrgenommen. Es war eine der Nonnen, die wie jeden Morgen im Gästesaal des Klosters für unser Frühstück sorgten. Ich war versunken in mein dumpfes Schweigen und nippte abwesend an meinem Kaffee. Erst als die dunkle Gestalt in der weissen Schürze unvermittelt in ihrer Bewegung innehielt, wurde ich auf sie Aufmerksam. Sie schien ebenso überrascht wie ich. Fassungslos starrte ich in diese Augen, die mich immer so fasziniert hatten, seit ich sie vor 15 Jahren zum ersten Mal gesehen hatte.

Sie hatte sich schneller gefasst als ich und das Blut kehrte bereits wieder in ihre glühenden Wangen zurück, als sie mir lächelnd den Kaffee nachfüllte. Ich wollte etwas sagen, wusste aber nicht was. Und als ich wieder einigermassen denken konnte, war sie bereits mit dem Geschirrwagen in die Klausur verschwunden.

An ein gesammeltes Beten und Meditieren war natürlich nach diesem Schock nicht mehr zu denken. Mein Versuch, in der Kapelle etwas zur Ruhe zu kommen, war kläglich gescheitert. Und nachdem mir auch in meinem Zimmer die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, hatte ich mich kurzerhand vom Mittagessen abgemeldet und mich auf eine Wanderung geflüchtet… wohl auch aus Angst, ihr wieder zu begegnen.

Sie hat es also tatsächlich getan. Ich hatte ihr damals nicht geglaubt, als sie als Schülerin zu mir in die geistliche Begleitung gekommen war. Mädchen, die mit gerade mal 15 Jahren ins Kloster wollen, vor allem, wenn es noch verwöhnte Kinder reicher Bankiers sind, haben irgendein Problem: Der Vater, die Mutter, die Pubertät. So wie die kleine Therese von Lisieux. Die erschien mir auch immer irgendwie gestört, als ich ihre Erinnerungen las.

Doch was ist, wenn ich mich getäuscht habe? War ich damals wirklich offen, eine echte Berufung zu erkennen? Ich hatte gerade mein erstes Jahr als Priester hinter mir, als ich die Stelle als Seelsorger in der renommierten Schule angetreten habe. Der Elan der Weihegnade war schnell verflogen und eine gewisse Ernüchterung und Frustration hatte bei mir Einzug gehalten. Und daran war nicht nur die Krebserkrankung meiner Mutter schuld, wie ich mir lange versucht hatte einzureden. Nach einem Jahr als Vikar in einer Gemeinde waren meine Ideale zerbrochen, und mit ihnen der Glaube ans Gute im Menschen… und der Glaube an die Liebe in Gott.

Natürlich wollte ich das nicht wahrhaben. Ich tat alles, um meine Krise hinter frommem Aktivismus zu verbergen, vor den anderen und vor allem auch vor mir selber. Was mir an innerer Sicherheit fehlte, habe ich durch äussere Radikalität wettgemacht. Das hat mir viel Bewunderung eingebracht, vor allem von Seiten der Schüler, von den gläubigen ebenso wie von manch anderen, denen meine Entschiedenheit imponiert hat. Einige der Lehrerkollegen aber hatten mich deswegen verachtet und mir das durch systematisches Ignorieren oder durch dauernde zynische und ironische Bemerkungen zum Ausdruck gebracht.

Zur Gruppe der Letzteren hatte auch die Konrektorin gehört. Nie werde ich den verächtlichen Ausdruck in ihrem Lächeln vergessen, als sie mir an meinem ersten Arbeitstag im Büro des Rektors vorgestellt worden war. Die attraktive Mittvierzigerin trug einen langen Wollmantel um die Schultern gelegt und hatte sich nicht die Mühe gemacht, den feinen Lederhandschuh auszuziehen, um mich zu begrüssen. Sie hatte mich zum Mittagessen in der Kantine eingeladen, und bei dieser Gelegenheit hatte ich nicht nur erfahren, dass sie neben ihren Aufgaben in der Schulleitung auch noch Deutsch und Philosophie unterrichtete, sondern auch, dass sie eine überzeugte Atheistin sei und ich deshalb sicher verstehen würde, wenn sie für meine Stelle an der Schule nicht allzu viel Interesse aufbringen könne.

Umso mehr Interesse schien sie in der Folge für mich aufzubringen. Immer wieder begegneten wir uns zufällig im Lehrerzimmer oder in der Kantine. Und bei jeder Gelegenheit forderte sie mich heraus mit ironischen Bemerkungen oder sonst einer subtilen Boshaftigkeit. Und immer, wenn sie sich in der Mittagspause dazu entschloss, sich mit ihrem Essen zu mir zu setzen – was mit der Zeit erstaunlich oft der Fall war – verwickelte sie mich früher oder später in eine philosophische Diskussion über die Sinnlosigkeit des Gottesglaubens. Ich fand sie unendlich dumm und bestrafte sie innerlich mit Verachtung, musste aber mit Erstaunen feststellen, dass ich allmählich begann, mit einer gewissen Erregung nach ihr Ausschau zu halten, wenn ich die Schule betrat.

Ich war ebenso überrascht wie berührt, als ich sie bei der Beerdigung meiner Mutter unter den Trauernden am Grab entdeckte. Ich hatte sie zuerst gar nicht erkannt, da sie zu dem eleganten schwarzen Kostüm einen Hut mit Schleier trug. Sie hatte ihren Handschuh ausgezogen, als sie mir schliesslich die Hand gab. Ich hätte schwören können, in ihren Augen hinter dem feinen Netz eine Träne zu erkennen. Aber sie hatte sich einer näheren Betrachtung entzogen, indem sie mich kurzerhand umarmt hat. Verblüfft und betört vom feinen Duft ihres Parfüms hatte ich zugeschaut, wie sie an der Schlange der Kondolierenden vorbei zwischen den Gräbern davoneilte.

Einen Monat später stand ich an einem Freitagabend mit einem Strauss Blumen vor der Tür ihres Hauses. Sie hatte mich zum Essen eingeladen und meine Hand zitterte leicht vor Aufregung, als ich die Klingel betätigte. Und sie zitterte erst recht, als ich ihr die Hand gab. Sie trugen einen knielangen, dunkelgrauen Wollrock und ein weinrotes Kaschmir-Twinset, dessen Jacke bis auf die zwei obersten Knöpfe geschlossen war und von einer Perlenkette abgerundet wurde.

Der Tisch in dem stilvollen Salon war nur für zwei Personen gedeckt. Ihr Mann, ein renommierter Professor für Biochemie, sei auf einer Konferenz in Boston. Und ihre Tochter weile für ein Auslandsemester in London. Meine Gastgeberin erwies sich als ausgezeichnete Köchin und der Wein war derart gut, dass wir schon bald bei der zweiten Flasche waren. Irgendwann waren die Knöpfe ihrer Strickjacke offen und ihre Wangen glühten rosig im dezenten Licht, als sie mir zuhörte, wie ich von meiner Mutter erzählte. Die Glocke der nahen Kirche schlug 10 Uhr, als sie mich einlud, es mir in der Bibliothek bequem zu machen, während sie das Geschirr in die Küche trug. Sie würde uns noch einen Tee kochen.

Ich war so vertieft in die Betrachtung einer wunderbaren, alten Lutherbibel, die dort auf einem Holzständer aufgeschlagen lag, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie sie hinter mir den Raum betreten hat. Erst der feine Duft ihres Parfüms und die leise Berührung ihres Armes, liess mich gewahr werden, dass sie plötzlich neben mir stand. Sie hatte sich die Jacke des Twinsets um die Schultern gelegt und schaute mit einem traurigen Blick an mir vorbei auf die Bibel. Gebannt sah ich zu, wie sie sorgfältig aber entschieden das Buch zuklappten und sich zu mir umdrehte. Die weissen Perlen funkelten im Licht der Lampe, während sich ihre Brust im Rhythmus des Atems gegen das feine Kaschmir drängte. Und als ich den Blick hob, war die Trauer in ihren Augen einem seltsamen Ausdruck gewichen, den ich nicht recht deuten konnte. „Tee oder Whisky, Herr Pfarrer?“, durchbrach ihre sanfte Stimme schliesslich die knisternde Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hörte ich sie nachdenklich sagen, als ich ein paar Wochen später wieder einmal mit dem Kopf an ihrer Brust aufgewacht war. Ihre Augen hatten versonnen an die Decke gestarrt, während durch das offene Fenster der morgendliche Gesang der Vögel ins Zimmer drang. Sie wirkte erschöpft. Ihre strähnigen Haare zeugten von einer intensiven Nacht und ihr ungeschminktes Gesicht verriet gnadenlos, was sie täglich mit einiger Sorgfalt zu verbergen suchte. Langsam hatte ich mich von ihr gelöst, nachdem ich einmal mehr feststellen musste, dass ihr Mund am Morgen schal schmeckte. Dafür mochte ich den weichen Morgenmantel ihres Gatten, den dieser mir persönlich zu Verfügung gestellt hatte. Der Mann war eine Koryphäe auf seinem Fach und sehr gefragt als Redner bei Konferenzen rund um den Globus. Er mochte mich und fand es gut, dass seine Frau nicht so oft alleine war und zwischendurch anregende Gesellschaft im Haus hatte. Ich weiss bis heute nicht, ob er wirklich so naiv war, oder ob es ihm einfach egal war. Für ersteres würde sprechen, dass offenbar auch sonst niemand auf den Gedanken gekommen war, in der Beziehung zwischen dem jungen Priester und der fast zwanzig Jahre älteren Dame mehr als eine geistliche Freundschaft zu vermuten. Bis heute kränkt mich irgendwie der Gedanke, dass selbst meine Feinde mir offensichtlich nicht mehr zugetraut hatten.

Mit „sie“ hatte die Konrektorin damals meine fromme Schülerin gemeint, die „Heilige“, wie sie diese spöttisch zu nennen pflegte, seit dem ich ihr immer wieder von ihr erzählt hatte. Die junge Frau, die unaufdringlich aber konsequent ihren Glauben lebte und sich neben der Schule aufopferungsvoll um eine Schulfreundin kümmerte, hatte uns beide in ihren Bann gezogen. Mich, weil sie mich dauernd leidvoll an meine eigene Berufung erinnerte. Und die Konrektorin, weil diese sich nicht entscheiden konnte, ob sie die „Heilige“ nun als Rivalin oder als heimliches Vorbild betrachten sollte. Der Umstand, dass sie eines Tages begonnen hat, den Stil der Jungen zu imitieren und ihre Strickjacken auch an der Schule elegant um die Schultern drapiert zu tragen, erschien mir auf diesem Hintergrund wie eine perfekte Illustration von René Girards mimetischer Theorie.

Auch an dem Tag, an dem sie atemlos in mein Sprechzimmer gestürzt kam, wo ich vor Schmerz gekrümmt am Boden lag, wehten die langen Ärmel ihrer weinroten Twinsetjacke lose von ihren Schultern. Voll Sorge hatte sie mir die zusammengelegte Strickjacke unter den Kopf geschoben, während ich noch immer halb betäubt zu verstehen versuchte, was da gerade geschehen war: Als ich von der Pause zurückgekommen war, hatte eine junge Frau auf mich gewartet. Sie war am Fenster gestanden und hatte mir den Rücken zugekehrt. Ihre langen dunklen Haare wirbelten eindrücklich durch die Luft, als sie sich energisch umgedreht hat. Sie trug ein knielanges dunkles Kleid, elegante Lederstiefel und eine schwarze Lederjacke. Ich hatte die Frau noch nie gesehen. Und doch glaubte ich diese Augen zu kennen, die mich mit einem bedrohlichen Funkeln musterten. Ich war wie gelähmt durch diesen Blick, während sie auf mich zukam und ich sah, wie sich ihre roten Lippen zu bewegen begannen:

„Ich will, dass sie aufhören, meine Mutter zu vögeln!“

Noch heute höre ich diese Stimme in meinem Kopf: Ruhig, fast sanft, und doch klar und messerscharf in ihrer fordernden Intensität. Ich weiss nicht mehr, was ich in meinem Schock zu sagen versuchte. Was immer es war, ihre schallende Ohrfeige hatte dem Satz ein vorzeitiges Ende bereitet. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte sie mir das Knie zwischen die Beine gerammt, gefolgt von einer zweiten Ohrfeige, die mich stöhnend auf den Boden sinken liess. „Sofort!“ zischte sie mir ins Ohr, bevor sie so unvermittelt verschwand, wie sie aufgetaucht war. Ihre Mutter hatte schliesslich vom Fenster ihres Büros aus gesehen, wie sie den Schulhof verlassen hat.

Im Nachhinein war ich froh um dieses schmerzhafte Ende. Ich hätte nicht ewig so weiter machen können. Heute kann ich kaum nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte. Ich muss blind gewesen sein. Natürlich war da die Berufungskrise nach den ersten frustrierenden Erfahrungen als Priester. Natürlich hatte mich der qualvolle Tod meiner Mutter völlig aus der Bahn geworfen. Und natürlich war die zärtliche Leidenschaft und Liebe der Konrektorin in dieser Situation eine überwältigende Erfahrung für mich, wo ich doch in dieser Beziehung gerade mal eine kläglich misslungene Erfahrung mit einer Prostituierten während meiner Wehrdienstzeit vorzuweisen hatte. Doch wie hatte ich bloss monatelangen in dieser Illusion eines gestohlenen Glücks verharren können, aus dem mich der schwarze Engel schliesslich befreit hatte?

Wie auch immer, diese Freiheit hatte ihren Preis. Und bezahlt hat ihn eine andere.

Die Konrektorin hatte das Ende nicht akzeptieren wollen. Sie lasse sich ihr Glück nicht zerstören. Nicht von ihrer Tochter. Ich solle mir wegen dieser keine Gedanken machen. Sie würde es nicht wagen, ihrem Vater etwas zu sagen. Das könne sie sich nicht leisten.

Aber für mich war der Fall klar. Ich musste mein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen.

„Es ist wegen der „Heiligen“ nicht wahr?“ Noch heute höre ich den giftigen Ton in ihrer Stimme, nachdem ich ihr meine definitive Entscheidung mitgeteilt hatte. Ich solle doch ehrlich sein: Ich hätte einfach Angst vor der Kleinen, dass sie erfahren könnte, wie durch und durch menschlich und erbärmlich ihr heiliges Priesteridol in Wirklichkeit ist.

Zwei Wochen später wurde ich wie aus dem Nichts mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Verhältnis mit der „Heiligen“ zu haben. Bis heute weiss ich nicht, wer das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte. Schliesslich war ich ins Büro des Rektors zitiert worden, wo ich mich dem Vater des Mädchens gegenüber sah. Der renommierte Bankier war ausser sich vor Wut und nur wenig hat gefehlt und er hätte mich verprügelt. Auch die Konrektorin war zugegen. Sie trug die Jacke ihres weinroten Twinsets zugeknöpft und ihr Blick liess keinen Zweifel daran, dass sie mir diesmal keine Strickjacke unter den Kopf gelegt hätte.

Seit ich an diesem Tag aus dem Büro des Rektors entlassen worden war, hatte ich sie nicht mehr wiedergesehen, weder die Konrektorin noch die „Heilige“.

Während mehr als zwölf Jahren hatte ich alles getan, um diesem Wiedersehen aus dem Weg zu gehen.

*******

Es hatte keinen Sinn. Ich konnte weder beten noch meditieren.

Zwei Tage hatte ich gebraucht, um mich durchzuringen, ein Gespräch mit ihr zu erbitten.

Doch als ich die Priorin um Erlaubnis fragen wollte, war ich von allen guten Geistern verlassen. Stattdessen hatte ich meine vorzeitige Abreise angekündigt.

Noch am gleichen Tag sass ich im Auto des Klosters auf dem Weg zum Bahnhof. Und neben mir am Steuer die jüngste der Schwestern, in ihrem schwarzen Habit mit dem eindrucksvollen langen Schleier, und einer dunkelgrauen Kaschmir-Jacke, die sie sich elegant um die Schultern gelegt hat. Ich kannte die Jacke. Sie hatte sie schon getragen, als sie damals zu mir in die geistliche Begleitung kam.

Wir waren auf die Autobahn eingebogen, als sie es war, die nach einer gefühlten Ewigkeit das quälende Schweigen gebrochen hat: Sie hoffe, ich verzeihe ihr, aber sie wolle mir einfach sagen, wie froh und dankbar sie sei, mich endlich wiederzusehen. Es täte ihr leid, was damals geschehen sei und dass ich ihretwegen meine Stelle und meinen guten Ruf verloren hätte. Jeden Tag hätte sie für mich gebetet. Schon damals, als ich noch ihr Begleiter war. Sie wolle sich ja nichts einbilden, aber sie meinte gespürt zu haben, dass es mir nicht gut gegangen war. Doch gerade das sei für sie eine grosse Hilfe gewesen: Zu sehen, dass das Ja zu einer geistlichen Berufung nicht einfach ein Leben in Seligkeit bedeute. Es habe ihr sehr geholfen, ihre eigene Gebrochenheit anzunehmen, ihre eigenen Fragen, die Zweifel und die Momente der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Ich hätte für sie sichtbar gelebt, was ich immer wieder gepredigt hätte: Dass wir eben als Sünder berufen seien. Natürlich hätte sie gespürt, dass ich nicht an ihre Berufung geglaubt habe. Und einen Moment lang habe sie das auch ziemlich verunsichert. Aber letztlich sei es gerade die Auseinandersetzung mit diesem Wiederstand gewesen, mit meinen Fragen und meinem gelegentlichen Spott, was das Vertrauen in ihre eigene Erfahrung gestärkt habe, diese Erfahrung, die ihr Leben bestimmt hat seit jenem Fest Mariä Lichtmess, als sie acht Jahre alt war.

„Danke für alles! Gott segne sie!“, hörte ich sie noch durch die Scheibe des ICE rufen, als sich der Zug in Bewegung setzte. Es hatte leicht zu regnen begonnen und der Wind spielte munter mit dem schwarzen Schleier und den Ärmeln ihrer Strickjacke, als sie mit einem letzten Winken aus meinem Blickfeld verschwand.

„Kann ich etwas für sie tun?“ fragte die Schaffnerin freundlich, als sie wenig später mein Abteil betrat und die Tränen auf meinen Wangen sah.

Würde ich sagen: «Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben»,
auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag,
die Finsternis wäre wie Licht.
Ps 139,11-12

Warum sie? VII (die Hauslehrerin)

(aus dem Tagebuch einer Hauslehrerin)

Warum sie 7

Freitag, 2. Dezember 1994

Ich habe die Stelle bekommen! Ich kann es kaum glauben. Was für ein Geschenk zu meinem 31. Geburtstag! Ich habe echt nicht mehr damit gerechnet. Ich hatte die Kandidatinnen gesehen, die vor und nach mir zum Bewerbungsgespräch gekommen waren. Beide um die 50, elegante Damen mit ergrautem Haar, die nur so strotzten vor Reife und Lebenserfahrung. Beide mit sicherlich besten Referenzen im Umgang mit verwöhnten Kindern aus der besseren Gesellschaft. Und dann dieser eifersüchtige Blick der Frau, als ihr Gatte, der ehrwürdige Bankier, nicht aufhören konnte, auf meine bestrumpften Beine und die schwarzen Lederstiefeln zu starren. Bei seiner Mutter, die mir wie eine Patriarchin vorkam in ihrem klassischen Twinset mit Perlen, konnte ich immerhin mit meiner Vorliebe für Dostojewski und Schubert punkten. Doch als mich die dritte Dame, die Mutter der Bankiersgattin, sichtlich zum Ärger ihrer Tochter fragte, ob ich katholisch sei und wie ich es mit Gott halte, hatte ich die Sache innerlich abgehakt. Als unverheiratete Frau in einer festen Beziehung hatte ich schon mit meiner evangelikalen Freikirche ein dauerndes Problem. Und jetzt lande ich ausgerechnet bei Katholiken. Ehrlich und naiv wie ich nun mal bin, habe ich ihnen auch noch die Wahrheit gesagt.

Und jetzt das! Es scheint doch tatsächlich noch Wunder zu geben! Am liebsten würde ich meine Freude hinausschreien in die Welt. Stattdessen sitze ich hier alleine mit einem Glas Wein vor meinem Tagebuch. Meine Eltern würden mich nur fragen, wieso ich nicht endlich selber ein Kind bekomme. Meine beste Freundin hat mir immer noch nicht verziehen, dass ich meine Stelle am Gymnasium gekündigt habe und sie nun meine Klasse übernehmen muss, und mein Freund ist gerade irgendwo am anderen Ende der Welt auf Dienstreise und wartet nur darauf, ausgerechnet mit dieser Neuigkeit mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt zu werden… Eben ist mir eine Träne auf die Seite getropft, auf das Wort „Freund“ (!) Mein Gott, ich habe Lust auf eine Zigarette! Lass mich standhaft bleiben! Bitte!

 

Dienstag, 3. Januar 1995

Mein erster Arbeitstag in der Villa der Bankiersfamilie. Worauf habe ich mich da bloss eingelassen? Die Frau gestresst zwischen den Silvestertagen in Davos und einer Modeschau in New York, ihr Mann genervt, weil sein Taxi zum Flughafen nicht kommen wollte, und mitten drin das kleine Mädchen am Weinen. Wie soll ich mit einem Kind arbeiten, das trotzig herumheult und mich von Anfang an ablehnt? Die Kleine hat mich den ganzen Tag kaum angeschaut. Und sehr lernfähig scheint sie auch nicht zu sein. Ich habe mich doch tatsächlich nach meiner alten Klasse zurückgesehnt, nach einem geordneten Rahmen und halbwegs motivierten Schülern. Und was sagt mein Freund dazu: „Du hast es so gewollt. Beklag dich nicht!“

Immerhin, mein kleines Studio in der Villa ist ganz angenehm, mit einem schönen Blick auf den See. Hier riecht alles noch nach meiner Vorgängerin. Fast sieben Jahre soll sie hier gewohnt haben. Ich mag ihr Parfüm.

 

Freitag, 6. Januar 1995

Seit gestern bin ich mit dem Mädchen bei ihrer Oma. Ich habe die beiden in den Gottesdienst begleitet und mir danach fast einen Zahn ausgebissen an diesem Dreikönigskuchen. Dafür hat mein Schützling mich zum ersten Mal angestrahlt, als sie mir die Krone aufgesetzt hat. Das Eis zwischen uns beginnt zu schmelzen.

Dafür herrscht sonst Eiszeit. Er brauche auch mal Zeit für sich und seine Freunde, hat mein Partner gesagt. Dabei hatte ich mich so auf das freie Wochenende mit ihm gefreut. Und er weiss doch, wie sehr ich seine Freerider-Leidenschaft hasse. Warum habe ich bloss solche Angst, ihn eines Tages im Leichenschauhaus identifizieren zu müssen?

 

Freitag, 10. Februar 1995

Mein Freund ist sauer, weil ich nicht ans Skiwochenende mit seinen Kollegen kommen will. So lange hätten sie damals nach einem gemeinsamen Termin gesucht und ich hätte es doch seit Oktober gewusst. Ja verdammt, habe ich, aber meine Arbeitgeber haben mich eingeladen, sie nach Davos ins Hotel zu begleiten. Und ich habe daraus kurzentschlossen eine „Verpflichtung“ gemacht.

Das Mädchen hat sich so gefreut, als ich zugesagt habe. Sie hat mich definitiv adoptiert. Und sie beschämt mich täglich von neuem für mein unsensibles Urteil. Sie ist nicht nur ausserordentlich lernfähig, sondern auch äusserst lernwillig. Der kleine Bengel hatte mir doch tagelang verheimlicht, dass sie bereits schreiben und lesen kann. Sie hatte das von ihrem Kindermädchen gelernt. Oder soll ich besser sagen von ihrer „Mutter“. Denn genau das war meine Vorgängerin für die Kleine während all der Jahre gewesen: Eine Mutter. Kein Wunder, war das arme Mädchen so trotzig und ablehnend gewesen: Man hatte ihr von einem Tag auf den anderen ihre wichtigste Bezugsperson weggenommen und durch eine Lehrerin ersetzt.

 

Sonntag, 24. September 1995

Ich traute meinen Ohren nicht, als mich mein Schützling heute Morgen am Flughafen gefragt hat, ob ich irgendwo in einen Gottesdienst gehen möchte. Wir kamen aus Mailand zurück, wohin wir ihre Mutter an die Modewoche begleitet hatten. Ich habe ihr gesagt, die Messe, in die wir jeweils mit ihrer Oma gehen, sei schon vorbei. Aber sie wollte nicht in eine Messe. Sie wollte mit mir kommen.

Das Mädchen ist einfach unglaublich! Sie war im Flieger eine Reihe vor mir neben ihrer Mutter gesessen und schien unentwegt in ihr Buch vertieft zu sein. Ich hatte mir wirklich alle Mühe gegeben, Haltung zu bewahren und die Tränen meiner Wut und Verzweiflung zurückzuhalten. Aber sie muss es gemerkt haben. Sie muss gespürt haben, dass mir gerade der Boden unter den Füssen weggezogen wurde.

Er hätte es sich lange überlegt, schreibt er in seiner sms. Es stimme einfach nicht mehr für ihn. Es sei eine schöne Zeit gewesen mit mir. Aber ich hätte mich verändert. Er freue sich für mich, aber er brauche jetzt auch seine Freiheit. Er sei diese Woche im Ausland. Wenn ich also meine Sachen holen möchte…

Dabei waren wir noch vor zwei Wochen im Urlaub am Meer. Und auch wenn sich meine Hoffnung nicht erfüllt hatte, einmal Zeit zu haben, in Ruhe über unsere Beziehung zu reden, waren die Tage doch recht entspannt und glücklich. Umso tiefer sass der Schock. Wie betäubt stand ich heute Abend inmitten der gottbegeisterten Menge, die unsere Kirche mit penetrantem Lobpreis erfüllte. Die verklärt lächelnden Gesichter um mich herum erschienen mir auf einmal wie höhnische Fratzen. Da nahm mich plötzlich jemand an der Hand und führte mich hinaus ins Freie. Sie habe Lust auf ein Eis, erklärte mein Mädchen mit der ernsthaftesten Miene. Und nachdem ich sie einen Moment lang fassungslos angestarrt hatte, bekam ich den Lachanfall meines Lebens. Wenn es tatsächlich so etwas wie Engel geben sollte, dann bin ich heute einem begegnet.

 

Donnerstag, 9. November 1995

Heute hatte ich zum ersten Mal Sex mit ihrem Vater. Die Kleine war mit ihrer Mutter beim Shoppen. Er hat mich in sein Büro zitiert für eine Standortbestimmung seiner Tochter. Ich weiss nicht, was in mich gefahren war, aber ich hatte mich spontan entschlossen, für einmal die Jacke meines Twinsets lässig elegant um die Schultern gelegt zu tragen, ganz im Stil seiner Mutter, der Patriarchin, oder auch ihrer Enkelin, wenn diese „Oma“ spielt. Er war sehr zufrieden mit der Entwicklung seines Mädchens. Und er war mehr als zufrieden mit mir. Sein anerkennender Blick tat mir gut, als er für einmal nicht nur meine Beine musterte. Ich war nicht zurückgewichen, als er näher trat. Auch nicht, als sich seine Hände um meine Hüften legten. Alles andere war einfach geschehen, kurz, leidenschaftlich, wortlos.

Zurück in meinem Zimmer musste ich mich zuerst übergeben. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich aus der Dusche kam, und mir ein Glas Whisky einschenkte, den ich aus den Beständen meines Ex-Partners hatte mitlaufen lassen. Der Gedanke an ihn erfüllte mich mit einer seltsamen Befriedigung. Was meint der Kerl denn, wer er sei. Nein, ich brauche ihn nicht! Es gibt auch andere Männer, die meine Qualitäten zu schätzen wissen.

Schliesslich war es mir zu eng geworden in meinem Zimmer. Ich wollte nicht zuhause sein, wenn die Kleine mit ihrer Mutter zurückkommt. In meine Daunenjacke verpackt sass ich bis um 23 Uhr frierend am See und habe fast eine ganze Packung Zigaretten geraucht. Die Fenster waren Dunkel, als ich nach Hause kam. Doch als ich in meinem Zimmer aus der Jacke schlüpfte, klopfte es leise an der Tür. „Du hast geraucht“, sagte mein kleiner Engel und schaute mich besorgt an. Sie trug nur ihr Nachthemd und darüber die Strickjacke meines Twinsets, in der sie fast zu verschwinden schien. Über eine Stunde hat sie im Salon auf mich gewartet, nachdem sie nicht schlafen konnte und in meinem Zimmer nur den Geruch von Erbrochenem und eine halb leere Flasche Whisky vorgefunden hatte.

 

Sonntag, 24. Dezember 1995, Heilig Abend

Die ganze Familie ist bei der Patriarchin in der Villa am See. Wir Angestellten haben frei bekommen, und so sitze ich hier alleine in diesem grossen Haus. Meine Eltern pfeifen schon lange auf Weihnachten und sind auf eine Kreuzfahrt ins Mittelmeer geflohen. Und mein Ex? Vor einem Jahr waren wir noch im Chalet seiner Eltern in den Bergen. Ich mochte die beiden, vor allem seine Mutter. Sie war die einzige gewesen, die mir zugehört hat und von der ich mich verstanden fühlte. Einen Moment lang war ich fast versucht, ihr eine sms zu schicken.

Vor einer Stunde hat in unserer Kirche die Weihnachtsfeier begonnen. Aber allein der Gedanke an Lopbreis und Anbetung löst bei mir heute Übelkeit aus. Dabei waren ich und die Kleine in letzter Zeit jeden Sonntag bei meinen Evangelikalen im Gottesdienst, wenn wir nicht mit ihrer Oma bei den Katholiken die Messe besucht haben. Die vielen jungen Leute und die herzliche Atmosphäre schienen ihr zu gefallen. Sie freute sich jedes Mal so darauf, mit mir da hin zugehen, dass ich wohl oder übel mitgehen musste. Dabei ging es mir von Woche zu Woche schlechter damit. Unverheiratet in einer Partnerschaft zu leben, war schon eine stete Herausforderung für mein Gewissen gewesen. Und schon damals kam ich mir unter diesen frommen Christen immer irgendwie nackt und beobachtet vor. Und heute singt und strahlt auch noch die Kleine neben mir, während ich unter der Woche mit ihrem Vater…

Was ist nur los mit mir? Ich fühle mich so ohnmächtig. Warum komme ich nicht los von ihm? Immer, wenn ich es mit dem Alten treibe, in seinem Büro, in der Bibliothek, im Gartenhaus, immer nur kurz, leidenschaftlich und wortlos, sehe ich meinen Ex-Freund vor mir. Und nach jedem Mal möchte ich mich am liebsten übergeben. Am Anfang hatte ich noch geglaubt, dass ich ihn hasse und dass ich es wegen ihm tue, um ihn zu bestrafen.

Doch nein, meine Liebe, sei endlich ehrlich mit dir selber. Wenn du jemanden hasst, dann dich selber. Du kannst es dir nicht verzeihen, dass du alles kaputt gemacht hast, indem du deinen Weg gegangen bist und gegen seinen Willen eine neue berufliche Herausforderung gesucht hast. Und tief in deinem Unterbewussten bestrafst du die Kleine dafür, dass sie dich glücklich macht.

 

Freitag, 2. Februar 1996, Mariä Lichtmess

Ich war mit meinem Schützling und ihrer Oma im Auto unterwegs zu einem Marienwallfahrtsort, als wir es in den Nachrichten hörten: Zwei Freerider sind am Morgen bei einem Lawinenniedergang ums Leben gekommen. Namen wurden wie immer keine genannt. Ich weiss nicht, wie ich es schaffte, mit meinen zitternden Händen den Wagen heil ans Ziel zu bringen. Dick eingepackt in meine Daunenjacke sass ich wenig später neben der Kleinen in der ungeheizten Kapelle vor der gotischen Madonna, während die Oma bei einem Priester beichten war. Kalter Weihrauch lag in der Luft und überall standen frische Blumen vom morgendlichen Gottesdienst. Doch die feierliche Pracht wirkte in diesem Moment wie eine Ohrfeige auf mich. Die Ungewissheit machte mich fast wahnsinnig vor Angst. Zum ersten Mal überhaupt habe ich zu Maria gebetet. Und nachdem ich in meiner Verzweiflung sogar eine Kerze angezündet hatte, liess ich die Kleine alleine und ging nach draussen. Ich brauchte eine Zigarette.

Ich konnte mir noch tausendmal einreden, dass es hunderte von Freeridern gebe, dass er und seine Kollegen erfahren seien und keine Risiken eingehen würden, und dass ich mich nicht so anstellen solle: Schliesslich habe er mich ja verlassen. Es half alles nichts: Meine Hände zitterten auch noch beim Anzünden der x-ten Zigarette.

Als ich mich endlich aufraffte und in die Kapelle zurückging, stand die Kleine in der Mitte vor dem Altar und starrte auf das grosse Kreuz mit dem leidenden Jesus. Weit und breit war sonst niemand zu sehen, und doch war es mir, als ob wir nicht alleine wären. Ich wollte zu ihr hintreten, aber irgendetwas hielt mich zurück. Und als ich sie rufen wollte, war meine Stimme wie gelähmt. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir so dagestanden sind. Es war eine gefühlte Ewigkeit. Das Mädchen war gerade erst acht geworden, doch als es sich schliesslich umdrehte, begegnete ich einen Moment lang dem Blick einer erwachsenen Frau. „Lass uns gehen!“ hörte ich sie mit einer ruhigen Entschiedenheit sagen, als sie an mir vorbei zum Ausgang schritt.

Und just als ich mich aus meiner Verblüffung löste und ihr folgen wollte, summte das Handy in meiner Jackentasche. Fassungslos starrte ich auf den Absender der sms, bevor ich meinen Lederhandschuh von den Fingern riss, um die Nachricht zu öffnen:

Mach dir keine Sorgen,
es geht mir gut!
Aber zwei meiner Freunde sind tot.
Du fehlst mir!

Die Oma kam gerade rechtzeitig aus dem Beichtstuhl, um mich aufzufangen, als die Beine unter mir nachgegeben haben. Und als wir aus der Kapelle ins Freie traten, wartete die Kleine bereits auf uns. Nie werde ich vergessen, wie ihr besorgter Blick in ein schelmisches Lächeln überging, bevor eine Handvoll Schnee in meinem Gesicht landete.

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Mittwoch, 2. Mai 2018

Ich hatte schon viel von der Frau gehört und gelesen, doch ihr Vortrag von heute Morgen zur Kleinkindpädagogik im digitalen Zeitalter hat all meine Erwartungen übertroffen. Umso mehr war ich erfreut, als sie meine spontane Einladung zum Nachtessen im Seerestaurant angenommen hat. Mein Mann und meine Söhne waren ohnehin von der Champions League absorbiert, und schliesslich hatten sie gewusst, was auf sie zukommt, als wir vor einem Jahr gemeinsam unterschieden haben, ob ich die Stelle als Leiterin des Bildungsdepartementes übernehmen soll.

Mein Gast war vor mir da und sass bereits am reservierten Tisch auf der Terrasse, als ich kam. Sie trug dasselbe edle Kaschmir-Twinset wie am Morgen, nur dass sie sich jetzt die Strickjacke stilvoll um die Schultern gelegt hatte. Ihr entschuldigendes Lächeln wirkte fast mädchenhaft, als sie meinen Blick auf ihren tätowierten Armen ruhen sah. Sie hoffe, ich störe mich nicht an ihren Jugendsünden, sagte sie schmunzelnd, als sie mir die Hand reichte. Manchmal sei das Leben schon seltsam, meinte sie nachdenklich, als wir wenig später an unseren Weingläsern nippten und der untergehenden Sonne zusahen. Erst vor zwei Wochen sei sie genau an diesem Tisch gesessen. Und als sie den Namen ihrer damaligen Begleitung erwähnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich, es passte alles zusammen: Der Beruf, das Alter, ihre Weise das Twinset zu tragen, und ihr Geruch. Das dezente Parfüm war mir schon am Morgen bei der Begrüssung aufgefallen. Ich wusste, dass ich es von irgendwoher kannte.

Doch die grösste Überraschung sollte erst noch kommen, als sie mir erzählte, dass unserer „Kleine“ vor etwa vier Jahren ins Kloster eingetreten war. Die Oma und auch die Mutter seien gestorben, aber die Patriarchin, oder Patin, wie sie die Grossmutter nannte, habe ihr ein Foto gezeigt. Und so, wie sie das Bild beschrieben hat, erinnerte es mich spontan an diesen denkwürdigen Moment damals in der Kapelle, und an diesen Blick der Kleinen, als sie sich umgedreht hatte.

„Mariä Lichtmess“, meinte mein Gegenüber nachdenklich, als ich ihr die Geschichte erzählte. „Ist das nicht auch der Tag des geweihten Lebens?“

Alles ist Zufall, oder nichts ist Zufall. Wenn ich an das erste glaubte, könnte ich nicht leben, aber von letzterem bin ich noch nicht überzeugt. (Etty Hillseum)

Warum sie? VI (das Kindermädchen)

(Erinnerungen eines Kindermädchens)

001

An meinem 25. Geburtstag hatte meine langjährige Partnerin Schluss gemacht mit mir. Und da sie gleichzeitig meine Vorgesetzte in der Kita war, in der ich arbeitete, war der Moment für einen beruflichen Neuanfang gekommen. Schon eine Woche später hatte ich mich als diplomierte Kleinkinderzieherin auf die Stelle eines Kindermädchens bei einer renommierten Bankiersfamilie beworben. Und zu meiner grossen Verblüffung wurde ich schon auf das erste Gespräch hin engagiert.

Die Mutter des kleinen Mädchens, das ich betreuen sollte, schien zwar nicht sehr angetan von mir. Aber offenbar war es mir gelungen, ihre Mutter und ihre Schwiegermutter, in deren Villa am See das Vorstellungsgespräch stattgefunden hat, von mir zu überzeugen. Die erste hatte mich gefragt, wie ich es mit dem Glauben an Gott halte, und die zweite hat es zur Bedingung gemacht, dass man die Tattoos auf meinen Armen nicht sehen dürfe. Das abendliche Beten und das Tragen von langen Ärmeln schien mir damals aber ein fairer Preis für die einmalige Chance, in diesem Milieu arbeiten und vor allem auch leben zu dürfen.

Zuerst hatte ich ja vorgehabt, meine eigene Wohnung zu behalten. Aber aufgrund des beruflichen Engagements der Eltern des Mädchens wurde schnell klar, dass meine Dauerpräsenz unumgänglich sein würde. Ich bekam ein eigenes Studio in der Villa des Paares und durfte die Familie immer wieder auf Reisen begleiten. Dies alles kam mir damals sehr gelegen, um Distanz zu gewinnen zu meinem früheren Leben.

Ich konnte es gut mit der Kleinen, was auch wichtig war, da ihre Eltern häufig weg waren und ich dadurch zur wichtigsten Bezugsperson für das kleine Baby wurde. Natürlich hatte ich versucht, eine innere Distanz zu dem Kind zu wahren, aber das süsse Ding hatte es mir nicht leicht gemacht. Sie vertraute mir bald einmal mehr als ihrer eigenen Mutter. Und nur ihre Oma, die Mutter der Mutter, hatte einen ähnlich beruhigenden Einfluss auf sie wie ich.

Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, selber einmal Kinder zu haben. Allein der Gedanke, dass ich dazu mit einem Mann schlafen müsste, löste bei mir Übelkeit aus. Umso mehr genoss ich diesen Job und das Geschenk, für diesen kleinen Engel da sein zu dürfen und mitzuerleben, wie sie heranwächst.

Auch meine Arbeitgeber waren mehr als zufrieden mit mir. Die Mutter konnte eine gewisse Eifersucht zwar nicht verheimlichen, war aber dennoch glücklich, dass es ihrem Mädchen gut ging. Ihre Oma freute sich, dass ich mit der Kleinen betete und meine Beziehung zum Vater hatte sich von dem Tag an entspannt, als ich ihm klar gemacht habe, dass ich nicht auf Männer stehe.

Dass seine Mutter mich mochte, wurde mir schon bei unserer ersten Begegnung klar. Ich sehe sie heute noch, wie sie mich im Salon zum Bewerbungsgespräch empfangen hat, in einem knielangen dunkelblauen Etuikleid und einer weissen Kaschmir Strickjacke, die sie elegant um ihre Schultern gelegt trug. Ich war damals mit meinem ärmellosen Sommerkleid vergleichsweise unpassend gekleidet, was mir schlagartig bewusst wurde, als ich ihren skeptischen Blick auf meine Tätowierungen sah. Aber ihr Händedruck war fest und ihre Augen schauten mich an, als ob sie direkt in meine Seele schauen könnten. Die drei Frauen hatten mich damals über eine Stunde ausgefragt. Die Hausherrin hatte dabei am wenigsten gesagt. Doch ihre wenigen Fragen waren direkt und herausfordernd. Die Frau wusste, was sie wollte. Und es wurde schnell klar: Sie wollte mich.

Im ersten Jahr war ich häufig mit der Familie unterwegs und dazwischen längere Zeit bei der Oma, bei der sich die Kleine besonders wohl fühlte und wo wir in einer Eigentumswohnung am Stadtrand lebten. In der Villa am See verbrachten wir nur wenige Nächte, was mir anfänglich nur recht war, da ich mich dort trotz des fabelhaften Hauses und Gartens immer irgendwie seltsam und unfrei fühlte. Ich brauchte eine Weile, um mir einzugestehen, dass es an der Gegenwart der Hausherrin lag, die unter ihren Angestellten nicht ohne Respekt „die Patin“ genannt wurde. Und wenn ich mir zuerst eingebildet hatte, ihr Blick verfolge mich auf Schritt und Tritt, musste ich bald einmal feststellen, dass ich es war, der auf Schritt und Tritt nach ihr Ausschau hielt.

Es war kurz nach dem ersten Geburtstag der Kleinen, als wir zum ersten Mal mehrere Tage in der Villa verbrachten. Ich hatte frei an diesem Abend, während es sich die beiden Grossmütter mit der Enkelin vor dem brennenden Kamin bequem gemacht hatten. Gegen zehn Uhr brachte die Oma die schlafende Kleine zu mir nach oben, wo wir sie in meinem Zimmer in ihr Bettchen legten und gemeinsam einen Moment schweigend für sie beteten.

Kurz nach Mitternacht wurde ich dann durch ein Geräusch wach. Und als ich meine Augen öffnete, schien das Blut in meinen Adern zu gefrieren. Im fahlen Mondlicht, das durch die Vorhänge schien, sah ich, wie eine dunkle Gestalt sich über das Bettchen der Kleinen beugte. Ich weiss nicht, wie lange ich nicht geatmet hatte, bis ich endlich die grau schimmernden Haare der Patin erkannte. Sie drehte mir den Rücken zu und hatte sich offenbar ihren langen, schwarzen Strickmantel um die Schultern gelegt. Wie gebannt schaute ich zu, wie sie langsam das Mädchen aufhob und an ihre Brust nahm. Und plötzlich schien es mir, als ob ich sie leise singen hörte. Ich war etwas besorgt, weil ich befürchtete, die Kleine könnte aufwachen. Sie fühlte sich normalerweise nicht so wohl in den Armen ihrer Grossmutter. Doch ausser einem kleinen Seufzer war nichts zu hören, als diese sie wieder zurück in ihre Bettchen legte.

Ich stellte mich schlafend, um es der Patin zu ermöglichen, wieder unbemerkt mein Schlafzimmer zu verlassen. Doch als ich nach einer Weile nichts hörte und meine Augen öffnete, stand sie direkt neben meinem Bett und schaute auf mich herunter. Ungläubig starrte ich auf ihre nackte Brust, die hell im Mondlicht schimmerte. Ich weiss nicht, wie lange wir uns schweigend angeschaut haben. Irgendwann hob sie langsam ihre Arme und liess den Strickmantel von ihren Schultern gleiten. Und irgendwann tastete meine Hand nach dem Zipfel der Bettdecke, um diese zurückzuschlagen.

Wir waren sehr diskret und ich glaube nicht, dass irgendjemand je etwas von unserer Beziehung geahnt hat. Aber von da an waren die Kleine und ich deutlich häufiger in der Villa am See zu Gast. Die Patin war in dieser Zeit sichtlich aufgeblüht und ich musste immer heimlich schmunzeln, wenn die Leute dies selbstverständlich auf den positiven Einfluss der süssen Enkelin zurückführten. Ich war mir nie ganz sicher, was sie eigentlich in mir sah und was sie bei mir suchte. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie sei einfach nur unendlich einsam und suche bei mir Nähe und Halt. Ich meinerseits verfiel ihr in einer Leidenschaft, die ich mir bis heute nicht erklären kann, zumal die Patin problemlos meine Mutter hätte sein können.

Die nächsten drei Jahre sollten zu den schönsten meines Lebens werden. Ich reiste mit der Familie um die halbe Welt, durfte in den besten Hotels übernachten und dazwischen immer wieder unvergessliche Stunden in der Villa am See geniessen. Von der Patin erhielt ich von Zeit zu Zeit kleine Aufmerksamkeiten zugesteckt. Darunter auch ein exquisites Kaschmir-Twinset und eine Perlenkette. Ich wollte es nicht annehmen, aber sie deklarierte beides kurzerhand zu Teilen meiner Dienstkleidung. Das gehöre zum Stil des Hauses, meinte sie schmunzelnd.

Gleichzeitig wurde ich Zeugin, wie mein kleiner Schützling langsam aber sicher zum Leben erwachte. Sie war ein aufgewecktes und neugieriges Kind, das mich ziemlich auf Trab hielt, nicht nur mit ihren dauernden Fragen, sondern auch mit ihrem unermüdlichen Endeckerdrang. Schon bald kannten wir beide jeden Busch und Winkel im Park ihrer Grossmutter und jede Katze in der Gegend hatte von ihr einen Namen bekommen.

Das einzige, was mein Glück in dieser Zeit trübte, war die stetig wachsende Herausforderung, unsere Beziehung zu verheimlichen. Ich konnte zwar ganz gut damit leben, immer wieder für längere Zeit von der Patin getrennt zu sein. Umso grösser aber war unsere Begierde nach einander, wenn wir uns begegneten. Und so kostete es vor allem die Patin eine ungeheure Disziplin, sich angesichts der Präsenz ihrer Enkelin zurückzuhalten.

Wenig zurückgehalten hat sie sich jeweils dann, wenn sie nachts bei mir war. Die Kleine schlief schon lange in einem eigenen Zimmer nebenan und wir achteten immer sehr darauf, dass die Tür verschlossen war. Und da das Mädchen einen guten Schlaf hatte, machten wir uns ihretwegen wenig Sorgen.

Es war in einer milden Frühlingsnacht, als ich um zwei Uhr vom Glockenschlag der Kirche wach wurde. Ich konnte noch nicht lange geschlafen haben. Mein Körper war immer noch feucht von Schweiss und die Patin schlief erschöpft in meinen Armen. Vorsichtig löste ich mich von ihr und glitt aus dem Bett, um mich im Bad etwas frisch zu machen. Doch als ich in meinen Morgenmantel schlüpfte, sah ich, wie die Gardine bei der Balkontür in der nächtlichen Brise flatterte. Und als ich leise durch die Tür auf die mondhelle Terrasse trat, sah ich meine Befürchtung bestätigt. Auch die Tür nebenan zum Zimmer der Kleinen stand leicht offen. Das Kind lag friedlich schlafend in ihrem Bett und hielt den grossen Plüschbären im Arm, den ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Ihr Mund schien geheimnisvoll zu lächeln.

Am nächsten Morgen meldete ich mich bei der Patin im Büro. Ich sagte ihr, dass es nicht weitergehen kann. Ich sei verantwortlich für das Wohl der Kleinen. Die Patin war wortlos aufgestanden und ans Fenster getreten. Minutenlang starrte sie hinaus auf den See und nur die langen Ärmel der Jacke ihres Twinsets baumelten lose von ihren Schultern. Als sie sich schliesslich zu mir umdrehte, liefen Tränen über ihre Wangen.

Sie hat meine Entscheidung respektiert, ohne Wiederspruch. Und in den zwei Jahren, die ich noch für ihre Enkelin sorgen durfte, hat sie mich nicht ein einziges Mal ihren Schmerz spüren lassen.

*******

Ich musste schmunzeln, als ich beim Aussteigen aus meinem Wagen auf dem Parkplatz des Seerestaurants unwillkürlich in die Ärmel meiner schwarzen Lederjacke schlüpfen wollte. Als Dozentin und Leiterin der pädagogischen Hochschule war ich es zwar gewohnt, meine Arme weiterhin unter den Ärmeln meiner Blusen und Twinsets zu verbergen. Aber nicht hier in meiner Freizeit. Und nicht für sie. Diese Zeit war vorbei!

Ich hätte sie fast nicht erkannt, als mich die Bedienung auf die Terrasse führte. Mehr als zwanzig Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen. Ihre Haare waren weiss geworden und ihr Körper etwas fülliger. Aber sie machte immer noch eine gute Figur in ihrem geblümten Sommerkleid. Am meisten überraschte mich aber die modische lange Wickelstrickjacke, die sie sich in gewohnter Weise um die Schultern gelegt hatte. Das lässige Teil wollte so gar nicht zum klassischen Bild der Patin passen und liess ihre Trägerin gleich ein paar Jahre jünger aussehen.

Ihr Strahlen verriet mir, dass ihr meine Überraschung nicht entgangenen war. Und gleichzeitig freute ich mich über ihren anerkennenden Blick, als sie nach einer innigen Umarmung mein schulterfreies Sommerkleid musterte und die Lederjacke um meine Schultern zurechtrückte. Zärtlich strichen ihre Finger über die alte Tätowierung an meinem Unterarm, während ich ihr bei einem Glas Prosecco von meinem Leben erzählte: von meinem Studium zur Pädagogin, meiner beruflichen Karriere, von meinem überstandenen Brustkrebs und von meiner zwölf Jahre jüngeren Lebenspartnerin, mit der ich seit bald zehn Jahren offiziell liiert war und für deren Sohn ich eine zweite Mutter geworden bin.

Und als ich sie schliesslich nach ihrer Enkelin fragte, reichte sie mir ein Foto. Fassungslos starrte ich auf das weissumrahmte Gesicht, das mich unter einem schwarzen Schleier hervor anstrahlte. Mein Gott, wie sehr hatte ich dieses Lächeln vermisst. Unverwandt betrachtete ich das Bild, während mir die Grossmutter die ganze Geschichte erzählte. Ich spürte Stolz in ihren Worten, und eine tiefe Sehnsucht zu verstehen: Warum sie? Was gibt ihr die Kraft, so zu leben? Und so zu strahlen?

Die Gute war ganz aufgeregt. Sie hatte ihrer Enkelin geschrieben und diese hatte umgehend geantwortet: Sie würde sich sehr freuen über einen Besuch.

In einer Woche werde sie hinfahren.

„Was meinst Du, würde sie denken, wenn sie erfahren würde… ich meine, du weisst schon“, hörte ich sie sagen, während sie nun ihrerseits nachdenklich das Bild betrachtete.

Ja, was würde sie denken? Die Ansichten ihrer Kirche waren weiss Gott nicht die grösste Stütze gewesen in meinen Fragen und Kämpfen der letzten Jahre. Doch immer dann, in den schlimmsten Momenten meines Lebens, wenn ich nicht mehr weiter wusste und versucht habe zu beten, ist mir das Bild der Kleinen erschienen: Dieses geheimnisvolle Lächeln, damals in der Nacht, und der grosse Plüschbär in ihren Armen.

„Mach dir deswegen keine Sorgen!“ hörte ich mich sagen.

Ich war selber erstaunt, wie überzeugt die Stimme klang.