Schatten der Vergangenheit (I)

Er lag neben dem Ehebett unter dem Nachttischchen. Sie hatte ihn zufällig gefunden, als sie von der Reise zurückkam. Beim Auspacken des Koffers waren ihre Handschuhe zu Boden gefallen, und als sie sie aufheben wollte, funkelte die weisse Perle im Licht der winterlichen Sonne, die flach durch die Gardinen ins Zimmer schien. Sie hatte den Ohrring sofort erkannt. Schliesslich hatte sie ihn damals selber für sie ausgesucht.

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Gwendolyn konnte es nicht fassen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Ihre Hände zitterten, als sie sich in ihrem Arbeitszimmer einen Whisky einschenkte und versuchte, aus der kleinen Pipette zwei Tropfen Wasser hinzuzufügen. Noch vor wenigen Wochen hätte sie es sich nie erlaubt, alleine zu trinken, und schon gar nicht mitten am Nachmittag. Ausdruckslos stand sie an der Glastür zum Garten und schaute hinaus auf den tief verschneiten Park. Die Sonne war unterdessen verschwunden und dunkle Wolken kündeten neuen Schnee an. Ihr war kalt. Und nicht einmal ihre dicke Kaschmir-Jacke, ihr liebstes Stück, das sie bis oben zugeknöpft hatte, vermochte ihr in diesem Moment noch wärmenden Trost zu spenden. Was war nur los mit ihr?

Die Konferenz in Berlin war eine einzige Katastrophe. Sie war bekannt als kompetente und brillante Rednerin, aber noch nie hatte sie sich bei einem Vortrag so unsicher und blockiert gefühlt. „Welcome to the Club“, hatte ihr ein etwas angetrunkener amerikanischer Professorenkollege beim anschliessenden Dinner spöttisch ins Ohr gehaucht. Sie gehöre jetzt definitiv auch zum Kreis der unbestrittenen Koryphäen, die es sich leisten können, immer nur die alten Sachen zu wiederholen. Gwendolyn wusste nicht, was sie an diesem Abend mehr verletzt hatte, diese Bemerkung oder seine Hand, die sich unter dem Tisch zwischen ihre Beine verlor.

Die schneebedeckten Büsche im Garten schienen plötzlich zu verschwimmen. Erschöpft lehnte sich Gwendolyn gegen den Türrahmen, während sie in einem Schluck das Glas leerte. Verzweifelt versuchte sie, das Bild der harmonisch verschneiten Landschaft wiederherzustellen, aber die dunklen Äste der Bäume schienen ihr wie höhnisch grabschende Arme aus der weissen Pracht entgegenzukommen. Von allen Seiten her begann sich die perfekte Welt aufzulösen, die sie sich so mühsam erkämpft hatte. Tausend dunkle Schatten schienen plötzlich hinter der strahlend weissen Fassade ihres Daseins hervorzutreten. Und langsam – auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte und sich mit aller Macht dagegen sträubte – begann sie zu ahnen, dass es letztlich nur ein einziger Schatten war. Jahrelang hatte sie sich erfolgreich eingeredet, dass es diesen Schatten gar nicht gäbe. Dass es damals das einzig Richtige war und dass es jede andere an ihrer Stelle auch getan hätte. Mit dem Licht ihres Verstandes hatte sie es geschafft, diesen Schatten auszulöschen, bis zu dem Tag, ihrem 50. Geburtstag, an dem plötzlich sie in ihr Leben trat.

Sie war die persönliche Assistentin von Gwendolyns ehemaligem Doktorvater. So jedenfalls wurde sie den geladenen Gästen der Geburtstagsfeier vorgestellt. Die junge Frau sah hinreissend aus in ihrem dunklen Abendkleid und der weissen Pelzjacke, die sie um ihre Schultern gelegt trug. Gwendolyn lief ein Schauer über den Rücken und einen Moment lang glaubte sie, ohnmächtig zu werden, als sie zum ersten Mal vor ihr stand und ihre kräftige Hand in dem eleganten schwarzen Opernhandschuh schüttelte. Die aufrechte Haltung, die schön geschnittenen Züge ihres Gesichts, der klare, ruhige Ausdruck ihrer Augen und die warme und doch selbstbewusste Stimme: Alles war genau so wie in dem Traum, der Gwendolyn seit einiger Zeit immer wieder mal schweissgebadet aus dem Schlaf riss.

Gwendolyn hatte diese Frau noch nie gesehen. Und doch kam sie ihr so vertraut vor, als ob sie immer schon da gewesen wäre. Die Begegnung hatte ihr keine Ruhe gelassen. Und nachdem sie mehrere Nächte kaum mehr geschlafen hatte, hatte sie sich die Telefonnummer geben lassen und die junge Frau in der Stadt zum Essen eingeladen. Diese hatte sofort zugesagt und war pünktlich am Empfang des Women’s Club erschienen, in einer diskreten, grauen Hose und einem lachsfarbenen Twinset, dessen Jacke sie sich elegant um die Schultern gelegt hatte. Eine Mischung aus Bewunderung und Schmerz erfüllte Gwendolyn, als sie von der Bedienung zum reservierten Tisch geführt wurden. Die selbstbewusste Natürlichkeit und unaufdringliche Eleganz ihres Gastes erinnerte sie an ihre eigene Jugend, die Zeit bevor…

Tränen drängten in ihre Augen, als sie sich ein zweites Glas Whisky einschenkte. Das Wasser nahm sie diesmal direkt aus der Kanne, wobei sie einen Teil davon über ihre Hose schüttete. Entnervt liess sie sich in ihren Sessel fallen und schloss die Augen. Wie konnte sie ihr das nur antun? Nach allem, was sie für sie getan hatte! Die wissenschaftliche Karriere der jungen Frau hätte bei ihrem alten Doktorvater keine Zukunft gehabt. Die Zeit des Alten war vorbei und die Junge musste es geahnt haben, denn sie hatte Gwendolyns Angebot, ihre wissenschaftliche Assistentin zu werden, ohne Zögern angenommen.

Natürlich hatte Gwendolyn ihren Sieg genossen. Sie kannte die Eitelkeit ihres ehemaligen Mentors. Oh ja, und wie. Fast acht Jahre hatte sie damals für ihn gearbeitet. Sie wusste, wozu er fähig war, im Besten wie im Schlechtesten. Er hatte sie gefördert, keine Frage. Sie wäre nie da, wo sie heute war, wenn er nicht gewesen wäre. Doch längst war sie aus seinem Schatten getreten und selber zu einer unbestrittenen Referenz auf ihrem Gebiet geworden. Mit der Zeit war es ihr auch gelungen, ihn aus ihrem Leben zu verdrängen, und mit ihm diesen anderen Schatten, den er über ihr Leben geworfen hat. Seinetwegen hatte sie es damals getan. Auch seinetwegen.

„Dieses dreckige Miststück!“ schluchzte Gwendolyn verzweifelt, bevor sie das Glas in einem Zug leerte und sich etwas schwerfällig aus dem Sessel erhob. Diesmal war kein Wasser mehr im Whisky, als sie mit randvollem Glas wieder zur Glastür wankte. „Du hattest kein Recht dazu! Hörst du? Nicht du!“ schrie sie durch die geschlossene Tür zu einem unsichtbaren Phantom, als sie plötzlich in der Scheibe in ihre eigenen tränenunterlaufenen Augen starrte. Angewidert wandte sie sich ab und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, wobei ein guter Teil an ihren Lippen vorbei auf ihre Kaschmir-Jacke tropfte. Nein, er hatte kein Recht auf dieses Mädchen, nicht auf sie!

Gwendolyn war damals wie vom Blitz getroffen, als sie den Lebenslauf ihrer neuen Assistentin studiert hatte. Fassungslos hatte sie auf das Geburtsdatum geschaut. Wie oft hatte sie versucht, dieses Datum aus ihrem Leben zu streichen. Und da war es wieder, schwarz auf weiss, neben dem strahlenden Bild einer jungen, vielversprechenden Wissenschaftlerin. Gwendolyn hatte es damals gerade noch ins Bad geschafft, bevor sich ihr Magen zu drehen begann. Und als sie zurück in ihr Arbeitszimmer kam, hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben alleine ein Glas Whisky getrunken.

Natürlich war ihr klar, dass es gar nicht sein konnte. Sie war damals erst in der zwölften Woche gewesen. Und doch hatte es sie nicht mehr losgelassen. Es waren einfach zu viele Zufälle, um an Zufall zu glauben: Das Datum des Eingriffs, die Frau in ihren Träumen, dieses überwältigende Gefühl spontaner Vertrautheit von der ersten Begegnung an und die nahezu perfekte Inkarnation des Traumes einer Tochter, die sie sich immer gewünscht hätte. Doch all das wäre noch gegangen, wenn sie nicht ausgerechnet mit ihm in ihr Leben getreten wäre.

Plötzlich war alles wieder da: Diese eine Nacht bei der Konferenz in Davos, damals vor 25 Jahren. Sie hatten ihren ersten grossen Vortrag gefeiert. Er war so stolz auf sie gewesen. Und sie so unendlich dankbar. Sie hatten beide zu viel getrunken. Als sie am Morgen in seinem Bett aufgewacht war, wusste sie, dass sie den Fehler ihres Lebens begangen hatte. Er hatte sich sofort entschuldigt. Später hat er seine Beziehungen spielen lassen und auch alles bezahlt. Eigentlich ging es ganz einfach und reibungslos. Gwendolyn hatte damals zwar während Wochen geweint. Aber natürlich war ihr klar, dass es das einzig Vernünftige war. Und mit den entsprechenden Medikamenten war es auch gelungen, ihre Depression so zu kontrollieren, dass ihre wissenschaftliche Karriere nicht beeinträchtigt wurde.

„Sie gehört mir, hörst du, mir allein!“ schrie Gwendolyn hysterisch, als sie das leere Whiskyglas an die Wand schleuderte, wo ihr Doktordiplom in einem goldenen Rahmen hing. Wie sehr hatte sie sich all die Jahre nach einer Tochter gesehnt. Aber mit ihrem Mann hatte es einfach nicht klappen wollen. Irgendwann hatte sie es in ihrer Verzweiflung mit einem ihrer Doktoranden versucht. Dann folgte eine Affäre mit einem deutschen Professorenkollegen, mit dem sie an verschiedenen Kongressen das Hotelbett teilte. Und schliesslich war da noch der Pastor, der sie nach dem Tod ihrer Mutter bei der Trauerarbeit begleitet hatte. Keiner der Männer wusste, dass sie die Pille nicht nahm. Einmal war sie auch tatsächlich schwanger geworden, verlor das Kind aber nach wenigen Wochen.

Niemand, nicht einmal ihr Mann, hatte je etwas von diesem verzweifelten Ringen mitbekommen. Gwendolyn hatte nie mit jemanden darüber gesprochen. Warum auch? Das Ganze war ihre Sache. Eine Bagatelle. Eine dumme Jugendsünde. Mehr nicht. Sie wusste ja selber nicht, warum sie das Ganze so beschäftigte. Sie war doch sonst ein vernünftiges Wesen. Schon immer gewesen. Mutters Liebling und Papis Stolz. Immer fleissig und brav. Zur Freude ihrer Lehrer. Nicht so wie ihre jüngere Schwester, die es schon mit 14 getrieben hat, mit 15 Drogen nahm und mit 16 zum ersten Mal wegen Bulimie in die Klinik musste. Nein, Gwendolyn war perfekt: Vorzeigetochter, Musterschülerin, Vorzeigedoktorandin, Vorzeigeprofessorin in einer Männerdomäne, vorbildliche Ehefrau, treue Kirchgängerin und Präsidentin mehrerer wohltätiger Vereine. Sie hatte nicht viele Freunde. Aber man arbeitete gerne mit ihr und für sie. Sie stand für Zuverlässigkeit, Diskretion und gesunden Menschenverstand.

Gwendolyn wäre beinahe über den Rand des Teppichs gestolpert, als sie mit der Whisky-Flasche in der Hand hinüber zum Schreibtisch torkelte. „Wie konntest du mir das antun!“, lallte sie mit tränenerstickter Stimme zum Bild ihres Gatten, das neben der Vase mit frischen Rosen stand, die er ihr wie immer für die Rückkehr von einer Reise besorgt hatte. Ihre Hand zitterte, als sie nach dem Ohrring griff, den sie neben das Bild gelegt hatte. Sie hatte ihn ihr zu Weihnachten geschenkt. Was hatte sie nur getan? Womit hatte sie das verdient? Wie konnte man ihre Liebe nur so verraten? Ohne abzusetzen schüttete Gwendolyn den Rest der Flasche in sich hinein, bevor sie diese zusammen mit dem Ohrring in den Papierkorb warf. Und nachdem auch das Bild ihres Gatten und die frischen Rosen samt Vase das selbe Schicksal ereilt hatten, wankte sie benommen zurück zur Glastür.

Der tief verschneite Garten und die still herunterschwebenden Schneeflocken hatten plötzlich eine magische Anziehungskraft auf Gwendolyn. Und während ihr Blick ausdruckslos auf die Gruppe schwarzer Krähen starrte, die sich auf den dunklen Ästen der Bäume niedergelassen hatten und stumm zu ihr herüberschauten, begannen ihre Finger nach und nach die Knöpfe ihrer Strickjacke zu öffnen. Plötzlich schien das Zittern einer ruhigen Entschlossenheit gewichen zu sein, als Gwendolyn die Jacke sorgfältig über die Lehne eines Sessels hängte. Langsam schlüpfte sie aus ihren Schuhen, zog ihre Hose und den Pullover aus und öffnete den Verschluss ihres Büstenhalters. Einen Moment lang betrachtete sie traurig ihr nacktes Spiegelbild in der Glastür, nachdem sie auch noch ihre Strumpfhose und das Miederhöschen zu ihren Kleidern gelegt hatte. Ihr Körper schien vor Hitze zu glühen, als sich ihre Hand langsam nach dem Türgriff ausstreckte.

Ein seltsames Glücksgefühl durchströmte sie, als ihr eine Welle aus eisiger Luft und Schneeflocken entgegenkam. Langsam trat sie über die Schwelle und liess ihren Fuss in die jungfräulich weisse Schneedecke eintauchen. Wie in Trance lief sie über den Sitzplatz und durch die Rosenbeete bis in die Mitte der weiten Rasenfläche, wo sie einen Moment lang stehen blieb und die Krähen auf den dunklen Ästen betrachtete. Dann liess sie sich der Länge nach in den weissen Teppich fallen. Der Schnee brannte auf ihrer Haut. Aber das konnte Gwendolyn nichts mehr anhaben. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde. Dann lösen sich auch die letzten Schatte auf und sie hat endlich Ruhe…

———

Es begann schon zu dämmern, als Gwendolyns Assistentin aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Sie hatte den Mann ihrer Chefin in die Notaufnahme gefahren, nachdem dieser beim Aufstehen nach der Siesta einen Hexenschuss erlitten hatte. Schmerzverkrümmt war er neben dem Bett auf dem Boden gelegen, als sie auf seine Hilferufe hin herbeigeeilt war. Es war ein ziemlicher Kampf, bis sie ihn wieder auf dem Bett hatte. Und irgendwie musste sie dabei einen ihrer Ohrringe verloren haben.

Als sie jedoch sah, dass die Hausherrin unterdessen von ihrer Reise zurückgekommen war, klopfte sie erst einmal an deren Tür. Als sie auch beim zweiten Klopfen keine Antwort bekam, trat sie ein, um wie gewohnt die Post auf den Schreibtisch zu legen. Dabei kam ihr eine Woge eisiger Luft entgegen. Die Glastür zum Garten stand weit offen und erst glaubte sie, es sei eingebrochen worden, nachdem sie auch die Glasscherben am Fuss der Wand entdeckt hatte. Doch dann sah sie auf dem Sessel neben der offenen Tür die sorgfältig abgelegten Kleider ihrer Chefin. Verwirrt wanderte ihr Blick von den eleganten Schuhen auf dem Teppich durch die offene Tür zur Fussspur im Schnee und dieser entlang bis zu einem Schatten inmitten der weissen Rasenfläche.

„Um Himmels Willen, Gwendolyn!“ schrie sie entsetzt, während sie die dicke Strickjacke vom Stuhl zerrte und sich hinaus ins Schneegestöber stürzte. Fassungslos starrte sie auf die nackte Gestalt, die reglos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken im Schnee lag. Lange konnte sie noch nicht daliegen. Die Fussspuren waren noch frisch. Aber die Lippen waren bereits blau angelaufen und der Körper war nass von geschmolzenen Schneeflocken. Kurzentschlossen packte die junge Frau die Arme ihrer Chefin, zog ihren Oberkörper aus dem Schnee und wickelte ihr die warme Kaschmir-Jacke fest um die nackten Schultern. Erleichtert sah sie, wie Gwendolyn langsam ihre Augen öffnete, während sie ihr mit der Hand sanft den Schnee aus dem Gesicht und den Haaren strich. Der Geruch von Alkohol in ihrem Atem überraschte sie nicht wirklich. Aber nie wird sie den flehenden Ausdruck dieser Augen vergessen, während sich die zitternden Lippen leise zu regen begannen. „Bitte verzeih mir, mein Kind!“ hörte sie ein kaum vernehmliches Stammeln, während sie der sichtlich verwirrten Frau auf die schwankenden Beine half und sie langsam zum Haus zurück führte.

„Verzeih mir!“

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Mimesis I (G wie Gehrock)

„Awkward“ war das Wort, das sie gesucht hatte, seit sie sich nach der morgendlichen Dusche angekleidet hatte. Denn genau so fühlte sich Jennifer in ihrem neuen Etuikleid: awkward. Der Stoff spannte über ihren Hüften, als sie in der Tiefgarage aus dem Wagen stieg und sich den ebenso neuen Gehrock elegant um die Schultern legte. Sie werde sich daran gewöhnen, hatte ihr die Verkäuferin gesagt. Das sei normal und das Kleid sitze einfach perfekt.

madeleine gehrock
Bild von Madeleine Damenmode

Jennifer wollte das gerne glauben, auch wenn das edle Stück sie immer wieder an ihre Problemzone erinnerte. Das Modegeschäft gehörte schliesslich zu den besten Adressen und sie hatte dafür ein Vermögen ausgegeben. Doch irgendwie fühlte sich das Ganze fremd an. War das wirklich sie? Was werden ihre Leute auf der Abteilung sagen? Und vor allem: Wie wird er reagieren?

Erstaunt stellte sie fest, dass ihre Hand in dem eleganten Lederhandschuh vor Aufregung zitterte, als sie den Finger nach dem Fahrstuhlknopf ausstreckte. Seit Wochen schlug ihr Puls höher, wenn sie den Lift betrat, um die lange Reise in ihr Büro im dreissigsten Stock des imposanten Bankenturms anzutreten. Dabei hatte sie diesen Typen eigentlich eher uninteressant gefunden, als er vor zwei Monaten das Büro des Abteilungsleiters bezogen hatte. Sicher, der Mann war gut. Er war kompetent und intelligent, einfühlsam und charmant, und irgendwie auch attraktiv, jedenfalls in den Augen ihrer Kolleginnen. Aber Jennifers spontane Reaktion war klar: Nicht mein Typ!

Doch diese erste Einschätzung hatte sie längst aus ihrem Bewusstsein verdrängt, als sie an diesem Morgen den leeren Fahrstuhl betrat und sich im grossen Spiegel an der Rückwand betrachtete. Auch wenn es sich ungewohnt anfühlte, das, was Jennifer sah, gefiel ihr. Der massgeschneiderte Gehrock lag perfekt über ihren Schultern und das Etuikleid kam noch besser zur Geltung als im kleinen Spiegel bei ihr zu Hause. Automatisch schlüpfte ihre Rechte aus dem Handschuh, um die Haare über ihren Schultern zu richten. Und plötzlich war ihr Unbehagen verschwunden. Plötzlich fühlte sich Jennifer stark. Nein, sie brauchte sich nicht zu verstecken. Schon gar nicht vor dieser Ziege.

Die Ziege hiess Amanda und teilte das Büro mit Jennifer. Die beiden hatten die Ausbildung gemeinsam durchlaufen und manche hielten sie für Schwestern. Aber nichts war Jennifer ferner als diese Vorstellung. Die Ziege repräsentierte für sie all das, was sie nie sein wollte: eine typische Bankentussi, fleissig, dienstbereit, und immer korrekt gekleidet im schicken Etuikleid mit passendem Gehrock oder im perfekt geschnittenen Zweiteiler mit weisser Bluse. Jennifer konnte es kaum ertragen, wenn die Ziege am Morgen das Büro betrat, ihre eleganten Handschuhe von den Fingern zupfte, um dann vor dem Spiegel ihre Haare zu richten. Und wenn sie dann hinter ihrem Computer sass, die Blazerjacke elegant um die Schultern drapiert, und begeistert davon erzählte, wie nett und aufmerksam der Chef doch gestern wieder gewesen sei, hätte Jennifer sie auf den Mond schiessen können. Für wen hielt sie sich eigentlich, diese Ziege. Glaubte sie wirklich…, wo doch jeder sehen konnte, dass sie ein zwei Kilo zu viel auf den Hüften hatte.

Das Bremsen des Fahrstuhles riss Jennifer aus ihren Gedanken und als sich die Tür zur 5. Etage öffnete, glaubte sie einen Moment lang zu träumen. Ungläubig starrte sie auf ihr eigenes, wohlbekannte Spiegelbild: Dezente Schuhe, eine schlichte, graue Stoffhose und ein klassisches blaues Twinset mit einem Strang weisser Perlen um den Hals, die Strickjacke im Stil von Grace Kelly elegant um die aufrechten Schultern drapiert. Und über all dem ein Gesicht, das sie genau so fassungslos anstarrte, wie sie sich selber fühlte.

Jennifer brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer da Schulter an Schulter neben ihr stand, als sich die Tür des Fahrstuhls wieder schloss. Wortlos starrten die beiden Frauen vor sich hin, während die Digitalanzeige die Stockwerke durchzählte. Das ist ein echtes Kaschmir-Twinset, fuhr es Jennifer durch den Kopf. Die Ziege muss ein Vermögen dafür ausgegeben haben. Dabei hatte sie sich noch vor kurzem über Jennys Vorliebe für klassische Twinsets lustig gemacht, ihren „Old-Lady-Style“, wie sie es zu nennen pflegte.

Jennifer war völlig verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte, als sich die Tür zur 12. Etage öffnete und eine Dame aus der Werbeabteilung den Fahrstuhl betrat. „Amanda, das ist gut, dass ich dich treffen, ich wollte…“, wandte sie sich an Jennifer. „Oh, sorry, ich…“. Die Erleichterung war der Frau anzusehen, als sie zwei Etagen später wieder aussteigen konnte. Dafür schaffte es Jennifer gerade noch, die zugleitende Tür zu stoppen, als sie ihren Kollegen aus der Buchhaltung heraneilen sah. Sie hatte vor einiger Zeit insgeheim geschwärmt für den sympatischen jungen Mann. Und so gab es ihr einen leisen Stich, als er sich nach einem flüchtigen Dank sichtlich nervös der Ziege zuwandte: „Ich weiss, du hast sicher schon andere Pläne. Aber vielleicht… ich meine… Jennifer, würdest du mich auf den Firmenball begleite?“. Nie wird sie vergessen, wie das Blut in die Wangen des jungen Mannes schoss, als sein Blick fassungslos von Amanda zu ihr wanderte.

„He, spinnst du!“ rief ihm die Praktikantin hinterher, nachdem er sie beim Verlassen des Fahrstuhles fast über den Haufen gerannt hatte. Kopfschüttelnd betrat sie den Lift und begann in einer Gratiszeitung zu lesen, während sich die Tür zu Etage 15 wieder schloss. Jennifer versuchte unterdessen verzweifelt, ihre Fassung zu bewahren. Ihre behandschuhten Hände suchten Halt am Kragen ihres Gehrockes, während ihr Blick über die Schulter der Praktikantin hinweg von einer fetten, roten Schlagzeile angezogen wurde: Der beliebte Moderator einer Late Night Show hat in der Nacht vor laufender Kamera sein Coming-Out gemacht. Und mehr noch, er hat auch gleich seinen Partner vorgestellt, einen attraktiven, aufstrebenden Jung-Banker. Ungläubig starrte Jennifer auf das Bild der beiden Männer, die ihr strahlend entgegenschauten. Und plötzlich spürte sie, wie ihre Beine nachzugeben drohten, während neben ihr leise ein zischendes Ausatmen zu vernehmen war.

Jennifer könnte nicht mehr sagen, auf welcher Etage die Praktikantin ausgestiegen war. Aber auf der Anzeige stand die 27, als sie und Amanda langsam ihre Köpfe drehten. Einen Moment lang starrten sie sich ausdruckslos an. Awkward, schoss es Jennifer durch den Kopf, während Amandas Finger verlegen mit den Perlen um ihren Hals spielten. Dann begannen Amandas Mundwinkel zu zucken. Erst nur ganz leicht, dann immer heftiger. Und unaufhaltsam, ob sie es nun wollte oder nicht, begannen sich auch die Muskeln in Jennys Gesicht zu regen…

 

Ein Beitrag zu Kleider machen Leute – von A-Z

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Engel in Weiss (Verletzter Held II)

Carola hatte sich vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Seit einer Woche waren es nur noch vier pro Tag. Doch als die Glocke des Kirchturms an diesem Morgen elf Uhr schlug, lagen bereits sieben Stummel im Aschenbecher vor ihr auf dem Tisch. Nachdenklich schaute sie der eleganten Dame hinterher, die sich zwischen den Tischen des Gartenkaffees hindurch entfernte. Das war sie also, die neue Geliebte ihres Mannes. Sie hatte sie sich anders vorgestellt, irgendwie jünger.

Walbusch04Bild von Walbusch

Sie hatte zuerst an einen Scherz geglaubt, als diese sie vor zwei Tagen anrief und um ein Gespräch bat. Sie hätte ihren Mann kennengelernt und er hätte ihr von ihr erzählt. Es sei ihr wichtig, sie einmal persönlich zu treffen. Die Stimme der Anruferin klang warm und sympathisch, und plötzlich war Carola neugierig, diese Frau kennenzulernen. Fast vier Jahre war sie nun schon getrennt von ihrem Mann und eigentlich war es ein Wunder, dass er nicht schon lange eine Neue hatte. Umso mehr, als sie es war, die ihn damals verlassen hat.

Als es vom Kirchturm zehn Uhr schlug, sass sie wie verabredet im Gartenkaffe, an einem diskreten Tisch im Schatten der grossen Linde. Nervös an ihrer Zigarette ziehend beobachtete sie die Umgebung. Dabei blieb ihr Blick instinktiv an einem weissen VW Polo hängen, der sich in der Seitenstrasse gegenüber mühsam in eine Parklücke zwängte. Gebannt schaute sie zu, wie eine Frau in einem weissen Pulli und eleganten, hellen Hosen aus dem Wagen stieg. Nachdem diese einen kurzen Blick zum Gartenkaffee hinüber geworfen hatte, nahm sie ihre Handtasche und eine weisse Strickjacke vom Rüecksitz. Und nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr eilte sie über die Strasse, während sie sich die Jacke elegant um die Schultern legte. Carola wusste sofort, dass sie es sein musste, und unwillkürlich zog sie die Jacke ihres eigenen Kaschmir-Twinsets über ihren Schultern zurecht.

Das Gespräch war erstaunlich gut verlaufen und Carola musste sich eingestehen, dass sie diese Frau mochte. Sie war nett und authentisch, einfühlsam und vor allem eine gute Zuhörerin. Sie würde ihrem Mann gut tun. Doch als sie ihr zusah, wie sie über die Strasse zu ihrem Wagen ging, in aufrechter Eleganz, mit den langen Ärmeln ihrer Strickjacke, die wie die Flügel eines Engels im leichten Wind um ihre Schultern wehten, da spürte sie ihn plötzlich wieder, diesen tiefen Schmerz, der sie seit Jahren begleitete. Ihre Finger zitterten, als sie sich eine neue Zigarette anzündete und bei der Bedienung ein Glas Rotwein bestellte. Und als der weisse Wagen um die Ecke verschwand, wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn noch liebte.

Sie hatten sich seit der Schulzeit gekannt. Es ging ihr damals nicht gut und er war der einzige Junge, dem es aufgefallen war und der sich um sie gekümmert hatte. Seine Freundschaft hatte ihr Halt und Sicherheit gegeben. Er hatte an sie geglaubt und ihr vertraut. Er hatte mit ihr lange Radtouren gemacht und sie auf ihren ersten Dreitausender geführt. Er war es, der sie ermutigt hatte, zu studieren und später ihr eigenes Geschäft zu gründen. Mit 25 hatten sie schliesslich geheiratet. Er hatte sich so darauf gefreut, Vater zu werden, doch all ihre Bemühungen blieben erfolglos. Und die Diagnose war eindeutig: das Problem lag bei ihr. Er hatte ihr damals die Treue gehalten. Gemeinsam hatten sie nach neuen Weisen der Fruchtbarkeit gesucht. Doch neben dem sozialen und politischen Engagement war es vor allem sein Beruf gewesen, der ihm den nötigen Halt gab. Nie würde sie seine Freude und seinen Stolz vergessen, als er zum Leiter der Bankfiliale in ihrem Wohnort befördert wurde. Zehn Jahre lang hatte er diese Verantwortung mit Leidenschaft wahrgenommen, bis zu jenem verhängnisvollen Tag, der sein und ihr Leben für immer verändert hat.

Carola fühlte sich plötzlich schwach. Mit einen grossen Schluck aus ihrem Weinglas spülte sie den schalen Geschmack aus ihrem Mund, bevor sie sich eine neuen Zigarette anzündete. Erschöpft lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und zog die Jacke ihres Twinsets enger um ihre Schultern. Ihr Blick schien leer in die Weite zu starren, aber vor ihrem inneren Auge sah sie seinen Blick. Diesen besorgten und verzweifelten Blick, als ihn die maskierten Männer nachts brutal aus dem Schlafzimmer schleppten. Es war derselbe Blick, den er schon als Junge hatte, wenn es ihr wieder mal so richtig dreckig ging. Er tat ihr leid. Es tat ihr so verdammt leid, dass er sich sein ganzen Leben lang immer wieder ihretwegen Sorgen machen musste.

Sie wusste natürlich, wie sehr es ihn schmerzte, als sie ihn vor vier Jahren verlassen hatte. Und am meisten quälte es sie, dass sie ihn im Glauben lassen musste, sie sei seinetwegen gegangen, weil sie seine Depressionen und Angstzustände einfach nicht mehr ausgehalten habe. Doch wie hätte sie ihm sagen können, was der wirkliche Grund war? Wie hätte sie ihm sagen können, was damals am Morgen des Banküberfalles geschah, als sie bei Tagesanbruch hilflos gefesselt und geknebelt auf dem Bett lag und schon gehofft hatte, ihr Bewacher sei unterdessen verschwunden. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie seinen Blick einfach nicht mehr ertrage, seit dieser Kerl plötzlich mit offener Hose vor ihr stand, ihr brutal das Klebeband von den Lippen riss und das speichelgetränkte Höschen aus ihrem Mund zog…

Carola musste gegen den spontanen Brechreiz ankämpfen, indem sie in einem Zug das Weinglas leerte. Mit zitternden Händen suchte sie in ihrer Tasche nach ihren Tabletten, als sie plötzlich wieder die kleine Visitenkarte in den Fingern hatte. Nachdenklich schaute sie auf die Adresse der Therapeutin. Eine Bekannte hatte sie ihr empfohlen. Sie sei die beste. Nicht ganz billig. Aber sie könne sich das ja leisten. Seit Wochen trug sie die Karte mit sich herum. Immer wieder war sie nahe daran gewesen anzurufen. Wie in Trance schaute sie zu, wie ihre Finger die Karte vorwärts und rückwärts drehten, sie dann langsam in Stücke rissen und unter den Zigarettenstummeln im Aschenbecher begruben.

Sie würde ihm gut tun, die Dame in Weiss. Carola spürte, dass sie die Richtige war für ihn, dass diese Frau ihm all das geben werde, was sie ihm nicht geben konnte. Und sie hätte sich so gerne für ihn gefreut, wenn da nicht diese bodenlose Leere und Einsamkeit gewesen wäre, die alles in sich zu verschlingen schien.

Wortlos ersetzte die Bedienung das leere Weinglas vor ihr mit einem vollen, während Carola resigniert die leere Zigarettenpackung betrachtete. Es war ruhig im Kaffee um diese Zeit, so kurz vor Mittag. Über ihr in den Zweigen der Linde stritten sich zwei Spatzen. Und auf dem Gehsteig hinter ihr hörte sie die Stimme eines kleinen Knaben:

„Mama, warum weint diese Frau?“

Schmetterling im Bauch

Juliane musste plötzlich über sich selber lachen. Irgendwie kam sie sich vor wie ein Teenager.

Bild1Bild von Cornelia Damemode

Eine Woche ist es her, seit dieser charmante, junge Student ihr Büro betrat, um in ihrer Abteilung sein Ferienpraktikum anzutreten. Sie hatte bisher nur seine Stimme am Telefon und ein eher unscheinbares Foto auf seiner Bewerbungsunterlage gekannt. Umso grösser war die Überraschung, als sie plötzlich diesem gross gewachsenen jungen Mann gegenüberstand. Obwohl er sie um fast einen Kopf überragte, war er sichtlich nervös und strahlte diesen Hauch von gehemmter Unsicherheit aus, der für junge Männer seines Alters so typisch war. Gleichzeitig ging von ihm eine eigentümliche Kraft aus, die Juliane unmittelbar berührte. Der junge Mann hatte sich einen dunkelblauen Kaschmir-Cardigan elegant um die aufrechten Schultern drapiert, was seiner Erscheinung eine reizvolle Spannung aus selbstbewusster Eigenständigkeit und femininer Verletzlichkeit verlieh. Entgegen ihrer ursprünglichen Absicht hatte sich Juliane damals spontan entschieden, die Zeit zu nehmen, dem jungen Praktikanten persönlich die Mitarbeiter und Räumlichkeiten der Arbeitsgruppe vorzustellen.

Es war lange her, seit sie ihn zum letzten Mal gespürt hatte, diesen stechenden Schmerz in der Seele. Doch nun war er plötzlich da, wie aus heiterem Himmel, nagend, quälend, in unbestreitbarer Deutlichkeit. Sie hatte wunderschön gewelltes, braunes Haar und trug ein langes, geblümtes Sommerkleid. Sie fiel Juliane sofort auf, als sie zögernd mit suchendem Blick die Betriebskantine betrat. Und als ob sie es geahnt hätte, strahlte das Gesicht der jungen Frau auf, als sich der Praktikant freudig winkend von seinem Platz am Fenster erhob, wo er alleine auf jemanden zu warten schien.

„Juliane, bist du ok?“ hörte sie plötzlich die besorgte Stimme ihrer Arbeitskollegin, die sich für eine Tasse Kaffee zu ihr an den Tisch gesetzt hatte. Ja, sie war ok, sagte sich Juliane, als sie sich kurz darauf im Spiegel der Damentoilette betrachtete. Verletzt und gekränkt wie ein verliebter Teenager, aber ok! Jetzt wieder ok! Sie wusste nicht recht ob sie über sich selber lachen oder weinen sollte. Hatte sie es wirklich nicht gecheckt? Oder wollte sie es einfach nicht wahrhaben? Oder war es einfach zu schön, zu aufregend, zu belebend in der allmählichen Routine von zwölf Jahren Ehe mit einem liebevollen Mann und zwei wunderbaren Kindern? Langsam zog Juliane ihr Telefon aus der Tasche und wählte die bekannte Nummer. Und ein tiefes Glücksgefühl überkam sie, als sie am andern Ende die vertraute Stimme ihres Mannes vernahm. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe. Und ich freue mich auf heute Abend!“, sagte sie. Dann wischte sie sich eine Träne aus den Augen, zog die Jacke ihres Twinsets um die Schultern zurecht, und als sie zu ihrem Tisch zurückkam, stand plötzlich der junge Praktikant und seine Begleiterin vor ihr:

„Entschuldigen sie, Juliane, darf ich ihnen meine Schwester Sandra vorstellen?“