Quality Time

Es war kurz nach 18 Uhr, als Carsten hinter der Gardine in seinem Büro zuschaute, wie seine Sekretärin sechs Etagen unter ihm im strömenden Regen über den Hof zu ihrem Wagen ging. Unter dem Schirm konnte er nur ihre eleganten Lederstiefel und den langen schwarzen Daunenmantel erkennen, den sie sich um die Schultern gelegt hatte. Nachdem sie sich den Mantel abgenommen und auf den Beifahrersitz geworfen hatte, verschwand sie hinter dem Steuer ihres Wagens und man konnte nur noch sehen, wie der Schirm ausgeschüttelt wurde, bevor auch dieser verschwand und die Wagentür zugezogen wurde. Sekunden später begannen die Scheibenwischer zu arbeiten, aber mehr als die behandschuhten Hände am Lenkrad war nicht zu erkennen, als der Wagen das Firmengelände verliess. Das war aber auch nicht nötig.

Business wireBild von business wire

Unwillkürlich zog Carsten seine Hand aus der Unterhose, als hinter ihm auf dem Schreibtisch das Telefon läutete. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass sie heute Abend Probe vom Kirchenchor habe und er die Kinder ins Bett bringen müsse. Und er erinnerte sie daran, dass er morgen eine wichtige Vorstandssitzung habe, dass es um viel gehe und dass er noch zwei Stunden brauche, um sich vorzubereiten. Sie einigten sich auf 20 Uhr, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie verärgert war.

Carsten schloss für einen Moment die Augen, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie so war. Natürlich hatte sie recht. Er war ein schlechter Ehemann und Vater. Er kriegte es einfach nicht auf die Ränge. Es war einfach alles etwas zu viel, dieser dauernde Stress, der ständige Druck, die Erwartungen und die dauernde Angst nicht zu genügen. Er konnte sie förmlich sehen, seine jungen Kollegen, die wie Hyänen um den Sitzungstisch sassen und nur darauf warteten, dass ihm ein verhängnisvoller Lapsus unterlief.

Als er schliesslich die Augen öffnete, sah er vor sich auf dem Bildschirm die zwei roten Punkte mit der weissen Zahl in der Mitte: 36 ungelesene Mails und 11 unerledigte Aufgaben, 5 davon betrafen die Sitzung von morgen. Natürlich wusste er, dass es höchste Zeit war, sich an die Arbeit zu machen. Und doch brachte er es nicht fertig. Nein, nicht jetzt! Jetzt brauchte er erst einmal einen Moment für sich allein.

Wie von Geisterhand geführt glitt der Cursor an den beiden roten Punkten vorbei zum privaten Ordner mit den Bildern, die er vor zwei Stunden aus dem Netz heruntergeladen hatte, während seine Sekretärin im Raum nebenan die Daten für die morgige Präsentation zusammenstellte. Die Bilder hatten alle etwas gemeinsam. Sie zeigten elegante und selbstbewusste Frauen, die in allen wesentlichen Punkten der Frau glichen, ohne die er seinen Posten hier wohl schon längst verloren hätte.

Und diese Bilder schafften, was sonst schon lange niemand mehr schaffte. Sie halfen Carsten, loszulassen und zu vergessen, den Druck, die Angst, den nicht enden wollenden Berg von Arbeit und – was in diesem Moment vor allem zählte – die Sitzung von morgen. Plötzlich gab es nur noch diese Frauen, Ausdruck einer Sehnsucht, die weit über den Horizont des Alltäglichen hinausdrängte. Eine Sehnsucht, für die auch eine noch so attraktive Sekretärin nicht mehr als ein willkommener Auslöser war. Und plötzlich schien Carsten hellwach. Plötzlich war das Gefühl der Erschöpfung einer kreativen Erregung gewichen. Und nachdem er aufgestanden war, um die Vorhänge zu ziehen, holte er sich einen Drink aus dem Schrank und machte es sich in seinem Sessel bequem.

Es war schon weit nach 19 Uhr, als die Aktivität auf dem Bildschirm immer öfter ins Stocken kam, weil die rechte Hand nun vermehrt unter der Tischplatte beschäftigt war. Immer wieder musste Carsten kurz innehalten und durchatmen, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Und als er sie schliesslich doch verlor, war es bereits zehn vor acht. Nur das rhythmische Knarren seines Ledersessels war zu hören, als sich seine aufgestaute Lust in die Unterhose entlud.

Dann war es für einen Moment völlig still. Und als ein leises Klingen die Ankunft einer neuen Mail ankündigte, war auf einen Schlag alles wieder da: die unerledigte Arbeit, die Sitzung von morgen, der Druck und die Angst. Und über all dem eine schwindelerregende Erschöpfung. Wie gelähmt hing Carsten in seinem Sessel und starrte auf das Bild seiner beiden Kinder, die ihm von seinem Schreibtisch entgegenlächelten. Sie waren so stolz auf ihren Papa. Und er war so stolz auf sie. Und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie stolz er eigentlich auf ihre Mutter war und wie sehr er sie alle liebte. Mein Gott, was machte er hier? Was war nur mit ihm los?

Er hatte es seinem leeren Magen zu verdanken, dass er sich nicht übergeben musste, als er schliesslich im Bad vor dem Spiegel stand. Nachdenklich betrachtete er das Gesicht, das er so gut kannte und das ihm in diesen Momenten doch immer wieder so fremd vorkam. War das wirklich derselbe Mann, der morgen dem Vorstand die neue Strategie präsentieren würde? Angewidert öffnete er seine Hose, um wenigstens die gröbsten Spuren seines Aussetzers zu entfernen.

Dann rief er seine Frau an. Sie klang verständnisvoll. Die Kinder seien bei der Nachbarin. Und das Essen für ihn stehe im Kühlschrank. Und ja, sie liebe ihn auch. Ihre Stimme tat ihm gut und als er in seinen Mantel schlüpfte und das Licht löschte, war die Zuversicht zurückgekehrt. Er würde morgen eine Stunde früher ins Büro kommen. Irgendwie würde er es schon wieder schaffen. Er hatte es bisher noch immer geschafft, irgendwie.

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Keine Zeugen

Eine Stunde war er nun schon oben. Sumi begann langsam etwas unruhig zu werden. Wenn da nur nichts schief gegangen war. Nervös zog sie die Strickjacke um ihre Schultern zurecht, während sie von ihrem Sessel in der Lounge des Kongresshotels aus das Kommen und Gehen beim Haupteingang überwachte. Ja, sie machte sich tatsächlich Sorgen um ihn. Und wenn sie ehrlich mit sich war, musste sie zugeben, dass passiert ist, was nie hätte passieren dürfen: Sie hatte sich in ihren Vorgesetzten verliebt.

Zwischenablage02Bild von MyFiona (Korean fashion)

Sumi war so stolz gewesen, als ihre Firma, in der sie als Sekretärin arbeitete, sie vor zwei Monaten in die Vereinigten Staaten versetzt hatte. Für die Tochter einfacher Leute aus einem Vorort von Seoul war dies die Chance ihres Lebens. Natürlich war es nicht ganz einfach gewesen für sie, sich ganz alleine weit weg von ihrer Familie in einem fremden Land zurechtzufinden. Sie hatte eine kleine Wohnung bekommen, aber der einzige Ort wo sie sich wirklich zuhause fühlte, war in ihrem Büro. Umso intensiver hatte sie sich daher in ihre Arbeit gestürzt, was ihrem Vorgesetzten nur recht sein konnte. Sumi war gut, fleissig, zuverlässig und absolut loyal. Das war auch wichtig, denn ihr Chef war mit sensiblen Geschäften betraut. Es ging um moderne Waffensysteme und um sehr viel Geld. Sumi verstand zwar nicht wirklich, worum es dabei ging. Aber sie verstand intuitiv, dass es besser für sie war, gar nicht erst zu versuchen zu verstehen.

Ihr Vorgesetzter hatte es ihr sofort angetan. Er war gut zwanzig Jahre älter als sie und strahlte Ruhe und Sicherheit aus. Auch er schien ihr nicht abgeneigt zu sein. Immer mal wieder hatte er sie zum Essen eingeladen und ihr auch schon mal ein paar Blumen ins Büro gebracht. Seine Aufmerksamkeiten waren dabei nicht unbemerkt geblieben und eine Kollegin hatte Sumi neulich mal vor ihm gewarnt. Aber deren Eifersucht war zu offensichtlich, als dass Sumi ihrer Warnung Beachtung geschenkt hätte. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich geschätzt und respektiert. Und in ihrer Dankbarkeit war sie zu vielem bereit. Eine Bereitschaft, die ihr Vorgesetzter gerne beanspruchte, bevorzugt spät abends in seinem Büro, wenn er ihr beibrachte, wie sie das Beste aus ihren zarten Händen und Lippen herausholen konnte.

Sumi wurde abrupt aus ihren Träumereien gerissen, als plötzlich diese grosse Gestalt durch die Drehtür am Eingang kam und an die Rezeption trat. Sie hatte ihn sofort erkannt, die stolze, aufrechte Haltung, sein kahler Kopf und der dunkle Bart, genau wie das Bild auf dem Foto, das sie sich einprägen musste. Schnell nahm sie ihr Telefon und sandte ihrem Chef die vorbereitet sms, um ihn zu warnen. Ihre Hände zitterten leicht vor Aufregung, als sie das Telefon in ihre Handtasche steckte und dabei dem Mann zuschaute, wie er mit einem schwarzen Aktenkoffer in der Hand an ihr vorbei zu den Aufzügen ging. Er trug einen perfekt sitzenden grauen Anzug, schwarze Lederhandschuhe und hatte sich einen eleganten, langen Regenmantel um die Schultern gelegt. Das war er also, der Mann, der ihrem Vorgesetzten seit einigen Tagen schlaflose Nächte bereitete.

Sumi hatte sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte, seit sie ihrem Chef diesen verschlüsselten Bericht aus der Zentrale auf den Tisch gelegt hatte. Plötzlich war er ganz anders, gestresst, aggressiv, auch mit ihr, sichtlich verunsichert. Sumi hätte ihm gerne geholfen, aber sie war ja nur die Sekretärin. Er hatte ihr klar zu verstehen gegeben, dass sie das nichts angehe. Umso mehr war sie erfreut, als er sie an diesem Nachmittag aufforderte, ihn mit ihrem Wagen ins Kongresshotel zu begleiten. Es sei äusserst wichtig und sie dürfe mit niemandem darüber reden. Er hatte ihr das Foto dieses Mannes gezeigt. Er müsse dessen Zimmer durchsuchen. Je weniger sie davon wisse, desto besser. Sie müsse ihm einfach den Rücken frei halten und dafür sorgen, dass er keine unangenehme Überraschung erlebe.

Und nun war er also aufgetaucht, dieser Mann. Jeden Augenblick musste ihr Vorgesetzter herunterkommen. Sumi hatte sich ohnehin schon gewundert, was er über eine Stunde in einem Hotelzimmer suchen könnte. Schnell schlüpfte sie in die Ärmel ihrer Strickjacke und kramte die Schlüssel ihres Wagens aus der Tasche, während sie aufmerksam die Türen der Aufzüge beobachtete. Und mit jeder Minute, die verstrich, wurde sie nervöser. Das konnte doch nicht sein. Hatte er am Ende ihre Nachricht nicht bekommen? Schliesslich sah sie ihn plötzlich durch die Glastür vom Treppenhaus kommen. Er trug eine Lederjacke, schwarze Lederhandschuhe und hatte einen schwarzen Aktenkoffer in der Hand. Nachdem er sich einen Moment lang nervös umgeschaut hatte, nickte er ihr kurz zu.

“Hast du alles bekommen, was du haben wolltest?”, fragte Sumi aufgeregt, als sie die Treppe zur Tiefgarage hinunter eilten.
“Ja.”
“Dann lass’ uns jetzt gehen!”, hörte sich Sumi sagen, und die sinnlose Evidenz der Bemerkung machte ihr bewusst, wie sehr sie sich danach sehnte, hier wegzukommen.

Schweigend lenkte Sumi ihren Wagen durch den Stadtverkehr, während sie aus dem Augenwinkel beobachtete, wie ihr Chef seine Lederhandschuhe auszog und den Inhalt des Aktenkoffers inspizierte. Dann glitt seine Hand unter die Jacke und brachte eine Pistole mit einem Schalldämpfer zum Vorschein, die er über den Papieren in den Koffer legte, bevor er ihn verschloss. Fieberhaft versuchte Sumis Gehirn, sich einen Reim auf das Ganze zu machen, als neben ihr plötzlich das Telefon läutete.

„Ja?“, hörte sie ihren Chef antworten, „Es ist alles ok, ich hab sie! Aber es gab ein kleines Problem … Nein, nein, keine Sorge, ich habe alles im Griff! … Nein, es gibt keine Zeugen. Niemand hat mich gesehen! … Wer? … Aber … Ok, natürlich, ich kümmere mich darum. Sie können sich ganz auf mich verlassen!“

„Was ist mit dem Mann?“ wagte Sumi endlich zu fragen, nachdem sie mehrere Minuten schweigend im Feierabendstau gestanden hatten.
„Frag nicht und fahr!“

Schliesslich wurde Sumi angewiesen, in die Gewerbezone abzubiegen. Hier gab es nur noch wenige Autos auf der Strasse. Und je weiter sie kamen, desto verwahrloster und verfallener sahen die alten Industriebauten aus. Plötzlich wurde sich Sumi bewusst, dass ihre Hände am Lenkrad zitterten. Und als sie an düsteren Backsteingebäuden vorbei in einen verlassenen Hinterhof einbogen, musste sie plötzlich an ihre Eltern denken, an das kleine Häuschen, den hübschen Garten, an ihren kleinen Bruder und ihren Hund. Und eine tiefe Traurigkeit legte sich über sie, während sie aus dem Augenwinkel sah, wie die Hände ihres Geliebten wieder in die schwarzen Lederhandschuhe schlüpften und sich am Verschluss des Aktenkoffers zu schaffen machten…

Ein Beitrag zu Hannas Schreibaufgabe der Woche 8: Dialog

Nächtliche Begegnung

Es war klirrend kalt, als Anna um zwei Uhr nachts den Stadtpark betrat. Ein herbstlicher Nebel hatte sich über die Stadt gelegt und verlieh den Laternen am Eingang des Parks eine gespenstige Aura. Anna mochte diese Stimmung. Wohlig zog sie die pelzbesetzte Kapuze über ihren Kopf und schloss den warmen, schwarzen Daunenmantel bis unters Kinn, während sie festen Schrittes an den laubbedeckten Bänken des Biergartens vorbei in die Dunkelheit eintauchte. Anna hatte keine Angst.

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Anna hatte noch nie Angst. Warum hätte sie auch Angst haben sollen? Niemand würde um diese Zeit noch durch den Stadtpark gehen. Also würde auch niemand im Stadtpark auf irgendjemanden warten. Schon gar nicht bei dieser Kälte. Abgesehen davon hatte Anna für alle Fälle auch noch einen Pfefferspray in der Handtasche.

Die Party war eigentlich ganz cool gewesen. Anna hatte lange gezögert und sich erst im letzten Moment entschieden hinzugehen. Aber sie hat es nicht bereut. Ganz im Gegenteil. Noch nie hatte sie so faszinierend dunkle Augen gesehen. Djamal war Libanese und arbeitete als Analyst bei einer Bank. Den ganzen Abend war sie nicht von seiner Seite gewichen und um ein Uhr in der Früh hatten sie sich zum ersten Mal geküsst. Etliche Drinks hatten das ihre dazu beigetragen, Annas Fesseln der Zurückhaltung zu lösen, bis sie plötzlich seine Hand unter ihrem Höschen spürte. Er hatte sich sofort entschuldigt, als er Annas heftige Reaktion sah. Und irgendwie war es ja dann auch noch ganz schön gewesen.

Nur das ferne Rauschen der Stadt begleitete das Knirschen von Annas Schritten auf dem Kiesweg, als sie dem kleinen Teich entlang in Richtung Wald ging. Für einen kurzen Moment blieb Anna stehen und betrachtete die Nebelschwaden, die über der Wasseroberfläche lagen. Nachdenklich folgte ihr Blick einer Ente, die geräuschlos über die Wasseroberfläche glitt, um langsam im Nebel zu verschwinden. Normalerweise hätte Anna diesen Moment genossen. Aber ins euphorische Glücksfühl des gelungenen Abends begann sich leise ein diffuses Unwohlsein zu mischen. Sie hätte nicht sagen können, woran es lag. Vielleicht war es sein letzter Blick, dieses unergründliche Funkeln in seinen dunklen Augen.

Als sie sich schliesslich umdrehte um weiterzugehen, glaubte sie plötzlich, am Eingang des Waldes einen dunklen Schatten verschwinden zu sehen. Aber nein, das konnte nicht sein. Sie hätte Schritte hören müssen, wenn da etwas gewesen wäre. Langsam ging sie auf die Bäume zu und unwillkürlich glitt ihre Hand in die Handtasche. Aber auch nachdem sie sich den eleganten, schwarzen Lederhandschuh ausgezogen hatte, konnte sie den Pfefferspray nicht finden. „Scheisse!“ entfuhr es ihr, als sie realisierte, dass sie für die Party spontan eine andere Handtaschen mitgenommen hatte. Sie war gerade daran, sich selber zu überzeugen, dass ihre Aufregung lächerlich sei, als sie plötzlich hinter sich auf dem Weg Schritte zu hören glaubte. Aber auf den fünfzig Metern bis der Weg sich im Nebel verlor, war nichts zu sehen. Doch war da nicht schon wieder ein Geräusch? Unwillkürlich setzte sich Annas Körper in Bewegung und tauchte ein in die Finsternis des Waldes. Nach wenigen Metern hielt sie am Wegrand an, wo ihre Gestalt im dunklen Mantel mit der Silhouette eines Baumes verschmolz. Das Blut pochte in ihren Schläfen, als sie vorsichtig den Weg zurück Richtung Teich beobachtete. Jeden Moment musste sich ein Schatten aus dem Nebel lösen. Aber nichts geschah. Langsam beruhigte sich ihr Puls, als plötzlich einige Meter waldeinwärts am Wegrand ein Busch raschelte. In einem panischen Reflex stürzte sich Anna vom Weg weg durch die Büsche ins finstere Unterholz. Verzweifelt versuchte sie den Atem anzuhalten, während sie sich hinter einem grossen Baum niederkauerte und angestrengt lauschte. Mit zitternden Fingern zog sie sich die Kapuze vom Kopf, um besser hören zu können. Ihren rechten Handschuh musste sie irgendwo im Wald verloren haben. Hastig suchte sie in der Tasche ihres Mantels nach ihrem Smartphone. Fassungslos starrte sie auf den Display: Akku leer. Plötzlich fühlte es sich eiskalt an in ihrem Daunenmantel. Aber Anna wagte sich nicht zu bewegen. Da war es wieder, dieses Geräusch. Langsam kam es näher. Zitternd schaute sie hinter dem Baum hervor. Da war ein schwaches Licht. Es kam näher, auf dem Weg. Nur langsam löste sich die Spannung in Annas Nerven, als das rote Rücklicht des Fahrrades sich zwischen den Bäumen verlor. Schliesslich stand sie vorsichtig auf und begann langsam im Unterholz weiterzugehen. Immer wieder stolperte sie in ihren eleganten Lederstiefeln über Wurzeln und Äste. Und plötzlich war da wieder dieses Rascheln im Laub, irgendwo hinter ihr in der Finsternis. Keuchend rannte Anna zwischen den Bäumen hindurch und immer wieder kratzen Äste durch ihr Gesicht. Dann verfing sich ihr Fuss in den Brombeerstauden. Hustend spuckte sie die Mischung aus feuchtem Laub und Moos aus dem Mund, nachdem sie der Länge nach auf dem Waldboden gelandet war. „Wer bist du? Was willst du von mir?“, rief sie verzweifelt in die Finsternis, während die Tränen über ihre Wangen strömten. „Djamal, bis du das?“. Aber der Wald schwieg um sie herum. Nur ihr krampfhaftes Schluchzen mischte sich in die Stille der Nacht. In der Ferne hörte sie es drei Uhr schlagen, als sie sich schliesslich aufraffte. Sie zitterte am ganzen Leib vor Kälte und Anspannung, und alle Glieder taten ihr weh. Verzweifelt tastete sie im Finstern nach ihrer Handtasche, aber sie konnte sie nicht finden. Irgendwo links musste der Weg sein. Aber wo war er? Vorsichtig tastete sie sich durchs Unterholz. Jeder Ast, der unter ihren Füssen knackte, tönte wie ein Peitschenknall in ihren Ohren. Und dann war da plötzlich dieses Bellen, hart, kalt, alles durchdringend. Es war die nackte Panik. Blind vor Angst begann Anna zu rennen, durch die Büsche auf den Weg und von dort Richtung Ausgang. Hastig zerrte sie im Laufen die Knöpfe und den Reissverschluss ihres Daunenmantels auf, während einer nach dem anderen die Absätze ihrer Stiefel wegbrachen. Schliesslich tauchten aus dem Nebel vor ihr die Laternen am Parkausgang auf. Noch hundert Meter, noch fünfzig. Anna wurde fast ohnmächtig vor Erschöpfung. Nur noch dreissig Meter, noch zwanzig, noch zehn…

Die Uhr an der Bushaltestelle „Am Parktor“ zeigte gerade halb vier, als Anna am Ende ihrer Kräfte auf den Gehsteig torkelte. Mühsam schleppte sie sich zum Wartehäuschen wo sie sich auf der Bank übergeben musste. Sie war gerade daran, sich mit dem Ärmel ihres Mantels den Mund abzuwischen, als plötzlich ein weisser Porsche mit quietschenden Bremsen neben ihr stoppte und ein paar dunkle Augen nicht fassen konnten, was sie sahen.

„Oh mein Gott, Anna, bist du das?“

Ein Beitrag zu Hannas Schreibaufgabe der Woche 7: Ein Titel

Gewagte Liebe (Verletzter Held III)

„Hey, Mama, stell dich nicht so an! Pack deine Sachen und fahr!“
Noch immer klangen die Worte ihrer Tochter in Mariannes Ohr. Diese Heftigkeit hätte sie ihr gar nicht zugetraut. Und doch war es genau das, was sie gebraucht hatte an diesem Morgen. Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster des IC-Zuges. Die Ostfriesische Landschaft schien ihr fremd und kühl, und instinktiv zog sie die weisse Kaschmir-Strickjacke enger um ihre Schultern. In einer halben Stunde würden sie Norden erreichen. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?

Zwischenablage01Bild von Cashmerecentre

Seit drei Tagen hatte sie kaum mehr geschlafen. Seit sie sich mit seiner Ehefrau getroffen hat, morgens um zehn in einem Kaffee. Er hatte von seiner Frau erzählt, damals vor zwei Monaten, als sie sich kennengelernt hatten. Die beiden waren seit bald vier Jahren getrennt, aber eben nur getrennt. Und das liess Marianne keine Ruhe. Sie wollte nicht einfach die Neue sein ohne den Segen der Alten. Sie wollte ihr in die Augen gesehen haben, bevor…

Marianne hatte sie sich anders vorgestellt, irgendwie jünger. Nicht ohne Respekt betrachtete sie die elegante Dame, die unter der Linde im Gartenkaffee auf sie wartete, im edlen Kaschmir-Twinset mit Perlen, die Jacke elegant um die Schultern drapiert. Die Begrüssung war etwas angespannt aber erstaunlich herzlich. Nachdem die Dame ihr einen Kaffee bestellt und sich selber eine Zigarette angezündet hatte, erzählte sie ihr von ihm, von den Kindern, die sie beide nicht haben konnten, von seinem politischen und sozialen Engagement, von seiner Leidenschaft für seinen Job, und von dem Tag, der sein Leben zerstört hat. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sich eine neue Zigarette anzündete, und Marianne versuchte verzweifelt, sich die Erfahrungen hinter den Worten vorzustellen: Depression, Panikattacken, Alpträume, Aggression, Psychopharmaka und Alkohol. Und irgendwie kam ihr das alles sehr bekannt vor, dieses Gefühl, wenn dir das Liebste was du hast langsam aber sicher entgleitet.

Tränen liefen über Mariannes Wangen, als sie in ihrem Wagen auf der Autobahn nach Hause fuhr. Das hatte sie nicht erwartet. Er hatte ihr von seiner Therapie erzählt und von seinem vorzeitigen Ruhestand. Aber er hatte nie über die Gründe gesprochen. Natürlich hatte sie hinter seiner männlichen Fassade instinktiv seine Sensibilität und Verletzlichkeit gespürt. Das war es ja auch, was ihr so an ihm gefiel. Aber jetzt hatte sie plötzlich Angst. Nicht etwa vor ihm. Nein, vor sich selber. Würde sie ihm wirklich geben können, was er brauchte?

Sie hatte doch schon einmal versagt. Und dabei hatte sie geglaubt, alles unter Kontrolle zu haben. Fast 25 Jahre war sie mit ihrem Mann verheiratet gewesen und hatte alles mit ihm durchgetragen, die paar guten Jahre und dann die anderen, seine Arbeitslosigkeit, seine Depression, die völlige Perspektivlosigkeit. Es war schlimm, aber sie war sich sicher gewesen, dass sie es gemeinsam schaffen würden. Dann, mitten in der Nacht, war er aufgestanden. Sie tat so, als würde sie schlafen, damit er sich keine Vorwürfe machte. Doch als sie am Morgen erwachte, war das Bett neben ihr leer. Sie fand ihn unten im Keller. Er hatte sich mit einer ihrer Strumpfhosen an einem Heizungsrohr erhängt. Beim Aufräumen seiner Sachen fand die Tochter die Pornohefte, und einen Zettel mit einer Telefonnummer. Es war eine Frauenstimme am Apparat. Marianne hatte sie besucht und mit ihr gesprochen. Offenbar ging er seit zwei Jahren zu ihr, etwa einmal im Monat, für eine Stunde.

Marianne wusste, dass sie nicht gut war im Bett. Wie hätte sie es auch sein können, nach allem, was man ihr angetan hatte. Aber sie hatte getan, was sie konnte. Sie hatte hingehalten, den Ekel unterdrückt und versucht, sich daran zu freuen, dass es für ihn schön war. Aber offenbar war das nicht genug. Der Schock sass tief. Während fast fünf Jahren bestimmten Schuldgefühle und Selbstzweifel ihr Leben, bis sie vor zwei Monaten diesen strahlenden Augen begegnete. Augen, die sie wohlwollend anschauten, die sich an ihr erfreuten, ohne sie zu verschlingen. Augen eben, die ihr Herz berührten und sie herausholten aus dem Dunkel ihrer Nacht. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Doch je mehr sie diese Liebe zuliess, desto grösser wurde die Angst. Und je näher der Tag kam, an dem sie ihn in seinem Haus an der Nordsee besuchen wollte, desto grösser wurden ihre Zweifel. Die Wanduhr im Wohnzimmer schlug bereits zehn Uhr, als sie noch immer im Bett lag. In anderthalb Stunden würde der Bus sie zum Bahnhof bringen. Aber Marianne hatte keine Kraft um aufzustehen. Schliesslich raffte sie sich auf, legte sich den Morgenmantel um die Schultern und ging mit ihrem Telefon ins Wohnzimmer. Mit zitternden Fingern suchte sie auf dem Display nach seiner Nummer, als es plötzlich zu vibrieren begann. Selten hatte sie sich so gefreut, die Stimme ihrer Tochter zu hören.

Als die Lautsprecherdurchsage die Ankunft in Norden ankündigte, war Marianne bereit. Sie hatte sich alles genau überlegt. Sie würde ihm nichts sagen von all dem. Sie würden ganz in der Gegenwart leben und die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen. Sie würde alles tun, damit er seinen 60. Geburtstag geniessen kann.

Zögernd schaute sie sich auf dem Bahnsteig um, während ein junger Mann ihr den Rollkoffer aus dem Zug hob. Und als sie sich langsam mit den anderen Reisenden dem Ausgang näherte, stand er plötzlich vor ihr, mit frisch geschnittenen Haaren und einem grossen Strauss weisser Rosen im Arm. Seine erwartungsfrohen Augen erstrahlten wie die Sonne in ihrer Nacht und vertrieben die letzten Schatten des Zweifels.

Und als er sie fest in seine Arme nahm, wusste sie, dass sie ihm alles sagen konnte, und dass er ihr genau das geben würde, was sie brauchte.

Engel in Weiss (Verletzter Held II)

Carola hatte sich vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Seit einer Woche waren es nur noch vier pro Tag. Doch als die Glocke des Kirchturms an diesem Morgen elf Uhr schlug, lagen bereits sieben Stummel im Aschenbecher vor ihr auf dem Tisch. Nachdenklich schaute sie der eleganten Dame hinterher, die sich zwischen den Tischen des Gartenkaffees hindurch entfernte. Das war sie also, die neue Geliebte ihres Mannes. Sie hatte sie sich anders vorgestellt, irgendwie jünger.

Walbusch04Bild von Walbusch

Sie hatte zuerst an einen Scherz geglaubt, als diese sie vor zwei Tagen anrief und um ein Gespräch bat. Sie hätte ihren Mann kennengelernt und er hätte ihr von ihr erzählt. Es sei ihr wichtig, sie einmal persönlich zu treffen. Die Stimme der Anruferin klang warm und sympathisch, und plötzlich war Carola neugierig, diese Frau kennenzulernen. Fast vier Jahre war sie nun schon getrennt von ihrem Mann und eigentlich war es ein Wunder, dass er nicht schon lange eine Neue hatte. Umso mehr, als sie es war, die ihn damals verlassen hat.

Als es vom Kirchturm zehn Uhr schlug, sass sie wie verabredet im Gartenkaffe, an einem diskreten Tisch im Schatten der grossen Linde. Nervös an ihrer Zigarette ziehend beobachtete sie die Umgebung. Dabei blieb ihr Blick instinktiv an einem weissen VW Polo hängen, der sich in der Seitenstrasse gegenüber mühsam in eine Parklücke zwängte. Gebannt schaute sie zu, wie eine Frau in einem weissen Pulli und eleganten, hellen Hosen aus dem Wagen stieg. Nachdem diese einen kurzen Blick zum Gartenkaffee hinüber geworfen hatte, nahm sie ihre Handtasche und eine weisse Strickjacke vom Rüecksitz. Und nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr eilte sie über die Strasse, während sie sich die Jacke elegant um die Schultern legte. Carola wusste sofort, dass sie es sein musste, und unwillkürlich zog sie die Jacke ihres eigenen Kaschmir-Twinsets über ihren Schultern zurecht.

Das Gespräch war erstaunlich gut verlaufen und Carola musste sich eingestehen, dass sie diese Frau mochte. Sie war nett und authentisch, einfühlsam und vor allem eine gute Zuhörerin. Sie würde ihrem Mann gut tun. Doch als sie ihr zusah, wie sie über die Strasse zu ihrem Wagen ging, in aufrechter Eleganz, mit den langen Ärmeln ihrer Strickjacke, die wie die Flügel eines Engels im leichten Wind um ihre Schultern wehten, da spürte sie ihn plötzlich wieder, diesen tiefen Schmerz, der sie seit Jahren begleitete. Ihre Finger zitterten, als sie sich eine neue Zigarette anzündete und bei der Bedienung ein Glas Rotwein bestellte. Und als der weisse Wagen um die Ecke verschwand, wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn noch liebte.

Sie hatten sich seit der Schulzeit gekannt. Es ging ihr damals nicht gut und er war der einzige Junge, dem es aufgefallen war und der sich um sie gekümmert hatte. Seine Freundschaft hatte ihr Halt und Sicherheit gegeben. Er hatte an sie geglaubt und ihr vertraut. Er hatte mit ihr lange Radtouren gemacht und sie auf ihren ersten Dreitausender geführt. Er war es, der sie ermutigt hatte, zu studieren und später ihr eigenes Geschäft zu gründen. Mit 25 hatten sie schliesslich geheiratet. Er hatte sich so darauf gefreut, Vater zu werden, doch all ihre Bemühungen blieben erfolglos. Und die Diagnose war eindeutig: das Problem lag bei ihr. Er hatte ihr damals die Treue gehalten. Gemeinsam hatten sie nach neuen Weisen der Fruchtbarkeit gesucht. Doch neben dem sozialen und politischen Engagement war es vor allem sein Beruf gewesen, der ihm den nötigen Halt gab. Nie würde sie seine Freude und seinen Stolz vergessen, als er zum Leiter der Bankfiliale in ihrem Wohnort befördert wurde. Zehn Jahre lang hatte er diese Verantwortung mit Leidenschaft wahrgenommen, bis zu jenem verhängnisvollen Tag, der sein und ihr Leben für immer verändert hat.

Carola fühlte sich plötzlich schwach. Mit einen grossen Schluck aus ihrem Weinglas spülte sie den schalen Geschmack aus ihrem Mund, bevor sie sich eine neuen Zigarette anzündete. Erschöpft lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und zog die Jacke ihres Twinsets enger um ihre Schultern. Ihr Blick schien leer in die Weite zu starren, aber vor ihrem inneren Auge sah sie seinen Blick. Diesen besorgten und verzweifelten Blick, als ihn die maskierten Männer nachts brutal aus dem Schlafzimmer schleppten. Es war derselbe Blick, den er schon als Junge hatte, wenn es ihr wieder mal so richtig dreckig ging. Er tat ihr leid. Es tat ihr so verdammt leid, dass er sich sein ganzen Leben lang immer wieder ihretwegen Sorgen machen musste.

Sie wusste natürlich, wie sehr es ihn schmerzte, als sie ihn vor vier Jahren verlassen hatte. Und am meisten quälte es sie, dass sie ihn im Glauben lassen musste, sie sei seinetwegen gegangen, weil sie seine Depressionen und Angstzustände einfach nicht mehr ausgehalten habe. Doch wie hätte sie ihm sagen können, was der wirkliche Grund war? Wie hätte sie ihm sagen können, was damals am Morgen des Banküberfalles geschah, als sie bei Tagesanbruch hilflos gefesselt und geknebelt auf dem Bett lag und schon gehofft hatte, ihr Bewacher sei unterdessen verschwunden. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie seinen Blick einfach nicht mehr ertrage, seit dieser Kerl plötzlich mit offener Hose vor ihr stand, ihr brutal das Klebeband von den Lippen riss und das speichelgetränkte Höschen aus ihrem Mund zog…

Carola musste gegen den spontanen Brechreiz ankämpfen, indem sie in einem Zug das Weinglas leerte. Mit zitternden Händen suchte sie in ihrer Tasche nach ihren Tabletten, als sie plötzlich wieder die kleine Visitenkarte in den Fingern hatte. Nachdenklich schaute sie auf die Adresse der Therapeutin. Eine Bekannte hatte sie ihr empfohlen. Sie sei die beste. Nicht ganz billig. Aber sie könne sich das ja leisten. Seit Wochen trug sie die Karte mit sich herum. Immer wieder war sie nahe daran gewesen anzurufen. Wie in Trance schaute sie zu, wie ihre Finger die Karte vorwärts und rückwärts drehten, sie dann langsam in Stücke rissen und unter den Zigarettenstummeln im Aschenbecher begruben.

Sie würde ihm gut tun, die Dame in Weiss. Carola spürte, dass sie die Richtige war für ihn, dass diese Frau ihm all das geben werde, was sie ihm nicht geben konnte. Und sie hätte sich so gerne für ihn gefreut, wenn da nicht diese bodenlose Leere und Einsamkeit gewesen wäre, die alles in sich zu verschlingen schien.

Wortlos ersetzte die Bedienung das leere Weinglas vor ihr mit einem vollen, während Carola resigniert die leere Zigarettenpackung betrachtete. Es war ruhig im Kaffee um diese Zeit, so kurz vor Mittag. Über ihr in den Zweigen der Linde stritten sich zwei Spatzen. Und auf dem Gehsteig hinter ihr hörte sie die Stimme eines kleinen Knaben:

„Mama, warum weint diese Frau?“