Warum sie? IX (die Konrektorin)

(aus den Urlaubsaufzeichnungen einer Witwe)

Warum sie 9

Ich hätte nie gedacht, dass es mir so viel ausmachen würde.

Es war sein Wille gewesen. Er hatte nie mit mir darüber gesprochen. Ich hatte es erst beim Öffnen seines Testaments erfahren.

Ich hatte nicht wirklich verstanden warum. Aber ich hatte mir damals auch nicht gross Gedanken darüber gemacht. Die Nordsee war unsere gemeinsame Liebe, die einzige vielleicht, die uns noch geblieben war. Hier über der Weite des Wattenmeeres wollte er sein Asche verstreut haben. Unser Freund, ein alter Fischer vom Ort, hatte mich in seinem Boot hinausgefahren. Die See war aufgewühlt und es hatte leicht zu regnen begonnen, als ich die Asche dem Wind übergeben habe. Zurück in der kleinen Pension am Hafen hatte ich mir einen Grog genehmigt. Und dann eine zweiten, einen dritten…

Als ich aus meinem Rausch erwacht war, war das Meer verschwunden. Die Vögel drehten kreischend ihre Kreise über dem grüngrauen Watt, dessen modrig salziger Geruch in mein Zimmer drang. Der trübe, regenverhangene Himmel schien am Horizont mit der Erde zu verschmelzen und die Fischkutter wirkten elend und verlassen auf dem schlammigen Grund des Hafens. Ich musste mich übergeben, einmal, zweimal, immer wieder.

Acht Jahre sind seither vergangen. Der Fischkutter unseres Freundes ist verschwunden. Er war vor fünf Jahren verstorben und sein Sohn hatte das Boot verkauft. Aber ansonsten war alles wie immer. Wie jeden Herbst, wenn ich hierher kam, um…

Ja warum eigentlich? Was führte mich immer wieder an diesen Ort zurück? Es gab hier nichts für mich. Kein Grab, keinen Ort um zu lieben und keinen Ort um zu hassen. Er war einfach verschwunden, ohne Ankündigung und ohne Abschied. Ein Herzinfarkt, unerwartet, wie aus dem Nichts, irgendwann mitten in der Nacht, im Bett einer seiner jungen Geliebten. Er hatte mir nichts gelassen… ausser der Erinnerung und dem Schmerz.

Ich war gerade 16 geworden, als wir uns kennengelernt hatten. Wir hatten den Sturz von Präsident Nixon gefeiert und ich war ziemlich stoned. Ich hatte nicht viel mitbekommen, als er es mit mir gemacht hat. Am nächsten Tag sah ich das Blut und war froh, dass es endlich geschehen war. Endlich gehörte ich dazu. Ich hatte die spöttischen Fragen und Kommentare meiner Freundinnen nicht mehr ausgehalten.

Er war zehn Jahre älter als ich, sah unglaublich aus mit seinem wilden Bart und den langen Haaren, und hatte so nebenbei bereits einen Doktor in Biochemie gemacht. Wir hatten zusammen Marx gelesen, über Philosophie diskutiert, Marihuana geraucht und stundenlang Janis Joplin gehört. Dass er nebenbei auch mit anderen Frauen Sex hatte, war für mich normal. Es anders zu empfinden, wäre spiessig gewesen.

Dass ich damals trotz Drogen, Sex und Rock ‘n Roll noch meine Reifeprüfung geschaffte hatte, habe ich wohl meinen Eltern zu verdanken. Wie oft hatte mich meine Mutter morgens mit sanfter Gewalt aus dem Bett geholt und mir geduldig geholfen, die Spuren meiner nächtlichen Exzesse zu beseitigen. Und wie viele Stunden war mein Vater mit mir am Tisch gesessen und hatte mich bei den Mathematikaufgaben unterstützt. Dass das für einen lutherischen Pastor mit einer grossen Gemeinde nichts selbstverständlich war, war mir erst bewusst geworden, als ich Jahre später an seinem Grab stand. Meine Eltern hatten sich nie beklagt. Auch nicht an dem Tag, als ich mit meinem Rucksack aufgebrochen war, um mit meinem Freund in die USA auszuwandern. Noch heute sehe ich die beiden Hand in Hand auf der Treppe zum Pfarrhaus stehen. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen und mein Vater machte eine seltsame Geste, die ich erst Jahre später begriff, als ich unseren katholischen Schulseelsorger den Segen spenden sah.

Zwei Jahre hatten wir in einer Kommune bei Boston gelebt, wo mein Held Assistenzprofessor am MIT war. Ich hatte versucht, an der Universität Philosophie zu studieren. Aber es war beim Versuch geblieben. Als wir ankamen, war ich noch nicht einmal 20 gewesen. Ich hatte entsetzliches Heimweh gehabt und schämte mich für meine spiessigen Gefühle. Das war wohl auch der Grund, warum ich mich besonders rückhaltlos auf das Leben der Kommune eingelassen hatte. Schon nach zwei Monaten hatte ich meine erste Abtreibung, und noch im selben Jahr die zweite. Zum Glück lebte auch ein Arzt mit uns zusammen. Mindestens drei Frauen hatten sich gebrüstet, Kinder von ihm zu haben, und auch meine zweite Schwangerschaft hatte ich wohl ihm zu verdanken.

Mein Partner hatte von all dem nichts mitbekommen. Erst als ich zum dritten Mal schwanger wurde, hatte ich es ihm gesagt. Ich hatte dieses Leben nicht mehr ausgehalten und wollte zurück nach Deutschland. Ich weiss nicht, ob er wirklich allein wegen des Kindes mit mir gekommen wäre, wenn da nicht dieses lukrative Stellenangebot einer deutschen Uni gewesen wäre. Er hatte sich ja leicht ausrechnen können, dass er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht der Vater war. Ich hätte es ja selber nicht sagen können. Mindesten drei andere wären in dieser Zeit auch dafür in Frage gekommen, wobei der jüngste gerade mal 18 und der älteste 62 war.

Alle Versuche, nach der Geburt meiner Tochter ein zweites Kind von ihm zu bekommen, waren in den folgenden Jahren fehlgeschlagen. Und nach der zweiten Fehlgeburt hatte ich mich sterilisieren lassen. Kurz danach hatte ich mein Studium abgeschlossen und meine erste Stelle als Deutsch- und Philosophielehrerin an einem Gymnasium übernommen. Wir waren seit einem Jahr zivil verheiratet und hatten uns mit dem stattlichen Einkommen meines Mannes am Stadtrand ein Haus mit Garten gekauft. Sein Bart und die langen Haare waren allmählich kürzer geworden, im Kleiderschrank hatte Anzüge und Krawatten Einzug gehalten und statt Janis Joplin erfüllten Mahler-Symphonien unser gediegenes Wohnzimmer. Und zu meinem vierzigsten Geburtstag hatte ich mir anlässlich meiner Beförderung zur Konrektorin ein exquisites, weinrotes Kaschmir-Twinset gekauft, zu dem ich endlich die Perlenkette zu tragen wagte, die ich von meiner Mutter geerbt hatte.

Vieles hatte sich mit den Jahren verändert, doch eines war gleich geblieben: Die Vorliebe meines Mannes für junge Frauen. Wir hatten nie darüber gesprochen. Irgendwie war es einfach klar: Ich stellte keine Fragen und er stellte keine Fragen. Und so hatten wir beide unser Leben gelebt zwischen Momenten geistiger Intimität beim gemeinsamen Geniessen eines guten Essens oder einer Symphonie und Momenten körperlicher Intimität beim Sex mit unseren wechselnden Partnern.

Ich hatte lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass es eigentlich die Hölle war. Noch während der Zeit in Boston war meine Mutter gestorben. Sie hatte ihre Kriegstraumata nie überwunden. Und nur drei Jahre später war mein Vater beim Kirschenernten im Garten des Pfarrhauses von der Leiter gefallen. Um die Eltern gross zu trauern, hatte ich mir damals nicht erlaubt. Sie gehörten zur Vergangenheit, die es zu überwinden galt. Die Zeit forderte die Entgrenzung der Beziehungen, die Befreiung von Elternhaus und Religion. Die Ideologie siegte über die Gefühle. Dass mich dennoch eine schreckliche Einsamkeit quälte, war nur ein Beweis mehr, wie sehr ich selber noch in bürgerlichen Schemata gefangen war.

Und dann stand ich eines Tages plötzlich diesem jungen Priester gegenüber, dem neuen Schulseelsorger unseres Gymnasiums. Ich wusste sofort, dass er mein Leben verändern würde. Er sah fantastisch aus, wobei es vor allem dieser Hauch schüchterner Verklemmtheit war, der mich in seinen Bann zog. Ich mochte seinen nervösen Eifer, in den er regelmässig verfiel, wenn ich ihn in philosophische Diskussionen über Gott verwickelte. Ich genoss die Macht, die ich über ihn hatte… bis zu dem Tag, an dem er seine Mutter beerdigte: Die besondere Atmosphäre am Grab, seine Stimme, seine Worte, die Erinnerung an meinen Vater. Ich weiss nicht was es war. Ich weiss nur, dass es mich nicht losgelassen hat und dass ich mitten in der Nacht aufgestanden war, um die alte Familienbibel meines Vaters aus dem Keller zu holen.

Und dann war da diese Schülerin, die „Heilige“, wie ich sie zu nennen pflegte. Sie war bei mir im freiwilligen Leistungskurs Philosophie. Das Mädchen war fasziniert von Hegel und Nietzsche und ich konnte kaum glauben, dass sie es war, von der mir mein Priesterfreund immer öfter erzählt hatte: Sie wolle Ordensfrau werden. Für sie sei das völlig klar. Sie wisse nur noch nicht, in welcher Gemeinschaft es sein werde. Wir hielten das beide für einen jugendlichen Spleen. Und doch hatte sie uns beide mit ihrer Überzeugung und Natürlichkeit in ihren Bann gezogen. Zuerst hatte ich geglaubt, dass sie einfach all das verkörperte, was meine Tochter nicht war. Doch als ich zum ersten Mal ihrem Beispiel folgte und mir die Jacke meines Twinsets elegant um die Schultern drapierte, wurde mir klar, dass sie vor allem das verkörperte, was ich nie gewesen war. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, diese junge Frau zu verstehen. Was hat ihr diese Kraft und innere Freiheit gegeben? Sie, die in grösster Selbstverständlichkeit all das lebte, von dem wir uns um der Freiheit Willen krampfhaft befreit zu haben schienen.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hatte ich mich eines Morgens zu meiner eigenen Überraschung sagen hören, als ich mit dem jungen Priester im Arm in meinem Bett lag. Plötzlich schien sich die Schleuse meiner Sehnsucht geöffnet zu haben, die ich jahrelang verzweifelt verrammelt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte es mir wirklich etwas bedeutet, mit einem Mann zu schlafen. Zum ersten Mal überhaupt war es mehr als nur konsensuelle Selbstbefriedigung.

Umso grösser war der Schock, als ich eines Tages meinen Geliebten vor Schmerzen gekrümmt auf dem Boden seines Sprechzimmers vorgefunden habe, nachdem ich vom Fenster meines Büros aus meine Tochter hatte über den Schulhof eilen sehen. Wie konnte sie es wagen? Wie konnte sie mir das antun? Was ging sie mein Leben an? Ausgerechnet sie, die ich vor Jahren einmal eines Morgens zusammen mit ihrem Vater…

Sie hatte alles zerstört. Er könne nicht so weitermachen, hatte er behauptet. Er wolle seiner Berufung treu bleiben. Es sei ein Fehler gewesen. Er hätte mir das nicht antun dürfen. Es tue ihm leid.

In der Tat, das hätte er mir nicht antun dürfen: In mir die Liebe zu entfesseln und mich dann einfach so fallen zu lassen. Ich fühlte mich meinen Gefühlen so hilflos ausgeliefert wie ein enttäuschter Teenager. All die Ideologien und Sprüche, mit denen ich mich mein Leben lang verleugnet und betrogen hatte, waren plötzlich zu zynischen Phrasen verkommen. Ja, verdammt, ich liebte, und es tat weh, höllisch weh. Und es war mir scheissegal, ob das nun spiessig war oder nicht. Ich liebte mein Leben, mein Haus, mein Kaschmir-Twinset und die Perlen. Und ich liebte einen Mann, den ich nicht haben konnte. Und darum liebte ich auch meinen Hass. Es war mein Gefühl und ich hatte ein verdammtes Recht auf dieses Gefühl. Und wer immer damals das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte, mein Priester hätte ein Verhältnis mit der „Heiligen“, es hätte durchaus eine Frucht meines Hasses sein können.

Ich habe ihn nie mehr gesehen, seit er damals mit Tränen in den Augen das Büro des Rektors verlassen hatte. Mein Mann hatte zu dieser Zeit eine Einladung für ein Forschungssemester und ich hatte spontan meinen Bildungsurlaub genommen und ihn in die Staaten begleitet. Als ich zurückkam, hatte die „Heilige“ die Schule abgeschlossen. Ich hatte erfahren, dass sie wegen Depressionen in der Klinik sei und nach etlichen schlaflosen Nächten hatte ich mich durchgerungen, sie zu besuchen. Sie hatte sich so gefreut, mich zu sehen, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte. Ob ich etwas von unserem Seelsorger gehört hätte? Es täte ihr leid, dass ich ihretwegen einen lieben Freund verloren hätte. Und ob ich wisse, wie es meiner Tochter gehe? Ich solle sie herzlich grüssen.

Nein, ich wusste es nicht. Und ich weiss es auch heute nicht. Der Schmerz darüber hat mich mit aller Gewalt eingeholt, als ich heute Nachmittag am Strand dieser jungen Joggerin begegnet bin. Ich war förmlich erstarrt, als ich sie von weitem kommen sah. Die Silhouette, die Bewegungen, die im Wind wehenden Haare. Natürlich war es Unsinn. Wieso hätte sie auch hier sein sollen, wo sie doch die Nordsee hasste. Aber das Gefühl war keine Täuschung: Da war Angst, ja, aber auch eine unerwartete, freudige Erregung, die sich vor allem in der Enttäuschung äusserte, als die junge Frau ohne mich anzublicken an mir vorbeirannte.

Ich weiss nicht, wie lange ich weinend auf diesem Stein sass, während sich das Meer langsam von mir zurückzog. Ja, sie fehlt mir, mehr als ich es mir je einzugestehen wagte. Und mit ihr die beiden älteren Geschwister, ein Junge und ein Mädchen. Davon war sie immer überzeugt gewesen, seit ich ihr von den Abtreibungen erzählt hatte. Mein Gott, wie naiv war ich zu glauben, dass sie mit 18 einfach so damit umgehen könnte. Warum nur musste ich es ihr erzählen? Hatte ich gehofft, sie würde mich von den nagenden Schuldgefühlen befreien, die mich bis heute immer wieder einholen? Hatte sie darum mit ihrem Vater… aus Rache?

In Momenten wie diesem hasste ich ihn. Warum hatte er mir nicht wenigstens sein Grab gelassen, einen Ort der Begegnung, einen Ort zum Lieben und einen Ort zum Hassen, eine letzte Zuflucht in meiner Einsamkeit? All die Jahre über hatte er mich immer wieder gehalten. Und doch liess er sich selber nicht halten, von nichts und niemandem, und schon gar nicht von mir. Immer wieder war er gekommen mit der kraftvollen Frische der Flut. Und immer wieder war er mit der Ebbe verschwunden und hatte eine modrig schlammige Leere zurückgelassen. Eine Leere, die ich verzweifelt zu füllen suchte, und die dadurch immer nur noch modriger und noch schlammiger geworden war.

„Gott segne Sie!“, hatte mir die „Heilige“ hinterhergerufen, als ich damals in der Klinik gegen die Tränen kämpfend ihr Zimmer verlassen hatte.

Wenn ich nur glauben könnte wie sie!

*******

Ob ich mit ihm hinausfahren wolle, hatte der Mann mich gefragt, als ich heute auf der Hafenmole gedankenversunken die steigende Flut betrachtete. Er mochte Mitte sechzig sein, trug einen dicken weissen Wollpullover, einen gepflegten, grauen Seemannsbart und eine gestrickte Mütze. Er hatte einen kleinen Fischkutter, mit dem er mich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder hinaus aufs Wattenmeer brachte.

Das Wetter war schon seit Tagen grau und feucht, und immer wieder wehte der Wind mir ein paar Regentropfen ins Gesicht. Die Küste schien bald in weiter Ferne und vor mir lag das wogende Meer in seiner unheimlichen Grenzenlosigkeit. Unwillkürlich zog ich mein Kaschmir-Tuch enger um die Schultern, während ich hörte, wie das sanfte Tuckern des Dieselmotors stoppte. Nachdem mein Begleiter mir einen gelben Ölmantel gebracht und umgelegt hatte, schauten wir schweigend über die graugrünen Wellen zum Horizont und wärmten unsere Hände an einem Grog.

Seine Frau ruhe hier draussen, hörte ich ihn schliesslich sagen. Seit fünf Jahren fahre er immer einmal im Monat hier hinaus. Vierzig Jahre seien sie verheiratet gewesen. Ob ich Janis Joplin kenne? Seine Frau sei ein grosser Fan von ihr gewesen. Janis habe ihr das Leben gerettet. Ihre Musik habe ihrem Leiden eine Stimme gegeben. Aber nicht nur das. Von dem Tag an, als sie erfahren habe, dass Janis an einer Überdosis Heroin gestorben sei, habe sie selber aufgehört, Drogen zu nehmen… nicht einmal mehr einen kleinen Grog von Zeit zu Zeit. Dafür habe sie ihm fünf Kinder geschenkt. Seine jüngste Tochter käme manchmal mit, wenn er mit dem Boot hinausfahre. Die anderen hätten dafür kein Verständnis. Ihnen fehle das Grab ihrer Mutter. Aber sie hatte es so gewollt… so wie Janis eben. Ob ich auch Familie habe?

Der Dieselmotor des Bootes musste heftig arbeiten, als wir im letzten Moment bei beginnender Ebbe wieder Richtung Hafen fuhren. Es regnete immer noch leicht, doch über der Küste war zum ersten Mal seit Tagen die Sonne durchgebrochen. Vermutlich lag es einfach nur an den beiden Grog, aber ich wusste nicht, ob ich nun hemmungslos weinen oder lachen sollte, als wir uns umdrehten und den Regenbogen über dem Wattenmeer entdeckten. Mein Gott, es war einfach zu kitschig…

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Schatten der Vergangenheit (V)

„Liebst du ihn sehr?“, hörte sie das Mädchen fragen, das wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war. Verdutzt schaute Marjorie auf die Kleine, die sich an ihr Bein klammerte und nachdenklich dem Mann hinterher schaute, der über den Hof des Landgutes zu seinem Wagen ging. Gute Frage, dachte sie. Ja, sie mochte ihn. Seine Präsenz tat ihr gut. Nachdenklich betrachtete sie seinen aufrechten Gang, die langen braunen Haare, die in der abendlichen Brise flatterten, und die Ärmel seiner dicken Strickjacke, die lose im Rhythmus seiner Schritte um seine Hüfte baumelten. Eine seltsame Erregung befiel sie, als sie ihm zuschaute, wie er sich die Jacke von den kräftigen Schulten nahm, in den Wagen stieg und mit einem strahlenden Winken davonfuhr. Nein verdammt, das durfte nicht sein! „Los, ab ins Bett mit dir!“, nahm sie die Kleine an der Hand und ging entschlossen zurück ins Haus.

Marjorie

Marjorie hatte schon vor Jahren aufgehört zu rauchen. Aber es gab Tage, da brauchte sie einfach eine Zigarette. Langsam liess sie den Rauch durch ihre Lippen strömen, während sie vom Sessel auf dem Balkon ihrer Wohnung aus den Blick über die mondbeschienene Landschaft schweifen liess. Sie liebte diese Gegend. Einen besseren Ort hätten sie sich nicht aussuchen können, um diesen Kindern aus problematischen Verhältnissen ein neues Heim zu schaffen. Wenn sie nur selber als Kinder an so einem Ort hätten aufwachsen dürfen! Wer weiss, vielleicht würde ihre Schwester dann noch leben. Unwillkürlich zog sie ihre Kaschmir-Stola enger um die Schultern und nahm einen Schluck vom warmen Baldriantee.

Der Gedanke an ihre Schwester machte sie traurig. Wie konnten sie nur all die Jahre so aneinander vorbei leben? Natürlich konnte sie irgendwie nachvollziehen, dass die brillante, aufstrebende Wissenschaftlerin nichts mit ihrer versoffenen und drogensüchtigen Schwester zu tun haben wollte. Und als sich Marjorie langsam aus dem Sumpf herausgekämpft hatte, war ihr erstes Bedürfnis auch nicht gewesen, sich mit ihrer renommierten Schwester zu versöhnen. Und vielleicht war es ja auch gut so. Wer weiss, was passiert wäre, wenn sie ihrem Schwager schon früher begegnet wäre?

Der Mann hatte sie spontan berührt, schon bei ihrer ersten Begegnung anlässlich der Beerdigung ihrer Schwester. Er wirkte damals irgendwie fehl am Platz in dieser Gesellschaft von Akademikern und Honorablen. Intuitiv hatte sie seine Verletzlichkeit und Sehnsucht gespürt. Sie war über sich selber erstaunt, wie viel sie ihm damals über sich und ihre Familie anvertraut hatte. Doch noch mehr hatte sie erstaunt, dass er von all dem nichts zu wissen schien. Ihre Schwester hatte ihre glänzende Fassade tatsächlich bis zur letzten Konsequenz durchgezogen.

Einen Moment lang betrachtete Marjorie die gelbe Flamme des Feuerzeuges, die vor dem dunklen Nachthimmel aufleuchtete, als sie sich eine weitere Zigarette anzündete. Ja, genau so war es für sie gewesen, als er sie vor zwei Monaten zum ersten Mal angerufen hatte: Ein Licht im Dunkeln. Ein Jahr zuvor war Sean gestorben, der Mann, der ihr Leben verändert hatte. Der Mann, dem sie es zu verdanken hatte, dass sie heute hier sass. Irgendwie war sie ja stolz darauf, wie sie es nach seinem Tod alleine geschafft hatte. Die Einsamkeit war hart. Den konkreten Alltag mit dem Heim und den Kindern musste Marjorie alleine bewältigen. Sie hatte gekämpft und musste mit der Zeit auch wieder auf ihre Medikamente zurückgreifen. Aber abgesehen von den Zigaretten hatte sie durchgehalten.

Nachdenklich genoss sie den Duft des Baldriantees, während sie über den Rand der Tasse hinweg den aufgehenden Mond betrachtete. Mit ihrem Schwager war tatsächlich wieder etwas Ruhe und Sicherheit in ihr Leben gekommen. Wobei sich das mit der Ruhe vor allem auf die Leitung des Heimes bezog. Drei Tage pro Woche kam er, um ihr bei der Arbeit zu helfen. Und bald einmal musste sich Marjorie eingestehen, dass sie ihn während der übrigen vier Tage mehr als nur vermisste. Irritiert registrierte sie die täglich wachsende Erregung, die ihr Schwager in ihr auslöste. Das war ein Gefühl, das sie nicht kannte. Nicht im Zusammenhang mit einem Mann.

Mit Sean war es anders gewesen. Sie hatte ihn geliebt, wie niemanden zuvor in ihrem Leben. Nie wird sie den Tag vergessen, als er aus dem Nichts in ihr Leben trat. Sie war damals gerade 22 geworden und stand kurz vor der Entlassung nach ihrem bereits dritten Drogenentzug. Er hatte in der Klinik einen Patienten besucht und war dabei Zeuge geworden, wie Marjorie dem Chefarzt ziemlich lautstark ihre Meinung sagte, nachdem dieser einmal mehr seine Pflegeleiterin vor den Augen der Patienten gedemütigt hatte. „Kompliment, junge Frau, das war stark!“ hatte sie ihn sagen hören, nachdem er ihr in den Garten gefolgt war und sich neben sie auf eine Bank gesetzt hatte. Fasziniert hatte Marjorie das markante Profil seines Gesichtes betrachtet, während sein Blick ruhig den Enten im Teich zu folgen schien. Er mochte Mitte vierzig sein. Das, was von seinen kurzen Haaren übrig geblieben war, war grau durchzogen und eine lange Narbe verlief quer über seine rechte Wange. Nachdem sie einen Moment schweigend nebeneinander gesessen waren, hatte er sich langsam umgedreht und ihr direkt in die Augen geschaut: „Bleib weg von den Drogen, und du wirst etwas ganz Grosses!“

Marjorie war damals die ganze Nacht wach gelegen. Das Ganze war einfach nur verrückt. Was wollte er von ihr? Er hatte ihr einen Job angeboten auf seinem Landgut. Ausgerechnet ihr, die noch nie etwas auf die Ränge gekriegt hatte. Ungläubig hatte sie sich im Spiegel betrachtet: Ihre kurzen, pechschwarz gefärbten Haare, ihr von den Medikamenten aufgedunsenes Gesicht, die Narben auf ihren Unterarmen und die widerliche Üppigkeit ihres formlosen Körpers. Tränen waren über ihre Wangen geströmt, als sie kopfschüttelnd die Visitenkarte zwischen ihren Fingern betrachtete. Was hatte dieser Kerl nur in ihr gesehen? Er werde ihr helfen, hatte er gesagt. Wenn sie es wolle!

Eine Woche später hatte er Marjorie mit dem Wagen an der Bushaltestelle abgeholt. Und nur drei Tage später hatte er sie dort wieder abgesetzt. Sie war völlig erschöpft. Jeder Muskel ihres Körpers tat ihr weh und die Blasen an ihren Händen brannten wie Feuer. Sie hatte sich nicht gerührt, als er ihr zum Abschied zuwinkte. Teilnahmslos hatte sie die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen. Eine Viertelstunde musste verstreichen, bis der Schock bei ihr Wirkung zeigte: Der Schock seines letzten Blickes. Nein, das konnte nicht sein! Sie musste sich getäuscht haben. Wahrscheinlich war es nur ein Reflex in der Scheibe. Noch nie hatte jemand sie so angeschaut. Und Tränen in den Augen dieses Mannes? Nein!

Die drei jungen Männer, die in dieser Zeit zusammen mit Marjorie auf dem Landgut gewesen waren, hatten ihr so manches über Sean erzählt. Zwölf Jahre soll er beim Special Air Service gedient haben. Er soll bei der Erstürmung der Iranischen Botschaft in London dabei gewesen sein und später beim dreitägigen Kampf um den Mount Kent im Falkland Krieg. Vor vier Jahren, nach einer schweren Verwundung, soll er den Dienst quittiert haben. Er hatte nie darüber gesprochen, was genau geschehen war. Nach dem Tod seines Vaters war er zurückgekommen auf das Landgut seiner Eltern, wo er begann, zusammen mit seiner Mutter delinquenten jungen Männern eine zweite Chance zu bieten.

Es hatte bereits zu dämmern begonnen, als sich Marjorie damals am Ende ihrer Kräfte und mit blutigen Blasen an den Füssen in den Hof des Landgutes geschleppt hatte. Fast vier Stunden hatte sie gebraucht, um mit ihrem schweren Rucksack und den beiden Taschen den langen Weg von der Bushaltestelle zurück bis hinauf in die Hügel zu schaffen. Sean sass in seinem Schaukelstuhl auf der Veranda vor dem Haus und rauchte seine Pfeife. Er schien auf sie gewartet zu haben. Einen Moment lang hatten sie sich wortlos angeschaut. Dann hatte Marjorie begonnen, die Treppe zur Veranda hochzusteigen. Bei der letzten Stufe war ihr Fuss abgerutscht. Ihre Knie hatten nachgegeben und das Gewicht ihres Rucksackes hatte sie unaufhaltsam nach vorne gedrückt. Das letzte, was sie wahrgenommen hatte, bevor sie das Bewusstsein verlor, waren zwei kräftige Arme, die sie auffingen, als sie hilflos über den Schaukelstuhl stürzte.

Vier Jahre war Marjorie auf dem Landgut geblieben. Sie hatte gearbeitet wie die Jungs, im Stall, im Wald und auf den Feldern. Jeden Morgen beim Aufstehen, ob bei eisiger Kälte und Schnee, ob bei Regen, Sturm oder sommerlicher Hitze, musste sie und ihre Kollegen zusammen mit Sean über die umliegenden Hügel rennen. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, traf man sich abends nach der Arbeit im alten Geräteschuppen, der zu einem Kraftraum umfunktioniert worden war. Marjorie lernte Boxen. Aber nicht nur das. Nach zwei Jahren hatte ihr Sean nebenbei so ziemlich alle Nahkampftechniken beigebrach, die er sich über die Jahre bei der SAS angeeignet hatte. Die Jungs mochten der jungen Frau im Boxring überlegen gewesen sein. Doch wehe ihnen, wenn sie sich ausserhalb davon mit Marjorie anzulegen versuchten.

Marjorie musste schmunzeln, als sie an Seans verblüfften Blick dachte, damals, als sie ihn beim Training mit einem überraschenden Trick auf die Matte geschleudert hatte. Seine Mutter war zufällig Zeugin geworden und hatte sich kaum halten können vor Lachen. Sie hatte Marjorie geliebt wie eine Tochter und während der vier Jahre stets dafür gesorgt, dass auch die frauliche Seite ihrer Entwicklung nicht zu kurz kam. Von ihr hatte sie zum Abschied die schwarze Kaschmir-Stola bekommen, die sie seither überall hin begleitete.

Sean war so stolz auf sie gewesen, als sie nach ein paar Jahren ihr Studium in Sozialarbeit mit Bestnote abgeschlossen hatte. Und nachdem seine Mutter gestorben war und er das Gut seiner Eltern verkauft hatte, war er eines Tages mit dem Plan zu ihr gekommen, gemeinsam auf dem Land ein Kinderheim zu gründen. Tränen traten in Marjories Augen, als sie daran dachte, was sie gemeinsam aufgebaut hatten. Ja, sie durften mit Recht stolz sein auf ihr bescheidenes Werk. Fünfzehn Jahre hatten sie Seite an Seite hier gelebt und gearbeitet. Und bis zu dem Tag, an dem sie begonnen hatte, die Nacht an seinem Krankenbett zu verbringen, hatten sie nie ein Zimmer geteilt.

Nein, verdammt, das hatte er ihr nicht beigebracht. So vieles hatte sie von ihm gelernt, aber das nicht. Etwas unwillig klopfte Marjorie eine neue Zigarette aus der Packung und diesmal schloss sie die Augen, als das Feuerzeug vor ihr aufflammte. Sean war für sie die ganzen Jahre ein treuer, väterlicher Freund. Der einzige wahre Freund, den sie je hatte. Etwas anderes hatte sie nicht gekannt und etwas anderes hatte sie auch nie gesucht. Auf so etwas wie ihren Schwager war sie nicht vorbereitet. Mit dem, was er bei ihr auslöste, wusste sie nicht umzugehen.

Nachdenklich betrachtete sie den Rauch, der ihrem Mund entströmte und den Mond einzuhüllen schien. Sean war der ruhende Pol gewesen in ihrem Leben. Er hatte ihr Sicherheit gegeben. Und bis auf diesen kurzen Moment vielleicht damals an der Bushaltestelle hatte er ihr gegenüber nie die geringste Schwäche gezeigt, auch nicht in seiner Sterbestunde. Er wäre ein guter Vater gewesen. Die Jungs hatten ihn respektiert und die Mädchen hatten ihn bewundert. Er war für Marjorie der Massstab aller Männlichkeit. Doch dann war plötzlich ihr Schwager aufgetaucht. Er war Sean irgendwie ähnlich, und doch ganz anders. Er hatte keine Erfahrung mit Kindern, doch schon nach wenigen Tagen hatte Marjorie erstaunt festgestellt, dass man ihn nicht nur respektierte und bewunderte. Nein, sie liebten ihn, alle, die Mädchen und die Jungs. Er schien selber erstaunt und wusste erst gar nicht recht damit umzugehen. Doch Marjorie begriff bald, dass gerade darin der Schlüssel seines Erfolges lag: In seiner Authentizität und Verletzlichkeit.

Fröstelnd zog sie sich die warme Kaschmir-Stola enger um die Schultern, nachdem sie den letzten Zug aus ihrer Zigarette genommen hatte. Die nächtliche Kühle trug das ihre dazu bei, ein Gefühl zu verstärken, das sich in letzter Zeit unaufhaltsam in Marjories Bewusstsein zu drängen begann: Einsamkeit. Immer öfter gab es ihr einen Stich ins Herz, wenn sie zuschaute, wie sich die Kinder gegenseitig trösteten, oder einfach spontan zu ihr oder ihrem Schwager kamen, um sich zu holen, was sie brauchten. Und immer wieder wurde ihr schmerzhaft bewusst, wie sehr sie in manchem trotz ihrer fast fünfzig Jahre selber noch ein Kind war. Nur dass sie niemanden hatte, der sie tröstete.

Traurig schaute sie auf ihr Smartphone, das neben ihr im Dunkeln auf dem Tisch lag. Einmal mehr hatte sie sich vergeblich danach gesehnt, dass er vielleicht spontan anrufen würde. Aber warum hätte er das auch tun sollen? Wie hätte er ahnen sollen, wie sehr sie sich nach seiner Nähe sehnte, vor allem an diesem Abend? Sie hatte ihm ja nichts gesagt. Mein Gott, wie naiv sie war, wie kindisch! Und plötzlich war er wieder da, dieser längst überwunden geglaubte Impuls, sich den Arm aufzukratzen. Doch ebenso plötzlich erinnerte sich Marjorie an die Lieblingsfloskel von Seans Mutter, die sie nie wirklich verstanden hatte: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…».

Ok, verdammt, wenn schon kindisch, dann eben richtig! In einer Mischung aus Verzweiflung und plötzlicher Entschlossenheit griff Marjorie nach dem Smartphone. Bevor sie Zeit hatte, noch einmal nachzudenken, hatte sie seine Nummer gewählt. Und bevor sie auch nur Gelegenheit hatte zu überlegen, was sie sagen wollte, ertönte bereits seine Stimme an ihrem Ohr…

********

Das Herz pochte in seiner Brust, als er ihr zusah, wie sie über den Hof des Landgutes zu der fürstlichen Limousine ging, deren Chauffeur an der offenen Wagentür auf sie wartete. Sie sah umwerfend aus in ihrem neuen Kostüm, den eleganten Lederstiefeln und der schwarzen Kaschmir-Stola, die sie sich wie immer um die aufrechten Schultern geschlungen hat. Mein Gott, wenn ihre Schwester sie sehen könnte! Und Sean! Er hatte an sie geglaubt und er hatte recht bekommen: Sie war etwas ganz Grosses geworden. Und niemand wusste besser als sie selber, wem sie den Verdienstorden zu verdanken hatte, den sie an diesem Tag aus der Hand der Herzogin in Empfang nehmen durfte.

Er winkte ihr aufmunternd zu, als sie ihm beim Besteigen des Wagens unter der Krempe ihres eleganten Hutes hervor unsicher zulächelte. Noch immer glaubte er den Duft ihres Parfüms zu spüren, und den feinen Geruch ihrer Lederhandschuhe, als sie ihm zum Abschied einen leichten Kuss auf die Wange gehaucht hatte. Seit sie ihn gestern mitten in der Nacht überraschend angerufen hatte, fühlte er sich wie in einem Traum. Zwei Stunden war er auf menschenleeren Strassen dem untergehenden Mond entgegengefahren, hatte ihr Tee gekocht und ihr zugehört, bis sie schliesslich in seinen Armen eingeschlafen war. Er konnte sich nicht erinnern, je…

Doch nein, verdammt, das durfte nicht sein! Er hatte kein Recht, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen. Es war eine Ausnahmesituation: Die Einladung der Herzogin, der Verdienstorden, die Erinnerung an Sean, die ganzen Emotionen und die Einsamkeit. Das Ganze war einfach einen Moment lang etwas zu viel geworden für sie. Er war glücklich, in diesem Moment für sie da sein zu dürfen. Aber er hatte kein Recht, die Situation auszunutzen. Wer war er denn, dass er meinte, einfach so Seans Platz einnehmen zu können… wo er doch schon nicht in der Lage war, ihrer älteren Schwester ein stützender Partner zu sein…

„Sie liebt dich sehr!“, hörte er plötzlich die Stimme eines Mädchens, das wie aus dem Nichts neben ihm aufgetaucht war. Verdutzt schaute er auf die Kleine, die sich an sein Bein klammerte und mit strahlenden Augen dem Wagen hinterher schaute, der durch die Einfahrt verschwand. Und im ersten Moment wusste er nicht, was ihn mehr verblüffte: Ihre Worte oder die Weise, wie der kleine Engel seine Strickjacke keck um die Schultern drapiert trug. Seit ein paar Tagen schien das der neue Trend zu sein unter den Kids.

Im Strudel der Ohnmacht (V, 1999)

„Mon Dieu, ce n’est pas possible ! » Véronique hatte sie sofort wiedererkannt, auch nach zwanzig Jahren. Ihre Hände begannen vor Aufregung zu zittern, als sie das Foto genauer betrachtete: Es zeigte zwei Frauen, beide in grünen Röcken und mintgrünen Stricksets aus den sechziger Jahren. Die Frau im Vordergrund war ihre Mutter, die ihre Strickjacke in ihrer unverkennbaren Art um die Schultern drapiert trug. Doch die Dame im Hintergrund mit dem strengen Blick und der bis oben zugeknöpften Jacke – nein, es gab keinen Zweifel – sie musste es sein. Unwillkürlich traten Tränen in Véroniques Augen. Warum nur hatte ihre Mutter ihr nie dieses Bild ihrer Grossmutter gezeigt?

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Bild von cashmerecentre

Durch das offene Fenster hörte Véronique die Glocke von Sainte Marie de la Miséricorde vier Uhr schlagen, als sie sich langsam hinter dem Schreibtisch ihrer Mutter erhob. Nachdenklich zog sie die zugeknöpfte Strickjacke über ihre Hüften, während sie auf die Dokumente, Briefe und Fotos schaute, die sie sorgfältig auf der Tischplatte ausgelegt hatte. Ein ganzer Monat war vergangen seit der Beerdigung, bis sie endlich den Mut und die Kraft hatte, sich der privaten Hinterlassenschaften ihrer Mutter anzunehmen. Wie sollte sie das alles nur schaffen, jetzt wo sie allein war? Sie hatte sich erschöpft in den letzten Jahren: Die Pflege ihrer krebskranken Mutter, die Leitung des Bistros, die Erziehung des Kleinen, und dann auch noch die zunehmende Depression ihres Mannes. Es wurde einfach alles zu viel für sie.

Erschöpft trat sie ans Fenster und genoss einen Moment lang die milde Frühlingsluft und den sanften Duft des Flieders. Unter ihr im Garten spielte der Kleine mit seinem Vater. Das Lachen der beiden mischte sich in den Gesang der Vögel. Es schien ihr eine Ewigkeit her, dass sie ihren Mann so fröhlich hat lachen hören. Überhaupt musste sie sich eingestehen, dass er sich in den letzten Wochen erstaunlich gehalten hat. Was wäre aus ihr geworden, wenn er sich nicht um die Beerdigung gekümmert hätte? Ein plötzliches Gefühl der Dankbarkeit liess ihre Augen feucht werden, und während sie sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange wischte, machten sich ihre Finger an den obersten Knöpfen der Jacke ihres Twinsets zu schaffen. Sie war gerade im Begriff, auch noch den dritten Knopf zu öffnen, als der Kleine unter ihr über eine Wurzel stolperte. Der mütterliche Instinkt liess sie einen Moment erstarren. Und während sie mit leiser Skepsis zusah, wie der Vater sich rührend um den weinenden Knaben kümmerte, sorgten ihre Hände dafür, dass eine lose Haarsträhne wieder im Knoten hinter ihrem Kopf gebändigt wurde.

Véronique fühlte sich irgendwie ertappt, als ihr Mann lächelnd zu ihr hochsah und sie mit einem fröhlichen Winken beruhigte. Unwillkürlich wandte sie sich wieder dem Schreibtisch zu und als sie sich setzten wollte, bemerkte sie erst die alte, schwarze Strickjacke ihrer Mutter, die über der Lehne des Bürosessels hing. Zögernd griffen ihre Hände danach und pressten die weiche Wolle gegen ihre Brust. Seit sie sich erinnern konnte, gehörte diese Jacke zu ihrer Mutter. Sie musste sie damals in den frühen sechziger Jahren erworben haben, noch bevor sie mit ihrem Verlobten in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. Sie hatte oft Strickjacken getragen, aber diese hier trug sie zu besonderen Gelegenheiten. Sie hatte sie auch an Véroniques achtem Geburtstag getragen, als sie zum ersten Mal mit ihr nach Colleville-sur-Mer auf den amerikanischen Soldatenfriedhof gefahren war. Bei der Erinnerung an diesen Tag schossen Véronique Tränen in die Augen und schluchzend, das Gesicht in die Strickjacke ihrer Mutter vergraben, liess sie sich langsam auf den Sessel sinken.

Sie hatte damals lange gebraucht, um ihre Mutter dazu zu bringen, ihr das Grab ihres Grossvaters zu zeigen. Alle Kinder hatten ihre Familien: Einen Vater, Grosseltern, Onkel und Tanten. Doch Véronique hatte nur ihre Mutter. Ihr Vater sei tot und irgendwo in den USA begraben. Mehr hatte sie nie erfahren. Véronique hatte sehr darunter gelitten und viel geweint. Umso wichtiger war für sie dieses eine Kreuz auf dem riesigen Gräberfeld geworden. Der Name darauf klang fremd, aber es war der Name ihres Grossvaters, ein Name, der ihr eine Geschichte gab. Doch wer war dieser Mann? Und wer war seine Frau, Véroniques Grossmutter? Und warum hatte sich ihre Mutter immer geweigert, über ihre Jahre in den Vereinigten Staaten zu reden?

Véronique war damals oft alleine mit dem Bus nach Colleville-sur-Mer gefahren, um das Grab ihres Grossvaters zu besuchen. Und bei einem dieser Besuche – sie war gerade mal neun Jahre alt – war da diese Frau. Véronique hatte sie von weitem dastehen sehen, eine aufrechte Gestalt in Weiss, die ihr den Rücken zudrehte und in Gedanken versunken aufs Meer hinaus blickte. Und während Véronique langsam näher kam, riss ein kräftiger Windstoss die wehende weisse Strickjacke mit, die sich die Dame elegant um die Schultern drapiert hatte. Ohne sich umzudrehen stand die Frau da und liess den Wind mit ihren offenen Haaren spielen. Als Véronique schliesslich bis auf wenige Meter herangekommen war, hatte sie erstaunt festgestellt, dass sich die weisse Strickjacke genau über das Kreuz ihres Grossvaters gelegt hatte. Zögernd hob sie das edle Stück auf und faltete es sorgfältig zusammen. Das weiche Kaschmir und der feine Duft eines Parfüms erinnerte sie an ihre Mutter. Und auch der erstaunte aber sanfte Ausdruck der Augen, als sich die Dame umdrehte, schien ihr irgendwie vertraut zu sein. Einen Moment lang hatten sie sich wortlos angestarrt. Dann plötzlich beugte sich die Dame zu ihr herunter und Véronique glaubte schon, sie wolle sie umarmen. Doch nach einem kurzen Zögern hatte sie ihr die Strickjacke aus der Hand genommen und war mit einem tränenerstickten „thank you so much, dear!“ zwischen den Gräbern davon geeilt.

Nein, es gab keinen Zweifel: Es war die gleiche Frau wie auf dem Foto. Véronique spürte die wachsende Erregung, als sie die schwarze Jacke weglegte und das Foto vom Tisch nahm. Sie hatte nie mit ihrer Mutter über die Begegnung auf dem Friedhof gesprochen. Als sie damals nach Hause gekommen war, hatte ihre Mutter gerade die erste Diagnose erhalten. Zwanzig Jahre hatten sie gemeinsam gegen den Krebs gekämpft. Véronique hatte ihr alles geopfert: Ihre Kindheit, ihre Unbeschwertheit und ihre Freiheit. Schon als junges Mädchen hatte sie Verantwortung übernommen für das Bistro am Stadtplatz, bei dem ihre Mutter nach der Rückkehr in ihre Heimat wieder eine Arbeit gefunden hatte und das sie ein paar Jahre später von einem entfernten Verwandten übernehmen konnte. Véronique hatte gelernt zu kämpfen, stark zu sein und ihr eigenes Leben hintanzustellen. Das war nicht einfach für sie gewesen, und es wurde noch schwerer für sie, als ihr bewusst zu werden begann, dass sie selber dadurch für ihre Umgebung auch immer schwerer zu ertragen wurde. Sie hatte die lähmende Ohnmacht ihres Mannes gespürt und auch die eigene Ohnmacht angesichts des zunehmenden Trotzes ihres Kindes.

Véronique hatte Mühe sich einzugestehen, dass der Tod ihrer Mutter eine Befreiung für sie war. Alle um sie herum hatten es gespürt. Nur ihr Stolz und ihre Schuldgefühle liessen es nicht zu. Doch als sie nun auf das Bild in ihren Händen starrte, spürte sie es plötzlich: das Gefühl, das sie nie hatte wahrnehmen und zulassen dürfen. Das beunruhigende Gefühl, um dessentwillen sie auch alle anderen Gefühle zu kontrollieren und unterdrücken gelernt hatte: Die Wut auf ihre Mutter. Was hatte sie nicht alles getan für sie! Was hatte sie nicht alles aufgeopfert. Und was hatte sie dafür bekommen? Liebe? Dankbarkeit? Ein eigenes Leben?

Véronique wäre wohl erschrocken über die Heftigkeit ihrer Wut, wenn da nicht gleichzeitig etwas anderes gewesen wäre: Ihre Sehnsucht hatte plötzlich ein Gesicht bekommen. Véronique hatte in dieses Gesicht geschaut, vor zwanzig Jahren. Sie hatte es nie vergessen. Irgendetwas in den Augen dieser Frau war ihr schon damals vertraut vorgekommen. Die Möglichkeit, irgendwo auf dieser Welt noch eine Grossmutter zu haben, liess in Véronique inmitten der Wut und des Schmerzes langsam ein Gefühl freudiger Erregung aufkommen. Und als sie das Bild umdrehte, starrte sie fassungslos auf die Zeilen in der gepflegten Handschrift ihrer Mutter: „Dorothy“ stand da geschrieben, und eine Adresse in den USA.

Véronique war so absorbiert von der unerwarteten Perspektive, dass sie den leisen Luftzug nicht spürte, als sich hinter ihr die Tür öffnete. Im ersten Moment verspannten sich ihre Muskeln, als sich plötzlich von hinten ein paar Hände sanft auf ihre Schultern legten. Mein Gott, wie lange war es her, seit er ihr zum letzten Mal den Nacken massiert hatte! Langsam spürte sie, wie sich die Anspannung zu lösen begann, während sie mit geschlossenen Augen den Kopf an seine Brust lehnte. Erstaunt nahm sie wahr, wie seine Finger plötzlich begannen, die Spangen aus ihrem Haarknoten zu lösen. Ihr zaghafter Versuch eines Protestes wurde durch eine sanfte Hand über ihrem Mund gestoppt, während seine Rechte langsam über ihre Brust nach unten glitt und nach und nach die Knöpfe ihrer Strickjacke öffnete. „Der Junge“, hörte sie sich noch stammeln, als wenig später ihre Lippen nach seinem Mund tasteten und er sie in seinen kräftigen Armen aufhob und nackt zum Bett ihrer Mutter trug. Und während sein Körper langsam zwischen ihre Schenkel glitt, hörte sie durch das offene Fenster das fröhliche Geschrei spielender Kinder im Garten. Und mitten drin das befreite Lachen des Kleinen…

——–

Man hatte die alte Dame im Rollstuhl in den Schatten der grossen Linde geschoben. Sie sei nicht mehr ansprechbar, hatte die Leiterin des Pflegeheimes gesagt. Erst vor drei Monaten habe Lady Dorothy, die hochgeschätzte Gründerin dieses Heimes für Kriegswitwen, einen Schlaganfall erlitten, von dem sie sich nicht mehr erholt hatte. Véroniques Herz pochte vor Aufregung, als sie sich von hinten der gebeugten Gestalt näherte. Reglos sass diese da und nur die Ärmel der dicken Wolljacke, die man ihr um die Schultern gepackt hatte, baumelten leise an der Seite des Rollstuhles im Wind.

Die Augen der alten Frau schienen durch Véronique hindurchzuschauen. Aber es gab keinen Zweifel. Sie war es! Einen Moment lang stand Véronique ratlos da. Was sollte sie bloss sagen? Dann kam es einfach über sie. Langsam beugte sie sich nieder und schloss ihre Arme um die alte Frau. Wortlos sickerten ihre Tränen in die weiche Wolle um deren Schultern, während ein vertrautes Parfum in ihre Nase stieg. Und als sie sich schliesslich wieder aufrichtete, rannen Tränen über die Wangen der alten Dame…

Véronique musste kurz eingenickt sein, als sie plötzlich von einer Bewegung geweckt wurde. Sie sass auf einem Stuhl neben dem Rollstuhl ihrer Grossmutter und hatte sich die Jacke ihres Twinsets bequem um die Schultern drapiert. Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont und langsam wurde es kühl im Schatten. Erst glaubte Véronique, die Hand der alten Dame hätte sich zwischen ihren Fingern gerührt. Aber die sanfte Regung kam von ihrer anderen Hand, die entspannt auf ihrem Bauch lag. Ein neues Leben deutete sich an. Noch nie hatte sich Véronique so ganz und gar lebendig gefühlt wie in diesem Moment. Und als sie den Kopf drehte, waren die Augen der alten Dame geschlossen. Ein tiefer Friede hatte sich über ihr Gesicht gelegt.

 

Mimesis II (T wie Twinset)

„Ich liebe dich!“, hörte sie hinter sich die schläfrige Stimme ihres Freundes, während sie in der Morgendämmerung auf der Bettkannte sass und vorsichtig die feine Strumpfhose über ihre Beine zog. Schmunzelnd drehte sie sich um und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, bevor sie ihre Hose und das Kaschmir-Twinset vom Stuhl nahm und leise aus dem Zimmer schlich. „Viel Glück!“, hörte sie ihn noch sagen, als sie die Tür hinter sich zuzog.

Twinset Peterhahn
Bild von Peterhahn (Modell nicht mehr im Sortiment)

Doch Glück war es nicht, was Amanda an diesem Morgen brauchte. Glück hatte sie weiss Gott genug. Wenn sie etwas brauchte, dann vielleicht ein wenig Mut. Selten hatte sie sich so entspannt lächeln sehen, wenn sie vor dem Spiegel im Bad ihr Make-up auftrug. Und eine feine Gänsehaut überzog ihre Arme, als sie den weichen Pullover des Twinsets über ihren Kopf zog. Das edle Stück passte perfekt und schmiegte sich sanft über ihre Brust. Amanda konnte ihr Glück kaum fassen, als sie in die elegante Strickjacke schlüpfte. Nie hätte sie es gewagt, sich selber ein so exquisites Teil zu kaufen, geschweige denn, es auch in der Öffentlichkeit zu tragen.

Es sei ihr zu klein geworden, hatte ihre Tante gesagt, als sie Amanda gestern dieses blaue Twinset schenkte. Das kam ihr zwar seltsam vor, zumal die Schwester ihrer Mutter auch mit über fünfzig immer noch eine blendende Figur hatte. Und Amanda konnte sich nicht erinnert, sie je in diesem Twinset gesehen zu haben. Aber was solls, für sie ging ein Traum in Erfüllung.

Seit sie ein kleines Mädchen war, hatte sie ihre Tante bewundert. Diese hatte nach dem frühen Tod ihres Gatten die Leitung von dessen Firma übernommen. In der Familie wunderte man sich, dass sie nie mehr geheiratet hatte. Manche hielten sie für spröde und verklemmt, andere für stolz und arrogant. Doch Amanda hatte ihre Tante mehr als einmal weinen sehen, wenn sie eingehüllt in eine ihrer Strickjacken neben ihr auf dem Sofa sass und beim Knistern des Kaminfeuers ihren Erinnerungen lauschte. Nein, ihre Tante war weder spröde noch arrogant. Aber sie war bei aller Verletzlichkeit eine starke und eigenständige Frau. Und Amanda kannte niemanden, der Strickjacken und klassische Twinsets in so eleganter und souveräner Weise zu tragen wusste wie sie.

Eine seltene Ausnahme bildete ihre Englischlehrerin im Gymnasium. Die gebürtige Schottin war streng und anspruchsvoll. Doch Amanda liebte es, ihr zuzusehen, wie sie während der Prüfungen mit kritischem Blick durch die Bankreihen schritt, die Jacke ihres Twinsets elegant um die Schultern drapiert. Amanda verdankte ihr ein nahezu perfektes Englisch. Doch die Lehrerin und ihr Stil waren bei den Mitschülerinnen und Jungs derart verhasst und verpönt, dass es Amanda seither nicht mehr wagte, auch nur daran zu denken, je einmal ihrem Vorbild nachzueifern.

Das änderte sich auch nicht, als sie Jennifer kennenlernte. Die junge Frau, die mit ihr zusammen die Banklehre absolviert hatte, war so ganz anders als die anderen Mädchen. Sie war schön und intelligent, aber nicht wenige hielten sie für verklemmt und arrogant. Doch Amanda spürte intuitiv ihre Sensibilität und Verletztlichkeit. Vielleicht lag es daran, dass Jenny sie so sehr an ihre Tante erinnerte. Sie war die einzige, die den Mut hatte, sich dem ungeschrieben Kleiderdiktat der Bankenwelt zu wiedersetzen und statt im massgeschneiderten Kostüm in einem klassischen Twinset zur Arbeit zu erscheinen. Amanda mochte Jennifer, und je mehr die anderen über Jennys Stil lästerten, desto mehr bewunderte sie ihre Kollegin.

Das änderte sich auch dann nicht, als der neue Abteilungsleiter auftauchte. Jennifer hatte zwar spontan behauptet, dass er nicht ihr Typ sei. Aber gleichzeitig begann sie, sich seltsam zu benehmen, und Amanda war überzeugt, dass ihre Kollegin sich selber etwas vormachte. Der Neue war tatsächlich ziemlich attraktiv, charmant und für einen Mann erstaunlich einfühlsam. Und Amanda war sich sicher, dass er gut zu Jenny passen würde. Doch je mehr sie versuchte, die Aufmerksamkeit ihrer Kollegin auf ihn zu lenken, desto mehr schien sich diese von ihr zurückzuziehen.

Als Amanda nicht mehr weiter wusste, erzählte sie ihrer Tante davon. Ob sie je mit Jenny gesprochen hätte, wollte diese wissen. „Weiss sie, wie gern du sie hast?“. Dann verschwand sie in ihrem Schlafzimmer und holte das blaue Kaschmir-Twinset. „Es wird Zeit, dass du erwachsen wirst und den Mut hast, zu dir selber zu stehen!“ hörte Amanda sie sagen, als sie sich zum Abschied fest umarmten.

„Ja, höchste Zeit“, sagte sie zu sich selber, als sie sich an diesem Morgen auf der Damentoilette der Betriebskantine im Spiegel betrachtete. Und spätestens seit ihr Freund gestern Nacht früher von der Spätschicht nach Hause gekommen war und sie beim Anprobieren des Twinsets ertappt hatte, hatte sie auch den nötigen Mut. Noch immer glaubte sie, seine leidenschaftlichen Hände an ihrem Körper zu spüren, als sie aus der Jacke des Twinsets schlüpfte und sich diese elegant um die Schultern legte. Schmunzelnd betrachtete sie im Spiegel, wie die losen Ärmel ihre Hüften umspielten und erfolgreich davon ablenkten, dass sie schon seit vier Wochen nicht mehr joggen war. Schliesslich öffnete sie ihre Handtasche und entnahm ihr die feine Perlenkette, die sie von ihrer Oma geerbt hatte. Der Zeitpunkt war gekommen, um alle Register zu ziehen.

Amanda fühlte sich stark und bereit, als sie vor dem Fahrstuhl wartete, der sie in ihr Büro im dreissigsten Stock des imposanten Bankenturmes bringen sollte. Doch als sich die Tür öffnete, glaubte sie einen Moment lang zu träumen. Ungläubig starrte sie auf ihr eigenes, wohlbekannte Spiegelbild: Dezente Schuhe, ein massgeschneidertes, graues Etuikleid, feine Lederhandschuhe und einen perfekt geschnittenen Gehrock elegant um die aufrechten Schultern drapiert. Und über all dem ein Gesicht, das sie genau so fassungslos anstarrte, wie sie sich selber fühlte.

Amanda brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer da Schulter an Schulter neben ihr stand, als sich die Tür des Fahrstuhls wieder schloss. Wortlos starrten die beiden Frauen vor sich hin, während die Digitalanzeige die Stockwerke durchzählte. Was für ein fabelhaftes Outfit, fuhr es Amanda durch den Kopf. Jenny muss ein Vermögen dafür ausgegeben haben. Dabei hatte sie sich noch vor kurzem lustig gemacht über diesen „Bankentussi-Look“, wie sie es zu nennen pflegte.

Amanda war völlig verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte, als sich die Tür zur 12. Etage öffnete und eine Bekannte aus der Werbeabteilung den Fahrstuhl betrat. „Amanda, das ist gut, dass ich dich treffen, ich wollte…“, wandte sie sich an Jennifer. „Oh, sorry, ich…“. Die Erleichterung war der Frau anzusehen, als sie zwei Etagen später wieder aussteigen konnte. Dafür schaffte es Jennifer gerade noch, die zugleitende Tür zu stoppen, als sie einen Kollegen aus der Buchhaltung heraneilen sah. Amanda glaubte zu wissen, dass der sympatische junge Mann insgeheim ein Auge auf Jennifer geworfen hatte. Umso mehr war sie überrascht, als dieser sich nach einem flüchtigen Dank an Jenny sichtlich nervös an sie wandte: „Ich weiss, du hast sicher schon andere Pläne. Aber vielleicht… ich meine… Jennifer, würdest du mich auf den Firmenball begleite?“ Nie wird Amanda vergessen, wie das Blut in die Wangen des jungen Mannes schoss, als sein Blick fassungslos von ihr zu Jenny wanderte.

„He, spinnst du!“ rief ihm die Praktikantin hinterher, nachdem er sie beim Verlassen des Fahrstuhles fast über den Haufen gerannt hatte. Kopfschüttelnd betrat sie den Lift und begann in einer Gratiszeitung zu lesen, während sich die Tür zu Etage 15 wieder schloss. Amanda versuchte unterdessen verzweifelt, ihre Fassung zu bewahren. Nervös zog sie die Jacke des Twinsets über ihren Schultern zurecht, während ihr Blick über die Schulter der Praktikantin hinweg von einer fetten, roten Schlagzeile angezogen wurde: Der beliebte Moderator einer Late Night Show hat in der Nacht vor laufender Kamera sein Coming-Out gemacht. Und mehr noch, er hat auch gleich seinen Partner vorgestellt, einen attraktiven, aufstrebenden Jung-Banker. Ungläubig starrte Amanda auf das Bild der beiden Männer, die ihr strahlend entgegenschauten. Leise zischte der Atem durch ihre Zähne, während sie aus dem Augenwinkel sah, wie Jennys Hand plötzlich nach dem Handlauf suchte.

Amanda könnte nicht mehr sagen, auf welcher Etage die Praktikantin ausgestiegen war. Aber auf der Anzeige stand die 27, als sie und Jennifer langsam ihre Köpfe drehten. Einen Moment lang starrten sie sich ausdruckslos an. „Erwachsen werde, na super!“, schoss es Amanda durch den Kopf, während Jennifer so aussah, als ob sie nicht wusste, ob sie heulen oder lachen sollte. Dann begannen Amandas Mundwinkel zu zucken. Erst nur ganz leicht, dann immer heftiger. Und als auch die Muskeln in Jennys Gesicht sich unaufhaltsam zu regen begannen, fasste Amanda Mut und tat das, was sie schon immer gerne getan hätte…

 

Ein Beitrag zu Kleider machen Leute – von A-Z vom Wortmischer

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Verlockender Abgrund

Sie war völlig erschöpft. Und doch hatte sie sich noch nie so lebendig gefühlt. Sie wollte schreien vor Glück. Und doch schien sich in ihr ein schwindelerregender Abgrund aufzutun.

Verl AbgrundQuelle unbekannt

Die Standuhr im Wohnzimmer hatte eben drei Uhr geschlagen. Nachdenklich folgte Johannas Blick den dünnen Lichtstreifen, die der Vollmond durch die Ritzen der Storen auf die Zimmerwand warf. Sie genoss das Gefühl der leichten Decke, die sich sanft über ihren nackten Körper schmiegte. Und sie genoss es, nicht allein zu sein, zum ersten Mal seit Monaten. Wie sehr hatte sie es vermisst, einen warmen Körper neben sich zu spüren, den Geruch von Haut und Haaren. Und wie sehr liebte sie dieses rhythmische Geräusch des Atems, wenn jemand friedlich neben ihr schlief.

Doch an Schlaf war bei Johanna nicht zu denken. Zu viel Adrenalin strömte noch durch ihren ausgelaugten Körper. Und zu lebendig waren die Gefühle und Empfindungen der letzten Stunden. Was war da nur mit ihr geschehen? Nie hätte sie so etwas für möglich gehalten. Diese Intimität, diese Zärtlichkeit, diese unendliche Geduld, diese langsam sich aufbauende, nie gekannte Spannung und Erregung, und dann diese nicht enden wollende Eruption der Leidenschaft, als die beiden Körper in eine kraftvoll pulsierende Einheit zu verschmelzen schienen.

Wie anders war das doch als früher. Sicher, sie hatte ihn geliebt, ihren Ex-Freund. Zwei Jahre lang waren sie verlobt gewesen. Und Johanna hatte sich alle Mühe gegeben. Aber es hatte einfach nie richtig geklappt zwischen ihnen. War es ihre Schuld? Hatte sie sich einfach nicht gehen lassen können? Es war ja nicht so, dass er sich nicht bemüht hätte. Doch wenn er kam, war sie meist noch kalt. Natürlich hatte sie mitgespielt. Und sie war offenbar ganz gut darin. Aber es tat weh, es war anstrengend und es ekelte sie an. Er hatte es wohl nie bemerkt. Und sie hatte sich geschämt, vor ihm, vor sich selber, und vor ihren Eltern, die sich doch von ihrer einzigen Tochter so sehr einen Enkel gewünscht hätten.

Ein Gefühl der Übelkeit machte sich in ihrem Magen breit, als vor Johannas innerem Auge das Bild ihres Vaters auftauchte, sein stolzer, erwartungsvoller Blick, und die traurig vorwurfsvollen Augen ihrer Mutter. Unwillkürlich glitt sie unter der Decke hervor. Einen Moment lang lauschte sie dem regelmässigen Atmen neben sich, bevor sie vorsichtig aus dem Zimmer glitt und leise die Tür hinter sich zuzog. Der Mond schien hell durch die Gardinen des Wohnzimmers und beleuchtete das weisse Ledersofa, den Glastisch mit den leeren Flaschen und Gläsern, und die verstreuten Schuhe und Kleidungsstücke am Boden. Irgendwo auf dem Teppich neben dem Sofa fand Johanna ihre exquisite Kaschmir-Jacke, ein Geschenk ihres Vaters zur erfolgreichen Habilitation. Langsam hob sie sie auf und legte sie sich um die nackten Schultern. Und nachdem sie den Rest aus der Cognac-Flasche in ein Glas geleert hatte, trat sie ans Fenster und zog die Gardine zur Seite. Unter ihr leuchteten die Lichter der Stadt, und über ihr die Kugel des Mondes.

Konnte das wirklich sein? War das wirklich sie? Johannas Gedanken kämpften mit ihren Gefühlen, während der Cognac langsam ihren Magen beruhigte und etwas Wärme durch ihren Körper strömen liess. War das wirklich dieselbe Johanna, die sie kannte, die erfolgreiche Professorin, die ihr Leben und ihre Karriere ebenso fest im Griff hatte wie ihre Gefühle? Noch vor Stunden war sie die Vorzeigefrau der Fakultät, jung, intelligent, attraktiv, und dabei stets korrekt und bescheiden. Und dann dieser Abend, die Abschlussfeier ihrer ersten Doktoranden. Dabei hatte sie doch gar nicht so viel getrunken. Aber vielleicht war das ja gar nicht nötig. Vielleicht war es ja schon immer da. Vielleicht wollte sie es einfach nicht wahrhaben. Der Vorschlag, zu zweit in ihrer Dachwohnung noch etwas zu trinken, kam jedenfalls von ihr. Und sie hatte sich nicht gewehrt, als der Arm sich plötzlich um ihre Hüften legte, und auch nicht, als die Hand langsam unter ihre Bluse glitt. Nein, sie hatte sich nicht gewehrt. Ganz im Gegenteil.

Im ersten Moment schmerzten Johannas Augen, als sie im Bad das Licht anknipste. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben genoss sie die zärtliche Berührung, als sie sich mit einem weichen Tuch frisch machte. Und als sie sich vor den Spiegel stellte, musste sie laut lachen. Ihre Haare sahen einfach schrecklich aus und ihr Makeup war ein einziges Schlachtfeld. Das würde ihrer Mutter gefallen. Mit einem verträumten Lächeln schaute sie zu, wie ihre Hände die kleinen aber noch immer kräftigen Brüste liebkosten, während die weiche Strickjacke langsam von ihren Schultern glitt.

Johanna fühlte sich leicht und frei, als sie sich im Dunkeln wieder auf den Bettrand setzte. Die feinen Lichtstreifen des Mondes waren gewandert und einer davon fiel auf das kleine Nachttischchen neben dem Bett. Da wo früher eine wuchtige Rolex lag, schimmerte nun das helle Weiss einer Perlenkette. Für einen kurzen Moment versuchte sie sich den fassungslosen Blick ihres Vaters vorzustellen. Doch als sich aus der Dunkelheit zwei Hände sanft um ihre Brüste legten und ihren Körper langsam nach hinten zogen, war Johanna bereit, loszulassen und sich in den Abgrund fallen zu lassen.

Entfesselte Berufung

Über die Bäume des kleinen Parkes hinweg konnte Hannah das Dach des Konzerthauses sehen. In drei Stunden würde sie dort die Bühne betreten. Ihr Agent hatte ihr eben mitgeteilt, dass das Konzert ausverkauft sei. Es war ihr erstes Konzert in Deutschland, doch ihr Ruf war ihr vorausgeeilt. Hannah würde Chopin spielen, wie immer. Dafür war sie berühmt und dafür wurde sie verehrt. Doch Hannah hasste Chopin.

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Bild von Peterhahn

Nachdenklich schaute sie vom Balkon ihrer Hotelsuite zu, wie unter ihr im Park die Mütter mit ihren Kindern spielten. Hannah liebte Kinder. Sie hatte selber drei jüngere Schwestern und zwei kleine Brüder und war es schon früh in ihrem Leben gewohnt, Verantwortung für die Kleinen übernehmen zu müssen. Als sie zehn war, kam ihr Vater bei einem Grubenunglück ums Leben, und ihre Mutter schuftete Tag und Nacht, um ihre Kinder zu ernähren.

Hannah wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf, die ein kleines Café in Krakau führte. Dort begann sie mit etwa fünf Jahren auf dem Klavier zu spielen und an manchen Tagen war sie kaum mehr davon zu trennen. Ihre Grossmutter erkannte sofort ihre Begabung und sorgte dafür, dass sie bei einem guten Lehrer Unterricht bekam. Der anfängliche Widerstand der Eltern erlahmte schnell, als diese begriffen, dass die kleine Hannah mit ihrem Klavierspiel im Café ihrer Oma an manchen Abenden mehr verdiente, als ihre Mutter während einer ganzen Woche.

Hannahs Talent sprach sich schnell herum und als sie 14 war, unterschrieb ihre Mutter einen Vertrag mit einem Agenten. Dieser sorgte dafür, dass Hannah in Polen zum Star wurde. Damit war die finanzielle Not ihrer Familie fürs erste gebannt. Aber Hannahs Ruhm und Erfolg hatten ihren Preis. Sie durfte nur Chopin spielen, und manchmal etwas Rachmaninow, um ihre Virtuosität zu beweisen. Und im katholisch geprägten Polen war es ihr nicht erlaubt, eine Beziehung zu haben, zumal eine frühe Hochzeit im Vertrag nicht vorgesehen war. Das hinderte ihren Agenten allerdings nicht daran, sich seine Dienste gelegentlich auch mit anderen Gefälligkeiten vergelten zu lassen. Hannah verdrängte ihren Ekel, hatte sich aber nie wirklich daran gewöhnt, umso mehr, als ihr schon seit einiger Zeit bewusst geworden war, dass Männer ihr eigentlich nichts bedeuteten.

Der Anblick der Mütter im Park erinnerte Hannah an ihre beste Freundin, die vor einem Monat ihr erstes Kind bekam. Wie glücklich war sie, als sie das Kleine vor ein paar Tagen im Arm halten durfte. Und wie traurig, wenn sie daran dachte, wie weit sie selber von diesem Glück entfernt war.

Diese Trauer verfolgte sie nun schon seit einiger Zeit. Eigentlich konnte sie gar nicht sagen, wann es begonnen hat. Am Anfang war diese Unlust, am Morgen aufzustehen, ein diffuses Gefühl von Sinnlosigkeit, begleitet von einer lähmenden Erschöpfung. Mühsam musste sie sich zum Proben überwinden. Die Konzerte wurden zur Qual. Sie begann das Publikum zu hassen. Und irgendwann begannen ihre Hände zu zittern. Immer öfter musste sie zu Tabletten greifen, und die wachsende Zahl leerer Flaschen in ihrer Küche begann nicht nur sie zu beunruhigen. Doch das Wundersame dabei war, dass sie immer besser zu werden schien.

Hannah hatte Tränen in den Augen und ihre Hände zitterten, als sie die Balkontür schloss und die Gardine zuzog. In zwei Stunden musste sie bereit sein. Hastig kramte sie die Tabletten aus ihrer Handtasche. Dann setzte sie sich an den Flügel und begann zu spielen. Chopin, das Prélude, mit dem sie das Konzert eröffnen würde. Mein Gott, wie sehr hasste sie dieses Stück. Wie viel tausend Mal hatte sie es bereits gespielt, damals schon als kleines Mädchen im Café ihrer Oma. Doch die Leute wollte es hören, von ihr, immer und immer wieder. Erschöpft brach sie mitten im Stück ab. Kraftlos liess sie ihre Arme hängen und die Tränen liefen ihr über die Wangen.

Minutenlang sass sie einfach nur da und starrte ins Leere. Dann hoben sich langsam ihre Arme und mit konzentrierter Entschlossenheit suchten ihre Finger ihren Platz über den Tasten. Und als sie sich sanft zu bewegen begannen, schien sich Hannas ganze Trauer in Musik zu verwandeln. Eine einfache Melodie von unglaublicher Melancholie und Schönheit erfüllte den Raum. Mit geschlossenen Augen sass Hannah da, während ihre Finger langsam über die Tasten glitten.

Dann schien die Melodie für einen Moment innehalten zu wollen. Doch ganz allmählich kamen die Hände wieder in Fahrt, erst nur zögerlich, dann immer schneller und immer lauter. Und plötzlich schien die Musik jeden Boden zu verlieren. Hannahs Hände begannen über die Tasten zu rasen, wie wenn sich die ganze aufgestaute Wut und Verzweiflung in ihr entfesselt hätten. Ihre Haare wehten wild durch die Luft und ihr ganzer Körper bebte, als die wuchtige Kraft ihrer Arme dem musikalischen Wahnsinn Gestalt verlieh.

Doch so schnell der Sturm entbrannte, so schnell beruhigte er sich wieder. Langsam fand die Musik zurück zur ursprünglichen Ruhe und Harmonie, und da war sie wieder, diese einfache Melodie, in ihrer ergreifenden Melancholie. Und bei der letzten Note angekommen, liess Hannah den Finger auf der Taste, bis der tiefe Ton im Raum verklungen war.

Erfüllt von einem seltenen Glücksgefühl erhob sich Hannah, um sich für das Konzert umzuziehen. Doch als sie sich umdrehte, stand da plötzlich ein Dame vor ihr, mitten im Zimmer, in einem langen, dunklen Abendkleid, mit eleganten, schwarzen Handschuhen und einem langen Wollmantel über den Schultern. Die Dame mochte um die fünfzig sein. Sie schaute Hannah ruhig an und machte nicht den geringsten Versuch zu verbergen, dass sie geweint hatte. Dann trat sie auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Danke!“ war das einzige, was sie sagte. Dann glitt ihre Hand in die Handtasche und holte eine Visitenkarte hervor. Fassungslos starrte Hannah auf das Logo des renommierten Plattenverlegers. Und als sie den Blick wieder hob, sah sie gerade noch die wehenden Ärmel des Mantels, als die Dame das Hotelzimmer verliess.

……

An diesem Abend spielte Hannah statt der üblichen vier Zugaben nur eine: Das Andantino aus Schuberts Sonate in A-Dur. Minutenlang wagte niemand zu klatschen, als der letzte Ton verklungen war. Erst als sich Hannah erhob, brachen alle Dämme.

Es war Hannas letztes Konzert für zwei Jahre. Ihre neue Agentin liess ihr die Zeit, die sie brauchte. Als sie zurückkam, spielte sie in der Schweiz, in einer kleinen Kapelle in den Walliser Alpen: Schubert und Brahms. Es sollte nicht das letzte Mal sein…

Quality Time

Es war kurz nach 18 Uhr, als Carsten hinter der Gardine in seinem Büro zuschaute, wie seine Sekretärin sechs Etagen unter ihm im strömenden Regen über den Hof zu ihrem Wagen ging. Unter dem Schirm konnte er nur ihre eleganten Lederstiefel und den langen schwarzen Daunenmantel erkennen, den sie sich um die Schultern gelegt hatte. Nachdem sie sich den Mantel abgenommen und auf den Beifahrersitz geworfen hatte, verschwand sie hinter dem Steuer ihres Wagens und man konnte nur noch sehen, wie der Schirm ausgeschüttelt wurde, bevor auch dieser verschwand und die Wagentür zugezogen wurde. Sekunden später begannen die Scheibenwischer zu arbeiten, aber mehr als die behandschuhten Hände am Lenkrad war nicht zu erkennen, als der Wagen das Firmengelände verliess. Das war aber auch nicht nötig.

Business wireBild von business wire

Unwillkürlich zog Carsten seine Hand aus der Unterhose, als hinter ihm auf dem Schreibtisch das Telefon läutete. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass sie heute Abend Probe vom Kirchenchor habe und er die Kinder ins Bett bringen müsse. Und er erinnerte sie daran, dass er morgen eine wichtige Vorstandssitzung habe, dass es um viel gehe und dass er noch zwei Stunden brauche, um sich vorzubereiten. Sie einigten sich auf 20 Uhr, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie verärgert war.

Carsten schloss für einen Moment die Augen, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie so war. Natürlich hatte sie recht. Er war ein schlechter Ehemann und Vater. Er kriegte es einfach nicht auf die Ränge. Es war einfach alles etwas zu viel, dieser dauernde Stress, der ständige Druck, die Erwartungen und die dauernde Angst nicht zu genügen. Er konnte sie förmlich sehen, seine jungen Kollegen, die wie Hyänen um den Sitzungstisch sassen und nur darauf warteten, dass ihm ein verhängnisvoller Lapsus unterlief.

Als er schliesslich die Augen öffnete, sah er vor sich auf dem Bildschirm die zwei roten Punkte mit der weissen Zahl in der Mitte: 36 ungelesene Mails und 11 unerledigte Aufgaben, 5 davon betrafen die Sitzung von morgen. Natürlich wusste er, dass es höchste Zeit war, sich an die Arbeit zu machen. Und doch brachte er es nicht fertig. Nein, nicht jetzt! Jetzt brauchte er erst einmal einen Moment für sich allein.

Wie von Geisterhand geführt glitt der Cursor an den beiden roten Punkten vorbei zum privaten Ordner mit den Bildern, die er vor zwei Stunden aus dem Netz heruntergeladen hatte, während seine Sekretärin im Raum nebenan die Daten für die morgige Präsentation zusammenstellte. Die Bilder hatten alle etwas gemeinsam. Sie zeigten elegante und selbstbewusste Frauen, die in allen wesentlichen Punkten der Frau glichen, ohne die er seinen Posten hier wohl schon längst verloren hätte.

Und diese Bilder schafften, was sonst schon lange niemand mehr schaffte. Sie halfen Carsten, loszulassen und zu vergessen, den Druck, die Angst, den nicht enden wollenden Berg von Arbeit und – was in diesem Moment vor allem zählte – die Sitzung von morgen. Plötzlich gab es nur noch diese Frauen, Ausdruck einer Sehnsucht, die weit über den Horizont des Alltäglichen hinausdrängte. Eine Sehnsucht, für die auch eine noch so attraktive Sekretärin nicht mehr als ein willkommener Auslöser war. Und plötzlich schien Carsten hellwach. Plötzlich war das Gefühl der Erschöpfung einer kreativen Erregung gewichen. Und nachdem er aufgestanden war, um die Vorhänge zu ziehen, holte er sich einen Drink aus dem Schrank und machte es sich in seinem Sessel bequem.

Es war schon weit nach 19 Uhr, als die Aktivität auf dem Bildschirm immer öfter ins Stocken kam, weil die rechte Hand nun vermehrt unter der Tischplatte beschäftigt war. Immer wieder musste Carsten kurz innehalten und durchatmen, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Und als er sie schliesslich doch verlor, war es bereits zehn vor acht. Nur das rhythmische Knarren seines Ledersessels war zu hören, als sich seine aufgestaute Lust in die Unterhose entlud.

Dann war es für einen Moment völlig still. Und als ein leises Klingen die Ankunft einer neuen Mail ankündigte, war auf einen Schlag alles wieder da: die unerledigte Arbeit, die Sitzung von morgen, der Druck und die Angst. Und über all dem eine schwindelerregende Erschöpfung. Wie gelähmt hing Carsten in seinem Sessel und starrte auf das Bild seiner beiden Kinder, die ihm von seinem Schreibtisch entgegenlächelten. Sie waren so stolz auf ihren Papa. Und er war so stolz auf sie. Und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie stolz er eigentlich auf ihre Mutter war und wie sehr er sie alle liebte. Mein Gott, was machte er hier? Was war nur mit ihm los?

Er hatte es seinem leeren Magen zu verdanken, dass er sich nicht übergeben musste, als er schliesslich im Bad vor dem Spiegel stand. Nachdenklich betrachtete er das Gesicht, das er so gut kannte und das ihm in diesen Momenten doch immer wieder so fremd vorkam. War das wirklich derselbe Mann, der morgen dem Vorstand die neue Strategie präsentieren würde? Angewidert öffnete er seine Hose, um wenigstens die gröbsten Spuren seines Aussetzers zu entfernen.

Dann rief er seine Frau an. Sie klang verständnisvoll. Die Kinder seien bei der Nachbarin. Und das Essen für ihn stehe im Kühlschrank. Und ja, sie liebe ihn auch. Ihre Stimme tat ihm gut und als er in seinen Mantel schlüpfte und das Licht löschte, war die Zuversicht zurückgekehrt. Er würde morgen eine Stunde früher ins Büro kommen. Irgendwie würde er es schon wieder schaffen. Er hatte es bisher noch immer geschafft, irgendwie.