Warum Sie? V (die Grossmutter)

(Kondolenzbrief der Grossmutter)

Warum sie 5

Ehrwürdige Schwester,

Zum Tod Deiner lieben Mutter möchte ich Dir mein herzlichstes Beileid aussprechen. Endlich durfte sie ihr leidvolles Dasein hinter sich lassen. Möge sie ihre Ruhe und ihren Frieden finden!

Entschuldige bitte meine Unbeholfenheit, aber ich weiss gar nicht, wie ich eine Ordensfrau ansprechen muss. Deine katholische Oma hatte mir alten Protestantin damals so einiges beigebracht, aber darauf hatte sie mich nicht vorbereitet. Dass ausgerechnet Du einmal eine Klosterfrau werden würdest, hätte selbst sie sich wohl kaum träumen lassen.

Du wirst Dich wahrscheinlich fragen, warum ausgerechnet ich Dir heute schreibe, nachdem ich all die Jahre nichts von mir habe hören lassen. Es gibt einige Gründe, die mich zu diesem Schritt bewogen haben, doch der Wichtigste wird Dich vielleicht am meisten überraschen: Du fehlst mir.

Ich weiss nicht, ob Deine Mutter es Dir erzählt hat, aber zwei Wochen vor ihrem Tod hatte ich sie noch in der Klinik besucht. Sie war bereits sichtlich gezeichnet, aber es ging ihr relativ gut. Man hatte ihr Bett auf den Balkon geschoben und wir verbrachten einen wunderbaren Moment mit Blick auf den See.

Weisst Du, Deine Mutter konnte es vielleicht nicht so zeigen, aber sie war unglaublich stolz auf Dich. Sie hatte mir erzählt, dass sie Dir einen Brief geschrieben hat, den sie Deiner Priorin für den Moment ihres Todes übergeben hat. Und ja, sie hat mir auch anvertraut, was sie Dir darin mitgeteilt hat: Dass mein Sohn nicht Dein leiblicher Vater ist.

Deine Mutter hatte Recht. Ich hatte es die ganze Zeit geahnt. Es war etwas an ihrem Blick, damals, als sie mir eröffnet hatte, dass sie endlich schwanger sei. Aber ich hatte sie nicht gefragt. Ich wollte es gar nicht wirklich wissen. Und es ist mir auch heute nicht wichtig. Du wirst für mich immer meine Enkelin sein.

Eigentlich hatte ich fast gehofft, dass mein Sohn keine eigenen Kinder haben würde. Denn ich war je länger je mehr davon überzeugt, dass der Untergang unserer Bank auch mit dem inneren Zerfall unserer Familie zu tun hatte. Unsere Urväter hatten es zur Zeit der Belle Époque mit ihrer Privatbank zu Reichtum und Ansehen gebrachte und ihren Höhepunkt während des 2. Weltkriegen durch die Einlagen namhafter jüdischer und deutscher Fluchtgelder erlebt. Doch schon bald danach begannen sich die Krisen zu folgen. Und es waren immer auch Krisen unserer Männer. Und wenn ich hier von „uns“ rede, ist das eben auch Teil unseres Problems: Meine Mutter war die älteste Schwester des Haupterben, dessen Sohn ich geheiratet habe.

Es war eine reine Zweckehe, wobei ich immerhin sagen darf, dass ich meinen Cousin sehr gemocht habe. Er war unglaublich begabt, aber leider auch sehr sensibel. Als Teenager hatten wir oft zusammen Violinsonaten von Schubert und Mozart gespielt. Er war ein wunderbarer Geiger und auch ich hatte leidlich gut Klavier gespielt, bis wir geheiratet haben. Ich war damals gerade 20 geworden, hatte ein brillantes Abitur im Sack und hätte eigentlich gerne Medizin studiert. Aber mit 21 war ich schwanger mit Deinem Stiefvater. Für die Musik blieb da keine Zeit mehr, zumal mein Mann gleichzeitig in der Bank einsteigen musste.

Er war damit völlig überfordert und die Erwartungen seines strengen Vaters hatten ihn von Anfang an sehr belastet. Als dieser bei einem Reitunfall ums Leben kam, musste mein Mann die Leitung der Bank übernehme, mit gerade mal 25 Jahren. Er ist daran zerbrochen. Er hatte schon immer unter Depressionen gelitten. Nun kam der Alkohol dazu, und irgendwann die Drogen. Als man mir schliesslich eines Tages mitgeteilt hat, dass er mit seinem Wagen in die Schlucht gestürzt war, kam das für mich nicht wirklich überraschend. Offiziell war es ein Unfall. Was auch immer die Wahrheit ist, für ihn war es eine Erlösung.

Doch warum schreibe ich Dir das alles? Ich möchte, dass Du verstehst, woher Dein Stiefvater kommt und warum er so ist, wie er ist. Mein Sohn ist seinem Vater sehr ähnlich. Er hat unglaublich darunter gelitten, zusehen zu müssen, wie dieser buchstäblich zugrunde gegangen ist. Und ich in meiner Ohnmacht konnte ihm auch nicht wirklich helfen. Ich war völlig überfordert mit dem Leiden meines Mannes, und nach seinem Tod musste ich mich um den Scherben- und Schuldenhaufen in der Bank kümmern. Mein Sohn war damals schon 15, aber ich hatte nicht die Kraft, ihm den Wunsch auszuschlagen, in seiner Verzweiflung bei mir im Bett schlafen zu dürfen. Wobei ich heute ehrlicherweise nicht mehr sagen kann, wer von uns beiden die haltenden Arme des anderen in dieser Zeit mehr gebraucht hat.

Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, dass das eigentlich krank war, dass es gleichzeitig aber auch Ausdruck dieser inzestuösen Atmosphäre war, die unsere Familie wohl letztlich zugrunde gerichtet hat. Dass ich mir damals schliesslich einen anderen Mann ins Bett geholt hatte, war vor allem meiner Unfähigkeit geschuldet, meinem Sohn einfach nein zu sagen. Mir ist klar, wie sehr ich ihn damit verletzt habe, aber mein Gott, ich war damals gerade mal 36, und ich hatte niemanden, der mir gesagt hätte, was ich tun soll.

Seine Enttäuschung hatte dann immerhin den positiven Effekt, dass er mir unbedingt beweisen wollte, dass er es selber schafft und dass er nicht so ein Versager sei wie sein Vater. Und das ist ihm damals tatsächlich erstaunlich gut gelungen. Dabei hatte er sich klar von mir abgegrenzt und mir zu verstehen gegeben, dass er meine Hilfe nicht braucht. Und der Höhepunkt seiner Emanzipation von mir war schliesslich die Heirat mit Deiner Mutter, obwohl oder gerade weil er wusste, wie sehr ich gegen diese unpassende Verbindung war.

Ja, ich gebe es gerne zu, ich hatte Deine Mutter nicht gemocht. Ich hielt sie für unkultiviert, vulgär und überheblich, mit ihrem Anspruch, ausgefallenen Mode für sogenannt moderne Frauen machen zu wollen. Doch vor allem hielt ich sie nicht für fähig, Dich im Geiste unserer Familie und Tradition zu erziehen. Aber es spricht für die Klugheit Deiner Mutter, dass sie sich ihrer Grenzen sehr wohl bewusst war und von Anfang an ihre eigene Mutter und mich in Deine Erziehung miteinbezogen hat. Das hat sie zwar einiges an Überwindung gekostet, weil sie uns beide nicht besonders mochte. Aber sie hatte wohl keine andere Wahl.

Deine Oma hatte ich in dieser Zeit als eine bemerkenswerte Frau kennenlernen dürfen. Ich weiss wohl, dass Deine Mutter bis zuletzt einen unversöhnlichen Hass gegenüber ihrer eigenen Mutter gepflegt hat. Sie hat ihr nie verzeihen können, dass sie jahrelang im Namen einer katholischen Ehemoral schweigend alle Misshandlungen durch ihren Gatten erduldet hat, während dieser seinerseits seine Gewaltausbrüche mit biblischer Zucht und Strafe zu rechtfertigen suchte. Das war der Ursprung ihrer Ablehnung des christlichen Glaubens, verstärkt noch durch den Umstand, dass sie glaubte, letztendlich wegen der Frömmigkeit ihrer Mutter von ihrem Vater verlassen worden zu sein. Dass es ihre Mutter war, die eines Tages mit ihrer Tochter doch noch aus dieser Terrorbeziehung geflohen war, hatte Deine Mutter, die damals noch ein kleines Mädchen war, entweder gar nicht realisiert oder später verdrängt.

Ich hatte jedenfalls Deine Oma als weise und kluge Frau erlebt, die sehr unter der Ablehnung ihrer Tochter gelitten hat. Und gleichzeitig habe ich nie gehört, dass sie ein schlechtes Wort über Deine Mutter gesagt hätte. Ja, natürlich hatte sie sich Sorgen gemacht über deren Lebenswandel in der Welt der Mode und des Jetsets, unter der sie sich kaum etwas vorstellen konnte und die ihr entsprechend Angst machte. Aber das ganze Gerede von Sünde und Teufel entsprang wohl mehr den Projektionen und Schuldkomplexen Deiner Mutter als dem Glauben Deiner Oma.

Ich werde nie diesen Winterabend vergessen, als sie einmal bei mir zu Besuch war und wir vor dem brennenden Kamin über Gott und den Glauben diskutiert haben. Du warst damals etwa ein Jahre alt und hast die ganze Zeit über in ihren Armen geschlafen. Ich hatte ihr erzählt, dass ich als Kind auch streng gläubigen erzogen worden war und jede Woche in die Sonntagsschule musste. Wir Mädchen waren damals auf Zucht und Demut getrimmt worden. Wir trugen hochgeschlossene Kleider und dicke Strümpfe, und später dann klassische Kostüme und Twinsets. Es galt selbstverständlich alles zu vermeiden, was den Anschein von Hochmut und die Begierde der Männer erwecken könnte.

In gut protestantischer Tradition hatte sich das christliche Selbstverständnis unserer Familie auf die Tatsache unserer wirtschaftlichen Prosperität gegründet. Gottgefälligkeit wurde an Glück, Reichtum und Ansehen gemessen. Dass diese Logik für mich mit der Zeit unweigerlich Brüche bekommen musste angesichts des unübersehbaren Zerfalls unserer Familie, ist leicht nachvollziehbar. Und so hatte ich mich schon als Teenager und dann definitiv beim Tod meines Schwiegervaters vom christlichen Aberglauben abgewendet und mich in einen aufgeklärten Agnostizismus geflüchtet. Rein äusserlich beschränkte sich meine Emanzipation aber darauf, meinem Mädchentraum Grace Kelly zu folgen und zu beginnen, die Jacken meiner Twinsets um die Schultern drapiert zu tragen, was mir von Seiten meiner Mutter prompt den Vorwurf von Hochmut und Arroganz eingebracht hat.

Die Geduld und Liebe aber, mit der Deine Oma sich damals meine Geschichte und meine immer emotionaler gewordene Rechtfertigungstirade angehört hatte, hinterliess bei mir einen tiefen Eindruck. Es war das erste Mal, dass ich mit jemandem über dieses Thema reden konnte. Noch tiefer aber hatte mich berührt, dass Du damals während der ganzen Zeit in ihrem Schoss ruhig weitergeschlafen und nicht einen Ton von Dir gegeben hast. Wo Du doch in meinen Armen jeweils kaum zur Ruhe gekommen bist. Was hast Du bei Deiner Oma gespürt, was Du bei mir nicht gespürt hast. Was hatte sie, was ich nicht habe? Die Frage begleitet mich bis heute.

Wie auch immer, Du hast in den folgenden Jahren Deinen beiden Omas viel Freude gemacht. Wie sehr hatten wir gelacht, als Du mit knapp vier Jahren plötzlich mit einer meiner Strickjacken aufgetaucht bist und zum ersten Mal „Oma“ gespielt hast. Wie stolz waren wir auf Dich, als Du Dich so aufopferungsvoll für dieses arme Mädchen aus der Parallelklasse eingesetzt hast. Und wie sehr waren wir schockiert, als man Dir vorgeworfen hat, mit diesem Priester geschlafen zu haben. Für Deine Oma war das ein schwerer Schlag, der wohl ihren Tod beschleunigt hat. Sie hatte nie daran geglaubt, genau so wenig wie ich. Dass ich mich damals nicht für Dich eingesetzt hatte, gehört zu den Dingen, die ich mir nicht verzeihen kann. Heute bin ich einfach dankbar, dass Deine Oma die Geschichte mit dem Überfall nicht mehr miterleben musste.

Du kannst Dir vorstellen, dass Deine Entscheidung, Nonne zu werden, auch für mich ein Schock und eine ziemliche Herausforderung war. Warum Du? Und warum ausgerechnet jetzt? Du hattest Dich so wunderbar entwickelt und selbst ich hatte begonnen, mich in der Hoffnung zu wiegen, dass es mit Dir doch noch einmal eine Zukunft für unsere Bank geben könnte. Darum war ich im ersten Moment einfach nur wütend auf Dich. Wütend, weil Du meinen Sohn enttäuscht hast und weil Du uns einfach verlassen hast. Wütend aber vor allem auch, weil ich sofort gespürt hatte, dass Dein Stiefvater zusammenbrechen würde und es einmal mehr an mir, der guten alten Cousine liegen würde, den ganzen Laden zusammenzuhalten.

Doch unterdessen habe ich wieder die nötige Distanz und Ruhe gefunden. Ich habe mit meinem Sohn und der Familie gesprochen und wir werden demnächst unsere Anteile an der Bank verkaufen. Ich spüre Frieden und Zuversicht bei dieser Entscheidung. Und ich möchte Dir einfach sagen, dass ich Dir in keiner Weise mehr böse bin und dass Du Dich für nichts verantwortlich oder gar schuldig fühlen sollst.

Der Brief ist länger geworden, als ich dachte. Und wenn ich nachlese, was ich geschrieben habe, dann tönt es für mich fast ein wenig wie das, was Ihr wohl Beichte nennen würdet. Ich kann nur hoffen, dass der Gott Deiner Oma, wenn es ihn denn wirklich gibt, mir, der alten protestantischen Agnostikerin verzeihen kann. Vor allem aber hoffe ich, dass Du, meine Liebe, mir eines Tages verzeihen kannst, was ich und meine Familie Dir angetan haben.

Ich weiss nicht, ob es möglich ist und ob Du es überhaupt wünschst, aber ich würde mich sehr freuen, Dich einmal besuchen zu dürfen. Ich hätte Dir noch so viel zu sagen. Vor allem aber sehne ich mich danach nachzuholen, was ich nie getan habe: Dir zuzuhören.

Sei von ganzem Herzen gegrüsst

Deine Grossmutter

 

PS: Deine Mutter hat mir zum Abschied ihre formlose aber so wunderbar kuschlige Wickelstrickjacke aus ihrer letzten Kollektion geschenkt. Ich trage sie um die Schultern beim Schreiben Deines Briefes. Und als ich von der Klinik nach Hause kam, habe ich die ganzen Familienfotos und die Rosen vom Flügel geräumt und zum ersten Mal seit Jahren wieder Mozart gespielt. Meine Finger sind alt geworden, aber ich fühle mich wieder jung. Und seit heute Morgen ist auch der Flügel wieder gestimmt.

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3 Gedanken zu “Warum Sie? V (die Grossmutter)

  1. Endlich ein kleiner Lichtblick in dieser leidvollen Geschichte …
    Eine Frau , die über ihren Schatten springen kann , die in der Lage ist andere Menschen und deren Gefühle wahrzunehmen … auch wenn sie in entscheidenden Situationen vorerst an sich gedacht hat …
    Zumindest ist sie in der Lage , das zu erkennen und auch zu verbalisieren und irgendwie auch um Entschuldigung zu bitten …

    Gefällt 1 Person

    1. Ich habe eher den Eindruck, dass diese Lady nie wirklich gelernt hat, auch an sich zu denken. Sie musste immer zurückstehen hinter den Interessen der Familie. Und so wie sie ihre Gefühle dafür opfern musste, hat sie eben auch die Gefühle der anderen geopfert. Ihr Bekenntnis „du fehlst mir“ ist da schon eine ziemlicher Fortschritt… wie auch immer, ich mag sie auch 🙂

      Gefällt 1 Person

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