Schatten der Vergangenheit (V)

„Liebst du ihn sehr?“, hörte sie das Mädchen fragen, das wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war. Verdutzt schaute Marjorie auf die Kleine, die sich an ihr Bein klammerte und nachdenklich dem Mann hinterher schaute, der über den Hof des Landgutes zu seinem Wagen ging. Gute Frage, dachte sie. Ja, sie mochte ihn. Seine Präsenz tat ihr gut. Nachdenklich betrachtete sie seinen aufrechten Gang, die langen braunen Haare, die in der abendlichen Brise flatterten, und die Ärmel seiner dicken Strickjacke, die lose im Rhythmus seiner Schritte um seine Hüfte baumelten. Eine seltsame Erregung befiel sie, als sie ihm zuschaute, wie er sich die Jacke von den kräftigen Schulten nahm, in den Wagen stieg und mit einem strahlenden Winken davonfuhr. Nein verdammt, das durfte nicht sein! „Los, ab ins Bett mit dir!“, nahm sie die Kleine an der Hand und ging entschlossen zurück ins Haus.

Marjorie

Marjorie hatte schon vor Jahren aufgehört zu rauchen. Aber es gab Tage, da brauchte sie einfach eine Zigarette. Langsam liess sie den Rauch durch ihre Lippen strömen, während sie vom Sessel auf dem Balkon ihrer Wohnung aus den Blick über die mondbeschienene Landschaft schweifen liess. Sie liebte diese Gegend. Einen besseren Ort hätten sie sich nicht aussuchen können, um diesen Kindern aus problematischen Verhältnissen ein neues Heim zu schaffen. Wenn sie nur selber als Kinder an so einem Ort hätten aufwachsen dürfen! Wer weiss, vielleicht würde ihre Schwester dann noch leben. Unwillkürlich zog sie ihre Kaschmir-Stola enger um die Schultern und nahm einen Schluck vom warmen Baldriantee.

Der Gedanke an ihre Schwester machte sie traurig. Wie konnten sie nur all die Jahre so aneinander vorbei leben? Natürlich konnte sie irgendwie nachvollziehen, dass die brillante, aufstrebende Wissenschaftlerin nichts mit ihrer versoffenen und drogensüchtigen Schwester zu tun haben wollte. Und als sich Marjorie langsam aus dem Sumpf herausgekämpft hatte, war ihr erstes Bedürfnis auch nicht gewesen, sich mit ihrer renommierten Schwester zu versöhnen. Und vielleicht war es ja auch gut so. Wer weiss, was passiert wäre, wenn sie ihrem Schwager schon früher begegnet wäre?

Der Mann hatte sie spontan berührt, schon bei ihrer ersten Begegnung anlässlich der Beerdigung ihrer Schwester. Er wirkte damals irgendwie fehl am Platz in dieser Gesellschaft von Akademikern und Honorablen. Intuitiv hatte sie seine Verletzlichkeit und Sehnsucht gespürt. Sie war über sich selber erstaunt, wie viel sie ihm damals über sich und ihre Familie anvertraut hatte. Doch noch mehr hatte sie erstaunt, dass er von all dem nichts zu wissen schien. Ihre Schwester hatte ihre glänzende Fassade tatsächlich bis zur letzten Konsequenz durchgezogen.

Einen Moment lang betrachtete Marjorie die gelbe Flamme des Feuerzeuges, die vor dem dunklen Nachthimmel aufleuchtete, als sie sich eine weitere Zigarette anzündete. Ja, genau so war es für sie gewesen, als er sie vor zwei Monaten zum ersten Mal angerufen hatte: Ein Licht im Dunkeln. Ein Jahr zuvor war Sean gestorben, der Mann, der ihr Leben verändert hatte. Der Mann, dem sie es zu verdanken hatte, dass sie heute hier sass. Irgendwie war sie ja stolz darauf, wie sie es nach seinem Tod alleine geschafft hatte. Die Einsamkeit war hart. Den konkreten Alltag mit dem Heim und den Kindern musste Marjorie alleine bewältigen. Sie hatte gekämpft und musste mit der Zeit auch wieder auf ihre Medikamente zurückgreifen. Aber abgesehen von den Zigaretten hatte sie durchgehalten.

Nachdenklich genoss sie den Duft des Baldriantees, während sie über den Rand der Tasse hinweg den aufgehenden Mond betrachtete. Mit ihrem Schwager war tatsächlich wieder etwas Ruhe und Sicherheit in ihr Leben gekommen. Wobei sich das mit der Ruhe vor allem auf die Leitung des Heimes bezog. Drei Tage pro Woche kam er, um ihr bei der Arbeit zu helfen. Und bald einmal musste sich Marjorie eingestehen, dass sie ihn während der übrigen vier Tage mehr als nur vermisste. Irritiert registrierte sie die täglich wachsende Erregung, die ihr Schwager in ihr auslöste. Das war ein Gefühl, das sie nicht kannte. Nicht im Zusammenhang mit einem Mann.

Mit Sean war es anders gewesen. Sie hatte ihn geliebt, wie niemanden zuvor in ihrem Leben. Nie wird sie den Tag vergessen, als er aus dem Nichts in ihr Leben trat. Sie war damals gerade 22 geworden und stand kurz vor der Entlassung nach ihrem bereits dritten Drogenentzug. Er hatte in der Klinik einen Patienten besucht und war dabei Zeuge geworden, wie Marjorie dem Chefarzt ziemlich lautstark ihre Meinung sagte, nachdem dieser einmal mehr seine Pflegeleiterin vor den Augen der Patienten gedemütigt hatte. „Kompliment, junge Frau, das war stark!“ hatte sie ihn sagen hören, nachdem er ihr in den Garten gefolgt war und sich neben sie auf eine Bank gesetzt hatte. Fasziniert hatte Marjorie das markante Profil seines Gesichtes betrachtet, während sein Blick ruhig den Enten im Teich zu folgen schien. Er mochte Mitte vierzig sein. Das, was von seinen kurzen Haaren übrig geblieben war, war grau durchzogen und eine lange Narbe verlief quer über seine rechte Wange. Nachdem sie einen Moment schweigend nebeneinander gesessen waren, hatte er sich langsam umgedreht und ihr direkt in die Augen geschaut: „Bleib weg von den Drogen, und du wirst etwas ganz Grosses!“

Marjorie war damals die ganze Nacht wach gelegen. Das Ganze war einfach nur verrückt. Was wollte er von ihr? Er hatte ihr einen Job angeboten auf seinem Landgut. Ausgerechnet ihr, die noch nie etwas auf die Ränge gekriegt hatte. Ungläubig hatte sie sich im Spiegel betrachtet: Ihre kurzen, pechschwarz gefärbten Haare, ihr von den Medikamenten aufgedunsenes Gesicht, die Narben auf ihren Unterarmen und die widerliche Üppigkeit ihres formlosen Körpers. Tränen waren über ihre Wangen geströmt, als sie kopfschüttelnd die Visitenkarte zwischen ihren Fingern betrachtete. Was hatte dieser Kerl nur in ihr gesehen? Er werde ihr helfen, hatte er gesagt. Wenn sie es wolle!

Eine Woche später hatte er Marjorie mit dem Wagen an der Bushaltestelle abgeholt. Und nur drei Tage später hatte er sie dort wieder abgesetzt. Sie war völlig erschöpft. Jeder Muskel ihres Körpers tat ihr weh und die Blasen an ihren Händen brannten wie Feuer. Sie hatte sich nicht gerührt, als er ihr zum Abschied zuwinkte. Teilnahmslos hatte sie die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen. Eine Viertelstunde musste verstreichen, bis der Schock bei ihr Wirkung zeigte: Der Schock seines letzten Blickes. Nein, das konnte nicht sein! Sie musste sich getäuscht haben. Wahrscheinlich war es nur ein Reflex in der Scheibe. Noch nie hatte jemand sie so angeschaut. Und Tränen in den Augen dieses Mannes? Nein!

Die drei jungen Männer, die in dieser Zeit zusammen mit Marjorie auf dem Landgut gewesen waren, hatten ihr so manches über Sean erzählt. Zwölf Jahre soll er beim Special Air Service gedient haben. Er soll bei der Erstürmung der Iranischen Botschaft in London dabei gewesen sein und später beim dreitägigen Kampf um den Mount Kent im Falkland Krieg. Vor vier Jahren, nach einer schweren Verwundung, soll er den Dienst quittiert haben. Er hatte nie darüber gesprochen, was genau geschehen war. Nach dem Tod seines Vaters war er zurückgekommen auf das Landgut seiner Eltern, wo er begann, zusammen mit seiner Mutter delinquenten jungen Männern eine zweite Chance zu bieten.

Es hatte bereits zu dämmern begonnen, als sich Marjorie damals am Ende ihrer Kräfte und mit blutigen Blasen an den Füssen in den Hof des Landgutes geschleppt hatte. Fast vier Stunden hatte sie gebraucht, um mit ihrem schweren Rucksack und den beiden Taschen den langen Weg von der Bushaltestelle zurück bis hinauf in die Hügel zu schaffen. Sean sass in seinem Schaukelstuhl auf der Veranda vor dem Haus und rauchte seine Pfeife. Er schien auf sie gewartet zu haben. Einen Moment lang hatten sie sich wortlos angeschaut. Dann hatte Marjorie begonnen, die Treppe zur Veranda hochzusteigen. Bei der letzten Stufe war ihr Fuss abgerutscht. Ihre Knie hatten nachgegeben und das Gewicht ihres Rucksackes hatte sie unaufhaltsam nach vorne gedrückt. Das letzte, was sie wahrgenommen hatte, bevor sie das Bewusstsein verlor, waren zwei kräftige Arme, die sie auffingen, als sie hilflos über den Schaukelstuhl stürzte.

Vier Jahre war Marjorie auf dem Landgut geblieben. Sie hatte gearbeitet wie die Jungs, im Stall, im Wald und auf den Feldern. Jeden Morgen beim Aufstehen, ob bei eisiger Kälte und Schnee, ob bei Regen, Sturm oder sommerlicher Hitze, musste sie und ihre Kollegen zusammen mit Sean über die umliegenden Hügel rennen. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, traf man sich abends nach der Arbeit im alten Geräteschuppen, der zu einem Kraftraum umfunktioniert worden war. Marjorie lernte Boxen. Aber nicht nur das. Nach zwei Jahren hatte ihr Sean nebenbei so ziemlich alle Nahkampftechniken beigebrach, die er sich über die Jahre bei der SAS angeeignet hatte. Die Jungs mochten der jungen Frau im Boxring überlegen gewesen sein. Doch wehe ihnen, wenn sie sich ausserhalb davon mit Marjorie anzulegen versuchten.

Marjorie musste schmunzeln, als sie an Seans verblüfften Blick dachte, damals, als sie ihn beim Training mit einem überraschenden Trick auf die Matte geschleudert hatte. Seine Mutter war zufällig Zeugin geworden und hatte sich kaum halten können vor Lachen. Sie hatte Marjorie geliebt wie eine Tochter und während der vier Jahre stets dafür gesorgt, dass auch die frauliche Seite ihrer Entwicklung nicht zu kurz kam. Von ihr hatte sie zum Abschied die schwarze Kaschmir-Stola bekommen, die sie seither überall hin begleitete.

Sean war so stolz auf sie gewesen, als sie nach ein paar Jahren ihr Studium in Sozialarbeit mit Bestnote abgeschlossen hatte. Und nachdem seine Mutter gestorben war und er das Gut seiner Eltern verkauft hatte, war er eines Tages mit dem Plan zu ihr gekommen, gemeinsam auf dem Land ein Kinderheim zu gründen. Tränen traten in Marjories Augen, als sie daran dachte, was sie gemeinsam aufgebaut hatten. Ja, sie durften mit Recht stolz sein auf ihr bescheidenes Werk. Fünfzehn Jahre hatten sie Seite an Seite hier gelebt und gearbeitet. Und bis zu dem Tag, an dem sie begonnen hatte, die Nacht an seinem Krankenbett zu verbringen, hatten sie nie ein Zimmer geteilt.

Nein, verdammt, das hatte er ihr nicht beigebracht. So vieles hatte sie von ihm gelernt, aber das nicht. Etwas unwillig klopfte Marjorie eine neue Zigarette aus der Packung und diesmal schloss sie die Augen, als das Feuerzeug vor ihr aufflammte. Sean war für sie die ganzen Jahre ein treuer, väterlicher Freund. Der einzige wahre Freund, den sie je hatte. Etwas anderes hatte sie nicht gekannt und etwas anderes hatte sie auch nie gesucht. Auf so etwas wie ihren Schwager war sie nicht vorbereitet. Mit dem, was er bei ihr auslöste, wusste sie nicht umzugehen.

Nachdenklich betrachtete sie den Rauch, der ihrem Mund entströmte und den Mond einzuhüllen schien. Sean war der ruhende Pol gewesen in ihrem Leben. Er hatte ihr Sicherheit gegeben. Und bis auf diesen kurzen Moment vielleicht damals an der Bushaltestelle hatte er ihr gegenüber nie die geringste Schwäche gezeigt, auch nicht in seiner Sterbestunde. Er wäre ein guter Vater gewesen. Die Jungs hatten ihn respektiert und die Mädchen hatten ihn bewundert. Er war für Marjorie der Massstab aller Männlichkeit. Doch dann war plötzlich ihr Schwager aufgetaucht. Er war Sean irgendwie ähnlich, und doch ganz anders. Er hatte keine Erfahrung mit Kindern, doch schon nach wenigen Tagen hatte Marjorie erstaunt festgestellt, dass man ihn nicht nur respektierte und bewunderte. Nein, sie liebten ihn, alle, die Mädchen und die Jungs. Er schien selber erstaunt und wusste erst gar nicht recht damit umzugehen. Doch Marjorie begriff bald, dass gerade darin der Schlüssel seines Erfolges lag: In seiner Authentizität und Verletzlichkeit.

Fröstelnd zog sie sich die warme Kaschmir-Stola enger um die Schultern, nachdem sie den letzten Zug aus ihrer Zigarette genommen hatte. Die nächtliche Kühle trug das ihre dazu bei, ein Gefühl zu verstärken, das sich in letzter Zeit unaufhaltsam in Marjories Bewusstsein zu drängen begann: Einsamkeit. Immer öfter gab es ihr einen Stich ins Herz, wenn sie zuschaute, wie sich die Kinder gegenseitig trösteten, oder einfach spontan zu ihr oder ihrem Schwager kamen, um sich zu holen, was sie brauchten. Und immer wieder wurde ihr schmerzhaft bewusst, wie sehr sie in manchem trotz ihrer fast fünfzig Jahre selber noch ein Kind war. Nur dass sie niemanden hatte, der sie tröstete.

Traurig schaute sie auf ihr Smartphone, das neben ihr im Dunkeln auf dem Tisch lag. Einmal mehr hatte sie sich vergeblich danach gesehnt, dass er vielleicht spontan anrufen würde. Aber warum hätte er das auch tun sollen? Wie hätte er ahnen sollen, wie sehr sie sich nach seiner Nähe sehnte, vor allem an diesem Abend? Sie hatte ihm ja nichts gesagt. Mein Gott, wie naiv sie war, wie kindisch! Und plötzlich war er wieder da, dieser längst überwunden geglaubte Impuls, sich den Arm aufzukratzen. Doch ebenso plötzlich erinnerte sich Marjorie an die Lieblingsfloskel von Seans Mutter, die sie nie wirklich verstanden hatte: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…».

Ok, verdammt, wenn schon kindisch, dann eben richtig! In einer Mischung aus Verzweiflung und plötzlicher Entschlossenheit griff Marjorie nach dem Smartphone. Bevor sie Zeit hatte, noch einmal nachzudenken, hatte sie seine Nummer gewählt. Und bevor sie auch nur Gelegenheit hatte zu überlegen, was sie sagen wollte, ertönte bereits seine Stimme an ihrem Ohr…

********

Das Herz pochte in seiner Brust, als er ihr zusah, wie sie über den Hof des Landgutes zu der fürstlichen Limousine ging, deren Chauffeur an der offenen Wagentür auf sie wartete. Sie sah umwerfend aus in ihrem neuen Kostüm, den eleganten Lederstiefeln und der schwarzen Kaschmir-Stola, die sie sich wie immer um die aufrechten Schultern geschlungen hat. Mein Gott, wenn ihre Schwester sie sehen könnte! Und Sean! Er hatte an sie geglaubt und er hatte recht bekommen: Sie war etwas ganz Grosses geworden. Und niemand wusste besser als sie selber, wem sie den Verdienstorden zu verdanken hatte, den sie an diesem Tag aus der Hand der Herzogin in Empfang nehmen durfte.

Er winkte ihr aufmunternd zu, als sie ihm beim Besteigen des Wagens unter der Krempe ihres eleganten Hutes hervor unsicher zulächelte. Noch immer glaubte er den Duft ihres Parfüms zu spüren, und den feinen Geruch ihrer Lederhandschuhe, als sie ihm zum Abschied einen leichten Kuss auf die Wange gehaucht hatte. Seit sie ihn gestern mitten in der Nacht überraschend angerufen hatte, fühlte er sich wie in einem Traum. Zwei Stunden war er auf menschenleeren Strassen dem untergehenden Mond entgegengefahren, hatte ihr Tee gekocht und ihr zugehört, bis sie schliesslich in seinen Armen eingeschlafen war. Er konnte sich nicht erinnern, je…

Doch nein, verdammt, das durfte nicht sein! Er hatte kein Recht, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen. Es war eine Ausnahmesituation: Die Einladung der Herzogin, der Verdienstorden, die Erinnerung an Sean, die ganzen Emotionen und die Einsamkeit. Das Ganze war einfach einen Moment lang etwas zu viel geworden für sie. Er war glücklich, in diesem Moment für sie da sein zu dürfen. Aber er hatte kein Recht, die Situation auszunutzen. Wer war er denn, dass er meinte, einfach so Seans Platz einnehmen zu können… wo er doch schon nicht in der Lage war, ihrer älteren Schwester ein stützender Partner zu sein…

„Sie liebt dich sehr!“, hörte er plötzlich die Stimme eines Mädchens, das wie aus dem Nichts neben ihm aufgetaucht war. Verdutzt schaute er auf die Kleine, die sich an sein Bein klammerte und mit strahlenden Augen dem Wagen hinterher schaute, der durch die Einfahrt verschwand. Und im ersten Moment wusste er nicht, was ihn mehr verblüffte: Ihre Worte oder die Weise, wie der kleine Engel seine Strickjacke keck um die Schultern drapiert trug. Seit ein paar Tagen schien das der neue Trend zu sein unter den Kids.

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Versatile Blog Award

Einmal mehr bin ich in den Fokus eines Award-Spiels gekommen. Diesmal wurde mir von adriasuno der Ball des „Versatile Blog Awards“ zugeworfen. Herzlicher Dank, Red Sonja, für diese Anerkennung! Sieben Dinge soll ich über mich verraten, die noch nicht bekannt sind! Das will ich gerne versuchen.
Aber wie bei den vorherigen Awards wird auch dieser Ball erst einmal bei mir liegen bleiben. Denn erstens bin ich mit meinen gelegentlichen Geschichten wohl kein Blogger im eigentlichen Sinn, und zweitens bekomme ich die Awards meist von den wenigen BloggerInnen, die ich kenne und selber nominieren könnte.

Hier also 7 Puzzlesteine aus einem Bild, das ich selber noch nicht ganz überblicke:

  1. Ich habe bei meinem ersten Diktat im Progymnasium (5. Schuljahr) für die Rechtschreibung eine 1.5 bekommen (für deutsche Leser: 6 ist sehr gut, 3 ungenügend, 1 …). Nur das Blatt meines Banknachbarn war damals noch röter. Er bekam eine 1, was für ein Kind eines italienischen Gastarbeiters aber irgendwie noch entschuldbar war.
  2. Ich durfte das „Te Deum“ von Mozart einmal als Sopran und einmal als Bass singen.
  3. Ich habe rund um die holländische Stadt Nijmegen insgesamt 960 km marschiert. Dabei habe ich hunderte von Autogrammen verteilt und wir wurden teilweise von bis zu einer halben Million Menschen gefeiert. Die spinnen, die Holländer!
  4. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut bei „We will rock you“ von Queen. Ich war nie ein grosser Fan von Rockmusik und habe weder Queen noch Freddy Mercury wirklich gekannt. Aber der Song bleibt ewig verbunden mit einem Abend in Holland, mit einem Bierzelt voll Menschen, die meisten davon in T-Shirts und Tarnanzughosen, ca. 5% davon Frauen. Und in der Mitte an einem Tisch zwei Kerle mit Oberarmen wie meine Oberschenkel. Auf der einen Seite ein GI, auf der anderen ein Holländer. Die Ellbogen auf dem Tisch, die Rechten ineinander geballt, die Muskeln und Adern am Hals zum Platzen angespannt. Der GI spielt das Psychospiel mit allen mögliche Grimassen. Der Holländer bleibt eiskalt und zuckt mit keiner Wimper. Und über allem ein durch hundert Hände und biergeölte Kehlen verstärktes „…rock you!“. Ich könnte es nicht mehr mit letzter Sicherheit beschwören, aber ich meine, es war damals America second!
  5. Ich habe den „Nachsommer“ von Adalbert Stifter zweimal gelesen. Zum ersten Mal in der Schule mit 15 und zum zweiten Mal mit 45. Eine dritte Lesung ist geplant für das Jahr 2040.
  6. Es gibt nichts, was mir zurzeit mehr Power gibt und mich gleichzeitig sicherer zum Weinen bringt als die amerikanische Sängerin und Songwriterin Beth Hart. Was für eine Geschichte, und was für eine Authentizität in ihrer Verletzlichkeit und ihrer emotionalen Power. Der Umstand, dass diese Frau nicht zu den globalisierten Megastars à la Beyonce, Adele und Lady Gaga gehört, ist der sicherste Beweis für ihre ausserordentliche künstlerische Qualität. Selten berührt mich ein „God bless you“ mehr als aus ihrem Mund.
    Beth Hart über Florence Welch, Amy Winehouse und ihr eigener Kampf ums Leben
    (ab ca. 5.30, wobei sich natürlich alle Teile des Interviews lohnen)
    Beth Hart und Joe Bonamassa, ein congeniales Duo mit einem Song von ihr:
  7. Es kommt tatsächlich vor, dass mir beim Schreiben einer Geschichte die Tränen kommen.
  8. Aus aktuellem Anlass hier noch ein Bonuspunkt: Amerika gibt mir in dieser Zeit nicht immer Anlass zur Freude. Aber Mikaela Shiffrin ist schlicht und einfach der Hammer, in jeder Beziehung! Congrats!
    Da akzeptiere ich ohne Scham und Ironie: Switzerland second 🙂

Danke, Sonja, und danke allen für’s Lesen und
God bless you! 🙂

Schatten der Vergangenheit (IV)

Die lange Strickjacke war bis unter seinen Hals fest zugeknöpft. Er hatte heiss und bekam keine Luft. Aber er konnte seine Arme nicht bewegen. Lose baumelten die Ärmel der Jacke von seinen Schultern, während sich eine behandschuhte Hand auf seinen Mund presste. Direkt vor ihm waren ein paar Augen, die ihn durch den Schlitz einer schwarzen Motorradhaube anstarrten. Und plötzlich waren es die Augen seiner Mutter. Zwischen ihren Zähnen hielt sie ein Messer, während er spürte, wie man sich an den untersten Knöpfen der Strickjacke zu schaffen machte…

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Sein eigener Aufschrei weckte ihn aus dem Mittagsschlaf. Durch das offene Fenster drang der frühlingshafte Gesang der Vögel, während die Standuhr im Treppenhaus zwei Uhr schlug. Das Herz pochte heftig unter seinem schweissnassen Hemd, als sich Richard vorsichtig aus dem Bett wälzte. Keine zwei Monate war es her, dass er sich bei dieser Gelegenheit einen Hexenschuss eingefangen hatte. Schon damals war er aus einem ähnlichen Traum hochgeschossen. Mein Gott, wie hatte sich sein Leben verändert seit jenem Tag!

Vor einem Monat hatte sich seine Frau in der Klinik das Leben genommen. Und vor drei Wochen, einen Tag nach der Beerdigung, hatte ihre junge Assistentin die Sachen gepackt und war ausgezogen. Seither lebte Richard alleine in dem grossen Haus. Nur die Haushälterin und der Gärtner leisteten ihm tagsüber Gesellschaft. Angst hatte er keine während der einsamen Nächte. Gegen dieses Gefühl schien er seit Jahren immun zu sein. Wenn da nur nicht dieser Traum gewesen wäre. Seit ein paar Tagen schon hatte er wieder seine Pistole unter dem Kopfkissen.

Nachdem er kurz das Magazin der Waffe kontrolliert hatte, legte er sie zurück in die Nachttischschublade und machte sich daran, das feuchte Hemd zu wechseln. Im Schrank stiess er dabei auf die dicke Wollstrickjacke, die ihm seine Frau zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hatte sie nur einmal kurz getragen, ihr zuliebe. Seither lag sie zusammengelegt hinter den frischen Hemden. Wie hätte sie auch wissen sollen… Er hatte nie mit ihr darüber gesprochen.

Einem spontanen Impuls folgend nahm er die Strickjacke hervor und entfaltete sie zwischen seinen Händen. Seine Frau hatte Geschmack, das musste man ihr lassen. Und sie hatte einen ausgesprochenen Sinn für Qualität. Nach kurzem Zögern überwand Richard schliesslich seinen Widerstand und schlüpfte in die zugeknöpfte Jacke. Instinktiv verspannte sich sein Körper, doch die Wolle fühlte sich wunderbar an und der weite Schalkragen sorgte dafür, dass er sich um den Hals nicht eingeengt fühlte. Eine leise Erregung bemächtigte sich seiner, als er sich unter dem Hemdkragen auch noch ein Seidentuch um den Hals band.

„Du siehst fantastisch aus!“, hörte er in seinem Kopf eine Stimme sagen, als er sich im Spiegel betrachtete. Ja, verdammt, sie fehlte ihm, diese Stimme. Nicht dass sie ihm tatsächlich je so etwas Ähnliches gesagt hätte. Nein, dazu war sie viel zu diskret und professionell gewesen. Ein bitterer Schmerz durchfuhr Richard, als er daran denken musste, was die junge Frau ihm erzählt hatte. Sie hatte beim Leeren des Papierkorbes im Arbeitszimmer seiner Frau nicht nur sein Bild und seine Blumen sondern auch den Ohrring gefunden, den sie verloren hatte, als sie ihm beim Hexenschuss zu Hilfe kam. Mein Gott, sollte sie recht gehabt haben? Sollte seine Frau wirklich geglaubt haben, dass er mit ihr im Bett war? War das der Grund für ihren Zusammenbruch? War er am Ende schuld an ihrem Tod? Natürlich war da nie etwas gewesen zwischen ihm und der jungen Assistentin. Doch war das wirklich wahr? Machte er sich da nichts vor? Wie viele Male hatte er die junge Frau vor seinem inneren Auge ausgezogen. Und wessen Augen und Lippen hatte er vor sich gesehen, wenn er sich alleine in seinem Zimmer…?

Aber nein, verdammt, wegen eines Ehebruchs bringt man sich nicht um! Das hatte ihm auch die junge Assistentin versichert, nachdem sie seine erschrockene Reaktion bemerkt hatte. Sie wusste offenbar mehr über seine Frau als er selber. Aber sie hatte ihm nichts weiter erzählt. Er hatte sich hundert Mal gefragt, was sie erfahren haben könnte. Denn eines war ihm klar: Sie konnte unmöglich wissen, was er am Tag der Beerdigung erfahren hatte.

Damals war ihm beim Leichenmahl eine Dame aufgefallen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie trug ein langes schwarzes Strickkleid über eleganten Lederstiefeln, und hatte sich eine schwarze Kaschmir-Stola um die Schultern geschlungen. Richard hatte seinen Augen nicht getraut, als sie sich ihm schliesslich als seine Schwägerin vorgestellt hatte. Seine Frau hatte nie von ihrer Schwester gesprochen. Er wusste nur, dass sie eine hatte, dass diese schon früh allerhand Probleme mit Drogen und Essstörungen hatte und dass die Schwestern schon seit Jahren keinen Kontakt mehr miteinander pflegten.

„Sie haben sich ihre Schwägerin ganz anders vorgestellt, nicht wahr?“, sagte die Dame mit warmer Stimme, als sie sich etwas abseits der Leute auf das Sofa setzten. Um ehrlich zu sein, hatte Richard sie sich gar nicht vorgestellt. Er wusste nicht einmal, dass sie noch lebte. Doch sie hatte überlebt. Und wie! Die Dame machte keinen Versuch, ihre Tränen zu verbergen, als sie begann, ihm von ihrer Jugend zu erzählen: Von ihrer völlig überforderten Mutter, die abends in Bars arbeiten musste, um die Familie durchzubringen. Von ihrem Vater, der nach einem Grubenunglück invalid geworden war. Von seinen Depressionen, seinen Gewaltausbrüchen und von all den Jahren, während denen er sich von seinen Mädchen das holte, was ihm seine Frau nicht geben wollte. Ihre ältere Schwester hätte alles getan, um den Horror zu verleugnen. Sie war die perfekte Fassade der Familie gegen aussen: Intelligent, angepasst, fleissig und erfolgreich. Ja, sie habe sie gehasst dafür. Doch heute täte sie ihr leid. Sie selber wäre damals durch die Hölle gegangen. Aber eines Tages habe sie Menschen getroffen, die ihr geholfen hätten. Es sei ein langer Therapie- und Heilungsweg gewesen. Aber schliesslich habe sie selber Sozialarbeit studieren können. Und heute kümmere sie sich um Kinder aus problematischen Familien. „Ich weiss nicht, was meine Schwester letztlich in den Tod getrieben hat. Aber ich hatte immer geahnt, dass die verdrängte Finsternis sie eines Tages einholen würde.“

Beim Zuhören war Richard bewusst geworden, dass er seine Frau nie hatte weinen sehen. Er konnte sich nicht erinnern, dass sie je die Fassung verloren hätte. Sie war für ihn der Inbegriff von Stärke und Souveränität. Und das war wohl auch der Grund, warum er sie geheiratet hatte: Das, ihre gesicherte gesellschaftliche Existenz als renommierte Professorin, und ihre lange Kaschmirjacke, die sie so geliebt hatte und die sie stets bis zum Hals zugeknöpft zu tragen pflegte.

Richards Mutter hatte damals eine ähnliche Jacke besessen. Er war als Junge oft nachts alleine zuhause, wenn seine Mutter im Krankenhaus Dienst hatte. Er hatte immer schreckliche Angst, wagte es ihr aber nicht zu sagen. Dafür hatte er sich jeweils ihre Strickjacke aus dem Schrank geholt. Eingehüllt in die weiche Wolle fühlte er sich wenigstens etwas sicherer und geborgen.

Eines Nachts, kurz nach seinem achten Geburtstag, war er dabei auf dem breiten Bett seiner Eltern eingeschlafen. Plötzlich wurde er vom grellen Licht einer Taschenlampe aus dem Schlaf gerissen. Der feine Geruch von Leder drang ihm in die Nase, als eine Hand ihn am Schreien hinderte. Und über der Lichtquelle tauchten plötzlich zwei Augen auf, die ihn aus dem Schlitz einer Motorradhaube hervor anschauten. „Kümmere dich um den Bengel!“ hörte er eine männliche Stimme aus dem Dunkeln, „wir warten auf die Alte.“

Die Frau hatte den völlig verängstigten Jungen mit Klebeband verschnürt und ihn dann in die Strickjacke seiner Mutter eingepackt, die sie ihm bis zum Hals zuknöpfte. Mit einem Stück Klebeband über dem Mund geknebelt musste er wenig später hilflos zusehen, wie seine Mutter bei der Rückkehr von der Arbeit überwältigt und brutal an einen Stuhl gefesselt wurde. Richard hatte damals nicht verstanden, was diese Leute von ihnen wollten. Er begriff nur, dass es um Nordirland ging, und um seinen Vater, der sich zurzeit dort aufgehalten hatte. Seine Mutter hatte beharrlich geschwiegen, auch dann noch, als man ihr einen Plastikbeutel über den Kopf stülpte. Nie wird er das bedrohliche Knarren des Holzstuhles vergessen, als sich ihr Körper verzweifelt gegen die Fesseln stemmte. Aber auch nach dem dritten Anlauf wollte sie noch immer nicht sprechen. Dann hatte die maskierte Frau plötzlich ein Messer in der Hand. Gelähmt vor Angst hatte Richard zugeschaut, wie sie langsam die untersten Knöpfe seiner Strickjacke öffnete. Blankes Entsetzen sprach aus den erschöpften Augen seiner Mutter, als die Klinge des Messers schliesslich unter seine Unterhose glitt. „Nein, bitte, nicht den Jungen! Ich werde euch…“, hatte er sie noch schreien gehört, bevor seine Erinnerung abriss.

Eine Woche später war seine Mutter gemeinsam mit seinem Vater mit militärischen Ehren beerdigt worden. Richard war unter Schock und hatte lange nicht erfahren, was damals geschehen war. Sein Grossvater hatte ihm nur erzählt, dass sein Vater bei einem Einsatz in Nordirland ums Leben gekommen war. Erst als er selber zehn Jahre später in die Britische Army eingetreten war und sich nach der Grundausbildung um die Aufnahme in die 14. Aufklärungskompanie bewarb, hatte er erfahren, dass sein Vater auch schon Mitglied von „The Det“ war. Irgendwie musste die IRA damals hinter dessen Identität gekommen sein. Einen Tag nach dem Tod seiner Frau war er in Belfast von einem Kommando auf offener Strasse erschossen worden. Richard war schon über dreissig und seit mehreren Jahren in Nordirland im Einsatz, als ihm sein leitender Offizier endlich die geheime Akte aus den Siebzigerjahren gezeigt hatte. Offenbar war seine Mutter damals geknebelt und mit einer Schlinge um den Hals gefesselt auf dem Bett zurückgelassen worden. Bei ihrem verzweifelten Versuch, den Jungen und sich zu befreien, musste sie sich vor Erschöpfung irgendwann selber erdrosselt haben.

Richard war innerlich zerbrochen, als er die Wahrheit erfuhr. Quälende Schuldgefühle begannen ihn Tag und Nacht zu begleiten, und er konnte nicht begreifen, wieso er sich an nichts mehr erinnern konnte. Gleichzeitig war er besessen vom Bedürfnis nach Rache und er hatte alle Mühe, seine psychische Verfassung vor seinen Vorgesetzten zu verbergen. Nie hätten sie ihm unter diesen Umständen erlaubt, noch länger in seiner Undercover-Mission zu bleiben. Und dies mit Recht. Denn eines Nachts hatte Richard geglaubt, in einem Pub die Augen von damals wiederzuerkennen. Und er war überzeugt, dass auch sie ihn erkannt hatte. Er ging ihr nach auf die Toiletten, und als sie sich im Gang plötzlich umdrehte und ihre Hand aus der Handtasche zog, hatte er sofort geschossen. Es war eine Primarlehrerin und sie hatte einen Pfefferspray in der Hand, weil sie glaubte, er wolle sie belästigen.

Richard war damals in eine tiefe Depression gefallen und musste den Dienst quittieren. Es waren schwierige Jahre gewesen, aber langsam hatte er sich gefangen. Er bezog eine Rente und hatte begonnen zu schreiben. In dieser Zeit war er seiner Frau begegnet. Er wurde zum diskreten Rückhalt ihrer wissenschaftlichen Karriere und sie gab ihm das Heim und die Geborgenheit, nach der er sich so sehr sehnte. Kinder waren ihnen keine vergönnt gewesen und er war sich wohl bewusst, dass sie diesbezüglich ihr Glück auch bei anderen Männern versucht hatte. Aber er hatte sie geliebt. Und von Tag zu Tag wurde ihm mehr bewusst, wie sehr sie ihm fehlte.

Richard sah immer noch in sein eigenes Spiegelbild, als ihn der warme Klang der Standuhr aus seinen Gedanken riss. Seine Strickjacke strahlte eine angenehme Wärme aus und zum ersten Mal seit jener verhängnisvollen Nacht spürte er nicht diese beklemmende Übelkeit beim Gefühl von Wolle auf seinem Körper. Spontan musste er an die edle Kaschmir-Jacke seiner Frau denken, die ihm so an ihr gefallen hatte. Auf dem Tisch neben dem Spiegel lag immer noch der Koffer mit ihren Sachen, den man ihm aus der Klinik gebracht hatte. Er hatte ihn bisher nicht geöffnet. Enttäuscht stellte er fest, dass die Jacke fehlte. Er hätte geschworen, sie bei seinem Besuch in der Klinik gesehen zu haben. Einen Moment lang war er irritiert. Doch als er den Deckel des Koffers wieder zumachte, verspürte er eine seltsame Leichtigkeit.

Langsam öffnete er die Glastür und trat hinaus auf den Balkon. Warm schien die Frühlingssonne auf seinen Körper, während er den Vögeln lauschte, die sich zwischen den noch immer nackten Bäumen tummelten. Noch vor kurzem war der Park unter einer dicken Schneedecke begraben. Und nun sass bereits die erste Biene vor ihm auf dem Geländer. Nachdenklich schaute er ihr zu, wie sie ihre Fühler und Augen putzte, bevor sie zu neuen Taten aufbrach. Dann, einem spontanen Impuls folgend, zog er sein Telefon aus der Tasche. Er brauchte nicht lange, um die Nummer zu finden. Und während er mit gespannter Erwartung die Klingeltöne zählte, öffneten seine Finger langsam die Knöpfe seiner Strickjacke…

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Richard spürte eine seltsame Erregung, als er seinen Wagen im Innenhof des grosszügigen Landgutes abstellte. Eine Gruppe von Jungs hatte ihr Fussballspiel unterbrochen und schaute misstrauisch zu ihm herüber, während er sich die Strickjacke elegant um die Schultern legte und an ein paar kichernden Mädchen vorbei das Hauptgebäude betrat. Der Mann an der Pforte zeigte ihm den Weg zum Büro der Heimleiterin. Sie war gerade im Begriff, einem kleinen Mädchen das aufgeschlagene Knie zu verbinden, als er an die geöffnete Tür klopfte.

„Tee oder Kaffee?“, fragte sie strahlend, nachdem das Mädchen verschwunden war und sie ihm ihre kräftige Hand hingehalten hatte. Neugierig schaute er ihr zu, als sie ihre Jacke auszog und das Teewasser aufsetzte. Sie war etwas grösser als ihre Schwester und trug ihre grauen Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr Körper in der engen Jeans und dem ärmellosen Rollkragentop war in gesunder Form und Richard hatte Mühe sich vorzustellen, wie sie als Jugendliche ausgesehen haben muss. Und als sie sich mit dem Tablett in den Händen umdrehte, sah er auf ihrem Oberarm das dornenumrankte Schwert, das sich durch einen Totenkopf bohrte.

„Es erinnert mich jeden Tag daran, woher ich komme“, sagte sie schmunzelnd, während sie ihm den Tee einschenkte. „Und es verschafft mir gehörigen Respekt bei den Jungs“. Die natürliche Heiterkeit seiner Schwägerin war betörend und unwillkürlich begann sich Richard zu entspannen. Langsam öffnete er den Knopf an der Manschette seines Hemdes und schob den Ärmel nach oben. „Wer wagt, gewinnt“. Sie schien zu wissen, was das Zeichen bedeutete. Aber der leise Spott in ihrer Stimme verriet ihm, dass sie sehr wohl wusste, dass keiner, der unter diesem Motto gedient hat, sich dieses Zeichen auf den Arm brennen lassen würde.

„Es erinnert mich an die Zeit, wo ich noch etwas tun wollte für eine bessere Welt. Dafür, dass Kinder nachts in Frieden schlafen können, “ sagte er fast entschuldigend.

„Ich bin überzeugt, den Jungs wird es gefallen! Und die Mädchen mögen dich auch so. Glaub mir, ich kenne mich da aus!“

Schatten der Vergangenheit (III)

Sie musste eingeschlafen sein, denn als das Smartphone in der Tasche ihres Daunenmantels zu vibrieren begann, war es bereits dunkel. Im Licht des Mondes, der durch die Fenster ihres Büros schien, konnte sie die halbleere Flasche sehen, die neben dem Sofa auf dem kleinen Glastisch stand. Schlaftrunken richtete sie sich unter dem warmen Mantel auf, mit dem sie sich zugedeckt hatte. Der Anrufer war beharrlich, denn es vibrierte immer noch, als ihre Hände endlich die richtige Manteltasche fanden. Das Licht des Displays blendete sie und schlagartig spürte sie wieder ihr ganzes Elend, als sie die besorgte Stimme ihres Mannes vernahm. Ja, sie sei noch in der Klinik, hörte sie sich sagen. Sie müsse noch arbeiten. Nein, sie wisse noch nicht… und „Ja, ich liebe dich auch!“

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Bild: Petra Morzé im Fernsehfilm „Brief an mein Leben“ (D, 2015, Screenshot)

Mein Gott, wie hohl diese Worte plötzlich klangen! Aber hatten sie je anders geklungen? Hatte sie wirklich gemeint, was sie ihm sagte, all die Jahre? Oder hatte sie ihn die ganze Zeit belogen, so wie sie sich selber belogen hatte?

Karolinas Kopf schmerzte, als sie ihre Beine über den Rand des Sofas gleiten liess und sich langsam aufsetzte. Ihre schwarzen Stiefel, die neben dem Glastisch am Boden lagen, schimmerten matt im Mondlicht, während sie spürte, wie vom Teppich eine kalte Nässe durch ihre Strumpfhose drang. Sie hatte sich schon gewundert, wo das Glas hingekommen war. Es musste ihr aus der Hand gefallen sein, als sie eingeschlafen ist. Ihre Hände zitterten leicht, als sie nach der Wodkaflasche griff, um sich neu einzuschenken. Karolina hasste Wodka. Sie hasste den Geschmack, und sie hasste die zerstörerische Macht, die er über ihr eigenes Volk ausübte. Doch wie viele ihrer polnischen Landsleute trank sie doch immer wieder davon, gerade in den Momenten, wo sie sich selber am meisten hasste.

Der Wodka brannte in der Kehle, aber er brachte wieder etwas Leben in ihren Körper zurück. Aus der Ferne hörte sie eine Glocke neun Uhr schlagen, als sie sich erschöpft erhob und ans Fenster trat. Der Park der Klinik lag unter einer dicken Schneeschicht begraben und die Silhouette der Bäume wirkte gespenstisch im fahlen Mondlicht. Der Anblick erinnerte sie an ihre Heimat, an das Haus ihrer Eltern in der Nähe von Warschau, und an die kleine Hütte im Wald. Schnee machte sie immer traurig. Vielleicht war sie ja darum nach England gekommen, weil es hier so selten Schnee gab.

Energisch zog Karolina die Vorhänge zu, um die Bilder in ihrem Kopf zu stoppen. Was war nur los mit ihr? Sie hatte das doch alles hinter sich gelassen! In einem Zug leerte sie den Rest des Glases, während sie an ihrem Schreibtisch vorbeiging, um auch die anderen Vorhänge zu ziehen. Da sackte sie plötzlich in sich zusammen, als auf dem weichen Teppich etwas schmerzhaft in ihren Fuss stach. „Cholera jasna!“, entfuhr es ihr, als sie zwischen ihren Fingern die Keramikscherbe erkannte, die sie unter ihrer Fusssohle hervorgezogen hatte. Und plötzlich schossen die Tränen in ihre Augen. „Mein Gott, was willst du von mir?“ Hatte sie denn nicht alles getan, was sie konnte? Hatte sie nicht schon genug gebüsst?

Schluchzend liess sie sich auf den Teppich sinken. Der Mond schien direkt auf ihr tränennasses Gesicht, während ihre Augen ausdruckslos an die Decke starrten. Genau hier war sie gelegen, an dem Morgen vor einer Woche, als sie nach dem Schlag auf ihren Kopf wieder zu sich gekommen war. Das erste was sie gesehen hatte, waren die Augen ihrer Patientin, die sich über sie gebeugt hatte und im Begriff war, Klebeband um ihren Mund zu wickeln. Karolina wollte etwas sagen, aber ihre Zunge war ebenso zur Ohnmacht verdammt wie ihre gefesselten Hände und Füsse. Fassungslos war ihr Blick von den Scherben der Keramikvase auf dem Teppich zu ihrer Strumpfhose gewandert, die neben ihren Schuhen am Boden lag, und von dort zu ihrer Patientin, die sich plötzlich mit der weissen Strickjacke von Karolinas Twinset über sie gebeugt hatte. „Sorry, Karolina, aber auch sie werden mich nicht aufhalten können“, hatte sie die Frau sagen hören, während ihr die Jacke um den Kopf gewickelt und mit den Ärmeln um Mund und Augen fixiert worden war…

Unwillkürlich stand Karolina vom Boden auf, als eine Woge der Beklemmung durch ihren Körper fuhr. Hastig riss sie das Fenster auf und liess gierig die kalte Winterluft in ihre Lungen strömen. Nie würde sie dieses panische Gefühl der Ohnmacht vergessen, als die Frau sie hilflos gefesselt und geknebelt hinter dem schweren Ledersofa eingeklemmt zurückgelassen hatte. Von ihrem vergeblichen Widerstand erschöpft, hatte sie unter der Strickjacke verzweifelt nach Luft gerungen. Und im ersten Moment hatte sie geglaubt, sterben zu müssen. Dann, mit der Zeit, hätte sie am liebsten sterben wollen, damit es endlich aufhört, so wie damals, als die Jungs…

Mein Gott, wie konnte ihr das nur passieren, nach all den Jahren? Sie hatte doch all das hinter sich gelassen, als sie damals Polen verliess und zu ihrer Tante zog, um in Oxford Medizin und Psychologie zu studieren. Fröstelnd zog Karolina die Jacke ihres Twinsets vor der Brust zusammen, während sie den Mond betrachtete, der hinter den Bäumen hervorgetreten war. Hatte sie nicht alles, was sie sich hätte wünschen können: Einen Magister mit summa cum laude, einen liebenden Ehemann, zwei erwachsene Kinder, auf die sie stolz sein durfte, und eine gute Stelle als Oberärztin in einer renommierten Klinik? Sie liebte ihre Arbeit und galt nicht zu Unrecht als eine der Besten ihres Fachs. Nicht umsonst hatte man die bekannte Professorin nach deren Nervenzusammenbruch ihrer Sorge anvertraut.

Sie konnte sich noch genau erinnern an den Tag, wo die Patientin zum ersten Mal zu ihr ins Büro gebracht wurde. Sie stand unter starken Medikamenten und sah erschöpft aus. Aber Karolina war spontan fasziniert von dieser Frau. Sie hätte nicht sagen können, woran es lag. War es ihre Ausstrahlung, ihre unterdrückte Leidenschaft? War es diese Ambivalenz zwischen spürbarer Verletzlichkeit und vermeintlicher Souveränität, wenn sie ihre edle Kaschmir-Jacke elegant um die Schulter drapiert zu tragen pflegte? Was auch immer es war, nach einer Woche Arbeit mit ihr musste sich Karolina eingestehen, was sie nie für möglich gehalten hätte – und was nie wieder hätte passieren dürfen: Sie hatte sich verliebt!

Natürlich war sie Profi genug, um ihre Projektionen zu erkennen. Und anfänglich hatte sie sich auch noch gezwungen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Aber nach und nach erlaubte sie sich insgeheim kleine Schwächen. Immer öfter überging sie ihre Schuldgefühle und liess ihrer Sehnsucht und Fantasie freien Lauf. Dabei gelang es ihr problemlos, äusserlich professionell zu bleiben, und der offensichtliche Erfolg ihrer Arbeit bewahrte sie vor übermässigen Skrupeln: Die Professorin reagierte ausgezeichnet auf die Therapie. Sie hatte blendend ausgesehen an dem Nachmittag, nachdem sie mit ihrer jungen Assistentin im Park der Klinik spazieren war. Ihre Wangen hatten geglüht, als sie eingehüllt in ihre Kaschmirjacke in der Therapiesitzung sass. Karolina war hin und hergerissen zwischen professionellem Stolz, brennendem Begehren und quälender Eifersucht. Und an diesem Abend, allein in ihrem Wagen auf einem abgelegenen Parkplatz mit Blicks aufs Meer, hatte sie schliesslich ihrer aufgestauten Erregung freien Lauf gelassen.

Umso grösser war der Schock, als sie am nächsten Tag mit schmerzendem Kopf auf dem Teppich vor ihrem Schreibtisch aus der Betäubung erwacht war. Das warme Strahlen in den Augen der Professorin war kalter Entschlossenheit gewichen. Und als Karolina realisierte, dass man ihr die Strumpfhose ausgezogen hatte, war ihr schlagartig klar, worum es hier ging. Sie selber hatte der Professorin bei der ersten Sitzung erklärt, warum man ihr leider nicht erlauben könne, Strumpfhosen zu tragen. Doch wenn Karolina im ersten Schock und Schmerz der Enttäuschung überhaupt so etwas wie Angst um die Patientin empfunden haben sollte, war diese schnell verflogen, als sie kurz darauf hilflos hinter dem Sofa eingeklemmt panisch an ihren Fesseln zerrte und verzweifelt am Knebel vorbei nach Luft rang. Die Jacke über ihrem Kopf hatte sie dabei in eine Finsternis getaucht, die längst verdrängte Schatten aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins zu neuem Leben erweckte…

Karolina hätte nicht sagen können, ob ihre Zähne nun vor Kälte oder vor Angst zitterten. Aber diesmal nahm sie allen Mut zusammen und wandte sich nicht vom Fenster ab, als das Mondlicht auf den kleinen Pavillon im Park fiel. Ja, so ähnlich sah sie aus, die kleine Hütte im Wald, in der sie damals zum ersten Mal ihre Freundin geküsst hatte. Sie waren beide 15 und seit Jahren ein Herz und eine Seele. Karolina war insgeheim verliebt gewesen, wagte es sich aber selber nicht einzugestehen. Sie schämte sich für ihre Gefühle und hatte panische Angst, dass es jemand merken könnte. Doch dann hatte ihre Freundin sie an einem schönen Winterabend zu dieser Hütte geführt. Sie hatten Feuer gemacht und sassen eingekuschelt in ihre Winterjacken auf dem Bett, als die Hand ihrer Freundin plötzlich zwischen ihre Beine glitt. Es sollten die glücklichsten Stunden in Karolinas Leben werden… und sie sollte sie teuer bezahlen.

„Nein, es reicht!“ Karolina hatte genug von dieser alten Geschichte. Es war schon schwierig genug, ihr aktuelles Lebenschaos wieder in den Griff zu bekommen. Grimmig schloss sie das Fenster, zog die Vorhänge zu, zündete die Leselampe an und trat hinüber zum Schreibtisch, wo sie ihre Handtasche und das Packet mit der Kaschmirjacke der Professorin abgelegt hatte. Die kostbare Jacke hätte sie auf dem Friedhof der jungen Assistentin übergeben sollen, aber diese wollte sie nicht haben. Karolinas Finger zitterten vor Kälte, als sie das Packpapier aufriss. Doch als ihre Hand das weiche Kaschmir spürte, hielt sie plötzlich inne. Genauso hatte sich der Pullover ihrer Freundin angefühlt, als sie diese zur Begrüssung umarmen wollte, damals am Tag danach, im Treppenhaus der Schule. „Lass mich los, du verdammte Lesbe!“, hatte diese sie angeschrien wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Einen Moment lang glaubte Karolina, sich übergeben zu müssen, als die Erinnerung sie überwältigte: Nie wird sie die erschreckende Kälte in den Augen ihrer Freundin vergessen, während deren Schrei noch durchs Treppenhaus hallte. Und noch weniger wird sie die Blicke der Mitschüler und Lehrer vergessen, die Zeugen dieser Szene wurden. Diese Blicke, die in Sekundenschnelle von Schreck und Erstaunen in hämisches Grinsen und vorwurfsvolle Fassungslosigkeit übergegangen waren. Von diesem Moment an wurde Karolinas Leben zur Hölle. Quälendes Mobbing ihrer Mitschüler und demonstratives Misstrauen der Erwachsenen prägten während Monaten ihren Alltag. Sie hatte nie begriffen, was eigentlich geschehen war. Und als sie nach einem Jahr endlich hoffen durfte, dass sich die Wogen geglättet hatten, nutzten ein paar Jungs das Schulfest, um ihr auf der Herrentoilette beizubringen, was ihre wahre Berufung sei. Nachdem man ihr erst eine Flasche Wodka in den Rachen und übers Gesicht geschüttet hatte, wurde sie mit ihrer Strickjacke über dem Kopf geknebelt. Sie hatte weder gesehen, wer noch wie viele es letztlich waren. Sie konnte sich nur noch an ihren Atem erinnern, an den Geruch von Wodka und Knoblauch. Und daran, dass sie sterben wollte, einfach sterben, damit es endlich aufhört.

Die Erinnerung tat höllisch weh, auch nach all den Jahren noch. Spontan ergriff Karolina das leere Glas auf dem Tisch und schaute sich um nach der Wodkaflasche. Aber plötzlich begann sich in ihr eine ungewohnte Kraft zu regen. Was hatte die junge Frau auf dem Friedhof gesagt, als Karolina ihr das Packet übergeben wollte? „Keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“ Ja, verdammt, wie Recht sie hatte! Was hatte ihnen die Frau „Professorin“ nicht schon alles genommen: die Freundschaft und das Vertrauen, den Glauben ans Leben und die Hoffnung in die heilende Kraft der Liebe. Und nun war sie auch noch im Begriff, Karolinas Leben zu zerstören.

„Nein, verdammt, nein, nein, nein!“ hallte ihr Schrei von den Wänden ihres Arbeitszimmers wider. Dann, nach kurzem Zögern, eilte sie zur Tür, riss sie auf und rannte mit ihren bestrumpften Füssen den Gang entlang und über die Treppe hinunter in den Keller. Die Luft im Fitnessraum war feucht und stickig, als sie sich die Jacke ihres Twinsets vom Leib riss und begann, auf den schweren Boxsack einzudreschen. Und nachdem sie sich auch noch ihres Rocks und Pullovers entledigt hatte, waren auch die letzten Fesseln ihrer Gefühle abgelegt. Wild hallten ihre Schreie durch den Raum, während sie mit Fäusten und Füssen ihre ganze Wut herausprügelte: Auf die Professorin, auf ihre Jugendliebe, auf die Jungs von der Herrentoilette, auf ihre Eltern und Lehrer, auf die Nonnen und Priester, die sie nur immer zur Beichte geschickt hatten, … und auf Gott, dem sie das alles zu verdanken hatte.

Der Boxsack war nass, ihre Strumpfhose zerrissen und ihr Oberkörper mit Schweiss bedeckt, als sie sich schliesslich völlig ausgepumpt auf die Matte sinken liess. Ihre Schultern bebten vor Erschöpfung und ihre Brust hob und senkte sich im Rhythmus des keuchenden Atems, während Tränen an den nassen Haarsträhnen entlang über ihre Wangen strömten. Doch ganz allmählich beruhigte sich das Schluchzen. Die Tränen wurden sanfter und die gequälten Muskeln begannen sich langsam zu entspannen, als Karolina sich mit ausgestreckten Armen auf den Rücken drehte. Jede Faser ihres Körpers schien zu schmerzen, und doch hatte sie sich noch nie zuvor so zuhause gefühlt in ihrem Leib. Als sie schliesslich die Augen öffnete, sah sie über sich den Boxsack, der immer noch sanft an dem Haken baumelte, mit dem er am Kreuzpunkt der Deckenbalken aufgehängt war. Unwillkürlich trat ein Schmunzeln auf Karolinas Gesicht, als sie an all ihre Patienten dachte, die sich bereits an diesem geduldigen Opfer ausgetobt hatten: „Mein Gott, für wie viele Gesichter und Fratzen hast du schon hinhalten müssen!

———

Es war kurz nach Mitternacht, als er mit dem Wagen in die Einfahrt zur Klinik einbog. Er sah sie schon von weitem. Sie sass im Schein der Laterne auf der Treppe vor dem Haupteingang und wartete auf ihn. Sie war fest eingepackt in ihren Daunenmantel und hatte sich die pelzbesetzte Kapuze tief in die Stirn gezogen. Wortlos nahm er sie in den Arm. Unter dem weichen Mantel konnte er das leise Beben ihrer Schultern spüren. Und einmal mehr wurde ihm bewusst, wie wenig er auch nach 25 Jahren Ehe von seiner Frau wusste. Doch gleichzeitig kannte er sie gut genug, um zu wissen, wann er sie am besten nichts fragen musste. „Ich liebe dich!“, hörte er sie schliesslich flüstern, als sie langsam ihren Kopf von seiner Brust hob und er spürte, wie ihre Lippen zögernd nach seinem Mund tasteten. Sie klang ganz anders, als noch am frühen Abend. Irgendetwas hatte sich verändert. Er hätte nicht sagen können, was es war. Aber er wusste, dass es gut war.

„Bitte, tu mir einen Gefallen. Halte kurz beim Ausgang und wirf das in den Müllcontainer!“ hörte er ihre müde Stimme neben sich, als er den Wagen langsam durch die mondbeschienene Pappelallee vor der Klinik steuerte. Einen Moment lang betrachtete er zögernd das sorgfältig in Packpapier eingewickelte Bündel, bevor er es kopfschüttelnd in die stinkende Tonne warf. Als er zum Wagen zurückkam, schien sie eingeschlafen zu sein. Ihr Gesicht lag im Schatten der Kapuze verborgen und ihr Kopf ruhte entspannt an der Nackenstütze. Doch als er auf die Hauptstrasse eingebogen war und behutsam den Wagen einen Gang hochbeschläunigte, spürte er für einen kurzen Moment ihre behandschuhten Finger auf seinem Handrücken.

Schatten der Vergangenheit (II)

„Ich habe so gehofft, dass du kommen würdest“, hörte sie seine Stimme, als er sie in seinem Arbeitszimmer zurückliess, um ihren Daunenmantel an die Garderobe zu hängen und in der Küche einen Tee zu kochen. Wie betäubt stand sie am Fenster und schaute auf die winterlich weisse Pracht, die ihr in der gleissenden Sonne entgegenblitzte. Immer wieder schwebten kleine Wolken von glitzernden Sternchen durch die Luft, wenn sich etwas Schnee von einem Ast löste und in der eisigen Winterluft zerstäubte. Gestern noch hatte sie mit ihr zusammen diesen Zauber bewundert, beim Spaziergang im Park der Klinik. Sie wollte es einfach nicht glauben. Wie konnte das nur passieren?

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Langsam drehte sich Elisabeth um, als das grelle Licht neue Tränen in ihre schmerzenden Augen trieb. Ihre von der Kälte geröteten Wangen glühten, während ihr Blick über die vollen Bücherregale glitt. Das war es also, das private Reich ihres ehemaligen Professors. Sie mochte diesen Geruch von alten Büchern. Und ein Hauch von Pfeifenrauch lag in der wohlig warmen Luft. Geistesabwesend überflog sie die Titel auf den Buchrücken, während sie sich an den Knöpfen ihrer Strickjacke zu schaffen machte. Aber die Finger versagten ihr den Dienst. Ihre eleganten Lederhandschuhe waren definitiv nicht gedacht für lange Aufenthalte in bissiger Kälte.

Fast drei Stunden war Elisabeth ziellos umhergeirrt, nachdem sie die Klinik verlassen hatte, zuerst in der Stadt und danach im Stadtpark. Zwischendurch hatte sie in einem Café einen heissen Tee trinken wollen. Aber die Vorstellung, inmitten dieser Bridge spielenden Damen ihre Verzweiflung herauszuweinen, liess sie schon an der Tür kehrtmachen. Die lärmige Geschäftigkeit in den Strassen und das frohe Lachen der schneeverrückten Kinder im Park drangen nur aus weiter Ferne in ihr Bewusstsein. Wie betäubt hatte sie die Enten betrachtet, die unbeirrt in den halb zugefrorenen Teichen trieben. Und irgendwann stand sie schliesslich vor dem Haus ihres ehemaligen Doktorvaters. Sie wusste nicht wirklich, wie sie hierhergekommen war, aber sie erkannte es sofort. Einmal nur war sie hier gewesen, um ihm eine Arbeit abzugeben.

Die gepflegte Atmosphäre seines Arbeitszimmers tat Elisabeth gut. Ganz allmählich kam mit der Wärme auch wieder etwas Ordnung in ihren Kopf, während sie ihre Hände über der Kerze auf dem Schreibtisch zu neuem Leben erweckte. Rund um das Manuskript eines Artikels lagen mehrere offene Bücher auf dem Tisch. Und neben dem Bildschirm des alten Computers stand ein Bild von ihr, der Frau, die ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben hatte. Eine neue Welle von Schmerz ergriff Elisabeth, als sie das Bild in dem feinen, goldenen Rahmen in die Hand nahm. Es musste über 20 Jahre alt sein. Aber die junge Frau auf dem Bild, im schwarzen Talar mit dem Doktorhut an der Seite des Professors, hatte bereits denselben selbstbewussten und entschlossenen Blick, der für die spätere Professorin so typisch war. Elisabeth war vom ersten Moment an fasziniert gewesen von dieser Frau. Und doch, wenn sie ehrlich war, hatte sie schon bald, nachdem sie die Stelle als Assistentin bei ihr angenommen hatte, begonnen, hinter der Fassade der renommierten Professorin eine andere Wahrheit zu erahnen. Aber was diese Wahrheit war, wusste sie bis heute nicht. Und das machte es ihr noch schwieriger zu verstehen.

Fassungslos war sie vor ein paar Stunden an dem Bett gestanden, auf dem man die Professorin aufgebahrt hatte. Sie sah irgendwie friedlich aus. In ihren blassen Zügen lag etwas von dieser alten Entschlossenheit. Und entschlossen musste sie auch gewesen sein. Anders wäre es so nicht möglich gewesen. Seit Tagen musste sie alle hinters Licht geführt haben, Elisabeth sowieso, aber offenbar auch ihre behandelnde Psychiaterin. Die Ärztin war sehr zufrieden gewesen mit dem Verlauf der Therapie. Noch gestern hatte sie Elisabeth gegenüber versichert, dass das Schlimmste überstanden sei. Das musste sie auch an diesem Morgen gedacht haben, als sie ihrer Patientin in ihrem Büro für einen Moment den Rücken zugekehrt hatte. Die Keramikvase zerbarst an ihrem Hinterkopf in tausend Stücke. Sie war nicht lange bewusstlos, aber als sie wieder zu sich kam, waren ihre Hände und Füsse mit Tesafilm von ihrem Schreibtisch gefesselt. Hilflos musste sie zulassen, wie ihr das eigene Höschen zwischen die Lippen gepackt und mit mehreren Windungen Tesafilm um ihren Mund fixiert wurde. Und nachdem ihr die Patientin auch noch die Jacke ihres Twinsets von der Lehne des Bürosessels genommen und fest um den Kopf gewickelt hatte, wurde sie verzweifelt in ihren Knebel stöhnend zur Sitzgruppe geschleppt und hinter dem Ledersofa am Boden liegend verstaut. Als es der Ärztin nach einer halben Stunde endlich gelungen war, auf sich aufmerksam zu machen, war die Professorin bereits tot. Sie hatte sich mit der Strumpfhose ihres Opfers an einer Vorhangstange erhängt…

„Du trägst eine wunderschöne Strickjacke“, wurde Elisabeth aus den quälenden Bildern gerissen, als der emeritierte Professor mit einer Kanne dampfendem Tee das Zimmer betrat. Verblüfft drehte sie sich um und schaute zu, wie er ihr eine Tasse einschenkte. Die Jacke hatte ihrer Mutter gehört. Sie hatte sie schon ewig nicht mehr getragen. Warum nur hatte sie sie ausgerechnet heute angezogen? Plötzlich schien sich der Raum um Elisabeth langsam zu drehen. Ihre Knie begannen nachzugeben und sie musste sich am Schreibtisch abstützen, als wie aus dem Nichts das Gesicht ihrer Mentorin vor ihrem inneren Auge auftauchte: Ihr letzter Blick beim Abschied, gestern nach dem Spaziergang im Park, der dankbare und doch so traurige Ausdruck in ihren Augen, und dieses leise und doch so entschiedene „Leb wohl, mein Kind!“, als sie Elisabeth fest in die Arme nahm.

Elisabeth würde diesen Ausdruck nie vergessen. Genauso hatte ihre Mutter geschaut, damals vor 20 Jahren, an jenem Nachmittag, an dem sie wie jeden Nachmittag Elisabeth und ihre Zwillingsschwester zum Mittagsschlaf gebettet hatte. Doch an diesem Nachmittag kam sie nicht wie gewohnt nach einer Stunde, um die Kleinen zu wecken. Und als sie auch nach zwei Stunden noch nicht gekommen war und Elisabeth zur Toilette wollte, war die Tür abgeschlossen. Weitere zwei Stunden später entdeckte der Hund eines Spaziergängers die Leiche ihrer Mutter im Wald. Sie hatte sich mit der Pistole ihres verstorbenen Gatten erschossen. Die Tante, die sich der Kinder angenommen hatte, sprach damals von Depressionen. Sie meinte auch einmal zu Elisabeth, sie hätten ja noch Glück gehabt. Andere Mütter hätten auch schon ihre Kinder mitgenommen.

Die kleine Elisabeth hatte sich damals nach der Beerdigung heimlich die Kaschmir-Strickjacke ihrer Mutter geholt und an einem geheimen Ort versteckt. Niemand hatte es bemerkt, nicht einmal ihre Zwillingsschwester. Oft war sie stundenlang weinend in ihrem Versteck gesessen, fest eingekuschelt in die weiche Hinterlassenschaft ihrer Mutter. Und dabei hatte sie immer und immer wieder das gleiche Bild vor sich gesehen, diesen letzten Moment: Ihre Mutter, die sich über sie beugt, die Kaschmir-Jacke elegant um die Schultern gelegt, der liebevolle und doch so traurige Ausdruck in ihren Augen, die sanfte Berührung ihrer Lippen auf der Stirn, und das gehauchte, kaum vernehmbare „Leb wohl, mein Kind!“

„Mein Gott, es ist meine Schuld! Ich hätte es wissen müssen!“, schrie Elisabeth verzweifelt auf, während sie sich auf die Knie sinken liess und ihr Gesicht schluchzend in den Händen vergrub. Wie konnte ihr das nur passieren! Es war alles genau so wie damals bei ihrer Mutter. Wieso hatte sie es nicht gesehen? Sie hätte es verhindern müssen. Sie allein hätte sie retten können! Plötzlich musste sie an ihre Schwester denken. Wie sehr sehnte sie sich in diesem Moment nach ihrer Umarmung, nach ein paar haltenden Armen. Doch als der Professor langsam neben sie trat und zögernd die Hand nach ihrer bebenden Schulter ausstreckte, stand sie abrupt auf und trat von ihm weg ans Fenster. Die Sonne war unterdessen hinter den Bäumen verschwunden und die glitzernde Winterpracht hatte sich in ein stummes, kaltes Grau verwandelt. Tränen strömten über Elisabeths gerötete Wangen, während sie fröstelnd die Arme vor der Brust verschränkte.

„Es ist nicht deine Schuld, Lissy! Sie hat es so gewollt. Du hättest sie nicht daran hindern können“, drang wie durch ein Nebel seine Stimme an ihr Ohr. Er war neben sie ans Fenster getreten und starrte in die Dämmerung hinaus. Eine tiefe Wehmut klang aus seiner Stimme: „Gwen hatte immer gewusst was sie wollte. Sie kam aus einfachsten Verhältnissen und hatte sich ganz alleine hochgekämpft. Eine Frau voller Temperament und Leidenschaft, die früh begriffen hat, dass sie es nur schaffen konnte, wenn sie ihre Gefühle dem Verstand unterordnete. Und ihr Verstand war brillant. Sie war die beste und talentierteste Studentin, die ich je hatte… bis du gekommen bist. Ihr seid euch in manchem sehr ähnlich, und doch so grundverschieden. Kennst du Mogambo, diesen alten Hollywood-Streifen aus den fünfziger Jahren? Gwen mit ihren dunklen Haaren hatte mich immer an Ava Gardner erinnert. Hinter ihrer perfekten Fassade brodelte ein Vulkan der Leidenschaft. Und du, Lissy, mit dir kam Grace Kelly in mein Leben. Ich hatte nie verstanden, wie Clark Gable sich für eine der beiden entscheiden konnte. Nun ja, irgendwie hatte ich mich auch entschieden: für Gwen. Und damit habe ich sie umgebracht!“

Verdutzt drehte Elisabeth den Kopf und betrachtete das Profil des Mannes, der im Licht der Dämmerung neben ihr stand. Noch nie hatte sie den alten Mann so aufrecht dastehen sehen. Sein Blick verlor sich irgendwo am Horizont im Abendrot, und plötzlich klang seine Stimme entschlossen und fest: „Damals, als ich dich mitgenommen hatte an ihre Geburtstagsfeier, warst du quasi mein Geburtstagsgeschenk an sie. Ich wollte ihr das Beste geben, was mir je geschenkt worden war. Ich bin ein alter Mann geworden, aber du bist jung, und sie war die beste Lehrerin, die ich mir für dich hätte vorstellen können. Ich fühlte mich gut dabei und habe mir insgeheim für meine Grossmütigkeit auf die Schultern geklopft. Bis zu dem Moment, wo ich das Arbeitszeugnis für Dich ausgestellt habe und nach deinem Geburtsdatum suchen musste.“

Plötzlich glaubte Elisabeth, die Gestalt neben sich schwanken zu sehen. Doch bevor sie reagieren konnte, hatte er sich am Fensterrahmen abgestützt. Glaubte sie es nur, oder hatte er tatsächlich Tränen in den Augen, als er mit einem leichten Beben in der Stimmer fortfuhr: „Du kamst genau an dem Tag zur Welt, an dem Gwen…“ einen Moment lang versagte ihm die Stimme, und plötzlich waren seine Augen geschlossen, während er nach Worten rang: „… an dem Gwen ihr Kind abgetrieben hat… unser Kind!“

Elisabeth brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie eben gehört hatte. Fassungslos starrte sie auf den alten Mann, der reglos dastand. Einen Moment lang war nur sein Atem zu hören, während vor ihrem inneren Auge das Bild der jungen Doktorin mit ihrem Professor auftauchte. „Wir waren damals an einem Kongress in Davos,“ durchbrach seine bebende Stimme die bedrückende Stille. „Es war Gwen’s erster öffentlicher Vortrag. Sie war einfach umwerfend: Jung, attraktiv und unglaublich intelligent. Mein Gott, war ich stolz auf sie. Am Abend hatten wir ihren Erfolg gefeiert, und dabei war es passiert. Wir hatten beide zu viel getrunken. Und plötzlich war sie da, die Ava Gardner in ihr, mit ihrem Feuer und ihrer wilden Leidenschaft. Wir hatten uns völlig vergessen in dieser Nacht.

Gwen hatte es sofort geahnt, und sie sollte sich nicht irren. Es waren die schlimmsten Wochen meines Lebens. Ich war schliesslich bereit, zu Gwen und dem Kind zu stehen. Aber Gwen wollte es nicht. Sie hatte sich schuldig gefühlt und wollte meine Karriere nicht zerstören. Sie hatte sich für die Abtreibung entschieden. Und ich hatte ihr nicht widersprochen. Ich hatte ihr einen Arzt besorgt und der Eingriff verlief ohne Komplikationen. Es schien letztlich alles so vernünftig und einfach. Und im ersten Moment war ich einfach nur dankbar, dass sie mir die Entscheidung abgenommen hatte. Aber in Gwen ist damals etwas gestorben. Ihr Blick war nie mehr derselbe. Sie hatte sich mit Medikamenten durch ihre Depressionen gekämpft und in der Arbeit die Flucht nach vorne ergriffen. Nach dem Doktorat haben sich unsere Wege getrennt und schon bald hatte sie sich als namhafte Kollegin etabliert. Ich war so stolz auf sie. Und ja, ich habe sie geliebt. Seit jener Nacht in Davos habe ich nie mehr mit einer Frau geschlafen.

Und dann bist eines Tages du in meinem Büro aufgetaucht. Ich sehe dich jetzt noch vor mir. Du hattest eine seidene Bluse getragen und deine lachsfarbene Strickjacke um die Schultern gelegt… genau wie Grace Kelly in Mogambo. Ich wollte damals eigentlich schon keine neuen Studenten mehr betreuen. Aber als ich Dich sah, war mir sofort klar, dass du etwas ganz besonderes bist. Und ich hatte mich nicht getäuscht. Ich bin so stolz auf dich. Und ich habe mich ehrlich gefreut, als Gwen dich gefragt hat, ihre Assistentin zu werden.“

Wieder hielt er einen Moment inne, den Blick starr in die Ferne gerichtet. Draussen war es unterdessen schon halb dunkel, als er sich langsam zu ihr umdrehte: „Verstehst du denn nicht, Lissy: Es war ein vergiftetes Geschenk. Ich habe Gwen damit endgültig umgebracht!“ Nein, Elisabeth  verstand nicht. Fassungslos starrte sie in sein schmerzverzerrtes Gesicht, das im schwachen Licht der Schreibtischlampe um Jahre gealtert schien. Nie wird sie den verzweifelten Ausdruck seiner Augen hinter den Gläsern der Brille vergessen, als er sichtbar nach Worten rang: „Du warst kein Geschenk aus Liebe. Ich hatte versucht, mir das einzureden, aber ich habe mich selber belogen. In Tat und Wahrheit warst du die lang ersehnte Gelegenheit, mich von meinen Schuldgefühlen loszukaufen. Seit jenem Tag, dem gleichen Tag, an dem du geboren wurdest, gab es keinen einzigen Morgen, an dem ich nicht mit diesem quälenden Schmerz aufgewacht bin. Endlich nach 25 Jahren glaubte ich, Gwen die Tochter schenken zu können, die ich ihr damals genommen hatte… die ich uns beiden genommen hatte. Mein Gott, wie konnte ich nur so naiv sein!“

Elisabeth wurde plötzlich schwindlig. Ihre Linke klammerte sich an die Lehne eines Sessels, während sie die rechte Hand fest über ihren Mund presste. Einen Moment lang glaubte sie, ihr Magen würde rebellieren. Und langsam begann sich in die quälende Mischung aus Verzweiflung und Ohnmacht ein Gefühl der Wut zu mischen, während sie mit geschlossenen Augen versuchte, zu erfassen, was sie eben gehört hatte. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie plötzlich seine Hände an ihren Schultern spürte. „Lissy, bitte glaub mir, ich habe das alles nicht gewollt“, hörte sie seine flehende Stimme, und als sie ihre Augen öffnete schaute sie direkt in sein Gesicht. Wie in Trance nahm sie wahr, wie sich seine Lippen bewegten: „Ich hätte dich nie da hineinziehen dürfen. Aber ich konnte doch nicht ahnen… Ich wollte doch nur… Bitte verzeih mir, Lissy, bitte! Gwen war nicht deine Mutter! Hörst du? Du hast dir nichts…“

Es klang wie ein Peitschenhieb, als ihre Hand seine Wange traf und seine Brille durch den Raum fliegen liess. Von der Wucht des Schlages in die Knie gezwungen, starrte der alte Professor fassungslos zu ihr hoch. Ihre Lippen bebten vor Wut während ihre Hand zum nächsten Schlag bereit in der Luft innehielt. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Eine unheimlich Stille hatte sich über den Raum gelegt, und das einzige, was sich noch bewegte, waren die Tränen, die über Elisabeths Wangen strömten. Dann liess sie langsam ihren Arm sinken, und plötzlich hatte die Verzweiflung in ihrem Gesicht einer tiefen Verachtung Platz gemacht: „Mein Gott, was für ein armes Schwein du bist!“

Wortlos ging sie an ihm vorbei zur Tür, wo sie sich noch einmal umdrehte: „Ich weiss, dass Gwendolyn nicht meine Mutter war. Aber sie war gut zu mir. Und ich habe sie leiden sehen. Wie hätte ich wissen sollen, dass es meinetwegen war. Verdammt noch mal, ich habe sie einfach nur gern gehabt. Kannst du das verstehen? Ich habe sie geliebt!“ Es hallte im ganzen Haus, als Elisabeth die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich zuknallte. Irgendwo aus weiter Ferne hörte sie noch ihren Namen rufen, als sie ihren Schal und Mantel von der Garderobe nahm und hinaus in die kalte Nacht trat.

——–

Ihre Hand in dem schwarzen Lederhandschuh zitterte, als sie die kleine Schaufel umdrehte und die gefrorenen Erdbrocken auf den Deckel des Sarges herunterfallen liess. Wortlos, ohne jemanden zu grüssen, drehte sie sich um und bahnte sich den Weg durch die schweigende Trauergemeinde. Sie hatte sich den Schal um das Gesicht gewickelt und die Kapuze ihres Daunenmantel tief in die Stirn gezogen. Trocken knirschte der Schnee unter ihren eleganten Stiefeln, als sie den Gräbern entlang über die Wiese zum Fahrweg ging.

„Elisabeth?“ hörte sie plötzlich ihren Namen. Sie hatte die dunkle Gestalt nicht beachtet, die am Wegrand auf sie zu warten schien. Die Frau trug wie sie einen langen, schwarzen Daunenmantel und ihr Gesicht war im Schatten der pelzbesetzten Kapuze verborgen. Erst als sie die Kapuze zurückschob, erkannte Elisabeth die Ärztin aus der Klinik. „Ich habe gehofft, dass ich sie hier treffen werde. Gwendolyn hatte mich gebeten, ihnen das zu übergeben.“ Ungläubig starrte Elisabeth auf das sorgfältig in Packpapier eingewickelte Bündel, das ihr die Frau entgegenstreckte. „Es ist ihre Kaschmir-Jacke, die sie ihr damals in die Klinik gebracht hatten“. Elisabeth schüttelte nur verständnislos den Kopf, während der Ärztin die Tränen über die Wangen liefen. „Es tut mir so leid. Ich weiss nicht, wie das hat passieren können. Aber Gwendolyn wusste, was sie tat. Sie hatte mir einen kurzen Brief in die Handtasche gesteckt. Ich fand ihn, nachdem mich meine Sekretärin befreit hatte.“

Elisabeth konnte es nicht fassen. Sie hatte Gwendolyn immer beneidet um dieses edle Stück. Und ja, damals in der Nacht, nachdem Gwendolyn ihren Nervenzusammenbruch hatte und Elisabeth plötzlich ganz alleine in dem grossen Landhaus zurückgeblieben war, da war sie weinend vor dem brennenden Kamin gesessen, fest eingewickelt in die weiche Kaschmirjacke ihrer Mentorin, so wie früher als Kind in die Jacke ihrer Mutter. Doch als sie nun ihre Arme ausstreckte, um das Paket entgegenzunehmen, hielt sie plötzlich inne. „Danke, das ist sehr freundlich von ihnen!“, hörte sie sich zu der Frau sagen, während sie ihre Arme wieder sinken liess, „aber keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“ Langsam glitten ihre behandschuhten Hände in die Taschen ihres Mantels, bevor sie sich umdrehte und unter dem ratlosen Blick der Ärztin aufrecht davonschritt.

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Ava Gardner und Grace Kelly in Mogambo (1953)

Schatten der Vergangenheit (I)

Er lag neben dem Ehebett unter dem Nachttischchen. Sie hatte ihn zufällig gefunden, als sie von der Reise zurückkam. Beim Auspacken des Koffers waren ihre Handschuhe zu Boden gefallen, und als sie sie aufheben wollte, funkelte die weisse Perle im Licht der winterlichen Sonne, die flach durch die Gardinen ins Zimmer schien. Sie hatte den Ohrring sofort erkannt. Schliesslich hatte sie ihn damals selber für sie ausgesucht.

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Gwendolyn konnte es nicht fassen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Ihre Hände zitterten, als sie sich in ihrem Arbeitszimmer einen Whisky einschenkte und versuchte, aus der kleinen Pipette zwei Tropfen Wasser hinzuzufügen. Noch vor wenigen Woche hätte sie es sich nie erlaubt, alleine zu trinken, und schon gar nicht mitten am Nachmittag. Ausdruckslos stand sie an der Glastür zum Garten und schaute hinaus auf den tief verschneiten Park. Die Sonne war unterdessen verschwunden und dunkle Wolken kündeten neuen Schnee an. Ihr war kalt. Und nicht einmal ihre dicke Kaschmir-Jacke, ihr liebstes Stück, das sie bis oben zugeknöpft hatte, vermochte ihr in diesem Moment noch wärmenden Trost zu spenden. Was war nur los mit ihr?

Die Konferenz in Berlin war eine einzige Katastrophe. Sie war bekannt als kompetente und brillante Rednerin, aber noch nie hatte sie sich bei einem Vortrag so unsicher und blockiert gefühlt. „Welcome to the Club“, hatte ihr ein etwas angetrunkener amerikanischer Professorenkollege beim anschliessenden Dinner spöttisch ins Ohr gehaucht. Sie gehöre jetzt definitiv auch zum Kreis der unbestrittenen Koryphäen, die es sich leisten können, immer nur die alten Sache zu wiederholen. Gwendolyn wusste nicht, was sie an diesem Abend mehr verletzt hatte, diese Bemerkung oder seine Hand, die sich unter dem Tisch zwischen ihre Beine verlor.

Die schneebedeckten Büsche im Garten schienen plötzlich zu verschwimmen. Erschöpft lehnte sich Gwendolyn gegen den Türrahmen, während sie in einem Schluck das Glas leerte. Verzweifelt versuchte sie, das Bild der harmonisch verschneiten Landschaft wiederherzustellen, aber die dunklen Äste der Bäume schienen ihr wie höhnisch grabschende Arme aus der weissen Pracht entgegenzukommen. Von allen Seiten her begann sich die perfekte Welt aufzulösen, die sie sich so mühsam erkämpft hatte. Tausend dunkle Schatten schienen plötzlich hinter der strahlend weissen Fassade ihres Daseins hervorzutreten. Und langsam – auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte und sich mit aller Macht dagegen sträubte – begann sie zu ahnen, dass es letztlich nur ein einziger Schatten war. Jahrelang hatte sie sich erfolgreich eingeredet, dass es diesen Schatten gar nicht gäbe. Dass es damals das einzig Richtige war und dass es jede andere an ihrer Stelle auch getan hätte. Mit dem Licht ihres Verstandes hatte sie es geschafft, diesen Schatten auszulöschen, bis zu dem Tag, ihrem 50. Geburtstag, an dem plötzlich sie in ihr Leben trat.

Sie war die persönliche Assistentin von Gwendolyns ehemaligem Doktorvater. So jedenfalls wurde sie den geladenen Gästen der Geburtstagsfeier vorgestellt. Die junge Frau sah hinreissend aus in ihrem dunklen Abendkleid und der weissen Pelzjacke, die sie um ihre Schultern gelegt trug. Gwendolyn lief ein Schauer über den Rücken und einen Moment lang glaubte sie, ohnmächtig zu werden, als sie zum ersten Mal vor ihr stand und ihre kräftige Hand in dem eleganten schwarzen Opernhandschuh schüttelte. Die aufrechte Haltung, die schön geschnittenen Züge ihres Gesichts, der klare, ruhige Ausdruck ihrer Augen und die warme und doch selbstbewusste Stimme: Alles war genau so wie in dem Traum, der Gwendolyn seit einiger Zeit immer wieder mal schweissgebadet aus dem Schlaf riss.

Gwendolyn hatte diese Frau noch nie gesehen. Und doch kam sie ihr so vertraut vor, als ob sie immer schon da gewesen wäre. Die Begegnung hatte ihr keine Ruhe gelassen. Und nachdem sie mehrere Nächte kaum mehr geschlafen hatte, hatte sie sich die Telefonnummer geben lassen und die junge Frau in der Stadt zum Essen eingeladen. Diese hatte sofort zugesagt und war pünktlich am Empfang des Women’s Club erschienen, in einer diskreten, grauen Hose und einem lachsfarbenen Twinset, dessen Jacke sie sich elegant um die Schulten gelegt hatte. Eine Mischung aus Bewunderung und Schmerz erfüllte Gwendolyn, als sie von der Bedienung zum reservierten Tisch geführt wurden. Die selbstbewusste Natürlichkeit und unaufdringliche Eleganz ihres Gastes erinnerte sie an ihre eigene Jugend, die Zeit bevor…

Tränen drängten in ihre Augen, als sie sich ein zweites Glas Whisky einschenkte. Das Wasser nahm sie diesmal direkt aus der Kanne, wobei sie einen Teil davon über ihre Hose schüttete. Entnervt liess sie sich in ihren Sessel fallen und schloss die Augen. Wie konnte sie ihr das nur antun? Nach allem, was sie für sie getan hatte! Die wissenschaftliche Karriere der jungen Frau hätte bei ihrem alten Doktorvater keine Zukunft gehabt. Die Zeit des Alten war vorbei und die Junge musste es geahnt haben, denn sie hatte Gwendolyns Angebot, ihre wissenschaftliche Assistentin zu werden, ohne Zögern angenommen.

Natürlich hatte Gwendolyn ihren Sieg genossen. Sie kannte die Eitelkeit ihres ehemaligen Mentors. Oh ja, und wie. Fast acht Jahre hatte sie damals für ihn gearbeitet. Sie wusste, wozu er fähig war, im Besten wie im Schlechtesten. Er hatte sie gefördert, keine Frage. Sie wäre nie da, wo sie heute war, wenn er nicht gewesen wäre. Doch längst war sie aus seinem Schatten getreten und selber zu einer unbestrittenen Referenz auf ihrem Gebiet geworden. Mit der Zeit war es ihr auch gelungen, ihn aus ihrem Leben zu verdrängen, und mit ihm diesen anderen Schatten, den er über ihr Leben geworfen hat. Seinetwegen hatte sie es damals getan. Auch seinetwegen.

„Dieses dreckige Miststück!“ schluchzte Gwendolyn verzweifelt, bevor sie das Glas in einem Zug leerte und sich etwas schwerfällig aus dem Sessel erhob. Diesmal war kein Wasser mehr im Whisky, als sie mit randvollem Glas wieder zur Glastür wankte. „Du hattest kein Recht dazu! Hörst du? Nicht du!“ schrie sie durch die geschlossene Tür zu einem unsichtbaren Phantom, als sie plötzlich in der Scheibe in ihre eigenen tränenunterlaufenen Augen starrte. Angewidert wandte sie sich ab und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, wobei ein guter Teil an ihren Lippen vorbei auf ihre Kaschmir-Jacke tropfte. Nein, er hatte kein Recht auf dieses Mädchen, nicht auf sie!

Gwendolyn war damals wie vom Blitz getroffen, als sie den Lebenslauf ihrer neuen Assistentin studiert hatte. Fassungslos hatte sie auf das Geburtsdatum geschaut. Wie oft hatte sie versucht, dieses Datum aus ihrem Leben zu streichen. Und da war es wieder, schwarz auf weiss, neben dem strahlenden Bild einer jungen, vielversprechenden Wissenschaftlerin. Gwendolyn hatte es damals gerade noch ins Bad geschafft, bevor sich ihr Magen zu drehen begann. Und als sie zurück in ihr Arbeitszimmer kam, hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben alleine ein Glas Whisky getrunken.

Natürlich war ihr klar, dass es gar nicht sein konnte. Sie war damals erst in der zwölften Woche gewesen. Und doch hatte es sie nicht mehr losgelassen. Es waren einfach zu viele Zufälle, um an Zufall zu glauben: Das Datum des Eingriffs, die Frau in ihren Träumen, dieses überwältigende Gefühl spontaner Vertrautheit von der ersten Begegnung an und die nahezu perfekte Inkarnation des Traumes einer Tochter, die sie sich immer gewünscht hätte. Doch all das wäre noch gegangen, wenn sie nicht ausgerechnet mit ihm in ihr Leben getreten wäre.

Plötzlich war alles wieder da: Diese eine Nacht bei der Konferenz in Davos, damals vor 25 Jahren. Sie hatten ihren ersten grossen Vortrag gefeiert. Er war so stolz auf sie gewesen. Und sie so unendlich dankbar. Sie hatten beide zu viel getrunken. Als sie am Morgen in seinem Bett aufgewacht war, wusste sie, dass sie den Fehler ihres Lebens begangen hatte. Er hatte sich sofort entschuldigt. Später hat er seine Beziehungen spielen lassen und auch alles bezahlt. Eigentlich ging es ganz einfach und reibungslos. Gwendolyn hatte damals zwar während Wochen geweint. Aber natürlich war ihr klar, dass es das einzig Vernünftige war. Und mit den entsprechenden Medikamenten war es auch gelungen, ihre Depression so zu kontrollieren, dass ihre wissenschaftliche Karriere nicht beeinträchtigt wurde.

„Sie gehört mir, hörst du, mir allein!“ schrie Gwendolyn hysterisch, als sie das leere Whiskyglas an die Wand schleuderte, wo ihr Doktordiplom in einem goldenen Rahmen hing. Wie sehr hatte sie sich all die Jahre nach einer Tochter gesehnt. Aber mit ihrem Mann hatte es einfach nicht klappen wollen. Irgendwann hatte sie es in ihrer Verzweiflung mit einem ihrer Doktoranden versucht. Dann folgte eine Affäre mit einem deutschen Professorenkollegen, mit dem sie an verschiedenen Kongressen das Hotelbett teilte. Und schliesslich war da noch der Pastor, der sie nach dem Tod ihrer Mutter bei der Trauerarbeit begleitet hatte. Keiner der Männer wusste, dass sie die Pille nicht nahm. Einmal war sie auch tatsächlich schwanger geworden, verlor das Kind aber nach wenigen Wochen.

Niemand, nicht einmal ihr Mann, hatte je etwas von diesem verzweifelten Ringen mitbekommen. Gwendolyn hatte nie mit jemanden darüber gesprochen. Warum auch? Das ganze war ihre Sache. Eine Bagatelle. Eine dumme Jugendsünde. Mehr nicht. Sie wusste ja selber nicht, warum sie das Ganze so beschäftigte. Sie war doch sonst ein vernünftiges Wesen. Schon immer gewesen. Mutters Liebling und Papis Stolz. Immer fleissig und brav. Zur Freude ihrer Lehrer. Nicht so wie ihre jüngere Schwester, die es schon mit 14 getrieben hat, mit 15 Drogen nahm und mit 16 zum ersten Mal wegen Bulimie in die Klinik musste. Nein, Gwendolyn war perfekt: Vorzeigetochter, Musterschülerin, Vorzeigedoktorandin, Vorzeigeprofessorin in einer Männerdomäne, vorbildliche Ehefrau, treue Kirchgängerin und Präsidentin mehrerer wohltätiger Vereine. Sie hatte nicht viele Freunde. Aber man arbeitete gerne mit ihr und für sie. Sie stand für Zuverlässigkeit, Diskretion und gesunden Menschenverstand.

Gwendolyn wäre beinahe über den Rand des Teppichs gestolpert, als sie mit der Whisky-Flasche in der Hand hinüber zum Schreibtisch torkelte. „Wie konntest du mir das antun!“, lallte sie mit tränenerstickter Stimme zum Bild ihres Gattes, das neben der Vase mit frischen Rosen stand, die er ihr wie immer für die Rückkehr von einer Reise besorgt hatte. Ihre Hand zitterte, als sie nach dem Ohrring griff, den sie neben das Bild gelegt hatte. Sie hatte ihn ihr zu Weihnachten geschenkt. Was hatte sie nur getan? Womit hatte sie das verdient? Wie konnte man ihre Liebe nur so verraten? Ohne abzusetzen schüttete Gwendolyn den Rest der Flasche in sich hinein, bevor sie diese zusammen mit dem Ohrring in den Papierkorb warf. Und nachdem auch das Bild ihres Gatten und die frischen Rosen samt Vase das selbe Schicksal ereilt hatten, wankte sie benommen zurück zur Glastür.

Der tief verschneite Garten und die still herunterschwebenden Schneeflocken hatten plötzlich eine magische Anziehungskraft auf Gwendolyn. Und während ihr Blick ausdruckslos auf die Gruppe schwarzer Krähen starrte, die sich auf den dunklen Ästen der Bäume niedergelassen hatten und stumm zu ihr herüberschauten, begannen ihre Finger nach und nach die Knöpfe ihrer Strickjacke zu öffnen. Plötzlich schien das Zittern einer ruhigen Entschlossenheit gewichen zu sein, als Gwendolyn die Jacke sorgfältig über die Lehne eines Sessels hängte. Langsam schlüpfte sie aus ihren Schuhen, zog ihre Hose und den Pullover aus und öffnete den Verschluss ihres Büstenhalters. Einen Moment lang betrachtete sie traurig ihr nacktes Spiegelbild in der Glastür, nachdem sie auch noch ihre Strumpfhose und das Miederhöschen zu ihren Kleidern gelegt hatte. Ihr Körper schien vor Hitze zu glühen, als sich ihre Hand langsam nach dem Türgriff ausstreckte.

Ein seltsames Glücksgefühl durchströmte sie, als ihr eine Welle aus eisiger Luft und Schneeflocken entgegenkam. Langsam trat sie über die Schwelle und liess ihren Fuss in die jungfräulich weisse Schneedecke eintauchen. Wie in Trance lief sie über den Sitzplatz und durch die Rosenbeete bis in die Mitte der weiten Rasenfläche, wo sie einen Moment lang stehen blieb und die Krähen auf den dunklen Ästen betrachtete. Dann liess sie sich der Länge nach in den weissen Teppich fallen. Der Schnee brannte auf ihrer Haut. Aber das konnte Gwendolyn nichts mehr anhaben. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde. Dann lösen sich auch die letzten Schatte auf und sie hat endlich Ruhe…

———

Es begann schon zu dämmern, als Gwendolyns Assistentin aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Sie hatte den Mann ihrer Chefin in die Notaufnahme gefahren, nachdem dieser beim Aufstehen nach der Siesta einen Hexenschuss erlitten hatte. Schmerzverkrümmt war er neben dem Bett auf dem Boden gelegen, als sie auf seine Hilferufe hin herbeigeeilt war. Es war ein ziemlicher Kampf, bis sie ihn wieder auf dem Bett hatte. Und irgendwie musste sie dabei einen ihrer Ohrringe verloren haben.

Als sie jedoch sah, dass die Hausherrin unterdessen von ihrer Reise zurückgekommen war, klopfte sie erst einmal an deren Tür. Als sie auch beim zweiten Klopfen keine Antwort bekam, trat sie ein, um wie gewohnt die Post auf den Schreibtisch zu legen. Dabei kam ihr eine Woge eisiger Luft entgegen. Die Glastür zum Garten stand weit offen und erst glaubte sie, es sei eingebrochen worden, nachdem sie auch die Glasscherben am Fuss der Wand entdeckt hatte. Doch dann sah sie auf dem Sessel neben der offenen Tür die sorgfältig abgelegten Kleider ihrer Chefin. Verwirrt wanderte ihr Blick von den eleganten Schuhen auf dem Teppich durch die offene Tür zur Fussspur im Schnee und dieser entlang bis zu einem Schatten inmitten der weissen Rasenfläche.

„Um Himmels Willen, Gwendolyn!“ schrie sie entsetzt, während sie die dicke Strickjacke vom Stuhl zerrte und sich hinaus ins Schneegestöber stürzte. Fassungslos starrte sie auf die nackte Gestalt, die reglos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken im Schnee lag. Lange konnte sie noch nicht daliegen. Die Fussspuren waren noch frisch. Aber die Lippen waren bereits blau angelaufen und der Körper war nass von geschmolzenen Schneeflocken. Kurzentschlossen packte die junge Frau die Arme ihrer Chefin, zog ihren Oberkörper aus dem Schnee und wickelte ihr die warme Kaschmir-Jacke fest um die nackten Schultern. Erleichtert sah sie, wie Gwendolyn langsam ihre Augen öffnete, während sie ihr mit der Hand sanft den Schnee aus dem Gesicht und den Haaren strich. Der Geruch von Alkohol in ihrem Atem überraschte sie nicht wirklich. Aber nie wird sie den flehenden Ausdruck dieser Augen vergessen, während sich die zitternden Lippen leise zu regen begannen. „Bitte verzeih mir, mein Kind!“ hörte sie ein kaum vernehmliches Stammeln, während sie der sichtlich verwirrten Frau auf die schwankenden Beine half und sie langsam zum Haus zurück führte.

„Verzeih mir!“

Im Strudel der Ohnmacht (VII, 2017)

The good must die young
That’s why I’m getting so old

Sie war noch nicht einmal ganz 17, und doch fühlte sie sich alt. Unendlich alt und einfach nur beschissen. Auch die halbe Stunde unter der heissen Dusche hatte nichts daran geändert. Ein neues Jahr hatte begonnen, aber sie war einmal mehr im gleichen Alptraum aufgewacht. Ihr Magen war leergekotzt, ihr Kopf tat weh, ihr Körper auch, und ihr Unterleib schmerzte. Sie wusste beim besten Willen nicht warum.

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Bild von asos.com

Zitternd vor Erschöpfung sass Thérèse am Boden, mit angezogenen Beinen, den Rücken gegen das Bett gelehnt, fest eingehüllt in eine lange, wollene Strickjacke. Von ihren blassen Wangen tropften Tränen auf ihre Brust, wo sie sich in dem dunklen Fleck verloren, den ihre nassen Haare auf dem T-Shirt hinterlassen hatten. Sie hätte nicht sagen können, wann und wie sie nach dieser Silvesternacht  nach Hause gekommen war. Sie war mit einer Freundin an einer Party. Vage konnte sie sich an den Jahreswechsel erinnern: Laute Musik, kreischende Frauen, geile Männer, quälendes Licht, Zigaretten, der Geruch von Cannabis, Champagner, Pillen, Drinks, Drinks, Drinks… und dann Filmriss.

Standing on the bridge
Feeling like falling

Wie oft hatte sie sich schon gefragt, wie es wohl wäre, sich einfach fallen zu lassen.

Das erste Mal war sie gerade mal acht Jahre alt gewesen. Ihre Mutter war damals in der Reha, nachdem ihr eine Brust entfernt werden musste. Thérèse hatte selbstverständlich begonnen, ihren Platz einzunehmen, die Wäsche zu machen, für ihren Vater und ihren Bruder zu kochen. Es war eine schwere Zeit für alle, vor allem für ihren Vater. Nachdem er nach der Geburt von Thérèse endlich wieder eine Arbeit gefunden hatte, war er nach fünf Jahren erneut von der Depression eingeholt worden. Und als er bei der Bankenkrise seinen Job verlor und schliesslich auch noch zu trinken begann, hatte ihn ihre Mutter aus dem Schlafzimmer verbannt. Wie oft wurde Thérèse damals mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, wenn er wieder einmal in wütender Verzweiflung an Mutters Zimmertür polterte.

Doch bei Thérèse hatte er nicht poltern müssen. Die Glocken von Sainte Marie de la Miséricorde hatten gerade zwei Uhr geschlagen, als er eines Nachts plötzlich neben ihrem Bett stand. Seine Haut schimmerte blass im kalten Schein des Mondes, der durch die Vorhänge drang. Lange stand er da ohne sich zu bewegen. Dann, ohne ein Wort zu sagen, war er unter ihre Decke geglitten. Thérèse hatte ihm Platz gemacht. Wie gelähmt war sie da gelegen, ausgestreckt an der Wand und wagte kaum zu atmen. Die Kälte, die langsam von der Mauer durch ihr schweissnasses Nachthemd drang, spürte sie nicht. Es war, wie wenn die Zeit stillgestanden wäre. Quälende Ewigkeit. Er hatte sie nicht berührt. Aber sie konnte seinen Atem spüren neben ihrem Gesicht. Sie roch den Alkohol, den säuerlichen Geruch seines Körpers. Und sie hörte sein Schluchzen. Dann schien er plötzlich eingeschlafen zu sein. Und dann war er weg.

They come to put me down
They come to put me down, down, down
.

Sie hätte nur springen müssen, damals auf der Brücke, als der TGV heranbrauste. Dann wären die Gesichter endlich verschwunden: Das ängstlich flehende Gesicht ihres Vaters. Der immer schon boshaft verächtliche Blick ihres Bruders, der plötzlich um eine spöttische Note bereichert schien. Vor allem aber das vom Leiden gezeichnete Gesicht ihrer Mutter, in deren Zügen sie unablässig nach Hinweisen auf die Enthüllung ihres schrecklichen Geheimnisses suchte. Sie hatte panische Angst, ihre Mutter könnte es erfahren.

Und dabei hatte sie sich so danach gesehnt, es ihr sagen zu können, sich in ihren Rockschoss verkriechen zu können und sich von einer ihrer weichen Strickjacken einhüllen zu lassen. So wie damals, als sie noch klein war. Thérèse hatte ihre Mutter geliebt, ihre Herzlichkeit, ihre Lebensfreude und ihre Stärke. Ihre Weise, die Strickjacken offen zu tragen, war eine permanente Einladung, an ihrer Brust Schutz und Geborgenheit zu suchen. Und wie unglaublich schön hatte sie ausgesehen, wenn sie aufrecht dastand, der Blick versonnen in die Ferne schweifend, die Jacke ihres Kaschmir-Twinsets elegant um die Schultern drapiert, so wie damals am Grab ihres Grossvaters auf dem amerikanischen Soldatenfriedhofs, als ihre prächtigen langen Haare im Wind mit den losen Ärmeln ihrer Jacke um die Wette tanzten. Doch ganz allmählich war das Strahlen in den Augen der Mutter erloschen. Immer öfter waren ihre Haare in einem strengen Knoten gebändigt. Und plötzlich eines Tages war die Strickjacke zugeknöpft. Es war die Zeit, wo auch ihr Vater von Tag zu Tag trauriger und abwesender geworden war. Hilflos musste Thérèse mitansehen, wie sich ihre Eltern veränderten und wie beide ihr langsam aber sicher entglitten. Warum? Was hatte sie nur getan? Tausendmal hatte sie sich diese Frage gestellt, erst recht, als bei ihrer Mutter auch noch Brustkrebs festgestellt wurde.

Thérèse wäre damals wohl tatsächlich gesprungen, wenn da nicht plötzlich dieses andere Gesicht gewesen wäre. Sie hätte nicht sagen können, woher es gekommen war. Eigentlich war es auch nur ein Paar Augen, klare, strahlende Augen, die wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht waren und sie angeschaut hatten. Und in diesem Blick schienen sich für einen kurzen Augenblick alle Angst und Schuldgefühle aufzulösen.

Saint Teresa, have mercy on my soul

Die Erinnerung an diesen Blick verfehlte auch an diesem Neujahrsmorgen nicht ihre Wirkung. Langsam erhob sich Thérèse vom Boden, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, schlüpfte in ihre Strickjacke und setzte sich mit ihrer Gitarre aufs Bett. Es war dasselbe Bett wie damals. Nur stand es jetzt auf der anderen Seite. An der Wand gegenüber hing seit ein paar Wochen ein Bild der Sängerin Beth Hart. Nachdenklich betrachtete Thérèse dieses vom Leben gezeichnete und doch so leidenschaftliche Portrait, während ihre Finger begannen, an den Saiten nach der Melodie zu tasten, die sie schon seit dem Aufwachen begleitet hatte. Irgendetwas hatte sie vom ersten Moment an fasziniert an dieser Frau. Eine unglaubliche Kraft schien von ihr auszugehen. Sie meinte zuerst, es sei der Blick. Aber Beths Augen waren anders. Bei aller Leidenschaft war darin auch etwas Fragiles, Gebrochenes. Nein, es war nicht dieser Blick. Aber es war etwas, das sie mit diesem Blick in Kontakt brachte.

Saint Theresa, could I kiss your skin?
Come a little closer
To this hell I’m living in

Sie sass buchstäblich in der Hölle, als ihr dieser Blick zum zweiten Mal begegnet war.

Sie waren damals bei Freunden auf dem Bauernhof zu Besuch. Thérèse musste etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Die Eltern sassen nach dem Essen in der Sonne vor dem Haus, während sie und ihr Bruder mit den anderen Kindern Räuber und Gendarmen spielten. Eigentlich war Thérèse eine Einzelgängerin. Aber dieses Spiel hatte einen seltsamen Reiz für sie. Als einziges Mädchen war sie das bevorzugte Opfer, und auch wenn sie sich nach Kräften zu wehren schien, faszinierte sie insgeheim das Gefühl, überwältigt und gefangen zu werden.

So auch an diesem Tag. Mit den Händen hinter dem Rücken stehend an einen Pfosten gefesselt, schaute sie neugierig zu, wie die Jungs fieberhaft nach einer Lösung ihres Problems suchten. Thérèse hatte mit ihnen gewettet, dass sie es nicht schaffen würden, sie so zu knebeln, dass die Eltern vor dem Haus ihre Schreie nicht mehr hören konnten. Doch als diese wenig später die Kinder zur Nachspeise riefen, war das Problem gelöst. Nachdem man Thérèse ihren langen Wollschal verknotet zwischen die Lippen gestopft und mehrfach straff um den Mund gebunden hatte, war ausserhalb des Geräteschuppens beim besten Willen nichts mehr von ihr zu hören. Thérèse hatte die seltsame Erregung genossen, als die Jungs sie schliesslich unter höhnischem Spott hilflos im Schuppen zurückgelassen hatten.

Doch dann war plötzlich ihr Bruder aufgetaucht. Wortlos hatte er einen Strick genommen und auch ihre Füsse an den Pfosten gebunden. Dann stand er vor ihr und starrte ihr in die Augen. Und auf einmal war seine Hand zwischen ihren Beinen. Fassungslos nahm sie wahr, wie seine Finger unter ihr Höschen glitten, während ihr ganzer Körper erstarrte. Irgendwann spürte sie nichts mehr ausser seinem Atem, der nach heissen Himbeeren und Vanilleeis roch. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und Tränen rannen über ihre Wangen in die Wolle des Knebels, der in diesem Moment völlig überflüssig war.

Als schliesslich ihre Mutter besorgt nach ihr zu suchen begann, war ihr Bruder schon längst verschwunden. Thérèse hatte tapfer gelächelt, als sie nach dem Grund ihrer verweinten Augen gefragt wurde. Erst als sie im hintersten Winkel des dunklen Sandsteinkellers auf dem feuchtkalten Boden sass, alleine, im Dunkeln, zitternd, die Knie gegen die Brust gepresst, brach die ganze Verzweiflung aus ihr heraus. Wie konnte er ihr das antun? Was hatte sie nur getan? Dabei war das Schlimmste nicht einmal das, was ihr Bruder getan hatte, sondern was er gesagt hatte: Sie wolle doch sicher nicht, dass ihre Mutter erfahre, was ihr Vater damals nackt in ihrem Zimmer gemacht habe. Und sie hätte ihm dieses kleine Vergnügen geschuldet, nachdem ihn sein Vater damals halb totgeschlagen habe, als er ihm frühmorgens zufällig beim Gang zur Toilette über den Weg gelaufen war. Und überhaupt, sie solle sich nicht so anstellen. Das sei es doch, was sie gewollt habe, als sie nach dem Knebel fragte.

Ihr Bruder hatte nur an ihrem Ohr geflüstert, aber seine Worte hallten wie ein nicht enden wollendes Echo in ihrem Kopf, während sie von einem wilden Strudel aus Ekel, Angst, Schuldgefühlen, Scham, Ohnmacht und Schmerz unaufhaltsam in einen finsteren Abgrund gezogen wurde. Am Grund dieses Strudels war nur noch Leere gewesen, nacktes, kaltes Nichts, stumme Finsternis, einzig durchbrochen vom leisen Krabbeln einer Maus zu ihren Füssen. Oder war es eine Ratte? Egal. Und plötzlich, mitten aus dieser Finsternis heraus, waren sie wieder aufgetaucht, diese Augen.

I was never good at confession
Never really that good at anything at all

Thérèse schüttelte ungeduldig den Kopf, während ihre Finger hilflos an den Saiten der Gitarre zupften. Sie bekam sie nicht hin, diese Melodie. Dabei lag es nicht an ihren dunklen Erinnerungen. Sie war selber erstaunt, wie frei sie seit einiger Zeit damit umgehen konnte. Kurz vor Weihnachten hatte sie sogar ihrer besten Freundin davon erzählt. Diese war natürlich empört: Sie könne sich ihren Hass auf diesen Bruder vorstellen. Sie müsse ihn unbedingt zur Rechenschaft ziehen. Aber das konnte Thérèse nicht. Nicht mehr, seit die Erinnerung an diese Augen in ihr wieder lebendig geworden war, damals vor ein paar Wochen, während einer ihrer schlaflosen Nächte, als sie zum ersten Mal auf YouTube Beth Hart hatte singen hören. Beth hatte von Mutter Teresa gesprochen und von bedingungsloser Liebe: Von Liebe zu Menschen, die es nicht verdient haben.

So sehr sie sich auch bemühte, Thérèse brachte das Lied nicht zusammen. Zum ersten Mal bereute sie es, den Gitarrenunterricht aufgegeben zu haben. Ihr Bruder würde das aus dem Ärmel schütteln. Der Kerl war echt cool. Als er damals beim Räumen der Sachen seiner Oma diese alte Platte von „Ten Years After“ gefunden hatte, gab es für ihn während Monaten nur noch ein Ziel: Zu spielen wie Alvin Lee. Thérèse hatte sich oft lustig gemacht, als er wochenlang versucht hatte, die Eingangssequenz von „I’m going home“ nachzuspielen. Aber insgeheim war sie immer berührt von seinem Blues. Woher hatte der Junge bloss diese traurige Zerrissenheit und Melancholie in seinem Spiel? Waren es wirklich die ersten Jahre seiner Kindheit – wie ihr Vater einmal gemeint hatte – die Zeit vor Thérèses Geburt, mit der Krankheit seiner Oma, der chronischen Überforderung seiner Mutter und der Depression seines Vaters? Und wenn das alles auch der Grund wäre für seinen chronischen Hass auf sie?

Thérèse hatte nie begriffen, warum ihr Bruder sie nicht liebte. Es hatte wehgetan und manchmal  hätte sie ihn umbringen wollen. Doch intuitiv hatte sie hinter seinem Hass und seiner Bosheit eine tiefe Trauer und Einsamkeit gespürt. Sie hatte ihn immer bewundert, auch dann noch, als er sie missbraucht hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie sich selber für alles verantwortlich gemacht hatte. Immer wieder hatte sie versucht, an ihn heranzukommen. Immerhin war er der einzige Mann in ihrem Leben, nachdem ihr Vater vor ein paar Jahren tödlich verunfallt war. Er fehlte ihr, als er auszog, um in Paris sein Studium zu beginnen. Sie war stolz auf ihn und es freute sie, als er sie als Freundin auf Facebook akzeptierte, auch wenn es wohl nur darum war, um ihr zu imponieren.

Schmunzelnd dachte sie an die letzte Begegnung mit ihm, als er vor Weihnachten nach Hause gekommen war. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich vor ihren grossen Bruder hingestellt und ihn so richtig angeschrien: Was zum Teufel er sich bloss dabei gedacht habe, als er dieses Interview mit der greisen Frau in New York live auf Facebook gestellt habe! Widerlich sei das gewesen, respektlos und menschenverachtend! Ihr Bruder hatte sie nur sprachlos angestarrt. Dann war er unter dem verblüfften Blick seiner Mutter im Zimmer verschwunden.

They don’t want me hanging around the mission
Singing hallelujah

Thérèse war gerade im Begriff, ihre Gitarre wegzulegen und aufzustehen, als sie plötzlich die Tür vom Nebenzimmer hörte. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ihr Bruder über Neujahr zu Hause war. Aufmerksam lauschte sie auf das Rauschen der Spülung im Bad, seine schlurfenden Schritte im Gang und das Zuschlagen seiner Zimmertür. Und einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm sie ihre Gitarre, schlüpfte in ihre Pantoffeln und trat aus ihrem Zimmer.

„Verpiss dich!“, hörte sie ihn rufen, als sie an seine Tür klopfte.

Sekundenlang stand sie reglos da, während sie gegen die aufkommenden Tränen kämpfte. Dann hob sie langsam die Hand. Und nach kurzem Zögern klopfte sie ein zweites Mal, leiser.

Es dauerte eine Minute, bis die Tür langsam aufging. Er sah erbärmlich aus in seinem alten Pyjama und der Strickjacke seines Vaters, mit den dunklen Rändern unter den Augen, den zerzausten Haaren und dem Abdruck des Kissens auf seiner Wange.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie ruhig auf seinen fragenden Blick. Und als er sich wortlos umdrehte, trat sie hinter ihm ins Zimmer…

– – – – – – – – – – – –

Die Besitzerin des traditionsreichen Bistros am Stadtplatz sah hinreissend aus, als sie zur Mittagszeit vor ihrem Haus aus dem Taxi stieg. Das lange Abendkleid war nicht mehr ganz faltenfrei, was aber kaum zu sehen war unter dem edlen, neuen Pelzmantel, den sie elegant um ihre Schulten gelegt trug. Und nur die leichten Ränder unter ihren Augen verrieten die Strapazen einer langen aber glücklichen Silvesternacht. Ja, sie war glücklich, zum ersten Mal seit fünf Jahren, seit dem Suizid ihres Mannes. Sie war die einzige, die nie an einen Unfall geglaubt hatte. Man hatte ihrem Mann vieles vorwerfen können, aber eines hatte er noch im Schlaf beherrscht: Sein Auto. All die Jahre waren Schuldgefühle ihre steten Begleiter gewesen, bis sie sich in dieser Nacht zur Erschöpfung getanzt und mit Sekt getränkt endlich in die Arme ihres langjährigen Freundes hinein losgelassen hatte.

Erfüllt von diesem Glücksgefühl betrat sie ihre Wohnung, wo ihr aus dem Zimmer ihres Sohnes ein melancholischer Gesang entgegenkam. Betroffen blieb sie neben der offenen Zimmertür stehen. Die Stimme erinnerte sie an ihre eigene Mutter, die sie als Kind mit alten Hippie-Balladen in den Schlaf gesungen hatte. Der Gesang war begleitet von zwei Gitarren. In der einen, der dominanteren und melodieführenden erklang unverkennbar die Handschrift ihres Sohnes. Aber wer…?

Mother, is it ok if I call you mama?
My own walked away when I broke the law

„Mein Gott, Thérèse!“ Langsam glitt der Pelzmantel von ihren Schultern, als sie von der plötzlichen Einsicht überwältig spontan ihr Gesicht in den behandschuhten Händen vergrub. Von Schwindel  gepackt musste sie sich am Türrahmen abstützen, als ihre Knie nachgaben und sie der Wand entlang langsam zu Boden sank. Eine Welle von Gefühlen schüttelte ihren Körper, während die Tränen von ihrem Kinn in den Ausschnitt ihres Kleides tropften. Wie lange schon hatte sie ihre Tochter nicht mehr singen gehört! Thérèse hatte es geliebt zu singen. Und sie hatte eine wunderbare Stimme. Irgendwann musste sie verstummt sein, damals in der Zeit ihrer Krankheit. Und sie hatte es nicht bemerkt.

Nahtlos übernahm das Gitarrensolo die flehende Intensität der Stimme. Noch nie hatte sie ihren Sohn so spielen gehört. Nach dem Tod seines Vaters war der melancholische Blues vorübergehend zornigem Hardrock gewichen, bevor seine Gitarre allmählich ganz verstummt war. Und nun das! Es kam ihr vor wie im Traum, als plötzlich ein Schatten vor ihr auftauchte. Und als sie die tränennassen Augen öffnete, stand ihre Tochter vor ihr, aufrecht, in ihrer langen, offenen Strickjacke. Wortlos schaute sie zu ihr herunter. Sie sah erschöpft aus mit ihren ungekämmten Haaren und den dunklen Schatten unter den Augen. Aber in diesen Augen war ein Leuchten, das sie noch nie gesehen hatte. Langsam erhob sie sich vom Boden auf die Knie. Deutlich sah sie die Spuren von Tränen im T-Shirt ihrer Tochter, bevor sich ihr Gesicht in deren Brust vergrub. Und während sie spürte, wie ihre bebenden Schultern sanft von der weichen Wolle der Strickjacke umschlossen wurden, begann Thérèse wieder leise zu singen.

Would you pray for me, mama?
Would you stay with me, mama?
And keep singing hallelujah
Mama

(Ausschnitte aus dem Songtext von Beth Hart, „St. Teresa“)