Warum sie? XXIII (eine Auferstehende)

(aus dem Tagebuch einer Überlebenden, ACHTUNG Triggerwarnung!)

„Ich stehe Auge in Auge mit deiner Welt, Gott, und flüchte mich vor der Realität nicht in schöne Träume, obwohl ich glaube, dass auch neben der grausamen Realität Platz für schöne Träume ist – ich preise weiterhin deine Schöpfung, Gott – trotz allem!“

An die Worte von Etty Hillesum musste ich denken, als ich heute Abend den beiden jungen Frauen zusah, wie sie auf ihren Fahrrädern durch die reifen Kornfelder fuhren und mit einem letzten Winken hinter der Biegung beim Wegkreuz verschwanden. Da war dieses tiefempfunden Glück über die gemeinsam verbrachten Stunden, in dem aber gleichzeitig der Schmerz der Einsamkeit zu brennen begann, dieser einzig treue Begleiter meines Lebens… und mit ihm die Angst, dass alles nur ein schöner Traum gewesen war.

Ich hatte mich so gefreut, als mich gestern meine Freundin angerufen hat, die junge Krankenschwester von der Gemeinde. Sie habe das Wochenende frei und mache einen Ausflug. Ob ich da sei und ob sie mich besuchen dürfe? Wir kennen uns eigentlich noch nicht sehr lange. Sie hatte mir geholfen, meinen Vater zu pflegen in den letzten Wochen vor dem Tod. Und dabei hatten wir uns angefreundet. Ich hatte ihr von meiner Liebe zu Etty Hillesum erzählt und konnte es kaum glauben, als sie mir vor zwei Monaten anvertraut hat, dass sie Jüdin sei. Sie wirkte dabei so selbstbewusst und aufgeblüht. Ihr Vertrauen hat mich tief berührt. Sie hat mir eine leise Ahnung von dem Gefühl geschenkt, das mir nie vergönnt sein wird: dem Stolz einer Mutter auf ihr Kind.

Ob sie ihre Freundin mitbringen dürfe? Ich wisse schon, die junge Nonne, von der sie mir erzählt habe. Ich war etwas überrascht. Noch vor wenigen Wochen hatte sie sich bei mir ausgeweint, weil sie einfach nicht verstehen konnte, warum diese Schwester immer so böse zu ihr war. Und nun das.

Natürlich habe ich ja gesagt. Nein sagen war noch nie meine Stärke. Aber der Gedanke, eine Nonne im schwarzen Habit in meinem Haus zu haben, brachte mich wieder einmal an meine Grenzen. Wie oft hatte ich selber so ein Gewand getragen? Meine Mutter hatte es eigenhändig für mich genäht… für die ganz speziellen Gelegenheiten. Plötzlich waren sie wieder da, all die Bilder und der Schmerz. Dank meiner Tabletten habe ich es irgendwie geschafft, die Nacht zu überstehen. Mehrfach hatte ich das Handy in der Hand, um den Besuch abzusagen. Am Morgen habe ich meine Therapeutin angerufen. Sie war stolz auf mich. Und ich bin es auch. Stolz und dankbar, dass ich irgendwie die Kraft gefunden habe, der Realität eine Chance zu geben und nicht wieder zu flüchten.

Ich sah die beiden von weitem kommen. Ich war ihnen bis zum Wegkreuz entgegengegangen. Das war wichtig für mich. Es gab mir ein Gefühl von Kontrolle. Eingehüllt in meine Kaschmir Stola sass ich auf der Bank im Schatten des Kreuzes und genoss die würzige Spätsommerluft, die der milde Wind über die wogenden Felder und durch meine Haare wehte.

Auch die Haare meiner jungen Freundin und ihr weisses Sommerkleid wehten munter im Wind, als sie auf ihrem Rad den leichten Anstieg hinauf zu mir in Angriff nahm. Ich erkannte sie sofort an der hellblauen Strickjacke, die sich deutlich von den Farben der Umgebung abhob. In ihrem Windschatten folgte eine dunkle Gestalt, bei deren Anblick ich mich unwillkürlich tiefer in meine Stola verkroch. Erst als die beiden näher kamen und ich erkannte, dass die Nonne gar kein Ordensgewand trug, begann sich meine Anspannung zu lösen. Nie werde ich ihre strahlenden Augen und die glühenden Wangen vergessen, als sie schliesslich vor mir stand und mir die Hand reichte. Sie sah so natürlich und normal aus in ihrem langen, schwarzen Sommerrock, dem schwarzen Rollkragentop und einer graue Strickjacke, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. „Zu flache Brüste“, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf, und so sehr ich mich dafür schämte, der Gedanke hatte irgendwie etwas Beruhigendes.

„Mein Gott, wie schön es hier ist!“, hörte ich sie in ehrlicher Bewunderung sagen, als wir uns wenig später im Garten vor meinem Haus zum Kaffee niederliessen. Es war das erste Mal, dass ich alle drei Gartenstühle brauchte, die ich mir vor einem Jahr angeschafft hatte. Die beiden lobten den Kuchen, den ich gebacken hatte, und das Tempo, in dem dieser verschwand, liess keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinten. Das tat mir unendlich gut. Wie sehr habe ich mich nach solchen Momenten gesehnt! Nach Begegnung in Wahrheit und Freiheit. Und nach der Geborgenheit in Gemeinschaft von Menschen, die echt sind, ehrlich und dankbar. Menschen, die einem nicht andauernd etwas vorlügen und sich hinter Masken verstecken. Menschen, für die man mehr ist als nur ein Objekt der Begierde.

„Das Leben ist es Wert, gelebt zu werden. Gott, ein wenig bist du doch bei mir.“

Wie Recht sie hat, die gute Etty, dachte ich mir, als ich später von der Küche aus die beiden jungen Frauen betrachtete, die draussen auf der Wiese eine Siesta machten. Sie hatten ihre Jacken ausgezogen, sich mit Sonnencrème eingerieben und ihre Röcke bis zu den Hüften hochgezogen. Wie friedlich sie dalagen, ausgestreckt in der Sonne. Was für ein schönes Bild! Und was für ein Vertrauen! Ich wünschte, ich könnte so sein wie sie und auch einmal einfach loslassen! Der Anblick tat mir weh, und doch war ich so glücklich wie noch nie. Fühlt sich so eine Mutter, wenn sie das Glück ihrer Kinder sieht?

Die junge Krankenschwester hatte mein Herz vom ersten Moment an erobert. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte sofort Vertrauen zu ihr gefasst. Vielleicht lag es daran, dass sie schnell begriffen hatte, wie schlecht es mir ging und wie unerträglich es für mich war, diesen Mann zu betreuen, der rein biologisch gesehen das Recht hatte, sich mein Vater zu nennen. Natürlich hatte sie keine Ahnung. Sie pflegte ihn mit all ihrer Aufmerksamkeit und Professionalität wie jeden anderen Patienten auch. Aber einen guten Teil der Zeit schenkte sie mir. Sie hat für mich seine schmutzige Wäsche gewaschen, brachte mir neue, homöopathische Medikamente und ermutigte mich immer wieder, für eine Weile in mein Landhaus zu fahren, das ich mir mit dem Erbteil meiner Mutter gekauft hatte.

Nach dem Tod ihres Patienten hatte sie mich sofort gedrängt, das Haus meiner Eltern zu verkaufen. Sie spüre einen schlechten Geist darin und sie habe den Eindruck, es mache mich krank. Ich hätte sie umarmen können und einen Moment lang war ich versucht, mit ihr zu reden. Doch was hätte ich ihr sagen sollen? Die Wahrheit? Welche Wahrheit? Und wozu? Würde sie mir glauben? Nein, es ist vorbei. Meine Mutter ist tot, mein Vater ist tot, und ich bin zu alt. Man braucht mich nicht mehr.

Aber ich brauche junge Menschen wie sie. Menschen, die ans Leben glauben und die mir helfen, ans Leben zu glauben. Menschen, die mich erfahren lassen, dass Etty nicht verrückt war und dass es auch heute möglich ist, zu rufen:

„Das Leben ist schön. Und ich glaube an Gott. Und ich will mittendrin in alldem sein, was die Menschen ‚Gräueltaten‘ nennen und dann noch sagen: Das Leben ist schön.“

„Darf ich helfen?“ wurde ich plötzlich von einer Stimme aus meinen Gedanken gerissen. Wie gelähmt vor Schreck starrte ich auf die dunkle Gestalt, die im Türrahmen stand, während sich die Scherben eines Tellers über den Küchenboden verteilten. Die arme Nonne war mindestens so schockiert wie ich, wobei ich nicht sagen könnte, ob es meine heftige Reaktion war oder der Anblick meiner entblössten Arme. Reflexartig zog ich die Ärmel meines Pullovers über die Narben, bevor ich mit zitternden Händen begann, die Scherben auf dem Boden zusammenzuwischen. Doch bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte mir die junge Frau den Besen aus der Hand genommen und mich behutsam auf einen Stuhl gesetzt.

Sie habe die Bilder gesehen, die draussen im Gang hängen, sagte sie, nachdem sie die Überreste des Tellers im Müll entsorgt hatte. Sie seien unglaublich ausdrucksstark. Ob ich sie gemalt habe?

Ich schaute sie wortlos an. Was hätte ich sagen sollen? Danke? Doch in wessen Namen? Ja, es war meine Hand gewesen, damals in der Klinik. Aber habe tatsächlich auch ich sie gemalt? Gab es damals überhaupt so etwas wie ein Ich?

Sie hatte mich durchschaut. Ich sah es in ihren Augen. Ich konnte ihrem Blick nicht standhalten und drehte mich um. Draussen im Garten lag meine kleine Etty auf der Wiese, in ihrem hellen Sommerkleid, mit meiner Katze, die sich gegen ihre Hüfte kuschelte. Die beiden schienen zu schlafen. Was für ein Bild des Friedens!

Sie sei auch einmal vergewaltigt worden, hörte ich hinter mir die sanfte Stimme der Nonne.

„Einmal!“ entfuhr es mir unwillkürlich, und ich hasste mich dafür, noch bevor meine schneidende Stimme verklungen war.

Ich weiss, sie hat es gut gemeint. Sie wollte mir zeigen, dass sie mich versteht; dass sie mein Leiden mitfühlen kann. Aber nein, das kann sie nicht! Wie soll sie verstehen, was sich jeder menschlichen Vorstellungskraft entzieht? Wie soll sie mitfühlen, wo jedes Gefühl radikal ausgelöscht wird und nur noch stumme Ohnmacht bleibt? Nein, sie kann es nicht, und sie wird es auch nie können. Aber sie soll es auch gar nicht können. Ich will nicht, dass sie es kann. Ich brauche nicht ihr Verständnis, und auch nicht ihr Mitgefühl. Ich brauche sie, so wie sie ist, ihre Natürlichkeit und ihre Lebendigkeit, ihre Offenheit und ihre Herzlichkeit, ihren Glauben und ihre Hoffnung. Ja, was ich wirklich brauche, ist ihr Dasein und ihre Freundschaft.

Ich wagte nicht mich umzudrehen. Draussen vor dem Haus räkelten sich die beiden Schläfer in der Sonne, während sich mein ganzer Körper kalt anfühlte. Ich weiss nicht, wie lange ich zitternd so dagestanden bin. Instinktiv wartete ich auf die Strafe, auf irgendeine Form von Gewalt, die unfehlbar immer kam, wenn ich aufbegehrt habe. Doch stattdessen legte sich behutsam und wie von Geisterhand die warme Stola um meine Schultern. Und als ich mich endlich aus meiner Starre löste und umdrehte, wurde ich von Augen empfangen, die mich wie magisch aus den Klauen meiner Vergangenheit in die Gegenwart zurückholten. Und plötzlich erschien mir ihre Brust mächtig und voll, als ich mich an sie drückte und kräftigen Arme mich umschlossen.

„Ich fühle mich in niemandes Klauen, ich fühle mich nur in Gottes Armen… ich werde mich überall und immer, glaube ich, in Gottes Armen fühlen. Man wird mich möglicherweise körperlich zugrunde richten, aber mir weiter nichts anhaben können. Vielleicht werde ich der Verzweiflung anheimfallen und Entbehrungen erdulden müssen, die ich mir in meinen düstersten Phantasien nicht vorstellen kann. Und doch ist das alles belanglos, gemessen an dem Gefühl endloser Weite und Gottesvertrauen und innerer Erlebnisfähigkeit.“

Die junge Krankenschwester schien wieder eingeschlafen zu sein, als ich hinaus in die wärmende Sonne trat. Ich solle unserer Freundin Gesellschaft leisten, hatte die Nonne sanft aber bestimmt gemeint, als ich sie endlich losgelassen hatte. Sie werde uns unterdessen frischen Tee kochen. Und so stand ich plötzlich alleine vor dem Haus, geblendet vom hellen Licht und noch etwas benommen vom Gefühl endloser Weite, in die hinein ich mich soeben habe loslassen dürfen.

Auf der Wiese lag immer noch die zweite Decke, auf der unsere Nonne gelegen hatte. Und plötzlich tat ich etwas, was vor wenigen Minuten noch undenkbar gewesen wäre. Ich legte meine Stola über einen Stuhl, zog meinen Pullover aus, schlüpfte aus meinen Schuhen und liess mich vorsichtig auf der sonnenwarmen Decke nieder. Die lange Hose gab mir dabei eine gewisse Sicherheit, denn ich fühlte mich nackt und verletzlich in meinem weissen Body. Ich brauchte eine Weile, bis ich den Mut aufbrachte, mich auf den Rücken zu legen, und noch länger, um meine nackten Arme auszubreiten. Als ich es schliesslich wagte, auch noch meine Augen zu schliessen, befiel mich prompt ein Anflug von Panik. Erst nachdem ich mich mehrfach überzeugt hatte, dass es die Sonne war, die mir durch die geschlossenen Lieder strahlte, und nicht ein Scheinwerfer, begann sich die Angst langsam zu legen. Es war ein Kampf mit mir selber. Mein Herz pochte heftig in der Brust und mein Atem war kurz und flach. Dabei hörte ich die Vögel in den Bäumen, atmete den Duft der Wiese und spürte die Sonne auf meinem Körper. Doch ein Teil von mir blieb angespannt, hellwach, alarmiert, in Erwartung irgendeiner Katastrophe, die unweigerlich kommen musste… die immer gekommen war, wenn ich meinte, einmal glücklich sein zu dürfen.

Doch das einzige was kam, war eine sanfte Berührung an meiner Schulter, begleitet vom leisen Schnurren meiner Katze, die sich an mich schmiegte. Meine kleine Tigerin schaffte es schliesslich, dass ich mich langsam zu entspannen begann. Mein Atem wurde ruhiger, der Puls verstummte in den Schläfen und irgendwann spürte ich eine Hand, die sanft aber bestimmt begann, meine zur Faust geballten Finger zu lösen. Ich liess es zu. Es war wunderschön. Aber ich wagte nicht, die Augen zu öffnen. Ich wollte ihren Blick nicht sehen, wenn sie…

Sie hat kein Wort gesagt. Was immer sie gesehen und gedacht haben mag, da war kein besorgter Blick, keine Bestürzung und keine Frage. Irgendwann war die junge Nonne mit dem frischen Tee gekommen und hatte uns auch noch eine Platte mit Käse und Brot herausgebracht. Beim Essen erzählte uns die Krankenschwester schliesslich, dass sie sich entschieden habe, doch noch zu studieren. Nein, nicht Medizin, sondern Psychologie. Daran sei eigentlich ich schuld. Ich hätte ihr Etty Hillesum zu lesen gegeben:

„Es genügt nicht nur, von dir zu predigen, mein Gott, man muss dich in den Herzen der anderen erst aufspüren. Man muss den Weg zu dir im anderen freilegen, mein Gott, und dazu muss man das menschliche Gemüt genau kennen. Man muss ein geschulter Psychologe sein“.

Die letzten Monate seien für sie ein unglaubliches Geschenk gewesen. Sie habe sich mit vielem versöhnen können und eigentlich erst begonnen, zu fragen und zu verstehen, wer sie wirklich sei. Und dafür möchte sie uns beiden von Herzen danken. Die Begegnung und der Austausch mit uns habe ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben und in ihr wie bei Etty die Sehnsucht geweckt, „mitzuhelfen, dich, Gott, in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen“.

Natürlich freue ich mich für sie. Und irgendwie macht sie mich stolz, auf sie, aber ein wenig auch auf mich und das bisschen Mutter, das ich für sie sein durfte. Aber als die beiden Frauen heute Abend hinter dem Wegkreuz verschwunden waren, war davon nichts zu spüren. Es ist immer das Gleiche mit mir: Je grösser das erfahrene Glück, desto tiefer die Einsamkeit und der Schmerz. Doch diesmal entwickelte sich aus der Trauer heraus noch ein anderes Gefühl: Wut! Ja, ich bin wütend auf sie, weil sie mich verlässt. Und ich schäme mich dafür. Doch gleichzeitig spüre ich, dass es okay ist, dass es sein darf und dass sie mich verstehen würde.

Sie ist wirklich ein spezielles Mädchen. Sie war immer sehr diskret, hat nie viel gesagt und keine Fragen gestellt, und doch ahne ich, dass sie genau weiss, wie es mir geht. Ich bin überzeugt, es war kein Zufall, dass sie heute ihre Freundin mitgebracht hat.

Und wer weiss, vielleicht ist es auch kein Zufall, dass diese ihre graue Strickjacke über dem Stuhl hat hängen lassen.

***

In der Nacht hatte ich wieder einmal meinen Alptraum, zum ersten Mal seit langem. Meine Mutter zog mir das Gewand an und mein Vater fuhr mich in einem Wagen. Ich wusste was kam, doch ich wehrte mich nicht. Und plötzlich waren sie da. Von überall her schienen sie zu kommen, dunkle Silhouetten, die sich gegen das grelle Licht abzeichneten. Sie trugen elegante Anzüge und lange Gewänder, Schafköpfen und menschlichen Fratzen. Es gab kein Entkommen vor ihren nackten Bäuchen und den schamlosen Klauen. Sie waren überall, vor mir und hinter mir, über mir und in mir. Ich hörte sie lachen, stöhnen und keuchen. Es roch nach Schweiss und Zigarren, nach Alkohol und teurem Parfüm.

Der Stundenschlag meiner Standuhr holte mich schliesslich zurück in die Gegenwart. Es war kurz nach drei Uhr, als ich schweissgebadet aufstand, eine Dusche nahm, alle Fenster öffnete und im Kamin Feuer machte. Eingewickelt in die Strickjacke der jungen Nonne und mit einer Kanne heissem Tee setzte ich mich vor die wärmenden Flammen, während draussen auf der Wiese die Grillen zirpten. Und nachdem ich mich langsam wieder beruhigt hatte, nahm ich das Buch von Etty Hillesum vom Tisch und landete bei den Briefen aus dem Konzentrationslager Westerbork:

„Das Elend ist wirklich gross, und dennoch … quillt es mir immer wieder aus dem Herzen herauf …: Das Leben ist etwas Herrliches und Grosses, wir müssen später eine ganz neue Welt aufbauen – und jedem weiteren Verbrechen, jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen, das wir in uns selber erobern müssen. Wir dürfen zwar leiden, aber wir dürfen nicht darunter zerbrechen. Und wenn wir diese Zeit unversehrt überleben, körperlich und seelisch unversehrt, aber vor allem seelisch, ohne Verbitterung, ohne Hass, dann haben wir auch das Recht, nach dem Krieg ein Wort mitzureden. Vielleicht bin ich eine ehrgeizige Frau: Ich möchte ein sehr kleines Wörtchen mitreden.“

Am Morgen nach dem Frühstück zog ich kurzentschlossen meinen neuen Hosenanzug an, nahm meine Stola mit und fuhr mit dem Wagen hinunter in die Stadt. Ich war seit Jahren in keiner Kirche mehr und das Wort „Messe“ an der Tür liess mich einen Moment erschauern. Aber ich fand einen passenden Platz, hinten auf der Seite, mit dem Rücken gegen die Säule. Die Feier war fremd für mich, aber ich fühlte mich erstaunlich gut. Die Sonne schien durch die farbigen Fenster und der Gesang der Schwestern war wunderschön. Doch irgendwann standen alle da und beteten „Vater unser“. Mir wurde kalt bei diesem Wort und als der Priester auch noch von Blut und „Kelch des Heiles“ zu reden begann, musste ich gegen den Impuls käpfen, davonzurennen. Doch dann sah ich das strahlende Gesicht unserer jungen Nonne, als sie ganz in meiner Nähe das Brot verteilte. Sie wirkte so glücklich, so ganz und gar an ihrem Platz. Ich weiss nicht, ob sie mich gesehen hat.

Aber dann habe ich ihn gesehen. Er ging direkt neben meinem Platz vorbei. Er war alt geworden und wirkte gebeugt. Sein Gesicht war noch hagerer als sonst, doch sein Anzug war pefekt wie eh und je. Er ging am Arm einer stattlichen Dame, die wohl seine Frau war. Natürlich hat er mich nicht erkannt. Wie hätte er auch sollen. Aber ich werde dieses Gesicht nie vergessen. Seine Augen, die scharfe Nase und diese dünnen, blassen Lippen. Es ist ein Gesicht von vielen, die mich bis an mein Ende begleiten werden. Und der Geruch. Er braucht immer noch das gleiche Parfüm.

Ich sass wie betäubt an meiner Säule, als ich plötzlich sanft geschüttelt wurde. Die Kirche war fast leer und vor mir stand meine liebe Nonne, die mich besorgt ansah. Sie freue sich total, mich zu sehen, sagte sie, nachdem sie mich fest umarmt hatte. Sie habe mich sofort gesehen, als ich die Kirche betreten habe. Ich gab ihr ihre Jacke zurück und wollte sie zu einem Kaffee einladen. Aber leider hatte sie keine Zeit. Sie werde mich aber besuchen. Versprochen!

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, alleine irgendwo einen Kaffee trinken zu gehen. Und doch sass ich plötzlich da, an einem gemütlichen Tisch an der Sonne, mit meiner Blazer Jacke um den Schultern, und genoss den Gesang der Vögel und den Glockenschlag der nahen Kirche. Der Schock sass mir immer noch in den Gliedern, als ich einen Cappuccino bestellte. Doch da war auch eine Energie, die ich so nicht gekannt habe. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass sie ihren Ursprung in einem Gefühl hat, dass mir lange fremd war, das mir unheimlich ist, in dem ich aber eine unglaubliche Kraftquelle zu ahnen beginne.

Ja, liebe Etty, das Elend war wirklich gross. Ich habe gelitten, aber aus irgendeinem Grund bin ich nicht völlig zerbrochen. Zwar bin ich weiss Gott nicht unversehrt, weder körperlich noch seelisch. Doch ich verspreche dir, ich werde nicht verbittern. Aber in einem Punkt folge ich dir nicht: Den Hass und die Wut lasse ich mir nicht nehmen. Von niemandem! Nicht von ihnen, nicht von Gott, und auch nicht von dir! Jetzt noch nicht.

Der Gedanke fühlte sich gut an. Und langsam begann ich die Ärmel meiner Bluse hochzukrempeln, während die Bedienung die Tasse vor mich hinstellte. Sie lächelte freundlich und fragte, ob sie den Sonnenschirm aufspannen solle.

Nein, ich will mich nicht mehr verstecken. Ich will leben, die Sonne auf meiner Haut spüren und ja, vielleicht auch irgendwann einmal ein sehr kleines Wörtchen mitreden.

Zitate aus „Das denkende Herz – die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943“, Rowohlt Taschenbuch
Bild: Original von wooloverslondon.com

Warum sie? XXII (die Krankenschwester)

(Aus den Aufzeichnungen einer jungen Gemeindeschwester)

Sie mag mich nicht.

Ich sah es in ihren Augen, als ich ihr mein Beileid bekundete. Die junge Nonne hatte sich den schwarzen Chormantel um die Schultern gelegt und die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Ein grauer Schatten lag über ihrem Gesicht und ihre Finger wirkten kalt und kraftlos in meiner Hand.

Nur wenige Leute waren zur Beerdigung gekommen. Ein paar Angestellte des Klosters und frühere Bekannte aus der Umgebung. Die alte Nonne hatte nur noch eine Schwester, die aber in Australien lebte. Ihre ältere Schwester hatte sich bereits kurz nach dem Krieg das Leben genommen und ihr jüngerer Bruder war vor ein paar Jahren an Krebs gestorben.

Ich war mit Abstand die Jüngste am Grab und mein hellblaues Twinset und die weisse Hose bildeten einen grellen Kontrast zu all dem Schwarz, das mich umgab. Ich war mir dessen sehr wohl bewusst. Ja, ich war gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Aber trauern, um sie, nein, das werde ich nicht. Ich war hier, stellvertretend für alle anderen, um sie Gottes Urteil zu übergeben.

Zehn Tage ist es her, seit ich sie frühmorgens zusammengesunken über ihrem Schreibtisch gefunden hatte. Ihr Kopf lag auf dem aufgeschlagenen Tagebuch und ihre Füllfeder war ihr aus den Fingern in den Schoss gerollt, wo sich die blaue Tinte in dem weissen Nachthemd ausgebreitet hat. Sie musste stundenlang so dagelegen haben, war aber noch am Leben, als die Sanitäter sie mitgenommen haben.

Ich könne gehen, ich würde hier nicht mehr gebraucht, hatte mich die junge Schwester damals angefaucht, nachdem sie mir das Tagebuch förmlich aus der Hand gerissen hatte. Dabei hatte ich doch nur etwas aufräumen wollen, genauso wie vor ein paar Tagen, als mich auch die Alte plötzlich angeschrien hatte.

Sie hätten kein Recht, mich so zu behandeln, ich mache hier nur meinen Job, hatte ich der Jungen schliesslich geantwortet. Ihre intimen Geheimnisse würden mich nicht interessieren. Und auch sie solle sich gefälligst mehr um ihre Mitschwester sorgen als um deren Tagebuch. Es könne doch einfach nicht sein, dass diese die halbe Nacht bewusstlos in ihrer Scheisse sitze und die frommen Nonnen am Morgen einfach so ihre Psalmen singen gehen, ohne dass eine einzige sich die Mühe mache, nach der Alten zu sehen.

Ich war mindestens so erstaunt über mich wie sie. So hatte wohl noch nie jemand mit ihr geredet, mit ihr, diesem verwöhnten Bankierstöchterchen und der ach so frommen Vorzeigenonne. Ihr entgeisterter Blick tat mir gut, als ich wütend die Klostermauern hinter mir liess, die mir an diesem Morgen besonders düster und erdrückend erschienen.

Zwei Tage später war die Alte zurück. Ein Hirnschlag sei es gewesen, ein kleiner. Sie war halbseitig gelähmt, aber offenbar noch nicht bereit zu sterben. Doch es sei nur eine Frage der Zeit. Die Gemeinde wollte, dass ich mich wieder um sie kümmere. Zum Glück konnte ich meine Chefin überzeugen, jemand anderen zu schicken.

Doch dann kam der Anruf meiner Kollegin: Die Alte wolle mich sehen. Sie wartete im Garten auf mich, an ihrem Lieblingsplatz, wo ich sie jeweils nach dem Mittagessen parkiert hatte. Mir war nicht wohl dabei, doch immerhin blieb mir die Begegnung mit der jungen Supernonne erspart, die sonst um diese Zeit nebenan ihre asiatischen Übungen zu machen pflegte.

Die Gestalt im Rollstuhl wirkte noch gekrümmter als sonst und ihr blasses Gesicht war leicht verzerrt. Nur in ihren Augen funkelte noch etwas Leben, als sie mir unter der gehäkelten Decke hervor eine zittrige Hand entgegenstreckte. Ob ich ihr verzeihen könne, hörte ich sie leise stammeln, während eine Träne über ihre runzligen Wangen glitt.

Natürlich hatte ich ihr verziehen. Sie war ja eigentlich eine liebenswürdige alte Frau und ich hatte mir von Patienten weiss Gott schon anderes anhören müssen, als wegen eines Tagebuches angeschrien zu werden. Mein Lächeln schien sie zu beruhigen und langsam entspannten sich ihre Gesichtszüge. Ich holte mir einen Gartenstuhl und setzte mich nahe zu ihr hin. Meine Finger umschlossen ihre kalten Hände unter der weichen Decke, während sie sichtlich angestrengt versuchte, mir etwas zu sagen. Ich hatte Mühe zu verstehe, was sie meinte, und brauchte eine Weile, bis ich zu ahnen begann, dass sie eigentlich gar nicht mit mir sprach. Und je länger sie redete, desto deutlicher wurden ihre Worte, und desto klarer wurde das Bild, das sich vor mir entfaltete. Fassungslos nahm ich wahr, wie ich immer tiefer hineingezogen wurde in den finsteren Abgrund einer leidenden Seele, in die quälende Unsagbarkeit einer Wahrheit, die mit letzter Verzweiflung darum ringt, doch noch irgendwie Worte zu finde, nachdem sie sich der schreibenden Hand noch verweigert hatte: „Mein Gott, ich habe doch…“

Das Ganze war zu viel für mich. Ich hatte es nicht mehr geschafft, die Nonne in ihr Zimmer zurückzubringen, nachdem sie schliesslich erschöpft aber sichtlich erleichtert in sich zusammengesunken war. Ich wollte nur noch weg hier. Für einen Moment glaubte ich, hinter dem Fenster der jungen Nonne eine Bewegung gesehen zu haben. Soll die sich doch um die Alte kümmern, dachte ich mir noch, als ich in meine Jacke schlüpfte und an der verdutzten Pfortenschwester vorbei ins Freie eilte.

Mir war plötzlich kalt geworden. Auch die heisse Dusche wollte daran nichts ändern. Erst als ich eingehüllt in meine Wolldecke in der Abendsonne auf meinem Balkon das dritte Glas Sliwowitz in mich hineingeschüttet hatte, begann ich langsam wieder klar zu denke. Und plötzlich hatte die Kälte einen Namen: Wut. Ja, verdammt, ich war wütend! Wie konnte sie mir das antun? Mich so zu missbrauchen! Was hatte ich mit ihrer verdammten Vergangenheit zu tun? Wie kam sie dazu, ausgerechnet mir ihr schreckliches Geheimnis zuzumuten? Und wie um alles in der Welt konnte sie glauben, ich würde ihr all das verzeihen?

Am nächsten Morgen hatte mich die Priorin persönlich angerufen, um mir mitzuteilen, dass die Alte in der Nacht friedlich eingeschlafen sei. Der herbeigerufene Priester sei zwar zu spät gekommen für eine letzte Beichte und das Sterbesakrament. Aber sie habe mich am Nachmittag noch mit der Schwester im Garten gesehen. Was immer da geschehen sei, es müsse einen heilsamen Effekt gehabt haben. Offenbar hätte ich der guten Schwester geholfen, endlich loszulassen, und dafür sei sie mir unendlich dankbar.

Einen Moment lang hatte ich geglaubt, mich übergeben zu müssen. Diese Alte hatte sich doch tatsächlich meine Vergebung erschlichen und sich dann einfach so aus dem Staub gemacht. Oh, nein, meine Liebe, so läuft das nicht! Nicht mit mir! Du hattest kein Recht dazu! Und wer bin ich, dass ich das Recht hätte, dir zu verzeihen? Wenn einer dir verzeihen kann, dir und deinesgleichen, dann Gott allein… wenn es ihn denn gibt.

Ich fühlte mich so ohnmächtig und wütend wie damals nach dem Tod meiner Grossmutter. Ob ich ihr verzeihen könne, hatte auch sie mich am Sterbebett gefragt. Und natürlich hatte ich ja gesagt, weil man das in solchen Situationen einfach so sagt. Und irgendwie hätte ich es ja eigentlich auch gewollt, wenn schon nicht ihretwegen so doch wenigsten meinetwegen. Doch als ich wenige Stunden später vor ihrem wunderbar zurechtgemachten Leichnam stand, wurde mir erst richtig bewusst, wie sehr ich sie verachtete, und wie sehr ich sie dafür hasste, mich all die Jahre belogen zu haben.

Eine Woche vor ihrem Tod hatte mich ein entfernter Cousin von ihr in ihr Geheimnis eingeweiht. Meine Grossmutter sei ein Jahre alt gewesen, als sie damals während des Krieges in der Obhut einer böhmischen Bauernfamilie zurückgelassen worden war. Ihre Eltern und ihre drei älteren Geschwister mussten vor den Nazis fliehen und wussten, dass es unmöglich sein würde, sich mit einem Säugling auf Dauer zu verstecken. Offenbar waren sie aber auch so nicht weit gekommen. Nach dem Krieg fand man ihre Namen auf der Liste eines Deportationszuges nach Polen, wo sich ihre Spur verlor. Die Verwandten hätten jahrelang versucht, herauszufinden, was aus der Familie geworden sei und ob jemand von ihnen den Krieg überlebt hat. Nur meine Grossmutter habe sich nie dafür interessiert. Im Gegenteil, als sie alt genug war zu begreifen, was mit ihr geschehen war, habe sie sich nicht nur von ihrer Familie abgewendet, sondern auch stets verleugnet, was sie eigentlich war: eine Jüdin.

In den sechziger Jahren hatte sie schliesslich einen angesehene deutschen Unternehmer geheiratet und zwanzig Jahre später dessen ganzes Vermögen geerbt. Sie verkehrte in den besten Kreisen und zählte namhafte Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur zu ihren Freunden. Und sie hatte stets dafür gesorgt, dass es mir – zumindest aus materieller Sicht – an nichts gefehlt hat. Eigentlich wäre sie die perfekte Grossmutter gewesen, wenn da nicht immer diese quälende Unversöhntheit gewesen wäre, die nie ausgesprochen wurde und gerade darum unser ganzes Leben begleitet und vergiftet hat.

Sie hatte ihrer Familie nie verziehen, sie damals alleine zurückgelassen zu haben. Und sie hatte den Deutschen nie verziehen, in deren gutbürgerlichen Nachkriegsgesellschaft sie zwar Wohlstand und Ansehen genoss, die sie aber insgeheim immer verachtet hat. Sie hatte ihrem Mann nicht verziehen, dass er sie mit einer Skilehrerin betrogen hat, bevor er einige Tage später in einer Lawine umgekommen war. Und sie hatte mir nie verziehen, dass die Ärzte sich bei meiner Geburt für mich und gegen meine Mutter, entschieden haben. Schliesslich konnte und wollte sie nicht verstehen, dass ich nach meinem brillanten Abitur an einer von ihr bezahlten renommierten Privatschule meinen Studienplatz für Medizin habe sausen lassen, um stattdessen eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen.

Als ich an ihrem Grab gestanden bin und statt der einen gleich mehrere Schaufelt Erde auf ihren Sarg heruntergeworfen habe, war mir bewusst geworden, wie sehr ich selber von dieser bitteren Unversöhntheit besessen bin. Ja, verdammt, wie soll das gehen? Wie soll ich ihr je verzeihen, ausgerechnet ihr, die selber nie verzeihen konnte? Wie soll ich ihr verzeihen, dass sie meine Mutter und mich um unsere wahre Identität betrogen hat?

Wenn ich ehrlich bin, fühlt sich mein ganzes Leben gerade wie eine einzige Revolte an. Mir war sehr wohl bewusst gewesen, wie sehr ich meine Grossmutter enttäusche und kränke, als ich ihr mitgeteilt habe, dass ich nicht studieren werde. Diese Entscheidung war ein Akt der Befreiung für mich und gleichzeitig meine Rache für ihre unausgesprochene Erwartung, für den Tod meiner Mutter gerade stehen zu müssen. Und jetzt, ein Jahr nach ihrem Tod, führt mich ausgerechnet mein Job als Krankenschwester zu dieser alten Nonne, die mir gnadenlos zu verstehen gibt, dass ich mich von nichts befreit habe, von rein gar nichts. Und das Schlimmste ist, dass ich mich selber dafür hasse und dass ich mir selber wohl am wenigsten verzeihen kann, einfach nicht verzeihen zu können.

„Ein „sich hineinsteigern“ in ein sogenanntes tragisches Gefühl. Nicht nur sich unglücklich fühlen, sondern sich immer mehr unglücklich fühlen wollen“.

Fast zwei Tage habe ich gebraucht, bis dieser Satz wieder in mein Bewusstsein durchgedrungen ist. Dabei hatte ich ihn mir schon vor Wochen an den Spiegel gehängt, weil er wie für mich geschrieben scheint. Nur reicht es offenbar nicht, eine Weisheit vor sich zu haben, man muss sie auch sehen wollen. Mein Gott, ich könnte meine ganze Wohnung vollpflastern mit solchen Sätzen von Etty Hillesum. Doch was nützt es mir, wenn ich gerade dann nicht hinschaue, wenn ich sie am meisten brauchen würde?

Vielleicht liegt es daran, dass es ausgerechnet meine Grossmutter war, die mir kurz vor ihrem Tod „Das denkende Herz“ geschenkt hat, die Tagebücher von Etty Hillesum. Beim Räumen ihres Schlafzimmers hatte ich neben ihrem Bett eine Kopie dieses Buches gefunden. Sie muss es mehrfach gelesen haben, denn das Buch war abgenutzt und die Seiten intensiv mit Bleistift markiert worden, besonders da, wo das Buchzeichen eingelegt war:

„Der Friede kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Hass gegen die Mitmenschen, gleich welcher Rasse oder welchen Volkes, in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, das kein Hass mehr ist, sondern auf weite Sicht vielleicht sogar zu Liebe werden könnte“.

Und oben auf der Seite war ein Satz dick unterstrichen:

„Ich glaube an Gott, und ich glaube an die Menschen…“

Ich konnte kaum glauben, dass dieses Buch wirklich meiner Grossmutter gehört haben soll. Aber ihre Haushälterin hatte es mir bestätigt. Sie soll sich in den letzten Monaten ihres Lebens sehr verändert haben. Ich hatte davon nichts mitbekommen. Wir hatten nie mehr wirklich miteinander gesprochen. Ich hatte ihr keine Gelegenheit dazu gegeben.

Und natürlich hatte ich Ettys Tagebüchern erst einmal keine weitere Beachtung geschenkt. Ich hatte das Buch zusammen mit der Kopie meiner Grossmutter in einer Umzugskiste verstaut, bis mir eine Freundin vor drei Monaten begeistert von dieser jungen Jüdin erzählt hat. Und wenn sie nicht gewesen wäre, hätte ich die Lektüre auch nach 50 Seiten wieder aufgegeben. Doch dank ihrem Drängen wurde ich zur entscheidenden Erkenntnis geführt:

„In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.“

Von dem Moment an hatte ich mir vorgenommen, auch meinen Brunnen wieder auszugraben, wenn schon nicht für Gott so doch wenigstens für mich. Zweimal hatte ich die Tagebücher schon durchgearbeitet. Und nachdem ich nach dem Tod der alten Nonne endlich aufgehört hatte, mich wieder einmal in mein tragisches Gefühl hineinzusteigern und mich unbedingt unglücklich fühlen zu wollen, habe ich sie das dritte Mal gelesen, und diesmal die Kopie meiner Grossmutter mit all ihren Anmerkungen und Unterstreichungen. Vieles ist mir noch immer fremd und den Gott, vor dem Etty hingekniet ist, habe ich noch immer nicht wirklich gefunden. Doch eines habe ich in diesen Tagen begriffen:

„Ich muss Klarheit erlangen, und ich muss mich selbst akzeptieren. Alles ist schwer in mir, und ich möchte so gerne leicht sein.“

Und dazu gibt es nur einen Weg: Gnadenlos ehrlich sein mit sich selber und sich immer wieder Zeit nehmen, um „Hineinzuhorchen“ in sich selber, denn „… an sich selbst lernt man dann alle guten und bösen Eigenschaften der Menschen kennen. Und man muss zuerst sich selbst die eigenen schlechten Eigenschaften vergeben, wenn man den anderen vergeben will. Das ist wohl das Schwierigste, was ein Mensch lernen muss.“

Denn „ich glaube nicht mehr daran, dass wir an der äusseren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben“.

Mir ist schon klar: Ich bin noch nicht sehr weit fortgeschritten in diesem Lernprozess. Dafür sitzt mir das Unversöhnte noch zu tief in den Knochen. Aber heute Morgen, als ich mir erstaunlich selbstbewusst die Jacke meines Twinsets um die Schultern legte und mich unter die dunkle Menge der Trauergäste mischte, spürte ich in mir eine ungewohnte Leichtigkeit… und zum ersten Mal so etwas wie Stolz, Jüdin zu sein. Und als ich schliesslich vor der Grube stand und auf den Sarg der alten Nonnen hinunterschaute, fühlte ich einen seltsamen Frieden in mir und die Bereitschaft zu „versuchen, auch die schlimmsten Verbrechen irgendwie zu begreifen und zu ergründen, und (…) immer wieder den nackten, kleinen Menschen aufzuspüren, der aber in den monströsen Ruinen seiner sinnlosen Taten oft nicht mehr zu finden ist.“

Ja, ich glaube, ich kann ihr verzeihen, dass sie mich zur einzigen Erbin ihres Geheimnisses gemacht hat. Mehr kann ich nicht tun, und mehr muss ich auch nicht tun. Und als ich ganz sachte etwas Erde auf ihren Sarg streute, spürte ich zum ersten Mal so etwas wie Mitleid mit meiner Grossmutter. Und um ein Haar wären mir die ersten Tränen gekommen, wenn mich nicht in diesem Moment der kalte Blick der jungen Nonne getroffen hätte.

Ihre Augen lassen mich nicht mehr los. Warum hasst sie mich so? Was habe ich ihr getan, dass sie mir nicht verzeihen kann?

***

„Es tut mir leid“, hörte ich sie leise sagen, während ich nachdenklich den Zucker in meinem Kaffee verrührte. Und als ich den Kopf hob, schaute ich direkt in ihre Augen. Da war keine Kälte mehr, dafür ein flehender Ausdruck, mit einem Hauch von Ängstlichkeit.

Vor drei Tagen hatte ich überraschend einen Brief von ihr bekommen mit Fotokopien der letzten Seiten aus dem Tagebuch unserer alten Nonne. Ob wir uns treffen könnten, im kleinen Kaffee am Marktplatz? Ich war vor ihr da und setzte mich an einen Tisch am Fenster, von dem aus ich den Platz überschauen konnte. Ich war schrecklich aufgeregt und meine Finger spielten nervös mit dem goldenen Davidstern, den ich über meinem Twinset um den Hals trug, ein Geschenk meiner lieben Freundin, nachdem ich mich ihr gegenüber vor ein paar Tagen als Jüdin „geoutet“ hatte.

Für einen Moment war ich völlig in meinen Gedanken und Fragen versunken gewesen, als plötzlich wie aus dem Nichts die junge Schwester vor mir stand. Ohne ihr schwarzes Ordensgewand und den imposanten Schleier war sie mir unter den Menschen auf dem Platz nicht aufgefallen. Sie sah irgendwie müde und zerbrechlich aus, woran auch die etwas abgetragene, graue Kaschmirjacke nichts ändern konnte, die sie wie so oft elegant um ihre Schultern gelegt trug.

Sie sei blind gewesen vor Eifersucht, begann sie schliesslich zu reden, während ihre schlanken Finger die warme Teetasse umschlossen. Die alte Schwester sei für sie von Anfang an wie eine Mutter gewesen. Doch dann war sie zum Pflegefall geworden und plötzlich sei ich aufgetaucht, um ihr all das zu geben, was sie ihr nicht geben konnte. Sie könne nicht sagen warum, aber irgendetwas habe sie spontan irritiert, seit wir uns zum ersten Mal gegenübergestanden sind, damals im Garten mit der alten Schwester im Rollstuhl zwischen uns. Vielleicht habe es daran gelegen, dass wir uns irgendwie ähnlich seien. Meine Haltung, mein Blick, meine Ausstrahlung, und die Weise, wie ich meine Jacke trage… sie habe sofort gespürt, dass ich kaum „nur“ dazu erzogen worden sei, Krankenschwester zu sein.

Und dann seien plötzlich in dem Tagebuch meine dunklen Augen aufgetaucht, ausgerechnet in der Nacht, in der die alte Schwester ihren Zusammenbruch hatte. Sie sei überzeugt gewesen, dass ich die Ursache dafür gewesen war. Immer und immer wieder habe sie versucht zu verstehen, was ihr die Alte in ihrem letzten Tagebucheintrag sagen wollte. Wovor hatte sie solche Angst? Was sollte ich, und was sollte Gott ihr nicht verzeihen können?

Dann habe sie mich und die Schwester im Garten gesehen, am Tag vor ihrem Tod. Der Gedanke, dass es am Ende ausgerechnet ich gewesen sein soll, die ihre letzte Beichte hören durfte – wie es die Priorin formuliert habe –  das habe sie einfach nicht ertragen. Ja, sie habe mich gehasst in diesem Moment. Erst mit etwas Distanz sei ihr langsam bewusst geworden, dass vor Gott alles einen Sinn hat und dass es wohl genau so geschehen sollte.

„Darf ich?“, hielt sie unvermittelt inne, während ihre Finger vorsichtig nach dem Davidstern über meiner Brust fassten. Nachdenklich betrachtete sie das goldene Stück, bevor sie mir direkt in die Augen schaute: „Alles ist Zufall oder nichts ist Zufall“. Für Etty Hillesum mag die Antwort noch nicht so ganz klar gewesen sein, für sie selber aber gebe es eigentlich keinen Zweifel mehr. Sie hoffe einfach und bete für mich, dass ich irgendwann verzeihen könne.

Und sie? Ob sie denn schon wirklich verziehen habe, fragte ich, als sie sich anschickte zu gehen.

Die Frage schien sie zu überraschen und nach kurzem Zögern öffnete sich ihr Mund zu einer Antwort, die es aber nie über ihre Lippen schaffte.

„Bete für mich!“ sagte sie schliesslich, als sie mir zum Abschied die Hand reichte.

Und als sie schon bei der Tür war, drehte sie sich noch einmal um. Ob ich das gewesen sei, der damals ihrer Interessentin das Gebet von Etty Hillesum an die Tür gehängt habe?

Nun war es an mir, überrascht zu sein.

Und zum ersten Mal überhaupt sah ich sie lächeln.

(Zitate aus „Das denkende Herz – die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943“, Rowohlt Taschenbuch)

Warum sie? XXI (eine Zeitzeugin)

(Die letzten Einträge aus dem Tagebuch einer alten Nonne)

„Bist du das auf dem Foto? Wow, du warst ja eine richtige Prinzessin!“

Ja, das bin ich, oder besser, das war ich. Mein Gott, ist das lange her! Seit über siebzig Jahren trage ich dieses Bild mit mir herum. Und bis heute hat es nie jemand zu Gesicht bekommen. Warum nur habe ich es gestern zum ersten Mal seit Jahren wieder hervorgeholt? Und warum habe ich es auf meinem Schreibtisch stehen lassen? Ich wusste doch, dass mein lieber Engel heute wieder meine Zelle putzen würde.  

„Und wer ist der fesche Mann an deiner Hand?“, hörte ich meine junge Mitschwester fragen, die sichtlich fasziniert diese alte Fotographie betrachtete. Die Frage macht mir Angst. All die Jahre habe ich versucht, sie zu verdrängen und stattdessen nur auf Gott zu schauen. Aber die Frage war bei mir geblieben, zusammen mit dem Bild, zuunterst in meiner Schublade.

Mir muss schon klar gewesen sein, dass ihr das Bild auffallen wird. Sie ist ein aufmerksames Mädchen und sie ist ein intelligentes Mädchen. Wahrscheinlich hatte sie schneller begriffen als ich selber, warum das Foto plötzlich dastand. Habe ich nicht genau diese Frage gesucht? Und doch, jetzt, wo sie ausgesprochen im Raum stand, hat sie mich einmal mehr überfordert. Mit zitternden Händen habe ich ihr das Bild abgenommen und zurück in die Schublade gelegt.

Sie ist noch so jung. Mit ihren etwas über dreissig Jahren könnte sie fast meine Urenkelin sein. Wie soll ich ihr erklären, wie das damals war? Wie soll ich ihr erklären, was ich selber nie verstanden habe… oder verstehen wollte?

***

Mein Gott, wie schön sie ist! Ich hätte sie fast nicht erkannt in ihrer dunklen Trainingshose und dem ärmellosen Top. Ich war mir so gewöhnt, sie in Ordensgewand und Schleier zu sehen. Die junge Krankenschwester von der Gemeinde, die für meine Pflege vorbeikommt, hatte mich nach dem Mittagessen in den Garten gebracht. Ich hatte von anderen Schwestern gehört, dass mein Engel dort gelegentlich so asiatische Übungen mache, aber ich konnte mir bis heute nichts darunter vorstellen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, in diesen harmonischen Bewegungen den Geist des Bösen zu wittern? Würde ich nicht seit einem Jahr im Rollstuhl sitzen, ich hätte sofort mitgemacht.

Sie war so vertieft in ihr Tun, dass sie mich nicht bemerkt hatte. Erst als sie in die Sandalen schlüpfte und sich ihre graue Strickjacke um die Schultern legte, entdeckte sie, dass sie nicht alleine war. Strahlend kam sie auf mich zu und unwillkürlich musste ich an das Foto denken. Sie erinnert mich an meine Jugend, an die Leichtigkeit eines jungen Lebens, das ich immer gesucht und doch nie gefunden hatte.

Sie freute sich, dass ich mich freute, und setzte sich spontan neben mich auf eine Bank. Schweigend lauschten wir dem Zwitschern der Vögel und dem Summen der Hummeln und Bienen um uns. Dabei suchte ich innerlich verzweifelt nach den richtigen Worten. Die ganze Nacht hatte ich mit mir gerungen und heute Morgen beim Gottesdienst wurde mir klar: Ich muss es tun! Ich hatte ihre Frage herausgefordert und ich werde ihr antworten… wem, wenn nicht ihr, und wann, wenn nicht jetzt.

„Das Foto von gestern hat mich sehr berührt“, unterbrach sie meine Gedanken, während sie sanft meine Hand fasste. Sie glaube gespürt zu haben, wie wichtig das Bild für mich sei. Umso mehr habe sie sich gefreut über mein Vertrauen, es ihr zu zeigen. Irgendwie kenne sie uns alle nur als Nonnen und daher falle es ihr schwer, sich vorzustellen, dass auch wir ein Leben davor hatten. Es habe ihr so gut getan zu spüren, dass sie nicht die einzige sei, die gelegentlich von der Sehnsucht nach der ersten Liebe gepackt werde. Wobei es ein solches Foto von ihr nicht gäbe. Soweit sei es damals nie gekommen.

Ein wehmütiger Zug lag um ihre Augen, als ihr Blick an mir vorbei in die Vergangenheit schweifte. Sie sei ein Feigling gewesen, meinte sie mit einem leisen Schmunzeln… und er auch! Fast die ganze Schulzeit hätten sie zusammen verbracht. Sie habe ihn insgeheim angehimmelt, und eigentlich sei sie überzeugt, dass sie ihm auch nicht gleichgültig gewesen war. Irgendwie hätten sie wohl beide darauf gewartet, dass der andere den ersten Schritt macht. Sie habe sich damals mit der Überzeugung getröstet, dass sie wohl zu etwas anderem berufen sei. Und als sie eines Tages doch bereit gewesen war, ihr Herz in die Hand zu nehmen, war da plötzlich dieses Gerücht, sie hätte eine Beziehung mit ihrem Schulseelsorger. Nie werde sie den Schmerz in seinem Blick vergessen, und den Zweifel, den sie von da an stets in seinen Augen zu erkennen meinte. Nächtelang habe sie in ihrem Kopf durchgespielt, was sie ihm sagen würde. Doch dazu es sei nie gekommen. Dafür hätte er sie eines Tages überraschend in der Klinik besucht, wo sie wegen einer Depression behandelt wurde. Sie habe sich unglaublich gefreut und ihm fast alles von sich erzählt, nur das Eigentliche nicht.

Eine Träne lief über ihre Wange, als sie mich lächelnd anschaute. Jahre später, als sie sich zum Eintritt ins Kloster vorbereitete, seien sie sich noch einmal begegnet. Zwei Stunden seien sie durch den Stadtpark spaziert, nebeneinander, fast wie auf meinem Bild, nur ohne Händchenhalten. Diesmal habe er von sich erzählt, von seinem Leben und seinen Träumen. Bis heute frage sie sich immer mal wieder, was wohl geschehen wäre, wenn er sie damals…  

Er sei unterdessen verheiratet mit ihrer liebsten Freundin und Vater von zwei wunderbaren Kindern, hörte ich sie schliesslich sagen, nachdem wir eine Weile schweigend dagesessen hatten. Und sie sei Nonne und das sei gut so, meinte sie lachend, denn wer würde sich sonst um mich kümmern.

Ich fühlte mich plötzlich sehr müde und war dankbar, als sie mir ihre Jacke über die zitternden Beine legte und mich zurück in meine Zelle brachte.

***

Er hat sich umgebracht, einfach so, zwei Tage nachdem das Foto von uns entstanden war. Wie um alles in der Welt soll ich das meinem Engel erzählen?

Ich habe es versucht, immer wieder in den letzten Tagen. Doch jedes Mal, wenn ich ihr Lächeln sah und dabei an die freudige Wehmut dachte, mit der sie mir ihre Liebesgeschichte anvertraut hatte, hat mich der Mut verlassen. Darf ich ihr das wirklich zumuten? Soll ich dieses junge Leben wirklich mit den dunklen Schatten meiner Vergangenheit belasten? Habe ich nicht all das hinter mir gelassen, als ich damals mein Leben Gott geweiht habe?

Doch plötzlich ist alles wieder da, lebendiger denn je. Seit Tagen kann ich kaum mehr richtig beten und heute Nacht hatten mich im Traum die Bilder verfolgt: Wie ich verzweifelt durch den Wald renne auf der Suche nach ihm. Ich höre den Schuss, ganz in der Nähe. Ich komme auf eine Lichtung. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und da, am Fuss der alten Eiche, liegt er, in seiner alten Uniformjacke. Überall ist Blut. Der Lauf der Pistole steckt immer noch in seinem Mund.

Ich war damals 18. Wenige Wochen zuvor hatte ich mit meiner Mutter im Garten gearbeitet, als er plötzlich daherkam. Wir hatten ihn zuerst nicht erkannt. Er sah abgekämpft aus, ausgehungert und um Jahre gealtert. Wir hatten ihn auch darum nicht erkannt, weil wir ihn nicht mehr erwartet hatten. Seine Familie hielt ihn für tot, irgendwo verschollen an der Ostfront.

Ich konnte es kaum glauben: Mein Held war zurück. Seit ich ein kleines Mädchen war, hatte ich für ihn geschwärmt. Vielleicht lag es daran, dass mein Vater schon früh gestorben war und ich mir so sehr einen älteren Bruder gewünscht hätte. Er war acht Jahre älter als ich und hatte natürlich nichts von meiner kindlichen Schwärmerei geahnt. Doch seit er unser Dorf verlassen hatte, habe ich jede Woche eine Kerze für ihn angezündet, bei der Heiligen Muttergottes in unserer Kirche.

Nach seiner Rückkehr hatte er in einem Schuppen neben dem Haus seiner Eltern gewohnt. Er war schweigsam und verschlossen und sass stundenlang alleine in der Kneipe. Immer wieder hörten wir ihn streiten mit seinem Vater. Er solle gefälligst arbeiten. Hier würde niemandem etwas geschenkt. Alle schienen einen weiten Bogen um ihn herum zu machen. Nur ich nicht. Ich brachte ihm zwischendurch ein paar Äpfel, ein Stück frisches Brot oder wessen ich auch immer habhaft werden konnte, ohne dass meine Mutter es merkte.

Ich war gerne bei ihm. Und er schien langsam etwas Vertrauen zu schöpfen. Ich las ihm aus meinem Lieblingsbuch vor und zwischendurch gelang es mir sogar, seinem steinernen Gesicht ein schwaches Lächeln zu entlocken. Langsam führte ich ihn wieder hinaus in die Natur und schliesslich war er sogar bereit, mich zum Picknick mit meiner Familie zu begleiten. Wir feierten den „Tag der Befreiung“. Es war einer der glücklichsten Tage meines Lebens, der Tag, an dem meine Schwester das Foto von uns machte. Zwei Tage später war plötzlich die amerikanische Militärpolizei im Dorf. Meine Mutter wollte mir nicht sagen warum. Doch ich ahnte, was sie suchten, und ich wusste, wo ich ihn finden würde.

Warum, mein Gott, kommt das alles jetzt wieder hoch? Warum nur habe ich vor einer Woche dieses unselige Foto hervorgeholt. Warum jetzt? Was willst DU von mir?

***

Meine Hände zitterten, als ich ihr beim Lesen zusah. Sie stand mit dem Rücken zu mir am Fenster. Was hätte ich dafür gegeben, ihr Gesicht zu sehen. Ich hatte mein Tagebuch auf dem Tisch liegen lassen, mit dem Foto als Buchzeichen. Sie hatte den Wink verstanden. Ein Blick von ihr und ein kurzes Nicken von mir, und die Tür zu den verschütteten Kammern meiner Seele war aufgestossen. Noch nie hatte ich mit jemandem über all das gesprochen. Niemand hatte damals mit irgendjemandem über irgendetwas gesprochen.

Ich hätte es auch heute nicht gekonnt. Die Vorstellung, die Worte auszusprechen, sie in ihrer ganzen Nacktheit laut und deutlich in Raum und Zeit zu stellen und dabei von einem anderen Menschen gehört und angeschaut zu werden, nein, die Vorstellung allein lässt mich erschauern. Und doch spüre ich, dass es sein muss; dass ich endlich das Schweigen durchbrechen muss… und dass ER mich nicht gehen lässt, bevor ich es getan habe. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum ich in meinem Alter noch einigermassen leserlich schreiben kann. 

Es ist eine harte Arbeit. Gestern Nacht, als ich nicht schlafen konnte, hatte ich mich alleine vom Bett in den Rollstuhl gekämpft und dann zwei Stunden am Schreibtisch gesessen. Als ich fertig war und zurück ins Bett wollte, war ich so schwach, dass ich vom Bettrand auf den Boden glitt. Da lag ich nun, hilflos, erschöpft und mit einer brennenden Sehnsucht, geholt zu werden und erlöst zu werden von den Schatten meiner Seele. Doch der weisse Engel, der kam, hatte seltsam graue Flügel. Und nachdem sie mich in ihre Strickjacke gewickelt hatte, holte sie die Priorin und mit vereinten Kräften brachten sie mich zurück in mein irdisches Bett.

In diesem Moment wusste ich, dass es noch nicht zu Ende war. Denn plötzlich sah ich meine Mutter, wie wir zusammen meine ältere Schwester die Treppe hoch tragen und in ihre Kammer bringen. Es war einer dieser Tage gewesen, über den wir nie ein Wort gesprochen haben. Der Tag, an dem der Krieg in unser Dorf kam.

Lange Zeit hatten wir vom Krieg nicht viel mitbekommen. Die Front war weit weg und ausser den Bombergeschwadern, die gelegentlich in grosser Höhe über unsere Köpfe hinweg in Richtung Stadt flogen, kannten wir den Feind nur aus dem Radio und aus den Erzählungen unserer jungen Männer, wenn diese auf Heimaturlaub waren. Einer davon war auch mein Held. Er war der Star unter unseren Hitlerjungen gewesen und der Stolz seines Vaters, als er mit achtzehn der SS beitrat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er sich uns zum ersten Mal in seiner schwarzen Uniform präsentierte. Nach Kriegsbeginn hatte er sich freiwillig bei der Waffen-SS gemeldet. Bei seinem ersten Fronturlaub war er voller Begeisterung, an diesem historischen Moment teilhaben zu dürfen. Doch dann wurde er verwundet und danach in eine andere Einheit versetzt. Seine Besuche wurden selten, und wenn er da war, schien er erschöpft und lustlos. Er wurde immer verschlossener und weigerte sich, über seine Einsätze zu sprechen. Die Leute wunderten sich und unter uns Kindern begannen die wildesten Gerüchte zu zirkulieren. Aber offiziell hatte niemand darüber gesprochen, auch meine Schwester nicht, die eines Tages völlig verstört von einem BDM-Einsatz aus der Stadt zurückgekommen war. Ich hatte zufällig mitbekommen, wie meine Mutter ihr verboten hat, mit uns zu reden.

Irgendwann hiess es dann, er sei in russische Gefangenschaft gekommen. Und irgendwann wurden die Ortsnamen in den täglichen Nachrichten immer vertrauter. Dann, als zum ersten Mal aus der Ferne das Donnern der Artillerie zu hören war, begannen die ersten, ihre Häuser zu verlassen. Unsere Mutter hatte damals entschieden zu bleiben. Sie wollte nicht glauben, was man so hörte. Und wohin hätten wir auch fliehen sollen? Unser Haus war alles, was wir hatten. Dann, wie aus dem Nichts, waren sie da, die „Befreier“. Einer von ihnen, fast noch ein Junge, bot mir eine Zigarette an. Als ich ablehnte, packten sie mich uns stiessen mich ins Haus. Sie brachten uns ins Schlafzimmer meiner Mutter, wo sie meinen kleinen Bruder und seine Schwester in den Kleiderschrank sperrten. Ich weiss nicht, wie viele es waren. Ich hatte die Augen geschlossen. Meine Mutter und ich hatten keinen Laut von uns gegeben. Nur meine ältere Schwester hatte geschrien, bis man sie mit dem Halstuch ihrer BDM-Uniform geknebelt hat. Sie war im dritten Monat schwanger gewesen.

Ich weiss nicht, ob ich ohne meinen Engel den Mut gehabt hätte, mich auch diesem Teil meiner Wahrheit zu stellen. Heute Morgen hätte ich es noch nicht gekonnt. Sie hatte sich Zeit gelassen mit lesen. Als sie sich schliesslich umdrehte, hatte sie Tränen in den Augen. Wortlos kniete sie vor mich hin, fasste zärtlich meine zitternden Hände, blickte mich ruhig an und legte dann ihren Kopf in meinen Schoss. Ich weiss nicht, was ich erwartet, befürchtet oder erhofft hatte. Das jedenfalls nicht. Im ersten Moment hat sich mein Körper spontan verkrampft. Doch dann schien eine eigentümliche Wärme von ihr auszugehen, die ganz allmählich meinen Unterleib erfüllte. Und für kurze Zeit gelang es ihr sogar, die Erinnerung an die dunklen Augen meiner jungen Krankenschwester zu verdrängen, an ihren Schmerz und die Trauer, als ich sie heute Morgen in einem panischen Reflex angeschrien hatte. Dabei hatte sie doch nur diskret mein Tagebuch in der Schublade versorgen wollen.

***

Es muss sein. Ich habe keine andere Wahl. Die dunklen Augen lassen mich nicht mehr los. Es ist kurz vor Mitternacht und wieder sitze ich vor meinem Tagebuch, dessen weisse Seiten darauf warten, die ganze Last meiner Wahrheit zu tragen. Meine Hand zittert und beim Gedanken, dass sie es eines Tages lesen würde, wird mir schwindlig vor Angst. Wird sie mir verzeihen können? Wird Gott mir verzeihen können?

„Nazischlampe“ hat mich das blonde Mädchen genannt, das mir vorher im Traum erschienen war. So hatten sie uns damals genannt, immer und immer wieder. Ich hatte das Wort aus meinem Bewusstsein verdrängt. Und mit ihm die Wahrheit, die einfach nicht sein durfte, und die mich gerade darum mein ganzes weiteres Leben nicht losgelassen hat. Dabei lag der Schlüssel dazu die ganze Zeit in meiner Schublade. Aber ich konnte ihn nicht verstehen, weil ich ihn nicht verstehen wollte. 

Mein Vater war Sozialist und Gewerkschafter gewesen. Er war krank und starb in Dachau. Ich hatte damals nicht verstanden, worum es ging, und war einfach nur wütend, dass er uns verlassen hat. Meine Mutter verachtete die Nazis, aber sie war auch eine pragmatische Frau. Sie hatte vier Kinder grosszuziehen und war zu manchen Kompromissen bereit. Und meine ältere Schwester hasste ihren Dienst beim Bund Deutscher Mädchen schon lange, bevor man sich allenthalben über den „Bund Deutscher Matratzen“ lustig machte. Wir hatten nie erfahren, von wem sie damals schwanger war. Nein, sie alle waren keine Nazis. Das war nicht gerecht. Sie konnten nichts dafür.

Ich war an allem Schuld. Ich ganz allein. Ich wollte es einfach nicht sehen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, wer er wirklich war: Seine Überheblichkeit, mit der er schon als Junge die anderen Kinder behandelte, seinen Fanatismus, mit dem er seinen Vater und uns alle beeindrucken wollte, seine zunehmende Verschlossenheit und die Gerüchte, die man sich über ihn erzählte, und schliesslich all das, womit mich der amerikanische Offizier beim Verhör konfrontiert hat, nachdem man mich neben seiner Leiche aufgegriffen hatte. Nein, der Mann auf den Bildern, die man mir zeigte, war nicht er. Das konnte nicht er sein. Das musste alles ein einziger Irrtum sein, eine Lüge. Es durfte nicht wahr sein, weil sonst auch das andere wahr gewesen wäre, was einfach nicht wahr sein durfte:

Ich hatte es kaum erwarten können, meinen zehnten Geburtstag zu feiern. Endlich bekam auch ich den blauen Rock, die weisse Bluse und das schwarze Halstuch mit dem Lederknoten. Endlich gehörte auch ich zum Jungmädelbund. Ich war so stolz, ein Teil von dem zu sein, was ihm wichtig war. Und ich wollte doch einfach nur, dass er auch stolz auf mich sein konnte.

Eines Tages, es muss im Frühling 1941 oder 1942 gewesen sein, so genau weiss ich das nicht mehr, hatte ich mich bei einer Übung im Wald verlaufen. Statt auf meine Kameradinnen war ich schliesslich auf drei Kinder gestossen, ein Mädchen und zwei kleine Knaben, die sich ängstlich an den Rock ihrer Schwester klammerten. Das Mädchen war etwa so alt wie ich und hatte unter ihrem Kopftuch lange, schwarz gekrauste Haare. Ihre dunklen Augen schauten mich mit einem seltsam flehenden Ausdruck an. Sie rief mir etwas zu, das ich nicht verstanden habe, bevor sie die Knaben an der Hand fasste und davoneilte. Ich war ihnen heimlich gefolgt bis zu einem Bauernhof am Waldrand, wo sie von einer aufgeregten Frau mit einem blauen Kopftuch erwartet und eiligst in einen Schuppen befördert wurden.

Ich hatte nicht gewusst, wem dieser Hof gehört hat. Erst als der Lastwagen mit der SS-Eskorte durch unser Dorf donnerte, erkannte ich die alten Freunde meines Vaters. Neben ihnen auf der Ladefläche sass die Frau mit dem blauen Kopftuch, die einen Mann mit einer blutenden Kopfwunde im Arm hielt. Der kleinere der beiden Knaben winkte mir strahlend zu. Sein Bruder klammerte sich an seine Schwester, deren traurige Augen mich auch dann noch nicht losgelassen hatten, als der Lastwagen schon längst um die Ecke verschwunden war.

Mein Gott, ich habe doch…

(Bild: Andrew Garfield und Claire Foy im Film Breath, deutsch: Solange ich atme)

Warum sie? XX (die Interessentin)

(Tagebuch eines zweiwöchigen Klosteraufenthaltes)

Sonntag, Ankunft

Da bin ich nun also im Kloster. Wer hätte das gedacht?

Zwei Wochen werde ich hier mitleben. Das war der Vorschlag der Priorin, als ich vor einem Monat für ein Gespräch bei ihr war. Eigentlich wollte ich damals nur ganz unverbindlich ein paar Fragen stellen, und nun sitze ich hier in einer Klosterzelle vor einem leeren Tagebuch. Ich soll darin aufschreiben, was mich bewegt, meine Gefühle, meine Stimmungen, all das, was in meiner Seele vorgeht, hat die junge Schwester gesagt, die mich in diesen Tagen begleiten soll. Dabei ist es doch vor allem mein Kopf, indem sich all die tausend Gedanken und Fragen bewegen, mit denen ich heute Morgen angereist bin.

Das Highlight dieses Tages waren allerdings tatsächlich Gefühle, wenn auch weniger meine eigenen als diejenigen der eleganten Dame mit den silbergrauen Haaren und dem schwarzen Twinset, die während des Festgottesdienstes zur silbernen Profess der Priorin neben mir sass. Sie war offensichtlich sehr bewegt und wischte sich immer wieder die Tränen aus dem Gesicht. Nach dem Gottesdienst kam sie zu mir, um sich zu entschuldigen. Ich müsse mir keine Sorgen machen, sie sei einfach gerade etwas überwältigt von ihren Gefühlen. Sie habe gehört, dass ich ein paar Tage im Kloster bleibe. Sie freue sich für mich und wünsche mir eine gute Unterscheidung der Geister.

Die Lady sei eine reformierte Pastorin, hat mir meine Begleiterin später erzählt. Sie habe zusammen mit der Priorin das Noviziat gemacht. Ich hatte nicht gewagt zu fragen, was damals geschehen war, und auch nicht, warum sie heute trotzdem zur Heiligen Kommunion gegangen ist. Diese Frau fasziniert mich. Irgendwie erinnert sie mich an meine vermeintliche Schwiegermutter. Was hat sie nur gemeint mit „Unterscheidung der Geister“?

Montag, 1. Tag

Ich kann es immer noch nicht glauben: Ausgerechnet mein „Stern“ ist meine persönliche Begleiterin in diesen Tagen. Kaum ein halbes Jahr ist es her, seit ich ihr zum ersten Mal begegnet bin. Es war an diesem katholischen Jugendfestival, zu dem mich eine Kollegin mitgeschleppt hatte. Ich weiss bis heute nicht, wie sie das geschafft hat. Kurz vorher hatte mein Freund Schluss gemacht. Ich war am Boden zerstört und hatte überhaupt keinen Bock, andere Leute zu sehen, schon gar nicht gottbegeisterte Jugendliche mit ihren frommen Worship-Schnulzen. Eine Flasche Wein, eine Packung Chips, meine kuschlige Wolljacke und Netflix bis zur Erschöpfung war alles, was meine Tage nach der Arbeit noch halbwegs erträglich machte.

Doch dann stand da plötzlich diese Supernonne auf der Bühne. Sie erzählte von ihrer ersten Verliebtheit, von ihrer Karriere als Bankerin und von ihren Depressionen. Vor allem aber sprach sie von Gott, diesem leuchtenden Stern, der ihr durch alle Krisen hindurch die Richtung gewiesen hat. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, war sie zu meinem Stern geworden. Im Licht ihres strahlenden Lächelns kam mir mein Leben plötzlich so schäbig vor, so leer und so bestimmt von dunklen Gedanken und sinnlichen Befriedigungen. Es war, als ob sie im Chaos meiner Gefühle die Stimme der Vernunft geweckt hätte. Und jetzt bin ich hier, mit ihr als Begleiterin, was für ein Geschenk!  

Dienstag, 2. Tag

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18.30). Genauso hatte ich mich gefühlt heute Morgen beim Frühstück. Die Sonne schien in unseren Speisesaal und durch das offene Fenster hörte ich den Gesang der Vögel im Garten. Es war fast wie im Paradies, wenn da nicht plötzlich diese alte Schwester im Rollstuhl gewesen wäre, die sich an ihrem Kaffee verschluckt hat. Ihr endloses Husten machte der Stille ein Ende, und irgendwie auch meiner Stimmung. Als ich wenig später im Gottesdienst sass und die mehrheitlich betagten Schwestern betrachtete, wurde mir mulmig zumute. Ich arbeite zwar als Physiotherapeutin in einem Altersheim, aber sollte ich wirklich auch mein ganzes Leben mit alten Menschen verbringen? Und jeden Tag um halb sechs Uhr morgens zur Laudes in der Kirche sitzen? Und bei allem immer dieses schwarze Gewand tragen, ein Leben lang? Und was würden meine Eltern dazu sagen, und meine Freunde?

Die Fragen liessen mich nicht mehr los, bis ich am Nachmittag meiner Begleiterin davon erzählte. Warum ich denn hier sei, wollte sie wissen. Na ja, um das Klosterleben kennenzulernen und endlich etwas Zeit für Gott zu haben. Ob jemand von mir verlangt hätte, Nonne zu werden? Nein. Wieso ich mich dann also von Fragen irritieren lassen, die keiner gestellt hat? Und ob ich Lust hätte, mit ihr Joggen zu gehen?  Drei simple Fragen, ein entwaffnendes Lächeln und eine halbe Stunde rennen zu zweit am Flussufer hatten gereicht, um in mir die Überzeugung zurückzubringen, mit Gott Mauern zu überspringen.

Mittwoch, 3. Tag

Wie habe ich das verdient? Drei Tage bin ich erst da, und doch fühle ich mich hier wie zuhause. Ich habe keine Mühe, um fünf Uhr aufzustehen, die Psalmen in den Gebetszeiten berühren mein Herz und der Gesang der Schwestern ist einfach himmlisch. All die Fragen von gestern lassen mich nur noch schmunzeln. Am Nachmittag haben wir die Zelle der alten Schwester im Rollstuhl geputzt. Was für eine humorvolle und herzensgute Frau! Sie hat mich – mit einem Augenzwinkern – vor meiner Begleiterin gewarnt. Ich solle mich nicht von diesem Engel verzaubern lassen, sondern von Gott. Mein Gott, was haben wir drei gelacht! Abends nach der Komplet erzählte mir dann die junge Schwester bei einer Tasse Tee von ihrer Berufungserfahrung. Acht Jahre als alt sei sie gewesen, an Mariä Himmelfahrt, dem Tag des geweihten Lebens, als Jesus ihr gesagt habe, wie sehr er sie liebe. Als „Beweis“ seiner Liebe habe er damals ihre Gebete erhört und ihrer verehrten Hauslehrerin den Freund zurückgebracht. Ich musste weinen vor Freude, als ich später noch alleine in der dunklen Klosterkirche sass und Gott für mein Glück dankte. Ja, Herr, du machst meine Finsternis hell! Ps 18,29

Donnerstag, 4. Tag

Was für ein Scheisstag! Was soll das? Ich verstehe gar nichts mehr. Mein Glück von gestern ist wie weggeblasen, als ob es nur ein Trugbild gewesen wäre. Ich kann nicht mehr beten. Gott ist weg und auch mein Stern ist weg. Sie war heute bei ihrem geistlichen Begleiter und heute Abend hat die Gemeinschaft eine Versammlung. Ich fühle mich so allein. Was mache ich überhaupt hier?

Freitag, 5. Tag

Natürlich dürfe ich jederzeit gehen, sagte meine Begleiterin, als ich heute Morgen nach dem Frühstück verzweifelt bei ihr geklopft habe. Sie sass ruhig da und hörte mir geduldig zu, während ich unter Tränen mein Elend beklagte. Sie habe den Eindruck, ich sei in einem Zustand, in dem ich besser keine Enscheidung treffen sollte, meinte sie schliesslich und erinnerte mich an die Freude und die guten Gründe, die ich noch vor zwei Tagen hatte. Entscheidungen, die man bei Licht getroffen hat, sollte man nie bei Dunkelheit ändern.

Okay, aber was ist, wenn die Dunkelheit kein Ende mehr nimmt? Den ganzen Tag habe ich mich bemüht, aber nichts hat sich geändert. Es ist, als ob man mir den Stecker gezogen hat. Die Stille im Kloster nimmt mir fast den Atem. Und dabei ist es erst kurz nach 21 Uhr. Nicht einmal meine warme Wolljacke will mir mehr Trost spenden, und dabei ist es noch viel zu früh für mich, um Schlafen zu gehen. Aber nein, ich habe mich entschieden: wer oder was auch immer mir hier das Leben zur Hölle macht, ich lasse mich nicht unterkriegen!

Samstag, 6. Tag

Irgendwie bin ich schon etwas stolz auf mich. Nachdem ich gesten Morgen noch die Laudes geschwänzt hatte, habe ich mich heute pünktlich aus dem Bett gekämpft. Das ganze Tagesprogramm habe ich abgesessen und sogar für mich alleine noch einen Rosenkranz gebetet. Ich spüre zwar immer noch nichts von Gott, aber ich tue ihm den Gefallen nicht, loszulassen.

Eine kleine Belohnung habe ich dennoch bekommen. Nachdem es mir gelungen war, mit einer Willenleistung nach einer kurzen Siesta wieder unter meiner Decke hervorzukriechen, bin ich im Garten zufällig auf meine junge Begleiterin gestossen, die barfuss auf der Wiese stand und völlig vertieft war in eine Abfolge seltsamer Bewegungen. Fasziniert betrachtete ich ihre schlanke Gestalt in der dunklen Trainingshose und dem schwarzen Sporttop. Sie wirkte so frei und natürlich in ihren Bewegungen, von den Zehen bis in die Fingerspitzen erfüllt von ihrem Tun. Das sei Shibashi, erklärte sie mir strahlend. Morgen nach dem Mittagessen wird sie mir zeigen, wie das geht. Immerhin eine kleine Freude und ein Grund, noch etwas zu bleiben.

Sonntag, 7. Tag

Immer noch nichts, keine Freude, kein Feuer, nicht einmal mehr Glut. Seit Tagen haben wir das schönste Frühlingswetter, und doch fühle ich mich so leblos, wie abgelöscht. Umso erstaunlicher, dass ich doch irgendwie die Kraft finde, am Morgen aufzustehen, mit den Schwestern zu beten, und vor allem zu bleiben. Ist es einfach meine Sturheit, die mir meine Mutter schon als Kind vorgehalten hat? Wem will ich hier etwas beweisen? Oder willst vielleicht DU mir etwas beweisen, Gott?

Immerhin, das Shibashi hat meinen Tag gerettet. Mein Stern hat gestrahlt vor Freude, als sie mir die verschiedenen Bewegungen und „Bilder“ beibrachte. 18 gibt es davon, 9 kann ich schon. Ich weiss zwar nicht, was diese asiatischen Übungen mit Gebet zu tun haben sollen, aber es war einfach traumhaft, gemeinsam mit ihr barfuss im frischen Gras zu „tanzen“, umgeben vom betörenden Duft der Hyazinthen und dem Gesang der Vögel. Ja, Gott, das hast DU davon. Wenn DU mir schon beim Gebet keinen Trost schenken möchtest, dann hole ich ihn mir eben anderswo.

Montag, 8. Tag

Heute sind meine Freundinnen in Urlaub gefahren. Sie hätten noch ein Bett für mich, hatten sie mir vor einer Woche geschrieben, bevor ich mein Handy endgültig abgestellt hatte. Die beiden fehlen mir. Und mir fehlt die Freiheit, am Morgen auszuschlafen, stundenlang alleine durch die Wälder zu wandern und abends mit den Mädels bei einer Flasche Wein und Netflix abzuhängen. Stattdessen hocke ich hier und warte vergeblich auf den Gott, mit dem ich noch vor ein paar Tagen Mauern überspringen wollte.

Immerhin bin ich nicht mehr alleine mit meiner trostlosen Laune. Auch mein Stern erschien heute Morgen ziemlich blass. Sie habe schlecht geschlafen und sei mit dem falschen Fuss aufgestanden, meinte sie mit einem müden Lächeln, als wir uns wieder zum Shibashi trafen. Ihr formloser, langer Wollpullover passte dabei perfekt zu den grauen Wolken, die über Nacht aufgezogen waren. Das änderte aber nichts an der Geduld, mit der sie mich in ihre Kunst einführte. Dabei war meinem geschulten Blick natürlich nicht entgangen, wie verspannt ihre Schultern waren. Aber ich hätte nie zu träume gewagt, dass sie sich tatsächlich von mir massieren lassen würde.

Es ist schon erstaunlich, wie viel Kraft wir manchmal aus der Schwäche eines anderen ziehen. Plötzlich war ich die Aktive und sie die Empfangende. Ich genoss das Gefühl ihrer Schultern unter der Wolle des Pullovers, die Zartheit ihrer Haut am Hals und den Anblick ihrer gekräuselten Haare im Nacken. Sie sass vor mir wie eine schnurrende Katze und ich konnte förmlich spüren, wie sie sich unter meinen Händen entspannte. Was für ein Vertrauen, und was für ein schöner Moment der Intimität… bis wir fast gleichzeitig die dunkle Gestalt der Priorin entdeckten, die uns vom Fenster ihres Büros aus beobachtete.

Dienstag, 9. Tag

Ich habe schlecht geschlafen und von der Priorin geträumt. Aber ansonsten hat sich nichts verändert, ausser dass es begonnen hat zu regnen und dass wir keine Lust auf Shibashi hatten. Dass wir uns dennoch überwunden haben, joggen zu gehen, lag wohl vor allem daran, dass wir beide einen Moment Freiheit vom Kloster gesucht haben. Denn nach wenigen Minuten sassen wir bereits im Schutz eines Bootsunterstandes am Flussufer.

Sie müsse sich wieder zusammenreissen. Sie bete nicht mehr richtig und habe ihre Disziplin verloren, hörte ich sie sagen, während sie nachdenklich Kieselsteine ins Wasser warf. Das könne sie sich schenken, gab ich resigniert zurück. Ich würde mich seit Tagen bemühen und nichts hätte sich verändert. Gott lasse sich nicht kaufen. Ich sei eine gute Schülerin, meinte sie darauf lachend. Die Nähe Gottes könne ich mir tatsächlich durch nichts erwirken. Aber ich kann das Meine dazu beitragen, mich nicht selber zu entfernen. Und vielleicht sei das ja gerade auch der Sinn von so trostlosen Zeiten: dass wir uns bewusst werden, dass alles ein Geschenk ist. Und schliesslich würde ich ja auch von meinem Freund erwarten, dass er mir vertraut und an meine Liebe glaubt, auch wenn ich es ihm nicht jeden Tag sage. „Klugscheisser“, habe ich ihr an den Kopf geworfen. Was wisse sie denn schon von Liebe?

Es tat gut, einen Moment lang einfach so mit ihr herumzualbern. Wenn da nur nicht dieses kurze Aufflackern von Schmerz in ihrem Blick gewesen wäre. Irgendwie lässt mich das nicht mehr los. Ich wollte ihr noch etwas sagen nach der Komplet. Aber dann war sie weg. Und morgen sei sie auch weg, den ganzen Tag. Einmal mehr sitze ich alleine da mit meinen Gefühlen. Und wo bist DU?

Mittwoch, 10. Tag

Heute Morgen nach dem Frühstück fand ich einen Zettel an meiner Tür mit einem Gebet von Etty Hillesum: „Gott, schenke mir ab und zu einen kurzen Augenblick der Ruhe. Ich werde auch nicht mehr in aller Einfalt glauben, dass der Friede, falls er über mich kommt, ewig sei, ich nehme auch die Unruhe und den Kampf auf mich, die wieder danach kommen“.

Wer immer den Zettel geschrieben hat, er kam zu spät. Zum ersten Mal seit Tagen spürte ich beim Morgengebet wieder so etwas wie Frieden und Ruhe, und dies, obwohl ich einmal mehr wirres Zeug geträumt hatte. Doch da ich mich auf keinen Fall der „Einfalt“ schuldig machen wollte, genoss ich jede Stunde des Tages, indem ich mir vornahm, neue Kräfte zu sammeln im Blick auf meinen nächsten Durchhänger. Ich war schon etwas stolz auf mich, doch als ich heute Abend meiner Begleiterin danken wollte, schaute mich diese nur ratlos an. Sie wisse nichts von einem Zettel.

Donnerstag, 11. Tag

Was für ein Glück: Der „kurze Augenblick der Ruhe“ dauert an. Und was für ein sagenhafter Moment heute Nachmittag, als ich nach dem Shibashi eingehüllt in meine Wolljacke, mit meinem Buch und einer Tasse heissem Tee am Fenster meiner Zelle sass und plötzlich die Sonne durch die Wolken brach. Wie wenig es doch braucht, um die Welt in ein anderes Licht zu tauchen! Wo waren sie geblieben, all meine düsteren Gedanken der letzten Tage, meine Antriebslosigkeit, meine Ohnmacht und diese Leere und Trauer, die meine Gebete bestimmten? Und doch waren sie real. Genauso real wie mein heutiges Glück. So bin ich! Diese Einsicht war irgendwie demütigend. Doch gleichzeitig spürte ich, dass es gut ist, wie ich bin, und dass ich so sein darf und dass ich so geliebt bin, wie ich bin.

Meine Begleiterin musste weinen vor Freude, als ich ihr abends davon erzählte. Und ich musste weinen, weil sie weinte. In meiner Freude habe ich sie spontan umarmt. Aber nach einem kurzen Zögern hat sie mich sanft aber bestimmt zurückgestossen. Ich solle Gott danken, nicht ihr, meinte sie  mit einem sanften Lächeln. Und ich solle mich gut daran erinnern, wenn die Trostlosigkeit wiederkommt. Die Gelegenheit, das einzuüben, hatte sie mir damit gleich selber gegeben.

Freitag, 12. Tag

Wieder eine Nacht voller wilder Träume: Erst war ich beim Shibashi, aber ich konnte die Bilder nicht mehr. Dann bin ich verzweifelt durch das Kloster gerannt und habe den Ausgang nicht gefunden. Und schliesslich hatte ich Sex mit meinem Ex-Freund, als plötzlich die schwarze Gestalt der Priorin über uns auftauchte. Ich war völlig verschwitzt, als der Wecker läutete.

Warum sie mich zurückgestossen habe, fragte ich meine Begleiterin nach dem Frühstück? Es sei doch nur eine Umarmung gewesen. Sie muss meine Enttäuschung und Wut gespürt haben, liess sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Ich hätte sicher Recht und sie wolle mir auch nichts unterstellen, aber manchmal sei es im Leben einfach wichtig, realistisch zu sein und gewisse Versuchungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Wehret den Anfängen“, meinte sie, indem sie mich eindringlich ansah. Es gebe Dynamiken, die fressen einem mit Haut und Haar, wenn man ihnen nur den kleinen Finger hinhält.

Heute hatte ich keine Lust auf Shibashi. Stattdessen sass ich in meiner Zelle und musste plötzlich an übermorgen denken. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mein Handy bis Sonntag nicht zu brauchen, und eigentlich wollte ich auch nur kurz nachschauen, wann mein Zug fahren wird. Doch dann war da diese Nachricht von meiner Kollegin, dass eine meiner Patientinnen vor einer Woche gestorben sei. Und als ich ihr antworten wollte, stiess ich auf eine Mail von der Mutter meines Ex. Es täte ihr leid, was damals geschehen sei. Ihr Mann hätte kein Recht gehabt, einen Keil zwischen mich und ihren Sohn zu treiben. Sie würde sich sehr freuen, mich wiederzusehen… und ihr Sohn auch.

Das würde ihr so passen, nachdem sie damals einfach geschwiegen hatte. Oh nein, ich habe mein Lektion verstanden. Wer bin ich denn – eine simple Physiotherapeutin – um vor dieser ehrwürdigen Adelsfamilie bestehen zu wollen. Ich war naiv und blind gewesen, aber ich werde mich nicht ein zweites Mal zurückweisen lassen. Die Wut und der Schmerz haben mich den ganzen restlichen Tag begleitet. Ich hatte mir vorgenommen, noch heute Nacht zurückzuschreiben. Aber nachdem ich drei Entwürfe gelöscht hatte, gab ich auf und flüchtete mich stattdessen ins Internet. Ich wusste, wo ich meinen Trost finden würde, und einmal mehr hatte ich mit Erfolg verdrängt, wie leer und frustriert ich mich danach jeweils fühle. Ich ekle mich vor mir selber, und auch die heisse Dusche hat daran nichts geändert. Ich sehe vor mir den traurigen Blick meiner Nonnen, als ich heute Abend demonstrativ einen weiten Bogen um sie herum gemacht hatte. Mein Handy ist wieder ausgeschaltet, aber ich weiss noch immer nicht, wann mein Zug fährt.

Samstag, 13. Tag

Ich fühlte mich beschissen. Wie konnte ich diesen heiligen Ort nur so entweihen? Den ganzen Tag hätte ich mich am liebsten verkrochen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie es alle wissen. Ich schämte mich und hasste sie gleichzeitig dafür. Und dann war da auch noch dieser Traum: Wir machten Shibashi und ich habe sie massiert. Doch dann war sie plötzlich verschwunden. Ich habe sie überall gesucht. Dann war da auf einmal der Vater meines Ex. Er versperrte mir den Weg, aber ich konnte mich losreissen. Schliesslich fand ich sie in meiner Zelle. Sie war halb nackt und irgendwie geknebelt. Und als ich mich über sie beugte, war da wieder die schwarze Gestalt der Priorin…

Noch verstörender als der Traum war das, was er mit mir machte. Wie konnte das sein? Was war nur mit mir los? War das wirklich ich? Ich schaffte es nicht mehr, ihr in die Augen zu schauen. Den ganzen Nachmittag lag ich heulend auf dem Bett und nachdem ich nachts nicht einschlafen konnte, nahm ich schliesslich meine Wolljacke und setzte mich in die Kirche. Ich fühlte mich leer und konnte nicht beten. Und da war sie wieder, diese Frage: Warum bist du hier? Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Weil ich meinem Stern gefolgt bin.

Sie trug ein weisses Nachthemd und hatte sich einen grauen Cardigan um die Schultern gelegt, als ich sie schliesslich aus dem Bett holte. Ich solle im Gesprächszimmer auf sie warten, meinte sie mit verschlafenem Blick. Und als sie ein paar Minuten später mit zwei Tassen Tee daher kam, trug sie wieder ihr schwarzes Ordensgewand. Ich habe ihr die ganze Wahrheit gesagt: dass ich mich von einem Engel habe verzaubern lassen statt von Gott; dass ich wohl in sie verliebt sei… und dass ich gestern Nacht in meiner Zelle masturbiert habe.

Die Turmuhr schlug Mitternacht, während wir schweigend dasassen. Und als ich mich endlich überwinden konnte, den Kopf zu heben, schaute ich direkt in ihre strahlend feuchten Augen. Sie sei so froh für mich, dass ich den Mut hatte zu reden. Manch vermeintliche Wahrheit würde sich bei Licht besehen relativieren und manche Knoten würden sich von selbst lösen, wenn man nur fähig sei, sie klar und laut zu benennen. Und bevor wir uns kurz darauf im Gang vor ihrer Zelle trennten, war sie es, die mich spontan in den Arm nahm.

Noch nie fühlte ich mich so leicht und frei wie heute Nacht in meinem kleinen Zimmer. Die Stille und Einsamkeit sind so erfüllt von Wärme und Trost, dass ich meine Jacke gar nicht vermisse, die ich im Gesprächszimmer vergessen habe. Eine tiefe Dankbarkeit erfüllt mich, wenn ich an die vergangenen Tage denke. Und gleichzeitig freue ich mich auf mein Zuhause, meine Arbeit und die alten Menschen im Heim. Und ja, ich werde seiner Mutter schreiben… gleich morgen Abend.

Sonntag, 14. Tag

Unser Abschied war kurz und herzlich. Sie sah majestätisch aus in ihrem schwarzen Gewand, inmitten der Menschen auf dem Bahnsteig. Ja, sie fasziniert mich und irgendwie mag ich sie sehr. Doch mir war klar geworden, dass ich selber wohl nie so ein Gewand tragen werde. Ich habe es ihr gesagt, und wenn sie enttäuscht gewesen sein sollte, so hat sie es mich nicht merken lassen.

Sie spüre bei mir eine grosse Sehnsucht nach Leben, Sinn und Liebe, hat sie gemeint, während sie mir einen Zettel in die Hand drückte. Doch wir hätten alle unsere Schwächen und Verletzungen, und darum müssten wir aufpassen, dass unsere Sehnsucht nicht genau an diesen Stellen in falsche Bahnen geleitet wird. Aber sie mache sich meinetwegen keine Sorgen. Ich hätte eine sensible Wahrnehmung, ich sei ehrlich mit mir selber und das sei eine hervorragende Voraussetzung für die Unterscheidung der Geister. Und falls ich wissen möchte, was es damit auf sich hat: Auf dem Zettel stehe Name und Adresse ihres geistlichen Begleiters.

Ich weiss nicht genau, was sie damit gemeint hat, und hatte auch keine Zeit mehr zu fragen. Der Schaffner hatte mich gedrängt einzusteigen und bevor die Tür sich endgültig zwischen uns schob, konnte ich ihr gerade noch zurufen, sie solle doch bitte für meinen Freund beten.

Der Name auf dem Zettel sagt mir nichts, und irgendwann werde ich sicher nachschauen, was dieses SJ dahinter bedeutet. Aber für den Moment liegt das Papier erst mal als Buchzeichen in meiner Bibel, bei Psalm 18:

„Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen.“

Warum sie? XIX (die Pastorin)

(aus dem Tagebuch und einem Brief einer ehemaligen Novizin)

Sonntag, 2 Uhr morgens

Hier scheint die Zeit stillzustehen.

Nichts hat sich verändert in der altehrwürdigen Klosterkirche. Diese unglaubliche Stille, das einsame Flackern des roten Lichtes beim Tabernakel, der Geruch des frisch gebohnerten Steinbodens und der prächtige Blumenschmuck für das kommende Fest. Alles ist noch genauso wie vor 25 Jahren, an jenem Samstagabend vor der Gelübdefeier, meiner letzten Nacht als katholische Nonne.

Nur „mein“ Platz vorne bei der Christus-Ikone, vor der ich damals nächtelang gesessen und mit IHM gehadert hatte, ist besetzt. Ich war mir so gewohnt, die Kirche nachts für mich alleine zu haben, dass ich richtig erschrak, als ich die dunkle Gestalt entdeckte. Sie musste mich gehört haben, drehte sich aber nicht um, als ich leise in eine Bank glitt und mich fröstelnd in die Jacke meines Twinsets kuschelte.

Ich wusste, wer sie war. Es konnte nur sie sein. Keine andere Schwester würde um diese Zeit noch in der Kirche beten. Ausser vielleicht der Priorin, meiner Freundin. Aber mit ihr hatte ich eben noch einen Whisky getrunken, heimlich in ihrer Zelle, so wie damals.

Ich hatte von ihr gehört, von dieser jungen Nonne, der attraktiven Bankierstochter, die für Gott Vermögen und Karriere geopfert hat. Ich war ihr schon einmal begegnet, als ich vor ein paar Jahren das Kloster besucht hatte. Was für eine Frau: ihr Blick, ihre Stimme, ihre Eleganz! Warum war sie hier? Sie faszinierte mich. Und sie irritierte mich. Sie besetzte meinen Platz und irgendwie hat es wehgetan zu hören, mit welcher Leidenschaft die Priorin von ihr erzählt hat. Offenbar hatte sie eine schwere Krise durchgemacht. Doch Gott sei Dank sei sie geblieben… nicht wie ich, dachte ich im Stillen.

Sie schien mir tatsächlich etwas blasser und nachdenklicher zu sein und ich hatte mich schon gewundert, warum sie nicht mehr Leiterin des Gästehauses war. Was für eine Last trug sie unter ihrem schwarzen Gewand? Was hatte sie wohl mit IHM zu besprechen in dieser Nacht? Sie war die ganze Zeit dagesessen, ohne sich zu bewegen. Einmal glaubte ich, ein leises Schluchzen zu hören. Dann plötzlich ein ebenso leises Lachen. Meine Gegenwart schien sie wenig zu kümmern. Ganz im Gegensatz zu mir. Ihre Präsenz weckte Erinnerungen und Gefühle in mir, die ich längst überwunden zu haben glaubte.

ER hatte einfach geschwiegen, damals in dieser letzten Nacht vor unseren ersten Gelübden. Ich hatte IHN angefleht, um Verzeihung gebeten und bis in die frühen Morgenstunden auf ein Zeichen gewartet. Ich hätte nicht viel gebraucht, nur etwas Licht, ein leises Ja oder einen Hauch von Freude und Trost. Aber nichts! Nur diese Stille und der Geruch von Bohnerwachs und frischen Blumen, der mir fast den Atem raubte.

Zwei Jahre hatten wir uns damals gemeinsam durchgekämpft, die heutige Priorin und ich. Sie kam zwei Wochen nach mir ins Kloster, wo wir erst einmal unser Postulat absolvieren mussten. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können: Sie, die hochbegabte Musikerin aus gut katholischer Familie mit nackenlangem dunklen Haar, und ich, die langhaarige Blondine, eine Konvertitin aus atheistischem Elternhaus mit meinem Bachelor in katholischer Theologie. Und doch hatten wir uns sofort gefunden. Vielleicht hatten wir beide gespürt, dass wir in der fremden Welt des Klosters nur gemeinsam bestehen konnten.

„Twinset“ hatten sie uns damals genannt, was wohl weniger unserer engen Freundschaft geschuldet war als dem Umstand, dass wir beide ein klassisches, schwarzes Twinset mit in die „Ehe“ brachten. Das edle Kaschmirteil wurde für uns nicht nur zum Ausdruck unserer Komplizenschaft, sondern auch heimliches Symbol unserer Weiblichkeit und Unabhängigkeit. Wie viel uns das tatsächlich bedeutet hat, war uns erst bewusst geworden, als wir nach einem Jahr beim Eintritt ins Noviziat unsere eigenen Kleider ablegen und das Ordensgewand übernehmen mussten… oder eben durften, zur grösseren Ehre Gottes.

Nun waren wir endgültig „Twins“ geworden und manch ältere Schwester musste erst lernen, uns zu unterscheiden, nachdem unsere Haare unter der Haube und dem weissen Schleier verschwunden waren. Und wir beide mussten uns nun definitiv der Frage stellen, was wir hier eigentlich wollten und welchen Preis wir bereit waren, Gott für seine Liebe zu zahlen.

Damals war ich absolut überzeugt, dass dies mein Weg sei und dass ER mich gerufen hat, ihm alles zu geben. Seit meinem 19. Geburtstag, an dem ich als Leiterin unserer Pfadfindergruppe in Taizé war, hatte sich mein Leben radikal verändert. Noch heute sehe ich mich dort am Boden sitzen, in der Versöhnungskirche, inmitten einer Heerschar junger Menschen. Ich war zwar dank meines Grossvaters reformiert getauft, hatte mit Glauben aber wenig am Hut. Entsprechend skeptisch und distanziert hatte ich das Treiben um mich herum beobachtet. Doch ganz allmählich hatte mich der meditative Gesang in seinen Bann gezogen. Und dann, wie aus dem Nichts, schien etwas in meiner Brust aufzubrechen. Umgeben von singenden Menschen und doch irgendwie allein sass ich da und liess dem scheinbar endlosen Strom meiner Tränen freien Lauf.

Eine Woche später hatte ich meinen Eltern eröffnet, dass ich nicht Jura studieren werde, um später wie geplant die Kanzlei meines Vaters zu übernehmen. Meine Mutter hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich stattdessen konvertiert bin und katholische Theologie studiert habe. Ich sei schuld am frühen Tod meines Vaters. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Ich liess mich davon aber nicht beeindrucken: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“, sagt Jesus in der Bibel und dieses Wort war für mich der Schlüssel zur Freiheit. Endlich, so glaubte ich, konnte ich mein Leben leben und aus dem Gefängnis familiärer Erwartungen und Fesseln ausbrechen.

Doch wie so oft, wenn man sich krampfhaft von Fesseln befreien möchte, legt man sich selber neue an. Schon als ich aus Taizé zurückgekommen war, hatte ich aufgehört, Cannabis zu rauchen und mit Männern im Bett nach der Erfüllung meiner Sehnsucht zu suchen. Ich wollte nur noch für Gott leben. Und da ich bald einmal feststellen musste, dass das Theologiestudium überhaupt nicht dem entsprach, was ich in meinem naiven Glaubenseifer suchte, landete ich schliesslich da, wo der Glaube am radikalsten gelebt wird: im Kloster. Die klare Tagesstruktur, die straffe Lebensordnung, das gemeinsame Gebet und das Wohlwollen der Schwestern faszinierten mich. Wochenlang fühlte ich mich frei und wie im siebten Himmel.

Das erste, was ganz allmählich diesen Himmel trübte, war unser Spiritual, ein gebrechlicher, fast 90jähriger Pater, der zwar eine Seele von Mensch war, aber offensichtlich seit Jahrzehnten kein theologisches Buch mehr gelesen hatte. Die tägliche Messe mit ihm frühmorgens in der kühlen Kirche wurde bald zur Qual für mich. Und ausgerechnet ihm hätte ich beichten sollen, wie sehr ich an seiner theologischen Magerkost zu leiden hatte. Ich schämte mich für meinen Mangel an Demut und meine Überheblichkeit. Und gleichzeitig ärgerte ich mich immer mehr über das Gefühl, von diesem alten Mann abhängig zu sein, der von manchen Schwestern auf geradezu peinliche Weise verehrt und verwöhnt wurde.

Darum war es ein wahres Geschenk, als ich den jungen, dynamischen Priester sah, der die Studienwoche für uns Novizinnen leitete. Ich genoss diese Tage weg vom Kloster, in einem tollen Bildungshaus am See mit Gefährtinnen und Gefährten aus anderen Orden. Die Vorträge waren gehaltvoll, unterhaltsam aber auch herausfordernd. Ich sog alles auf wie ein trockener Schwamm und klebte förmlich an den Lippen unseres charismatischen Referenten. Und plötzlich war sie wieder da, die Begeisterung für das geistliche Leben in Gemeinschaft mit anderen jungen Frauen und attraktiven Männern wie ihm.

Selten war ich so glücklich und erfüllt wie an diesem letzten Abend, als wir auf der Terrasse vor dem Haus bei Wein, Bier und angeregten Diskussionen den Abschluss der Woche feierten. Irgendwann nach Mitternacht waren alle gegangen. Nur ich und unser Priester sassen noch da. Mit der letzten Flasche Wein und zwei Gläsern waren wir schliesslich hinunter gegangen zum See. Es war kühl geworden und er hatte mir seine Strickjacke um die Schultern gelegt. Dann war die Flasche leer und ich hatte mich noch gefragt, wie ich es wohl zurück in mein Zimmer schaffen sollte, als ich plötzlich seinen Arm um meine Hüfte spürte. Ich wollte etwas sagen, aber seine Lippen verschlossen meinen Mund. Sein Atem roch nach Wein. Ich sehe einen weissen Schwan, der im Mondschein majestätisch über die Wasseroberfläche gleitet, während kühle Hände unter dem Ordensgewand nach meiner Haut tasten…

Ich weiss nicht, wie lange ich damals zitternd unter der heissen Dusche sass. Ich war wie betäubt und unfähig zu denken und zu fühlen. Mein Kopf und mein Körper schmerzten, als ich mich schliesslich frühmorgens aus dem Bett wälzte und noch einmal hinunter zum See ging. Sie war unübersehbar, die Stelle mit dem niedergedrückten Gras. Und daneben inmitten von blühenden Margeriten fand ich die leere Weinflasche, zwei Gläser… und mein Höschen.

Ich war als junge Frau wie ein Uhrwerk, wenn es um meine Periode ging. Doch damals kam sie einen Tag später. Nur einen Tag, doch dieser eine Tag war für mich wie ein Jahr in der Hölle. Die pure Verzweiflung hatte mich gepackt. Wie konnte das passieren? Was hatte ich getan? Wie konnte ich Gott so etwas antun? Ich fühlte mich schmutzig und unwürdig. Ja, ich hatte Sex gehabt mit vielen Jungs, bevor Gott in mein Leben kam. Aber ich hatte alles gebeichtet und Frieden gefunden. Doch diesmal half alles Beichten nichts. Unser guter Spiritual gab sich alle Mühe, mir Gottes Barmherzigkeit zu versichern, aber ich wurde das Gefühl von Ekel und Scham nicht mehr los. Und immer wieder hörte ich diese erregte Stimme an meinem Ohr: „Du hast es so gewollt. Du hast mich verführt. Es ist deine Schuld!“ Ich fühlte mich so Ohnmächtig und hasste mich gleichzeitig dafür.

Das war über 25 Jahre her, doch die Erinnerung daran überfiel mich mit aller Gewalt, als ich heute Nacht in der Kirche sass. Plötzlich war alles wieder da: der Schmerz, die Bilder, die Gefühle und die unzähligen Argumente, mit denen ich all die Jahre versucht habe, das Geschehene vor mir selber zu rechtfertigen. Ich weiss nicht, wie lange ich schluchzend und tränenüberströmt dasass, als ich plötzlich eine Hand an meiner Schultern spürte. Unwillkürlich zuckte ich zusammen und hörte, wie mein „bitte nicht!“ durch die dunkle Kirche hallte. Zitternd zog ich die Jacke um meine Schultern zusammen, während das Herz in meiner Brust pochte. Ich brauchte einen Moment, bis ich es wagte, die Augen zu öffnen. Erleichtert starrte ich in das Gesicht der jungen Nonne, die mich im Schein der Opferkerzen besorgt anschaute.

Sie sass schweigend neben mir, während ich mich langsam wieder entspannte. Und irgendwann begann ich zu reden, erst zögerlich, dann immer entschlossener, und obwohl ich kaum mehr als flüsterte, schien meine Stimme den Kirchenraum bis unter das Dach auszufüllen. Eine unglaubliche Stille umgab mich, als ich schliesslich verstummte. Der Geruch von Bohnerwachs und frischen Blumen raubte mir fast den Atem. Es war genau wie damals in der Nacht vor der Gelübdefeier, der Nacht, in der Gott geschwiegen hat. Auch diesmal schien ER zu schweigen.

Doch dann kam mir aus der Dunkelheit des Raumes plötzlich ein Wort entgegen. Ich kannte dieses Wort. Es ist in aller Leute Mund. Und doch war es für mich immer ein fremdes Wort. Ein Wort, das mit meinem Leben nichts zu tun hatte… nichts zu tun haben durfte.

Ich brauchte einen Moment um zu realisieren, woher das Wort gekommen war, und als ich den Kopf drehte schaute ich direkt in die funkelnden Augen der jungen Schwester, die mich eindringlich ansah:

„Das war Missbrauch. Du wurdest vergewaltigt!“

*******

Sonntag, 22 Uhr

Ehrwürdige Frau Mutter, meine liebste Twin

Nein, meine Anrede ist für einmal nicht ironisch gemeint. Herzlichen Glückwunsch zu Deiner silbernen Profess! Was für eine wunderbare Feier! Und was für eine Überraschung für uns alle: Die Passacaglia zum Abschluss des Gottesdienstes, gespielt von der Jubilarin selber! Du warst einfach umwerfend. So habe ich Dich noch nie erlebt. So authentisch und verletzlich, und doch gleichzeitig so selbstbewusst und stark, eine „ehrwürdige Frau Mutter“ im wahrsten Sinne des Wortes. Deine Mitschwestern können stolz sein auf ihre Priorin.

Entschuldige bitte, dass ich direkt nach der Feier einfach so verschwunden bin. Du musst Dir keine Sorgen machen. Es war nicht wie damals vor 25 Jahren, als ich noch vor dem Morgengrauen meine Koffer gepackt hatte und einfach abgehauen bin. Ganz im Gegenteil, erstaunlicherweise geht es mir sehr gut, besser denn je. Ich war am Ende des Gottesdienstes von einer so tiefen Dankbarkeit erfüllt, dass ich mich einfach nach meiner Familie sehnte.

Ein Brief ist nicht der Ort, um alles zu erzählen, was ich Dir erzählen möchte und bei nächster Gelegenheit auch erzählen werde. Manches muss ich auch erst noch für mich selber klären. Darum hier nur so viel:

Du weisst, wie schwer es mir auch nach all den Jahren noch gefallen ist, an diesen Ort zurückzukommen. Und als Du mich gestern Abend in Deiner Klosterzelle mit dem alten, schwarzen Twinset überrascht hast, wurde mir fast schwindlig vor Schmerz. Weisst Du eigentlich, wie gut Du immer noch aussiehst darin? Es steht Dir fast noch besser, seit Deine Haare grau sind.

Wie oft waren wir damals nachts nach der Komplet noch zusammengesessen, heimlich in Deiner Zelle, bei Kerzenlicht und einer Flasche Whisky. Es war unser kleiner, regressiver Akt der Freiheit, das Ordensgewand mit dem Twinset zu tauschen und uns einen Moment lang wie erwachsene Frauen zu fühlen. Es erstaunt mich bis heute, dass uns die Priorin damals nicht bei der Novizenmeisterin verpfiffen hat, als sie uns schliesslich bei unserer nächtlichen Eskapade ertappte. Das war kurz vor unserer Studienwoche und von da an begann sich alles zu ändern.

Die nächtlichen Momente des vertrauten Austausches waren uns genommen. Doch mir kam das damals sehr entgegen. Es war etwas passiert, über das ich mit Dir weder reden konnte noch wollte. Plötzlich war ich mit allem überfordert. Wochenlang hatte ich darum gekämpft, zu verstehen und Ordnung ins Chaos meiner Gedanken und Gefühle zu bringen. Und dabei zusehen zu müssen, wie Du neben mir scheinbar mühelos Deinen Weg gehst, hatte mich zunehmend überfordert und von Dir entfremdet.

Schliesslich hatte sich mein Verstand in die Überzeugung geflüchtet, dass alles ein einziger Fehler war. Es konnte unmöglich Gottes Wille sein, dass ich mein Frausein verleugne und mein ganzes Leben als Nonne verbringe, eingeschlossen hinter Klostermauern, und bis zum Lebensende abhängig von den Entscheidungen irgendwelcher Männer. Mein Austritt aus dem Kloster hatte sich vernünftig und selbstbestimmt angefühlt und viele hatten mir dafür gratuliert. Und letztlich war es nur ein weiterer, logischer Schritt in meiner Emanzipation, dass ich auch der katholischen Kirche wieder den Rücken kehrte und stattdessen meinen Master in reformierter Theologie machte.

Das Leben schien mir dabei Recht zu geben. Ich liebe meine Arbeit als Pfarrerin. Ich habe einen wunderbaren Mann geheiratet und unsere beiden Kinder machen uns viel Freude. Vor kurzem ist mein zweites Buch erschienen und ja, ich bin stolz auf meinen Ruf als angesagte, emanzipierte Theologin, Predigerin und Referentin. Ich hatte mir und der Welt bewiesen, dass ich als Frau zu mehr fähig bin als zum demütig schweigsamen Dienst in einer Männerkirche.  

Doch als ich Dir gegenübersass, wusste ich, dass das alles nur ein Teil meiner Wahrheit ist. Meine Flucht aus dem Kloster und der Kirche hat mir zwar ein schönes und erfolgreiches Leben beschert, doch es war eine Flucht. Und das, wovor ich geflüchtet bin, hat mich nie losgelassen. Es ist tief eingeschrieben in meine Seele und in meinen Körper. Das wurde mir mit aller Gewalt bewusst, als ich nachts in der Kirche sass. Plötzlich waren sie wieder da, die Ohnmacht, die Verzweiflung und der Schmerz, genau wie damals in der Nacht vor den Gelübden. Doch diesmal war es anders. Diesmal war Gott da. Plötzlich sass er neben mir in Gestalt eines Engels, der jungen Schwester, von der Du mir so begeistert erzählt hast. Sie hat mir einfach zugehört, bis ich nichts mehr zu sagen hatte. Und dann hat sie mir den Schlüssel gegeben: einen kurzen Satz, der trotz seiner nackten Brutalität von einem Moment auf den anderen meinem ganzen Chaos Sinn und Ordnung verliehen hat.

Es ist wie bei einem Puzzle, bei dem sich plötzlich wie von selber alle Teile zusammenfügen. Und dabei wirst du dir bewusst, dass du eigentlich die ganze Zeit versucht hast, genau das zu verhindern. Du ahnst, wie die Wahrheit aussieht, eigentlich weisst du es sogar, aber es darf einfach nicht sein. Lieber belügst du dich selber ein Leben lang und suchst nach der Rechtfertigung für deine Schuldgefühle in einer Theologie, die die unentrinnbare Schwachheit des durch Adam in Sünde gefallenen Menschen predigt. Was für ein bitterer und abstrakter Trost im Vergleich zur unendlichen Güte und Barmherzigkeit unseres alten Spirituals. Er war zwar theologisch etwas einfältig, aber er hat uns nie verurteilt sondern immer nur ermutigt und unterstützt.

Ich weiss nicht, wie ich Deiner lieben Mitschwester und Gott danken soll für das, was sie mir in dieser Nacht geschenkt haben. Zum ersten Mal seit über 25 Jahren fühle ich mich frei. Meine Wahrheit ist schmerzhaft und ich werde mich ihr stellen müssen. Aber ich fühle mich bereit und stark genug dazu. Ich habe eine Familie, die mir Kraft gibt, und einen wunderbaren Beruf, den ich trotz allem als meine Berufung erfahre. Und dennoch frage ich mich natürlich, was aus mir geworden wäre, wenn ich damals den Mut und das Vertrauen gehabt hätte, mit Dir über alles zu reden. Ich bin überzeugt, auch Du hättest mir damals schon das Schlüsselwort gegeben. Aber hätte ich es auch hören können?

Wie auch immer, es ist, wie es ist, und so, wie es ist, ist es gut.

Grüsse bitte meinen Engel von mir! Ich war erst eifersüchtig auf sie. Heute bin ich eifersüchtig auf Dich. Ihr seid ein tolles Twinset! Deo gratias!

In betender Verbundenheit
Deine alte Twin

PS: Weisst Du, was aus dem Priester geworden ist, der uns im Noviziat die Studienwoche gegeben hat? Er hatte es bis zum Generalvikar geschafft, ehe er plötzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Ich habe gehört, er hätte irgendwo eine Tochter.

Warum sie? XVIII (die Priorin)

(aus dem Tagebuch einer Musikerin über ihre Beziehung zur Passacaglia von Bach)

Deo gratias! Sie ist zurückgekommen!

Ich hatte ehrlich gesagt nicht mehr daran geglaubt. Natürlich haben wir jeden Tag für sie gebetet. Und ich habe jeden Abend eine Kerze für sie angezündet. Aber in den 25 Jahren, seit ich nun im Kloster bin, ist noch keine zurückgekommen, die sich hat exklaustrieren lassen.

Entsprechend schwierig waren für mich die vergangenen Wochen. Ja, ich hatte grosse Hoffnungen in diese junge Frau gesetzt. Vielleicht zu viele Hoffnungen. Ihre Präsenz hatte mir gut getan. Wenn sie wüsste, wie sehr sie mir mit ihrer positiven Ausstrahlung und ihrem hoffnungsvollen Glauben durch so manche persönliche Krise geholfen hat.

Doch dann, vor etwa einem Jahr, hatte bei ihr die Krise begonnen. Sie hat mir vertraut und mich von Anfang an eingeweiht: Ins Auftauchen ihres leiblichen Vaters, in die Erkenntnis, dass ihre beste Freundin tatsächlich ihre Halbschwester ist, und vor allem in die traumatische Erfahrung ihrer Vergewaltigung als junge Frau.

Ich hatte getan, was ich konnte, um sie zu unterstützen. Aber ich musste ohnmächtig mitansehen, wie sie immer tiefer in die Verzweiflung rutschte. Schliesslich hatte ich ihr einen Therapeuten empfohlen, einen erfahrenen Priester und Ordensmann. Aber sie hat nicht auf mich gehört und ist stattdessen zu dieser Traumaspezialistin gegangen, die keine Gelegenheit auslässt um zu betonen, was sie von uns Nonnen hält.

Immer und immer wieder habe ich im Gebet um das Vertrauen gerungen. Und dabei musste ich mitansehen, wie es meinem Sorgenkind von Tag zu Tag schlechter ging. Mein Gott, ich hätte ihr nie erlauben dürfen, zu diesem Prozess zu fahren. Nie werde ich den Anblick vergessen, als ich sie nach ihrer Rückkehr weinend in ihrem Bett fand, und daneben im Waschbecken ihre Haare. Ich hatte versucht, mit ihr zu reden und sie zu trösten, aber sie hatte mich aus der Zelle geworfen.

Das hatte wehgetan. Doch der damalige Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, was ich empfunden habe, als sie vor ein paar Wochen bei mir im Büro aufgetaucht war, um mich zu bitten, das Kloster verlassen zu dürfen. Das sind die Momente, wo all unser Bemühen um Glauben, Vertrauen und Loslassen an seine irdischen Grenzen stösst.

Am gleichen Tag, mitten in meine Niedergeschlagenheit hinein, erhielt ich den Anruf aus meiner Heimatstadt. Ich wurde angefragt für ein Orgelkonzert im Rahmen einer kleinen Reihe anlässlich des 80. Geburtstags meines ehemaligen Orgellehrers. Seit Jahren schon hatte ich keine grösseren Konzerte mehr gegeben. Wie sind sie also ausgerechnet auf mich gekommen? Die Frage löste sich auf, als ich erfuhr, was man mir zu spielen vorschlug: Die Passacaglia und Fuge in c-moll von Bach.

Nur einer wusste, was dieses Werk für mich bedeutet… und warum ich es noch nie gespielt habe.

Natürlich hatte ich spontan abgesagt. Meine Aufgaben als Priorin des Klosters würden es mir nicht mehr erlauben, auswärtige Verpflichtungen einzugehen. Doch noch in derselben Nacht, als ich nicht schlafen konnte, hatte ich meine alten Orgelnoten hervorgekramt. Und drei Tage später hatte ich nachgefragt, ob die Einladung noch gelte.

Es ist der absolute Wahnsinn. Eine Verzweiflungstat? Wem will ich etwas beweisen? Und warum ausgerechnet jetzt? Ich weiss es nicht. Seit Wochen übe ich nun an diesem Meisterwerk. Technisch hatte ich es erstaunlich schnell im Griff. Aber emotional ist es eine Leidensgeschichte. Meine Gedanken drehen fast nur noch um dieses Konzert. Und dabei habe ich noch nicht einmal mit meinem geistlichen Begleiter darüber gesprochen.

Ob es mir gut gehe, hat unsere Rückkehrerin mich heute Morgen gefragt, als ich ihr half, das Gepäck in ihre Zelle zu bringen. Und der skeptische Ausdruck in ihrem Gesicht war Beweis genug, dass es nicht nur eine Höflichkeitsfrage war. Wie könnte es mir nicht gut gehen, jetzt, wo sie wieder da sei, antwortete ich, wobei ich mich über den schmerzlich vorwurfsvollen Unterton in meiner Stimme ärgerte. Wieso nur war ich so unfähig zu zeigen, wie sehr ich mich freute?

***

Es tat mir gut, sie neben mir zu wissen. Ich hatte sie gebeten, mich an das Konzert zu begleiten. Sie war eine gute Fahrerin und ich fühlte mich einfach wohl und sicher bei ihr im Auto. Das war genau das, was ich brauchte in diesem Moment: Sicherheit und Geborgenheit.

Ob ich mein Brustkreuz vergessen hätte, meinte sie heute Morgen in spontaner Sorge, als ich zu ihr in den Wagen stieg. Sie war es nicht gewohnt, ihre Priorin ohne Ordensgewand zu sehen, und musterte erstaunt mein schwarzes Twinset, das ich seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Es sei unter dem Pullover, log ich. Ich hatte nicht die Kraft, ihr und mir selber zu erklären, warum ich es zusammen mit meinem Ordensgewand in der Zelle gelassen habe. Mir war zwar schnell klar gewesen, dass ich dieses Konzert in Zivil geben würde. Ich wollte als Musikerin wahrgenommen werden und nicht als exotische Nonne. Aber das mit dem Kreuz war etwas anderes…

Was das für ein Stück sei, das ich da spiele, hat sie mich während der Fahrt gefragt. Sie habe mich gestern noch in der Kirche üben gehört.

Mein Gott, wie soll ich ihr erklären, was die Passacaglia ist? Ein Stück mit einem Bassthema und zwanzig Variationen, gefolgt von einer Fuge. Eines der absoluten Meisterwerke von Johann Sebastian Bach. Doch was sagt das einem Laien wie ihr? Und was sagt das schon von dem, was dieses Stück für mich bedeutet?

Ich muss schon im Mutterleib damit aufgewachsen sein. Mein Vater hatte es meiner Mutter vorgespielt, und seither hat es ihre Beziehung begleitet, wie das Bassthema der Passacaglia sich durch die Variationen zieht. Immer und immer wieder habe ich mir schon als Kind dieses Stück angehört. Es war für mich Ausdruck der perfekten Harmonie, einer Ordnung, die sich kreativ entfaltet und doch durch das Grundthema gehalten ist. Und genau so hatte ich meine Kindheit erlebt: Das unbeschwerte Zusammenleben mit meinen Eltern und meinen beiden kleinen Brüdern, die ersten Schuljahre, den Besuch der Gottesdienste am Sonntag und meine Erstkommunion in dem weissen Kleid und dem Blumenkranz auf dem Kopf.

Doch dann kam mein zwölfter Geburtstag. Wir hatten gefeiert wie jedes Jahr, mit Verwandten, Cousins und Cousinen. Es wurde gelacht, Musik gemacht, gespielt und unter den Älteren auch getrunken. Und dann war da plötzlich die Hand meines Onkels an meinem Busen. Na, ob mir das gefalle? Ich sei ja mächtig am Aufblühen. Nie werde ich diese Stimme an meinem Ohr vergessen, und den Alkohol in seinem Atem, als er mich am Hals küsste.

Meine Mutter wollte davon nichts wissen. Das sei sicher nicht so gemeint gewesen. Es sei ja auch ganz natürlich, dass ich im Moment diesbezüglich etwas empfindlicher sei. Mein Onkel hatte mich danach auch nie mehr angefasst und ich vermute, meine Mutter hatte dafür gesorgt. Doch das Gefühl des Ekels, der Ohnmacht und der Angst hatten sich tief in meine Seele eingeprägt. Die harmonische Ordnung der Passacaglia war zerbrochen.

Erst zwölf Jahre später war ich bereit, mich mit diesem Werk zu versöhnen. Ich hatte soeben das Konzertexamen meines Orgelstudiums mit Auszeichnung bestanden und feierte meinen Geburtstag mit meinen Freunden und meinem verehrten Lehrer und Professor. Ihm hatte ich alles zu verdanken. Er war wie ein Vater für mich und hat auch dann an mich geglaubt, als ich wegen einer Depression alles hinschmeissen wollte. Er hatte nie Fragen gestellt und immer akzeptiert, dass ich mich weigerte, die Passacaglia zu spielen. Und darum hatte ich sie ihm an diesem Abend in meiner kurzen Dankesrede als Abschiedsgeschenk versprochen. Ich sah damals auch keinen Grund, ihn nicht noch auf ein Glas Wein zu sich nach Hause zu begleiten. Es war schon nach Mitternacht und wir hatten beide etwas viel getrunken. Ich fühlte mich wohl bei ihm und war gerade im Begriff, seine Bibliothek zu betrachten, als er plötzlich hinter mir stand, die Jacke des Twinsets von meinen Schultern nahm und begann, unter dem Pullover nach meinem Busen zu tasten. Einen Moment lang war ich wie gelähmt, was ihn wohl annehmen liess, dass ich bereit sei für mehr. Er habe immer gewusst, dass ich irgendwann die Passacaglia für ihn spielen werde, hörte ich seine Stimme an meinem Ohr, während seine Rechte unter den Bund meines Rockes glitt.

Mehr war damals nicht geschehen. Ich hatte mich losgerissen, meine Tasche und meine Jacke gepackt, und war wortlos davongerannt. Tagelang hatte er versucht, mich telefonisch zu erreichen. Und schliesslich bekam ich einen Brief: Es täte ihm schrecklich leid. Sein Verhalten sei unverzeihlich gewesen und er schäme sich. Ich habe den Brief zerrissen… und die Passacaglia für immer begraben.

Doch wie sollte ich das alles meiner jungen Mitschwester erklären? Und vor allem, wie sollte ich ihr erklären, warum ich heute auf dem Weg bin, genau diese Passacaglia zu spielen? Wo ich es doch noch nicht einmal selber wirklich wusste.

Ich wusste es auch dann noch nicht, als ich am Nachmittag zum ersten Mal seit fast dreissig Jahren wieder an dieser Orgel sass, an der ich mein Prüfungskonzert absolviert hatte. Ich hatte meine Begleiterin gebeten, mich bis am Abend nach dem Konzert alleine zu lassen. Hier oben war noch alles wie damals, als ob die Zeit stillgestanden wäre: Der Blick hinunter ins geräumige Kirchenschiff und der Blick hinauf in die verspielte Üppigkeit des barocken Himmels, der mich umgab. In der Luft lag ein Hauch von kaltem Weihrauch und die Isolation der alten Kirchenfenster hat bis heute niemand an die Hand genommen. Unter mir hörte ich gelegentlich die Stimmen von Touristen, während ich hier oben auf der Empore ganz für mich alleine war. Auch das schwarze Twinset hatte mich damals schon begleitet. Ich hatte es mir mit meinem ersten Konzerthonorar gekauft. Und mein Lehrer liebte es, mich darin spielen zu sehen, vor allem, wenn ich mir die Jacke wegen des steten Luftzugs um die Schultern gelegt hatte.

Erst als ich schliesslich begann, die Register für die ersten Variationen der Passacaglia auszuwählen und dabei nach all den Jahren wieder die unglaubliche Kraft und Majestät dieser Orgel spürte, wusste ich plötzlich, warum ich hier war: Ich war gekommen, um mir meine Freiheit zurückzuholen. Niemand hatte das Recht, mir mein Leben wegzunehmen, meine Würde, mein Twinset und meine Passacaglia, nicht mein Onkel, nicht mein Lehrer, und auch nicht Gott.

***

Meine liebe Mitschwester hatte Tränen in den Augen, als sie nach dem Konzert zu mir auf die Empore kam. Fantastisch sei es gewesen, einfach wunderbar. Sie hätte noch nie so etwas Schönes gehört.

Auch mir kamen die Tränen, als sie mich spontan umarmte. Doch ich fühlte mich in diesem Moment einfach nur erschöpft und leer. Darum war ich dankbar, als sie kurzerhand meine Sachen zusammenpackte und dafür sorgte, dass ich hier wegkam.

Die Kirche war voll gewesen und die Leute waren begeistert. Vorne in der zweiten Reihe hatte ich meinen ehemaligen Lehrer erkannt. Er war als einer der ersten aufgestanden um zu applaudieren. Selbst aus der Distanz hatte ich die Tränen in seinen Augen gesehen. Er hat am Ausgang auf mich gewartet, als wir die Treppe von der Empore herunterkamen. Aber meine Begleiterin umging das Gedränge der Konzertbesucher und führte mich durch einen Seitenausgang ins Freie. Ich war froh, hatte sie mir die Entscheidung abgenommen. Ich fühlte mich nicht bereit, ihm zu begegnen. Nicht in diesem Moment.

„Ich sprach mir’s aus, als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte“, hörte ich sie wenig später verträumt vor sich her sagen, als wir auf einer Bank am Fluss sassen und die Lichter der nächtlichen Stadt betrachteten: „Etwa so wie sich’s in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben. So bewegte sich’s auch in meinem Innern, und es war mir, als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen und weiter keine übrigen Sinne besäße noch brauchte.“

„Goethe“, meinte sie schmunzelnd, als sie meinen fragenden Blick sah. Wer könnte besser beschreiben, was die Musik von Bach in der Seele bewirken kann? Sie habe mir den ganzen Nachmittag beim Registrieren und Proben zugehört. Das habe ihr geholfen, das Stück ein wenig kennenzulernen. Doch was sie heute Abend erfahren durfte, hätte sie nicht im Traum für möglich gehalten.

Irgendwie musste sie beim Konzert spontan an uns denken, an uns beide, aber auch die ganze Gemeinschaft. Da sei dieses würdevolle Bassthema, das Fundament, das die Passacaglia durchträgt. Man könnte darin den Ewigen sehen, aber sie habe dabei vor allem an mich denken müssen. Seit sie zum ersten Mal in unser Kloster gekommen war, sei ich dagewesen: Treu, tragend, zusammenhaltend, das Fundament eben, auf dem sie und die anderen Schwestern den Raum finden für ihr eigenes Suchen und Fragen, aber auch für ihre Ideen und Kreativität. Zehn Variationen lang trage dieses Fundament, das dabei durchaus auch bereit sei, sich rhythmisch einmal den Bedürfnissen der anderen Stimmen anzupassen. Doch dann, bei der elften Variation, kommt plötzlich der Moment, wo das Fundament verstummt. Aber siehe da, sofort, ohne dass der laufende Melodiefluss unterbrochen wird, übernimmt die Sopranstimme das Grundthema. Gemeinsam tragen die Oberstimmen die Passacaglia durch die nächsten fünf Variationen, ja mehr noch, sie scheinen ihre Freiheit zu geniessen, spielerisch, leicht, doch ohne je das Fundament zu verraten. So wie ich das gespielt habe, hätte man meinen können, den Engeln beim Musizieren zuzuschauen. Und dann ist auch sie wieder da, die tragende Bassstimme, und begleitet das Ganze zu seinem feierlichen Höhepunkt. Doch was für eine Überraschung: Da fange es ja erst richtig an. Aus diesem Höhepunkt heraus entfaltet sich übergangslos die Fuge, dieses fantastische, fast tänzerische Zusammenspiel gleichberechtigter Stimmen in einem einzigen Lobgesang, als ob die ewige Harmonie sich mit sich selber unterhielte. Mein Gott, was für eine einzigartige Erfahrung! Und was für ein Meisterwerk! Und dabei sei der Mann damals gerade mal 22 gewesen.

Meine Begleiterin hatte sich so in ein leidenschaftliches Feuer geredet, dass ich nur noch staunend dasass. Ich müsse keine Angst haben, meinte sie schliesslich nach einem Moment des Schweigens, indem sie sich zum mir umdrehte und mich eindringlich ansah. Auch ich dürfe mal Pause machen, meine Verantwortung ablegen und das Brustkreuz zuhause lassen. Sie habe zwar keine Ahnung, was mit mir los sei und was mich gerade derart bedrückt, aber sie sei wieder da und werde mich nicht mehr alleine lassen, und die anderen auch nicht.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und ergriff einfach nur ihre Hand. Ich hatte keine Angst. Nicht mehr. Sie hat auf ihre Weise das ausgedrückt, was ich beim Spielen gespürt habe: Friede und Trost, ein Gefühl der Freiheit und der Freude, und eine wachsende Lebendigkeit, die sich spätestens dann auch noch ihrer letzten Fesseln entledigt hat, als ich begonnen habe, die Fuge zu spielen.

***

Nein, ich hatte die Passacaglia nicht für ihn gespielt.

Aber ich habe es nicht über mich gebracht, ihm das zu sagen. Seine Freude war so ehrlich und berührend, als er mich heute Morgen vor der Abreise noch im Hotel aufsuchte. Er sei einfach unendlich dankbar, dass ich seiner Einladung gefolgt sei. Er habe damals einen unverzeihlichen Fehler begangen. Er sei überzeugt gewesen, dass ich… aber seine Liebe habe ihn blind gemacht.

Wie hätte ich ihm sagen können, dass er vielleicht gar nicht so blind gewesen war? Mein Gott, was wäre aus uns geworden, wenn er es einfach etwas sanfter angegangen wäre. Ich glaube, er hätte damals alles von mir haben können, wenn er nur gefragt hätte. Aber vielleicht war es gut so. Er hätte mein Vater sein können. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Warum ich eigentlich Nonne geworden sei, fragte mich meine junge Mitschwester, als wir wenig später im Auto auf dem Weg nach Hause waren. Ja, warum eigentlich? War es am Ende gar eine Flucht: Die Flucht vor ihm, vor der Passacaglia, vor dem Leben und vor mir selber? Nein, ich bin überzeugt, dass da mehr war. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätten mich die Schwestern auch gar nicht aufgenommen. Vielleicht ist der Moment gekommen, mir diese Frage neu zu beantworten, zwei Wochen vor meinem Professjubiläum.

„Frag mich ein ander Mal!“ hörte ich mich sagen, während ich erschöpft die Augen schloss und mich in die Jacke meines Twinsets kuschelte. Ich hatte gerade überhaupt keine Ahnung, warum ich hier bin. Und ich hatte weder Lust noch Kraft, mir diese Frage zu stellen. Ich war einfach nur glücklich und fühlte, dass es gut und richtig ist, hier zu sein, in diesem Moment, auf dem Weg mit meiner jungen Weggefährtin.

Woher sie eigentlich wisse, dass ich mein Kreuz nicht dabeihabe, fragte ich sie, als wir schliesslich in die Einfahrt zu unserem Kloster einbogen. Und nie werde ich diesen leisen Ausdruck von Sorge vergessen, der ihr Lächeln begleitete:

„Du bist eine schlechte Lügnerin, ehrwürdige Frau Mutter!“

Warum sie? XVII (der Schwager)

(Aus den Aufzeichnungen eines ehemaligen Polizisten)

Letzte Nacht haben wir zum ersten Mal miteinander geschlafen.

Es war wunderschön. Aber ich bin schon etwas erschrocken, als ich das Blut sah. Warum hatte sie mir nichts gesagt? Wie hätte ich wissen sollen, dass sie in ihrem Alter noch Jungfrau war.

Manchmal werde ich einfach nicht schlau aus ihr. Aber sie macht es mir auch nicht einfach. Ich habe immer gedacht, ich sei kompliziert. Doch sie schlägt mich um Längen. Dabei hatte ich sie gar nicht so in Erinnerung. Wir waren ein gutes Team, damals bei der Polizei: Offen, direkt, unkompliziert und vor allem eines: Professionell. Wir hatten uns gemocht, aber mehr nicht. Sie schien sich nicht für Männer zu interessieren und ich stand nicht auf ihren maskulinen Typ.

Doch seither hat sich einiges Verändert, bei mir, aber vor allem auch bei ihr. Seit einem Jahr sind wir zusammen und vor ein paar Monaten hatte sie einmal einen Anlauf genommen, über sich zu reden. Seither wusste ich, dass sie eine Halbschwester hat, die in irgendeinem Kloster Nonne ist. Und eigentlich gäbe es da noch einen Halbbruder. Der würde eine wichtige Rolle spielen in ihrem Leben, aber sie wisse nicht so recht, wie sie mir das erklären soll.

Dabei war es geblieben, bis plötzlich vor ein paar Wochen diese Schwester aus dem Kloster aufgetaucht war. Ich kam damals von einer Dienstreise zurück und wollte meiner Freundin einen Überraschungsbesuch abstatten, als ich unten beim Fahrstuhl dieser Frau begegnete. Sie trug einen schwarzen Daunenmantel und hatte die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Das kam mir seltsam vor, denn draussen war es frühlingshaft mild. Ihre Hände spielten nervös mit dem Kragen ihres Mantels, während wir auf das Kommen des Fahrstuhls warteten. Doch als sich die Tür öffnete und ich ihr den Vortritt lassen wollte, zögerte sie einen Moment, bevor sie mit einem unverständlichen Murmeln in Richtung Treppenhaus verschwand.

Ich bin es nicht gewohnt, dass Frauen vor mir davonrennen. Umso mehr freute ich mich, als meine Liebste oben bereits vor der Tür auf mich wartete. Doch ihre Reaktion war eher irritiert als erfreut. Sie brauchte einen Moment, um ihrem Glück Ausdruck zu verleihen, und ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass sie gar nicht auf mich gewartet hat. Fassungslos starrte ich auf die Gestalt, die plötzlich nach Atem ringend die Treppe hoch kam. Sie hatte ihren Mantel ausgezogen und machte einen ziemlich jämmerlichen Eindruck in ihrem unförmigen, langen Pullover und den alten Jeans.

Das war sie also, ihre Schwester. Sehr glücklich sah sie nicht aus, diese Nonne. Mit ihrem kahlgeschorenen Kopf hätte sie auch aus irgendeiner Sekte kommen können. Offenbar kam sie aber direkt von ihrer Therapeutin. Sie mache gerade eine schwierige Zeit durch, meinte meine Liebste, als sie mich überzeugte, dass ich im Moment besser wieder gehen sollte. Und am nächsten Tag erklärte sie mir, dass die Nonne bei ihr einziehen werde, vorübergehend, um etwas Distanz zu finden.   

Sie hat mir nie gesagt, was das Problem ihrer Schwester ist. Und ich habe auch nicht danach gefragt. Die Erinnerung an meine eigene Krise war noch zu frisch, als dass ich mich mit den Krisen anderer hätte beschäftigen wollen. Doch die Situation hatte auch ihr Gutes: Da ihr Gastzimmer belegt war, hatte Puma nun endlich auch eine Zahnbürste bei mir.

„Gut geschlafen? Ich liebe Dich, Deine Puma“ stand auf dem Zettel, den ich am Kühlschrank gefunden habe, nachdem sie zum ersten Mal bei mir übernachtet hatte. Irgendwie hatte ich diesen Namen aus meinem Bewusstsein verdrängt, so wie ich vieles aus unserer gemeinsamen Vergangenheit verdrängt hatte. Puma war damals ihr Funkrufname bei der Polizei. Und irgendwann hatten wir sie einfach nur noch Puma genannt. Das Tier passte zu ihr: Kraftvoll, athletisch, kämpferisch und gleichzeitig unaufdringlich in seiner nüchternen Schmucklosigkeit. Doch genau diese Eigenschaften machten sie zur perfekten Partnerin. Sie war verdammt gut, besser als manche meiner männlichen Kollegen.

Die Ärmste macht sich bis heute Vorwürfe, mich damals im Stich gelassen zu haben. Dabei war es allein meine Schuld. Ich hatte die Verantwortung. Wir hätten nie alleine in diese Villa eindringen dürfen. Doch ich war mir sicher gewesen, dass die Täter das Haus bereits verlassen hatten. Heute muss ich mich fragen, ob ich ebenso naiv gewesen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte, wem das Haus gehört. Und spätestens als ich die beliebte Schauspielerin im Wohnzimmer neben ihrem Gatten gefesselt und geknebelt am Boden liegen sah, war ich vollends blind für die Gefahr. Nie werde ich den Anblick dieser Frau vergessen, die mich flehend anstarrte und verzweifelt in ihren Knebel stöhnte, als ich mich über sie beugte. Erst als ich den Schrei meiner Partnerin in meinem Rücken hörte, begriff ich, was sie mir sagen wollte. Doch da fiel auch schon der Schuss.

Fast zwei Wochen lag ich im künstlichen Koma. Und als ich endlich wieder auf den Beinen war, habe ich meinen Dienst quittiert. Die Polizeipsychologin hatte sich zwar alle Mühe gegeben und mich sogar dazu gebracht, Tagebuch zu schreiben. Doch der Schock sass tief. Ich hatte jedes Vertrauen in mich verloren. Und vor allem, ich konnte mir selber nicht verzeihen. Nachdem ich mehrere Monate depressiv herumgehangen war und von meinem Ersparten gelebt hatte, hat mir ein ehemaliger Kollege schliesslich einen Job vermittelt. Seither arbeite ich als Chauffeur für einen namhaften CEO. Ich gehörte schon bei der Polizei zu den besten Fahrern und die gepanzerte Luxus-Limousine war einfach ein Traum. Und da mein Chef auf seine Kinder hörte und weitgehend auf das Fliegen verzichtete, durfte ich ihn und seine Familie durch halb Europa fahren. Dank diesem Job kam ich langsam wieder zum Leben zurück.

Dann kam der Tag, als mich meine alten Kollegen zu einer Gartenparty eingeladen haben. Ich hatte lange gezögert hinzugehen. Entsprechend nervös hatte ich mich nach ihr umgesehen und war fast etwas erleichtert, als ich sie unter den Gästen nicht entdecken konnte. Dafür wurde meine Aufmerksamkeit spontan angezogen von einer Frau mit schönen, schulterlangen Haaren, die sich draussen im Garten mit meinem ehemaligen Vorgesetzten unterhielt. Sie drehte mir den Rücken zu und hatte sich über einem geblümten Sommerkleid einen weissen Cardigan elegant um die Schultern gelegt. Ich hatte gehört, dass Puma unterdessen bei der Kriminalpolizei war und dass sie sich ziemlich verändert habe. Doch auf das war ich nicht gefasst. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, als sie sich umdrehte und zusah, wie ich fassungslos realisierte, wer da vor mir stand.

Ihre Schwester sieht ihr recht ähnlich. Als wir uns neulich zu dritt zu einem Kaffee trafen, glaubte ich einen Moment lang, die alte Puma vor mir zu sehen. Die kurzen Haare, die knabenhaften Gesichtszüge, das Tarnmuster T-Shirt und die Lederjacke waren mir nur zu gut bekannt. Nur passten diese Klamotten nicht so recht zur schmächtigen Gestalt der jungen Nonne. Hauptsache, sie fühle sich wohl, meinte meine Liebste schmunzelnd, als ich sie darauf ansprach. Ihre Schwester kämpfe gerade gegen sich und alle. Auch sie brauche eben mal eine punkige Phase.

Als wir uns drei Wochen später wieder trafen, war diese Phase offenbar vorbei. Die Haare der Nonne waren nachgewachsen und das martialische T-Shirt hatte dem ärmellosen, schwarzen Rollkragentop Platz gemacht, das ich an ihrer Schwester so mochte. Auch ihr Gesicht war wieder etwas aufgeblüht und ihre anfängliche Unsicherheit mir gegenüber war wie weggeblasen. Im Gegenteil, so wie sie die schwarze Lederjacke modisch elegant um die Schultern gelegt trug, hatte ich fast den Eindruck, als ob sie mit mir kokettieren wolle. Der skeptisch Blick, den meine Liebste mir dabei zuwarf, liess vermute, dass auch ihr diese Dynamik nicht entgangen war.

Ob sie schon Pläne habe, wie es nun weitergeht, hatte ich die Nonne schliesslich gefragt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass diese aufblühende Schönheit wieder hinter Klostermauern verschwinden sollte. Gleichzeitig spürte ich, dass es für uns nicht gut wäre, wenn sie noch lange hier herumhängen würde. Ich könne es wohl kaum erwarten, ihre Schwester wieder für mich alleine zu haben, antwortete sie sichtlich irritiert, und bevor ich etwas erwidern konnte, war sie aufgestanden und hatte ihren Kaffee und uns einfach stehen lassen. Ich wollte ihr noch hinterher, aber Puma hielt mich am Arm zurück. Sie schaffe das schon, meinte sie gelassen. Das Mädel wisse, dass ich Recht habe. Aber sie brauche einfach noch etwas Zeit.

Noch am selben Abend hat mich das „Mädel“ angerufen und sich für ihr Verhalten entschuldigt. Es täte ihr leid, dass sie derart in unser Leben eingedrungen sei. Sie sei uns wirklich dankbar für die Liebe und Geduld, mit der wir sie aufgenommen hätten. Und ich solle mir keine Sorgen machen. In zwei Wochen werde sie in ihr Kloster zurückkehren.

Ich weiss nicht, warum mich diese Worte derart aufgewühlt haben. Nachdem ich mich die längste Zeit im Bett hin und her gewälzt hatte, war ich aufgestanden und hatte begonnen, im Internet nach dem Kloster zu googeln. Und je mehr ich darüber fand, desto weniger konnte ich es begreifen: Was um alles in der Welt will diese Frau dort? Puma hatte mir erzählt, dass sie Bankerin gewesen sei, und nicht einfach irgendeine Bankerin. Und sie war attraktiv, verdammt attraktiv sogar, wenn ich die Bilder sehe aus ihrem früheren Leben. Okay, sie hat etwas kleine Brüste, aber ihre natürliche Eleganz war einfach atemberaubend. Und ja, verdammt, sie war im wahrsten Sinne des Wortes im Begriff, mir den Atem zu rauben. Wenn ich ehrlich bin, hatte sie es gar nicht nötig zu kokettieren. Sie ist einfach so und ich habe offensichtlich ein Problem, damit klar zu kommen.

Entsprechend aufgeregt war ich, als wir uns gestern Abend bei unserem Lieblingspizzaiolo zu einem Abschiedsessen trafen. Ich kam wie üblich etwas zu spät und staunte nicht schlecht, neben den beiden Schwestern auch noch deren Vater zu treffen. Er hätte nicht oft Gelegenheit, seine beiden Töchter zum Essen einzuladen, meinte er grinsend, als er mir die Hand gab. Nicht minder erstaunt war ich über den Anblick unserer Nonne. Sie hatte ihre Haare wieder etwas kürzer geschnitten und trug den unförmigen, schwarzen Pullover, in dem ich sie bei der ersten Begegnung gesehen hatte. Über ihrer Brust hing ein braunes Holzkreuz und an ihrer linken Hand war ein goldener Ring, den ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ihre Erscheinung irritierte mich, doch noch verstörender waren diese klaren Augen, die mich ruhig musterten. Ich konnte ihrem Blick nicht standhalten und war dankbar um ihre Schwester, die mich aus dem peinlichen Moment befreite, indem sie mich zu sich zog und küsste. „Ich liebe dich“, hauchte sie mir ins Ohr, während ich erfreut registrierte, dass sie nicht nur das schwarze Rollkragentop trug, sondern über ihren Schultern auch den weissen Cardigan, der für mich zum Symbol der neuen Puma geworden war.

Die drei schienen sich bestens zu unterhalten, während ich erstaunlich appetitlos an meiner Quattro Stagioni herumkaute. Irgendwie fühlte ich mich völlig fehl am Platz, und daran konnte auch meine Liebste nichts ändern, die unter dem Tisch immer mal wieder sanft ihre Hand auf meinen Oberschenkel legte. Doch als unsere Teller abgeräumt waren, hielt ich es nicht länger aus: Warum sie eigentlich Nonne sei, brach es aus mir heraus. Was finde sie in diesem Kloster, was sie bei uns draussen nicht findet?

Eine gewisse Aggression in meiner Stimme war unüberhörbar. Und für einen Moment trat betretene Stille ein. Ich schämte mich plötzlich für meinen Ton und wagte nicht, meinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Umso befreiender war die ruhige Stimme, die unserem Schweigen ein Ende setzte: Gott habe ihr eine Liebeserklärung gemacht, vor langer Zeit einmal in einer Kirche. Sie sei noch ein kleines Mädchen gewesen. Seit diesem Tag sei ihr ganzes Leben eine einzige Suche nach der passenden Antwort.

Diese Worte klangen aus ihrem Mund so natürlich, unprätentiös und authentisch, dass man fast geneigt war zu vergessen, wie absurd sie eigentlich waren. Soll wirklich die mystische Liebesschwärmerei eines Mädchens ihr ganzes Leben bestimmen? Und was für ein Gott soll das sein, der so etwas von einem Kind verlangt. Wäre es nicht langsam Zeit, sich von solchen Wahnvorstellungen und Zwängen zu befreien und endlich erwachsen zu werden?

Gott habe nie etwas von ihr verlangt, hörte ich sie schliesslich sagen, als ob sie meine Gedanken erahnt hätte. Er habe sie damals einfach angeschaut, beim Namen gerufen und ihr gesagt, dass sie wichtig sei für ihn, und dass er sie liebe. Und auf die eine oder andere Weise habe er ihr das seither immer wieder gesagt. Zuletzt vor ein paar Tagen bei ihren Exerzitien, nachdem sie ihm nachts in der Kapelle einmal so richtig ihre Meinung gesagt und ihm ihre ganze Wut und ihren Frust an den Kopf geworfen habe. Sie wisse nicht, ob wir das nachvollziehen könnten, aber sie habe sich noch nie so frei und erwachsen gefühlt wie in diesem Moment.

Nie werde ich den Glanz in ihren Augen vergessen, als sie dies erzählte. Dabei sass sie aufrecht da und schaute uns der Reihe nach an. Es war, als ob sie über das Normalste der Welt reden würde, und dabei strahlte sie eine natürliche Schönheit aus, bei der selbst der schäbige Pullover an ihr elegant wirkte. Doch irgendwie weigerte sich etwas in mir, ihr das Ganze abzunehmen. Diese Liebesgeschichte sei ja schon schön und recht, aber das sei doch noch lange kein Grunde, das eigene Leben wegzuwerfen und sich in ein Kloster zu verkriechen.

Der missbilligende Blick ihres Vaters und die Hand auf meinem Oberschenkel verrieten mir, dass ich etwas zu weite gegangen war. Aber die Nonne schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Sie sei froh, dass endlich jemand den Mut habe, ihr diese Fragen direkt ins Gesicht zu stellen. Viele würden insgeheim so denken wie ich, doch nur wenige würden sie damit konfrontieren, meinte sie, während ein trauriger Zug ihre Augen umspielte.

Sie habe jahrelang nach ihrer Form gesucht, auf die Liebeserklärung Gottes zu antworten. Und schon während ihres Studiums sei ihr klar geworden, dass dies nicht als Bankerin geschehen wird. Und auch die heimlichen Gefühle, die sie über Jahre zu einem ihrer Klassenkameraden hegte, sollten sich nicht als ihr Weg erweisen. Dann machte sie zum ersten Mal eine Auszeit in diesem Kloster und lernte dabei auch die Schwestern kennen. Vom ersten Moment an habe sie sich wohl gefühlt an diesem Ort und nach einer Woche wusste sie, wo ihr Platz sein würde. Warum ausgerechnet dort könne sie bis heute nicht sagen. Der Ort sei nicht besser und nicht schlechter als andere Orte. Und das Leben einer Nonne sei weder grundsätzlich besser noch gottgefälliger als jedes andere sinnvoll gestaltete Leben. Auch ihre Mitschwestern seien weiss Gott keine Heiligen, von ihr selber ganz zu schweigen. Doch für sie sei damals klar geworden: „Das ist der Ort, an dem ich Gott mit meinem Leben für seine Liebe danken möchte“.

Sie wisse nicht, was für mich eigentlich Leben bedeute, sagte sie schliesslich, indem sie mir direkt in die Augen schaute. Wenn ich tatsächlich meine, sie werfe ihr Leben weg, müssten wir uns wohl zuerst darüber einigen, was wir beide unter Leben verstehen. Denn ja, in gewissem Sinne werfe sie tatsächlich ihr Leben weg, weil sie im tiefsten Überzeugt ist, dass sie es gerade dadurch immer neu bekommt. Das sei alles eine Frage der Beziehung, der man sein Leben anvertraut: „Da, wo eine Beziehung mich wirklich lebendig macht, da ist mein Ort“.

Diese Worte klangen immer noch in meinem Ohr, als ich heute Morgen erschöpft aber überglücklich mit meiner wohlig schnurrenden Puma im Arm aufwachte. Lange ist es her, seit ich mich nicht mehr so glücklich und lebendig gefühlt hatte. Wie habe ich das bloss verdient? Okay, sie mag manchmal etwas kompliziert sein, nicht immer einfach zu verstehen und durchaus eigensinnig. Und eine Heilige ist sie weiss Gott auch nicht… wobei, bis heute Nacht ja irgendwie schon…

Was los sei, hörte ich sie verschlafen murmeln, als sie offenbar mein Lachen spürte. „Woran denkst du?“

„Ich habe mich gerade gefragt, wo eigentlich mein Ort sei“.

„Und?“

*******

Ich staunte nicht schlecht, als ich sie zum ersten Mal in ihrem schwarzen Ordensgewand sah. Und sie staunte nicht weniger, als sie die Luxus-Limousine sah, deren offene Tür sie zum Einsteigen einlud.

Ich war gekommen, um meine zukünftige Schwägerin zurück in ihr Kloster zu fahren. Mein Chef hatte mir dazu mit Vergnügen seinen Wagen überlassen, nachdem ich ihm erklärt hatte, worum es ging. Meine Befürchtung, es könnte ihr allenfalls peinlich sein, erwies sich schnell als unbegründet. Im Gegenteil, es machte ihr sichtlich Spass, vor den Augen einiger verblüffter Passanten in die edle Karosse zu steigen.

„Die meinen sicher, wir spielen hier eine Posse“, sagte sie lachend, als wir schliesslich davonfuhren. Dabei konnte ich diese Leute verstehen. Auch mir kam das Ganze irgendwie surreal vor. Diese elegante Nonne sass offensichtlich nicht zum ersten Mal in so einem Wagen. Neugierig musterte sie die Ausstattung und das digitale Display am Armaturenbrett. Ihr Stiefvater habe auch ein paar nette Wagen gehabt, meinte sie, aber das hier sei schon noch mal was anderes. Und wer hätte je gedacht, dass sie erst Nonne werden müsse, damit man ihretwegen mit einer gepanzerten Limousine anrücke.

Ihr schelmisches Lächeln verriet mir, dass ihr meine Verblüffung nicht entgangen war. Woher zum Teufel weiss die Frau, dass diese Kiste gepanzert ist? Soviel zum Thema „hinter Klostermauern verkrochen“, dachte ich mir. Langsam aber sicher begann sie mir etwas unheimlich zu werden.

„Danke für alles„, hörte ich sie schliesslich sagen, als wir in die Auffahrt zum Kloster einbogen. Meine Ehrlichkeit und meine Fragen hätten ihr gut getan. Sie wünsche mir einfach, dass ich nicht nur fähig sei zu fragen, sondern auch zuzuhören und zu vertrauen. Wie auch immer, sie sei so glücklich für ihre Schwester und dafür, einen Schwager wie mich an ihrer Seite zu wissen.

Auch ich musste plötzlich mit den Tränen kämpfen, als ich sah, mit welch ehrlicher Freude sie von ihrer Priorin und ein paar anderen Schwestern empfangen wurde. Wer hätte gedacht, dass ich einmal stolz auf eine Nonne sein würde. Mir ist nach wie vor unverständlich, was diese Frau antreibt und was sie hier hinter diesen Mauern sucht. Aber eines war mir in diesem Moment klar: Das war ihr Ort!

Ich solle auf ihre Schwester aufpassen, meinte sie strahlend, als sie mich zum Abschied fest umarmte. Und als ich schon im Begriff war, den Motor zu starten, klopfte sie noch einmal an die Scheibe: „Und frag sie doch bei Gelegenheit nach ihrem Halbbruder. Ich glaube, das würde sie freuen“.

Warum sie? XVI (die Therapeutin)

(aus dem Tagebuch einer überzeugten Atheistin)

Warum kommt sie zu mir? Ausgerechnet zu mir?

Sie weiss doch, was ich von all dem halte. Ich hatte es ihr doch direkt ins Gesicht gesagt, damals in der Cafeteria ihres Gästehauses. Ich hatte ihr gesagt, was ich von der katholischen Kirche halte, und vom Christentum, ja überhaupt von jeder Form von Religion. Und ich hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass ich nicht verstehe, wie eine intelligente, junge Frau wie sie ihr Leben einem solchen Aberglauben opfern konnte.

Ich war damals Referentin an einem Seminar über Traumatherapie. Der jungen Nonne in ihrem schrecklichen schwarzen Gewand war ich zum ersten Mal begegnet, als sie unsere Gruppe am Morgen im Namen der Klostergemeinschaft begrüsst hat. Mir war nicht bewusst gewesen, dass das Bildungshaus zu einem Kloster gehörte und dass es da sogar noch Schwestern gab. Aber meine Irritation hatte sich rasch gelegt, als ich spürte, wie professionell und diskret wir betreut wurden. Erst als ich nachts nicht schlafen konnte und in der Cafeteria noch an meinem Referat arbeitete, stand diese dunkle Gestalt plötzlich wieder vor mir. Sie hatte ihren Rundgang abgeschlossen und lud mich spontan zu einem Glas Wein ein.

Es hat mir im Nachhinein leidgetan, dass unser Gespräch derart aus dem Ruder gelaufen ist. Ich hatte gesehen, dass ich die junge Frau mit meiner Direktheit verletzt habe, aber ich war wie gefangen von meinen Gefühlen. Ihr Glas war kaum berührt, als sie sich schliesslich zurückgezogen hat. Ich wollte mich am nächsten Morgen bei ihr entschuldigen, doch man sagte mir, sie sei für ein paar Tage verreist.

Und heute, mehr als drei Monate später, ruft sie plötzlich an. Ob sie zu mir kommen dürfe? Sie brauche meine Hilfe. Was um alles in der Welt sucht sie ausgerechnet bei mir?

***

Ich hätte sie fast nicht erkannt, als sie heute zum ersten Mal vor meiner Tür stand. Ihre Wangen wirkten eingefallen und die dunklen Ringe unter ihren Augen zeugten von unruhigen Nächten. Trotz des frühlingshaften Wetters trug sie einen langen Daunenmantel, dessen Kapuze sie sich tief in die Stirn gezogen hatte, als ob sie sich verstecken wollte. Erst als ich ihr den Mantel abnahm, sah ich, dass sie ohne ihr Ordensgewand gekommen war. Fassungslos starrte ich auf ihren kahlgeschorenen Kopf, auf dem sich das Licht der Deckenlampe spiegelte.

Keine Angst, sie habe nicht Krebst, meinte sie entschuldigend, als ich uns wenig später etwas Baldriantee einschenkte. Offenbar war ihr meine Bestürzung nicht entgangen. Ich hatte einen Moment gebraucht, allein in der Küche, um meine Fassung wiederzufinden. Zu frisch sind sie immer noch, die Erinnerungen, zu lebendig der Schmerz. Zwei Monate ist es her, seit ich meine Mutter begraben habe. Und fast zwanzig Jahre, seit sie zum ersten Mal ihre Haare verloren hatte.

Ich brauchte eine Weile, um mich auf meine neue Klientin einstellen zu können. Einen Moment lang sassen wir beide nur schweigend da und starrten über unsere dampfenden Tassen hinweg ins Leere. Sie habe Angst, hörte ich sie schliesslich sagen, und dabei schaute sie mich forschend an, als ob sie meine Reaktion deuten wollte. Ihr Leben fühle sich gerade an, als sei es eine einzige Lüge. Sie wisse nicht mehr, was sie noch glauben soll.

Nach dem Tod ihrer Mutter habe sie erfahren, dass ihr Vater gar nicht ihr wirklicher Vater sei. Und vor ein paar Monaten sei es ihr zum ersten Mal passiert, dass sie sich bei einem Kurs in einen der Teilnehmer verliebt habe. Genau dieser Mann kam zwei Monate später zu ihr und behauptete, ihr biologischer Vater zu sein. Mehr noch, dessen Tochter, mit der sie neben einer Freundschaft auch ein kurzes, sexuelles Intermezzo verband, erwies sich als ihre Halbschwester. Das alleine hatte ihre Welt schon ordentlich durchgerüttelt. Doch dann wurde auch noch der Mann verhaftet, der sie vor Jahren bei einem Überfall brutal vergewaltigt hatte. Sie sei damals einige Zeit in der Klinik gewesen und hätte eigentlich gemeint, die Geschichte überwunden und verziehen zu haben. Doch plötzlich seien sie wieder dagewesen, die Alpträume, die schrecklichen Bauchschmerzen, die Ekzeme und die gelegentlichen Angstzustände. Sie habe es nicht wahrhaben wollen und mit ihrem Willen dagegen angekämpft, bis sie vor ein paar Tagen ihrem Peiniger im Gerichtssaal gegenübergestanden ist. An dem Tag habe sie zum ersten Mal geraucht und sich bis zur Besinnungslosigkeit besoffen. Und zurück in ihrer Klosterzelle habe sie sich die Haare vom Kopf geschoren.

Ich hatte mir schon viele Geschichten angehört, manche davon weit schrecklicher als diese. Doch heute war es anders. Ich ertappte mich dabei, wie ich förmlich an den Lippen dieser jungen Frau klebte. Sie wirkte so zart und zerbrechlich in ihrer abgewetzten Jeans und dem unförmigen, langen Wollpullover, unter dem sie ihre Weiblichkeit zu verbergen suchte. Was für ein Unterschied zu der aufrechten, selbstbewussten Nonne, die mir damals in ihrem imposanten Ordensgewand gegenübersass. Kaum zu glauben, dass es dieselbe Frau war. Und dass sie heute bei mir sass.

Ihr Vertrauen und ihre Offenheit haben mich unglaublich berührt. Ich musste unwillkürlich gegen die Tränen kämpfen, als sie mich fragte, ob ich ihr helfen würde. Ja, meine Liebe, das werde ich. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dich von deinen Lügen zu befreien und dich aus deinem Gefängnis herauszuholen.

Sie trug ihren Mantel über den Arm gelegt, als sie mir vom Gartentor noch einmal zuwinkte. Hinter der Gardine schaute ich ihr zu, bis sie am Ende der Strasse um die Ecke verschwunden war, so wie ich es früher immer bei meiner Tochter getan habe.

***

Heute haben wir die Behandlung mit EMDR begonnen. Ich hatte ihr erklärt, worum es dabei ging, und sie schien unterdessen alles gelesen zu haben, was es im Internet dazu gab. Auch die beiden Fragebogen, die ich ihr mitgegeben hatte, waren sorgfältig ausgefüllt. Eine ausgeprägte dissoziative Störung war nicht zu erkennen, aber das beschriebene Trauma war massiv. Da es jedoch ein einmaliges Ereignis war, bin ich zuversichtlich. Sie konnte es jedenfalls kaum erwarten, zu beginnen.

Als ich ihr zwei Stunden später in den Mantel half, wirkte sie erschöpft und mitgenommen. Ich habe ihr zur Sicherheit ein paar Tabletten mitgegeben. Sie könne mich jederzeit anrufen, falls sie Hilfe brauche. Sie nickte nur und zog sich die Kapuze über den Kopf. Diesmal hat sie am Gartentor nicht zurückgeschaut. Doch erst, als sie um die Ecke verschwunden war, spürte ich den Schmerz in mir. Irgendwann vor Jahren hatte auch meine Tochter begonnen, nicht mehr zurückzuschauen.

Seit der Scheidung lebt sie bei ihrem Vater. Und spätestens seit ihrem 18. Geburtstag will sie nichts mehr mit mir zu tun haben. All meine Versuche, mit ihr zu reden, endeten in einem Fiasko. Ich kann ja verstehen, dass sie mir die Schuld am Scheitern unserer Ehe gibt. Ja, ich habe die Trennung gewollt. Ich habe es einfach nicht mehr länger ausgehalten. Seit unserer Schulzeit waren wir ein Paar gewesen. Er war mein Fels, der mir Halt gab in all den Nöten meiner Jugend. Und genau so ist er bis heute geblieben: Treu, standhaft, zuverlässig, ein echter Fels eben. Doch ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen von früher. Ich brauche keinen Felsen mehr. Ich brauche einen Mann, der zuhören kann, der auch einmal weinen kann und der keine Angst hat, sich auch gelegentlich von mir in den Arm nehmen zu lassen. Einen Mann aber auch, der mich herausfordert, der mich immer wieder überrascht und der mir vor allem das Gefühl gibt, eine Frau zu sein.

Wie sehne ich mich danach, dass es schon morgen wäre. Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Eigentlich müsste er vor drei Stunden gelandet sein. Aber sein Handy ist immer noch ausgeschaltet. Er wollte nicht, dass ich ihn am Flughafen abhole. Es sei zu gefährlich wegen seiner Frau. Dafür treffen wir uns morgen in unserer kleinen Pension am See. Ich kann es kaum erwarten, ihn wieder im Arm zu halten, seine leidenschaftlichen Hände zu spüren und seinen Geruch.

Die drei Wochen kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Mir ist klar geworden, dass es so mit uns nicht weitergehen kann. Er muss sich nun endlich entscheiden: Sie oder ich.

***

Die Arbeit mit meiner jungen Nonne geht gut voran. Ich musste zweimal hinschauen, als sie heute in einem Tarnmuster-T-Shirt und einer schwarzen Lederjacke vor meiner Tür stand. Sie lächelte verlegen, als sie die Baseball-Mütze abnahm und ich die nachwachsenden Haare musterte. Die Klamotten hätte sie von ihrer Schwester. Sie sei meinem Rat gefolgt und habe das Kloster verlassen. Ihre Priorin hätte zwar gar keine Freude gehabt. Sie hätten sich aber schliesslich auf eine vorübergehende Exklaustrierung geeinigt. Ich habe zwar keine Ahnung, was das bedeutet. Doch ich bin stolz auf sie, dass sie diesen Schritt in Richtung Freiheit gewagt hat.

Wenn nur mein Liebster auch schon so weit wäre. Was hält ihn noch bei dieser Frau? Seine Tochter ist seit drei Jahren verheiratet und auch sein Sohn kürzlich ausgezogen. Ich kann einfach nicht verstehen, worauf er noch wartet. Ich müsse Geduld haben und ihm Vertrauen, hatte er gesagt, als ich ihn zur Rede stellte. Doch worauf soll ich noch warten? Wir wissen doch beide, dass wir zusammengehören. Warum müssen wir uns immer noch verstecken? Warum kann ich ihn nicht einfach begleiten auf seinen Reisen? Warum können wir nicht gemeinsam ins Theater gehen, ins Kino und in die Oper? Und warum kann es nicht immer so sein wie vor einer Woche am See?

Ich hatte mich so glücklich und frei gefühlt, als ob ich mich erst gerade gestern verliebt hätte. Natürlich war er erschöpft von seiner Reise. Aber einmal mehr war es mir schnell gelungen, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ich konnte förmlich spüren, wie er sich in meinen Armen entspannte. Und als wir uns fürs Abendessen wieder ankleideten, überraschte er mich mit einem Geschenk: Einem weissen Kaschmir-Cardigan. Ich hatte ihm erst neulich erzählt, dass ich schon lange von so einem edlen Teil träumte, es mir aber nie zu kaufen wagte. Mein Mann hatte nichts übrig für Strickjacken, und für luxuriöse Sonderwünsche fehlte uns das Geld. Umso mehr genoss ich den Moment, als mein Liebster mir vor dem Spiegel das edle Stück um die Schultern legte, das er extra aus London mitgebracht habe.

Ich hatte es seither jede freie Minute getragen, auch jetzt, wo ich bei brennendem Kamin mit einem Glas Wein am Tisch sitze und mein Tagebuch schreibe. Ach, wie schön wäre es, wenn Du jetzt bei mir sein könntest. Irgendwann wird es soweit sein. Doch im Moment freue ich mich einfach auf morgen. Mildes Frühlingswetter ist angesagt, Strickjackenwetter! Vielleicht können wir ja zum ersten Mal draussen…

Nein, verdammt, das darf doch einfach nicht wahr sein!

Sorry, ich kann morgen nicht. Dringende Dienstreise. Ich melde mich. Küsschen, M

Das kannst Du nicht mit mir machen! Hättest Du mich nicht wenigstens anrufen können? Ich bin doch kein Teenager, den man mit einer billigen sms abspeisen kann!

Es ist kurz nach Mitternacht. Seit drei Stunden versuche ich ihn vergeblich zu erreichen. Wenigstens scheinen die Tabletten langsam zu wirken. Was ist nur los mit mir?

***

Er hat mich die ganze Zeit belogen!!!

Ihr Mann werde sie nie verlassen, hat seine Frau mir erklärt. Er könne sie gar nicht verlassen. Er liebe sie noch immer, und selbst wenn es nicht so wäre, die Firma, die ihm so am Herzen liegt und in die er so viel Zeit und Energie investiert, gehöre ihr.

Ich hatte schon seit Tagen gespürt, dass etwas nicht stimmte. Und als ich diese Frau heute Nachmittag vor meiner Tür sah, wusste ich, dass sie es war. Wir waren uns noch nie begegnet und doch war es mir, als ob wir uns schon immer gekannt hätten. Irgendwie war sie seit Jahren Teil meines Lebens. Und ich Teil von ihrem. Sie habe es schon immer gewusst, erzählte sie mir, als ich ihr einen Tee einschenkte. Und er habe gewusst, dass sie es gewusst hat. Doch er habe das Spiel mit der heimlichen Geliebten weitergespielt, um sie nicht zu verletzen und um mich nicht zu verlieren. Er wusste genau, dass es mir um mehr ging als nur eine Affäre.

Sie sei mir nicht böse, vielleicht ein bisschen eifersüchtig, aber nicht böse. Ich hätte ihrem Mann das gegeben, was sie ihm nicht mehr geben konnte. Irgendwie hätten wir ja alle davon profitiert. Doch in letzter Zeit sei er plötzlich unruhig geworden. Sie habe sofort geahnt, dass ich ihn unter Druck setze: „Sie haben ihn vor die Entscheidung gestellt: Sie oder ich. Habe ich recht?“

Das Ganze war plötzlich zu viel für mich. Ich weiss nicht, wie lange ich hemmungslos schluchzend im Bad sass, bevor ich die Kraft hatte, wieder aufzustehen. Sie hatte auf mich gewartet, war aber im Begriff zu gehen. „Eine edle Jacke, die sie da haben“, hörte ich sie sagen, als sie mir zum Abschied die Hand gab. Ihr Mann habe ihr vor Jahren auch so eine geschenkt. Sie habe sie aber nie getragen. Erst vor ein paar Tagen, als sie in ihrem Schrank nach etwas suchte, sei ihr zufällig aufgefallen, dass sie nicht mehr da war.

Keine zehn Minuten später stand die Nonne vor der Tür. Ich wollte sie noch anrufen, um den Termin abzusagen, aber es war natürlich zu spät. Was muss ich auch für einen Eindruck auf sie gemacht haben, so aufgelöst und verheult, wie ich mich fühlte? Aber wenn es ihr aufgefallen war, so hat sie es mich nicht spüren lassen.

Die Sitzung verlief ganz gut. Die Methode scheint zu greifen. Die junge Frau wirkt schon viel ruhiger und entspannter, kein Vergleich zu den ersten Malen. Beim Abschied hat sie mir die Tabletten zurückgegeben und gleichzeitig angekündigt, dass sie erst in zwei Wochen wieder kommen möchte. Sie würde gerne ignatianische Exerzitien machen. Was ich davon halte?

Ich hatte keine Ahnung, was Exerzitien sind, aber was ich in der Schule über Jesuiten gehört hatte, liess mich nichts Gutes ahnen. Doch ich hatte in dem Moment einfach nicht mehr die Kraft, auch noch mit ihr zu kämpfen. Ich solle mir keine Sorgen machen, meinte sie, als sie meine Irritation spürte. „Sie machen einen wunderbaren Job. Alles andere dürfen sie uns überlassen“, hörte ich sie noch sagen, während ich verdutzt zusah, wie sie sich die Lederjacke um die Schultern legte und mit einem munteren Winken durch den Garten davoneilte.

Was hat sie bloss gemeint mit „uns“? Wem soll ich sie überlassen? Hat sie etwa einen Freund? Wen immer sie gemeint hat, ich beneide sie darum. Denn spätestens, als sie um die Ecke verschwunden war, wurde mir mit aller Gewalt bewusst, dass es für mich seit heute Nachmittag kein „uns“ mehr gibt.

Ich kann nicht schlafen und quäle mich seit Stunden mit meinen Gedanken und Gefühlen, als plötzlich mein Handy klingelt: Eine sms von meiner Nonne: „Ich bete für Sie!“

***

Seit Tagen habe ich mir den Kopf zerbrochen, was ich ihr ihr sagen werde. Immer und immer wieder habe ich die Konfrontation vor meinem inneren Auge durchgespielt, von wegen die Nummer sei nur für Notfälle, nicht für Privates. Sie dürfe von mir aus glauben, was sie wolle, aber wenn ich weiter mit ihr arbeiten soll, dann erwarte ich, dass sie Gott und ihren Aberglauben aus dem Spiel lasse. Wenn dieser Gott offensichtlich schon ihr nicht helfen könne, warum sollte er dann ausgerechnet mir helfen. Nein, ich brauche ihr Gebet nicht. Und auch sie würde besser daran tun, endlich erwachsen zu werden und sich selber zu helfen, als dauernd fremde Mächte anzurufen.

Doch als sie schliesslich vor meiner Tür stand, war ich einfach nur glücklich, sie wiederzusehen. Einen Moment lang war ich versucht, sie in den Arm zu nehmen. Sie sah fantastisch aus in ihrem ärmellosen, schwarzen Rollkragentop, der eleganten dunklen Hose und der Lederjacke, die sie um die Schultern drapiert trug. „Meine Schwester hat Stil“, meinte sie schmunzelnd, als sie meinen anerkennenden Blick sah.

Sie schien wie verwandelt und erzählte mir ausführlich von ihren Exerzitien: Von der wohltuenden Stille auf dem Land, von der regelmässigen Tagesstruktur, die ihr in ihrem chaotischen Zustand eine grosse Hilfe war, und von ihrem geistlichen Begleiter, einem Jesuiten, der wohl etwa so alt sei wie ich und den ich unbedingt einmal kennenlernen müsse. Vor allem aber erzählte sie von dieser einen Nacht, als ihr alles zu viel wurde. Zuerst habe sie eine riesige Angst empfunden. Doch dann sei plötzlich eine Wut aufgekommen, ein Hass auf alles und jeden, besonders aber auf sich selber, ihr Leben, ihre Lügen und ihre Arroganz, mir voreilig die Tabletten zurückzugeben. Sie habe schon das Handy in der Hand gehabt, um mich anzurufen, doch dann hätte es sie irgendwie in die Kapelle gezogen. Dort sei sie erst nur schluchzend und schmollend am Boden gesessen. Doch irgendwann habe sie zu reden begonnen, zuerst nur leise, dann immer lauter, bis sie schliesslich dem gekreuzigten Christus ihre ganze Wut ins Gesicht geschrien habe. Sie habe sich selber nicht mehr gekannt. Noch nie sei sie derart aus der Haut gefahren. Sie könne nicht sagen, wie lange das gedauert habe. Irgendwann sei sie einfach erschöpft vor dem Kreuz zusammengesunken. Und plötzlich sei da eine grosse Ruhe über sie gekommen, ein tiefer innerer Frieden. Und dann – ich dürfe nicht lachen, meinte sie verlegen – sei es ihr gewesen, als ob jemand eine weisse Jacke um ihre Schultern lege, in der Art wie ich gerade meine trage.

Ich wusste nicht, was ich von dieser Geschichte halten sollte. Das Ganze irritierte mich sehr, doch die junge Frau wirkte so stark und lebendig, als sie mir davon erzählte, so erwachsen auch und frei von jeder naiven Begeisterung und Schwärmerei.

„Dann werden Sie jetzt wohl die Therapie abbrechen“, hörte ich mich in meiner Unbeholfenheit sagen, als sie ihre Erzählung beendet hatte. Meine Reaktion schien sie zu überraschen und einen Moment lang schaute sie mich etwas erschrocken an: Nein, warum? Ich sei ihre Therapeutin, sie vertraue mir und sie werde so lange weitermachen, bis ich entscheide, dass es genug sei.

***

Heute war sie zum letzten Mal bei mir. Eigentlich sollte ich glücklich sein, und auch etwas stolz. Aus therapeutischer Sicht ist sie ein voller Erfolg. Vor einer Woche sei sie ins Kloster zurückgekehrt. Und heute stand sie in ihrem schwarzen Ordensgewand vor der Tür, mit Schleier und allem Drum und Dran. Sie könne mir gar nicht sagen, wie dankbar sie mir sei, meinte sie, als wir uns verabschiedeten. Und dann hat sie mich doch tatsächlich einfach so umarmt.

Ich musste gegen die Tränen kämpfen und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Von meinen Gefühlen überrumpelt nahm ich den weissen Cardigan von meinen Schultern und wollte ihn ihr als Geschenk mitgeben. Aber sie schüttelte nur lächelnd den Kopf. Sie sei keine Dominikanerin.

Ich muss ziemlich ratlos dagestanden sein, auf der Treppe vor meinem Haus, mit meiner Jacke in der Hand. So ratlos, dass ich um ein Haar verpasst hätte, zurückzuwinken, bevor sie um die Ecke bog. Noch nie hatte ich mich so verloren gefühlt, so unendlich allein und verlassen.

Daran wollte auch die Aussicht nichts ändern, in zwei Stunden meine neue Liebe zu treffen. Wir haben uns vor zwei Wochen bei einem Kurs kennengelernt. Er war auch Mönch gewesen und ganz erstaunt, dass ich wusste, was „exklaustriert“ bedeutet. Seine empathische Art hat mich spontan berührt. Er ist attraktiv, humorvoll und leidenschaftlich, und er mag die Weise, wie ich meinen weissen Cardigan trage. Es würde ihn an seine Mutter erinnern, die vor zwei Jahren wie meine Mutter an Krebst verstorben war.

Ich kann nicht sagen warum, aber als ich mich schliesslich zuhause vor dem Spiegel für mein Rendezvous bereitmachte, tauschte ich aus einem spontanen Gefühl heraus die Strickjacke mit einem Blazer. Und wenig später, in meinem Wagen vor seinem Haus, wurde mir bewusst, dass sich mein ganzes Leben gerade anfühlt, als sei es eine einzige Lüge.

Ich weiss nicht mehr, wo und wie lange ich in dieser Nacht herumgefahren bin. Irgendwann stand ich frierend an einem See und schaute zum x-ten Mal auf mein Smartphone. Was hätte ich in diesem Moment gegeben für eine Nachricht von ihr, und wenn es nur ein „Ich bete für Dich“ gewesen wäre.

Warum sie? XV (die Frau des Täters)

(aus dem Tagebuch einer verzweifelten Ehefrau und Mutter)

„Was ist, wenn ich mich die ganze Zeit belogen habe?“

Ihre Stimme klang kraftlos, als ob sie Angst hätte, die Frage auszusprechen. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie immer noch an ihrem ersten Drink war, hätte ich sie für betrunken gehalten.

Ich hatte sie nicht erkannt, als ich gegen 23 Uhr erschöpft und halb erfroren aus meinem regennassen Daunenmantel schlüpfte und die schummrige Bar unseres Hotels betrat. Sie sass alleine auf einem Hocker am Tresen. Die Geschäftsleute, die mit uns diese billige Absteige teilten, waren schon im Bett oder auf ihren Zimmern am Vorbereiten ihrer Termine. Nur die Dame vom Empfang schaute kurz herein um zu fragen, was ich trinken wolle.

Ich war in diesem Moment einfach nur froh, nicht alleine zu sein, und hatte mich neben sie an die Bar gesetzt. Wortlos nippten wir an unseren Gläsern, während die billige Kopie einer Bahnhofsuhr an der Wand vor sich hin tickte. Als ich mein zweites Glas leerte, war sie immer noch beim ersten. Vor ihr auf dem Tresen lag ein zwanzig Euro Schein: Das ganze Taschengeld, das man ihr auf die Reise mitgegeben hatte.

Es täte ihr Leid. Sie bete für mich und meine Familie, hatte ich sie plötzlich sagen gehört. Verdutzt starrte ich in die müden Augen dieser jungen Frau, die mich nachdenklich betrachtete. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpullover und eine etwas abgetragene graue Kaschmirjacke. Die kurz geschnittenen Haare verliehen ihrem schönen Gesicht einen knabenhaften Zug. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen, am Morgen, beim Betreten des Gerichtsgebäudes. Es war nur das Gesicht. Mehr war von der Person nicht zu sehen gewesen zwischen der weissen Haube des Ordensgewandes und unter der Kapuze des langen Daunenmantels.

Sie war im Gerichtssaal ein paar Reihen vor mir gesessen, aufrecht und irgendwie unglaublich erhaben in ihrem langen, schwarzen Gewand und dem Schleier, der ihr bis zu den Hüften reichte. Ich wusste, wer sie war, und dass sie es war, die mein Mann… Und unwillkürlich war die Wut in mir hochgekommen. Die Wut auf diese Frau, die meine Familie zerstört hatte. Ich schämte mich entsetzlich für meine Gefühle, doch das schien meinen Hass nur noch zu vergrössern. Und so war ich am Ende des Tages aus dem Saal geflüchtet, bevor ich ihr oder meinem Mann noch einmal in die Augen schauen musste.

Fast drei Stunden war ich bei Wind und Regen ziellos durch die nächtlichen Strassen gestapft, nachdem ich es alleine in meinem Hotelzimmer nicht mehr ausgehalten hatte. Keiner der wenigen Menschen, die mir bei diesem Wetter begegnet waren, hatte Anlass, sich über meine feuchten Wangen zu wundern, die unter der Kapuze meines dicken Daunenmantels im Licht der Strassenlaternen funkelten. Irgendwann war ich bei einer Kirche vorbeigekommen. Doch als ich eintreten wollte, stand wie aus dem nichts eine schwarze Gestalt vor mir. Starr vor Schreck erkannte ich das weisse Stück eines Klerikerkragens, während eine kalte Stimme mir erklärte, dass geschlossen wird. Ich solle morgen wieder kommen. Es fühlte sich an wie eine Ohrfeige, als die Tür vor meiner Nase ins Schloss fiel und von innen verriegelt wurde.

Ich weiss nicht, wie lange ich schluchzend auf der kalten Steintreppe sass, während immer mal wieder eine Windböe den Regen unter das schützende Vordach wehte. Ich weiss auch nicht mehr wirklich, wie es dazu gekommen war, dass ich begann, mit den behandschuhten Fäusten gegen die Kirchentür zu schlagen. Zuerst nur zögerlich und kraftlos, doch dann von Schlag zu Schlag heftiger, schneller und immer verzweifelter. Und irgendwann hatte in mir die Wut zu schreien begonnen: Die Wut auf meinen Mann, der meine Familie zerstört hat. Die Wut auf diese selbstgerechte Nonne, die auch noch behauptet, ihm alles verziehen zu haben. Und die Wut auf meine Mutter, die mich behandelt wie ein Kind und mir gleichzeitig Vorwürfe macht, meinen Ehemann im Stich zu lassen. Und irgendwann begann sogar das fahle Licht um mich herum zornig blau zu flackern.

Jemand musste die Polizei gerufen haben. Wie betäubt hatte ich die beiden dunklen Gestalten vor mir stehen sehen, während im Hintergrund das Blaulicht ihres Wagens die kahlen Bäume auf dem Kirchplatz gespenstisch aufleuchten liess. Wer ich sei und was ich hier tue, wollten sie wissen, und als ich nur eine zusammenhangslose Antwort zustande brachte, wollte mich der Beamte schon zum psychiatrischen Notfalldienst bringen. Doch seine Kollegin hatte ihn ruhig aber bestimmt zum Wagen zurückgeschickt und sich neben mich auf den Boden gesetzt. Sie war jung. Jedenfalls jünger, als ich mich gerade fühlte. Ihr Name erinnerte mich an eine Schulfreundin. Sie bot mir eine Zigarette an. Ich mochte ihre Marke nicht, aber das war in dem Moment so was von egal. Ich erzählte ihr, dass ich mein Kind verloren hatte, Fehlgeburt, vor einem Monat. Ich sei hier wegen dem Prozess meines Mannes. Nein, nicht weil ich ihn liebe. Ich musste einfach sehen, dass es wahr ist. Dass das alles nicht ein einziger Alpttaum ist. Ich musste einfach wissen, dass er wirklich… und dass es nicht meine Schuld ist.

Die Polizistin hatte mir schliesslich angeboten, mich nach Hause zu fahren. Und nachdem sie mir erklärt hatte, wo ich um diese Zeit noch Zigaretten bekommen könne und wie ich zurück zu meinem Hotel komme, hat sie mir ihre Karte gegeben. Ich solle sie anrufen, wenn ich mich verlaufe, hatte sie lächelnd gemeint, während sie mir wieder auf die Beine half.

Ich musste an sie denken, als die junge Frau neben mir von ihrem Barhocker glitt und zwischen den Tischen mit den hochgestellten Stühlen etwas verloren nach dem Weg zur Toilette suchte. Wo war ihre Würde und Erhabenheit geblieben, die mich den ganzen Tag so irritiert hatte? Und was hatte sie eben gemeint? Wobei sollte sie sich belogen haben? Sie wirkte so hilflos und zerbrechlich in ihrer grauen Strickjacke, der dunklen Wollstrumpfhose und den weissen Hotelschlappen, in denen sie zögernd umherschlurfte. Einen Moment lang war ich versucht, ihr zu helfen, nahm dann aber die Zigaretten aus meiner Manteltasche und ging hinaus in die Kälte der Nacht. Ich hatte seit meiner ersten Schwangerschaft nicht mehr geraucht und schon fast vergessen, wie beruhigend das Nikotin war für meine Nerven.

Ob ich ihr auch eine hätte? Ich war so vertieft in meine Gedanken, dass ich sie gar nicht bemerkt hatte. Ihre Augen funkelten mich neugierig an, als ich das Feuerzeug vor ihrem Gesicht aufflammen liess. Doch dann brauchte sie erst einen Moment, um sich vom ersten Zug zu erholen. Es sei ihre erste, meinte sie lächelnd, als sich ihr Husten beruhigt hatte. Schulter an Schulter standen wir da, in der dunklen Ecke neben dem Eingang, mehr schlecht als recht geschützt vor dem feuchten Wind, der durch die Strasse fegte. Fasziniert betrachtete ich ihr Profil, das sich gegen das Licht über der Tür abzeichnete, den goldenen Ring an ihrem Finger, der immer kurz aufblitzte, wenn sie die Zigarette zum Mund führte, und den feinen Rauch, den sie bei geschlossenen Augen durch ihre halb geöffneten Lippen in den Nachthimmel entweichen liess.

Sie habe sich den ganzen Tag gefragt, wie er so jemandem wie mich verdient habe, hörte ich sie schliesslich sagen, nachdem wir uns eine zweite Zigarette angezündet hatten. Sie bewundere mich. Wie ich das nur schaffe, da zu sein und zu ihm zu stehen, vor all diesen Leuten? Sie habe mich beobachtet, am Morgen während der Verhandlungspause. Sie habe meine Einsamkeit gespürt. Und doch hätte ich so ruhig, so würdevoll und über alles erhaben gewirkt in dem schwarzen Wollkleid, den eleganten Stiefeln und dem mächtigen, langen Daunenmantel über meinen Schultern. Und ja, sie habe mich gehasst dafür.

Unwillkürlich war sie etwas von mir weggerückt und hatte fröstelnd ihre Strickjacke vor der Brust zusammengezogen. Und nach einem letzten tiefen Zug hatte sie entschlossen den Zigarettenstummel weggeworfen. Sie habe sich die ganze Zeit etwas vorgemacht. Sie habe sich eingeredet, dass sie stark sei und das Trauma aus eigener Kraft überwunden habe. Darum wollte sie am Ende doch noch zu diesem Prozess kommen. Sie musste sich beweisen, dass ihr Wille den Hass besiegt hat, dass sie ihm verziehen habe und frei sei. Doch ihr ganzes frommes Gerede über Barmherzigkeit, Vergebung und Loslassen sei eine einzige Lüge gewesen. Plötzlich sei alles wieder dagewesene, heute Morgen im Gerichtssaal, als sie ihm zum ersten Mal seit damals gegenüberstand: Der Schmerz, der Ekel, die Ohnmacht und die Wut. Sie habe versucht sich einzureden, dass es normal sei, dass es vorbei gehen würde und dass ihr Gott schon die Kraft geben werde. Doch es war stärker als sie. Und als sie dann noch mich sah und die plötzliche Wucht ihres Hasses spürte, wusste sie…

Schmutziges Regenwasser spritzte von der Strasse zu uns herüber, als ein Taxi vor uns zum Halten kam. Schweigend schauten wir zu, wie ein Pärchen aus dem Wagen stieg und in sichtlich bester Laune an uns vorbei in die Lobby torkelte. Und so schnell wie es aufgetaucht war, so schnell war das Taxi wieder verschwunden, nachdem es ein zweites Mal Wasser über meine Stiefel befördert hatte. Ich musste an die offenen Schlappen meiner Begleiterin denken und plötzlich nahm ich wahr, wie ich selber vor Kälte zitterte. Mein Mantel lag in der Bar über einem Stuhl am Trocknen. Ich wollte sie gerade beim Arm nehmen und ins Haus führen, als sie sich plötzlich zu mir umdrehte: „Was ist, wenn ich mich von Anfang an getäuscht habe?“

Da war er wieder, dieser kraftlose Ausdruck in ihrer Stimme. Sie zitterte von Kopf bis Fuss und ihre Finger gruben sich krampfhaft in ihre Oberarme. Ihre Augen starrten mich verzweifelt an, während ihr die Tränen an den bebenden Lippen vorbei über die Wangen liefen. Sie wisse nicht mehr, was sie glauben dürfe. Vielleicht hätten sie ja doch recht gehabt, all jene, die immer gesagt haben, sie würde sich selber belügen. Sie sei ins Kloster geflohen… wegen damals.

Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Aber ich wusste, dass die Ärmste nicht länger hier draussen stehen durfte. Sanft aber bestimmt legte ich meinen Arm um sie und führte sie zurück in die Bar, wo ich uns gleich die ganze Flasche Grappa besorgte. Ich legte ihr meinen Mantel um die Schultern und half ihr, das Glas an die Lippen zu führen, das sie mit ihren zitternden Händen schon halb verschüttet hatte. Und ganz allmählich begann der Alkohol seine Wirkung zu entfalten.

„Bitte, lass mich nicht allein!“ hörte ich sie leise stammeln, als ich uns irgendwann den Rest der Flasche in die Gläser füllte. Ich weiss nicht mehr, wer von uns beiden die andere gestützt hat, als wir schliesslich zum Fahrstuhl wankten und nach oben fuhren. „Schau mich an! Sieht so eine Nonne aus?“ fragte sie verzweifelt, als wir uns im Spiegel an der Rückwand betrachteten. Sie könne nicht mehr beten. Sie habe es versucht, heute Abend, in einer Kirche. Aber sie habe es nicht ausgehalten, diese schweigende Leere. Es fühle sich alles so tot an in ihr…

*******

Mein Gott, sie hat sich umgebracht, schoss es mir durch den Kopf, als ich am Morgen aus einem Traum hochschreckte und die dunkle Gestalt vor mir hängen sah. Ich brauchte einen Moment um zu begreifen, dass es nur das schwarze Ordensgewand war, das an einem Bügel an der Schranktür hing. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie ich in ihr Zimmer gekommen war. Ich lag in meiner Strumpfhose und dem langen Wollkleid unter einer warmen Decke. Das Bett neben mir war gebraucht aber leer. Auf dem Nachttischchen lagen ein hölzernes Brustkreuz und der goldene Ring, den ich an ihrer Hand gesehen hatte. Erleichtert entdeckte ich schliesslich durch das Fenster eine dunkle Gestalt auf dem Balkon. Sie trug ihren schwarzen Daunenmantel und unter der Kapuze sah ich bläulichen Rauch emporsteigen.

Ihre müden Augen lächelten entschuldigend, als sie ins Zimmer trat und die Zigaretten und das Feuerzeug neben meine Handtasche legte. Halb betäubt schaute ich zu, wie sie den Reissverschluss ihres Mantels öffnete und diesen von ihren Armen auf den Boden gleiten liess. Sie trug nur die dunkle Wollstrumpfhose, die sie bis unter ihre kleinen Brüste hochgezogen hatte. Mein Kopf schmerzte entsetzlich und mein Magen fühlte sich elend an, während sie sichtlich verlegen wieder unter ihre Bettdecke schlüpfte und mir den Rücken zudrehte.

Mühsam wälzte ich mich unter meiner Decke hervor und wankte durch den Raum, wobei ich fast über meine Stiefel und die graue Strickjacke stolperte, die neben dem Bett auf dem Boden lagen. Und als ich die Tür zum Bad öffnete, kam mir der säuerliche Geruch von Erbrochenem entgegen. Doch als auch ich meinen Kopf in die Kloschüssel steckte, wollte nichts kommen. Stattdessen nahm ich den schwarzen Rollkragenpullover und den Büstenhalter, die ich in der Dusche fand, und reinigte sie mit etwas Seife von den Spuren ihres Unfalls.

Sie schaute mir etwas verschämt entgegen, als ich zurück ins Zimmer trat. Doch mehr als ein müdes Lächeln vermochte ich ihr nicht zu schenken. Meine Hände zitterten, als ich mir eine Zigarette aus der Packung klopfte und nach dem Feuerzeug griff. Und da ich meinen eigenen Mantel nirgendwo sehen konnte, hob ich ihren vom Boden auf und legte ihn mir um die Schultern.

„Wie heisst sie? Hast du ihr schon einen Namen gegeben?“ hörte ich sie plötzlich fragen, als ich die Balkontür öffnen wollte. Verdutzt drehte ich mich um und starrte sie verständnislos an. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. „Dein Mädchen. Du musst ihr einen Namen geben!“ Ihre Stimme klang klar und eindringlich. Und plötzlich spürte ich eine beklemmende Enge in meiner Brust. Die abgestandene Luft im Zimmer schien mir den Atem zu nehmen und es gelang mir gerade noch, die Balkontür aufzureissen, bevor es um mich schwarz zu werden drohte.

Mein Mädchen? Ich konnte mich nicht erinnern, ihr davon erzählt zu haben. Aber ich konnte mich an diesem Morgen an vieles nicht mehr erinnern. Die feuchtkühle Luft auf dem Balkon tat mir gut und allmählich entspannte sich meine Brust, während ich mich in den warmen Daunenmantel kuschelte und den Rauch der Zigarette durch meine Lippen strömen liess. Ja, es wäre ein Mädchen geworden. Das hatten sie mir im Krankenhaus gesagt. Aber was sollte mich das kümmern? Sie wurde nie geboren. Nicht einen Moment hatte ich seit der Fehlgeburt an das Kind gedacht, und schon gar nicht an „mein Mädchen“. Für mich gab es die ganze Zeit nur eines: Mein Versagen. Und das einzige, was mir half, einigermassen damit zu leben, war der Gedanke, dass es seine Schuld war. Meine Wut auf ihn bewahrte mich davor, in eine Depression zu fallen. Darum war ich auch hier. Nur darum. Ich musste sehen und hören, dass es wahr ist. Ich bildete mir ein, dass ich frei würde, wenn ich den definitiven Schuldspruch hören würde. Wie oft hatte ich mir in den langen, schlaflosen Nächten vorgestellt, was ich dann machen würde. Wie ich im Gerichtssaal aufstehen und vor ihn hintreten würde. Und wie ich ihm vor allen Leuten ins Gesicht sagen würde, dass unser Mädchen tot ist, und dass er sie umgebracht habe.

Genau das hatte ich dann ihr an den Kopf geworfen, gestern an der Bar, als mir klar wurde, wer sie war. Plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an diesen Moment, und mit ihr auch meine Scham. Ich war nicht darauf gefasst gewesen, sie dort zu treffen. Und so war es einfach aus mir herausgebrochen, als sie sich arglos nach meinem Jungen erkundigte. Ich war über mich selber erschrocken, aber noch mehr über ihre Reaktion: Die plötzliche Starre in ihrem Gesicht, die leichenhafte Blässe ihrer Wangen und den entsetzlichen Schmerz in ihren Augen. Einen Moment lang glaubte ich, den Gekreuzigten vor mir zu sehen, dieses schreckliche Gesicht in unserer Dorfkirche, vor dem ich mich als kleines Mädchen immer so gefürchtet hatte.

Ich hatte ihren Blick nicht ausgehalten und wäre am liebsten davongerannt. Aber wir waren beide sitzen geblieben, schweigend vor unseren Gläsern, begleitet vom Ticken der Uhr an der Wand. Ich hörte ihren Atem neben mir, der sich nur langsam beruhigen wollte. Verzweifelt hatte ich nach Worten gesucht. Ich wollte ihr alles erklären, mich entschuldigen, ihr sagen, dass es mir leid tut. Aber ich war wie gelähmt. Und irgendwann hatte ich den rechten Moment verpasst. Doch dann war sie plötzlich neben mir gestanden und hatte mich um eine Zigarette gebeten. Die erste ihres Lebens. Wieso war sie zurückgekommen? Und warum war sie bei mir geblieben, ausgerechnet bei mir, die ganze Nacht?

Sie schien friedlich zu schlafen, als ich nach drei weiteren Zigaretten zurück ins Zimmer trat. Ich liess die Balkontür offen, legte ihren Mantel über den Stuhl und schlüpfte leise aus meinem Wollkleid. Vorsichtig glitt ich zu ihr unter die Decke und schmiegte mich an ihren Rücken. Die Wärme ihres Körpers und die Ruhe ihres Atems schienen wie magisch auf mich überzugehen. Noch nie hatte ich den Geruch von verrauchten Haaren so genossen. „Danke“, hauchte ich in ihr Ohr. Doch ausser einem kurzen, unverständlichen Murmeln unterbrach nichts den gleichmässigen Rhythmus ihres Atems. Und irgendwann muss auch ich eingeschlafen sein.

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Sieben Jahre Haft. Wir hatten mit mehr gerechnet. Aber seinem Anwalt war es immerhin gelungen, die Anklage wegen Terrorismus abzuwenden.

Keine von uns war bei der Urteilsverkündung dabei. Selbst wenn wir die Kraft dazu gehabt hätten, wir hatten beide keinen Grund mehr, noch einmal hinzugehen. Ein Bekannter hatte mir eine sms geschickt, als wir am Bahnhof auf unsere Züge warteten. Ich zeigte ihr die Nachricht. Sie nickte nur. Schweigend standen wir auf dem ungedeckten Bahnsteig, eingepackt in unsere langen Mäntel, die Kapuzen tief in die Stirn gezogen.

Ob ich noch eine Zigarette hätte? Es war die letzte. Mit vereinten Kräften gelang es uns, sie trotz Wind und Nieselregen anzuzünden. Ihre Hände zitterten dabei. Ich gab ihr meine Lederhandschuhe. Abwechslungsweise nahmen wir einen tiefen Zug und schauten wortlos zu, wie der Rauch zwischen unseren Lippen in den grauen Himmel entwich. Unwillkürlich musste ich an meine beste Schulfreundin denken, wie wir damals in der Pause gemeinsam am gleichen Kaugummi gekaut hatten. Und plötzlich lächelte mein Gegenüber, als ob sie meine Gedanken erahnt hätte. Mein Gott, wie schön sie war, wenn sie lächelte!

In dem Moment war mir klar, wie unser Mädchen heissen wird. Der Gedanke erfüllte mich mit einer Freude, wie ich sie schon lange nicht mehr gekannt habe. Ich konnte es kaum erwarten, meinen Jungen wieder in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe, und ihm von seiner kleinen Schwester zu erzählen. Gemeinsam würden wir einen Stein für sie bemahlen. So wird sie immer Teil von uns sein. Und wer weiss, vielleicht kann sie ja auch für uns beten. Für ihren Vater. Und für ihre Patin, der sie weit mehr als nur ihren Namen zu verdanken hat. Ich fürchte, die wird in nächster Zeit einen kleinen Schutzengel brauchen können.

Sie wirkte verlassen auf dem regennassen Bahnsteig, als sich mein Zug in Bewegung setzte. Der Wind hatte ihr die Kapuze vom Kopf gezogen und von ihren feuchten Haaren tropfte das Wasser über ihre Wangen. Sie winkte mir zum Abschied zu, doch ihr Blick schien bereits weit weg zu sein. Ihre Hände steckten immer noch in meinen Handschuhen. Aber ich meine, den goldenen Ring nicht an ihrem Finger gesehen zu haben, als wir die Zigarette anzündeten. Den Schleier hatte sie noch im Hotel irgendwo in ihren Rucksack gestopft.

Warum sie? XIV (der Vergewaltiger)

(Aus den Aufzeichnungen eines Untersuchungshäftlings)

Sie habe mir verziehen, schreibt sie.

Aber ich will das nicht! Ich will ihre gottverdammte Barmherzigkeit nicht.

Sie soll mich hassen, genauso wie ich mich selber hasse.

Ich hatte immer geahnt, dass sie eines Tages zurückkommen würde. Dass dieser Dämon meiner Vergangenheit mich eines Tages einholen würde. Und als ich vor ein paar Wochen von einem Spaziergang aus dem Wald zurückkam und die Polizei vor unserem Haus sah, wusste ich, dass der Moment gekommen war. Mir war klar, dass ich nicht mehr länger davonlaufen konnte. Nicht vor der Wahrheit, und nicht vor mir selber.

Seit Tagen schon hatte ich Alpträume gehabt und konnte kaum mehr schlafen. Ich hatte genügend Krimis gesehen um zu wissen, was es bedeutet, als an unserer Schule eine Reinigungskraft vergewaltigt wurde und auch wir Lehrer eine DNA-Probe abgeben mussten. Natürlich hatte ich gehofft, dass es von damals noch keine DNA-Proben gab. Doch gleichzeitig war da auch etwas in mir, dass sich sehnte nach dem Moment der Wahrheit. Zu sehr quälte mich der besorgt fragende Blick meiner Frau, wenn ich mich immer öfter wortlos ihrer tröstenden Umarmung verweigerte.

Doch wie sehr hätte ich mich nach einer letzten Umarmung gesehnt, als mich die SEK-Beamten vor ihren Augen abgeführt haben. Schwer bewaffnet, mit Sturmhauben über dem Kopf hatten sie mich im Vorgarten unserer Hauses überwältigt, auf den Boden gezwungen, nach Waffen durchsucht und dann mit Handschellen gefesselt. Erst als sie mich in den Wagen schoben, sah ich meine Frau zusammen mit einer Polizeibeamtin vor der Tür stehen. Nie werde ich ihren verzweifelten Blick vergessen und das Winken unseres kleinen Jungen auf ihrem Arm.

Natürlich war mir klar, dass ich ein Verbrechen begangen hatte. Doch irgendwie hatte ich mir immer versucht einzureden, dass wir jung waren, dass es nur ein dummer Jungenstreich war und dass ja niemand wirklich zu Schaden gekommen sei. Damit hatte ich all die Jahre versucht, meinen Ekel, meine Schuldgefühle und meine bodenlose Abscheu vor mir selber zu verbergen. Und irgendwie schien mir das auch zu gelingen. Das Leben ging weiter und mit der Zeit sah es tatsächlich so aus, als wäre für alle Beteiligten Gras über die Sache gewachsen.

Umso grösser war der Schock, als ich nun wie ein Schwerverbrecher abgeführt und in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht wurde. Alles war kalt hier, die Zelle, die Gänge, der Verhörraum und die Beamten, die mich stundenlang verhört hatten. Ich wusste nicht, was sie noch von mir wollten. Ich hatte doch alles gestanden. Doch dann war plötzlich diese Beamtin vom Nachrichtendienst da und hielt mir das Foto einer Frau unter die Nase. Ich hatte sie sofort erkannt: Diese dunklen Augen, die markanten Gesichtszüge und das gekrauste, schwarze Haar. Ich hatte sie an der Uni in einem Seminar kennengelernt. Sie und ihr Partner waren idealistische Träumer mit grossen Visionen aber ohne Geld. Ich gab ihnen den Tipp, wo sie welches finden könnten, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte diese Frau daraus Nägel mit Köpfen gemacht. Sie war es, die nachts in einem Wiener Hotel den Bankier überfallen hat, während wir zuhause seine Frau und Tochter als Geiseln hielten. Nach dem Coup waren beide spurlos verschwunden und von meinem Anteil an der Beute hatte ich nie etwas gesehen. Mir war schnell klar, dass sie mich reingelegt hatten. Und sie wussten, dass ich von allen am meisten Grund hatte, zu schweigen.

Die Frau sei vor drei Jahren im Gazastreifen beim Angriff einer Israelischen Sondereinheit auf eine palästinensische Terrorzelle getötet worden. Ihr Partner war schon vor fünf Jahren bei einem missglückten Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen. Der Nachrichtendienst habe von Anfang an hinter dem Überfall auf den Bankier einen terroristischen Hintergrund vermutet. Die Privatbank hatte den Ruf, auch durch jüdische Fluchtgelder gross geworden zu sein. Man habe damals schnell die Identität der beiden untergetauchten Studenten ermitteln können, deren Spur in den Nahen Osten führte. Nur die Identität des dritten Terroristen sei völlig im Dunkeln geblieben… bis heute, wie die Beamtin mit einem sichtlich zufriedenen Lächeln betonte.

Das Ganze ist ein einziger Alptraum. Ja, verdammt, ich hatte Scheisse gebaut! Aber ich bin doch kein Terrorist! Ich wusste nichts von revolutionären Zellen und der palästinensischen Sache. Und mir war es völlig egal, woher diese Bank ihr Geld hatte. Das Ganze war doch nur ein dummer Jugendstreich. Es ging doch nur um ein bisschen Geld und darum, dieser arroganten Familie einen Denkzettel zu verpassen. Wer konnte denn wissen, dass dieser verdammte Bankier wirklich bis zum Äussersten gehen würde. Mein Gott, ich hatte doch nicht vor, dieses Mädchen…

Ja, es stimmt, ich habe sie gehasst. Ich hasste sie seit dem Tag, als sie mir zum ersten Mal in der Schule über den Weg lief. Sie war gerade mal vierzehn, aber sie wirkte viel älter auf mich, was wohl auch an der Weise lag, wie sie ihre lange Strickjacke elegant um die Schultern gelegt trug.  Nie werde ich ihren Blick vergessen, als ich ihr damals in der Pause eine Zigarette anbieten wollte. Ich glaube, ich hätte alles ertragen: Ablehnung, Spott, ja selbst Verachtung. Aber nicht diese mitleidsvolle Freundlichkeit, mit der sie sich bedankte, bevor sie mich stehen liess, um sich wieder ihrem Wrack von einer Freundin zuzuwenden. Und das vor den Augen meiner Kameraden.

Ich war zwei Klassen über ihr und hätte damals jedes Mädchen haben können. Aber von diesem Moment an gab es für mich nur noch sie. Ich wollte sie haben. Und je unerreichbarer sie mir erschien, desto besessener war ich von ihr. Und dann lief sie uns eines Tages im Park direkt in die Arme. Unsere Clique hatte gekifft und getrunken und war auf einer Parkbank am Abhängen, als die Kleine mit dieser Studentennutte daher kam. Ich war einmal mit einem Kollegen bei der, aber sie hatte mich nicht mehr erkannt. Kein Wunder, so heruntergekommen und zerschlagen wie die aussah. Aber unser Bankierstöchterchen schien eine Vorliebe zu haben für so armseligen Existenzen. Die Kleine hatte sich doch tatsächlich schützend vor ihre Freundin gestellt und mir direkt in die Augen geschaut. Auch dann noch, als ich ihr eine Haarlocke vom Kopf schnitt. Ihr Blick zeigte weder Angst noch Herausforderung, sondern einfach nur mitleidige Trauer.

In der Oberstufe wurden bei uns dann Wetten abgeschlossen, wer als erster mit ihr ins Bett steigen würde. Im Vollrausch bei einer Party hatte ich schliesslich die Haarlocke hervorgezaubert und den Preis für mich beansprucht. Aber niemand hatte mir geglaubt. Die meisten hielten sie unterdessen ohnehin für lesbisch. Dann war plötzlich eine neue Herausforderung aufgetaucht: Unser Schulseelsorger, dieser junge Priester, dem es offensichtlich gelungen war, ihr Interesse zu wecken. Ich war mir sicher, dass zwischen den beiden etwas lief. Und eines Abends war ich dem Typen heimlich gefolgt. Daher wusste ich auch, dass das Gerücht falsch war, das kurz darauf die ganze Schule in Aufruhr versetzte. Aber mein Hass war stärker als die Versuchung, allen auf die Nase zu binden, mit wem unser frommer Geistlicher tatsächlich ins Bett ging.

Und dann kam diese verhängnisvolle Nacht. Es war ein Kinderspiel, sie und ihre Mutter zu überwältigen, als sie gegen Mitternacht aus der Oper nach Hause kamen. Doch dann schien die Zeit nicht vergehen zu wollen, während wir im Salon zusammen mit unseren Geiseln auf den Anruf aus Wien warteten. Als er schliesslich kam, hatte ich bereits einen Joint geraucht und mich zum dritten Mal an der Hausbar bedient. Doch dann wollte der Alte einfach nicht bezahlen. Wir hatten ihm per Video die Geiseln gezeigt und mit allem möglichen gedroht. Aber er zeigte sich auch dann noch nicht kooperativ, als mein Partner bei laufender Kamera die Tochter vor mir auf die Knie zwang und ihr das Klebeband vom Mund riss. Das kurze Aufblitzen von Zorn in ihren Augen werde ich nie vergessen, und auch nicht das kleine goldene Kreuz, das mir entgegenstrahlte, als ich ihre seidene Bluse zerriss.

Zurück zuhause hatte ich mir eine Stunde lang den Magen aus dem Leib gekotzt. Und egal wieviel Whisky ich in mich hineinschüttete, diese Augen, die ganz allmählich erloschen waren und nur noch leer durch mich hindurchstarrten, verschwanden nicht aus meinem Kopf. Ich war überzeugt, dass sie mich trotz der Maskierung erkannt hatte. Irgendwann am Morgen kam dann meine Mutter ins Zimmer, zerrte mich aus dem Bett, packte ein paar Sachen in eine Tasche, verfrachtete mich in ihren Wagen und fuhr mit mir in unser Ferienhaus in den Bergen. Sie nahm mir das Handy ab und verbot mir, das Haus zu verlassen, bis sie sich wieder melde. Meine Wange brannte von ihrer Ohrfeige, als ich wie betäubt hinter der Gardine zugesehen habe, wie sie mit entschlossenem Schritt zu ihrem Wagen eilte. Sie sah aus wie ein römischer Offizier mit ihren prächtigen, silbergrauen Haaren, den schwarzen Stiefeln und dem dunkelroten Strickmantel, der wie ein Umhang im Rhythmus ihrer Schritte um ihre aufrechten Schultern wehte. Und plötzlich wurde mir klar: Ich hasste sie!

Für meine Mutter war ich das Ein und Alles. Wegen mir hatte sie damals meinen Vater verlassen, wie sie immer wieder betonte. Ich sollte nicht so werden wie er: Ein ziellos daher lebender Künstler ohne jedes Verantwortungsgefühl, stets abhängig von den Launen seiner Inspiration und seiner ungehemmten Gefühle. Seine unbeschwerte Ungebundenheit, die sie so fasziniert hatte, als sie mit ihm ins Bett gestiegen war, wurde schnell zur Quelle existentieller Angst, als es plötzlich konkret wurde. Er muss bald nach der Trennung gestorben sein, möglicherweise von eigener Hand, wenn ich den Streit richtig deute, den ich als kleiner Junge einmal zufällig zwischen meiner Mutter und ihrem Vater mitgehört hatte.

Meine Mutter arbeitete als Sekretärin im Rektorat unserer Schule. Daneben war sie Präsidentin des Kirchenchors und Vizepräsidentin der Kirchenpflege. Eigentlich hätte sie als junge Frau gerne studiert, Betriebswirtschaft oder Gesang. Aber in ihrer Familie mussten die Mädels noch etwas Richtiges lernen. Sie hatte aus der Not eine Tugend gemacht, indem sie stets danach strebte, in allem, was sie tat, perfekt zu sein. Dabei hatte sie sich auch immer wieder Zeit genommen für mich. Sie nahm mich mit auf Reisen, führte mich ins Theater und in die Oper und war immer stolz, wenn sie ihren ach so begabten Sohn bei Freunden und Bekannten vorführen durfte.

Auch ich hatte es damals genossen, an ihrer Seite stehen zu dürfen. Ich war stolz auf meine Mutter und bis heute kenne ich keine Frau, die es mit ihr an Eleganz und Erhabenheit aufnehmen könnte. Sie war vielleicht etwas altmodisch und hasste jede Form von Extravaganz, aber ihr Stil passte zu ihr und sie wusste ihn zu veredeln. Das gleiche galt für ihre Erziehungsgrundsätze. Sie war mit mir genauso streng und konsequent, wie mit sich selber. Natürlich hatte ich spätestens mit der Pubertät begonnen, hinter ihrem Rücken mein eigenes Leben zu führen. Aber für sie blieb ich der brave Junge, bis zu dem Tag, als sie früher als erwartet direkt vom Flughafen mit versteinerter Miene in mein Zimmer gestürzt kam und meine Klassenkameradin an den Haaren aus meinem Bett zerrte.

Ich hätte sie wohl gehasst dafür, wenn ich meine Scham erst einmal überwunden gehabt hätte. Doch dann tauchte am nächsten Tag plötzlich wie aus dem Nichts diese junge Schülerin auf. Sie war nicht neu an der Schule. Ich musste ihr schon früher über den Weg gelaufen sein. Warum nur war sie mir vorher nie aufgefallen? Und wie konnte ich all die Jahre nur so blind sein? Musste ich wirklich ihre Augen zum Erlöschen bringen, um endlich die Fesseln meines Hasses zu sprengen?

Es war mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich diesen letzten Blick meiner Mutter sah, bevor sie damals vor unserem Ferienhaus in ihren Wagen stieg. Da war keine Spur mehr von ihrer Wut und Erregung, sondern nur noch dieser unerträgliche Ausdruck mitleidiger Trauer. Wo war das zornige Funkeln in ihren Augen geblieben, als sie mir noch kurz zuvor eine schallende Ohrfeige verpasst hatte? Mein Gott, wie lange hatte ich mich nach so einem Blick gesehnt: Einem Blick, der zwar weh tut, der aber endlich einmal wirklich mich meint, der mich wahrnimmt und mich ernst nimmt.

Nach diesem Blick hatte ich auch bei der Kleinen gesucht. Sie war so anders, als die anderen Mädchen. Ihr reifes Selbstbewusstsein und ihre natürliche Eleganz hatten mich gleichzeitig fasziniert und herausgefordert. Doch was ich von ihr bekam war freundliches aber bestimmtes Desinteresse. Und damit hatte sie mir ohne es zu ahnen genau das gegeben, was ich brauchte: Jemanden, den ich hassen konnte, wie ich meine Mutter nie zu hassen gewagt hätte.

Beide hatten mir am gleichen Tag einen kurzen Moment lang den Ausdruck ihres Zorn geschenkt, bevor ihre Augen durch meine Schuld für immer erloschen sind. Meine Mutter war damals bei der Rückfahrt mit überhöhter Geschwindigkeit von der Bergstrasse abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Ich sollte nie erfahren, warum sie mich an diesem Tag trotz wichtiger Termine ins Auto gepackt und in die Berge gefahren hat. Zwei Monate später war sie gestorben, ohne noch einmal aus dem Koma erwacht zu sein.

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„Ich bin schwanger, im dritten Monat. Wie konntest du uns das antun?“

Die Stimme meiner Frau klang wütend, als sie mir heute im Besuchsraum der Haftanstalt gegenübersass. Sie sah erschöpft aus, aber in ihren dunklen Augen war dieses leidenschaftliche Funkeln, in das ich mich vom ersten Moment an verliebt hatte. Sie hatte mir damals das Leben gerettet. Ohne sie hätte ich mich wohl zu Tode gesoffen. Sie hatte immer an mich geglaubt und mir geholfen, mein Studium abzuschliessen.

Ich sass da wie betäubt. Was hätte ich ihr sagen sollen? Dass es mir Leid tut? Dass ich mich freue? Ich habe mich die Worte sagen hören. Doch sie klangen hohl und leer in dem kahlen Raum. Meinte ich wirklich, was ich da sagte, oder waren es nur hilflose Floskeln auf der Suche nach Zuwendung und Trost? Denn das war es, was ich brauchte: Ihre warme Stimme, ihr Lächeln und ihren Humor, ihre Geduld und ihre Zuversicht, ihren Geruch und die Wärme ihres Körpers, ihre sanften Hände und ihre kräftigen Arme, die mich halten, wenn ich nachts schweissgebadet aus meinen Träumen erwache.

Sie werde eine Weile zu ihrer Mutter nach Italien fahren, hörte ich sie sagen, während eine Träne über ihre Wange lief. Sie brauche Zeit, und es sei auch besser für den Jungen. Sie wisse nicht, wann sie zurückkomme… ob sie zurückkomme. Sie liebe mich. Und sie werde versuchen, mir zu verzeihen. Aber sie könne mir nicht… Die Nachbarin werde sich erst einmal um das Haus kümmern.

Was hatte ich von ihr erwartet? Dass sie mir Treue schwört? Dass sie auf mich wartet und mich jede Woche im Gefängnis besucht? Doch würde ich das wirklich wollen? Wäre ich fähig, ihr immer wieder in die Augen zu schauen? Wo ich mir im Moment nicht einmal selber in die Augen schauen kann. Und was hätte ich dem Jungen sagen sollen?

„Tu uns einen Gefallen!“ hörte ich sie noch sagen, als sie sich an der Tür ein letztes Mal umdrehte. Und dabei lag ein seltsamer Ausdruck in ihren Augen. Es war keine mitleidige Trauer, auch kein Vorwurf und keine Verachtung. Nein, ihr Blick war ernst, fast flehend, und er ging mir durch Mark und Bein.

„Hör auf, dich selber zu bemitleiden!“

Am gleichen Abend, alleine in meiner Zelle, hatte ich zum ersten Mal den Mut, den Brief der „Kleinen“ zu Ende zu lesen. Ja, sie habe mich gehasst, schreibt sie, bis ihr bewusst geworden sei, dass sie sich selber dafür hasste, dass ich sie gehasst habe, und dass dieser Hass sie für immer an mich binden würde. Sie habe mich losgelassen und mir verziehen, schon vor Jahren. Aber letztlich müsse ich mir selber verzeihen. Sie bete für mich und meine Familie, und:

„PS: Ich bin nicht wegen dir ins Kloster eingetreten!“