Schatten der Vergangenheit (VI)

Eigentlich hasste sie Pferde. Und dies nicht erst seit ein schwerer Reitunfall vor zwei Jahren ihrer vielversprechenden Karriere als Vielseitigkeitsreiterin ein jähes Ende bereitet hatte. Sie verabscheute den Geruch. Sie ekelte sich vor dem Schweiss. Aber am meisten hasste sie den hochmütigen Stolz dieser Tiere. Doch genau dieser Hass sollte sie schon als junges Mädchen zu einer der besten Reiterinnen und Pferdekennerinnen machen. Denn seit ihre Tante sie damals zum ersten Mal auf den Rücken eines Pferdes gehoben hatte, war Patricia fasziniert von der Macht, die sie über diese Tiere bekam. Ein leichtes Ziehen am Zügel, ein leichter Druck der Schenkel, und der ganze Stolz war unter ihrer Kontrolle. Intuitiv hatte sie gelernt, Pferde zu lesen, zu manipulieren und bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu führen. Und kein Gefühl war elektrisierender für sie als die wuchtige Eruption von einer halben Tonne geballter Pferdestärke zwischen ihren Beinen.

SchdVerg VI
Bild von Scottish Classic Knitwear

Erschöpft glitt Patricia von dem nackten Körper herunter, der nach Atem ringend auf ihrem Bett lag. Ausdruckslos starrte sie an die Decke, wo die aufgehende Sonne das Muster der Gardine spielen liess. Draussen in der Koppel wieherten die Pferde, während die kühle Morgenluft ein leises Frösteln über ihre feuchte Haut jagte. Sein Schweiss auf ihrem Körper widerte sie an. Und sie hasste seinen Geruch. Auch sein teures Parfüm konnte daran nichts ändern. „Hau ab!“, hörte sie sich mehr hauchen als sagen, indem sie müde die Augen schloss. Und als sich neben ihr nichts regte, wurde ihre Stimme plötzlich eisig klar: „Hau ab, hörst du, verschwinde!“

Er versuchte noch etwas zu sagen, doch der Anblick ihres nackten Rückens liess ihn verstummen. Eine leise Anspannung bemächtigte sich ihres Körpers, während sie lauschte, wie er hinter ihr seine Kleider zusammensuchte und sich anzog. Mit Befriedigung registrierte sie sein ängstliches Bemühen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Sie konnte seinen Blick spüren, als er schliesslich an der Tür noch einen Moment innehielt. Dann endlich vernahm sie das Geräusch ihrer Zimmertür und das Knarren der Treppe. Doch erst, als unter ihr die Haustür ins Schloss fiel, begann sie sich langsam zu entspannen.

Ihre langen, blonden Haare klebten strähnig über ihren nackten Schultern und Brüsten, als sie aus dem Bett stieg und hinter der Gardine ans Fenster trat. Sein Wagen stand immer noch im Hof. Er lehnte mit dem Rücke zu ihr an der Fahrertür und rauchte eine Zigarette. Seine grauen Haare wirkten fast weiss in der morgendlichen Sonne. Er hätte ihr Vater sein können, aber er war definitiv in beachtlicher Form für sein Alter. Wusste seine Frau, dass er hier war? Sie war nicht dumm. Aber sie war sicher auch klug genug, um zu wissen, was sie zu verlieren hatte. Der renommierte Mediziner war wirklich eine ausserordentliche Persönlichkeit. Er hätte es doch tatsächlich fast geschafft, Patricia…

Unwillkürlich trat sie einen Schritt vom Fenster zurück, als er seine Zigarette wegschnippte und sich zu ihr umdrehte. Einen Moment lang glaubte sie auf seinem Gesicht einen traurig fragenden Zug zu erkennen. Doch schon strafften sich seine breiten Schultern, während er die Tür des Wagens öffnete. Und als der Stallmeister mit seinem Motorrad in den Hof einbog, hatte sein Gesicht auch wieder diesen hochmütig stolzen Ausdruck, der Patricia so in seinen Bann gezogen hatte, als sie ihn beim gestrigen Golftournier im Club kennengelernt hatte. Doch als er nun den Motor aufheulen liess und eine graue Staubwolke im Hof zurückliess, kam er ihr einfach nur unendlich lächerlich vor. Er mochte ein teureres Parfüm haben, aber er roch genauso widerlich wie der Stallmeister.

Eine halbe Stunde stand sie schon unter der heissen Dusche, als sie sich zum dritten Mal einseifte. Patricia seifte sich immer dreimal ein, von Kopf bis Fuss. Soweit sie sich erinnern konnte, war das immer so. An ein Davor konnte sie sich nicht erinnern. Und die Frage warum hatte sie sich nie gestattet. Sie genoss das heisse Wasser auf ihrer Haut. Es beruhigte sie und brachte das Gefühl zurück in ihren Körper. Doch an diesem Morgen wollte es nicht klappen mit der Ruhe. Zu gross war die Angst vor dem, was sie draussen erwarten würde. Seit zwei Tagen liess sie diese Angst nicht mehr los. Um sich von ihr abzulenken, hatte sie sich diesen Kerl ins Bett geholt. Dabei hätte sie es wissen müssen: Sobald sie Angst hat, hat das Pferd gewonnen.

Was wollte sie von ihr, so plötzlich, nach all den Jahren? Nervös betrachtete sie sich im Spiegel, während sie unwillig die Knoten aus ihren Haaren bürstete. Sie brauchte nicht viel, um sich das Gesicht ihrer Schwester vorzustellen. Ausser ihrer Mutter hatte niemand sie wirklich auseinanderhalten können. Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehene? Wie lange waren sie sich aus dem Weg gegangen? 10, 15 Jahre? Ihre Schwester war damals von einem Tag auf den anderen verschwunden, nachdem sie Patricia am frühen Morgen aus dem Zimmer ihres Onkels hatte schleichen sehen. Sie waren noch keine 18 gewesen. Offenbar war sie damals zu Bekannten nach London geflohen, wo sie schliesslich auch ein Studium begonnen hatte.

Mein Gott, wie sehr hatte sie sie dafür gehasst? Wie konnte sie ihr das antun? Wie konnte sie sie einfach so verlassen? Sie hatten doch nur noch einander, nachdem ihre Mutter sich im Wald erschossen hatte. Die Tante, bei der sie aufgewachsen waren, hatte sie nie geliebt. Und der Onkel, dieser fromme Pastor, hatte in seinem Hochmut und Stolz keine Gelegenheit ausgelassen, den Mädchen und der ganzen Welt zu verstehen zu geben, wie sehr sie ihr Dasein seiner Wohltätigkeit und Fürsorge verdankten. Patricia hatte ihn gehasst. Und sie hasste sich selber für das, was sie getan hatte. Wie sollte sie nur ihrer Schwester gegenübertreten? „Scheisse, ich hasse dich!“

Es war gut, dass sie nach dem überraschenden Anruf ihrer Schwester in einem spontanen Impuls die Rasierklingen weggeworfen hatte. Sie hatte geahnt, dass der emotionale Stress sie überfordern würde. Und geritzte Unterarme waren das letzte, was sie ihrer Schwester hätte erklären wollen. Doch der Druck war da und das Wasserglas klapperte bedrohlich gegen ihre Zähne, als sie neben ihrer Beruhigungstablette noch eine Schmerztablette herunterspülte. Denn als ob die quälende Angst nicht gereicht hätte, begann sich plötzlich auch ihr angebrochener Halswirbel wieder zu melden. Nur gut, dass sie zu dieser Zeit noch nichts im Magen hatte.

Ihre Schultern bebten unter dem weichen Morgenmantel, als sie schluchzend auf dem Sofa lag und mit dem alten Plüschbären ihrer Schwester im Arm darauf wartete, dass die Medikamente ihre Wirkung entfalteten. Das abgenutzte Kuscheltier war die ganzen Jahre über ihr einziger treuer Begleiter gewesen. Natürlich hatte sie früher selber auch einen identischen Bären besessen. Aber der war schon vor Jahren ihrer Verzweiflung zum Opfer gefallen.

Sie musste eingeschlafen sein, denn als sie von der einfallenden Sonne im Gesicht geweckt wurde, war es kurz nach zehn Uhr. Um elf war sie mit ihrer Schwester verabredet im Strandhaus des Reitclubs. Ihre Kopfschmerzen waren einer dumpfen Taubheit gewichen. Nachdenklich musterte sie die leblosen Glasaugen des Plüschbären. Sie mochte diese Augen. Es waren die einzigen, von denen sie sich nie verachtet fühlte. Unwillkürlich musste sie schmunzeln, als sie den treuen Freund noch einmal an sich drückte und seine tränenfeuchte Schnauze an ihrer Wange spürte.

Ihre Hände zitterten kaum mehr, als sie schliesslich die schwarzen Strümpfe über ihre Beine zog. Sie wollte zuerst einen Rock anziehen, hatte sich dann aber doch für die Reithose und ihre eleganten, schwarzen Lederstiefel entschieden. Heute brauchte sie ein vertrautes Fundament. Doch als sie im Begriff war, zu ihrem weissen Rollkragenpullover den Blazer mit dem Clubwappen aus dem Schrank zu holen, hielt sie plötzlich inne. Und nach kurzem Zögern kniete sie nieder und begann, am Grund des Kleiderschrankes in einer Schachtel alter Kleider zu graben. Sie brauchte nicht lange, um zu finden, was sie suchte, auch wenn sie das gute Stück schon seit Jahren nicht mehr in der Hand hatte.

Nachdenklich betrachtete sie den grauen Kaschmir-Cardigan, der sich zwischen ihren Händen entfaltete. Er hatte ihrer Mutter gehört. Patricia hatte ihn sich nach der Beerdigung heimlich angeeignet. Eigentlich hatte sie ja damals nach etwas anderem gesucht. Aber die exquisite, weisse Kaschmir-Strickjacke, die Lieblingsjacke ihrer Mutter, die sie noch getragen hatte an dem Nachmittag, an dem sie ihre Mädchen zum letzten Mal zum Mittagsschlaf gebettet hatte, diese Jacke war verschwunden. Patricia hatte verzweifelt das ganze Zimmer durchsucht. Aber keine Spur von dem einzigen Andenken an ihre Mutter, das sie wirklich hätte haben wollen. Sie war sich sicher gewesen, dass ihre Mutter nie in dieser Jacke in den Wald gegangen wäre. Aber natürlich hatte sie nicht gewagt, irgendjemanden danach zu fragen. Und so hatte sie schliesslich enttäuscht diesen grauen Cardigan mitgenommen. Zahlreiche Tränen hatte sie insgeheim damit getrocknet. Doch als sie gross genug war, um die Jacke auch zu tragen, hatte sie es nicht über sich gebracht. Zuerst hatte sie Angst, ihre Schwester könnte sie sehen. Und nachdem diese aus ihrem Leben verschwunden war, hatte sie alles vermieden, was sie an ihre Vergangenheit erinnerte.

Und nun war plötzlich alles wieder aufgetaucht: Die verlorene Schwester und mit ihr auch die Vergangenheit. Das Ganze machte ihr Angst, und doch, wenn sie ehrlich war… Nachdenklich betrachtete sich Patricia im Spiegel. War das wirklich sie, die da vor ihr stand und sich plötzlich in einer schwungvollen Bewegung den Cardigan um die Schultern drapierte? Der Anblick erschreckte sie. Einen Moment lang glaubte sie, ihre Mutter vor sich zu sehen. Als grosse Bewunderin von Grace Kelly hatte es diese geliebt, ihre Jacken elegant um die Schultern gelegt zu tragen, und Patricias Frisur mit dem Pferdeschwanz war von vorne kaum vom strengen Haarknoten ihrer Mutter zu unterscheiden. Im ersten Moment war Patricia versucht, sich die Jacke von den Schultern zu reissen. Doch schliesslich schlüpfte sie kurz entschlossen in die Ärmel und knöpfte die Jacke zu. Der Moment war gekommen, sich der Vergangenheit zu stellen.

********

Der Schock sass tief. Aus diskreter Distanz schaute er zu, wie die junge Frau draussen auf der Terrasse mit brennender Wange die weisse Kaschmir-Strickjacke aufhob, die ihr von den Schultern geglitten war. Die Ohrfeige hatte sie ebenso unvermittelt wie heftig getroffen. Langsam richtete sie sich auf, schüttelte den Staub aus der Jacke und hielt sie ihrer Schwester hin. Doch diese hatte sich abgewandt und starrte mit verschränkten Armen hinaus aufs Meer. Ihre Lippen bebten und Tränen liefen über ihre Wangen.

Seit über dreissig Jahren bewirtete er hier die Gäste, doch Szenen wie diese gehörten nicht zum Alltag im renommierten Clubhaus am Meer. Schon gar nicht, seit er im Ruhestand war und nur noch morgens arbeitete. Doch an diesem Morgen folgte ein Schock dem anderen. Es begann damit, dass plötzlich ein Phantom vor ihm stand: Ihre Haltung, ihr Gesicht, die blonden Haare, die im Nacken in einen strengen Knoten gebunden waren, und die exquisite Strickjacke, die sie elegant um ihre aufrechten Schultern drapiert trug. Alles war genau so wie am Morgen des Tages vor fünfundzwanzig Jahren, an dem sie sich ohne Vorwarnung das Leben genommen hatte. Nur der traurige Ausdruck in den müden Augen war verschwunden. Doch kaum hatte er begriffen, dass hier nicht ein Phantom sondern dessen Tochter vor ihm stand, folgte der zweite Schock. So lange schon hatte er Patricia nur noch alleine gesehen, dass er fast vergessen hatte, dass es da irgendwo noch eine Zwillingsschwester gab.

Mein Gott, wie ähnlich Elisabeth ihrer Mutter war, dachte er sich, als er von der Terrasse aus die beiden Frauen unten am Strand beobachtete. Lissy stand draussen im Wasser und liess die Wellen um ihre Waden spielen. In der einen Hand trug sie ihre Schuhe, die andere hielt die Strickjacke um ihre Schultern fest. Ihre Schwester war in einiger Entfernung am Strand stehen geblieben, die Hände in den Taschen ihrer grauen Jacke vergraben. Als ob sie sich von ihre Mutter abgrenzen wollte, hatte Patricia ihre Haare stets offen oder in einem Pferdeschwanz getragen. Und er konnte sich nicht erinnern, sie je zuvor in einer Strickjacke gesehen zu haben. Jedenfalls sicher nicht in dieser. Das wäre ihm aufgefallen.

Als er etwas später wieder auf die Terrasse trat, schlenderten die Schwestern am Strand entlang in Richtung des Fischerhafens. Elisabeth watete immer noch im Wasser, während ihre Schwester den Pfützen und dem angeschwemmten Seetang auswich, die die Ebbe im grauen Sand zurückgelassen hatte. Die beiden schienen zu streiten. Jedenfalls sah er Patricia immer wieder leidenschaftlich gestikulieren.

Eine Viertelstunde später waren die beiden Frauen verschwunden. Der Strand schien verlassen bis auf einen dunklen Schatten, der vom Wind in Richtung der Dünen geweht wurde, wo bereits ein anderer schwarzer Nylonstrumpf in den Ästen eines Strauches flatterte. Und als er den Weg des Strumpfes zurückverfolgte, sah er auch die schwarzen Stiefel, die nahe am Ufer im Sand lagen.

Er wollte sich schon umdrehen und hineingehen, als er glaubte, weit draussen auf der Hafenmole eine einzelne Gestalt zu sehen. Vage meinte er, helle Haare zu erkennen, die im Wind wehten. Oder waren es die Ärmel einer Strickjacke?

 

 

 

 

 

Advertisements

Schatten der Vergangenheit (IV)

Die lange Strickjacke war bis unter seinen Hals fest zugeknöpft. Er hatte heiss und bekam keine Luft. Aber er konnte seine Arme nicht bewegen. Lose baumelten die Ärmel der Jacke von seinen Schultern, während sich eine behandschuhte Hand auf seinen Mund presste. Direkt vor ihm waren ein paar Augen, die ihn durch den Schlitz einer schwarzen Motorradhaube anstarrten. Und plötzlich waren es die Augen seiner Mutter. Zwischen ihren Zähnen hielt sie ein Messer, während er spürte, wie man sich an den untersten Knöpfen der Strickjacke zu schaffen machte…

001
Bild von Scottish Classic Knitwear

Sein eigener Aufschrei weckte ihn aus dem Mittagsschlaf. Durch das offene Fenster drang der frühlingshafte Gesang der Vögel, während die Standuhr im Treppenhaus zwei Uhr schlug. Das Herz pochte heftig unter seinem schweissnassen Hemd, als sich Richard vorsichtig aus dem Bett wälzte. Keine zwei Monate war es her, dass er sich bei dieser Gelegenheit einen Hexenschuss eingefangen hatte. Schon damals war er aus einem ähnlichen Traum hochgeschossen. Mein Gott, wie hatte sich sein Leben verändert seit jenem Tag!

Vor einem Monat hatte sich seine Frau in der Klinik das Leben genommen. Und vor drei Wochen, einen Tag nach der Beerdigung, hatte ihre junge Assistentin die Sachen gepackt und war ausgezogen. Seither lebte Richard alleine in dem grossen Haus. Nur die Haushälterin und der Gärtner leisteten ihm tagsüber Gesellschaft. Angst hatte er keine während der einsamen Nächte. Gegen dieses Gefühl schien er seit Jahren immun zu sein. Wenn da nur nicht dieser Traum gewesen wäre. Seit ein paar Tagen schon hatte er wieder seine Pistole unter dem Kopfkissen.

Nachdem er kurz das Magazin der Waffe kontrolliert hatte, legte er sie zurück in die Nachttischschublade und machte sich daran, das feuchte Hemd zu wechseln. Im Schrank stiess er dabei auf die dicke Wollstrickjacke, die ihm seine Frau zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hatte sie nur einmal kurz getragen, ihr zuliebe. Seither lag sie zusammengelegt hinter den frischen Hemden. Wie hätte sie auch wissen sollen… Er hatte nie mit ihr darüber gesprochen.

Einem spontanen Impuls folgend nahm er die Strickjacke hervor und entfaltete sie zwischen seinen Händen. Seine Frau hatte Geschmack, das musste man ihr lassen. Und sie hatte einen ausgesprochenen Sinn für Qualität. Nach kurzem Zögern überwand Richard schliesslich seinen Widerstand und schlüpfte in die zugeknöpfte Jacke. Instinktiv verspannte sich sein Körper, doch die Wolle fühlte sich wunderbar an und der weite Schalkragen sorgte dafür, dass er sich um den Hals nicht eingeengt fühlte. Eine leise Erregung bemächtigte sich seiner, als er sich unter dem Hemdkragen auch noch ein Seidentuch um den Hals band.

„Du siehst fantastisch aus!“, hörte er in seinem Kopf eine Stimme sagen, als er sich im Spiegel betrachtete. Ja, verdammt, sie fehlte ihm, diese Stimme. Nicht dass sie ihm tatsächlich je so etwas Ähnliches gesagt hätte. Nein, dazu war sie viel zu diskret und professionell gewesen. Ein bitterer Schmerz durchfuhr Richard, als er daran denken musste, was die junge Frau ihm erzählt hatte. Sie hatte beim Leeren des Papierkorbes im Arbeitszimmer seiner Frau nicht nur sein Bild und seine Blumen sondern auch den Ohrring gefunden, den sie verloren hatte, als sie ihm beim Hexenschuss zu Hilfe kam. Mein Gott, sollte sie recht gehabt haben? Sollte seine Frau wirklich geglaubt haben, dass er mit ihr im Bett war? War das der Grund für ihren Zusammenbruch? War er am Ende schuld an ihrem Tod? Natürlich war da nie etwas gewesen zwischen ihm und der jungen Assistentin. Doch war das wirklich wahr? Machte er sich da nichts vor? Wie viele Male hatte er die junge Frau vor seinem inneren Auge ausgezogen. Und wessen Augen und Lippen hatte er vor sich gesehen, wenn er sich alleine in seinem Zimmer…?

Aber nein, verdammt, wegen eines Ehebruchs bringt man sich nicht um! Das hatte ihm auch die junge Assistentin versichert, nachdem sie seine erschrockene Reaktion bemerkt hatte. Sie wusste offenbar mehr über seine Frau als er selber. Aber sie hatte ihm nichts weiter erzählt. Er hatte sich hundert Mal gefragt, was sie erfahren haben könnte. Denn eines war ihm klar: Sie konnte unmöglich wissen, was er am Tag der Beerdigung erfahren hatte.

Damals war ihm beim Leichenmahl eine Dame aufgefallen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie trug ein langes schwarzes Strickkleid über eleganten Lederstiefeln, und hatte sich eine schwarze Kaschmir-Stola um die Schultern geschlungen. Richard hatte seinen Augen nicht getraut, als sie sich ihm schliesslich als seine Schwägerin vorgestellt hatte. Seine Frau hatte nie von ihrer Schwester gesprochen. Er wusste nur, dass sie eine hatte, dass diese schon früh allerhand Probleme mit Drogen und Essstörungen hatte und dass die Schwestern schon seit Jahren keinen Kontakt mehr miteinander pflegten.

„Sie haben sich ihre Schwägerin ganz anders vorgestellt, nicht wahr?“, sagte die Dame mit warmer Stimme, als sie sich etwas abseits der Leute auf das Sofa setzten. Um ehrlich zu sein, hatte Richard sie sich gar nicht vorgestellt. Er wusste nicht einmal, dass sie noch lebte. Doch sie hatte überlebt. Und wie! Die Dame machte keinen Versuch, ihre Tränen zu verbergen, als sie begann, ihm von ihrer Jugend zu erzählen: Von ihrer völlig überforderten Mutter, die abends in Bars arbeiten musste, um die Familie durchzubringen. Von ihrem Vater, der nach einem Grubenunglück invalid geworden war. Von seinen Depressionen, seinen Gewaltausbrüchen und von all den Jahren, während denen er sich von seinen Mädchen das holte, was ihm seine Frau nicht geben wollte. Ihre ältere Schwester hätte alles getan, um den Horror zu verleugnen. Sie war die perfekte Fassade der Familie gegen aussen: Intelligent, angepasst, fleissig und erfolgreich. Ja, sie habe sie gehasst dafür. Doch heute täte sie ihr leid. Sie selber wäre damals durch die Hölle gegangen. Aber eines Tages habe sie Menschen getroffen, die ihr geholfen hätten. Es sei ein langer Therapie- und Heilungsweg gewesen. Aber schliesslich habe sie selber Sozialarbeit studieren können. Und heute kümmere sie sich um Kinder aus problematischen Familien. „Ich weiss nicht, was meine Schwester letztlich in den Tod getrieben hat. Aber ich hatte immer geahnt, dass die verdrängte Finsternis sie eines Tages einholen würde.“

Beim Zuhören war Richard bewusst geworden, dass er seine Frau nie hatte weinen sehen. Er konnte sich nicht erinnern, dass sie je die Fassung verloren hätte. Sie war für ihn der Inbegriff von Stärke und Souveränität. Und das war wohl auch der Grund, warum er sie geheiratet hatte: Das, ihre gesicherte gesellschaftliche Existenz als renommierte Professorin, und ihre lange Kaschmirjacke, die sie so geliebt hatte und die sie stets bis zum Hals zugeknöpft zu tragen pflegte.

Richards Mutter hatte damals eine ähnliche Jacke besessen. Er war als Junge oft nachts alleine zuhause, wenn seine Mutter im Krankenhaus Dienst hatte. Er hatte immer schreckliche Angst, wagte es ihr aber nicht zu sagen. Dafür hatte er sich jeweils ihre Strickjacke aus dem Schrank geholt. Eingehüllt in die weiche Wolle fühlte er sich wenigstens etwas sicherer und geborgen.

Eines Nachts, kurz nach seinem achten Geburtstag, war er dabei auf dem breiten Bett seiner Eltern eingeschlafen. Plötzlich wurde er vom grellen Licht einer Taschenlampe aus dem Schlaf gerissen. Der feine Geruch von Leder drang ihm in die Nase, als eine Hand ihn am Schreien hinderte. Und über der Lichtquelle tauchten plötzlich zwei Augen auf, die ihn aus dem Schlitz einer Motorradhaube hervor anschauten. „Kümmere dich um den Bengel!“ hörte er eine männliche Stimme aus dem Dunkeln, „wir warten auf die Alte.“

Die Frau hatte den völlig verängstigten Jungen mit Klebeband verschnürt und ihn dann in die Strickjacke seiner Mutter eingepackt, die sie ihm bis zum Hals zuknöpfte. Mit einem Stück Klebeband über dem Mund geknebelt musste er wenig später hilflos zusehen, wie seine Mutter bei der Rückkehr von der Arbeit überwältigt und brutal an einen Stuhl gefesselt wurde. Richard hatte damals nicht verstanden, was diese Leute von ihnen wollten. Er begriff nur, dass es um Nordirland ging, und um seinen Vater, der sich zurzeit dort aufgehalten hatte. Seine Mutter hatte beharrlich geschwiegen, auch dann noch, als man ihr einen Plastikbeutel über den Kopf stülpte. Nie wird er das bedrohliche Knarren des Holzstuhles vergessen, als sich ihr Körper verzweifelt gegen die Fesseln stemmte. Aber auch nach dem dritten Anlauf wollte sie noch immer nicht sprechen. Dann hatte die maskierte Frau plötzlich ein Messer in der Hand. Gelähmt vor Angst hatte Richard zugeschaut, wie sie langsam die untersten Knöpfe seiner Strickjacke öffnete. Blankes Entsetzen sprach aus den erschöpften Augen seiner Mutter, als die Klinge des Messers schliesslich unter seine Unterhose glitt. „Nein, bitte, nicht den Jungen! Ich werde euch…“, hatte er sie noch schreien gehört, bevor seine Erinnerung abriss.

Eine Woche später war seine Mutter gemeinsam mit seinem Vater mit militärischen Ehren beerdigt worden. Richard war unter Schock und hatte lange nicht erfahren, was damals geschehen war. Sein Grossvater hatte ihm nur erzählt, dass sein Vater bei einem Einsatz in Nordirland ums Leben gekommen war. Erst als er selber zehn Jahre später in die Britische Army eingetreten war und sich nach der Grundausbildung um die Aufnahme in die 14. Aufklärungskompanie bewarb, hatte er erfahren, dass sein Vater auch schon Mitglied von „The Det“ war. Irgendwie musste die IRA damals hinter dessen Identität gekommen sein. Einen Tag nach dem Tod seiner Frau war er in Belfast von einem Kommando auf offener Strasse erschossen worden. Richard war schon über dreissig und seit mehreren Jahren in Nordirland im Einsatz, als ihm sein leitender Offizier endlich die geheime Akte aus den Siebzigerjahren gezeigt hatte. Offenbar war seine Mutter damals geknebelt und mit einer Schlinge um den Hals gefesselt auf dem Bett zurückgelassen worden. Bei ihrem verzweifelten Versuch, den Jungen und sich zu befreien, musste sie sich vor Erschöpfung irgendwann selber erdrosselt haben.

Richard war innerlich zerbrochen, als er die Wahrheit erfuhr. Quälende Schuldgefühle begannen ihn Tag und Nacht zu begleiten, und er konnte nicht begreifen, wieso er sich an nichts mehr erinnern konnte. Gleichzeitig war er besessen vom Bedürfnis nach Rache und er hatte alle Mühe, seine psychische Verfassung vor seinen Vorgesetzten zu verbergen. Nie hätten sie ihm unter diesen Umständen erlaubt, noch länger in seiner Undercover-Mission zu bleiben. Und dies mit Recht. Denn eines Nachts hatte Richard geglaubt, in einem Pub die Augen von damals wiederzuerkennen. Und er war überzeugt, dass auch sie ihn erkannt hatte. Er ging ihr nach auf die Toiletten, und als sie sich im Gang plötzlich umdrehte und ihre Hand aus der Handtasche zog, hatte er sofort geschossen. Es war eine Primarlehrerin und sie hatte einen Pfefferspray in der Hand, weil sie glaubte, er wolle sie belästigen.

Richard war damals in eine tiefe Depression gefallen und musste den Dienst quittieren. Es waren schwierige Jahre gewesen, aber langsam hatte er sich gefangen. Er bezog eine Rente und hatte begonnen zu schreiben. In dieser Zeit war er seiner Frau begegnet. Er wurde zum diskreten Rückhalt ihrer wissenschaftlichen Karriere und sie gab ihm das Heim und die Geborgenheit, nach der er sich so sehr sehnte. Kinder waren ihnen keine vergönnt gewesen und er war sich wohl bewusst, dass sie diesbezüglich ihr Glück auch bei anderen Männern versucht hatte. Aber er hatte sie geliebt. Und von Tag zu Tag wurde ihm mehr bewusst, wie sehr sie ihm fehlte.

Richard sah immer noch in sein eigenes Spiegelbild, als ihn der warme Klang der Standuhr aus seinen Gedanken riss. Seine Strickjacke strahlte eine angenehme Wärme aus und zum ersten Mal seit jener verhängnisvollen Nacht spürte er nicht diese beklemmende Übelkeit beim Gefühl von Wolle auf seinem Körper. Spontan musste er an die edle Kaschmir-Jacke seiner Frau denken, die ihm so an ihr gefallen hatte. Auf dem Tisch neben dem Spiegel lag immer noch der Koffer mit ihren Sachen, den man ihm aus der Klinik gebracht hatte. Er hatte ihn bisher nicht geöffnet. Enttäuscht stellte er fest, dass die Jacke fehlte. Er hätte geschworen, sie bei seinem Besuch in der Klinik gesehen zu haben. Einen Moment lang war er irritiert. Doch als er den Deckel des Koffers wieder zumachte, verspürte er eine seltsame Leichtigkeit.

Langsam öffnete er die Glastür und trat hinaus auf den Balkon. Warm schien die Frühlingssonne auf seinen Körper, während er den Vögeln lauschte, die sich zwischen den noch immer nackten Bäumen tummelten. Noch vor kurzem war der Park unter einer dicken Schneedecke begraben. Und nun sass bereits die erste Biene vor ihm auf dem Geländer. Nachdenklich schaute er ihr zu, wie sie ihre Fühler und Augen putzte, bevor sie zu neuen Taten aufbrach. Dann, einem spontanen Impuls folgend, zog er sein Telefon aus der Tasche. Er brauchte nicht lange, um die Nummer zu finden. Und während er mit gespannter Erwartung die Klingeltöne zählte, öffneten seine Finger langsam die Knöpfe seiner Strickjacke…

********

Richard spürte eine seltsame Erregung, als er seinen Wagen im Innenhof des grosszügigen Landgutes abstellte. Eine Gruppe von Jungs hatte ihr Fussballspiel unterbrochen und schaute misstrauisch zu ihm herüber, während er sich die Strickjacke elegant um die Schultern legte und an ein paar kichernden Mädchen vorbei das Hauptgebäude betrat. Der Mann an der Pforte zeigte ihm den Weg zum Büro der Heimleiterin. Sie war gerade im Begriff, einem kleinen Mädchen das aufgeschlagene Knie zu verbinden, als er an die geöffnete Tür klopfte.

„Tee oder Kaffee?“, fragte sie strahlend, nachdem das Mädchen verschwunden war und sie ihm ihre kräftige Hand hingehalten hatte. Neugierig schaute er ihr zu, als sie ihre Jacke auszog und das Teewasser aufsetzte. Sie war etwas grösser als ihre Schwester und trug ihre grauen Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr Körper in der engen Jeans und dem ärmellosen Rollkragentop war in gesunder Form und Richard hatte Mühe sich vorzustellen, wie sie als Jugendliche ausgesehen haben muss. Und als sie sich mit dem Tablett in den Händen umdrehte, sah er auf ihrem Oberarm das dornenumrankte Schwert, das sich durch einen Totenkopf bohrte.

„Es erinnert mich jeden Tag daran, woher ich komme“, sagte sie schmunzelnd, während sie ihm den Tee einschenkte. „Und es verschafft mir gehörigen Respekt bei den Jungs“. Die natürliche Heiterkeit seiner Schwägerin war betörend und unwillkürlich begann sich Richard zu entspannen. Langsam öffnete er den Knopf an der Manschette seines Hemdes und schob den Ärmel nach oben. „Wer wagt, gewinnt“. Sie schien zu wissen, was das Zeichen bedeutete. Aber der leise Spott in ihrer Stimme verriet ihm, dass sie sehr wohl wusste, dass keiner, der unter diesem Motto gedient hat, sich dieses Zeichen auf den Arm brennen lassen würde.

„Es erinnert mich an die Zeit, wo ich noch etwas tun wollte für eine bessere Welt. Dafür, dass Kinder nachts in Frieden schlafen können, “ sagte er fast entschuldigend.

„Ich bin überzeugt, den Jungs wird es gefallen! Und die Mädchen mögen dich auch so. Glaub mir, ich kenne mich da aus!“

Schatten der Vergangenheit (III)

Sie musste eingeschlafen sein, denn als das Smartphone in der Tasche ihres Daunenmantels zu vibrieren begann, war es bereits dunkel. Im Licht des Mondes, der durch die Fenster ihres Büros schien, konnte sie die halbleere Flasche sehen, die neben dem Sofa auf dem kleinen Glastisch stand. Schlaftrunken richtete sie sich unter dem warmen Mantel auf, mit dem sie sich zugedeckt hatte. Der Anrufer war beharrlich, denn es vibrierte immer noch, als ihre Hände endlich die richtige Manteltasche fanden. Das Licht des Displays blendete sie und schlagartig spürte sie wieder ihr ganzes Elend, als sie die besorgte Stimme ihres Mannes vernahm. Ja, sie sei noch in der Klinik, hörte sie sich sagen. Sie müsse noch arbeiten. Nein, sie wisse noch nicht… und „Ja, ich liebe dich auch!“

screenshot-brief-an-mein-leben
Bild: Petra Morzé im Fernsehfilm „Brief an mein Leben“ (D, 2015, Screenshot)

Mein Gott, wie hohl diese Worte plötzlich klangen! Aber hatten sie je anders geklungen? Hatte sie wirklich gemeint, was sie ihm sagte, all die Jahre? Oder hatte sie ihn die ganze Zeit belogen, so wie sie sich selber belogen hatte?

Karolinas Kopf schmerzte, als sie ihre Beine über den Rand des Sofas gleiten liess und sich langsam aufsetzte. Ihre schwarzen Stiefel, die neben dem Glastisch am Boden lagen, schimmerten matt im Mondlicht, während sie spürte, wie vom Teppich eine kalte Nässe durch ihre Strumpfhose drang. Sie hatte sich schon gewundert, wo das Glas hingekommen war. Es musste ihr aus der Hand gefallen sein, als sie eingeschlafen ist. Ihre Hände zitterten leicht, als sie nach der Wodkaflasche griff, um sich neu einzuschenken. Karolina hasste Wodka. Sie hasste den Geschmack, und sie hasste die zerstörerische Macht, die er über ihr eigenes Volk ausübte. Doch wie viele ihrer polnischen Landsleute trank sie doch immer wieder davon, gerade in den Momenten, wo sie sich selber am meisten hasste.

Der Wodka brannte in der Kehle, aber er brachte wieder etwas Leben in ihren Körper zurück. Aus der Ferne hörte sie eine Glocke neun Uhr schlagen, als sie sich erschöpft erhob und ans Fenster trat. Der Park der Klinik lag unter einer dicken Schneeschicht begraben und die Silhouette der Bäume wirkte gespenstisch im fahlen Mondlicht. Der Anblick erinnerte sie an ihre Heimat, an das Haus ihrer Eltern in der Nähe von Warschau, und an die kleine Hütte im Wald. Schnee machte sie immer traurig. Vielleicht war sie ja darum nach England gekommen, weil es hier so selten Schnee gab.

Energisch zog Karolina die Vorhänge zu, um die Bilder in ihrem Kopf zu stoppen. Was war nur los mit ihr? Sie hatte das doch alles hinter sich gelassen! In einem Zug leerte sie den Rest des Glases, während sie an ihrem Schreibtisch vorbeiging, um auch die anderen Vorhänge zu ziehen. Da sackte sie plötzlich in sich zusammen, als auf dem weichen Teppich etwas schmerzhaft in ihren Fuss stach. „Cholera jasna!“, entfuhr es ihr, als sie zwischen ihren Fingern die Keramikscherbe erkannte, die sie unter ihrer Fusssohle hervorgezogen hatte. Und plötzlich schossen die Tränen in ihre Augen. „Mein Gott, was willst du von mir?“ Hatte sie denn nicht alles getan, was sie konnte? Hatte sie nicht schon genug gebüsst?

Schluchzend liess sie sich auf den Teppich sinken. Der Mond schien direkt auf ihr tränennasses Gesicht, während ihre Augen ausdruckslos an die Decke starrten. Genau hier war sie gelegen, an dem Morgen vor einer Woche, als sie nach dem Schlag auf ihren Kopf wieder zu sich gekommen war. Das erste was sie gesehen hatte, waren die Augen ihrer Patientin, die sich über sie gebeugt hatte und im Begriff war, Klebeband um ihren Mund zu wickeln. Karolina wollte etwas sagen, aber ihre Zunge war ebenso zur Ohnmacht verdammt wie ihre gefesselten Hände und Füsse. Fassungslos war ihr Blick von den Scherben der Keramikvase auf dem Teppich zu ihrer Strumpfhose gewandert, die neben ihren Schuhen am Boden lag, und von dort zu ihrer Patientin, die sich plötzlich mit der weissen Strickjacke von Karolinas Twinset über sie gebeugt hatte. „Sorry, Karolina, aber auch sie werden mich nicht aufhalten können“, hatte sie die Frau sagen hören, während ihr die Jacke um den Kopf gewickelt und mit den Ärmeln um Mund und Augen fixiert worden war…

Unwillkürlich stand Karolina vom Boden auf, als eine Woge der Beklemmung durch ihren Körper fuhr. Hastig riss sie das Fenster auf und liess gierig die kalte Winterluft in ihre Lungen strömen. Nie würde sie dieses panische Gefühl der Ohnmacht vergessen, als die Frau sie hilflos gefesselt und geknebelt hinter dem schweren Ledersofa eingeklemmt zurückgelassen hatte. Von ihrem vergeblichen Widerstand erschöpft, hatte sie unter der Strickjacke verzweifelt nach Luft gerungen. Und im ersten Moment hatte sie geglaubt, sterben zu müssen. Dann, mit der Zeit, hätte sie am liebsten sterben wollen, damit es endlich aufhört, so wie damals, als die Jungs…

Mein Gott, wie konnte ihr das nur passieren, nach all den Jahren? Sie hatte doch all das hinter sich gelassen, als sie damals Polen verliess und zu ihrer Tante zog, um in Oxford Medizin und Psychologie zu studieren. Fröstelnd zog Karolina die Jacke ihres Twinsets vor der Brust zusammen, während sie den Mond betrachtete, der hinter den Bäumen hervorgetreten war. Hatte sie nicht alles, was sie sich hätte wünschen können: Einen Magister mit summa cum laude, einen liebenden Ehemann, zwei erwachsene Kinder, auf die sie stolz sein durfte, und eine gute Stelle als Oberärztin in einer renommierten Klinik? Sie liebte ihre Arbeit und galt nicht zu Unrecht als eine der Besten ihres Fachs. Nicht umsonst hatte man die bekannte Professorin nach deren Nervenzusammenbruch ihrer Sorge anvertraut.

Sie konnte sich noch genau erinnern an den Tag, wo die Patientin zum ersten Mal zu ihr ins Büro gebracht wurde. Sie stand unter starken Medikamenten und sah erschöpft aus. Aber Karolina war spontan fasziniert von dieser Frau. Sie hätte nicht sagen können, woran es lag. War es ihre Ausstrahlung, ihre unterdrückte Leidenschaft? War es diese Ambivalenz zwischen spürbarer Verletzlichkeit und vermeintlicher Souveränität, wenn sie ihre edle Kaschmir-Jacke elegant um die Schulter drapiert zu tragen pflegte? Was auch immer es war, nach einer Woche Arbeit mit ihr musste sich Karolina eingestehen, was sie nie für möglich gehalten hätte – und was nie wieder hätte passieren dürfen: Sie hatte sich verliebt!

Natürlich war sie Profi genug, um ihre Projektionen zu erkennen. Und anfänglich hatte sie sich auch noch gezwungen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Aber nach und nach erlaubte sie sich insgeheim kleine Schwächen. Immer öfter überging sie ihre Schuldgefühle und liess ihrer Sehnsucht und Fantasie freien Lauf. Dabei gelang es ihr problemlos, äusserlich professionell zu bleiben, und der offensichtliche Erfolg ihrer Arbeit bewahrte sie vor übermässigen Skrupeln: Die Professorin reagierte ausgezeichnet auf die Therapie. Sie hatte blendend ausgesehen an dem Nachmittag, nachdem sie mit ihrer jungen Assistentin im Park der Klinik spazieren war. Ihre Wangen hatten geglüht, als sie eingehüllt in ihre Kaschmirjacke in der Therapiesitzung sass. Karolina war hin und hergerissen zwischen professionellem Stolz, brennendem Begehren und quälender Eifersucht. Und an diesem Abend, allein in ihrem Wagen auf einem abgelegenen Parkplatz mit Blicks aufs Meer, hatte sie schliesslich ihrer aufgestauten Erregung freien Lauf gelassen.

Umso grösser war der Schock, als sie am nächsten Tag mit schmerzendem Kopf auf dem Teppich vor ihrem Schreibtisch aus der Betäubung erwacht war. Das warme Strahlen in den Augen der Professorin war kalter Entschlossenheit gewichen. Und als Karolina realisierte, dass man ihr die Strumpfhose ausgezogen hatte, war ihr schlagartig klar, worum es hier ging. Sie selber hatte der Professorin bei der ersten Sitzung erklärt, warum man ihr leider nicht erlauben könne, Strumpfhosen zu tragen. Doch wenn Karolina im ersten Schock und Schmerz der Enttäuschung überhaupt so etwas wie Angst um die Patientin empfunden haben sollte, war diese schnell verflogen, als sie kurz darauf hilflos hinter dem Sofa eingeklemmt panisch an ihren Fesseln zerrte und verzweifelt am Knebel vorbei nach Luft rang. Die Jacke über ihrem Kopf hatte sie dabei in eine Finsternis getaucht, die längst verdrängte Schatten aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins zu neuem Leben erweckte…

Karolina hätte nicht sagen können, ob ihre Zähne nun vor Kälte oder vor Angst zitterten. Aber diesmal nahm sie allen Mut zusammen und wandte sich nicht vom Fenster ab, als das Mondlicht auf den kleinen Pavillon im Park fiel. Ja, so ähnlich sah sie aus, die kleine Hütte im Wald, in der sie damals zum ersten Mal ihre Freundin geküsst hatte. Sie waren beide 15 und seit Jahren ein Herz und eine Seele. Karolina war insgeheim verliebt gewesen, wagte es sich aber selber nicht einzugestehen. Sie schämte sich für ihre Gefühle und hatte panische Angst, dass es jemand merken könnte. Doch dann hatte ihre Freundin sie an einem schönen Winterabend zu dieser Hütte geführt. Sie hatten Feuer gemacht und sassen eingekuschelt in ihre Winterjacken auf dem Bett, als die Hand ihrer Freundin plötzlich zwischen ihre Beine glitt. Es sollten die glücklichsten Stunden in Karolinas Leben werden… und sie sollte sie teuer bezahlen.

„Nein, es reicht!“ Karolina hatte genug von dieser alten Geschichte. Es war schon schwierig genug, ihr aktuelles Lebenschaos wieder in den Griff zu bekommen. Grimmig schloss sie das Fenster, zog die Vorhänge zu, zündete die Leselampe an und trat hinüber zum Schreibtisch, wo sie ihre Handtasche und das Packet mit der Kaschmirjacke der Professorin abgelegt hatte. Die kostbare Jacke hätte sie auf dem Friedhof der jungen Assistentin übergeben sollen, aber diese wollte sie nicht haben. Karolinas Finger zitterten vor Kälte, als sie das Packpapier aufriss. Doch als ihre Hand das weiche Kaschmir spürte, hielt sie plötzlich inne. Genauso hatte sich der Pullover ihrer Freundin angefühlt, als sie diese zur Begrüssung umarmen wollte, damals am Tag danach, im Treppenhaus der Schule. „Lass mich los, du verdammte Lesbe!“, hatte diese sie angeschrien wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Einen Moment lang glaubte Karolina, sich übergeben zu müssen, als die Erinnerung sie überwältigte: Nie wird sie die erschreckende Kälte in den Augen ihrer Freundin vergessen, während deren Schrei noch durchs Treppenhaus hallte. Und noch weniger wird sie die Blicke der Mitschüler und Lehrer vergessen, die Zeugen dieser Szene wurden. Diese Blicke, die in Sekundenschnelle von Schreck und Erstaunen in hämisches Grinsen und vorwurfsvolle Fassungslosigkeit übergegangen waren. Von diesem Moment an wurde Karolinas Leben zur Hölle. Quälendes Mobbing ihrer Mitschüler und demonstratives Misstrauen der Erwachsenen prägten während Monaten ihren Alltag. Sie hatte nie begriffen, was eigentlich geschehen war. Und als sie nach einem Jahr endlich hoffen durfte, dass sich die Wogen geglättet hatten, nutzten ein paar Jungs das Schulfest, um ihr auf der Herrentoilette beizubringen, was ihre wahre Berufung sei. Nachdem man ihr erst eine Flasche Wodka in den Rachen und übers Gesicht geschüttet hatte, wurde sie mit ihrer Strickjacke über dem Kopf geknebelt. Sie hatte weder gesehen, wer noch wie viele es letztlich waren. Sie konnte sich nur noch an ihren Atem erinnern, an den Geruch von Wodka und Knoblauch. Und daran, dass sie sterben wollte, einfach sterben, damit es endlich aufhört.

Die Erinnerung tat höllisch weh, auch nach all den Jahren noch. Spontan ergriff Karolina das leere Glas auf dem Tisch und schaute sich um nach der Wodkaflasche. Aber plötzlich begann sich in ihr eine ungewohnte Kraft zu regen. Was hatte die junge Frau auf dem Friedhof gesagt, als Karolina ihr das Packet übergeben wollte? „Keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“ Ja, verdammt, wie Recht sie hatte! Was hatte ihnen die Frau „Professorin“ nicht schon alles genommen: die Freundschaft und das Vertrauen, den Glauben ans Leben und die Hoffnung in die heilende Kraft der Liebe. Und nun war sie auch noch im Begriff, Karolinas Leben zu zerstören.

„Nein, verdammt, nein, nein, nein!“ hallte ihr Schrei von den Wänden ihres Arbeitszimmers wider. Dann, nach kurzem Zögern, eilte sie zur Tür, riss sie auf und rannte mit ihren bestrumpften Füssen den Gang entlang und über die Treppe hinunter in den Keller. Die Luft im Fitnessraum war feucht und stickig, als sie sich die Jacke ihres Twinsets vom Leib riss und begann, auf den schweren Boxsack einzudreschen. Und nachdem sie sich auch noch ihres Rocks und Pullovers entledigt hatte, waren auch die letzten Fesseln ihrer Gefühle abgelegt. Wild hallten ihre Schreie durch den Raum, während sie mit Fäusten und Füssen ihre ganze Wut herausprügelte: Auf die Professorin, auf ihre Jugendliebe, auf die Jungs von der Herrentoilette, auf ihre Eltern und Lehrer, auf die Nonnen und Priester, die sie nur immer zur Beichte geschickt hatten, … und auf Gott, dem sie das alles zu verdanken hatte.

Der Boxsack war nass, ihre Strumpfhose zerrissen und ihr Oberkörper mit Schweiss bedeckt, als sie sich schliesslich völlig ausgepumpt auf die Matte sinken liess. Ihre Schultern bebten vor Erschöpfung und ihre Brust hob und senkte sich im Rhythmus des keuchenden Atems, während Tränen an den nassen Haarsträhnen entlang über ihre Wangen strömten. Doch ganz allmählich beruhigte sich das Schluchzen. Die Tränen wurden sanfter und die gequälten Muskeln begannen sich langsam zu entspannen, als Karolina sich mit ausgestreckten Armen auf den Rücken drehte. Jede Faser ihres Körpers schien zu schmerzen, und doch hatte sie sich noch nie zuvor so zuhause gefühlt in ihrem Leib. Als sie schliesslich die Augen öffnete, sah sie über sich den Boxsack, der immer noch sanft an dem Haken baumelte, mit dem er am Kreuzpunkt der Deckenbalken aufgehängt war. Unwillkürlich trat ein Schmunzeln auf Karolinas Gesicht, als sie an all ihre Patienten dachte, die sich bereits an diesem geduldigen Opfer ausgetobt hatten: „Mein Gott, für wie viele Gesichter und Fratzen hast du schon hinhalten müssen!

———

Es war kurz nach Mitternacht, als er mit dem Wagen in die Einfahrt zur Klinik einbog. Er sah sie schon von weitem. Sie sass im Schein der Laterne auf der Treppe vor dem Haupteingang und wartete auf ihn. Sie war fest eingepackt in ihren Daunenmantel und hatte sich die pelzbesetzte Kapuze tief in die Stirn gezogen. Wortlos nahm er sie in den Arm. Unter dem weichen Mantel konnte er das leise Beben ihrer Schultern spüren. Und einmal mehr wurde ihm bewusst, wie wenig er auch nach 25 Jahren Ehe von seiner Frau wusste. Doch gleichzeitig kannte er sie gut genug, um zu wissen, wann er sie am besten nichts fragen musste. „Ich liebe dich!“, hörte er sie schliesslich flüstern, als sie langsam ihren Kopf von seiner Brust hob und er spürte, wie ihre Lippen zögernd nach seinem Mund tasteten. Sie klang ganz anders, als noch am frühen Abend. Irgendetwas hatte sich verändert. Er hätte nicht sagen können, was es war. Aber er wusste, dass es gut war.

„Bitte, tu mir einen Gefallen. Halte kurz beim Ausgang und wirf das in den Müllcontainer!“ hörte er ihre müde Stimme neben sich, als er den Wagen langsam durch die mondbeschienene Pappelallee vor der Klinik steuerte. Einen Moment lang betrachtete er zögernd das sorgfältig in Packpapier eingewickelte Bündel, bevor er es kopfschüttelnd in die stinkende Tonne warf. Als er zum Wagen zurückkam, schien sie eingeschlafen zu sein. Ihr Gesicht lag im Schatten der Kapuze verborgen und ihr Kopf ruhte entspannt an der Nackenstütze. Doch als er auf die Hauptstrasse eingebogen war und behutsam den Wagen einen Gang hochbeschläunigte, spürte er für einen kurzen Moment ihre behandschuhten Finger auf seinem Handrücken.

Im Strudel der Ohnmacht (VII, 2017)

The good must die young
That’s why I’m getting so old

Sie war noch nicht einmal ganz 17, und doch fühlte sie sich alt. Unendlich alt und einfach nur beschissen. Auch die halbe Stunde unter der heissen Dusche hatte nichts daran geändert. Ein neues Jahr hatte begonnen, aber sie war einmal mehr im gleichen Alptraum aufgewacht. Ihr Magen war leergekotzt, ihr Kopf tat weh, ihr Körper auch, und ihr Unterleib schmerzte. Sie wusste beim besten Willen nicht warum.

asos-01
Bild von asos.com

Zitternd vor Erschöpfung sass Thérèse am Boden, mit angezogenen Beinen, den Rücken gegen das Bett gelehnt, fest eingehüllt in eine lange, wollene Strickjacke. Von ihren blassen Wangen tropften Tränen auf ihre Brust, wo sie sich in dem dunklen Fleck verloren, den ihre nassen Haare auf dem T-Shirt hinterlassen hatten. Sie hätte nicht sagen können, wann und wie sie nach dieser Silvesternacht  nach Hause gekommen war. Sie war mit einer Freundin an einer Party. Vage konnte sie sich an den Jahreswechsel erinnern: Laute Musik, kreischende Frauen, geile Männer, quälendes Licht, Zigaretten, der Geruch von Cannabis, Champagner, Pillen, Drinks, Drinks, Drinks… und dann Filmriss.

Standing on the bridge
Feeling like falling

Wie oft hatte sie sich schon gefragt, wie es wohl wäre, sich einfach fallen zu lassen.

Das erste Mal war sie gerade mal acht Jahre alt gewesen. Ihre Mutter war damals in der Reha, nachdem ihr eine Brust entfernt werden musste. Thérèse hatte selbstverständlich begonnen, ihren Platz einzunehmen, die Wäsche zu machen, für ihren Vater und ihren Bruder zu kochen. Es war eine schwere Zeit für alle, vor allem für ihren Vater. Nachdem er nach der Geburt von Thérèse endlich wieder eine Arbeit gefunden hatte, war er nach fünf Jahren erneut von der Depression eingeholt worden. Und als er bei der Bankenkrise seinen Job verlor und schliesslich auch noch zu trinken begann, hatte ihn ihre Mutter aus dem Schlafzimmer verbannt. Wie oft wurde Thérèse damals mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, wenn er wieder einmal in wütender Verzweiflung an Mutters Zimmertür polterte.

Doch bei Thérèse hatte er nicht poltern müssen. Die Glocken von Sainte Marie de la Miséricorde hatten gerade zwei Uhr geschlagen, als er eines Nachts plötzlich neben ihrem Bett stand. Seine Haut schimmerte blass im kalten Schein des Mondes, der durch die Vorhänge drang. Lange stand er da ohne sich zu bewegen. Dann, ohne ein Wort zu sagen, war er unter ihre Decke geglitten. Thérèse hatte ihm Platz gemacht. Wie gelähmt war sie da gelegen, ausgestreckt an der Wand und wagte kaum zu atmen. Die Kälte, die langsam von der Mauer durch ihr schweissnasses Nachthemd drang, spürte sie nicht. Es war, wie wenn die Zeit stillgestanden wäre. Quälende Ewigkeit. Er hatte sie nicht berührt. Aber sie konnte seinen Atem spüren neben ihrem Gesicht. Sie roch den Alkohol, den säuerlichen Geruch seines Körpers. Und sie hörte sein Schluchzen. Dann schien er plötzlich eingeschlafen zu sein. Und dann war er weg.

They come to put me down
They come to put me down, down, down
.

Sie hätte nur springen müssen, damals auf der Brücke, als der TGV heranbrauste. Dann wären die Gesichter endlich verschwunden: Das ängstlich flehende Gesicht ihres Vaters. Der immer schon boshaft verächtliche Blick ihres Bruders, der plötzlich um eine spöttische Note bereichert schien. Vor allem aber das vom Leiden gezeichnete Gesicht ihrer Mutter, in deren Zügen sie unablässig nach Hinweisen auf die Enthüllung ihres schrecklichen Geheimnisses suchte. Sie hatte panische Angst, ihre Mutter könnte es erfahren.

Und dabei hatte sie sich so danach gesehnt, es ihr sagen zu können, sich in ihren Rockschoss verkriechen zu können und sich von einer ihrer weichen Strickjacken einhüllen zu lassen. So wie damals, als sie noch klein war. Thérèse hatte ihre Mutter geliebt, ihre Herzlichkeit, ihre Lebensfreude und ihre Stärke. Ihre Weise, die Strickjacken offen zu tragen, war eine permanente Einladung, an ihrer Brust Schutz und Geborgenheit zu suchen. Und wie unglaublich schön hatte sie ausgesehen, wenn sie aufrecht dastand, der Blick versonnen in die Ferne schweifend, die Jacke ihres Kaschmir-Twinsets elegant um die Schultern drapiert, so wie damals am Grab ihres Grossvaters auf dem amerikanischen Soldatenfriedhofs, als ihre prächtigen langen Haare im Wind mit den losen Ärmeln ihrer Jacke um die Wette tanzten. Doch ganz allmählich war das Strahlen in den Augen der Mutter erloschen. Immer öfter waren ihre Haare in einem strengen Knoten gebändigt. Und plötzlich eines Tages war die Strickjacke zugeknöpft. Es war die Zeit, wo auch ihr Vater von Tag zu Tag trauriger und abwesender geworden war. Hilflos musste Thérèse mitansehen, wie sich ihre Eltern veränderten und wie beide ihr langsam aber sicher entglitten. Warum? Was hatte sie nur getan? Tausendmal hatte sie sich diese Frage gestellt, erst recht, als bei ihrer Mutter auch noch Brustkrebs festgestellt wurde.

Thérèse wäre damals wohl tatsächlich gesprungen, wenn da nicht plötzlich dieses andere Gesicht gewesen wäre. Sie hätte nicht sagen können, woher es gekommen war. Eigentlich war es auch nur ein Paar Augen, klare, strahlende Augen, die wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht waren und sie angeschaut hatten. Und in diesem Blick schienen sich für einen kurzen Augenblick alle Angst und Schuldgefühle aufzulösen.

Saint Teresa, have mercy on my soul

Die Erinnerung an diesen Blick verfehlte auch an diesem Neujahrsmorgen nicht ihre Wirkung. Langsam erhob sich Thérèse vom Boden, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, schlüpfte in ihre Strickjacke und setzte sich mit ihrer Gitarre aufs Bett. Es war dasselbe Bett wie damals. Nur stand es jetzt auf der anderen Seite. An der Wand gegenüber hing seit ein paar Wochen ein Bild der Sängerin Beth Hart. Nachdenklich betrachtete Thérèse dieses vom Leben gezeichnete und doch so leidenschaftliche Portrait, während ihre Finger begannen, an den Saiten nach der Melodie zu tasten, die sie schon seit dem Aufwachen begleitet hatte. Irgendetwas hatte sie vom ersten Moment an fasziniert an dieser Frau. Eine unglaubliche Kraft schien von ihr auszugehen. Sie meinte zuerst, es sei der Blick. Aber Beths Augen waren anders. Bei aller Leidenschaft war darin auch etwas Fragiles, Gebrochenes. Nein, es war nicht dieser Blick. Aber es war etwas, das sie mit diesem Blick in Kontakt brachte.

Saint Theresa, could I kiss your skin?
Come a little closer
To this hell I’m living in

Sie sass buchstäblich in der Hölle, als ihr dieser Blick zum zweiten Mal begegnet war.

Sie waren damals bei Freunden auf dem Bauernhof zu Besuch. Thérèse musste etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Die Eltern sassen nach dem Essen in der Sonne vor dem Haus, während sie und ihr Bruder mit den anderen Kindern Räuber und Gendarmen spielten. Eigentlich war Thérèse eine Einzelgängerin. Aber dieses Spiel hatte einen seltsamen Reiz für sie. Als einziges Mädchen war sie das bevorzugte Opfer, und auch wenn sie sich nach Kräften zu wehren schien, faszinierte sie insgeheim das Gefühl, überwältigt und gefangen zu werden.

So auch an diesem Tag. Mit den Händen hinter dem Rücken stehend an einen Pfosten gefesselt, schaute sie neugierig zu, wie die Jungs fieberhaft nach einer Lösung ihres Problems suchten. Thérèse hatte mit ihnen gewettet, dass sie es nicht schaffen würden, sie so zu knebeln, dass die Eltern vor dem Haus ihre Schreie nicht mehr hören konnten. Doch als diese wenig später die Kinder zur Nachspeise riefen, war das Problem gelöst. Nachdem man Thérèse ihren langen Wollschal verknotet zwischen die Lippen gestopft und mehrfach straff um den Mund gebunden hatte, war ausserhalb des Geräteschuppens beim besten Willen nichts mehr von ihr zu hören. Thérèse hatte die seltsame Erregung genossen, als die Jungs sie schliesslich unter höhnischem Spott hilflos im Schuppen zurückgelassen hatten.

Doch dann war plötzlich ihr Bruder aufgetaucht. Wortlos hatte er einen Strick genommen und auch ihre Füsse an den Pfosten gebunden. Dann stand er vor ihr und starrte ihr in die Augen. Und auf einmal war seine Hand zwischen ihren Beinen. Fassungslos nahm sie wahr, wie seine Finger unter ihr Höschen glitten, während ihr ganzer Körper erstarrte. Irgendwann spürte sie nichts mehr ausser seinem Atem, der nach heissen Himbeeren und Vanilleeis roch. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und Tränen rannen über ihre Wangen in die Wolle des Knebels, der in diesem Moment völlig überflüssig war.

Als schliesslich ihre Mutter besorgt nach ihr zu suchen begann, war ihr Bruder schon längst verschwunden. Thérèse hatte tapfer gelächelt, als sie nach dem Grund ihrer verweinten Augen gefragt wurde. Erst als sie im hintersten Winkel des dunklen Sandsteinkellers auf dem feuchtkalten Boden sass, alleine, im Dunkeln, zitternd, die Knie gegen die Brust gepresst, brach die ganze Verzweiflung aus ihr heraus. Wie konnte er ihr das antun? Was hatte sie nur getan? Dabei war das Schlimmste nicht einmal das, was ihr Bruder getan hatte, sondern was er gesagt hatte: Sie wolle doch sicher nicht, dass ihre Mutter erfahre, was ihr Vater damals nackt in ihrem Zimmer gemacht habe. Und sie hätte ihm dieses kleine Vergnügen geschuldet, nachdem ihn sein Vater damals halb totgeschlagen habe, als er ihm frühmorgens zufällig beim Gang zur Toilette über den Weg gelaufen war. Und überhaupt, sie solle sich nicht so anstellen. Das sei es doch, was sie gewollt habe, als sie nach dem Knebel fragte.

Ihr Bruder hatte nur an ihrem Ohr geflüstert, aber seine Worte hallten wie ein nicht enden wollendes Echo in ihrem Kopf, während sie von einem wilden Strudel aus Ekel, Angst, Schuldgefühlen, Scham, Ohnmacht und Schmerz unaufhaltsam in einen finsteren Abgrund gezogen wurde. Am Grund dieses Strudels war nur noch Leere gewesen, nacktes, kaltes Nichts, stumme Finsternis, einzig durchbrochen vom leisen Krabbeln einer Maus zu ihren Füssen. Oder war es eine Ratte? Egal. Und plötzlich, mitten aus dieser Finsternis heraus, waren sie wieder aufgetaucht, diese Augen.

I was never good at confession
Never really that good at anything at all

Thérèse schüttelte ungeduldig den Kopf, während ihre Finger hilflos an den Saiten der Gitarre zupften. Sie bekam sie nicht hin, diese Melodie. Dabei lag es nicht an ihren dunklen Erinnerungen. Sie war selber erstaunt, wie frei sie seit einiger Zeit damit umgehen konnte. Kurz vor Weihnachten hatte sie sogar ihrer besten Freundin davon erzählt. Diese war natürlich empört: Sie könne sich ihren Hass auf diesen Bruder vorstellen. Sie müsse ihn unbedingt zur Rechenschaft ziehen. Aber das konnte Thérèse nicht. Nicht mehr, seit die Erinnerung an diese Augen in ihr wieder lebendig geworden war, damals vor ein paar Wochen, während einer ihrer schlaflosen Nächte, als sie zum ersten Mal auf YouTube Beth Hart hatte singen hören. Beth hatte von Mutter Teresa gesprochen und von bedingungsloser Liebe: Von Liebe zu Menschen, die es nicht verdient haben.

So sehr sie sich auch bemühte, Thérèse brachte das Lied nicht zusammen. Zum ersten Mal bereute sie es, den Gitarrenunterricht aufgegeben zu haben. Ihr Bruder würde das aus dem Ärmel schütteln. Der Kerl war echt cool. Als er damals beim Räumen der Sachen seiner Oma diese alte Platte von „Ten Years After“ gefunden hatte, gab es für ihn während Monaten nur noch ein Ziel: Zu spielen wie Alvin Lee. Thérèse hatte sich oft lustig gemacht, als er wochenlang versucht hatte, die Eingangssequenz von „I’m going home“ nachzuspielen. Aber insgeheim war sie immer berührt von seinem Blues. Woher hatte der Junge bloss diese traurige Zerrissenheit und Melancholie in seinem Spiel? Waren es wirklich die ersten Jahre seiner Kindheit – wie ihr Vater einmal gemeint hatte – die Zeit vor Thérèses Geburt, mit der Krankheit seiner Oma, der chronischen Überforderung seiner Mutter und der Depression seines Vaters? Und wenn das alles auch der Grund wäre für seinen chronischen Hass auf sie?

Thérèse hatte nie begriffen, warum ihr Bruder sie nicht liebte. Es hatte wehgetan und manchmal  hätte sie ihn umbringen wollen. Doch intuitiv hatte sie hinter seinem Hass und seiner Bosheit eine tiefe Trauer und Einsamkeit gespürt. Sie hatte ihn immer bewundert, auch dann noch, als er sie missbraucht hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie sich selber für alles verantwortlich gemacht hatte. Immer wieder hatte sie versucht, an ihn heranzukommen. Immerhin war er der einzige Mann in ihrem Leben, nachdem ihr Vater vor ein paar Jahren tödlich verunfallt war. Er fehlte ihr, als er auszog, um in Paris sein Studium zu beginnen. Sie war stolz auf ihn und es freute sie, als er sie als Freundin auf Facebook akzeptierte, auch wenn es wohl nur darum war, um ihr zu imponieren.

Schmunzelnd dachte sie an die letzte Begegnung mit ihm, als er vor Weihnachten nach Hause gekommen war. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich vor ihren grossen Bruder hingestellt und ihn so richtig angeschrien: Was zum Teufel er sich bloss dabei gedacht habe, als er dieses Interview mit der greisen Frau in New York live auf Facebook gestellt habe! Widerlich sei das gewesen, respektlos und menschenverachtend! Ihr Bruder hatte sie nur sprachlos angestarrt. Dann war er unter dem verblüfften Blick seiner Mutter im Zimmer verschwunden.

They don’t want me hanging around the mission
Singing hallelujah

Thérèse war gerade im Begriff, ihre Gitarre wegzulegen und aufzustehen, als sie plötzlich die Tür vom Nebenzimmer hörte. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ihr Bruder über Neujahr zu Hause war. Aufmerksam lauschte sie auf das Rauschen der Spülung im Bad, seine schlurfenden Schritte im Gang und das Zuschlagen seiner Zimmertür. Und einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm sie ihre Gitarre, schlüpfte in ihre Pantoffeln und trat aus ihrem Zimmer.

„Verpiss dich!“, hörte sie ihn rufen, als sie an seine Tür klopfte.

Sekundenlang stand sie reglos da, während sie gegen die aufkommenden Tränen kämpfte. Dann hob sie langsam die Hand. Und nach kurzem Zögern klopfte sie ein zweites Mal, leiser.

Es dauerte eine Minute, bis die Tür langsam aufging. Er sah erbärmlich aus in seinem alten Pyjama und der Strickjacke seines Vaters, mit den dunklen Rändern unter den Augen, den zerzausten Haaren und dem Abdruck des Kissens auf seiner Wange.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie ruhig auf seinen fragenden Blick. Und als er sich wortlos umdrehte, trat sie hinter ihm ins Zimmer…

– – – – – – – – – – – –

Die Besitzerin des traditionsreichen Bistros am Stadtplatz sah hinreissend aus, als sie zur Mittagszeit vor ihrem Haus aus dem Taxi stieg. Das lange Abendkleid war nicht mehr ganz faltenfrei, was aber kaum zu sehen war unter dem edlen, neuen Pelzmantel, den sie elegant um ihre Schulten gelegt trug. Und nur die leichten Ränder unter ihren Augen verrieten die Strapazen einer langen aber glücklichen Silvesternacht. Ja, sie war glücklich, zum ersten Mal seit fünf Jahren, seit dem Suizid ihres Mannes. Sie war die einzige, die nie an einen Unfall geglaubt hatte. Man hatte ihrem Mann vieles vorwerfen können, aber eines hatte er noch im Schlaf beherrscht: Sein Auto. All die Jahre waren Schuldgefühle ihre steten Begleiter gewesen, bis sie sich in dieser Nacht zur Erschöpfung getanzt und mit Sekt getränkt endlich in die Arme ihres langjährigen Freundes hinein losgelassen hatte.

Erfüllt von diesem Glücksgefühl betrat sie ihre Wohnung, wo ihr aus dem Zimmer ihres Sohnes ein melancholischer Gesang entgegenkam. Betroffen blieb sie neben der offenen Zimmertür stehen. Die Stimme erinnerte sie an ihre eigene Mutter, die sie als Kind mit alten Hippie-Balladen in den Schlaf gesungen hatte. Der Gesang war begleitet von zwei Gitarren. In der einen, der dominanteren und melodieführenden erklang unverkennbar die Handschrift ihres Sohnes. Aber wer…?

Mother, is it ok if I call you mama?
My own walked away when I broke the law

„Mein Gott, Thérèse!“ Langsam glitt der Pelzmantel von ihren Schultern, als sie von der plötzlichen Einsicht überwältig spontan ihr Gesicht in den behandschuhten Händen vergrub. Von Schwindel  gepackt musste sie sich am Türrahmen abstützen, als ihre Knie nachgaben und sie der Wand entlang langsam zu Boden sank. Eine Welle von Gefühlen schüttelte ihren Körper, während die Tränen von ihrem Kinn in den Ausschnitt ihres Kleides tropften. Wie lange schon hatte sie ihre Tochter nicht mehr singen gehört! Thérèse hatte es geliebt zu singen. Und sie hatte eine wunderbare Stimme. Irgendwann musste sie verstummt sein, damals in der Zeit ihrer Krankheit. Und sie hatte es nicht bemerkt.

Nahtlos übernahm das Gitarrensolo die flehende Intensität der Stimme. Noch nie hatte sie ihren Sohn so spielen gehört. Nach dem Tod seines Vaters war der melancholische Blues vorübergehend zornigem Hardrock gewichen, bevor seine Gitarre allmählich ganz verstummt war. Und nun das! Es kam ihr vor wie im Traum, als plötzlich ein Schatten vor ihr auftauchte. Und als sie die tränennassen Augen öffnete, stand ihre Tochter vor ihr, aufrecht, in ihrer langen, offenen Strickjacke. Wortlos schaute sie zu ihr herunter. Sie sah erschöpft aus mit ihren ungekämmten Haaren und den dunklen Schatten unter den Augen. Aber in diesen Augen war ein Leuchten, das sie noch nie gesehen hatte. Langsam erhob sie sich vom Boden auf die Knie. Deutlich sah sie die Spuren von Tränen im T-Shirt ihrer Tochter, bevor sich ihr Gesicht in deren Brust vergrub. Und während sie spürte, wie ihre bebenden Schultern sanft von der weichen Wolle der Strickjacke umschlossen wurden, begann Thérèse wieder leise zu singen.

Would you pray for me, mama?
Would you stay with me, mama?
And keep singing hallelujah
Mama

(Ausschnitte aus dem Songtext von Beth Hart, „St. Teresa“)

Albtraum

Es war kurz vor Mitternacht, als Tracy ihren Wagen in die Tiefgarage ihres Wohnblocks lenkte. Sie kam direkt aus dem Polizei-Hauptquartier, wo sie den Abschied ihres ehemaligen Vorgesetzten feierte. Zehn Jahre hatte sie mit ihm zusammengearbeitet, nachdem sie damals die Spezialeinheit der Army verlassen hatte und zur Polizei übgetreten war. Unter ihm war sie zu einer der führenden Kommissarinnen gereift und hatte manch männlichen Kollegen hinter sich gelassen. Und das hatte sie nicht etwa ihrer Attraktivität zu verdanken. Nein, Tracy war gut. Manche hielten sie gar für sehr gut. Doch in dieser Nacht war sie nicht gut genug.

Zwischenablage10Bild von Cotswoldcollections

Im Nachhinein konnte sie sich zwar erinnern, einen dunklen Kastenwagen wahrgenommen zu haben, den sie in der Garage noch nie gesehen hatte. Aber vielleicht war es das eine Glas Wein zu viel, das ihren natürlichen Instinkt ausser Kraft gesetzt hatte. Denn als sie ihre Handtasche und Strickjacke vom Beifahrersitz nahm und aus dem Wagen stieg, sah sie keinen Anlass zu übermässiger Sorge. Das Klappern ihrer Absätze hallte zwischen den parkierten Fahrzeugen durch die Einstellhalle, während sie sich auf dem Weg zu den Aufzügen die elegante Jacke um die Schultern legte und in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel suchte. Doch plötzlich sah sie, wie neben ihrem Schatten am Boden ein zweiter Schatten auftauchte, völlig lautlos, wie aus dem Nichts. Und bevor sie sich umdrehen konnte, durchzuckte ein Stromschlag ihren ganzen Körper. Alles schien sich um sie zu drehen. Ihre Knie gaben nach und das letzte was sie sah, bevor alles schwarz wurde, war eine dunkle Gestalt, die sie auffing.

Tracys Körper schmerzte, als sie langsam wieder zu sich kam. Vor allem die Stelle am Hals, wo man ihr den Elektroschock versetzt hatte. Der Boden unter ihr war hart, kalt und in steter Bewegung, und als ihr klar wurde, dass das laute Brummen nicht von ihrem Schädel sondern einem Motor kam, wusste sie, dass sie in dem dunklen Kastenwagen lag. Instinktiv versuchte sie sich aufzurichten, aber ihre Arme gehorchten ihr nicht. Angst ergriff sie, als sie realisierte, dass ihre Hände hinter ihrem Rücken mit Handschellen gefesselt waren. Ja mehr noch, ein Strick verband die Kette der Handschellen mit ihren gefesselten Füssen, so dass sie mit ihren Fingern die Absätze ihrer Schuhe berühren konnte. Und als sie ihren Kopf drehen wollte, riss das Klebeband schmerzhaft an ihren Haaren, das man ihr mehrfach um den Kopf gewickelt hatte, um das knebelnde Tuch in ihrem Mund zu fixieren.

Tracy war Profi genug um zu wissen, dass hier jemand ganze Arbeit geleistet hatte. Und nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, versuchte sie fieberhaft, ihre Situation zu analysieren. Der Laderaum wurde durch ein schwaches Licht erleuchtet. Er war sauber und schien leer. Doch als sich Tracy mühsam in ihren Fesseln umdrehte, sah sie plötzlich eine dunkle Gestalt neben sich sitzen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Die Frau trug einen schwarzen Rollkragenpullover, Hosen und Stiefel und ihre Hände steckten in feinen Lederhandschuhen. Um ihren Kopf hatte sie sich ein Tuch gewickelt, so wie Tracy es von den Frauen in Afghanistan kannte. Und aus diesem Tuch heraus schauten ihr zwei Augen entgegen. Grosse, dunkle Augen. Augen, die Tracy schon einmal irgendwo gesehen hatte.

Plötzlich spürte sie, wie das Blut aus ihren Wangen wich. Wie aus dem Nichts wurde er plötzlich Wirklichkeit, ihr schlimmster Albtraum, der sie seit Jahren verfolgte, seit jenem Tag in einem kleinen Dorf im Nirgendwo der afghanischen Berge.

Zwölf Jahre war es her. Tracy gehörte damals zu einer weiblichen Spezialeinheit der US Army, die den Auftrag hatte, sich bei Einsätzen gegen die Taliban um die afghanischen Frauen zu kümmern. Ein Verräter hatte sie damals zu diesem Dorf geführt und es war ihren Kollegen gelungen, in einer Kommandoaktion eine Führungszelle der Taliban auszulöschen. Mehrere Kämpfer wurden festgenommen, darunter auch eine Frau. Tracy und ihre Kolleginnen hatten den Auftrag, die Frauen und Kinder zu beruhigen und wegzubringen. Man hatte ihr dabei die gefangene Talibankämpferin anvertraut und obwohl die Hände der Gefangenen mit Kabelbindern gefesselt waren, musste Tracy ihre ganze Kraft aufwenden, um die Frau zu bändigen, als man ihre Kinder wegbrachte. Nie wird sie das Schreien der verzweifelten Mutter vergessen, das Weinen der kleinen Kinder und den Blick des zwölfjährigen Mädchens, das Tracy aus ihren grossen dunklen Augen schweigend anstarrte.

Kurz danach hatte Tracy ihren Dienst bei der Army quittiert. Immer und immer wieder hatte sie sich in den folgenden Jahres diese Szene durch den Kopf gehen lassen. Aber nein, sie hatte damals richtig gehandelt. Sie hatte getan, was getan werden musste. Die Mutter war eine Kämpferin. Tracy hatte sie selber gesehen, mit der Kalaschnikow in der Hand, wie sie einen ihrer Kollegen angeschossen hatte. Doch alle noch so guten Gründe brachten die Schreie nicht aus ihrem Kopf. Und wenn sie nachts die Augen schloss, tauchten sie immer wieder aus der Finsternis auf, die Augen des Mädchens.

Und nun hatten diese Augen sie also eingeholt, zwölf Jahre später, mitten in den Vereinigten Staaten. Nein, es gab keinen Zweifel. Sie hätte sie aus Tausenden wiedererkannt, selbst im fahlen Licht dieses Laderaumes. Hilflos stöhnte Tracy in ihren Knebel, als sie etwas zu sagen versuchte. Doch als die Frau sah, dass ihr Opfer begriffen hatte, mit wem sie es zu tun hat, nahm sie Tracys Strickjacke und wickelte sie ihr um den Kopf.

Tracy hatte jedes Zeitgefühl verloren, als der Wagen schliesslich stoppte und die Tür zum Laderaum geöffnet wurde. Sie spürte, wie man erst den Strick an ihren Handschellen und dann ihre Fussfesseln löste. Dann wurde sie aus dem Wagen gezogen und auf die Beine gestellt. Ohne etwas sehen zu können, wurde sie über eine Rasenfläche geführt, wobei sie in ihren eleganten Schuhen mit den Absätzen immer wieder strauchelte. Dann hielten sie an und Tracy wurde gezwungen, auf einen hölzernen Schemel zu steigen. Mühsam rang sie um das Gleichgewicht, als ihre Füsse zusammengeschoben und wieder mit einem Strick gefesselt wurden. Und als man ihr schliesslich die Strickjacke vom Kopf zog, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Sie befand sich im Garten ihres Mutterhauses, unter dem grossen Ast der Eiche, an dem ihre Schaukel gehangen hatte, keine zehn Meter entfernt vom Salon, in dem ihre Mutter das Frühstück zu nehmen pflegte. Fassungslos wanderte ihr Blick vom mondbeschienenen Haus zum hölzernen Schemel, auf dem ihre Füsse in den eleganten Schuhen nach Halt suchten. Und dann spürte sie, wie ihr eine Schlinge um den Hals gelegt wurde. In einem Anflug von Panik begann sie, in ihren Knebel zu schreien, während der Strick mit der Schlinge angezogen und am Ast über ihr befestigt wurde.

„Keine Angst, der Stuhl sollte hallten, vorausgesetzt, du machst keine Dummheiten“, hörte sie die Afghanin in nahezu akzentfreiem Englisch sagen, während sie Tracys Strickjacke vom Boden aufhob. Hilflos musste die ehemalige Elitesoldatin zusehen, wie das kleine Mädchen von damals ihr fast zärtlich die Jacke um die Schultern legte und auf dem obersten Knopf schloss. Das kleine Mädchen war gross geworden. Eine Kämpferin wie ihre Mutter. Und ihre Augen, diese dunklen Augen hatten auch im blassen Mondschein nichts von ihrer bannenden Kraft verloren.

„Deine Mutter ist wie meine Mutter eine sehr disziplinierte Frau“, ertönte noch einmal die warme Stimme hinter dem wollenen Tuch, während sich die beiden Frauen ein letztes Mal in die Augen schauten. „In genau fünf Stunden wird sie im Salon den Vorhang aufziehen, um ihr Frühstück zu nehmen. Fünf Jahre habe ich damals auf meine Mutter warten müssen. Was sind da schon fünf Stunden? Also, sei ein tapferes Mädchen! Wir wollen doch Mama nicht unglücklich machen.“

Verletzter Held

Thorsten ging es gut. Zum ersten Mal seit seiner vorzeitigen Pensionierung vor fünf Jahren ging es ihm wirklich gut. Er genoss den salzigen Geruch des Meeres, der sich mit dem herben Duft seines Kaffees vermischte, als er auf der Veranda seines Hauses frühstückte. Über dem Wasser quietschten die Möwen, während sich hinter ihm im Radio die Morgennachrichten ankündigten.

Zwischenablage01Bild von Brooksbrothers

Seit zwei Jahren hatte Thorsten dieses kleine, idyllische Haus an der Nordsee, und seit zwei Monaten hatte er sie. Sie war Mitte fünfzig, Mutter von drei Kindern und seit fünf Jahren verwitwet. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und heute wollte sie zum ersten Mal kommen, mit dem Zug um 16 Uhr, um seinen 60. Geburtstag mit ihm zu feiern. Seit Tagen hatte er sich auf diesen Moment gefreut.

Er war gerade im Begriff, sich eine zweite Tasse Kaffee aus der Maschine zu lassen, als er im Radio plötzlich den Namen des benachbarten Dorfes hörte: „… in der Nähe von Dornum wurde in der vergangenen Nacht ein junges Ehepaar von maskierten Tätern in ihrem Haus überfallen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung fehlt von den Tätern bis zur Stunde jede Spur.“ Wie gelähmt stand Thorsten da und es war ihm, als ob in ihm drin all die Mauern ins Wanken gerieten, die er sich in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut hat. Plötzlich war sie wieder da, diese Angst, diese lähmende Ohnmacht und das nagende Schuldgefühl. Plötzlich war er wieder da, der „kleine“ Thorsten.

Seine Hände zitterten, als er sich mit der Tasse Kaffee an den Tisch setzte. Was war nur mit ihm los? Und warum ausgerechnet jetzt? Natürlich kannte er diese Gefühle nur zu gut. Aber er hatte doch gehofft, sie endlich einmal einigermassen im Griff zu haben, nach fünf Jahren Therapie, nach fünf langen Jahren geduldiger Versöhnungsarbeit mit dem „kleinen“ Thorsten. Sollte denn alles Vergeblich gewesen sein? Sollte es ihnen letztlich doch gelungen sein, ihn zu zerstören?

Es war an einem Donnerstag im Oktober, vor genau fünf Jahren. Sie kamen in den frühen Morgenstunden, maskiert, mit schallgedämpften Waffen. Thorsten wurde brutal aus dem Bett gezerrt und gezwungen sich anzukleiden, während einer der Männer sich um seine Frau kümmerte. Nie wird er ihren verzweifelten Blick vergessen, als er sie hilflos mit Klebeband gefesselt und geknebelt in den Händen dieses Mannes zurücklassen musste. Die Männer waren gar nicht begeistert, als ihnen klar wurde, dass er als Filialleiter den Haupttresor nicht alleine öffnen konnte. Es waren die längsten zwei Stunden seines Lebens, ausgestreckt auf dem Boden des Personalraums, an Händen und Füssen gefesselt und mit seinen eigenen Socken im Mund geknebelt. Und dann hörte er sie kommen. Zuerst das Geräusch ihrer Wagen, dann das Klappern ihrer Schuhe, dann ihre Schlüssel. Ahnungslos gingen sie in die Falle, als erste die Kassiererin, dann wenige Minuten später seine Stellvertreterin und die Praktikantin. Und er konnte nichts dagegen tun. Nie wird er das ätzende Geräusch des Klebebandes vergessen, als die Frauen eine nach der anderen neben ihm auf dem Boden gefesselt und geknebelt wurden. Und immer wieder sah er ihre verzweifelten Gesichter vor sich, die ihn flehend anschauten, bevor sie hinter den Seidentüchern und Strickjacken verschwanden, die man ihnen um die Augen band.

Thorsten hatte versucht zu vergessen. Aber es ging nicht. Kopfschmerzen, Panikattacken, Alpträume, und immer öfter mal etwas zu viel Alkohol. Erst wurde er krankgeschrieben. Dann nach einem Jahr liess er sich vorzeitig pensionieren. Offizielle Diagnose: Burnout. Kurz danach verliess ihn seine Frau. Sie schien zwar den Überfall einigermassen verdaut zu haben, war aber mit der Situation ihres Mannes überfordert. Von einem Tag auf den anderen war er ein gebrochener Mann, geplagt von Ängsten und Schuldgefühlen. Er hatte zwar sofort eine Therapie begonnen, aber es sollte drei Jahre dauern, bis plötzlich die Bilder wieder kamen und er bereit war, dem „kleinen“ Thorsten zu begegnen.

Thorsten war damals sehr klein, kaum sechs Jahre alt, als ihm schlecht war und er früher aus dem Kindergarten nach Hause kam. Seine Mutter war alleinerziehend, arbeitslos und nicht selten krank. Als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, hörte er sie stöhnen, heftig stöhnen. Sie lag im Bett, nackt, über ihr ein Mann, riesig und nackt. Ihre Hände waren in seinen Rücken gekrallt, ihr Kopf in den Nacken geworfen, ihre Augen geschlossen. Der kleine Thorsten wollte schreien. Aber er konnte nicht. Er versteckt sich in seinem Zimmer, am Boden hinter dem Schrank, zitternd mit angezogenen Knien und nasser Hose. In diesem Moment begriff er ein für allemal: Er konnte seine Mutter nicht beschützen.

Es war unterdessen 11 Uhr. In einer halben Stunde würde sie den Bus nehmen, der sie zum Bahnhof bringt. Thorsten spürte die quälende Angst in seinem Bauch. Vor seinen Augen tauchte immer wieder das junge Paar auf, nachts in ihrem Ferienhaus, kaum mehr als zwei Kilometer entfernt. Vielleicht sass er noch auf der Veranda, als es geschah. Und immer wieder sah er diese Gesichter vor sich, der flehende Blick seiner Frau, die verzweifelten Tränen seiner Praktikantin, die hilflose Wut der Kassiererin, und das verzerrte Gesicht seiner Mutter. Er hatte ihnen nicht helfen können. Er hatte sie nicht beschützen können.
Er würde auch sie nicht beschützen können.

Der Kaffee war schon lange kalt geworden, als er schliesslich nach dem Telefon griff. Minutenlang hielt er es in seinen Fingern, bis er endlich ihre Nummer wählte. Sein Herz pochte laut in seiner Brust, als er auf den Klingelton wartete. Aber sie hatte die Combox eingeschaltet. Verzweifelt suchte er nach den Worten, die er sagen wollte. Doch als der Piepton kam, hielt er plötzlich inne. Schweigend starrte er aufs Meer hinaus, während das Band ablief. Und als das Schlusszeichen ertönte, schaltete er das Telefon aus.

Er hatte noch viel zu erledigen, bis sie kam. Entschlossen nahm es seine Jacke vom Haken und machte sich auf den Weg ins Dorf. Er wollte sich noch die Haare schneiden lassen. Und dann brauchte er noch ein paar Rosen, weisse, die mochte sie so gern…

Strahlende Augen

„Hey, Lene, schön dass du gekommen bist!“
Es tat ihr gut, die strahlenden Augen ihrer Freundin zu sehen, ihre herzliche Umarmung zu spüren, und den Geruch ihrer Haare. Anna-Lena hatte lange gezögert, ob sie kommen sollte. Geburtstagsfeiern waren nicht ihr Ding. Aber es war ihre beste Freundin, ihre einzig wirkliche. „Er ist auch schon da, drüben im Salon“, hörte sie sie sagen, als sie am Arm genommen und ins Haus geführt wurde, „auf geht’s Lene, jetzt oder nie!“

Zwischenablage02Bild von cashmere-house.de

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Wie kam sie dazu, ihn einzuladen? Sie wusste es doch! Anna-Lena fühlte sich etwas überfahren, als sie sich plötzlich alleine inmitten der plaudernden Gäste wiederfand. Der spontane Ärger hatte schnell einer diffusen Mischung aus Erregung und Angst Platz gemacht. Am liebsten hätte sie gleich wieder das Weite gesucht, aber schon drückte ihr jemand ein Glas Weisswein in die Hand. Nach und nach tauchten einzelne bekannte Gesichter vor ihr auf, zwei leichte Küsschen hier, ein kurze Umarmung da. Und dann sah sie ihn. Er stand etwas abseits, am Eingang zur Bibliothek, im Gespräch mit einer älteren Dame. Anna-Lenas Herz schien zu rasen in ihrer Brust. Als ob er es gespürt hätte, drehte er sich um. Und wenn sie noch eine letzte Bestätigung gebraucht hat, dann war es dieses spontane, ehrliche Strahlen, dass ihr auf seinem Gesicht entgegenkam.

Als sie etwas später im Badezimmer ihrer Freundin stand, war sie wie verwandelt. Zum ersten Mal in ihren Leben genoss es Anna-Lena, sich im Spiegel zu betrachten. Sie hatte sich nie hübsch gefunden und je mehr sie versuchte, sich schön zu machen, desto abstossender hatte sie sich gefühlt. Seit dem Selbstmord ihres depressiven Vaters hatte sie keine Gnade mehr gefunden vor den Augen ihrer Mutter. Sie war damals gerade mal acht. Der einzige Weg zu etwas Anerkennung führte über die Schule und das Schwimmbecken. Ein brillantes Abitur, ein summa cum laude an der Uni und diverse Pokale zeugten von der radikalen Konsequenz, mit der sie Geist und Körper zu beherrschen gelernt hatte. Doch all dies schien plötzlich unbedeutend angesichts dieser strahlenden Augen, die sie meinten. Plötzlich fühlte sie sich ganz leicht. Spontan schlüpfte sie aus der Jacke ihres Twinsets und legte sich diese elegant um die Schultern. Und nach kurzem Zögern griff sie nach einem der Lippenstifte ihrer Freundin, die auf der Ablage standen.

Hand in Hand gingen sie schweigend durch den nächtlichen Garten, begleitet von der leisen Musik aus dem Haus und den Stimmen der Gäste, die auf der Terrasse plauderten und rauchten. Anna-Lena war glücklich. Doch je weiter sie sich vom Haus entfernten, desto mehr schien sich etwas in ihr zu verspannen. So sehr hatte sie sich danach gesehnt, in den Arm genommen zu werden. Doch als sich seine Arme schliesslich sanft um sie legten und seine Lippen zögernd nach den ihren tasteten, zog sich alles in ihr zusammen. Sie versuchte verzweifelt, sich nichts anmerken zu lassen. Doch als sein Körper näher rückte und seine Hand langsam unter den Bund ihrer Hose glitt, schien sich ihr Körper aufzulösen. Ihre Augen starrten in den Nachthimmel. Und plötzlich waren sie wieder da, die Augen von Fury, dem Pferd, dessen Bild sie als Kind über ihrem Bett hängen hatte. Und ihr stummer Schrei verlor sich in der Dunkelheit, die sich schwer über sie legte.

„Um Himmels Willen, Anna-Lena, was ist mit dir?“, hörte sie plötzlich seine Stimme. Langsam löste sie sich aus der Erstarrung und als sich ihr Blick senkte, sah sie im Mondschein die erschreckte Sorge in seinen Augen. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Anna-Lena, es tut mir leid!“ hörte sie ihn noch rufen, als sie durch den Garten zum Haus rannte. Und nur Sekunden später sass sie auf ihrem Fahrrad, während sich die zurückgebliebenen Gäste verblüfft anschauten, ihre Freundin den ausgeschütteten Rotwein auf dem Teppich mit Salz bestreute und er auf dem Kiesweg im Garten nachdenklich die Jacke ihres Twinsets aufhob.

Über eine Stunde schon liess sie das warme Wasser über ihren Körper strömen. Nackt, mit angezogenen Knien sass sie in der Dusche und weinte. Und dabei war sie so wach wie nie zuvor in ihrem Leben. Plötzlich war alles klar, wie wenn sich der Nebel verzogen hätte. Plötzlich hatten alle Puzzleteile ihren Platz: die Bilder, die Träume, die Schmerzen und die Angst, alles, was immer schon da war, was immer schon irgendwie gewusst aber einfach nicht geglaubt werden durfte. Plötzlich war es wahr, durfte es wahr sein, durfte es geglaubt werden. Es tat weh, höllisch weh.
Aber es war gut.

Durch ihre Tränen hindurch sah Anna-Lena immer wieder diesen Blick,
seine strahlenden Augen, die sagten: „Ich möchte, dass du lebst!“
Sie wusste, dass er ihr glauben wird.