Verletzter Held

Thorsten ging es gut. Zum ersten Mal seit seiner vorzeitigen Pensionierung vor fünf Jahren ging es ihm wirklich gut. Er genoss den salzigen Geruch des Meeres, der sich mit dem herben Duft seines Kaffees vermischte, als er auf der Veranda seines Hauses frühstückte. Über dem Wasser quietschten die Möwen, während sich hinter ihm im Radio die Morgennachrichten ankündigten.

Zwischenablage01Bild von Brooksbrothers

Seit zwei Jahren hatte Thorsten dieses kleine, idyllische Haus an der Nordsee, und seit zwei Monaten hatte er sie. Sie war Mitte fünfzig, Mutter von drei Kindern und seit fünf Jahren verwitwet. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und heute wollte sie zum ersten Mal kommen, mit dem Zug um 16 Uhr, um seinen 60. Geburtstag mit ihm zu feiern. Seit Tagen hatte er sich auf diesen Moment gefreut.

Er war gerade im Begriff, sich eine zweite Tasse Kaffee aus der Maschine zu lassen, als er im Radio plötzlich den Namen des benachbarten Dorfes hörte: „… in der Nähe von Dornum wurde in der vergangenen Nacht ein junges Ehepaar von maskierten Tätern in ihrem Haus überfallen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung fehlt von den Tätern bis zur Stunde jede Spur.“ Wie gelähmt stand Thorsten da und es war ihm, als ob in ihm drin all die Mauern ins Wanken gerieten, die er sich in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut hat. Plötzlich war sie wieder da, diese Angst, diese lähmende Ohnmacht und das nagende Schuldgefühl. Plötzlich war er wieder da, der „kleine“ Thorsten.

Seine Hände zitterten, als er sich mit der Tasse Kaffee an den Tisch setzte. Was war nur mit ihm los? Und warum ausgerechnet jetzt? Natürlich kannte er diese Gefühle nur zu gut. Aber er hatte doch gehofft, sie endlich einmal einigermassen im Griff zu haben, nach fünf Jahren Therapie, nach fünf langen Jahren geduldiger Versöhnungsarbeit mit dem „kleinen“ Thorsten. Sollte denn alles Vergeblich gewesen sein? Sollte es ihnen letztlich doch gelungen sein, ihn zu zerstören?

Es war an einem Donnerstag im Oktober, vor genau fünf Jahren. Sie kamen in den frühen Morgenstunden, maskiert, mit schallgedämpften Waffen. Thorsten wurde brutal aus dem Bett gezerrt und gezwungen sich anzukleiden, während einer der Männer sich um seine Frau kümmerte. Nie wird er ihren verzweifelten Blick vergessen, als er sie hilflos mit Klebeband gefesselt und geknebelt in den Händen dieses Mannes zurücklassen musste. Die Männer waren gar nicht begeistert, als ihnen klar wurde, dass er als Filialleiter den Haupttresor nicht alleine öffnen konnte. Es waren die längsten zwei Stunden seines Lebens, ausgestreckt auf dem Boden des Personalraums, an Händen und Füssen gefesselt und mit seinen eigenen Socken im Mund geknebelt. Und dann hörte er sie kommen. Zuerst das Geräusch ihrer Wagen, dann das Klappern ihrer Schuhe, dann ihre Schlüssel. Ahnungslos gingen sie in die Falle, als erste die Kassiererin, dann wenige Minuten später seine Stellvertreterin und die Praktikantin. Und er konnte nichts dagegen tun. Nie wird er das ätzende Geräusch des Klebebandes vergessen, als die Frauen eine nach der anderen neben ihm auf dem Boden gefesselt und geknebelt wurden. Und immer wieder sah er ihre verzweifelten Gesichter vor sich, die ihn flehend anschauten, bevor sie hinter den Seidentüchern und Strickjacken verschwanden, die man ihnen um die Augen band.

Thorsten hatte versucht zu vergessen. Aber es ging nicht. Kopfschmerzen, Panikattacken, Alpträume, und immer öfter mal etwas zu viel Alkohol. Erst wurde er krankgeschrieben. Dann nach einem Jahr liess er sich vorzeitig pensionieren. Offizielle Diagnose: Burnout. Kurz danach verliess ihn seine Frau. Sie schien zwar den Überfall einigermassen verdaut zu haben, war aber mit der Situation ihres Mannes überfordert. Von einem Tag auf den anderen war er ein gebrochener Mann, geplagt von Ängsten und Schuldgefühlen. Er hatte zwar sofort eine Therapie begonnen, aber es sollte drei Jahre dauern, bis plötzlich die Bilder wieder kamen und er bereit war, dem „kleinen“ Thorsten zu begegnen.

Thorsten war damals sehr klein, kaum sechs Jahre alt, als ihm schlecht war und er früher aus dem Kindergarten nach Hause kam. Seine Mutter war alleinerziehend, arbeitslos und nicht selten krank. Als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, hörte er sie stöhnen, heftig stöhnen. Sie lag im Bett, nackt, über ihr ein Mann, riesig und nackt. Ihre Hände waren in seinen Rücken gekrallt, ihr Kopf in den Nacken geworfen, ihre Augen geschlossen. Der kleine Thorsten wollte schreien. Aber er konnte nicht. Er versteckt sich in seinem Zimmer, am Boden hinter dem Schrank, zitternd mit angezogenen Knien und nasser Hose. In diesem Moment begriff er ein für allemal: Er konnte seine Mutter nicht beschützen.

Es war unterdessen 11 Uhr. In einer halben Stunde würde sie den Bus nehmen, der sie zum Bahnhof bringt. Thorsten spürte die quälende Angst in seinem Bauch. Vor seinen Augen tauchte immer wieder das junge Paar auf, nachts in ihrem Ferienhaus, kaum mehr als zwei Kilometer entfernt. Vielleicht sass er noch auf der Veranda, als es geschah. Und immer wieder sah er diese Gesichter vor sich, der flehende Blick seiner Frau, die verzweifelten Tränen seiner Praktikantin, die hilflose Wut der Kassiererin, und das verzerrte Gesicht seiner Mutter. Er hatte ihnen nicht helfen können. Er hatte sie nicht beschützen können.
Er würde auch sie nicht beschützen können.

Der Kaffee war schon lange kalt geworden, als er schliesslich nach dem Telefon griff. Minutenlang hielt er es in seinen Fingern, bis er endlich ihre Nummer wählte. Sein Herz pochte laut in seiner Brust, als er auf den Klingelton wartete. Aber sie hatte die Combox eingeschaltet. Verzweifelt suchte er nach den Worten, die er sagen wollte. Doch als der Piepton kam, hielt er plötzlich inne. Schweigend starrte er aufs Meer hinaus, während das Band ablief. Und als das Schlusszeichen ertönte, schaltete er das Telefon aus.

Er hatte noch viel zu erledigen, bis sie kam. Entschlossen nahm es seine Jacke vom Haken und machte sich auf den Weg ins Dorf. Er wollte sich noch die Haare schneiden lassen. Und dann brauchte er noch ein paar Rosen, weisse, die mochte sie so gern…

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Fleck im Reinheft

Jordan hätte allen Grund gehabt, stolz auf sich zu sein. Soeben hat er seinen College Abschluss mit summa cum laude bestanden. Er sah gut aus, war allgemein beliebt und seine Professoren sagten ihm eine grosse Zukunft voraus. Und doch war ihm an diesem Abend nicht zum Feiern zumute. Während seine Kommilitonen die Bars von Oxford unsicher machten, sass er alleine in seinem Zimmer und nippte lustlos an einem Whisky. Und hinter den ausdruckslosen Zügen seines Gesichts nagte die Angst, die Angst vor dem Menschen, der sein Leben in der Hand hatte, der ihn mit einem Wort zerstören konnte.

Portrait_015Bild von Brooksbrothers

Warum war sie gekommen? Wie konnte sie ihm das antun? Jordan war gerade im Begriff gewesen, auf der Bühne der Aula sein Diplom in Empfang zu nehmen, als sich die Tür öffnete und seine Tante den Saal betrat. Mit ihren 55 Jahren war die älteste Schwester seines Vaters immer noch eine äusserst attraktive Dame und manch ein männlicher Blick folgte ihr, als sie dem Gang entlang nach vorne kam, um ihren reservierten Platz neben Jordans Eltern einzunehmen. Sie trug ein weinrotes Kleid, dunkle Strumpfhosen und schwarze Handschuhe, und hatte sich einen langen, schwarzen Mohair-Strickmantel elegant um die Schultern gelegt. Starr vor Schreck sah ihr Jordan zu, wie sie den Strickmantel von den Schultern nahm und sich über den Arm legte, bevor sie sich anschickte, sich den Weg durch die Stuhlreihe zu ihrem Platz zu bahnen. Und dann trafen sich ihre Blicke, und als sie ihm lächelnd zuwinkte, fühlte er sich plötzlich nackt auf der Bühne, ausgeliefert und blossgestellt. Plötzlich war ihm, als ob sie es alle wüssten, seine Eltern, seine Kommilitonen, einfach alle.

Zehn Jahre ist es her, er war damals gerade vierzehn geworden, als er den Urlaub bei seiner Tante auf dem Land verbringen durfte. Jordan verehrte seine Tante. Er liebte es, mit ihr durch die Wälder zu streifen, im Garten zu arbeiten und stundenlang vor dem Kaminfeuer zu sitzen und über Gott und die Welt zu diskutieren. Und er liebte ihren Kleiderschrank.

Irgendwann hatte er begonnen, heimlich in ihr Zimmer einzudringen, wenn sie zu Terminen in die Stadt gefahren ist. So auch an diesem verhängnisvollen Tag, dem letzten Tag seines Urlaubs. An diesem Tag hatte er ein ganz bestimmtes Ziel: den langen, schwarzen Mohair-Strickmantel, das Lieblingsstück seiner Tante. Sie hatte ihn am Vortag getragen und er lag immer noch über der Lehne des Sessels in ihrem Zimmer. Jordan zitterte vor Aufregung, als seine Hand nach dem edlen Stück griff. Wie in Trance genoss er den feinen Duft des Parfüms, das ihm aus der feinen Wolle in die Nase stieg. Fast zwei Stunden sass er eingehüllt in den warmen Strickmantel im Salon und versuchte, in einem Buch zu lesen. Dann drängte es ihn unwiderstehlich in sein Zimmer. Und als er sich auf seinem Bett nackt in das weiche Mohair wickelte, geschah es. Sein Körper machte sich selbständig. Panik ergriff ihn, als er die Spuren seiner Lust in der feinen Wolle entdeckte. Und als er sich im Bad daran machen wollte, den Schaden zu beheben, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er schaffte es gerade noch, das verhängnisvolle Stück im Wäschekorb verschwinden zu lassen, als seine Tante auch schon die Treppe hochkam.

Spät nachts, als er sicher war, dass seine Tante schlafen würde, schlich er sich ins Bad. Doch der Wäschekorb war leer. Es war die schrecklichste Nacht seines Lebens. Und als seine Tante am Morgen an seine Tür klopfte, glaubte er sterben zu müssen. Wie betäubt sass er am Tisch, während sie ihm wie jeden Tag sein Lieblingsmüsli bereitete. Und als er in den Keller ging, um seine Wanderschuhe einzupacken, sah er ihn daliegen, frisch gewaschen, auf einem Tuch ausgebreitet über dem Wäscheständer. Seine Tante packte ihm noch einen selbstgemachten Kuchen und zwei seiner Lieblingsbücher ein, bevor sie ihn zur Bahn begleitete. Er wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen, als sie ihn zum Abschied sanft auf die Stirn küsste. Es sollte das letzte Mal sein. In den folgenden Jahren hatte er immer gute Gründe, ihrer Einladung aus dem Weg zu gehen.

Jordan war froh, dass seine Tante nach der Feier nicht zum Essen bleiben konnte. Aber seine Festlaune war dahin und als seine Kollegen sich abends auf den Weg in die Stadt machten, hatte er sich auf sein Zimmer zurückgezogen. Dort hatte ein Packet mit einem Brieflein auf ihn gewartet. Ungläubig hatte er auf die dicke, dunkelgrüne Kaschmir-Jacke gestarrt, die sich zwischen seinen Händen entfaltete, als er das Packpapier entfernte. Sie passte perfekt. Ein warmer Trost in einer trostlosen Stunde.
Es war kurz vor elf. Er wollte sich gerade etwas Whisky nachfüllen, als er plötzlich das Brieflein auf dem Tisch bemerkte. Erschöpft von den Emotionen des Tages, zog er die kleine Karte aus dem Umschlag.

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Langsam liess sich Jordan in den Sessel zurückfallen. Und ganz allmählich begannen die ersten Tränen von seinen Wangen ins weiche Kaschmir seiner Strickjacke zu tropfen.

Strahlende Augen

„Hey, Lene, schön dass du gekommen bist!“
Es tat ihr gut, die strahlenden Augen ihrer Freundin zu sehen, ihre herzliche Umarmung zu spüren, und den Geruch ihrer Haare. Anna-Lena hatte lange gezögert, ob sie kommen sollte. Geburtstagsfeiern waren nicht ihr Ding. Aber es war ihre beste Freundin, ihre einzig wirkliche. „Er ist auch schon da, drüben im Salon“, hörte sie sie sagen, als sie am Arm genommen und ins Haus geführt wurde, „auf geht’s Lene, jetzt oder nie!“

Zwischenablage02Bild von cashmere-house.de

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Wie kam sie dazu, ihn einzuladen? Sie wusste es doch! Anna-Lena fühlte sich etwas überfahren, als sie sich plötzlich alleine inmitten der plaudernden Gäste wiederfand. Der spontane Ärger hatte schnell einer diffusen Mischung aus Erregung und Angst Platz gemacht. Am liebsten hätte sie gleich wieder das Weite gesucht, aber schon drückte ihr jemand ein Glas Weisswein in die Hand. Nach und nach tauchten einzelne bekannte Gesichter vor ihr auf, zwei leichte Küsschen hier, ein kurze Umarmung da. Und dann sah sie ihn. Er stand etwas abseits, am Eingang zur Bibliothek, im Gespräch mit einer älteren Dame. Anna-Lenas Herz schien zu rasen in ihrer Brust. Als ob er es gespürt hätte, drehte er sich um. Und wenn sie noch eine letzte Bestätigung gebraucht hat, dann war es dieses spontane, ehrliche Strahlen, dass ihr auf seinem Gesicht entgegenkam.

Als sie etwas später im Badezimmer ihrer Freundin stand, war sie wie verwandelt. Zum ersten Mal in ihren Leben genoss es Anna-Lena, sich im Spiegel zu betrachten. Sie hatte sich nie hübsch gefunden und je mehr sie versuchte, sich schön zu machen, desto abstossender hatte sie sich gefühlt. Seit dem Selbstmord ihres depressiven Vaters hatte sie keine Gnade mehr gefunden vor den Augen ihrer Mutter. Sie war damals gerade mal acht. Der einzige Weg zu etwas Anerkennung führte über die Schule und das Schwimmbecken. Ein brillantes Abitur, ein summa cum laude an der Uni und diverse Pokale zeugten von der radikalen Konsequenz, mit der sie Geist und Körper zu beherrschen gelernt hatte. Doch all dies schien plötzlich unbedeutend angesichts dieser strahlenden Augen, die sie meinten. Plötzlich fühlte sie sich ganz leicht. Spontan schlüpfte sie aus der Jacke ihres Twinsets und legte sich diese elegant um die Schultern. Und nach kurzem Zögern griff sie nach einem der Lippenstifte ihrer Freundin, die auf der Ablage standen.

Hand in Hand gingen sie schweigend durch den nächtlichen Garten, begleitet von der leisen Musik aus dem Haus und den Stimmen der Gäste, die auf der Terrasse plauderten und rauchten. Anna-Lena war glücklich. Doch je weiter sie sich vom Haus entfernten, desto mehr schien sich etwas in ihr zu verspannen. So sehr hatte sie sich danach gesehnt, in den Arm genommen zu werden. Doch als sich seine Arme schliesslich sanft um sie legten und seine Lippen zögernd nach den ihren tasteten, zog sich alles in ihr zusammen. Sie versuchte verzweifelt, sich nichts anmerken zu lassen. Doch als sein Körper näher rückte und seine Hand langsam unter den Bund ihrer Hose glitt, schien sich ihr Körper aufzulösen. Ihre Augen starrten in den Nachthimmel. Und plötzlich waren sie wieder da, die Augen von Fury, dem Pferd, dessen Bild sie als Kind über ihrem Bett hängen hatte. Und ihr stummer Schrei verlor sich in der Dunkelheit, die sich schwer über sie legte.

„Um Himmels Willen, Anna-Lena, was ist mit dir?“, hörte sie plötzlich seine Stimme. Langsam löste sie sich aus der Erstarrung und als sich ihr Blick senkte, sah sie im Mondschein die erschreckte Sorge in seinen Augen. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Anna-Lena, es tut mir leid!“ hörte sie ihn noch rufen, als sie durch den Garten zum Haus rannte. Und nur Sekunden später sass sie auf ihrem Fahrrad, während sich die zurückgebliebenen Gäste verblüfft anschauten, ihre Freundin den ausgeschütteten Rotwein auf dem Teppich mit Salz bestreute und er auf dem Kiesweg im Garten nachdenklich die Jacke ihres Twinsets aufhob.

Über eine Stunde schon liess sie das warme Wasser über ihren Körper strömen. Nackt, mit angezogenen Knien sass sie in der Dusche und weinte. Und dabei war sie so wach wie nie zuvor in ihrem Leben. Plötzlich war alles klar, wie wenn sich der Nebel verzogen hätte. Plötzlich hatten alle Puzzleteile ihren Platz: die Bilder, die Träume, die Schmerzen und die Angst, alles, was immer schon da war, was immer schon irgendwie gewusst aber einfach nicht geglaubt werden durfte. Plötzlich war es wahr, durfte es wahr sein, durfte es geglaubt werden. Es tat weh, höllisch weh.
Aber es war gut.

Durch ihre Tränen hindurch sah Anna-Lena immer wieder diesen Blick,
seine strahlenden Augen, die sagten: „Ich möchte, dass du lebst!“
Sie wusste, dass er ihr glauben wird.

Lebendige Hoffnung

Lady Victoria liebte diese gepolsterte Nische am Fenster ihres Arbeitszimmers. Wenn sie nicht gerade in eines ihrer Bücher versunken war, wanderte ihr Blick durch das Fenster in den Park, und von dort der gepflegten Allee von Pappeln entlang, die von der Hauptstrasse zu dem kleinen Landschloss hinauf führte. An manchen Tagen sass sie einfach nur so da, stundenlang, eingehüllt in eine ihrer Strickjacken, der Blick in die Ferne schweifend, als ob sie auf jemanden warten würde.

Zwischenablage01Bild von Cashmerecentre

Auch heute war so ein Tag. Zum ersten Mal seit langem trug sie ihr rotes Kaschmir-Twinset. Am Morgen beim Aufstehen hatte sie eine Sehnsucht verspürt, die nach Farben drängte.
Sie hatte von ihm geträumt.

Sie war damals gerade zwanzig geworden, als sie zum ersten und auch einzigen Mal mit ihm im Bett lag. Er roch leicht nach Stall, aber das störte sie nicht. Ganz im Gegenteil. Das steigerte nur den Reiz des Verbotenen. Er war fünf Jahre älter als sie und arbeitete als Pferdetrainer in der Zucht ihres Vaters. Die beiden waren verliebt und für Victoria war es klar: Sie wollte diesen Mann, um jeden Preis, gesellschaftliche Konventionen hin oder her. Und wenn Victoria sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann liess sie sich von nichts und niemandem davon abbringen.

Irgendwie musste er das begriffen haben, als er erschöpft neben ihr unter der Decke lag. Und irgendwie musste sie sofort gespürt haben, dass er es begriffen hatte, als er mitten in der Nacht leise aus dem Bett glitt und begann, sich anzuziehen. Ängstliches Fragen, drängendes Bitten, herrschaftliches Fordern, flehende Tränen, nichts konnte ihn aufhalten. Schliesslich verlor sie den Verstand und begann, hysterisch auf ihn einzuschlagen und ihm die Kleider vom Leib zu reissen. Er war es gewohnt, wild gewordene Pferde zu bändigen. Aber diese tobende Wildkatze brachte ihn an seine Grenzen. Als er kurz darauf aus ihrem Zimmer glitt und leise die Tür hinter sich schloss, war sie immer noch am Toben, mitten auf dem durchgewühlten Bett, gefesselt und geknebelt mit den Fetzen ihres seidenen Nachthemdes. Sie brauchte nicht lange, um sich zu befreien und nackt die Treppe herunter und aus dem Haus zu stürzen, aber zu lange, um mehr als die roten Lichter seines Wagens am Ende der Allee verschwinden zu sehen.

Zwei Jahre später hatte Victoria geheiratet, standesgemäss, zum Stolz ihres Vaters und zur Zufriedenheit ihrer Mutter. Sie schenkte vier Kindern das Leben, zwei Mädchen und zwei Buben. Nach dem frühen Tod ihres Gatten, übernahm sie die Leitung seiner Landgüter und der elterlichen Pferdezucht. Sie war darin sehr erfolgreich und wurde von allen geachtet. Sie war Präsidentin des örtlichen Frauenvereins und mehrerer wohltätiger Stiftungen. Und für nicht weniger als 15 Enkelkinder war sie die beste Granny der Welt. Ihr Leben war reich und erfüllt, und doch…

„Dinner is ready, Ma’am!“ Es begann schon zu Dämmern im Park, als Victoria von der Stimme der Haushälterin aus ihren Erinnerungen gerissen wurde. Ein letzten Mal liess sie den Blick die Allee hinuntergleiten. Die Pappeln wogten sanft in der abendlichen Brise, wie damals in dieser mondhellen Nacht. Leise fröstelnd zog sie die Jacke ihres Twinsets vor der Brust zusammen und wollte sich gerade erheben, als sie plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Da war etwas, auf dem Weg, zwischen den Pappeln. Eine plötzliche Erregung ergriff sie, als sie das Fenster öffnete, um besser sehen zu können. Ja, da war es, ganz deutlich. Jetzt trat die Gestalt aus dem Schatten einer Pappel hervor.

Für einen kurzen Moment stand es still und schien Victoria anzuschauen. Dann verschwand das Reh in den Büschen.

Ein starkes Team

Sie hatten gut gearbeitet, Tom und seine Kollegen. Die Verhandlungen mit ihren asiatischen Geschäftspartnern waren hart. Aber man hat sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Sein Chef hat ihm voll Anerkennung auf die Schulter geklopft. Das hatte er noch nie getan.

Portrait_022Bild von Brooksbrothers

Tom kam es vor wie im Märchen, als sie nachts durch das Lichtermeer von Bangkoks Vergnügungsmeile schlenderten. Er war stolz, zu diesem Team zu gehören. Die letzten Tage hatten sie echt zusammengeschweisst: Peter, sein Chef und Delegationsleiter, ein routinierter Fuchs, seit dreissig Jahren verheiratet, mit drei erwachsenen Kindern, Jerry, der messerscharfe Analyst und Strategieberater, ein Junggeselle aus Überzeugung, Dillon, der Leiter der örtlichen Niederlassung, dessen Frau ihn vor zwei Monaten mit den Kindern verlassen hat, um in England die Scheidung einzureichen, und er, Tom, der Buchhalter, verheiratet, zwei Kinder. Gemeinsam hatten sie den erfolgreichen Vertragsabschluss mit einem gediegenen Nachtessen im Hotel gefeiert. Und Peter hatte den Wein spendiert, zwei Flaschen Château Mouton-Rothschild: „Das geht auf die Portokasse“.

Danach waren die Krawatten in den Jackentaschen verschwunden. Die Hemdsärmel waren hochgekrempelt und die Hemdkragen standen offen, bei Tom ein Knopf, bei den anderen zwei. Dillon führte sie zielstrebig in die angesagteste Bar. Die Stimmung war cool und die Musik laut. Er liess seine Beziehungen spielen und verschaffte ihnen im Handumdrehen eine freie Ecke und eine Hand voll Mädchen. Als sie sich zwei Stunden später wieder auf den Weg machten, waren sie nur noch zu dritt.

Ohne Dillon schienen sie etwas verloren und Tom war sichtlich erleichtert, als plötzlich diese beiden Amerikanerinnen auftauchte. Sie kannten eine coole Disco, und so zogen sie zu fünft weiter. Und nach zwei weiteren Stunden waren sie nur noch zu zweit.

Peter schien unterdessen ziemlich angeschlagen. Kein Wunder, er war auch keine vierzig mehr. Umso überraschter war Tom, als sein Chef ihn am Arm packte und zielstrebig in eine Seitenstrasse führte. Das Lokal war schummrig, das Inventar abgenutzt, und die Mädchen sehr jung.

Tom brauchte einige Zeit, um alleine den Weg zurück ins Hotel zu finden. Es war drei Uhr morgens, als er schliesslich völlig erschöpft auf seinem Hotelbett sass. Aus dem Bad drang der säuerliche Geruch von Erbrochenem. Und dabei hatte er doch bei anderen Gelegenheiten schon viel mehr getrunken. Sein Smartphone zeigte 7 Anrufe seiner Frau und ein sms: „Wo steckst du? Deine Mutter macht sich Sorgen! Und Billy wurde beim Kiffen erwischt. Du musst am Dienstagmorgen zur Schulleitung. Ruf mich zurück!!!“

Als Tom fünf Stunden später erwachte, trug er immer noch sein Hemd, zerknittert und verschwitzt, die Ärmel hochgekrempelt, den Kragen offen, ein Knopf.

Ein Mal ist einmal zu viel

Ein kaltes Klirren durchdrang die morgendliche Stille im Salon, als die Tasse aus Meissner Porzellan auf ihren Untersatz aufschlug. Und unaufhaltsam drang der heisse Kaffee durch den Stoff des Rockes und das feine Nylon der Strumpfhose auf Angelikas Oberschenkel. Aber sie schien den Schmerz nicht zu spüren. Wie gelähmt starrte sie auf den Brief, der mit der Morgenpost gekommen war. Auf einen Schlag war alles wieder da: der Schmerz, die Wut, die Scham, und diese schreckliche, alles durchdringende Angst. Und dabei hatte sie doch geglaubt, nach Jahren ständigen Bangens, endlich vergessen zu können.

Zwischenablage01Bild von cotswoldcollections

Zehn Jahre waren vergangen seit diesem Kongress in Mailand. Angelika war damals eingeladen, als junge Privatdozentin einen Vortrag zu halten. Es war ein Meilenstein in ihrer Karriere. Wochenlang hatte sie sich darauf vorbereitet. Ihre ganze Familie hatte sie unterstützt und ihr Mann hatte sich liebevoll um die Kinder gekümmert, um ihr den Rücken frei zu halten. Es war die grosse Chance. Und Angelika war brillant.

Dann, am Abend nach dem Vortrag, kam das grosse Galadiner im Hotel. Angelika war im siebten Himmel, völlig erschöpft, aber grenzenlos glücklich. Endlich nach Wochen der Anspannung konnte sie loslassen und geniessen. Ein Gläschen Champagner hier, ein Tänzchen da. Die Reihe der Kollegen, die ihr ihre Anerkennung bekunden wollten, schien kein Ende zu nehmen. Und ganz allmählich wurde das Diner zur Party, die Musik lauter, die Drinks stärker. Und dann, mitten auf dem Dancefloor, stand er plötzlich vor ihr. Sie konnte sich im Nachhinein nicht erinnern, ihn vorher schon gesehen zu haben. Und doch hatte sie das Gefühl, ihn seit je her zu kennen. Als sie zwei Stunden später vom Tanzen erschöpft im Aufzug nach oben fuhren, verschmolzen ihre Lippen, während seine Hand unter ihrem Kleid nach dem verschwitzten Höschen tastete. Er war gut, und Angelika war reif. Es sollten die verrücktesten Stunden ihres Lebens sein, bis zur völligen Erschöpfung.

Als sie wieder zu sich kam, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Aber der Versuch einer Frage blieb ihr im wahrsten Sinne des Wortes im Mund stecken. Sie lag nackt ausgestreckt auf ihrem Bett, Hände und Füsse am Bettrahmen festgebunden mit je einem abgeschnittenen Bein ihrer Strumpfhose. Der Rest steckte in ihrem Mund, fixiert durch ihr Hermes-Tuch, das sich schmerzhaft in ihre Mundwinkel presste. Angelika glaubte erst an einen Scherz. Aber ihr Diamantring war vom Finger verschwunden und auch der Bügel, an dem ihre Pelzjacke gehangen hatte, hing verwaist an der Garderobe. Vier quälende Stunden hatte sie Zeit, sich über das Ausmass ihrer Situation bewusst zu werden. Dann endlich wurde sie von einem Zimmermädchen gefunden. Es war nicht ganz leicht, das Mädchen davon abzubringen, die Polizei zu verständigen. Aber irgendwie gelang es Angelika, die Kontrolle über die Situation zurückzubekommen. Und weder ihr Mann noch die Versicherung hatten einen Grund daran zu zweifeln, dass die Tasche mit ihrer Pelzjacke, ihrem Schmuck und dem ganzen Bargeld im Zug von Mailand nach Bern verschwunden war.

Angelikas Hände zitterten und die handgeschriebenen Zeilen auf dem billigen Briefpapier verschwammen vor ihren Augen: „Gentilissima professoressa, … habe Sie im Fernsehen gesehen… sich erinnern?… Mutter krank… geschieden, kein Geld für Schule von Kinder … 50‘000 Euro reichen… „. Angelikas Beine gaben nach, als sie aufstehen wollte. Sie musste sich am Tisch festhalten. Dann zog sich ihr Magen zusammen. Die Hand vor den Mund gepresst torkelte sie durch den Salon ins Foyer. Die teure Vase mit den frischen Rosen ihres Mannes zerschlug hinter ihr auf dem Boden, als sie die Tür zum Bad aufstiess. Gerade mal zwei Meter hätten ihr gefehlt bis zur Schüssel.

Blindes Glück

Marlene war total glücklich. Wie hätte sie auch nicht glücklich sein können?

Zwischenablage02Bild von Mona Damenmode

Aufgewachsen in den Plattenbauten von Chemnitz, war sie vor zehn Jahren als Krankenschwester in die Schweiz gekommen. Zwei Jahre später heiratete sie den stellvertretenden Abteilungsleiter der Chirurgie und lebte seither mit ihm und ihrer gemeinsamen Tochter Mia im prächtigen Haus ihrer Schwiegermutter an der Goldküste. Die Umgebung war anfänglich schon ungewohnt und Marlene brauchte eine gewisse Zeit um zu begreifen, was von ihr erwartet wurde. Aber sie war es gewohnt, sich anpassen zu müssen. Statt bequemen Jeans und knappen T-Shirts trug sie plötzlich elegante Stoffhosen und exquisite Kaschmir-Twinsets, seidene Blusen und plissierte Röcke. Ihre alten Wollhandschuhe mussten eleganten Lederhandschuhen weichen und anstelle ihres abgetragenen Arafat-Tuches zierten edle Hermes-Tücher und Perlenketten ihren Hals. Dem Beispiel ihrer Schwiegermutter folgend begann sie, die Jacken ihrer Twinsets um die Schultern drapiert zu tragen. Das fühlte sich zwar seltsam an und sie sah nie wirklich ein, wozu das gut sein sollte. Aber angesichts der strahlenden Augen ihres Mannes erübrigte sich jedes weitere Fragen. Laura, ihre beste Freundin aus der Zeit im Krankenhaus, glaubte zwar ihren Augen nicht zu trauen, als Marlene in einem rosa Kaschmir-Twinset mit umgelegter Strickjacke zum Rendezvous im Café Lang erschien. Was denn um Himmels Willen mit ihr geschehen sei, sie sehe aus wie ihre Oma. Das war drei Jahre her und seither haben sie sich nicht mehr wiedergesehen.

Das lag natürlich auch daran, dass Marlene voll und ganz davon eingenommen war, das Beste für ihre kleine Tochter Mia zu wollen. Sie sollte es besser haben als ihre Mutter, die damals in Chemnitz immer wieder auf dem Weg zur Schule von den anderen Kindern gemobbt und verprügelt wurde. Die Erinnerung daran quälte sie noch heute, wenn sie am Steuer ihres Ford Explorers vor dem Eingang zum Kindergarten wartete. Umso mehr genoss sie das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, wenn sie hinter der Windschutzscheibe ihres Wagens den anderen Müttern zuschaute, die sich wartend vor dem Kindergarten tummelten und gelegentlich mit ausdrucksloser Miene zu ihr herüberschauten. Und eine diffuse Mischung aus Mitleid und Verachtung überkam sie, wenn sie daran dachte, was ihre Schwiegermutter über manche dieser Frauen erzählt hat: getrennt, geschieden, geschlagen, arbeitslos, alleinerziehend, alkoholabhängig und depressiv. Was für ein unbeschreibliches Glück sie doch hatte, ihrer Tochter all diese Widrigkeiten des Lebens ersparen zu können!

Nur dann und wann, wenn ihr Mann auf Dienstreise war, was in letzter Zeit immer öfter vorkam, vernahm ihre Schwiegermutter leises Schluchzen, wenn sie spät nachts an Marlenes Tür lauschte. Sie wusste genau, was in der jungen Frau vorging. Doch es sollte ihr Geheimnis bleiben.