Versatile Blog Award

Einmal mehr bin ich in den Fokus eines Award-Spiels gekommen. Diesmal wurde mir von adriasuno der Ball des „Versatile Blog Awards“ zugeworfen. Herzlicher Dank, Red Sonja, für diese Anerkennung! Sieben Dinge soll ich über mich verraten, die noch nicht bekannt sind! Das will ich gerne versuchen.
Aber wie bei den vorherigen Awards wird auch dieser Ball erst einmal bei mir liegen bleiben. Denn erstens bin ich mit meinen gelegentlichen Geschichten wohl kein Blogger im eigentlichen Sinn, und zweitens bekomme ich die Awards meist von den wenigen BloggerInnen, die ich kenne und selber nominieren könnte.

Hier also 7 Puzzlesteine aus einem Bild, das ich selber noch nicht ganz überblicke:

  1. Ich habe bei meinem ersten Diktat im Progymnasium (5. Schuljahr) für die Rechtschreibung eine 1.5 bekommen (für deutsche Leser: 6 ist sehr gut, 3 ungenügend, 1 …). Nur das Blatt meines Banknachbarn war damals noch röter. Er bekam eine 1, was für ein Kind eines italienischen Gastarbeiters aber irgendwie noch entschuldbar war.
  2. Ich durfte das „Te Deum“ von Mozart einmal als Sopran und einmal als Bass singen.
  3. Ich habe rund um die holländische Stadt Nijmegen insgesamt 960 km marschiert. Dabei habe ich hunderte von Autogrammen verteilt und wir wurden teilweise von bis zu einer halben Million Menschen gefeiert. Die spinnen, die Holländer!
  4. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut bei „We will rock you“ von Queen. Ich war nie ein grosser Fan von Rockmusik und habe weder Queen noch Freddy Mercury wirklich gekannt. Aber der Song bleibt ewig verbunden mit einem Abend in Holland, mit einem Bierzelt voll Menschen, die meisten davon in T-Shirts und Tarnanzughosen, ca. 5% davon Frauen. Und in der Mitte an einem Tisch zwei Kerle mit Oberarmen wie meine Oberschenkel. Auf der einen Seite ein GI, auf der anderen ein Holländer. Die Ellbogen auf dem Tisch, die Rechten ineinander geballt, die Muskeln und Adern am Hals zum Platzen angespannt. Der GI spielt das Psychospiel mit allen mögliche Grimassen. Der Holländer bleibt eiskalt und zuckt mit keiner Wimper. Und über allem ein durch hundert Hände und biergeölte Kehlen verstärktes „…rock you!“. Ich könnte es nicht mehr mit letzter Sicherheit beschwören, aber ich meine, es war damals America second!
  5. Ich habe den „Nachsommer“ von Adalbert Stifter zweimal gelesen. Zum ersten Mal in der Schule mit 15 und zum zweiten Mal mit 45. Eine dritte Lesung ist geplant für das Jahr 2040.
  6. Es gibt nichts, was mir zurzeit mehr Power gibt und mich gleichzeitig sicherer zum Weinen bringt als die amerikanische Sängerin und Songwriterin Beth Hart. Was für eine Geschichte, und was für eine Authentizität in ihrer Verletzlichkeit und ihrer emotionalen Power. Der Umstand, dass diese Frau nicht zu den globalisierten Megastars à la Beyonce, Adele und Lady Gaga gehört, ist der sicherste Beweis für ihre ausserordentliche künstlerische Qualität. Selten berührt mich ein „God bless you“ mehr als aus ihrem Mund.
    Beth Hart über Florence Welch, Amy Winehouse und ihr eigener Kampf ums Leben
    (ab ca. 5.30, wobei sich natürlich alle Teile des Interviews lohnen)
    Beth Hart und Joe Bonamassa, ein congeniales Duo mit einem Song von ihr:
  7. Es kommt tatsächlich vor, dass mir beim Schreiben einer Geschichte die Tränen kommen.
  8. Aus aktuellem Anlass hier noch ein Bonuspunkt: Amerika gibt mir in dieser Zeit nicht immer Anlass zur Freude. Aber Mikaela Shiffrin ist schlicht und einfach der Hammer, in jeder Beziehung! Congrats!
    Da akzeptiere ich ohne Scham und Ironie: Switzerland second 🙂

Danke, Sonja, und danke allen für’s Lesen und
God bless you! 🙂

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Schatten der Vergangenheit (IV)

Die lange Strickjacke war bis unter seinen Hals fest zugeknöpft. Er hatte heiss und bekam keine Luft. Aber er konnte seine Arme nicht bewegen. Lose baumelten die Ärmel der Jacke von seinen Schultern, während sich eine behandschuhte Hand auf seinen Mund presste. Direkt vor ihm waren ein paar Augen, die ihn durch den Schlitz einer schwarzen Motorradhaube anstarrten. Und plötzlich waren es die Augen seiner Mutter. Zwischen ihren Zähnen hielt sie ein Messer, während er spürte, wie man sich an den untersten Knöpfen der Strickjacke zu schaffen machte…

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Sein eigener Aufschrei weckte ihn aus dem Mittagsschlaf. Durch das offene Fenster drang der frühlingshafte Gesang der Vögel, während die Standuhr im Treppenhaus zwei Uhr schlug. Das Herz pochte heftig unter seinem schweissnassen Hemd, als sich Richard vorsichtig aus dem Bett wälzte. Keine zwei Monate war es her, dass er sich bei dieser Gelegenheit einen Hexenschuss eingefangen hatte. Schon damals war er aus einem ähnlichen Traum hochgeschossen. Mein Gott, wie hatte sich sein Leben verändert seit jenem Tag!

Vor einem Monat hatte sich seine Frau in der Klinik das Leben genommen. Und vor drei Wochen, einen Tag nach der Beerdigung, hatte ihre junge Assistentin die Sachen gepackt und war ausgezogen. Seither lebte Richard alleine in dem grossen Haus. Nur die Haushälterin und der Gärtner leisteten ihm tagsüber Gesellschaft. Angst hatte er keine während der einsamen Nächte. Gegen dieses Gefühl schien er seit Jahren immun zu sein. Wenn da nur nicht dieser Traum gewesen wäre. Seit ein paar Tagen schon hatte er wieder seine Pistole unter dem Kopfkissen.

Nachdem er kurz das Magazin der Waffe kontrolliert hatte, legte er sie zurück in die Nachttischschublade und machte sich daran, das feuchte Hemd zu wechseln. Im Schrank stiess er dabei auf die dicke Wollstrickjacke, die ihm seine Frau zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hatte sie nur einmal kurz getragen, ihr zuliebe. Seither lag sie zusammengelegt hinter den frischen Hemden. Wie hätte sie auch wissen sollen… Er hatte nie mit ihr darüber gesprochen.

Einem spontanen Impuls folgend nahm er die Strickjacke hervor und entfaltete sie zwischen seinen Händen. Seine Frau hatte Geschmack, das musste man ihr lassen. Und sie hatte einen ausgesprochenen Sinn für Qualität. Nach kurzem Zögern überwand Richard schliesslich seinen Widerstand und schlüpfte in die zugeknöpfte Jacke. Instinktiv verspannte sich sein Körper, doch die Wolle fühlte sich wunderbar an und der weite Schalkragen sorgte dafür, dass er sich um den Hals nicht eingeengt fühlte. Eine leise Erregung bemächtigte sich seiner, als er sich unter dem Hemdkragen auch noch ein Seidentuch um den Hals band.

„Du siehst fantastisch aus!“, hörte er in seinem Kopf eine Stimme sagen, als er sich im Spiegel betrachtete. Ja, verdammt, sie fehlte ihm, diese Stimme. Nicht dass sie ihm tatsächlich je so etwas Ähnliches gesagt hätte. Nein, dazu war sie viel zu diskret und professionell gewesen. Ein bitterer Schmerz durchfuhr Richard, als er daran denken musste, was die junge Frau ihm erzählt hatte. Sie hatte beim Leeren des Papierkorbes im Arbeitszimmer seiner Frau nicht nur sein Bild und seine Blumen sondern auch den Ohrring gefunden, den sie verloren hatte, als sie ihm beim Hexenschuss zu Hilfe kam. Mein Gott, sollte sie recht gehabt haben? Sollte seine Frau wirklich geglaubt haben, dass er mit ihr im Bett war? War das der Grund für ihren Zusammenbruch? War er am Ende schuld an ihrem Tod? Natürlich war da nie etwas gewesen zwischen ihm und der jungen Assistentin. Doch war das wirklich wahr? Machte er sich da nichts vor? Wie viele Male hatte er die junge Frau vor seinem inneren Auge ausgezogen. Und wessen Augen und Lippen hatte er vor sich gesehen, wenn er sich alleine in seinem Zimmer…?

Aber nein, verdammt, wegen eines Ehebruchs bringt man sich nicht um! Das hatte ihm auch die junge Assistentin versichert, nachdem sie seine erschrockene Reaktion bemerkt hatte. Sie wusste offenbar mehr über seine Frau als er selber. Aber sie hatte ihm nichts weiter erzählt. Er hatte sich hundert Mal gefragt, was sie erfahren haben könnte. Denn eines war ihm klar: Sie konnte unmöglich wissen, was er am Tag der Beerdigung erfahren hatte.

Damals war ihm beim Leichenmahl eine Dame aufgefallen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie trug ein langes schwarzes Strickkleid über eleganten Lederstiefeln, und hatte sich eine schwarze Kaschmir-Stola um die Schultern geschlungen. Richard hatte seinen Augen nicht getraut, als sie sich ihm schliesslich als seine Schwägerin vorgestellt hatte. Seine Frau hatte nie von ihrer Schwester gesprochen. Er wusste nur, dass sie eine hatte, dass diese schon früh allerhand Probleme mit Drogen und Essstörungen hatte und dass die Schwestern schon seit Jahren keinen Kontakt mehr miteinander pflegten.

„Sie haben sich ihre Schwägerin ganz anders vorgestellt, nicht wahr?“, sagte die Dame mit warmer Stimme, als sie sich etwas abseits der Leute auf das Sofa setzten. Um ehrlich zu sein, hatte Richard sie sich gar nicht vorgestellt. Er wusste nicht einmal, dass sie noch lebte. Doch sie hatte überlebt. Und wie! Die Dame machte keinen Versuch, ihre Tränen zu verbergen, als sie begann, ihm von ihrer Jugend zu erzählen: Von ihrer völlig überforderten Mutter, die abends in Bars arbeiten musste, um die Familie durchzubringen. Von ihrem Vater, der nach einem Grubenunglück invalid geworden war. Von seinen Depressionen, seinen Gewaltausbrüchen und von all den Jahren, während denen er sich von seinen Mädchen das holte, was ihm seine Frau nicht geben wollte. Ihre ältere Schwester hätte alles getan, um den Horror zu verleugnen. Sie war die perfekte Fassade der Familie gegen aussen: Intelligent, angepasst, fleissig und erfolgreich. Ja, sie habe sie gehasst dafür. Doch heute täte sie ihr leid. Sie selber wäre damals durch die Hölle gegangen. Aber eines Tages habe sie Menschen getroffen, die ihr geholfen hätten. Es sei ein langer Therapie- und Heilungsweg gewesen. Aber schliesslich habe sie selber Sozialarbeit studieren können. Und heute kümmere sie sich um Kinder aus problematischen Familien. „Ich weiss nicht, was meine Schwester letztlich in den Tod getrieben hat. Aber ich hatte immer geahnt, dass die verdrängte Finsternis sie eines Tages einholen würde.“

Beim Zuhören war Richard bewusst geworden, dass er seine Frau nie hatte weinen sehen. Er konnte sich nicht erinnern, dass sie je die Fassung verloren hätte. Sie war für ihn der Inbegriff von Stärke und Souveränität. Und das war wohl auch der Grund, warum er sie geheiratet hatte: Das, ihre gesicherte gesellschaftliche Existenz als renommierte Professorin, und ihre lange Kaschmirjacke, die sie so geliebt hatte und die sie stets bis zum Hals zugeknöpft zu tragen pflegte.

Richards Mutter hatte damals eine ähnliche Jacke besessen. Er war als Junge oft nachts alleine zuhause, wenn seine Mutter im Krankenhaus Dienst hatte. Er hatte immer schreckliche Angst, wagte es ihr aber nicht zu sagen. Dafür hatte er sich jeweils ihre Strickjacke aus dem Schrank geholt. Eingehüllt in die weiche Wolle fühlte er sich wenigstens etwas sicherer und geborgen.

Eines Nachts, kurz nach seinem achten Geburtstag, war er dabei auf dem breiten Bett seiner Eltern eingeschlafen. Plötzlich wurde er vom grellen Licht einer Taschenlampe aus dem Schlaf gerissen. Der feine Geruch von Leder drang ihm in die Nase, als eine Hand ihn am Schreien hinderte. Und über der Lichtquelle tauchten plötzlich zwei Augen auf, die ihn aus dem Schlitz einer Motorradhaube hervor anschauten. „Kümmere dich um den Bengel!“ hörte er eine männliche Stimme aus dem Dunkeln, „wir warten auf die Alte.“

Die Frau hatte den völlig verängstigten Jungen mit Klebeband verschnürt und ihn dann in die Strickjacke seiner Mutter eingepackt, die sie ihm bis zum Hals zuknöpfte. Mit einem Stück Klebeband über dem Mund geknebelt musste er wenig später hilflos zusehen, wie seine Mutter bei der Rückkehr von der Arbeit überwältigt und brutal an einen Stuhl gefesselt wurde. Richard hatte damals nicht verstanden, was diese Leute von ihnen wollten. Er begriff nur, dass es um Nordirland ging, und um seinen Vater, der sich zurzeit dort aufgehalten hatte. Seine Mutter hatte beharrlich geschwiegen, auch dann noch, als man ihr einen Plastikbeutel über den Kopf stülpte. Nie wird er das bedrohliche Knarren des Holzstuhles vergessen, als sich ihr Körper verzweifelt gegen die Fesseln stemmte. Aber auch nach dem dritten Anlauf wollte sie noch immer nicht sprechen. Dann hatte die maskierte Frau plötzlich ein Messer in der Hand. Gelähmt vor Angst hatte Richard zugeschaut, wie sie langsam die untersten Knöpfe seiner Strickjacke öffnete. Blankes Entsetzen sprach aus den erschöpften Augen seiner Mutter, als die Klinge des Messers schliesslich unter seine Unterhose glitt. „Nein, bitte, nicht den Jungen! Ich werde euch…“, hatte er sie noch schreien gehört, bevor seine Erinnerung abriss.

Eine Woche später war seine Mutter gemeinsam mit seinem Vater mit militärischen Ehren beerdigt worden. Richard war unter Schock und hatte lange nicht erfahren, was damals geschehen war. Sein Grossvater hatte ihm nur erzählt, dass sein Vater bei einem Einsatz in Nordirland ums Leben gekommen war. Erst als er selber zehn Jahre später in die Britische Army eingetreten war und sich nach der Grundausbildung um die Aufnahme in die 14. Aufklärungskompanie bewarb, hatte er erfahren, dass sein Vater auch schon Mitglied von „The Det“ war. Irgendwie musste die IRA damals hinter dessen Identität gekommen sein. Einen Tag nach dem Tod seiner Frau war er in Belfast von einem Kommando auf offener Strasse erschossen worden. Richard war schon über dreissig und seit mehreren Jahren in Nordirland im Einsatz, als ihm sein leitender Offizier endlich die geheime Akte aus den Siebzigerjahren gezeigt hatte. Offenbar war seine Mutter damals geknebelt und mit einer Schlinge um den Hals gefesselt auf dem Bett zurückgelassen worden. Bei ihrem verzweifelten Versuch, den Jungen und sich zu befreien, musste sie sich vor Erschöpfung irgendwann selber erdrosselt haben.

Richard war innerlich zerbrochen, als er die Wahrheit erfuhr. Quälende Schuldgefühle begannen ihn Tag und Nacht zu begleiten, und er konnte nicht begreifen, wieso er sich an nichts mehr erinnern konnte. Gleichzeitig war er besessen vom Bedürfnis nach Rache und er hatte alle Mühe, seine psychische Verfassung vor seinen Vorgesetzten zu verbergen. Nie hätten sie ihm unter diesen Umständen erlaubt, noch länger in seiner Undercover-Mission zu bleiben. Und dies mit Recht. Denn eines Nachts hatte Richard geglaubt, in einem Pub die Augen von damals wiederzuerkennen. Und er war überzeugt, dass auch sie ihn erkannt hatte. Er ging ihr nach auf die Toiletten, und als sie sich im Gang plötzlich umdrehte und ihre Hand aus der Handtasche zog, hatte er sofort geschossen. Es war eine Primarlehrerin und sie hatte einen Pfefferspray in der Hand, weil sie glaubte, er wolle sie belästigen.

Richard war damals in eine tiefe Depression gefallen und musste den Dienst quittieren. Es waren schwierige Jahre gewesen, aber langsam hatte er sich gefangen. Er bezog eine Rente und hatte begonnen zu schreiben. In dieser Zeit war er seiner Frau begegnet. Er wurde zum diskreten Rückhalt ihrer wissenschaftlichen Karriere und sie gab ihm das Heim und die Geborgenheit, nach der er sich so sehr sehnte. Kinder waren ihnen keine vergönnt gewesen und er war sich wohl bewusst, dass sie diesbezüglich ihr Glück auch bei anderen Männern versucht hatte. Aber er hatte sie geliebt. Und von Tag zu Tag wurde ihm mehr bewusst, wie sehr sie ihm fehlte.

Richard sah immer noch in sein eigenes Spiegelbild, als ihn der warme Klang der Standuhr aus seinen Gedanken riss. Seine Strickjacke strahlte eine angenehme Wärme aus und zum ersten Mal seit jener verhängnisvollen Nacht spürte er nicht diese beklemmende Übelkeit beim Gefühl von Wolle auf seinem Körper. Spontan musste er an die edle Kaschmir-Jacke seiner Frau denken, die ihm so an ihr gefallen hatte. Auf dem Tisch neben dem Spiegel lag immer noch der Koffer mit ihren Sachen, den man ihm aus der Klinik gebracht hatte. Er hatte ihn bisher nicht geöffnet. Enttäuscht stellte er fest, dass die Jacke fehlte. Er hätte geschworen, sie bei seinem Besuch in der Klinik gesehen zu haben. Einen Moment lang war er irritiert. Doch als er den Deckel des Koffers wieder zumachte, verspürte er eine seltsame Leichtigkeit.

Langsam öffnete er die Glastür und trat hinaus auf den Balkon. Warm schien die Frühlingssonne auf seinen Körper, während er den Vögeln lauschte, die sich zwischen den noch immer nackten Bäumen tummelten. Noch vor kurzem war der Park unter einer dicken Schneedecke begraben. Und nun sass bereits die erste Biene vor ihm auf dem Geländer. Nachdenklich schaute er ihr zu, wie sie ihre Fühler und Augen putzte, bevor sie zu neuen Taten aufbrach. Dann, einem spontanen Impuls folgend, zog er sein Telefon aus der Tasche. Er brauchte nicht lange, um die Nummer zu finden. Und während er mit gespannter Erwartung die Klingeltöne zählte, öffneten seine Finger langsam die Knöpfe seiner Strickjacke…

********

Richard spürte eine seltsame Erregung, als er seinen Wagen im Innenhof des grosszügigen Landgutes abstellte. Eine Gruppe von Jungs hatte ihr Fussballspiel unterbrochen und schaute misstrauisch zu ihm herüber, während er sich die Strickjacke elegant um die Schultern legte und an ein paar kichernden Mädchen vorbei das Hauptgebäude betrat. Der Mann an der Pforte zeigte ihm den Weg zum Büro der Heimleiterin. Sie war gerade im Begriff, einem kleinen Mädchen das aufgeschlagene Knie zu verbinden, als er an die geöffnete Tür klopfte.

„Tee oder Kaffee?“, fragte sie strahlend, nachdem das Mädchen verschwunden war und sie ihm ihre kräftige Hand hingehalten hatte. Neugierig schaute er ihr zu, als sie ihre Jacke auszog und das Teewasser aufsetzte. Sie war etwas grösser als ihre Schwester und trug ihre grauen Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr Körper in der engen Jeans und dem ärmellosen Rollkragentop war in gesunder Form und Richard hatte Mühe sich vorzustellen, wie sie als Jugendliche ausgesehen haben muss. Und als sie sich mit dem Tablett in den Händen umdrehte, sah er auf ihrem Oberarm das dornenumrankte Schwert, das sich durch einen Totenkopf bohrte.

„Es erinnert mich jeden Tag daran, woher ich komme“, sagte sie schmunzelnd, während sie ihm den Tee einschenkte. „Und es verschafft mir gehörigen Respekt bei den Jungs“. Die natürliche Heiterkeit seiner Schwägerin war betörend und unwillkürlich begann sich Richard zu entspannen. Langsam öffnete er den Knopf an der Manschette seines Hemdes und schob den Ärmel nach oben. „Wer wagt, gewinnt“. Sie schien zu wissen, was das Zeichen bedeutete. Aber der leise Spott in ihrer Stimme verriet ihm, dass sie sehr wohl wusste, dass keiner, der unter diesem Motto gedient hat, sich dieses Zeichen auf den Arm brennen lassen würde.

„Es erinnert mich an die Zeit, wo ich noch etwas tun wollte für eine bessere Welt. Dafür, dass Kinder nachts in Frieden schlafen können, “ sagte er fast entschuldigend.

„Ich bin überzeugt, den Jungs wird es gefallen! Und die Mädchen mögen dich auch so. Glaub mir, ich kenne mich da aus!“

Schatten der Vergangenheit (III)

Sie musste eingeschlafen sein, denn als das Smartphone in der Tasche ihres Daunenmantels zu vibrieren begann, war es bereits dunkel. Im Licht des Mondes, der durch die Fenster ihres Büros schien, konnte sie die halbleere Flasche sehen, die neben dem Sofa auf dem kleinen Glastisch stand. Schlaftrunken richtete sie sich unter dem warmen Mantel auf, mit dem sie sich zugedeckt hatte. Der Anrufer war beharrlich, denn es vibrierte immer noch, als ihre Hände endlich die richtige Manteltasche fanden. Das Licht des Displays blendete sie und schlagartig spürte sie wieder ihr ganzes Elend, als sie die besorgte Stimme ihres Mannes vernahm. Ja, sie sei noch in der Klinik, hörte sie sich sagen. Sie müsse noch arbeiten. Nein, sie wisse noch nicht… und „Ja, ich liebe dich auch!“

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Bild: Petra Morzé im Fernsehfilm „Brief an mein Leben“ (D, 2015, Screenshot)

Mein Gott, wie hohl diese Worte plötzlich klangen! Aber hatten sie je anders geklungen? Hatte sie wirklich gemeint, was sie ihm sagte, all die Jahre? Oder hatte sie ihn die ganze Zeit belogen, so wie sie sich selber belogen hatte?

Karolinas Kopf schmerzte, als sie ihre Beine über den Rand des Sofas gleiten liess und sich langsam aufsetzte. Ihre schwarzen Stiefel, die neben dem Glastisch am Boden lagen, schimmerten matt im Mondlicht, während sie spürte, wie vom Teppich eine kalte Nässe durch ihre Strumpfhose drang. Sie hatte sich schon gewundert, wo das Glas hingekommen war. Es musste ihr aus der Hand gefallen sein, als sie eingeschlafen ist. Ihre Hände zitterten leicht, als sie nach der Wodkaflasche griff, um sich neu einzuschenken. Karolina hasste Wodka. Sie hasste den Geschmack, und sie hasste die zerstörerische Macht, die er über ihr eigenes Volk ausübte. Doch wie viele ihrer polnischen Landsleute trank sie doch immer wieder davon, gerade in den Momenten, wo sie sich selber am meisten hasste.

Der Wodka brannte in der Kehle, aber er brachte wieder etwas Leben in ihren Körper zurück. Aus der Ferne hörte sie eine Glocke neun Uhr schlagen, als sie sich erschöpft erhob und ans Fenster trat. Der Park der Klinik lag unter einer dicken Schneeschicht begraben und die Silhouette der Bäume wirkte gespenstisch im fahlen Mondlicht. Der Anblick erinnerte sie an ihre Heimat, an das Haus ihrer Eltern in der Nähe von Warschau, und an die kleine Hütte im Wald. Schnee machte sie immer traurig. Vielleicht war sie ja darum nach England gekommen, weil es hier so selten Schnee gab.

Energisch zog Karolina die Vorhänge zu, um die Bilder in ihrem Kopf zu stoppen. Was war nur los mit ihr? Sie hatte das doch alles hinter sich gelassen! In einem Zug leerte sie den Rest des Glases, während sie an ihrem Schreibtisch vorbeiging, um auch die anderen Vorhänge zu ziehen. Da sackte sie plötzlich in sich zusammen, als auf dem weichen Teppich etwas schmerzhaft in ihren Fuss stach. „Cholera jasna!“, entfuhr es ihr, als sie zwischen ihren Fingern die Keramikscherbe erkannte, die sie unter ihrer Fusssohle hervorgezogen hatte. Und plötzlich schossen die Tränen in ihre Augen. „Mein Gott, was willst du von mir?“ Hatte sie denn nicht alles getan, was sie konnte? Hatte sie nicht schon genug gebüsst?

Schluchzend liess sie sich auf den Teppich sinken. Der Mond schien direkt auf ihr tränennasses Gesicht, während ihre Augen ausdruckslos an die Decke starrten. Genau hier war sie gelegen, an dem Morgen vor einer Woche, als sie nach dem Schlag auf ihren Kopf wieder zu sich gekommen war. Das erste was sie gesehen hatte, waren die Augen ihrer Patientin, die sich über sie gebeugt hatte und im Begriff war, Klebeband um ihren Mund zu wickeln. Karolina wollte etwas sagen, aber ihre Zunge war ebenso zur Ohnmacht verdammt wie ihre gefesselten Hände und Füsse. Fassungslos war ihr Blick von den Scherben der Keramikvase auf dem Teppich zu ihrer Strumpfhose gewandert, die neben ihren Schuhen am Boden lag, und von dort zu ihrer Patientin, die sich plötzlich mit der weissen Strickjacke von Karolinas Twinset über sie gebeugt hatte. „Sorry, Karolina, aber auch sie werden mich nicht aufhalten können“, hatte sie die Frau sagen hören, während ihr die Jacke um den Kopf gewickelt und mit den Ärmeln um Mund und Augen fixiert worden war…

Unwillkürlich stand Karolina vom Boden auf, als eine Woge der Beklemmung durch ihren Körper fuhr. Hastig riss sie das Fenster auf und liess gierig die kalte Winterluft in ihre Lungen strömen. Nie würde sie dieses panische Gefühl der Ohnmacht vergessen, als die Frau sie hilflos gefesselt und geknebelt hinter dem schweren Ledersofa eingeklemmt zurückgelassen hatte. Von ihrem vergeblichen Widerstand erschöpft, hatte sie unter der Strickjacke verzweifelt nach Luft gerungen. Und im ersten Moment hatte sie geglaubt, sterben zu müssen. Dann, mit der Zeit, hätte sie am liebsten sterben wollen, damit es endlich aufhört, so wie damals, als die Jungs…

Mein Gott, wie konnte ihr das nur passieren, nach all den Jahren? Sie hatte doch all das hinter sich gelassen, als sie damals Polen verliess und zu ihrer Tante zog, um in Oxford Medizin und Psychologie zu studieren. Fröstelnd zog Karolina die Jacke ihres Twinsets vor der Brust zusammen, während sie den Mond betrachtete, der hinter den Bäumen hervorgetreten war. Hatte sie nicht alles, was sie sich hätte wünschen können: Einen Magister mit summa cum laude, einen liebenden Ehemann, zwei erwachsene Kinder, auf die sie stolz sein durfte, und eine gute Stelle als Oberärztin in einer renommierten Klinik? Sie liebte ihre Arbeit und galt nicht zu Unrecht als eine der Besten ihres Fachs. Nicht umsonst hatte man die bekannte Professorin nach deren Nervenzusammenbruch ihrer Sorge anvertraut.

Sie konnte sich noch genau erinnern an den Tag, wo die Patientin zum ersten Mal zu ihr ins Büro gebracht wurde. Sie stand unter starken Medikamenten und sah erschöpft aus. Aber Karolina war spontan fasziniert von dieser Frau. Sie hätte nicht sagen können, woran es lag. War es ihre Ausstrahlung, ihre unterdrückte Leidenschaft? War es diese Ambivalenz zwischen spürbarer Verletzlichkeit und vermeintlicher Souveränität, wenn sie ihre edle Kaschmir-Jacke elegant um die Schulter drapiert zu tragen pflegte? Was auch immer es war, nach einer Woche Arbeit mit ihr musste sich Karolina eingestehen, was sie nie für möglich gehalten hätte – und was nie wieder hätte passieren dürfen: Sie hatte sich verliebt!

Natürlich war sie Profi genug, um ihre Projektionen zu erkennen. Und anfänglich hatte sie sich auch noch gezwungen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Aber nach und nach erlaubte sie sich insgeheim kleine Schwächen. Immer öfter überging sie ihre Schuldgefühle und liess ihrer Sehnsucht und Fantasie freien Lauf. Dabei gelang es ihr problemlos, äusserlich professionell zu bleiben, und der offensichtliche Erfolg ihrer Arbeit bewahrte sie vor übermässigen Skrupeln: Die Professorin reagierte ausgezeichnet auf die Therapie. Sie hatte blendend ausgesehen an dem Nachmittag, nachdem sie mit ihrer jungen Assistentin im Park der Klinik spazieren war. Ihre Wangen hatten geglüht, als sie eingehüllt in ihre Kaschmirjacke in der Therapiesitzung sass. Karolina war hin und hergerissen zwischen professionellem Stolz, brennendem Begehren und quälender Eifersucht. Und an diesem Abend, allein in ihrem Wagen auf einem abgelegenen Parkplatz mit Blicks aufs Meer, hatte sie schliesslich ihrer aufgestauten Erregung freien Lauf gelassen.

Umso grösser war der Schock, als sie am nächsten Tag mit schmerzendem Kopf auf dem Teppich vor ihrem Schreibtisch aus der Betäubung erwacht war. Das warme Strahlen in den Augen der Professorin war kalter Entschlossenheit gewichen. Und als Karolina realisierte, dass man ihr die Strumpfhose ausgezogen hatte, war ihr schlagartig klar, worum es hier ging. Sie selber hatte der Professorin bei der ersten Sitzung erklärt, warum man ihr leider nicht erlauben könne, Strumpfhosen zu tragen. Doch wenn Karolina im ersten Schock und Schmerz der Enttäuschung überhaupt so etwas wie Angst um die Patientin empfunden haben sollte, war diese schnell verflogen, als sie kurz darauf hilflos hinter dem Sofa eingeklemmt panisch an ihren Fesseln zerrte und verzweifelt am Knebel vorbei nach Luft rang. Die Jacke über ihrem Kopf hatte sie dabei in eine Finsternis getaucht, die längst verdrängte Schatten aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins zu neuem Leben erweckte…

Karolina hätte nicht sagen können, ob ihre Zähne nun vor Kälte oder vor Angst zitterten. Aber diesmal nahm sie allen Mut zusammen und wandte sich nicht vom Fenster ab, als das Mondlicht auf den kleinen Pavillon im Park fiel. Ja, so ähnlich sah sie aus, die kleine Hütte im Wald, in der sie damals zum ersten Mal ihre Freundin geküsst hatte. Sie waren beide 15 und seit Jahren ein Herz und eine Seele. Karolina war insgeheim verliebt gewesen, wagte es sich aber selber nicht einzugestehen. Sie schämte sich für ihre Gefühle und hatte panische Angst, dass es jemand merken könnte. Doch dann hatte ihre Freundin sie an einem schönen Winterabend zu dieser Hütte geführt. Sie hatten Feuer gemacht und sassen eingekuschelt in ihre Winterjacken auf dem Bett, als die Hand ihrer Freundin plötzlich zwischen ihre Beine glitt. Es sollten die glücklichsten Stunden in Karolinas Leben werden… und sie sollte sie teuer bezahlen.

„Nein, es reicht!“ Karolina hatte genug von dieser alten Geschichte. Es war schon schwierig genug, ihr aktuelles Lebenschaos wieder in den Griff zu bekommen. Grimmig schloss sie das Fenster, zog die Vorhänge zu, zündete die Leselampe an und trat hinüber zum Schreibtisch, wo sie ihre Handtasche und das Packet mit der Kaschmirjacke der Professorin abgelegt hatte. Die kostbare Jacke hätte sie auf dem Friedhof der jungen Assistentin übergeben sollen, aber diese wollte sie nicht haben. Karolinas Finger zitterten vor Kälte, als sie das Packpapier aufriss. Doch als ihre Hand das weiche Kaschmir spürte, hielt sie plötzlich inne. Genauso hatte sich der Pullover ihrer Freundin angefühlt, als sie diese zur Begrüssung umarmen wollte, damals am Tag danach, im Treppenhaus der Schule. „Lass mich los, du verdammte Lesbe!“, hatte diese sie angeschrien wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Einen Moment lang glaubte Karolina, sich übergeben zu müssen, als die Erinnerung sie überwältigte: Nie wird sie die erschreckende Kälte in den Augen ihrer Freundin vergessen, während deren Schrei noch durchs Treppenhaus hallte. Und noch weniger wird sie die Blicke der Mitschüler und Lehrer vergessen, die Zeugen dieser Szene wurden. Diese Blicke, die in Sekundenschnelle von Schreck und Erstaunen in hämisches Grinsen und vorwurfsvolle Fassungslosigkeit übergegangen waren. Von diesem Moment an wurde Karolinas Leben zur Hölle. Quälendes Mobbing ihrer Mitschüler und demonstratives Misstrauen der Erwachsenen prägten während Monaten ihren Alltag. Sie hatte nie begriffen, was eigentlich geschehen war. Und als sie nach einem Jahr endlich hoffen durfte, dass sich die Wogen geglättet hatten, nutzten ein paar Jungs das Schulfest, um ihr auf der Herrentoilette beizubringen, was ihre wahre Berufung sei. Nachdem man ihr erst eine Flasche Wodka in den Rachen und übers Gesicht geschüttet hatte, wurde sie mit ihrer Strickjacke über dem Kopf geknebelt. Sie hatte weder gesehen, wer noch wie viele es letztlich waren. Sie konnte sich nur noch an ihren Atem erinnern, an den Geruch von Wodka und Knoblauch. Und daran, dass sie sterben wollte, einfach sterben, damit es endlich aufhört.

Die Erinnerung tat höllisch weh, auch nach all den Jahren noch. Spontan ergriff Karolina das leere Glas auf dem Tisch und schaute sich um nach der Wodkaflasche. Aber plötzlich begann sich in ihr eine ungewohnte Kraft zu regen. Was hatte die junge Frau auf dem Friedhof gesagt, als Karolina ihr das Packet übergeben wollte? „Keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“ Ja, verdammt, wie Recht sie hatte! Was hatte ihnen die Frau „Professorin“ nicht schon alles genommen: die Freundschaft und das Vertrauen, den Glauben ans Leben und die Hoffnung in die heilende Kraft der Liebe. Und nun war sie auch noch im Begriff, Karolinas Leben zu zerstören.

„Nein, verdammt, nein, nein, nein!“ hallte ihr Schrei von den Wänden ihres Arbeitszimmers wider. Dann, nach kurzem Zögern, eilte sie zur Tür, riss sie auf und rannte mit ihren bestrumpften Füssen den Gang entlang und über die Treppe hinunter in den Keller. Die Luft im Fitnessraum war feucht und stickig, als sie sich die Jacke ihres Twinsets vom Leib riss und begann, auf den schweren Boxsack einzudreschen. Und nachdem sie sich auch noch ihres Rocks und Pullovers entledigt hatte, waren auch die letzten Fesseln ihrer Gefühle abgelegt. Wild hallten ihre Schreie durch den Raum, während sie mit Fäusten und Füssen ihre ganze Wut herausprügelte: Auf die Professorin, auf ihre Jugendliebe, auf die Jungs von der Herrentoilette, auf ihre Eltern und Lehrer, auf die Nonnen und Priester, die sie nur immer zur Beichte geschickt hatten, … und auf Gott, dem sie das alles zu verdanken hatte.

Der Boxsack war nass, ihre Strumpfhose zerrissen und ihr Oberkörper mit Schweiss bedeckt, als sie sich schliesslich völlig ausgepumpt auf die Matte sinken liess. Ihre Schultern bebten vor Erschöpfung und ihre Brust hob und senkte sich im Rhythmus des keuchenden Atems, während Tränen an den nassen Haarsträhnen entlang über ihre Wangen strömten. Doch ganz allmählich beruhigte sich das Schluchzen. Die Tränen wurden sanfter und die gequälten Muskeln begannen sich langsam zu entspannen, als Karolina sich mit ausgestreckten Armen auf den Rücken drehte. Jede Faser ihres Körpers schien zu schmerzen, und doch hatte sie sich noch nie zuvor so zuhause gefühlt in ihrem Leib. Als sie schliesslich die Augen öffnete, sah sie über sich den Boxsack, der immer noch sanft an dem Haken baumelte, mit dem er am Kreuzpunkt der Deckenbalken aufgehängt war. Unwillkürlich trat ein Schmunzeln auf Karolinas Gesicht, als sie an all ihre Patienten dachte, die sich bereits an diesem geduldigen Opfer ausgetobt hatten: „Mein Gott, für wie viele Gesichter und Fratzen hast du schon hinhalten müssen!

———

Es war kurz nach Mitternacht, als er mit dem Wagen in die Einfahrt zur Klinik einbog. Er sah sie schon von weitem. Sie sass im Schein der Laterne auf der Treppe vor dem Haupteingang und wartete auf ihn. Sie war fest eingepackt in ihren Daunenmantel und hatte sich die pelzbesetzte Kapuze tief in die Stirn gezogen. Wortlos nahm er sie in den Arm. Unter dem weichen Mantel konnte er das leise Beben ihrer Schultern spüren. Und einmal mehr wurde ihm bewusst, wie wenig er auch nach 25 Jahren Ehe von seiner Frau wusste. Doch gleichzeitig kannte er sie gut genug, um zu wissen, wann er sie am besten nichts fragen musste. „Ich liebe dich!“, hörte er sie schliesslich flüstern, als sie langsam ihren Kopf von seiner Brust hob und er spürte, wie ihre Lippen zögernd nach seinem Mund tasteten. Sie klang ganz anders, als noch am frühen Abend. Irgendetwas hatte sich verändert. Er hätte nicht sagen können, was es war. Aber er wusste, dass es gut war.

„Bitte, tu mir einen Gefallen. Halte kurz beim Ausgang und wirf das in den Müllcontainer!“ hörte er ihre müde Stimme neben sich, als er den Wagen langsam durch die mondbeschienene Pappelallee vor der Klinik steuerte. Einen Moment lang betrachtete er zögernd das sorgfältig in Packpapier eingewickelte Bündel, bevor er es kopfschüttelnd in die stinkende Tonne warf. Als er zum Wagen zurückkam, schien sie eingeschlafen zu sein. Ihr Gesicht lag im Schatten der Kapuze verborgen und ihr Kopf ruhte entspannt an der Nackenstütze. Doch als er auf die Hauptstrasse eingebogen war und behutsam den Wagen einen Gang hochbeschläunigte, spürte er für einen kurzen Moment ihre behandschuhten Finger auf seinem Handrücken.