Warum sie? (II)

(Aus dem Tagebuch einer Freundin)

warum sie II

Samstag, 20.30 Uhr

Warum sie? Warum ausgerechnet sie? Sie, meine Stärke, mein Fels, meine einzige Burg, bei der ich Zuflucht gefunden hatte in den schlimmsten Jahren meines Lebens. Sie, die doch immer so stark war, so hoffnungsvoll, so positiv.

Ich sehe sie noch vor mir, vor drei Jahren, am Tag ihrer ersten Ordensgelübde. Mein Gott, war sie schön gewesen, so durch und durch glücklich und strahlend. Wie sehr hatte ich sie beneidet um ihr Glück, um ihren Mut und ihre Entschiedenheit. Und um ihren Glauben.

Doch von all dem war nichts zu spüren, als ich ihr heute Nachmittag im Stadtpark gegenüberstand. Eigentlich hätte ich es ahnen müssen, als ich die kurze WhatsApp-Nachricht von ihr sah, die erste seit Monaten. Die weisse Lilie, die sie lange als Profilbild hatte, war einem düsteren Kreuz gewichen, und so hatte ich auf den ersten Blick gar nicht realisiert, dass die Nachricht von ihr war. Sie sei gerade in der Stadt und ob ich Zeit hätte, sie im Stadtpark zu einem Kaffee zu treffen.

Ich hatte sie erst gar nicht erkannt, als ich sie unter den Gästen an den Gartentischen suchte. Ich hatte nach einem Ordensgewand und einem schwarzen Schleier Ausschau gehalten. Und so dauerte es einen Moment, bis ich realisierte, dass das Winken am hintersten Tisch unter dem Kastanienbaum mir galt. Meine freudige Erwartung wich langsam einer diffusen Irritation, als ich versuchte, in der unscheinbaren Gestalt mit den kurzgeschnittenen Haaren, der schwarzen Hose und dem zugeknöpften grauen Kaschmir-Cardigan meine beste Schulfreundin zu erkennen.

Sie sah erschöpft aus und ihre Augen hatten einen traurigen Ausdruck, als sie mich musterte und mit einem anerkennenden Schmunzeln die Jacke meines Twinsets um meine Schultern zurechtzupfte. „Du siehst toll aus!“ hörte ich ihre sanfte Stimme, als sie mich schliesslich umarmte und sich fest an meine Brust drückte. Ihre Nähe nahm mir fast den Atem, während ich unter dem weichen Kaschmir ihrer Jacke das leise Beben ihrer Schultern spürte.

Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment.

Und plötzlich war alles wieder da in mir: Diese quälenden Schuldgefühle und der nagende Schmerz bei der Erinnerung an meine Schwachheit, an meine Feigheit, an mein Versagen.

Ja, verdammt, ich hatte sie damals im Stich gelassen. Und ich schäme mich noch heute dafür. Ich hatte zwar geglaubt, das Ganze hinter mir gelassen zu haben. Und der Umstand, sie bei ihren Gelübden so stark und glücklich wiederzusehen, schien mich von meinen Ängsten und Skrupeln befreit zu haben. Umso grösser war der Schmerz, als mir heute bewusst wurde, dass ich mich die ganze Zeit über belogen hatte.

Und das eigentlich Schlimme waren nicht einmal die Schuldgefühle, sondern das, was ihnen zugrunde lag: Die erschreckende Feststellung, dass ich mich angesichts ihrer offensichtlichen Verletzlichkeit auch heute noch genauso hilflos und elend fühlte wie damals. Sie muss es gespürt haben, als sie zusah, wie mein Latte Macchiato kalt wurde, während meine Finger nervös mit der Vase spielten, aus der uns eine weisse Rose entgegenduftete. Sie muss gespürt haben, dass ich ihren Anblick nicht ausgehalten habe. Dass ich am liebsten davongelaufen wäre, so wie damals an jenem Samstagnachmittag.

Zwölf Jahre waren seither vergangen, doch noch immer verfolgt mich der schockierende Anblick, als mich das Dienstmädchen zu ihr in den Salon geführt hatte. Sie war am Morgen erst aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie und ihre Mutter nach einem brutalen Raubüberfall ein paar Tage verbringen mussten. Ich hatte zuerst geglaubt, jemand fremden vor mir zu haben. Die sonst so lebendige, natürliche und selbstbewusste junge Frau, die ihre Strickjacke gerne spielerisch um die Schultern drapiert zu tragen pflegte, sass mit zugeknöpfter Jacke eng zusammengekauert in der Ecke des Sofas, von wo aus sie mir mit ausdrucksleerem Blick entgegenstarrte. Spuren von Tränen glitzerten auf ihren blassen Wangen und die wunderbaren, langen Haare, um die ich sie immer beneidet hatte, waren verschwunden – offenbar eine Folge des Klebebandes, mit dem sie geknebelt worden war.

Sie musste bereits damals gespürt haben, dass ich mit der Situation nicht umgehen konnte, denn schon nach einer guten Viertelstunde hatte sie mich gebeten zu gehen. Für mich war damals eine Welt zusammengebrochen. Ich wollte es nicht glauben. Ich konnte es nicht verstehen. Warum sie?

Sie war damals für mich alles gewesen. Ich weiss nicht, wie ich das alles ohne sie durchgestanden hätte. Sie war meine einzige wirkliche Freundin. Die einzige, die sich nie über meinen Körper lustig gemacht hat, die in allem zu mir gehalten hat und die immer an mich geglaubt hat. Die einzige, die sich von meiner trotzigen und rebellischen Art nie hat abschrecken lassen. Sie war der erste Mensch, dem ich mich anvertraut hatte. Sie war es auch, die mich mit 14 Jahren dazu gebracht hatte, zur Polizei zu gehen und gegen meinen eigenen Vater auszusagen, nachdem meine jüngere Schwester sich das Leben genommen hatte. Ich war selber schon im Begriff, von der Brücke zu springen, als sie mir klar gemacht hatte, dass ich jetzt für meine kleinste Schwester verantwortlich sei… und dass ich ihre Freundin sei, dass ich ihr fehlen würde… dass sie mich liebe.

Ausser meinem Vater hatte mir niemand je gesagt, dass er mich liebe. Und daher war das Wort „Liebe“ bei aller Sehnsucht, die es in mir weckte, stets verbunden mit Angst: Angst vor dem Schmerz, Angst vor Ohnmacht, und vor allem Angst davor, enttäuscht, verraten und verlassen zu werden.

Doch sie hatte mich nie verlassen. Sie war da in der Zeit der quälenden Verhöre und Prozesse. Sie war da, als meine Mutter sich von mir abgewandt hatte. Und sie hatte mich regelmässig besucht, als ich wegen meiner Essstörungen in der Klinik war. Sie war so treu zu mir, dass manche sie sogar für lesbisch hielten. Letzteres fand erst ein Ende, als man ihr Mitte des letzten Schuljahres plötzlich vorgeworfen hatte, mit dem Schulseelsorger geschlafen zu haben. Der Vorwurf war absurd und haltlos. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie nie auch nur im Traum daran gedacht hätte, mit ihrem geistlichen Begleiter ins Bett zu gehen. Denn ich kannte damals sehr wohl den einzigen Jungen, mit dem sie sich wirklich so etwas hätte vorstellen können. Doch dieser war zu ihrem Leidwesen (und meinem heutigen Glück) in dieser Beziehung mindestens ebenso schüchtern und verklemmt wie sie selber.

Und dennoch wurde der Skandal mit dem Seelsorger zum Ausganspunkt meines Bruches mit ihr. Ich hatte regelmässig mit ihr zusammen die Veranstaltungen und Gottesdienste der Schulseelsorge besucht, wobei ich wohl weniger an Gott als an sie geglaubt hatte. Dass es so etwas wie einen starken, treuen und barmherzigen Gott geben könnte, hatte ich vor allem darum geglaubt, weil ich sie stets als stark, treu und barmherzig erlebt hatte. Doch das begann sich mit dem vermeintlichen Skandal zu ändern. Die falschen Anschuldigungen, der höhnische Spott mancher Mitschüler und das Misstrauen und die unverhohlene Verachtung einiger Lehrpersonen hatten ihr sichtlich zugesetzt. Immer öfter erschien sie mir traurig und bedrückt, und auch wenn sie es stets vor mir zu verbergen suchte, glaubte ich doch immer wieder, Spuren von Tränen in ihrem Gesicht zu erkennen.

Und so hatte ganz allmählich der Fels meines Lebens zu wanken begonnen. Plötzlich hatten die Arme, in denen ich bisher immer Kraft und Geborgenheit gefunden hatte, begonnen, sich an mir festhalten zu wollen. Doch darauf war ich nicht vorbereitet. Das durfte nicht sein. Ich hatte sie gebraucht, stark, treu und barmherzig. Plötzlich spürte ich die Angst in mir, und mit der Angst kamen die Ohnmacht und die Wut. Nein, sie durfte mich nicht verlassen. Nicht jetzt!

Und dann war sie da gesessen, in die Ecke des Sofas verkrochen, halb verdeckt von einem dicken Kissen, das ihre Arme fest gegen die Brust drückten. Sie hatte erbärmlich ausgesehen in ihrer formlosen Trainingshose, mit den abgeschnittenen Haaren und den dunklen Rändern unter ihren Augen. Nur ihre Stimme klang erstaunlich ruhig und sanft, als sie mich einlud, neben ihr Platz zu nehmen. Sie hatte mich gefragt, wie es mir gehe. Und ich hatte die ganze Zeit über kein vernünftiges Wort herausgebracht. Eine seltsame Beklemmung lag auf meiner Brust, als ob ich selber anstelle des Kissens zwischen ihren Armen gelegen hätte.

Das war damals einfach zu viel für mich. Ich fühlte mich verraten und verlassen, von ihr und von Gott. Verzweifelt vor Wut war ich in die nächste Kirche geeilt und hatte alle Opferkerzen ausgeblasen. „Scheiss Gott!“ höre ich mich jetzt noch schreien, als ich damals die Osterkerze von ihrem Sockel stiess.

Kurz danach war ich zum zweiten Mal in die Klinik eingewiesen worden. Sie hatte mehrfach versucht, mich zu besuchen. Aber ich wollte sie nicht sehen. Und als ich entlassen wurde, hatte ich erfahren, dass sich ihre Eltern getrennt hatten. Ich hatte die Kraft nicht, mich bei ihr zu melden.

Danach hatten wir uns Jahre lang nicht gesehen. Es waren einsame Jahre, geprägt von Scham und Schuldgefühlen. Mehrfach hatte ich mir vorgenommen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Doch das eine Mal, wo ich all meinen Mut zusammengenommen hatte, war sie zum Studium im Ausland.

Doch irgendwie war sie doch die ganze Zeit bei mir gewesen. „Ich glaube an dich!“ vernahm ich jeden Morgen tief in mir drin ihre Stimme, wenn ich mich im Spiegel betrachtete. „Kopf hoch!“ hörte ich sie rufen, wenn ich während meines Jus-Studiums immer mal wieder die Schultern habe hängen lassen. Und irgendwie spürte ich, dass sie stolz auf mich war, als ich mir als frisch gebackene Anwältin zuhause vor dem Spiegel zum ersten Mal die Jacke meines neuen Twinsets um die Schultern drapiert hatte.

Und dann lag da plötzlich eines Tages die Einladung zu ihren Ordensgelübden in meinem Briefkasten. Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich hingehen sollte oder nicht. Schliesslich hatte ich mich doch entschieden zu gehen und mir für diesen Anlass auch gleich noch einen neuen Rock und Blazer gekauft. Als ich jedoch vor den Stufe zur Kirche stand, war sie plötzlich wieder da, die Scham. Und ich war tatsächlich drauf und dran gewesen, wieder das Weite zu suchen, als plötzlich er auftauchte. Ich hatte ihn sofort erkannt, nach all den Jahren. Er war ein stattlicher Mann geworden, hatte aber diesen Hauch von jungenhafter Schüchternheit nicht ablegen können. Nie werde ich sein verlegenes Lächeln vergessen, als er offensichtlich vergeblich versucht hatte, mich irgendwo in seinen Erinnerungen einzuordnen.

„Wie geht es ihm und der Kleinen?“, hatte sie mich heute Nachmittag unvermittelt aus meinen quälenden Gedanken gerissen, indem sie beruhigend meine Hände fasste, die immer noch mit der Blumenvase spielten. Sie habe sich sehr über die Hochzeitsbilder gefreut, und auch über das Foto unserer kleinen Tochter.

Ich war froh und dankbar, über meine Familie sprechen zu können. Und noch dankbarer war ich letztlich, dass mein spontaner Babysitter nur eine Stunde Zeit hatte und ich bald wieder aufbrechen musste. Ihre Umarmung war diesmal sanft und zurückhaltend. Dafür konnte ich an meiner Brust deutlich das hölzerne Kreuz spüren, das sie unter ihrer Strickjacke verborgen um den Hals trug.

Erst als ich auf dem Parkplatz in meinem Wagen sass, begann sich meine innere Lähmung zu lösen. Erst jetzt wurde mir wirklich bewusst, wie traurig und verlassen sie aussah, als sie mir unter dem Kastanienbaum zum Abschied noch einmal zugewinkt hat. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Plötzlich haben die erwachsene Frau, die junge Mutter und die erfolgreiche Anwältin in mir begriffen, dass sie ein für alle Mal aufhören müssen, ihr Leben von einem verzweifelten kleinen Mädchen bestimmen zu lassen.

Ich war noch nie eine Sportskanone gewesen und auch meine eleganten Stiefelletten waren nicht zum Rennen auf Kieswegen gedacht. Doch in diesem Moment war mir alles egal. Durch die Tränen in meinen Augen konnte ich die verblüfften Blicke der Spaziergänger sehen, als ich an ihnen vorbei zurück zum Gartenrestaurant rannte. Und irgendwo hinter mir hörte ich jemanden rufen, ich hätte meine Strickjacke verloren. Aber was war schon eine Strickjacke? Ich war im Begriff, zum zweiten Mal in meinem Leben das Beste zu verlieren, was mir je geschenkt worden war.

Der Tisch unter dem Kastanienbaum war verlassen.

Ich habe wieder versagt!!!

Mein Gott, wie ich mich dafür hasse!

Ich glaube, wenn mein Mann und die Kleine nicht wären…

Ich möchte nur noch schlafen, schlafen… und nie mehr aufwachen!

********

Sonntag, 00.30 Uhr

WhatsApp weckt mich aus einem Albtraum:

Danke für Deine Freundschaft.
Gesegnete Pfingsten!
Keep the Spirit of God! 🙂

Da wo das düstere Kreuz war, strahlte nun eine weisse Rose.

 

 

 

 

 

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Warum sie? (I)

(Aus dem Tagebuch eines ehemaligen Mitschülers)

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Bild von Cherrykoko

Warum hatte sie das getan? Warum? Warum ausgerechnet sie?

Hatte sie nicht alles, was sich eine junge Frau wünschen konnte?

Sie lebte in einem fantastischen Haus am See. Ihr Vater war der Leiter einer traditionsreichen Privatbank und ihre Mutter eine ehemalige Schönheitskönigin, die sich als Model und später als Modedesignerin einen Namen gemacht hatte. Von ihrem Vater hatte sie die Intelligenz, von ihrer Mutter die Schönheit. Alles war angerichtet für eine erfolgreiche Karriere.

Wie gross war doch der Stolz ihres Vaters gewesen, als sie das Studium in Rekordzeit mit Summa cum Laude abgeschlossen hatte. Dank seiner Beziehungen hatte sie auch gleich eine Topstelle in einer Grossbank bekommen. Bei allen schwierigen Fragen stärkte er ihr den Rücken. Und er genoss es sichtlich, mit seiner eleganten Tochter in die Oper zu gehen, Symphoniekonzerte zu besuchen und sich mit ihr in den besten Clubs und Restaurants zum Mittagessen zu treffen. Für jedermann war klar, wer dereinst seine Nachfolgerin werden sollte.

Was war also geschehen? Wie konnte es so weit kommen? Und wann hatte es begonnen?

Niemand konnte es wirklich sagen.

Natürlich war sie schon in der Schule irgendwie eine Aussenseiterin gewesen. Zu Beginn der Pubertät wurde sie wegen ihrer kleinen Brüste gehänselt. Sie war als Streberin verschrien und ihre eigenwillige Art, Strickjacken um die Schultern gelegt zu tragen, brachte ihr schon früh den Titel „Frau Professor“ ein… und „Papis Sekretärin“. Und auch die exquisiten Kleider, die ihre Mutter für sie entwarf, gehorchten nicht unbedingt dem Imperativ der aktuellen Teenie-Mode. Doch mit der Zeit war es ihr gelungen, sich Respekt zu verschaffen. Man begann, sie zu mögen, und irgendwann wurde sie gar zur Klassensprecherin gewählt. Wirkliche Freundinnen schien sie jedoch keine zu haben. Ausser vielleicht das eine Mädchen aus der Parallelklasse, ein trotziges, übergewichtiges Kind, dessen Vater aus irgendeinem Grund im Gefängnis sass.

Uns Jungs gegenüber war sie offen und nett, aber mehr nicht. Durch diese Zurückhaltung wurde sie spätestens in der Oberstufe zum Dauerthema auf dem Pausenhof und in den Umkleidekabinen. Wetten zirkulierten, wer es zuerst schaffen würde, sie zu küssen und mit ihr in den Ausgang zu gehen. Und eines Tages hatte tatsächlich einer behauptet, mit ihr im Bett gewesen zu sein. Als Beweis hatte er uns eine abgeschnittene Haarlocke präsentiert. Sie selber hatte zu diesem Thema beharrlich geschwiegen.

Unvergessen sind die Ohrfeigen, die sie damals zwei Mitschülern vor den Augen des Klassenlehrers verabreicht hatte. „Zufällig“ war ihr während der Stunde das Blatt in die Finger gekommen mit dem Resultat einer „repräsentativen“ Umfrage bezüglich der Qualität der „Titten und Ärsche“ aller Mädchen der Klasse. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll der Klassenlehrer seinen Kollegen gegenüber behauptet haben, sie habe sich dafür gerächt, dass sie nur auf Platz drei der Liste gestanden habe.

Die anderen Mädchen waren hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Eifersucht. Die einen hatten sie für ihre Unabhängigkeit beneidet, während andere sie für arrogant und verklemmt hielten. Das Gerücht, sie sei eine Lesbe, hatte sich ebenso hartnäckig gehalten wie die Behauptung, sie wolle ihre Zeit nicht verschwenden mit Jungs ihres Alters und sich stattdessen direkt einen Kerl von der Uni angeln.

Doch all diese Gerüchte und Spekulationen hatten sich Mitte des letzten Schuljahres in Luft aufgelöst, als stattdessen plötzlich der Verdacht im Raum stand, sie hätte Sex mit dem Schulseelsorger, dessen Angebote sie regelmässig besuchte und unterstützte. Es konnte den beiden nichts nachgewiesen werden, doch der junge Priester musste umgehend die Schule verlassen.

Die Angelegenheit musste schwer auf ihr gelastet haben. Sie hatte sich immer mehr zurückgezogen und ihr Abitur schliesslich weit unter ihren Möglichkeiten abgeschlossen. Kommt dazu, dass sich ihre Mutter damals unvermittelt von ihrem Vater hatte scheiden lassen. Kein Wunder also, dass sie wenige Monate nach Schulabschluss in eine schwere Depression gefallen war.

Ich weiss nicht, was mir den Mut gegeben hatte, sie damals in der Klinik zu besuchen. Es ging ihr schon besser, aber die Spuren der Medikamente waren nicht zu übersehen. Sie hatte sich sehr gefreut über meinen Besuch und ich war erstaunt, wie offen sie mir von ihrem Leiden erzählte, von der plötzlichen Stigmatisierung und Einsamkeit nach der Geschichte mit dem Seelsorger, vom Schmerz über die Trennung ihrer Eltern, und von der Nacht, die das Leben ihrer Familie verändert hatte. Ich konnte mich erinnern, dass sie einmal mehrere Tage gefehlt hatte. Aber genaueres hatte man damals nicht erfahren. Sie und ihre Mutter waren offenbar mehrere Stunden in der Hand von Geiselnehmern gewesen, während ihr Vater gezwungen worden war, umfangreiche Finanztransaktionen zu tätigen. Erst am folgenden Morgen waren sie von der Haushaltshilfe gefesselt und geknebelt aufgefunden worden. Ihr Blick schien seltsam leer und abwesend, als sie mir davon erzählte. Aber ich wagte nicht weiter zu fragen.

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik war sie zum Studium ins Ausland gegangen. Und als sie zurückkam, um ihre Karriere bei der Bank zu starten, war ich im Ausland. Wir hatten uns mehrere Jahre nicht mehr gesehen, als ich sie eines Tages auf der Treppe zur Unibibliothek beinahe über den Haufe rannte. Sie sah atemberaubend aus in ihrem gehäkelten Sommerkleid und der graue Kaschmir-Strickjacke, die ihr bei meinem Rempler von den Schultern geglitten war. Da sie einen dicken Stapel Bücher in den Armen hielt, musste ich ihr die Jacke aufheben. Noch heute erregt mich die Erinnerung an das betörend weiche Kaschmir und den dezenten Duft ihres Parfüms, wenn ich daran denke, wie ich unvermittelt mit ihrer Jacke in der Hand auf der Treppe stand und wartete, bis sie ihre Bücher zurückgegeben hatte.

Über zwei Stunden waren wir damals durch den Stadtpark spaziert, bis sie sich schliesslich verabschieden musste. Nie werde ich diesen letzten Moment vergessen, als sie nach einer kurzen Umarmung und einem leichten Kuss auf meine Wangen im Laufschritt zur Bushaltestelle eilte. Ihre Weise, die Jacken zu tragen, hatte auf mich bei aller Eigenständigkeit immer auch einen fragilen und verletzlichen Eindruck gemacht. Doch als ich nun zusah, wie die Strickjacke mit den langen Ärmeln im Rhythmus ihrer leichten Schritte elegant um ihre Schultern wehte, erschien sie mir plötzlich wie eine Königin… oder wie ein Engel. Ein drückender Schmerz befiel mein Herz, als sie mir aus dem Fenster des Busses mit einem seltsam wehmütigen Blick noch einmal zuwinkte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich eigentlich gar nichts von ihr erfahren hatte. Wir hatten doch tatsächlich die ganze Zeit nur über mich gesprochen.

Als ich schliesslich nach einer Woche endlich meinen ganzen Mut zusammennahm und mich in der Bank nach ihr erkundigte, erfuhr ich, dass sie ihre Stelle gekündigt hatte und schon seit einem Monat nicht mehr dort arbeitete. Auch aus dem Elternhaus war sie vor ein paar Tagen ausgezogen. Und da ihr Facebook-Account gelöscht war, ihre Mutter zum wiederholten Mal in einer Klinik weilte und ihr sichtlich erzürnter Vater sich kategorisch weigerte, über seine Tochter zu reden, schien sie sich für mich wie in Luft aufgelöst zu haben.

In der ersten Zeit nach ihrem Verschwinden war ich hin und her gerissen zwischen meiner Sorge um sie und meiner verletzten Eitelkeit. Was war nur in sie gefahren? Wie konnte sie alles aufgeben, einfach so? Und warum hatte sie mir nichts gesagt? Ich verstand sie nicht. Ich hatte sie wohl noch nie wirklich verstanden. Aber hatte ich je versucht, sie zu verstehen? Was wusste ich überhaupt von ihr? Plötzlich wurde mir schmerzhaft bewusst, wie sehr sie mir fehlte… wie sehr sie mir all die Jahre gefehlt hat. Und ja, ich war wütend auf sie. Doch eigentlich war ich wütend auf mich. Was war ich nur für ein ängstlicher, verklemmter Idiot gewesen! Ein jämmerlicher, ichbezogener Feigling! Ich hatte es vermasselst, all die Jahre.

Ich brauchte ein paar Wochen, um mich allmählich zu beruhigen und sie einmal mehr aus meinen Gedanken und Gefühlen zu verdrängen. Meine neue Arbeitsstelle nahm mich schliesslich voll in Anspruch und ein gelegentlicher Flirt mit einer Kollegin trug das Seine dazu bei, mich von meiner unerfüllten Sehnsucht abzulenken.

Und dann erhalte ich mit der Post diese Anzeige, nach über zwei Jahren!

*******

Die Kirche war nicht besonders gross, aber bis auf den letzten Platz besetzt. Drei Reihen vor mir sass ihre Mutter. Sie war alt geworden und die Medikamente hatten ihr zugesetzt. Aber ihre aufrechte Haltung und ihre langen, silbergrauen Haare, die sich auf ihrem Rücken in Wellen über das elegante, schwarzen Kaschmir-Cape ausbreiteten, liessen immer noch die ehemalige Schönheitskönigin erahnen. Sie trug einen schwarzen Hut mit breiter Krempe, und als sie den Kopf drehte, erkannte ich die dunklen Spuren des Liedschattens, die ihre Tränen auf der Wange hinterlassen hatten. Der Vater war nicht da. Das hätte mich auch gewundert. Auch sonst kannte ich kaum jemanden. Niemand von unserer alten Klasse war gekommen.

Umso dankbarer war ich für die junge Frau, die neben mir sass. Sie hatte mich beim Betreten der Kirche angesprochen. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, als sie mir geduldig zugesehen hatte, wie ich verzweifelt versuchte, sie einzuordnen. Ihre leicht zur Fülle neigende Figur steckte in einem perfekt geschnittenen, dunklen Kostüm, dessen lange Blazerjacke sie sich elegant um die Schultern gelegt hatte. Die Zeremonie hatte bereits lange begonnen, als ich immer noch nicht wusste, wo ich sie unterbringen musste. Ich wusste nur, dass es mir gut tat, sie neben mir zu spüren in dieser seltsam fremden Umgebung.

Und so richtig fremd wurde es für mich, als wir plötzlich alle standen und auf die schwarze Gestalt starrten, die ausgestreckt vor uns am Boden lag, den Kopf verborgen unter einem schwarzen Schleier. Ein Chor erfüllte den Raum mit einem monotonen Antwortgesang. Vereinzelt versuchten Leute um mich herum mitzusingen, auch die Frau an meiner Seite. Ich hörte einzelne Namen wie Franziskus, Benedikt und Teresa, die ich noch aus der Schule kannte, aber die meisten anderen sagten mir nichts. Einen Moment glaubte ich auch den Namen Edith Stein gehört zu haben, aber bevor ich mich noch länger darüber wundern konnte, begann sich die schwarze Gestalt vor uns langsam zu erheben.

Noch immer hatte ich ihr Gesicht nicht gesehen, als sie wenig später von einer älteren Frau im gleichen schwarzen Gewand vor allen Leuten herzlich umarmt wurde. Erst als eine Gruppe von ebenso schwarz gekleideten Frauen einen mehrstimmigen Gesang anstimmte, drehte sie sich endlich zu uns um. Ich hätte sie im ersten Moment fast nicht wiedererkannt, zumal unter dem schwarzen Schleier nur ihr helles Gesicht zu sehen war. Doch als ich ihr typisches, kaum wahrnehmbares Winken sah, das von meiner Banknachbarin spontan erwidert wurde, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es war das Winken, um das ich das Mädchen aus der Parallelklasse immer beneidet hatte.

Und dann, über alle Köpfe hinweg und an der Krempe des Hutes ihrer Mutter vorbei, trafen sich unsere Blicke. Das freudige Erkennen in ihren Augen gab mir einen Stich ins Herz. Doch tiefer als dieser spontane Blick hat mich der Ausdruck ihres Gesichtes getroffen, der diesem Blick voranging. Noch nie hatte ich ein solch entspanntes und selbstbewusstes Strahlen gesehen, einen Ausdruck, für den mir die Worte fehlen und der mich gleichzeitig mit einer tiefen Freude und einem lodernden Schmerz erfüllte.

Einen Moment lang stand ich da wie gelähmt, bis ich spürte, wie jemand sanft meinen Arm berührte. Und mitten im hymnischen Gesang, der die Kirche bis unters Dach erfüllte, hörte ich plötzlich eine leise Stimme an meinem Ohr:

„Du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hattest nie eine Chance gegen IHN“.

 

Nicht mit mir!

Und wieder eine Schreibübung von Christina mit der Wortspende von Ludwig Zeidler:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/01/14/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-03-18-wortspende-von-ludwig-zeidler/

Vorgabe: 3 Worte (FRB 121102 – Supernovaüberrest – ultraviolett), max. 10 Sätze

 

Nicht mit mir!

Sie hatte die Nase gestrichen voll.

Selbst die Stunden im Solarium konnten ihr nicht mehr das Licht und die Wärme spenden, die sie so sehr gebraucht hätte.

Als Physikerin müsse sie doch wissen, wie ungesund diese ultraviolette Strahlung sei, hat ihre Mama gesagt, die nicht aufhören konnte, sie zu bemuttern, seit ihr Vater sie verlassen hatte.

Aber die Gesundheit war ihr egal, so wie ihr alles egal war, seit dieses FRB 121102 aus den Tiefen des Universums aufgetaucht ist.

Seit diesem Tag hatte ihr Professor nur noch Augen für diese magische Strahlenquelle, die ihm aus drei Milliarden Lichtjahren Entfernung neuen akademischen Glanz verhiess.

Wie viele wissenschaftliche Fachartikel hatte sie in den letzten Jahren unter seinem Namen geschrieben, wieviel Vorträge für ihn vorbereitet, und wie viele Nächte…

Doch seit mehr als zwei Wochen hatte er sich nicht mehr in ihrer Abteilung blicken lassen.

Und heute Morgen hatte er ihr über seine Sekretärin mitteilen lassen, dass in ihrer Doktorarbeit über den Supernovaüberrest LMC N 63A in der Grossen Magellanschen Wolke noch bei Weitem nicht alle neuesten Erkenntnisse eingearbeitet seien.

Aber nein, verdammt, so einfach würde er diesmal nicht davonkommen!

Dafür wusste sie zu viel von ihm.

 

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Bild von Click&Funny

 

Schmetterling

Eine literarische Fingerübung inspiriert von Christiane:
https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/01/07/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-02-18-wortspende-von-irgendwas-ist-immer/

Vorgabe: 3 Wörter (Bürde – speckig – schieben) – max. 10 Sätze

Danke für die Inspiration und viel Spass beim Lesen

 

Schmetterling

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Aufgeregt kontrolliert sie ihr Make-up durch die Kamera ihres Smartphones.

Wird er sie wiedererkennen nach über zwei Jahren?

Wenige Tage nach ihrer letzten Begegnung hatte sie ihre Entscheidung getroffen.

Es war die Entscheidung für ihre Würde und gegen die Bürde ihres Schicksals.

Vorbei die Zeit der neongrünen Haare, der unförmigen T-Shirts und der zerrissenen Jeans.

Vorbei auch die Tage, wo sie ihre geschundenen Arme unter der speckigen Lederjacke verstecken musste.

Nervös schieben ihre Hände die Falten des langen Sommerkleids über ihren Knien zurecht.

Und immer wieder überprüfen ihre Finger den Sitz der leichten Strickjacke, die sie sich elegant um die aufrechten Schultern drapiert hat.

Es fühlt sich irgendwie verletzlich an, aber gut.

Egal was er sagen wird, sie ist endlich frei.

 

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Bilder von Click&Funny

Hassende Liebe

Die Frau tat ihr fast etwas leid, als Irina den Strick verknotete, mit dem sie die gefesselten Hände und Füsse ihres Opfers hinter deren Rücken fest zusammengebunden hatte. Es war eine kühle Herbstnacht, und auch die Temperatur im Innern des Wagens dürfte bald sinken, nachdem der Motor nicht mehr lief. Immerhin lag die Besitzerin des BMWs in eine warme Daunenjacke verpackt auf der Rückbank, und ihre eleganten Winterstiefel und Lederhandschuhe würden sie fürs erste vor der Kälte schützen.

Hassende Liebe

„Was wollen sie vom General?“, hörte Irina die Frau fragen, die unwillig an ihren Fesseln zerrte, während die pelzbesetzte Kapuze über ihren Kopf gezogen wurde. Doch anstelle einer Antwort erhielt sie ihr zusammengeballtes Seidentuch in den Mund gestopft. Und nachdem Irina den Knebel mit dem Wollschal ihres Opfers fixiert hatte, musterte sie einen Moment lang prüfend die Augen der wehrlosen Frau, die ihr im fahlen Mondlicht unter dem Pelzbesatz der Kapuze hervor zornig entgegen funkelten. Wortlos nahm sie schliesslich ihre Tasche vom Beifahrersitz und stiess die Wagentür leise zu.

Langsam liess sie die kühle Nachtluft in ihre Lungen strömen, während sie sich vorsichtig umschaute. Doch weit und breit war niemand zu sehen. Der Parkplatz war verlassen bis auf einen Wagen, der am anderen Ende stand. Der Mond war über die Wipfel der Bäume getreten und gelegentlich heulte ein Kautz im Wald. In der Ferne hörte man das leise Rauschen der Stadt. Und nur wer wirklich aufmerksam hinhörte, konnte die dumpfen Geräusche aus dem parkierten BMW hören. Direkt über Irina auf einer kleinen Anhöhe stand die alte Villa mit ihren Türmchen, deren Zinnen sich gegen den Nachthimmel abzeichneten. Es schien fast, als ob hier die Zeit stillgestanden wäre. Drei Fenster im ersten Stock waren beleuchtet. Es waren die Räume des Generals. Und im Erdgeschoss neben dem Eingang brannte noch Licht. Das musste die Pflegekraft sein, die schon seit einigen Minuten auf ihre Ablösung wartete.

Bis hierher war alles gut gegangen. Fast zu gut für Irinas Geschmack. Das Schwierigste war noch gewesen, ungesehen in den Wagen zu kommen. Denn Irina war auch nicht mehr die Jüngste und die Zeiten, wo das Aufbrechen von Autotüren zu ihrem Grundhandwerk gehört hatte, waren längst vorbei. Doch die frühe Dämmerung war ihr zu Hilfe gekommen. Und als die Besitzerin gegen halb acht ihren Wagen bestiegen hatte, um ihre Nachtwache als Krankenschwester in der Villa des Generals anzutreten, war Irina hinter dem Fahrersitz in Position. Die Frau hatte nichts bemerkt, und so hielt sich Irina verborgen, bis sie die Sicherheitskontrolle am Eingang des Grundstückes passiert hatten. Erst als der Wagen auf dem unbeleuchteten Personalparkplatz am Fuss des Hügels angehalten hatte, war sie in Aktion getreten. Und einmal mehr hatte sich die psychologische Wirkung eines schwarzen Schalldämpfers bewährt.

Knapp zehn Minuten waren vergangen, seit sie auf dem Parkplatz angekommen waren. Höchste Zeit, dass sie sich auf den Weg machte. Denn man hatte in der Villa sicher die Lichter des Wagens gesehen. Langsam nahm Irina den Weg den Hügel hinauf in Angriff. Eine ungewohnte Nervosität hatte von ihr Besitz ergriffen und trotz der dicken Strickjacke machte sich ein leises Frösteln in ihr breit. Irgendetwas irritierte sie. Aber sie hätte nicht sagen können, was es war. Natürlich tat ihr die die Frau in dem Wagen leid. Was hatte die unschuldige Pflegekraft mit der Vergangenheit des Generals zu tun? Andererseits, dem schicken Wagen nach zu urteilen, dürfte die Frau für diesen Job auch fürstlich entlohnt werden.

„Hilde, mein Gott, wo bleibst du denn!“ wurde Irina aus ihren Gedanken gerissen, als ihr plötzlich eine dunkle Gestalt auf dem Weg entgegenkam. Instinktiv suchte sie in ihrer Tasche nach dem Griff der Pistole. Die grossgewachsene Frau schien etwas älter zu sein als ihre Kollegin. Ihr fülliger Körper steckte in einem schwarzen Strickkleid über eleganten Lederstiefeln, und um ihre Schultern hatte sie sich einen langen Daunenmantel gelegt. Sie schien in Eile zu sein, da sie offenbar in der Oper erwartet wurde. Die irritierte Skepsis in ihrem Blick war nicht zu übersehen, als sie sich plötzlich einer fremden Frau gegenübersah, die ihr von Hildes Darmgrippe erzählte und sich als deren Ersatz vorstellte. Aber zu Irinas Erleichterung war die gute Frau derart in Eile, dass sie ihr nach kurzem Zögern den Hausschlüssel in die Hand drückte und mit einer kurzen Bemerkung über Morphium und den Gesundheitszustand des Generals ihren Abstieg zum Parkplatz fortsetzte.

Irina atmete erleichtert auf, als sie der Pflegefachfrau zusah, wie sie zu ihrem Wagen ging. Die Dame war gerade im Begriff, in ihrer Handtasche nach dem Wagenschlüssel zu suchen, als sie plötzlich innehielt und zu dem BMW am anderen Ende des Parkplatzes hinüberschaute. Irina konnte förmlich spüren, wie das Adrenalin in ihr Blut schoss, als die Frau sich umdrehte und nach kurzem Zögern entschlossen über den Platz eilte. Verdammt, natürlich, sie hatte den Wagen ihrer Kollegin erkannt! Ohne lange zu überlegen rannte Irina quer über den Rasen nach unten, während die Frau sich bereits zum Fenster des BMWs herunterbeugte. Deutlich konnte sie einen entsetzten Aufschrei hören, während sie endlich den Parkplatz erreichte. „Hände hoch, keine Bewegung!“ rief sie der Frau zu, die im Begriff war, verzweifelt an den Türen des Wagens zu rütteln.

Die Waffe zitterte leicht in Irinas Hand, während sie zögernd auf die Frau zuging. Diese hatte sich umgedreht und ihr rundliches Gesicht leuchtete hell im Schein des Mondes. Langsam glitt der Daunenmantel von ihren Schultern, als sie ruhig ihre Arme hob. Ihre funkelnden Augen schienen Irina zu mustern, während diese fiebrig nach einer Lösung für die unerwarteten Situation suchte. „Sie müssen Irina sein“, hörte sie die Frau plötzlich sagen. Fassungslos schaute sie zu, wie diese langsam auf sie zukam. Vor dreissig Jahren hätte Irina wohl geschossen. Aber heute waren ihre Finger wie gelähmt. Ungläubig starrte sie in die Augen, die sie ruhig fixierten. Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte die Frau ihr die Waffe aus der Hand geschlagen. Agil wie eine Raubkatze warf sich die füllige Gestalt auf Irina, die völlig überrumpelt das Gleichgewicht verlor und in ihre Gegnerin verkrallt auf die Wiese neben dem Parkplatz stürzte.  Verdammt, die Frau war gut! Viel zu gut für eine simple Pflegekraft. Irina brauchte einen Moment, um sich auf die Situation einzustellen und ihre alten Reflexe zu reaktivieren. Keuchend wälzten sich die beiden Frauen auf der Wiese. Und spätestens, als die bestrumpften Beine ihrer Gegnerin begannen, sich gnadenlos um Irinas Hals zusammenzuziehen, war der Moment gekommen, auf ihre alte Trickkiste zurückzugreifen. Dabei kam ihr zu Hilfe, dass die Frau sie offensichtlich unterschätzte. Denn plötzlich war sie es, die nach einer schmerzhaften Wendung unter dem würgenden Griff von Irinas Armen verzweifelt nach Luft japste. Hilflos krallten sich ihre Finger in die Wolle von Irinas Strickjacke, während sie mit den Absätzen ihrer Stiefel so lange den Rasen durchpflügte, bis ihr Körper schliesslich kraftlos in Irinas Armen zusammensackte.

Mein Gott, das war knapp, fuhr es Irina durch den Kopf, als sie sich nach Atem ringend unter der leblosen Masse ihrer Widersacherin hervorkämpfte. Ihr war übel und ihre Muskeln schmerzten nach dem heftigen Kampf. Aber sie hatte keine Zeit zu verlieren. Die Frau konnte jeden Moment wieder zu sich kommen. Kurzentschlossen nahm sie die elegante Handtasche ihres Opfers, die neben ihr im Gras lag, zerrte den Lederriemen ab und fesselte damit ihrer Gegnerin die Hände hinter dem Rücken. Ein Blick in die Handtasche bestätigte ihr schliesslich, was sie schon geahnt hatte: Die Frau war keine normale Pflegefachfrau. Sie gehörte zur Abteilung Personenschutz des Geheimdienstes. Schlagartig wurde Irina auch klar, warum die Frau im BMW vom „General“ gesprochen hatte. Nur absolute Insider kannten diese Bezeichnung.

Verdammt, Irina musste sich beeilen. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ihr bleiben würde. Irgendwann würde sich die Wache zu wundern beginnen, warum die abgelöste Pflegerin nicht weggefahren ist. Und wer immer vor der Oper auf sie wartete, würde früher oder später… Als ob Irina es geahnt hätte, begann auf dem Parkplatz neben dem BMW ein Telefon zu läuten. Das Smartphone befand sich in einer der Taschen des Daunenmantels. Einen Moment lang war Irina versucht, zu antworten. Doch schliesslich nahm sie die SIM-Karte aus dem Gerät und warf beides in die Büsche. Dafür nahm sie kurzerhand den Daunenmantel mit, breitete ihn auf der Wiese aus und rollte den immer noch leblosen Körper seiner Besitzerin darauf. Der edle Mantel war nicht dafür vorgesehen, auch die Arme seiner Trägerin in sich aufzunehmen. Aber mit etwas Mühe war es schliesslich gelungen, den Reissverschluss auch über die Brust hinweg bis zum Hals zu schliessen. Und nachdem Irina feststellen musste, dass ihr Opfer zu schwer war, um bei ihrer Kollegin im Wagen verstaut zu werden, packte sie kurz entschlossen die losen Ärmel des Mantels und schleifte den daunenverpackten Körper über die Wiese in den nahen Wald. Dort setzte sie ihr Opfer mit dem Rücken gegen eine junge Buche, fixierte die Kapuze über ihrem Kopf und verknotete die Mantelärmel fest hinter dem Stamm. Dann zog sie der Frau die Stiefel und die Strumpfhose aus und fesselte damit deren nackte Füsse an einen benachbarten Baum. Was sie sonst noch benötigte, fand sie im Notfallset des Wagens. Und als die hilflose Pflegefachfrau und Geheimdienstmitarbeiterin wenig später begann, in der Dunkelheit des Waldes verzweifelt gegen eine halbe Packung Verbandwatte und mehrere Windungen Medizinal Tape anzustöhnen, war Irina bereits wieder auf dem Weg hinauf zur Villa.

Er hatte sich nicht gerührt, als Irina kurz darauf sein Zimmer betrat. Auch nicht, als sie mit den behandschuhten Fingern seine Hand berührte. Ihr war sofort klar, warum seine Bewachung nur noch aus spezialisierten Pflegekräften bestand: Der General war im Begriff zu sterben.

Eine seltsame Wehmut erfüllte Irina, als sie sich in dem Raum umschaute. Wie viele Stunden hatte sie in diesem Zimmer verbracht? Leidenschaftliche Stunden, wilde Stunden, Stunden voller Glück und Stunden voller Schmerz. Das breite Himmelbett war verschwunden und hatte einem Pflegebett Platz gemacht. Aber ansonsten schien die Zeit an dem Raum vorbeigegangen zu sein. Selbst der Geruch schien ihr vertraut, trotz der Atmosphäre von Desinfektionsmitteln. Das leise Ticken der Wanduhr war das einzige Geräusch neben dem regelmässigen Röcheln des Sterbenden. Es erinnerte sie an endlose nächtliche Stunden, in denen sie schlaflos neben ihm gelegen und mit der Ambivalenz ihren entfesselten Gefühlen gerungen hatte.

Was für eine Macht hatte er auf sie ausgeübt! Und was für eine Macht hatte er auch jetzt noch über sie! Der Hass hatte sie hergebracht. Der Hass war es, der ihr die ganzen Jahre über die Kraft gegeben hatte zu überleben. Seit dreissig Jahren gab es keinen Morgen, an dem sie nicht mit dem quälenden Wunsch aufgewacht war, ihm endlich gegenüberzutreten. Ihn endlich für alles bezahlen zu lassen, was er ihr angetan hatte. Und jetzt hatte sie ihn gefunden. Jetzt stand sie da vor ihm… und fühlte gar nichts. Jedenfalls keine Spur von Hass.

Nachdenklich knöpfte sie ihre Strickjacke auf, zog sie aus und legte sie sich um die Schultern, so wie damals, als sie abends in den bequemen Sesseln vor dem Kamin sassen und dem Knistern des Feuers lauschten. Einer dieser Sessel stand nun neben dem Bett des Generals. Über dessen Lehne hing eine lange, weisse Mohair-Jacke. Die Grösse passte zur Pflegerin im Daunenmantel. Langsam liess sich Irina auf dem Sessel nieder und betrachtete das blasse Gesicht des Generals, der mit geschlossenen Augen dalag. Auf dem Tischchen neben dem Sessel lagen neben einer leeren Teetasse eine Lesebrille, das Libretto von Mozarts Don Giovanni, und ein aufgeschlagenes Buch, aus dem offensichtlich vorgelesen wurde. Automatisch schob Irina das Lesezeichen zur Seite, um die Kapitelüberschrift zu sehen: „Stawrogins Beichte“. Warum nur war sie so wenig überrascht? Es war sein Buch. Er war es, der sie vor dreissig Jahren dazu gebracht hatte, Dostojewskis „Dämonen“ zu lesen. Unwillkürlich zog Irina die Strickjacke enger um ihre Schultern, als ein fröstelnder Schauder sie ergriff.

„Irochka, bist du das?“

Irina stockte der Atem, als ihr der Schreck in die Glieder fuhr. Hatte sie richtig gehört? Seine Augen waren geschlossen und nichts deutete darauf hin, dass er bei Bewusstsein war. War es ihre Anspannung? Hatte sie es sich am Ende nur eingebildet? Niemand hatte sie je Irochka genannt… ausser dem General.

„Ich wusste, dass du kommen würdest.“

Nein, es war keine Einbildung. Deutlich sah sie, wie sich seine blau angelaufenen Lippen bewegten. Unwillkürlich suchte ihre zitternde Hand in der Tasche nach dem Griff der Pistole. Bei ihm war sie auf alles gefasst. Auch noch in diesem Zustand.

„Du bist zu spät gekommen. Deine Kugel wäre eine Erlösung für mich.“

Seine Stimme war kaum zu vernehmen. Doch es reichte, um in Irina einen Sturm der Gefühle auszulösen. Fassungslos starrte sie auf das ausgemergelte Gesicht, das reglos mit geschlossenen Augen an die Decke zu starren schien. Mein Gott, was machte er mit ihr? Dieser Mann war für sie alles gewesen: Vater und Liebhaber, Lehrer und Zerstörer, Förderer und Erniedriger, Gott und Teufel. Irina hatte sich von ihm herausfordern lassen, und sie hatte sich von ihm missbrauchen lassen. Sie hatte ihm alles gegeben. Für ihn hatte sie ihr Land verraten. Er hatte sie zu seiner besten Agentin gemacht. Und dann, von einem Tag auf den anderen, hatte er sie fallen gelassen, verraten und ausgeliefert, ohne Vorwarnung, einfach so, nach einer letzten leidenschaftlichen Nacht in diesem Zimmer. Irina glaubte einen Moment lang, ohnmächtig zu werden, als die Erinnerung sie einholte.

„Was hast du mit Maria gemacht?“

Sie hatte schon glaubt, er hätte wieder das Bewusstsein verloren, als sie nach einer längeren Pause von der Frage abrupt aus ihren Gedanken gerissen wurde. Verwirrt starrte sie in sein gequältes Gesicht und es kam ihr vor, als ob er mit letzter Kraft stockend um Sprache ringen würde:

„Ihr seid euch sehr ähnlich… sie hasst mich auch… sie weiss es nur noch nicht… seit 3 Jahren pflegt sie mich… sie liebt Mozart… Dostojewski… drei Kinder… heute in die Oper mit ihrem jüngsten Sohn… zum ersten Mal… sie hat sich so gefreut… sie erinnert mich… wenn ich dich nicht zerstört hätte… Irochka, ich…“

Irina hatte sich nahe über sein Gesicht gebeugt, um ihn besser verstehen zu können. Langsam liess sie sich zurück in den Sessel fallen, nachdem seine Stimme schon eine Weile verstummt war. Täuschte sie sich, oder wirkten seine Gesichtszüge entspannter? Verzweifelt kämpfte sie gegen die aufkommenden Tränen, während sie den Lederhandschuh auszog und sanft seine leblose Hand ergriff. Sein röchelnder Atem war ruhiger geworden. In immer längeren Abständen hob sich seine Brust unter dem seidenen Pyjama. Und irgendwann erfüllte nur noch das leise Ticken der Wanduhr den Raum.

*******

Der Wachmann hatte sich schon gewundert, warum die Leiterin des Pflegedienstes das Grundstück noch nicht verlassen hatte. Den besorgten Anrufer hatte er damit vertröstet, dass es in der Villa wohl einen Notfall gegeben haben müsse. Entsprechend neugierig trat er aus seinem Häuschen, als kurz nach Mitternacht der Mercedes der Pflegeleiterin vor dem Portal hielt. Er hatte den Mechanismus des Tores schon ausgelöst, als er überrascht feststellte, dass er das Gesicht der Frau am Steuer nicht kannte. Fassungslos wanderte sein Blick von der schwarzen Mündung des Schalldämpfers, der auf seine Brust gerichtet war, zu den Tränen, die im Schein der Strassenlaterne auf den Wangen der Frau funkelten.

„Der General ist gestorben“, hörte er sie sagen. „Und ihre Kollegin brauch ihre Hilfe, im Wäldchen hinter dem Parkplatz. Beeilen sie sich!“ Bevor er reagieren konnte, war die Frau schon losgefahren. Doch bevor der Wagen ein paar Meter weiter in die Hauptstrasse einbog, hörte er sie noch einmal durchs offene Wagenfenster rufen:

„Sagen sie ihr, dass es mir Leid tut… wegen ihrem Sohn!“

 

 

In der besten Familie

„Du siehst einfach hinreissend aus, Liebes!“

Nein, sah sie nicht! Und ihre Mutter wusste das auch. Der ironische Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Doch Julia war einfach noch zu erschöpft gewesen, um irgendetwas zu erwidern. Ihr Kopf fühlte sich wie betäubt an. Und ihre müden Augen schmerzten, als sie hinter der Glastür im Salon zuschaute, wie ihre Mutter zusammen mit ihrem neuen Liebhaber auf dem Rücken ihrer Pferde im kühlen Dunst des sonnigen Neujahrsmorgens verschwanden. Instinktiv zog Julia die leichte Strickjacke enger um ihre fröstelnden Schultern. Sie mochte diesen Typen nicht.

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Bild von Cotswoldcollections

Und sie mochte sich selber nicht. Natürlich hatte ihre Mutter wieder einmal recht gehabt. Sie hätte sich nicht derart gehen lassen dürfen, nachts bei der Silvesterparty. Das gehörte sich nicht für eine Frau ihres Standes, und schon gar nicht als Gastgeberin. Doch spätestens nachdem ihre Cousine und deren Freund sie auf der Damentoilette zu einer zweiten Linie Kokain verführt hatten, war es um Julia geschehen gewesen. Vage konnte sie sich noch an einen vorwurfsvollen Blick ihrer Mutter erinnern, irgendwann lange nach Mitternacht, als ihr jemand beim Tanzen ein weiteres Glas Champagner reichte, das sie in einem Zug in sich hineingeschüttet hatte.

Doch das, was Julia wirklich beunruhigte, war das, woran sie sich nicht mehr erinnern konnte. Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens musste der Film gerissen sein. Als sie wieder zu sich gekommen war, drang bereits die Sonne durch die Spalten in ihren Vorhängen. Julia hätte nicht sagen können, wie sie ins Bett gekommen war. Sie war völlig verschwitzt unter dem leichten Seidenduvet aufgewacht, nackt bis auf ihre Unterarme, die noch immer in den langen, schwarzen Satinhandschuhen steckten. Um ihren Hals lag die lange Perlenkette und am schwarz schimmernden Handgelenk funkelte das edle Perlenarmband, das sie von ihrer Grossmutter geerbt hatte. In Julias Kopf hatte es schwindelerregend gepocht und ihr ganzer Körper schmerzte. Als sie sich schliesslich ins Bad geschleppt hatte, um sich zu übergeben, hatte sie unten in der Kloschüssel etwas Schwarzes schwimmen sehen. Fassungslos hatte sie auf ihre zerschnittene Strumpfhose gestarrt, deren Füsslinge fest verknotet waren. Und als sie mit wankenden Knien wieder zurück ins Zimmer getorkelt war, wäre sie fast über das schwarze Cocktailkleid und ihre Schuhe gestolpert, die vor dem Bett auf dem Boden lagen. Direkt daneben hatte sie ihr weisses Höschen gefunden. Doch wie um Himmels Willen kamen die Spuren von ihrem Lippenstift darauf?

Das Ganze war ein einziger Albtraum. Wer würde sie daraus wecken? Verzweifelt lehnte sich Julia mit dem Rücken gegen den grossen Wandspiegel im Salon, während sich ihr leerer Blick an den imposanten Portraits ihrer Vorfahren vorbei in der tapezierten Wand verlor. Nebenan im Wohnzimmer hörte sie Stimmen beim Frühstück: Ihre Cousine und deren Freund, ein Onkel mit seiner Frau, ein Freund der Familie mit seinem Lebenspartner, und Julias Lieblingscousin, mit dem sie gestern stundenlang getanz hatte. Viele ihrer Gäste waren noch gar nicht aufgestanden. Als Julia den Kopf drehte, sah sie draussen im Garten ihre Schwägerin, die Frau ihres älteren Bruders. Sie stand alleine beim Teich, fest eingepackt in ihre Daunenjacke, das Gesicht verborgen unter der pelzbesetzten Kapuze, unter der in regelmässigen Abständen der Rauch ihrer Zigarette hervorquoll. Julia hätte nicht sagen können warum, aber sie hatte Mitleid mit der jungen Frau. Doch das unvermittelte Auftauchen eines dunklen Schattens vor dem Fenster liess Julia vor Schreck erstarren. Der Ehemann ihrer verstorbenen Tante schien ebenso überrascht wie sie, als er Julia hinter der Scheibe entdeckte. Unwillkürlich vergrub er seine behandschuhten Hände in den Manteltaschen, bevor er mit einem verlegenen Schulterzucken weiterging.

Tief durchatmend lehnte Julia ihren Kopf gegen den Spiegel und schloss für einen Moment die Augen. Wer war es gewesen? Von wem stammten die unverkennbaren Spuren auf ihrem Leintuch… und an ihrem Leib? Verdammt, es hätte jeder sein können! Die Ungewissheit raubte Julia den Atem. Wem konnte sie noch ins Gesicht schauen? Wem konnte sie noch vertrauen?

Oder bildete sie sich das alles nur ein? War das nicht alles nur eine hysterische Fantasie von ihr? Ihre Mutter hatte sie doch gewarnt. Und wer würde ihr glauben, wo doch alle gesehen haben, wie hemmungslos sie sich in dieser Nacht amüsiert hatte. Warum nur hatte sie sich überreden lassen, dieses teuflische weisse Pulver zu schnupfen?

Und was ist, wenn sie es selber gewollt hatte? War nicht sie es gewesen, die sich als Mädchen beim Spielen immer mal wieder hatte fesseln und knebeln lassen? War es heute Nacht am Ende auch ihr Spiel gewesen?

Die Welt in und um Julia herum schien plötzlich eisig und kalt zu sein. Sie hatte versucht, sich schön zu machen, und ihre liebsten Kleider angezogen. Aber es half nichts. Alles an ihr fühlte sich schmutzig an, eklig und fremd, als ob es nicht ihr Körper wäre. Die quälenden Fragen und die demütigende Ungewissheit verursachten in ihr einen erstickenden Sumpf aus Ohnmacht, Scham, Schuldgefühlen und Wut. Und über all dem nagte dieser lähmende Schmerz, diese unendliche Einsamkeit. Mit wem sollte sie sprechen? Wer würde ihr glauben? Konnte sie sich selber glauben?

Das Schlagen der alten Standuhr in der Ecke riss sie schliesslich aus ihrer stummen Qual. Wie immer, seit sie ein kleines Mädchen war, lauschte sie wie magisch angezogen den tiefen Gongschlägen, während aus dem Wohnzimmer neue Stimmen und das Klappern von Kaffeetassen zu ihr herüber drangen. Draussen im Garten hatte sich ihr Bruder zu seiner Frau gesellt. Er wirkte ungekämmt und übernächtigt, und Julia war nicht wirklich überrascht zu sehen, wie sich ihre Schwägerin unwillig seiner Umarmung entzog. Im Hintergrund sah sie kurz ihren Lieblingscousin, der in einem roten Trainingsanzug joggend im Wald verschwand, während wie aus weiter Ferne jemand ihren Namen rief. Einen Moment lang war Julias Patentante in der Tür erschienen. Aber die Schwester ihres Vaters wusste wie keine andere, wann sie ihre Nichte in Ruhe zu lassen hatte.

Denn Julia wurde plötzlich wie in Bann gezogen von einem Gesicht, das ihr von der gegenüberliegenden Wand in die Augen zu schauen schien. Sie war schon als Kind fasziniert von diesem Bild, hatte sich aber nie gefragt, warum das Portrait ihres Urgrossvaters in diesem entlegenen Winkel des Salons hing und nicht bei den anderen Stammvätern der Familie in der Eingangshalle und im Wohnzimmer. Eine eigentümliche Kraft ging plötzlich von diesem Gemälde aus. Die aufrechte Gestalt dieses Mannes in dem schlichten dunklen Anzug strahlte natürliches Selbstbewusstsein und Autorität aus. Ein Eindruck, der noch verstärkt wurde durch den pelzbesetzten Mantel, den er elegant um seine Schultern gelegt trug. Im Vergleich zu den anderen portraitierten Herren im Haus, trug er keinerlei Orden und Abzeichen an seinem Gewand.

Plötzlich erinnerte sich Julia, was ihre Patentante ihr vor Jahren einmal über den Urgrossvater erzählt hatte: Als angesehener Grundbesitzer und hochdekorierter Offizier sei er jahrelang in Kriegsgefangenschaft gewesen. Als er zurückgekommen war, hätte man ihn kaum wiedererkannt. Zum Erstaunen aller habe er sofort begonnen, seine Landgüter zu reformieren und sich für die Rechte seiner Untergebenen einzusetzen. Viele hatten ihn damals als Kommunisten verschrien. Und nach und nach hätte sich seine Familie von ihm abgewandt. Selbst seine Frau hätte ihn zwei Jahre nach seiner Rückkehr verlassen, nachdem er nicht aufhören wollte, seine Ansichten öffentlich zu vertreten und gesellschaftliche Missstände klar zu benennen. Die einzige, die es sich nicht hatte nehmen lassen, ihn bis zu seinem Tod immer wieder zu besuchen, war seine Enkelin gewesen, Julias Patentante. Ihrem damaligen Lehrer an der Kunstakademie hatten sie auch dieses Portrait zu verdanken.

Nachdenklich betrachtete Julia das fein geschnittene Gesicht, das ihr aus dem Gemälde entgegenblickte. Da war keine Spur von der überheblichen Eitelkeit, die den anderen Portraits im Haus eigen war. Das Gesicht war gezeichnet vom Leben. Es hatte einen sanften, verletzlichen Zug. Doch die Augen schauten einem klar, direkt und ohne Falschheit entgegen. Und plötzlich glaubte Julia, in ihnen ein strahlendes Funkeln zu erkennen. Unwillkürlich richtete sie sich auf und zog die feine Jacke um ihre Schultern zurecht, während eine seltsame Kraft durch ihre Adern zu strömen schien.

*******

Sie sah hinreissend aus, als sie sich auf Einladung ihrer Mutter erhob, um nach dem Hauptgang des abendlichen Neujahrsessens eine kurze Tischrede zu halten. Sie trug wieder das Kleid mit den schwarzen Handschuhen, das sie schon in der Nacht getragen hatte. Ihre Augen hatten einen seltsam funkelnden Glanz, als sie die dunkle Pelzjacke von ihren nackten Schultern gleiten liess und die versammelten Gäste der Reihe nach musterte. Eine eigentümliche Stille erfüllte den Saal, bevor sich ihre Lippen zu bewegen begannen:

„Ich wurde heute Nacht vergewaltigt… in diesem Haus… von einem Mann an diesem Tisch!“

Julias Patentante verschluckte sich an ihrem Wein. Aber ansonsten hätte die Stille erdrückender nicht sein können. Fassungsloses Staunen und blankes Entsetzen machte sich auf den Gesichtern breit. Und langsam drehten sich die Frauen mit bangem Blick zu ihren Partnern um, während die Männer sichtlich verzweifelt versuchten, den unerwarteten Vorwurf zu verdauen.

Julias Mutter war schliesslich die erste, die sich aufmachte, die Situation zu retten. Ihre Lippen bebten vor Erregung, als sie sich sichtlich um Haltung ringend erhob und mit zitternden Händen und einem gezwungenen Lächeln zu stammeln begann: Das sei doch sicher alles nur ein Scherz. Sie würden ja unsere Julia kennen. Sie hätte beim Feiern etwas über die Stränge gehauen. Es sei auch eine lange Nacht gewesen. Und überhaupt, Julia hätte ja schon damals als Kind solche Phasen gehabt. Sie sei deswegen ja auch schon in Therapie gewesen. Und man wisse ja, dass so etwas… aber mit Medikamenten würde sie sicher…

„Julia hat recht!“

Die Stimme klang ruhig und fest, und doch schlug sie ein wie ein Blitz in die verstörte Gesellschaft. Ungläubig starrte Julia auf ihre Schwägerin, die sich langsam erhoben hatte. Die junge Juristin trug ein biederes rosafarbenes Kaschmir-Twinset mit Perlen. Aber die Weise, wie sie sich die Jacke um die aufrechten Schultern gelegt hatte, verlieh ihr plötzlich die selbstbewusste Ausstrahlung, die Julia immer an ihr vermisst hatte: „Auch ich wurde mit K.O.-Tropfen betäubt und vergewaltigt, an Weihnachten… in diesem Haus… von einem Mann an diesem Tisch!“

„Ich auch… vor drei Monaten… beim 60. Geburtstag eurer lieben Mutter!“, ertönte plötzlich ebenso klar und deutlich die Stimme der Frau von Julias Onkel.

Und als sich auch Julias Cousine mit Tränen in den Augen langsam von ihrem Platz erhob, durchschnitt ein gellender Schrei das beklemmende Schweigen im Raum. Fassungslos wandten sich alle Blicke zu Julias Mutter, die mit zu Fäusten geballten Händen und einem unheimlichen Funkeln in den Augen hinter dem Tisch stand. Und als Julia dem starren Blick ihrer Mutter folgte, sah sie direkt in sein Gesicht. Sie fühlte gar nichts, nicht einmal Überraschung. Wortlos registrierte sie das erkennende Entsetzen in seinen Augen, den hilflosen Versuch eines verlegenen Lächelns, das übergangslos einem flehenden Ausdruck wich, bevor er in panischer Verzweiflung seinen Stuhl umstiess und durch die Glastür in die winterliche Nacht hinaus stürzte.

„Du hast es immer gewusst, Mama, nicht wahr? Du hast es immer gewusst!“

„Wie konnte er mir das antun! Er hatte mir doch fest versprochen…“

 

 

 

Schatten der Vergangenheit (VI)

Eigentlich hasste sie Pferde. Und dies nicht erst seit ein schwerer Reitunfall vor zwei Jahren ihrer vielversprechenden Karriere als Vielseitigkeitsreiterin ein jähes Ende bereitet hatte. Sie verabscheute den Geruch. Sie ekelte sich vor dem Schweiss. Aber am meisten hasste sie den hochmütigen Stolz dieser Tiere. Doch genau dieser Hass sollte sie schon als junges Mädchen zu einer der besten Reiterinnen und Pferdekennerinnen machen. Denn seit ihre Tante sie damals zum ersten Mal auf den Rücken eines Pferdes gehoben hatte, war Patricia fasziniert von der Macht, die sie über diese Tiere bekam. Ein leichtes Ziehen am Zügel, ein leichter Druck der Schenkel, und der ganze Stolz war unter ihrer Kontrolle. Intuitiv hatte sie gelernt, Pferde zu lesen, zu manipulieren und bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu führen. Und kein Gefühl war elektrisierender für sie als die wuchtige Eruption von einer halben Tonne geballter Pferdestärke zwischen ihren Beinen.

SchdVerg VI
Bild von Scottish Classic Knitwear

Erschöpft glitt Patricia von dem nackten Körper herunter, der nach Atem ringend auf ihrem Bett lag. Ausdruckslos starrte sie an die Decke, wo die aufgehende Sonne das Muster der Gardine spielen liess. Draussen in der Koppel wieherten die Pferde, während die kühle Morgenluft ein leises Frösteln über ihre feuchte Haut jagte. Sein Schweiss auf ihrem Körper widerte sie an. Und sie hasste seinen Geruch. Auch sein teures Parfüm konnte daran nichts ändern. „Hau ab!“, hörte sie sich mehr hauchen als sagen, indem sie müde die Augen schloss. Und als sich neben ihr nichts regte, wurde ihre Stimme plötzlich eisig klar: „Hau ab, hörst du, verschwinde!“

Er versuchte noch etwas zu sagen, doch der Anblick ihres nackten Rückens liess ihn verstummen. Eine leise Anspannung bemächtigte sich ihres Körpers, während sie lauschte, wie er hinter ihr seine Kleider zusammensuchte und sich anzog. Mit Befriedigung registrierte sie sein ängstliches Bemühen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Sie konnte seinen Blick spüren, als er schliesslich an der Tür noch einen Moment innehielt. Dann endlich vernahm sie das Geräusch ihrer Zimmertür und das Knarren der Treppe. Doch erst, als unter ihr die Haustür ins Schloss fiel, begann sie sich langsam zu entspannen.

Ihre langen, blonden Haare klebten strähnig über ihren nackten Schultern und Brüsten, als sie aus dem Bett stieg und hinter der Gardine ans Fenster trat. Sein Wagen stand immer noch im Hof. Er lehnte mit dem Rücke zu ihr an der Fahrertür und rauchte eine Zigarette. Seine grauen Haare wirkten fast weiss in der morgendlichen Sonne. Er hätte ihr Vater sein können, aber er war definitiv in beachtlicher Form für sein Alter. Wusste seine Frau, dass er hier war? Sie war nicht dumm. Aber sie war sicher auch klug genug, um zu wissen, was sie zu verlieren hatte. Der renommierte Mediziner war wirklich eine ausserordentliche Persönlichkeit. Er hätte es doch tatsächlich fast geschafft, Patricia…

Unwillkürlich trat sie einen Schritt vom Fenster zurück, als er seine Zigarette wegschnippte und sich zu ihr umdrehte. Einen Moment lang glaubte sie auf seinem Gesicht einen traurig fragenden Zug zu erkennen. Doch schon strafften sich seine breiten Schultern, während er die Tür des Wagens öffnete. Und als der Stallmeister mit seinem Motorrad in den Hof einbog, hatte sein Gesicht auch wieder diesen hochmütig stolzen Ausdruck, der Patricia so in seinen Bann gezogen hatte, als sie ihn beim gestrigen Golftournier im Club kennengelernt hatte. Doch als er nun den Motor aufheulen liess und eine graue Staubwolke im Hof zurückliess, kam er ihr einfach nur unendlich lächerlich vor. Er mochte ein teureres Parfüm haben, aber er roch genauso widerlich wie der Stallmeister.

Eine halbe Stunde stand sie schon unter der heissen Dusche, als sie sich zum dritten Mal einseifte. Patricia seifte sich immer dreimal ein, von Kopf bis Fuss. Soweit sie sich erinnern konnte, war das immer so. An ein Davor konnte sie sich nicht erinnern. Und die Frage warum hatte sie sich nie gestattet. Sie genoss das heisse Wasser auf ihrer Haut. Es beruhigte sie und brachte das Gefühl zurück in ihren Körper. Doch an diesem Morgen wollte es nicht klappen mit der Ruhe. Zu gross war die Angst vor dem, was sie draussen erwarten würde. Seit zwei Tagen liess sie diese Angst nicht mehr los. Um sich von ihr abzulenken, hatte sie sich diesen Kerl ins Bett geholt. Dabei hätte sie es wissen müssen: Sobald sie Angst hat, hat das Pferd gewonnen.

Was wollte sie von ihr, so plötzlich, nach all den Jahren? Nervös betrachtete sie sich im Spiegel, während sie unwillig die Knoten aus ihren Haaren bürstete. Sie brauchte nicht viel, um sich das Gesicht ihrer Schwester vorzustellen. Ausser ihrer Mutter hatte niemand sie wirklich auseinanderhalten können. Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehene? Wie lange waren sie sich aus dem Weg gegangen? 10, 15 Jahre? Ihre Schwester war damals von einem Tag auf den anderen verschwunden, nachdem sie Patricia am frühen Morgen aus dem Zimmer ihres Onkels hatte schleichen sehen. Sie waren noch keine 18 gewesen. Offenbar war sie damals zu Bekannten nach London geflohen, wo sie schliesslich auch ein Studium begonnen hatte.

Mein Gott, wie sehr hatte sie sie dafür gehasst? Wie konnte sie ihr das antun? Wie konnte sie sie einfach so verlassen? Sie hatten doch nur noch einander, nachdem ihre Mutter sich im Wald erschossen hatte. Die Tante, bei der sie aufgewachsen waren, hatte sie nie geliebt. Und der Onkel, dieser fromme Pastor, hatte in seinem Hochmut und Stolz keine Gelegenheit ausgelassen, den Mädchen und der ganzen Welt zu verstehen zu geben, wie sehr sie ihr Dasein seiner Wohltätigkeit und Fürsorge verdankten. Patricia hatte ihn gehasst. Und sie hasste sich selber für das, was sie getan hatte. Wie sollte sie nur ihrer Schwester gegenübertreten? „Scheisse, ich hasse dich!“

Es war gut, dass sie nach dem überraschenden Anruf ihrer Schwester in einem spontanen Impuls die Rasierklingen weggeworfen hatte. Sie hatte geahnt, dass der emotionale Stress sie überfordern würde. Und geritzte Unterarme waren das letzte, was sie ihrer Schwester hätte erklären wollen. Doch der Druck war da und das Wasserglas klapperte bedrohlich gegen ihre Zähne, als sie neben ihrer Beruhigungstablette noch eine Schmerztablette herunterspülte. Denn als ob die quälende Angst nicht gereicht hätte, begann sich plötzlich auch ihr angebrochener Halswirbel wieder zu melden. Nur gut, dass sie zu dieser Zeit noch nichts im Magen hatte.

Ihre Schultern bebten unter dem weichen Morgenmantel, als sie schluchzend auf dem Sofa lag und mit dem alten Plüschbären ihrer Schwester im Arm darauf wartete, dass die Medikamente ihre Wirkung entfalteten. Das abgenutzte Kuscheltier war die ganzen Jahre über ihr einziger treuer Begleiter gewesen. Natürlich hatte sie früher selber auch einen identischen Bären besessen. Aber der war schon vor Jahren ihrer Verzweiflung zum Opfer gefallen.

Sie musste eingeschlafen sein, denn als sie von der einfallenden Sonne im Gesicht geweckt wurde, war es kurz nach zehn Uhr. Um elf war sie mit ihrer Schwester verabredet im Strandhaus des Reitclubs. Ihre Kopfschmerzen waren einer dumpfen Taubheit gewichen. Nachdenklich musterte sie die leblosen Glasaugen des Plüschbären. Sie mochte diese Augen. Es waren die einzigen, von denen sie sich nie verachtet fühlte. Unwillkürlich musste sie schmunzeln, als sie den treuen Freund noch einmal an sich drückte und seine tränenfeuchte Schnauze an ihrer Wange spürte.

Ihre Hände zitterten kaum mehr, als sie schliesslich die schwarzen Strümpfe über ihre Beine zog. Sie wollte zuerst einen Rock anziehen, hatte sich dann aber doch für die Reithose und ihre eleganten, schwarzen Lederstiefel entschieden. Heute brauchte sie ein vertrautes Fundament. Doch als sie im Begriff war, zu ihrem weissen Rollkragenpullover den Blazer mit dem Clubwappen aus dem Schrank zu holen, hielt sie plötzlich inne. Und nach kurzem Zögern kniete sie nieder und begann, am Grund des Kleiderschrankes in einer Schachtel alter Kleider zu graben. Sie brauchte nicht lange, um zu finden, was sie suchte, auch wenn sie das gute Stück schon seit Jahren nicht mehr in der Hand hatte.

Nachdenklich betrachtete sie den grauen Kaschmir-Cardigan, der sich zwischen ihren Händen entfaltete. Er hatte ihrer Mutter gehört. Patricia hatte ihn sich nach der Beerdigung heimlich angeeignet. Eigentlich hatte sie ja damals nach etwas anderem gesucht. Aber die exquisite, weisse Kaschmir-Strickjacke, die Lieblingsjacke ihrer Mutter, die sie noch getragen hatte an dem Nachmittag, an dem sie ihre Mädchen zum letzten Mal zum Mittagsschlaf gebettet hatte, diese Jacke war verschwunden. Patricia hatte verzweifelt das ganze Zimmer durchsucht. Aber keine Spur von dem einzigen Andenken an ihre Mutter, das sie wirklich hätte haben wollen. Sie war sich sicher gewesen, dass ihre Mutter nie in dieser Jacke in den Wald gegangen wäre. Aber natürlich hatte sie nicht gewagt, irgendjemanden danach zu fragen. Und so hatte sie schliesslich enttäuscht diesen grauen Cardigan mitgenommen. Zahlreiche Tränen hatte sie insgeheim damit getrocknet. Doch als sie gross genug war, um die Jacke auch zu tragen, hatte sie es nicht über sich gebracht. Zuerst hatte sie Angst, ihre Schwester könnte sie sehen. Und nachdem diese aus ihrem Leben verschwunden war, hatte sie alles vermieden, was sie an ihre Vergangenheit erinnerte.

Und nun war plötzlich alles wieder aufgetaucht: Die verlorene Schwester und mit ihr auch die Vergangenheit. Das Ganze machte ihr Angst, und doch, wenn sie ehrlich war… Nachdenklich betrachtete sich Patricia im Spiegel. War das wirklich sie, die da vor ihr stand und sich plötzlich in einer schwungvollen Bewegung den Cardigan um die Schultern drapierte? Der Anblick erschreckte sie. Einen Moment lang glaubte sie, ihre Mutter vor sich zu sehen. Als grosse Bewunderin von Grace Kelly hatte es diese geliebt, ihre Jacken elegant um die Schultern gelegt zu tragen, und Patricias Frisur mit dem Pferdeschwanz war von vorne kaum vom strengen Haarknoten ihrer Mutter zu unterscheiden. Im ersten Moment war Patricia versucht, sich die Jacke von den Schultern zu reissen. Doch schliesslich schlüpfte sie kurz entschlossen in die Ärmel und knöpfte die Jacke zu. Der Moment war gekommen, sich der Vergangenheit zu stellen.

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Der Schock sass tief. Aus diskreter Distanz schaute er zu, wie die junge Frau draussen auf der Terrasse mit brennender Wange die weisse Kaschmir-Strickjacke aufhob, die ihr von den Schultern geglitten war. Die Ohrfeige hatte sie ebenso unvermittelt wie heftig getroffen. Langsam richtete sie sich auf, schüttelte den Staub aus der Jacke und hielt sie ihrer Schwester hin. Doch diese hatte sich abgewandt und starrte mit verschränkten Armen hinaus aufs Meer. Ihre Lippen bebten und Tränen liefen über ihre Wangen.

Seit über dreissig Jahren bewirtete er hier die Gäste, doch Szenen wie diese gehörten nicht zum Alltag im renommierten Clubhaus am Meer. Schon gar nicht, seit er im Ruhestand war und nur noch morgens arbeitete. Doch an diesem Morgen folgte ein Schock dem anderen. Es begann damit, dass plötzlich ein Phantom vor ihm stand: Ihre Haltung, ihr Gesicht, die blonden Haare, die im Nacken in einen strengen Knoten gebunden waren, und die exquisite Strickjacke, die sie elegant um ihre aufrechten Schultern drapiert trug. Alles war genau so wie am Morgen des Tages vor fünfundzwanzig Jahren, an dem sie sich ohne Vorwarnung das Leben genommen hatte. Nur der traurige Ausdruck in den müden Augen war verschwunden. Doch kaum hatte er begriffen, dass hier nicht ein Phantom sondern dessen Tochter vor ihm stand, folgte der zweite Schock. So lange schon hatte er Patricia nur noch alleine gesehen, dass er fast vergessen hatte, dass es da irgendwo noch eine Zwillingsschwester gab.

Mein Gott, wie ähnlich Elisabeth ihrer Mutter war, dachte er sich, als er von der Terrasse aus die beiden Frauen unten am Strand beobachtete. Lissy stand draussen im Wasser und liess die Wellen um ihre Waden spielen. In der einen Hand trug sie ihre Schuhe, die andere hielt die Strickjacke um ihre Schultern fest. Ihre Schwester war in einiger Entfernung am Strand stehen geblieben, die Hände in den Taschen ihrer grauen Jacke vergraben. Als ob sie sich von ihre Mutter abgrenzen wollte, hatte Patricia ihre Haare stets offen oder in einem Pferdeschwanz getragen. Und er konnte sich nicht erinnern, sie je zuvor in einer Strickjacke gesehen zu haben. Jedenfalls sicher nicht in dieser. Das wäre ihm aufgefallen.

Als er etwas später wieder auf die Terrasse trat, schlenderten die Schwestern am Strand entlang in Richtung des Fischerhafens. Elisabeth watete immer noch im Wasser, während ihre Schwester den Pfützen und dem angeschwemmten Seetang auswich, die die Ebbe im grauen Sand zurückgelassen hatte. Die beiden schienen zu streiten. Jedenfalls sah er Patricia immer wieder leidenschaftlich gestikulieren.

Eine Viertelstunde später waren die beiden Frauen verschwunden. Der Strand schien verlassen bis auf einen dunklen Schatten, der vom Wind in Richtung der Dünen geweht wurde, wo bereits ein anderer schwarzer Nylonstrumpf in den Ästen eines Strauches flatterte. Und als er den Weg des Strumpfes zurückverfolgte, sah er auch die schwarzen Stiefel, die nahe am Ufer im Sand lagen.

Er wollte sich schon umdrehen und hineingehen, als er glaubte, weit draussen auf der Hafenmole eine einzelne Gestalt zu sehen. Vage meinte er, helle Haare zu erkennen, die im Wind wehten. Oder waren es die Ärmel einer Strickjacke?