Schatten der Vergangenheit (II)

„Ich habe so gehofft, dass du kommen würdest“, hörte sie seine Stimme, als er sie in seinem Arbeitszimmer zurückliess, um ihren Daunenmantel an die Garderobe zu hängen und in der Küche einen Tee zu kochen. Wie betäubt stand sie am Fenster und schaute auf die winterlich weisse Pracht, die ihr in der gleissenden Sonne entgegenblitzte. Immer wieder schwebten kleine Wolken von glitzernden Sternchen durch die Luft, wenn sich etwas Schnee von einem Ast löste und in der eisigen Winterluft zerstäubte. Gestern noch hatte sie mit ihr zusammen diesen Zauber bewundert, beim Spaziergang im Park der Klinik. Sie wollte es einfach nicht glauben. Wie konnte das nur passieren?

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Langsam drehte sich Elisabeth um, als das grelle Licht neue Tränen in ihre schmerzenden Augen trieb. Ihre von der Kälte geröteten Wangen glühten, während ihr Blick über die vollen Bücherregale glitt. Das war es also, das private Reich ihres ehemaligen Professors. Sie mochte diesen Geruch von alten Büchern. Und ein Hauch von Pfeifenrauch lag in der wohlig warmen Luft. Geistesabwesend überflog sie die Titel auf den Buchrücken, während sie sich an den Knöpfen ihrer Strickjacke zu schaffen machte. Aber die Finger versagten ihr den Dienst. Ihre eleganten Lederhandschuhe waren definitiv nicht gedacht für lange Aufenthalte in bissiger Kälte.

Fast drei Stunden war Elisabeth ziellos umhergeirrt, nachdem sie die Klinik verlassen hatte, zuerst in der Stadt und danach im Stadtpark. Zwischendurch hatte sie in einem Café einen heissen Tee trinken wollen. Aber die Vorstellung, inmitten dieser Bridge spielenden Damen ihre Verzweiflung herauszuweinen, liess sie schon an der Tür kehrtmachen. Die lärmige Geschäftigkeit in den Strassen und das frohe Lachen der schneeverrückten Kinder im Park drangen nur aus weiter Ferne in ihr Bewusstsein. Wie betäubt hatte sie die Enten betrachtet, die unbeirrt in den halb zugefrorenen Teichen trieben. Und irgendwann stand sie schliesslich vor dem Haus ihres ehemaligen Doktorvaters. Sie wusste nicht wirklich, wie sie hierhergekommen war, aber sie erkannte es sofort. Einmal nur war sie hier gewesen, um ihm eine Arbeit abzugeben.

Die gepflegte Atmosphäre seines Arbeitszimmers tat Elisabeth gut. Ganz allmählich kam mit der Wärme auch wieder etwas Ordnung in ihren Kopf, während sie ihre Hände über der Kerze auf dem Schreibtisch zu neuem Leben erweckte. Rund um das Manuskript eines Artikels lagen mehrere offene Bücher auf dem Tisch. Und neben dem Bildschirm des alten Computers stand ein Bild von ihr, der Frau, die ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben hatte. Eine neue Welle von Schmerz ergriff Elisabeth, als sie das Bild in dem feinen, goldenen Rahmen in die Hand nahm. Es musste über 20 Jahre alt sein. Aber die junge Frau auf dem Bild, im schwarzen Talar mit dem Doktorhut an der Seite des Professors, hatte bereits denselben selbstbewussten und entschlossenen Blick, der für die spätere Professorin so typisch war. Elisabeth war vom ersten Moment an fasziniert gewesen von dieser Frau. Und doch, wenn sie ehrlich war, hatte sie schon bald, nachdem sie die Stelle als Assistentin bei ihr angenommen hatte, begonnen, hinter der Fassade der renommierten Professorin eine andere Wahrheit zu erahnen. Aber was diese Wahrheit war, wusste sie bis heute nicht. Und das machte es ihr noch schwieriger zu verstehen.

Fassungslos war sie vor ein paar Stunden an dem Bett gestanden, auf dem man die Professorin aufgebahrt hatte. Sie sah irgendwie friedlich aus. In ihren blassen Zügen lag etwas von dieser alten Entschlossenheit. Und entschlossen musste sie auch gewesen sein. Anders wäre es so nicht möglich gewesen. Seit Tagen musste sie alle hinters Licht geführt haben, Elisabeth sowieso, aber offenbar auch ihre behandelnde Psychiaterin. Die Ärztin war sehr zufrieden gewesen mit dem Verlauf der Therapie. Noch gestern hatte sie Elisabeth gegenüber versichert, dass das Schlimmste überstanden sei. Das musste sie auch an diesem Morgen gedacht haben, als sie ihrer Patientin in ihrem Büro für einen Moment den Rücken zugekehrt hatte. Die Keramikvase zerbarst an ihrem Hinterkopf in tausend Stücke. Sie war nicht lange bewusstlos, aber als sie wieder zu sich kam, waren ihre Hände und Füsse mit Tesafilm von ihrem Schreibtisch gefesselt. Hilflos musste sie zulassen, wie ihr das eigene Höschen zwischen die Lippen gepackt und mit mehreren Windungen Tesafilm um ihren Mund fixiert wurde. Und nachdem ihr die Patientin auch noch die Jacke ihres Twinsets von der Lehne des Bürosessels genommen und fest um den Kopf gewickelt hatte, wurde sie verzweifelt in ihren Knebel stöhnend zur Sitzgruppe geschleppt und hinter dem Ledersofa am Boden liegend verstaut. Als es der Ärztin nach einer halben Stunde endlich gelungen war, auf sich aufmerksam zu machen, war die Professorin bereits tot. Sie hatte sich mit der Strumpfhose ihres Opfers an einer Vorhangstange erhängt…

„Du trägst eine wunderschöne Strickjacke“, wurde Elisabeth aus den quälenden Bildern gerissen, als der emeritierte Professor mit einer Kanne dampfendem Tee das Zimmer betrat. Verblüfft drehte sie sich um und schaute zu, wie er ihr eine Tasse einschenkte. Die Jacke hatte ihrer Mutter gehört. Sie hatte sie schon ewig nicht mehr getragen. Warum nur hatte sie sie ausgerechnet heute angezogen? Plötzlich schien sich der Raum um Elisabeth langsam zu drehen. Ihre Knie begannen nachzugeben und sie musste sich am Schreibtisch abstützen, als wie aus dem Nichts das Gesicht ihrer Mentorin vor ihrem inneren Auge auftauchte: Ihr letzter Blick beim Abschied, gestern nach dem Spaziergang im Park, der dankbare und doch so traurige Ausdruck in ihren Augen, und dieses leise und doch so entschiedene „Leb wohl, mein Kind!“, als sie Elisabeth fest in die Arme nahm.

Elisabeth würde diesen Ausdruck nie vergessen. Genauso hatte ihre Mutter geschaut, damals vor 20 Jahren, an jenem Nachmittag, an dem sie wie jeden Nachmittag Elisabeth und ihre Zwillingsschwester zum Mittagsschlaf gebettet hatte. Doch an diesem Nachmittag kam sie nicht wie gewohnt nach einer Stunde, um die Kleinen zu wecken. Und als sie auch nach zwei Stunden noch nicht gekommen war und Elisabeth zur Toilette wollte, war die Tür abgeschlossen. Weitere zwei Stunden später entdeckte der Hund eines Spaziergängers die Leiche ihrer Mutter im Wald. Sie hatte sich mit der Pistole ihres verstorbenen Gatten erschossen. Die Tante, die sich der Kinder angenommen hatte, sprach damals von Depressionen. Sie meinte auch einmal zu Elisabeth, sie hätten ja noch Glück gehabt. Andere Mütter hätten auch schon ihre Kinder mitgenommen.

Die kleine Elisabeth hatte sich damals nach der Beerdigung heimlich die Kaschmir-Strickjacke ihrer Mutter geholt und an einem geheimen Ort versteckt. Niemand hatte es bemerkt, nicht einmal ihre Zwillingsschwester. Oft war sie stundenlang weinend in ihrem Versteck gesessen, fest eingekuschelt in die weiche Hinterlassenschaft ihrer Mutter. Und dabei hatte sie immer und immer wieder das gleiche Bild vor sich gesehen, diesen letzten Moment: Ihre Mutter, die sich über sie beugt, die Kaschmir-Jacke elegant um die Schultern gelegt, der liebevolle und doch so traurige Ausdruck in ihren Augen, die sanfte Berührung ihrer Lippen auf der Stirn, und das gehauchte, kaum vernehmbare „Leb wohl, mein Kind!“

„Mein Gott, es ist meine Schuld! Ich hätte es wissen müssen!“, schrie Elisabeth verzweifelt auf, während sie sich auf die Knie sinken liess und ihr Gesicht schluchzend in den Händen vergrub. Wie konnte ihr das nur passieren! Es war alles genau so wie damals bei ihrer Mutter. Wieso hatte sie es nicht gesehen? Sie hätte es verhindern müssen. Sie allein hätte sie retten können! Plötzlich musste sie an ihre Schwester denken. Wie sehr sehnte sie sich in diesem Moment nach ihrer Umarmung, nach ein paar haltenden Armen. Doch als der Professor langsam neben sie trat und zögernd die Hand nach ihrer bebenden Schulter ausstreckte, stand sie abrupt auf und trat von ihm weg ans Fenster. Die Sonne war unterdessen hinter den Bäumen verschwunden und die glitzernde Winterpracht hatte sich in ein stummes, kaltes Grau verwandelt. Tränen strömten über Elisabeths gerötete Wangen, während sie fröstelnd die Arme vor der Brust verschränkte.

„Es ist nicht deine Schuld, Lissy! Sie hat es so gewollt. Du hättest sie nicht daran hindern können“, drang wie durch ein Nebel seine Stimme an ihr Ohr. Er war neben sie ans Fenster getreten und starrte in die Dämmerung hinaus. Eine tiefe Wehmut klang aus seiner Stimme: „Gwen hatte immer gewusst was sie wollte. Sie kam aus einfachsten Verhältnissen und hatte sich ganz alleine hochgekämpft. Eine Frau voller Temperament und Leidenschaft, die früh begriffen hat, dass sie es nur schaffen konnte, wenn sie ihre Gefühle dem Verstand unterordnete. Und ihr Verstand war brillant. Sie war die beste und talentierteste Studentin, die ich je hatte… bis du gekommen bist. Ihr seid euch in manchem sehr ähnlich, und doch so grundverschieden. Kennst du Mogambo, diesen alten Hollywood-Streifen aus den fünfziger Jahren? Gwen mit ihren dunklen Haaren hatte mich immer an Ava Gardner erinnert. Hinter ihrer perfekten Fassade brodelte ein Vulkan der Leidenschaft. Und du, Lissy, mit dir kam Grace Kelly in mein Leben. Ich hatte nie verstanden, wie Clark Gable sich für eine der beiden entscheiden konnte. Nun ja, irgendwie hatte ich mich auch entschieden: für Gwen. Und damit habe ich sie umgebracht!“

Verdutzt drehte Elisabeth den Kopf und betrachtete das Profil des Mannes, der im Licht der Dämmerung neben ihr stand. Noch nie hatte sie den alten Mann so aufrecht dastehen sehen. Sein Blick verlor sich irgendwo am Horizont im Abendrot, und plötzlich klang seine Stimme entschlossen und fest: „Damals, als ich dich mitgenommen hatte an ihre Geburtstagsfeier, warst du quasi mein Geburtstagsgeschenk an sie. Ich wollte ihr das Beste geben, was mir je geschenkt worden war. Ich bin ein alter Mann geworden, aber du bist jung, und sie war die beste Lehrerin, die ich mir für dich hätte vorstellen können. Ich fühlte mich gut dabei und habe mir insgeheim für meine Grossmütigkeit auf die Schultern geklopft. Bis zu dem Moment, wo ich das Arbeitszeugnis für Dich ausgestellt habe und nach deinem Geburtsdatum suchen musste.“

Plötzlich glaubte Elisabeth, die Gestalt neben sich schwanken zu sehen. Doch bevor sie reagieren konnte, hatte er sich am Fensterrahmen abgestützt. Glaubte sie es nur, oder hatte er tatsächlich Tränen in den Augen, als er mit einem leichten Beben in der Stimmer fortfuhr: „Du kamst genau an dem Tag zur Welt, an dem Gwen…“ einen Moment lang versagte ihm die Stimme, und plötzlich waren seine Augen geschlossen, während er nach Worten rang: „… an dem Gwen ihr Kind abgetrieben hat… unser Kind!“

Elisabeth brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie eben gehört hatte. Fassungslos starrte sie auf den alten Mann, der reglos dastand. Einen Moment lang war nur sein Atem zu hören, während vor ihrem inneren Auge das Bild der jungen Doktorin mit ihrem Professor auftauchte. „Wir waren damals an einem Kongress in Davos,“ durchbrach seine bebende Stimme die bedrückende Stille. „Es war Gwen’s erster öffentlicher Vortrag. Sie war einfach umwerfend: Jung, attraktiv und unglaublich intelligent. Mein Gott, war ich stolz auf sie. Am Abend hatten wir ihren Erfolg gefeiert, und dabei war es passiert. Wir hatten beide zu viel getrunken. Und plötzlich war sie da, die Ava Gardner in ihr, mit ihrem Feuer und ihrer wilden Leidenschaft. Wir hatten uns völlig vergessen in dieser Nacht.

Gwen hatte es sofort geahnt, und sie sollte sich nicht irren. Es waren die schlimmsten Wochen meines Lebens. Ich war schliesslich bereit, zu Gwen und dem Kind zu stehen. Aber Gwen wollte es nicht. Sie hatte sich schuldig gefühlt und wollte meine Karriere nicht zerstören. Sie hatte sich für die Abtreibung entschieden. Und ich hatte ihr nicht widersprochen. Ich hatte ihr einen Arzt besorgt und der Eingriff verlief ohne Komplikationen. Es schien letztlich alles so vernünftig und einfach. Und im ersten Moment war ich einfach nur dankbar, dass sie mir die Entscheidung abgenommen hatte. Aber in Gwen ist damals etwas gestorben. Ihr Blick war nie mehr derselbe. Sie hatte sich mit Medikamenten durch ihre Depressionen gekämpft und in der Arbeit die Flucht nach vorne ergriffen. Nach dem Doktorat haben sich unsere Wege getrennt und schon bald hatte sie sich als namhafte Kollegin etabliert. Ich war so stolz auf sie. Und ja, ich habe sie geliebt. Seit jener Nacht in Davos habe ich nie mehr mit einer Frau geschlafen.

Und dann bist eines Tages du in meinem Büro aufgetaucht. Ich sehe dich jetzt noch vor mir. Du hattest eine seidene Bluse getragen und deine lachsfarbene Strickjacke um die Schultern gelegt… genau wie Grace Kelly in Mogambo. Ich wollte damals eigentlich schon keine neuen Studenten mehr betreuen. Aber als ich Dich sah, war mir sofort klar, dass du etwas ganz besonderes bist. Und ich hatte mich nicht getäuscht. Ich bin so stolz auf dich. Und ich habe mich ehrlich gefreut, als Gwen dich gefragt hat, ihre Assistentin zu werden.“

Wieder hielt er einen Moment inne, den Blick starr in die Ferne gerichtet. Draussen war es unterdessen schon halb dunkel, als er sich langsam zu ihr umdrehte: „Verstehst du denn nicht, Lissy: Es war ein vergiftetes Geschenk. Ich habe Gwen damit endgültig umgebracht!“ Nein, Elisabeth  verstand nicht. Fassungslos starrte sie in sein schmerzverzerrtes Gesicht, das im schwachen Licht der Schreibtischlampe um Jahre gealtert schien. Nie wird sie den verzweifelten Ausdruck seiner Augen hinter den Gläsern der Brille vergessen, als er sichtbar nach Worten rang: „Du warst kein Geschenk aus Liebe. Ich hatte versucht, mir das einzureden, aber ich habe mich selber belogen. In Tat und Wahrheit warst du die lang ersehnte Gelegenheit, mich von meinen Schuldgefühlen loszukaufen. Seit jenem Tag, dem gleichen Tag, an dem du geboren wurdest, gab es keinen einzigen Morgen, an dem ich nicht mit diesem quälenden Schmerz aufgewacht bin. Endlich nach 25 Jahren glaubte ich, Gwen die Tochter schenken zu können, die ich ihr damals genommen hatte… die ich uns beiden genommen hatte. Mein Gott, wie konnte ich nur so naiv sein!“

Elisabeth wurde plötzlich schwindlig. Ihre Linke klammerte sich an die Lehne eines Sessels, während sie die rechte Hand fest über ihren Mund presste. Einen Moment lang glaubte sie, ihr Magen würde rebellieren. Und langsam begann sich in die quälende Mischung aus Verzweiflung und Ohnmacht ein Gefühl der Wut zu mischen, während sie mit geschlossenen Augen versuchte, zu erfassen, was sie eben gehört hatte. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie plötzlich seine Hände an ihren Schultern spürte. „Lissy, bitte glaub mir, ich habe das alles nicht gewollt“, hörte sie seine flehende Stimme, und als sie ihre Augen öffnete schaute sie direkt in sein Gesicht. Wie in Trance nahm sie wahr, wie sich seine Lippen bewegten: „Ich hätte dich nie da hineinziehen dürfen. Aber ich konnte doch nicht ahnen… Ich wollte doch nur… Bitte verzeih mir, Lissy, bitte! Gwen war nicht deine Mutter! Hörst du? Du hast dir nichts…“

Es klang wie ein Peitschenhieb, als ihre Hand seine Wange traf und seine Brille durch den Raum fliegen liess. Von der Wucht des Schlages in die Knie gezwungen, starrte der alte Professor fassungslos zu ihr hoch. Ihre Lippen bebten vor Wut während ihre Hand zum nächsten Schlag bereit in der Luft innehielt. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Eine unheimlich Stille hatte sich über den Raum gelegt, und das einzige, was sich noch bewegte, waren die Tränen, die über Elisabeths Wangen strömten. Dann liess sie langsam ihren Arm sinken, und plötzlich hatte die Verzweiflung in ihrem Gesicht einer tiefen Verachtung Platz gemacht: „Mein Gott, was für ein armes Schwein du bist!“

Wortlos ging sie an ihm vorbei zur Tür, wo sie sich noch einmal umdrehte: „Ich weiss, dass Gwendolyn nicht meine Mutter war. Aber sie war gut zu mir. Und ich habe sie leiden sehen. Wie hätte ich wissen sollen, dass es meinetwegen war. Verdammt noch mal, ich habe sie einfach nur gern gehabt. Kannst du das verstehen? Ich habe sie geliebt!“ Es hallte im ganzen Haus, als Elisabeth die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich zuknallte. Irgendwo aus weiter Ferne hörte sie noch ihren Namen rufen, als sie ihren Schal und Mantel von der Garderobe nahm und hinaus in die kalte Nacht trat.

——–

Ihre Hand in dem schwarzen Lederhandschuh zitterte, als sie die kleine Schaufel umdrehte und die gefrorenen Erdbrocken auf den Deckel des Sarges herunterfallen liess. Wortlos, ohne jemanden zu grüssen, drehte sie sich um und bahnte sich den Weg durch die schweigende Trauergemeinde. Sie hatte sich den Schal um das Gesicht gewickelt und die Kapuze ihres Daunenmantel tief in die Stirn gezogen. Trocken knirschte der Schnee unter ihren eleganten Stiefeln, als sie den Gräbern entlang über die Wiese zum Fahrweg ging.

„Elisabeth?“ hörte sie plötzlich ihren Namen. Sie hatte die dunkle Gestalt nicht beachtet, die am Wegrand auf sie zu warten schien. Die Frau trug wie sie einen langen, schwarzen Daunenmantel und ihr Gesicht war im Schatten der pelzbesetzten Kapuze verborgen. Erst als sie die Kapuze zurückschob, erkannte Elisabeth die Ärztin aus der Klinik. „Ich habe gehofft, dass ich sie hier treffen werde. Gwendolyn hatte mich gebeten, ihnen das zu übergeben.“ Ungläubig starrte Elisabeth auf das sorgfältig in Packpapier eingewickelte Bündel, das ihr die Frau entgegenstreckte. „Es ist ihre Kaschmir-Jacke, die sie ihr damals in die Klinik gebracht hatten“. Elisabeth schüttelte nur verständnislos den Kopf, während der Ärztin die Tränen über die Wangen liefen. „Es tut mir so leid. Ich weiss nicht, wie das hat passieren können. Aber Gwendolyn wusste, was sie tat. Sie hatte mir einen kurzen Brief in die Handtasche gesteckt. Ich fand ihn, nachdem mich meine Sekretärin befreit hatte.“

Elisabeth konnte es nicht fassen. Sie hatte Gwendolyn immer beneidet um dieses edle Stück. Und ja, damals in der Nacht, nachdem Gwendolyn ihren Nervenzusammenbruch hatte und Elisabeth plötzlich ganz alleine in dem grossen Landhaus zurückgeblieben war, da war sie weinend vor dem brennenden Kamin gesessen, fest eingewickelt in die weiche Kaschmirjacke ihrer Mentorin, so wie früher als Kind in die Jacke ihrer Mutter. Doch als sie nun ihre Arme ausstreckte, um das Paket entgegenzunehmen, hielt sie plötzlich inne. „Danke, das ist sehr freundlich von ihnen!“, hörte sie sich zu der Frau sagen, während sie ihre Arme wieder sinken liess, „aber keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“ Langsam glitten ihre behandschuhten Hände in die Taschen ihres Mantels, bevor sie sich umdrehte und unter dem ratlosen Blick der Ärztin aufrecht davonschritt.

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Ava Gardner und Grace Kelly in Mogambo (1953)
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Schatten der Vergangenheit (I)

Er lag neben dem Ehebett unter dem Nachttischchen. Sie hatte ihn zufällig gefunden, als sie von der Reise zurückkam. Beim Auspacken des Koffers waren ihre Handschuhe zu Boden gefallen, und als sie sie aufheben wollte, funkelte die weisse Perle im Licht der winterlichen Sonne, die flach durch die Gardinen ins Zimmer schien. Sie hatte den Ohrring sofort erkannt. Schliesslich hatte sie ihn damals selber für sie ausgesucht.

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Gwendolyn konnte es nicht fassen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Ihre Hände zitterten, als sie sich in ihrem Arbeitszimmer einen Whisky einschenkte und versuchte, aus der kleinen Pipette zwei Tropfen Wasser hinzuzufügen. Noch vor wenigen Wochen hätte sie es sich nie erlaubt, alleine zu trinken, und schon gar nicht mitten am Nachmittag. Ausdruckslos stand sie an der Glastür zum Garten und schaute hinaus auf den tief verschneiten Park. Die Sonne war unterdessen verschwunden und dunkle Wolken kündeten neuen Schnee an. Ihr war kalt. Und nicht einmal ihre dicke Kaschmir-Jacke, ihr liebstes Stück, das sie bis oben zugeknöpft hatte, vermochte ihr in diesem Moment noch wärmenden Trost zu spenden. Was war nur los mit ihr?

Die Konferenz in Berlin war eine einzige Katastrophe. Sie war bekannt als kompetente und brillante Rednerin, aber noch nie hatte sie sich bei einem Vortrag so unsicher und blockiert gefühlt. „Welcome to the Club“, hatte ihr ein etwas angetrunkener amerikanischer Professorenkollege beim anschliessenden Dinner spöttisch ins Ohr gehaucht. Sie gehöre jetzt definitiv auch zum Kreis der unbestrittenen Koryphäen, die es sich leisten können, immer nur die alten Sachen zu wiederholen. Gwendolyn wusste nicht, was sie an diesem Abend mehr verletzt hatte, diese Bemerkung oder seine Hand, die sich unter dem Tisch zwischen ihre Beine verlor.

Die schneebedeckten Büsche im Garten schienen plötzlich zu verschwimmen. Erschöpft lehnte sich Gwendolyn gegen den Türrahmen, während sie in einem Schluck das Glas leerte. Verzweifelt versuchte sie, das Bild der harmonisch verschneiten Landschaft wiederherzustellen, aber die dunklen Äste der Bäume schienen ihr wie höhnisch grabschende Arme aus der weissen Pracht entgegenzukommen. Von allen Seiten her begann sich die perfekte Welt aufzulösen, die sie sich so mühsam erkämpft hatte. Tausend dunkle Schatten schienen plötzlich hinter der strahlend weissen Fassade ihres Daseins hervorzutreten. Und langsam – auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte und sich mit aller Macht dagegen sträubte – begann sie zu ahnen, dass es letztlich nur ein einziger Schatten war. Jahrelang hatte sie sich erfolgreich eingeredet, dass es diesen Schatten gar nicht gäbe. Dass es damals das einzig Richtige war und dass es jede andere an ihrer Stelle auch getan hätte. Mit dem Licht ihres Verstandes hatte sie es geschafft, diesen Schatten auszulöschen, bis zu dem Tag, ihrem 50. Geburtstag, an dem plötzlich sie in ihr Leben trat.

Sie war die persönliche Assistentin von Gwendolyns ehemaligem Doktorvater. So jedenfalls wurde sie den geladenen Gästen der Geburtstagsfeier vorgestellt. Die junge Frau sah hinreissend aus in ihrem dunklen Abendkleid und der weissen Pelzjacke, die sie um ihre Schultern gelegt trug. Gwendolyn lief ein Schauer über den Rücken und einen Moment lang glaubte sie, ohnmächtig zu werden, als sie zum ersten Mal vor ihr stand und ihre kräftige Hand in dem eleganten schwarzen Opernhandschuh schüttelte. Die aufrechte Haltung, die schön geschnittenen Züge ihres Gesichts, der klare, ruhige Ausdruck ihrer Augen und die warme und doch selbstbewusste Stimme: Alles war genau so wie in dem Traum, der Gwendolyn seit einiger Zeit immer wieder mal schweissgebadet aus dem Schlaf riss.

Gwendolyn hatte diese Frau noch nie gesehen. Und doch kam sie ihr so vertraut vor, als ob sie immer schon da gewesen wäre. Die Begegnung hatte ihr keine Ruhe gelassen. Und nachdem sie mehrere Nächte kaum mehr geschlafen hatte, hatte sie sich die Telefonnummer geben lassen und die junge Frau in der Stadt zum Essen eingeladen. Diese hatte sofort zugesagt und war pünktlich am Empfang des Women’s Club erschienen, in einer diskreten, grauen Hose und einem lachsfarbenen Twinset, dessen Jacke sie sich elegant um die Schultern gelegt hatte. Eine Mischung aus Bewunderung und Schmerz erfüllte Gwendolyn, als sie von der Bedienung zum reservierten Tisch geführt wurden. Die selbstbewusste Natürlichkeit und unaufdringliche Eleganz ihres Gastes erinnerte sie an ihre eigene Jugend, die Zeit bevor…

Tränen drängten in ihre Augen, als sie sich ein zweites Glas Whisky einschenkte. Das Wasser nahm sie diesmal direkt aus der Kanne, wobei sie einen Teil davon über ihre Hose schüttete. Entnervt liess sie sich in ihren Sessel fallen und schloss die Augen. Wie konnte sie ihr das nur antun? Nach allem, was sie für sie getan hatte! Die wissenschaftliche Karriere der jungen Frau hätte bei ihrem alten Doktorvater keine Zukunft gehabt. Die Zeit des Alten war vorbei und die Junge musste es geahnt haben, denn sie hatte Gwendolyns Angebot, ihre wissenschaftliche Assistentin zu werden, ohne Zögern angenommen.

Natürlich hatte Gwendolyn ihren Sieg genossen. Sie kannte die Eitelkeit ihres ehemaligen Mentors. Oh ja, und wie. Fast acht Jahre hatte sie damals für ihn gearbeitet. Sie wusste, wozu er fähig war, im Besten wie im Schlechtesten. Er hatte sie gefördert, keine Frage. Sie wäre nie da, wo sie heute war, wenn er nicht gewesen wäre. Doch längst war sie aus seinem Schatten getreten und selber zu einer unbestrittenen Referenz auf ihrem Gebiet geworden. Mit der Zeit war es ihr auch gelungen, ihn aus ihrem Leben zu verdrängen, und mit ihm diesen anderen Schatten, den er über ihr Leben geworfen hat. Seinetwegen hatte sie es damals getan. Auch seinetwegen.

„Dieses dreckige Miststück!“ schluchzte Gwendolyn verzweifelt, bevor sie das Glas in einem Zug leerte und sich etwas schwerfällig aus dem Sessel erhob. Diesmal war kein Wasser mehr im Whisky, als sie mit randvollem Glas wieder zur Glastür wankte. „Du hattest kein Recht dazu! Hörst du? Nicht du!“ schrie sie durch die geschlossene Tür zu einem unsichtbaren Phantom, als sie plötzlich in der Scheibe in ihre eigenen tränenunterlaufenen Augen starrte. Angewidert wandte sie sich ab und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, wobei ein guter Teil an ihren Lippen vorbei auf ihre Kaschmir-Jacke tropfte. Nein, er hatte kein Recht auf dieses Mädchen, nicht auf sie!

Gwendolyn war damals wie vom Blitz getroffen, als sie den Lebenslauf ihrer neuen Assistentin studiert hatte. Fassungslos hatte sie auf das Geburtsdatum geschaut. Wie oft hatte sie versucht, dieses Datum aus ihrem Leben zu streichen. Und da war es wieder, schwarz auf weiss, neben dem strahlenden Bild einer jungen, vielversprechenden Wissenschaftlerin. Gwendolyn hatte es damals gerade noch ins Bad geschafft, bevor sich ihr Magen zu drehen begann. Und als sie zurück in ihr Arbeitszimmer kam, hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben alleine ein Glas Whisky getrunken.

Natürlich war ihr klar, dass es gar nicht sein konnte. Sie war damals erst in der zwölften Woche gewesen. Und doch hatte es sie nicht mehr losgelassen. Es waren einfach zu viele Zufälle, um an Zufall zu glauben: Das Datum des Eingriffs, die Frau in ihren Träumen, dieses überwältigende Gefühl spontaner Vertrautheit von der ersten Begegnung an und die nahezu perfekte Inkarnation des Traumes einer Tochter, die sie sich immer gewünscht hätte. Doch all das wäre noch gegangen, wenn sie nicht ausgerechnet mit ihm in ihr Leben getreten wäre.

Plötzlich war alles wieder da: Diese eine Nacht bei der Konferenz in Davos, damals vor 25 Jahren. Sie hatten ihren ersten grossen Vortrag gefeiert. Er war so stolz auf sie gewesen. Und sie so unendlich dankbar. Sie hatten beide zu viel getrunken. Als sie am Morgen in seinem Bett aufgewacht war, wusste sie, dass sie den Fehler ihres Lebens begangen hatte. Er hatte sich sofort entschuldigt. Später hat er seine Beziehungen spielen lassen und auch alles bezahlt. Eigentlich ging es ganz einfach und reibungslos. Gwendolyn hatte damals zwar während Wochen geweint. Aber natürlich war ihr klar, dass es das einzig Vernünftige war. Und mit den entsprechenden Medikamenten war es auch gelungen, ihre Depression so zu kontrollieren, dass ihre wissenschaftliche Karriere nicht beeinträchtigt wurde.

„Sie gehört mir, hörst du, mir allein!“ schrie Gwendolyn hysterisch, als sie das leere Whiskyglas an die Wand schleuderte, wo ihr Doktordiplom in einem goldenen Rahmen hing. Wie sehr hatte sie sich all die Jahre nach einer Tochter gesehnt. Aber mit ihrem Mann hatte es einfach nicht klappen wollen. Irgendwann hatte sie es in ihrer Verzweiflung mit einem ihrer Doktoranden versucht. Dann folgte eine Affäre mit einem deutschen Professorenkollegen, mit dem sie an verschiedenen Kongressen das Hotelbett teilte. Und schliesslich war da noch der Pastor, der sie nach dem Tod ihrer Mutter bei der Trauerarbeit begleitet hatte. Keiner der Männer wusste, dass sie die Pille nicht nahm. Einmal war sie auch tatsächlich schwanger geworden, verlor das Kind aber nach wenigen Wochen.

Niemand, nicht einmal ihr Mann, hatte je etwas von diesem verzweifelten Ringen mitbekommen. Gwendolyn hatte nie mit jemanden darüber gesprochen. Warum auch? Das Ganze war ihre Sache. Eine Bagatelle. Eine dumme Jugendsünde. Mehr nicht. Sie wusste ja selber nicht, warum sie das Ganze so beschäftigte. Sie war doch sonst ein vernünftiges Wesen. Schon immer gewesen. Mutters Liebling und Papis Stolz. Immer fleissig und brav. Zur Freude ihrer Lehrer. Nicht so wie ihre jüngere Schwester, die es schon mit 14 getrieben hat, mit 15 Drogen nahm und mit 16 zum ersten Mal wegen Bulimie in die Klinik musste. Nein, Gwendolyn war perfekt: Vorzeigetochter, Musterschülerin, Vorzeigedoktorandin, Vorzeigeprofessorin in einer Männerdomäne, vorbildliche Ehefrau, treue Kirchgängerin und Präsidentin mehrerer wohltätiger Vereine. Sie hatte nicht viele Freunde. Aber man arbeitete gerne mit ihr und für sie. Sie stand für Zuverlässigkeit, Diskretion und gesunden Menschenverstand.

Gwendolyn wäre beinahe über den Rand des Teppichs gestolpert, als sie mit der Whisky-Flasche in der Hand hinüber zum Schreibtisch torkelte. „Wie konntest du mir das antun!“, lallte sie mit tränenerstickter Stimme zum Bild ihres Gatten, das neben der Vase mit frischen Rosen stand, die er ihr wie immer für die Rückkehr von einer Reise besorgt hatte. Ihre Hand zitterte, als sie nach dem Ohrring griff, den sie neben das Bild gelegt hatte. Sie hatte ihn ihr zu Weihnachten geschenkt. Was hatte sie nur getan? Womit hatte sie das verdient? Wie konnte man ihre Liebe nur so verraten? Ohne abzusetzen schüttete Gwendolyn den Rest der Flasche in sich hinein, bevor sie diese zusammen mit dem Ohrring in den Papierkorb warf. Und nachdem auch das Bild ihres Gatten und die frischen Rosen samt Vase das selbe Schicksal ereilt hatten, wankte sie benommen zurück zur Glastür.

Der tief verschneite Garten und die still herunterschwebenden Schneeflocken hatten plötzlich eine magische Anziehungskraft auf Gwendolyn. Und während ihr Blick ausdruckslos auf die Gruppe schwarzer Krähen starrte, die sich auf den dunklen Ästen der Bäume niedergelassen hatten und stumm zu ihr herüberschauten, begannen ihre Finger nach und nach die Knöpfe ihrer Strickjacke zu öffnen. Plötzlich schien das Zittern einer ruhigen Entschlossenheit gewichen zu sein, als Gwendolyn die Jacke sorgfältig über die Lehne eines Sessels hängte. Langsam schlüpfte sie aus ihren Schuhen, zog ihre Hose und den Pullover aus und öffnete den Verschluss ihres Büstenhalters. Einen Moment lang betrachtete sie traurig ihr nacktes Spiegelbild in der Glastür, nachdem sie auch noch ihre Strumpfhose und das Miederhöschen zu ihren Kleidern gelegt hatte. Ihr Körper schien vor Hitze zu glühen, als sich ihre Hand langsam nach dem Türgriff ausstreckte.

Ein seltsames Glücksgefühl durchströmte sie, als ihr eine Welle aus eisiger Luft und Schneeflocken entgegenkam. Langsam trat sie über die Schwelle und liess ihren Fuss in die jungfräulich weisse Schneedecke eintauchen. Wie in Trance lief sie über den Sitzplatz und durch die Rosenbeete bis in die Mitte der weiten Rasenfläche, wo sie einen Moment lang stehen blieb und die Krähen auf den dunklen Ästen betrachtete. Dann liess sie sich der Länge nach in den weissen Teppich fallen. Der Schnee brannte auf ihrer Haut. Aber das konnte Gwendolyn nichts mehr anhaben. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde. Dann lösen sich auch die letzten Schatte auf und sie hat endlich Ruhe…

———

Es begann schon zu dämmern, als Gwendolyns Assistentin aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Sie hatte den Mann ihrer Chefin in die Notaufnahme gefahren, nachdem dieser beim Aufstehen nach der Siesta einen Hexenschuss erlitten hatte. Schmerzverkrümmt war er neben dem Bett auf dem Boden gelegen, als sie auf seine Hilferufe hin herbeigeeilt war. Es war ein ziemlicher Kampf, bis sie ihn wieder auf dem Bett hatte. Und irgendwie musste sie dabei einen ihrer Ohrringe verloren haben.

Als sie jedoch sah, dass die Hausherrin unterdessen von ihrer Reise zurückgekommen war, klopfte sie erst einmal an deren Tür. Als sie auch beim zweiten Klopfen keine Antwort bekam, trat sie ein, um wie gewohnt die Post auf den Schreibtisch zu legen. Dabei kam ihr eine Woge eisiger Luft entgegen. Die Glastür zum Garten stand weit offen und erst glaubte sie, es sei eingebrochen worden, nachdem sie auch die Glasscherben am Fuss der Wand entdeckt hatte. Doch dann sah sie auf dem Sessel neben der offenen Tür die sorgfältig abgelegten Kleider ihrer Chefin. Verwirrt wanderte ihr Blick von den eleganten Schuhen auf dem Teppich durch die offene Tür zur Fussspur im Schnee und dieser entlang bis zu einem Schatten inmitten der weissen Rasenfläche.

„Um Himmels Willen, Gwendolyn!“ schrie sie entsetzt, während sie die dicke Strickjacke vom Stuhl zerrte und sich hinaus ins Schneegestöber stürzte. Fassungslos starrte sie auf die nackte Gestalt, die reglos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken im Schnee lag. Lange konnte sie noch nicht daliegen. Die Fussspuren waren noch frisch. Aber die Lippen waren bereits blau angelaufen und der Körper war nass von geschmolzenen Schneeflocken. Kurzentschlossen packte die junge Frau die Arme ihrer Chefin, zog ihren Oberkörper aus dem Schnee und wickelte ihr die warme Kaschmir-Jacke fest um die nackten Schultern. Erleichtert sah sie, wie Gwendolyn langsam ihre Augen öffnete, während sie ihr mit der Hand sanft den Schnee aus dem Gesicht und den Haaren strich. Der Geruch von Alkohol in ihrem Atem überraschte sie nicht wirklich. Aber nie wird sie den flehenden Ausdruck dieser Augen vergessen, während sich die zitternden Lippen leise zu regen begannen. „Bitte verzeih mir, mein Kind!“ hörte sie ein kaum vernehmliches Stammeln, während sie der sichtlich verwirrten Frau auf die schwankenden Beine half und sie langsam zum Haus zurück führte.

„Verzeih mir!“

Im Strudel der Ohnmacht (VII, 2017)

The good must die young
That’s why I’m getting so old

Sie war noch nicht einmal ganz 17, und doch fühlte sie sich alt. Unendlich alt und einfach nur beschissen. Auch die halbe Stunde unter der heissen Dusche hatte nichts daran geändert. Ein neues Jahr hatte begonnen, aber sie war einmal mehr im gleichen Alptraum aufgewacht. Ihr Magen war leergekotzt, ihr Kopf tat weh, ihr Körper auch, und ihr Unterleib schmerzte. Sie wusste beim besten Willen nicht warum.

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Zitternd vor Erschöpfung sass Thérèse am Boden, mit angezogenen Beinen, den Rücken gegen das Bett gelehnt, fest eingehüllt in eine lange, wollene Strickjacke. Von ihren blassen Wangen tropften Tränen auf ihre Brust, wo sie sich in dem dunklen Fleck verloren, den ihre nassen Haare auf dem T-Shirt hinterlassen hatten. Sie hätte nicht sagen können, wann und wie sie nach dieser Silvesternacht  nach Hause gekommen war. Sie war mit einer Freundin an einer Party. Vage konnte sie sich an den Jahreswechsel erinnern: Laute Musik, kreischende Frauen, geile Männer, quälendes Licht, Zigaretten, der Geruch von Cannabis, Champagner, Pillen, Drinks, Drinks, Drinks… und dann Filmriss.

Standing on the bridge
Feeling like falling

Wie oft hatte sie sich schon gefragt, wie es wohl wäre, sich einfach fallen zu lassen.

Das erste Mal war sie gerade mal acht Jahre alt gewesen. Ihre Mutter war damals in der Reha, nachdem ihr eine Brust entfernt werden musste. Thérèse hatte selbstverständlich begonnen, ihren Platz einzunehmen, die Wäsche zu machen, für ihren Vater und ihren Bruder zu kochen. Es war eine schwere Zeit für alle, vor allem für ihren Vater. Nachdem er nach der Geburt von Thérèse endlich wieder eine Arbeit gefunden hatte, war er nach fünf Jahren erneut von der Depression eingeholt worden. Und als er bei der Bankenkrise seinen Job verlor und schliesslich auch noch zu trinken begann, hatte ihn ihre Mutter aus dem Schlafzimmer verbannt. Wie oft wurde Thérèse damals mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, wenn er wieder einmal in wütender Verzweiflung an Mutters Zimmertür polterte.

Doch bei Thérèse hatte er nicht poltern müssen. Die Glocken von Sainte Marie de la Miséricorde hatten gerade zwei Uhr geschlagen, als er eines Nachts plötzlich neben ihrem Bett stand. Seine Haut schimmerte blass im kalten Schein des Mondes, der durch die Vorhänge drang. Lange stand er da ohne sich zu bewegen. Dann, ohne ein Wort zu sagen, war er unter ihre Decke geglitten. Thérèse hatte ihm Platz gemacht. Wie gelähmt war sie da gelegen, ausgestreckt an der Wand und wagte kaum zu atmen. Die Kälte, die langsam von der Mauer durch ihr schweissnasses Nachthemd drang, spürte sie nicht. Es war, wie wenn die Zeit stillgestanden wäre. Quälende Ewigkeit. Er hatte sie nicht berührt. Aber sie konnte seinen Atem spüren neben ihrem Gesicht. Sie roch den Alkohol, den säuerlichen Geruch seines Körpers. Und sie hörte sein Schluchzen. Dann schien er plötzlich eingeschlafen zu sein. Und dann war er weg.

They come to put me down
They come to put me down, down, down
.

Sie hätte nur springen müssen, damals auf der Brücke, als der TGV heranbrauste. Dann wären die Gesichter endlich verschwunden: Das ängstlich flehende Gesicht ihres Vaters. Der immer schon boshaft verächtliche Blick ihres Bruders, der plötzlich um eine spöttische Note bereichert schien. Vor allem aber das vom Leiden gezeichnete Gesicht ihrer Mutter, in deren Zügen sie unablässig nach Hinweisen auf die Enthüllung ihres schrecklichen Geheimnisses suchte. Sie hatte panische Angst, ihre Mutter könnte es erfahren.

Und dabei hatte sie sich so danach gesehnt, es ihr sagen zu können, sich in ihren Rockschoss verkriechen zu können und sich von einer ihrer weichen Strickjacken einhüllen zu lassen. So wie damals, als sie noch klein war. Thérèse hatte ihre Mutter geliebt, ihre Herzlichkeit, ihre Lebensfreude und ihre Stärke. Ihre Weise, die Strickjacken offen zu tragen, war eine permanente Einladung, an ihrer Brust Schutz und Geborgenheit zu suchen. Und wie unglaublich schön hatte sie ausgesehen, wenn sie aufrecht dastand, der Blick versonnen in die Ferne schweifend, die Jacke ihres Kaschmir-Twinsets elegant um die Schultern drapiert, so wie damals am Grab ihres Grossvaters auf dem amerikanischen Soldatenfriedhofs, als ihre prächtigen langen Haare im Wind mit den losen Ärmeln ihrer Jacke um die Wette tanzten. Doch ganz allmählich war das Strahlen in den Augen der Mutter erloschen. Immer öfter waren ihre Haare in einem strengen Knoten gebändigt. Und plötzlich eines Tages war die Strickjacke zugeknöpft. Es war die Zeit, wo auch ihr Vater von Tag zu Tag trauriger und abwesender geworden war. Hilflos musste Thérèse mitansehen, wie sich ihre Eltern veränderten und wie beide ihr langsam aber sicher entglitten. Warum? Was hatte sie nur getan? Tausendmal hatte sie sich diese Frage gestellt, erst recht, als bei ihrer Mutter auch noch Brustkrebs festgestellt wurde.

Thérèse wäre damals wohl tatsächlich gesprungen, wenn da nicht plötzlich dieses andere Gesicht gewesen wäre. Sie hätte nicht sagen können, woher es gekommen war. Eigentlich war es auch nur ein Paar Augen, klare, strahlende Augen, die wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht waren und sie angeschaut hatten. Und in diesem Blick schienen sich für einen kurzen Augenblick alle Angst und Schuldgefühle aufzulösen.

Saint Teresa, have mercy on my soul

Die Erinnerung an diesen Blick verfehlte auch an diesem Neujahrsmorgen nicht ihre Wirkung. Langsam erhob sich Thérèse vom Boden, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, schlüpfte in ihre Strickjacke und setzte sich mit ihrer Gitarre aufs Bett. Es war dasselbe Bett wie damals. Nur stand es jetzt auf der anderen Seite. An der Wand gegenüber hing seit ein paar Wochen ein Bild der Sängerin Beth Hart. Nachdenklich betrachtete Thérèse dieses vom Leben gezeichnete und doch so leidenschaftliche Portrait, während ihre Finger begannen, an den Saiten nach der Melodie zu tasten, die sie schon seit dem Aufwachen begleitet hatte. Irgendetwas hatte sie vom ersten Moment an fasziniert an dieser Frau. Eine unglaubliche Kraft schien von ihr auszugehen. Sie meinte zuerst, es sei der Blick. Aber Beths Augen waren anders. Bei aller Leidenschaft war darin auch etwas Fragiles, Gebrochenes. Nein, es war nicht dieser Blick. Aber es war etwas, das sie mit diesem Blick in Kontakt brachte.

Saint Theresa, could I kiss your skin?
Come a little closer
To this hell I’m living in

Sie sass buchstäblich in der Hölle, als ihr dieser Blick zum zweiten Mal begegnet war.

Sie waren damals bei Freunden auf dem Bauernhof zu Besuch. Thérèse musste etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Die Eltern sassen nach dem Essen in der Sonne vor dem Haus, während sie und ihr Bruder mit den anderen Kindern Räuber und Gendarmen spielten. Eigentlich war Thérèse eine Einzelgängerin. Aber dieses Spiel hatte einen seltsamen Reiz für sie. Als einziges Mädchen war sie das bevorzugte Opfer, und auch wenn sie sich nach Kräften zu wehren schien, faszinierte sie insgeheim das Gefühl, überwältigt und gefangen zu werden.

So auch an diesem Tag. Mit den Händen hinter dem Rücken stehend an einen Pfosten gefesselt, schaute sie neugierig zu, wie die Jungs fieberhaft nach einer Lösung ihres Problems suchten. Thérèse hatte mit ihnen gewettet, dass sie es nicht schaffen würden, sie so zu knebeln, dass die Eltern vor dem Haus ihre Schreie nicht mehr hören konnten. Doch als diese wenig später die Kinder zur Nachspeise riefen, war das Problem gelöst. Nachdem man Thérèse ihren langen Wollschal verknotet zwischen die Lippen gestopft und mehrfach straff um den Mund gebunden hatte, war ausserhalb des Geräteschuppens beim besten Willen nichts mehr von ihr zu hören. Thérèse hatte die seltsame Erregung genossen, als die Jungs sie schliesslich unter höhnischem Spott hilflos im Schuppen zurückgelassen hatten.

Doch dann war plötzlich ihr Bruder aufgetaucht. Wortlos hatte er einen Strick genommen und auch ihre Füsse an den Pfosten gebunden. Dann stand er vor ihr und starrte ihr in die Augen. Und auf einmal war seine Hand zwischen ihren Beinen. Fassungslos nahm sie wahr, wie seine Finger unter ihr Höschen glitten, während ihr ganzer Körper erstarrte. Irgendwann spürte sie nichts mehr ausser seinem Atem, der nach heissen Himbeeren und Vanilleeis roch. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und Tränen rannen über ihre Wangen in die Wolle des Knebels, der in diesem Moment völlig überflüssig war.

Als schliesslich ihre Mutter besorgt nach ihr zu suchen begann, war ihr Bruder schon längst verschwunden. Thérèse hatte tapfer gelächelt, als sie nach dem Grund ihrer verweinten Augen gefragt wurde. Erst als sie im hintersten Winkel des dunklen Sandsteinkellers auf dem feuchtkalten Boden sass, alleine, im Dunkeln, zitternd, die Knie gegen die Brust gepresst, brach die ganze Verzweiflung aus ihr heraus. Wie konnte er ihr das antun? Was hatte sie nur getan? Dabei war das Schlimmste nicht einmal das, was ihr Bruder getan hatte, sondern was er gesagt hatte: Sie wolle doch sicher nicht, dass ihre Mutter erfahre, was ihr Vater damals nackt in ihrem Zimmer gemacht habe. Und sie hätte ihm dieses kleine Vergnügen geschuldet, nachdem ihn sein Vater damals halb totgeschlagen habe, als er ihm frühmorgens zufällig beim Gang zur Toilette über den Weg gelaufen war. Und überhaupt, sie solle sich nicht so anstellen. Das sei es doch, was sie gewollt habe, als sie nach dem Knebel fragte.

Ihr Bruder hatte nur an ihrem Ohr geflüstert, aber seine Worte hallten wie ein nicht enden wollendes Echo in ihrem Kopf, während sie von einem wilden Strudel aus Ekel, Angst, Schuldgefühlen, Scham, Ohnmacht und Schmerz unaufhaltsam in einen finsteren Abgrund gezogen wurde. Am Grund dieses Strudels war nur noch Leere gewesen, nacktes, kaltes Nichts, stumme Finsternis, einzig durchbrochen vom leisen Krabbeln einer Maus zu ihren Füssen. Oder war es eine Ratte? Egal. Und plötzlich, mitten aus dieser Finsternis heraus, waren sie wieder aufgetaucht, diese Augen.

I was never good at confession
Never really that good at anything at all

Thérèse schüttelte ungeduldig den Kopf, während ihre Finger hilflos an den Saiten der Gitarre zupften. Sie bekam sie nicht hin, diese Melodie. Dabei lag es nicht an ihren dunklen Erinnerungen. Sie war selber erstaunt, wie frei sie seit einiger Zeit damit umgehen konnte. Kurz vor Weihnachten hatte sie sogar ihrer besten Freundin davon erzählt. Diese war natürlich empört: Sie könne sich ihren Hass auf diesen Bruder vorstellen. Sie müsse ihn unbedingt zur Rechenschaft ziehen. Aber das konnte Thérèse nicht. Nicht mehr, seit die Erinnerung an diese Augen in ihr wieder lebendig geworden war, damals vor ein paar Wochen, während einer ihrer schlaflosen Nächte, als sie zum ersten Mal auf YouTube Beth Hart hatte singen hören. Beth hatte von Mutter Teresa gesprochen und von bedingungsloser Liebe: Von Liebe zu Menschen, die es nicht verdient haben.

So sehr sie sich auch bemühte, Thérèse brachte das Lied nicht zusammen. Zum ersten Mal bereute sie es, den Gitarrenunterricht aufgegeben zu haben. Ihr Bruder würde das aus dem Ärmel schütteln. Der Kerl war echt cool. Als er damals beim Räumen der Sachen seiner Oma diese alte Platte von „Ten Years After“ gefunden hatte, gab es für ihn während Monaten nur noch ein Ziel: Zu spielen wie Alvin Lee. Thérèse hatte sich oft lustig gemacht, als er wochenlang versucht hatte, die Eingangssequenz von „I’m going home“ nachzuspielen. Aber insgeheim war sie immer berührt von seinem Blues. Woher hatte der Junge bloss diese traurige Zerrissenheit und Melancholie in seinem Spiel? Waren es wirklich die ersten Jahre seiner Kindheit – wie ihr Vater einmal gemeint hatte – die Zeit vor Thérèses Geburt, mit der Krankheit seiner Oma, der chronischen Überforderung seiner Mutter und der Depression seines Vaters? Und wenn das alles auch der Grund wäre für seinen chronischen Hass auf sie?

Thérèse hatte nie begriffen, warum ihr Bruder sie nicht liebte. Es hatte wehgetan und manchmal  hätte sie ihn umbringen wollen. Doch intuitiv hatte sie hinter seinem Hass und seiner Bosheit eine tiefe Trauer und Einsamkeit gespürt. Sie hatte ihn immer bewundert, auch dann noch, als er sie missbraucht hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie sich selber für alles verantwortlich gemacht hatte. Immer wieder hatte sie versucht, an ihn heranzukommen. Immerhin war er der einzige Mann in ihrem Leben, nachdem ihr Vater vor ein paar Jahren tödlich verunfallt war. Er fehlte ihr, als er auszog, um in Paris sein Studium zu beginnen. Sie war stolz auf ihn und es freute sie, als er sie als Freundin auf Facebook akzeptierte, auch wenn es wohl nur darum war, um ihr zu imponieren.

Schmunzelnd dachte sie an die letzte Begegnung mit ihm, als er vor Weihnachten nach Hause gekommen war. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich vor ihren grossen Bruder hingestellt und ihn so richtig angeschrien: Was zum Teufel er sich bloss dabei gedacht habe, als er dieses Interview mit der greisen Frau in New York live auf Facebook gestellt habe! Widerlich sei das gewesen, respektlos und menschenverachtend! Ihr Bruder hatte sie nur sprachlos angestarrt. Dann war er unter dem verblüfften Blick seiner Mutter im Zimmer verschwunden.

They don’t want me hanging around the mission
Singing hallelujah

Thérèse war gerade im Begriff, ihre Gitarre wegzulegen und aufzustehen, als sie plötzlich die Tür vom Nebenzimmer hörte. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ihr Bruder über Neujahr zu Hause war. Aufmerksam lauschte sie auf das Rauschen der Spülung im Bad, seine schlurfenden Schritte im Gang und das Zuschlagen seiner Zimmertür. Und einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm sie ihre Gitarre, schlüpfte in ihre Pantoffeln und trat aus ihrem Zimmer.

„Verpiss dich!“, hörte sie ihn rufen, als sie an seine Tür klopfte.

Sekundenlang stand sie reglos da, während sie gegen die aufkommenden Tränen kämpfte. Dann hob sie langsam die Hand. Und nach kurzem Zögern klopfte sie ein zweites Mal, leiser.

Es dauerte eine Minute, bis die Tür langsam aufging. Er sah erbärmlich aus in seinem alten Pyjama und der Strickjacke seines Vaters, mit den dunklen Rändern unter den Augen, den zerzausten Haaren und dem Abdruck des Kissens auf seiner Wange.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie ruhig auf seinen fragenden Blick. Und als er sich wortlos umdrehte, trat sie hinter ihm ins Zimmer…

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Die Besitzerin des traditionsreichen Bistros am Stadtplatz sah hinreissend aus, als sie zur Mittagszeit vor ihrem Haus aus dem Taxi stieg. Das lange Abendkleid war nicht mehr ganz faltenfrei, was aber kaum zu sehen war unter dem edlen, neuen Pelzmantel, den sie elegant um ihre Schulten gelegt trug. Und nur die leichten Ränder unter ihren Augen verrieten die Strapazen einer langen aber glücklichen Silvesternacht. Ja, sie war glücklich, zum ersten Mal seit fünf Jahren, seit dem Suizid ihres Mannes. Sie war die einzige, die nie an einen Unfall geglaubt hatte. Man hatte ihrem Mann vieles vorwerfen können, aber eines hatte er noch im Schlaf beherrscht: Sein Auto. All die Jahre waren Schuldgefühle ihre steten Begleiter gewesen, bis sie sich in dieser Nacht zur Erschöpfung getanzt und mit Sekt getränkt endlich in die Arme ihres langjährigen Freundes hinein losgelassen hatte.

Erfüllt von diesem Glücksgefühl betrat sie ihre Wohnung, wo ihr aus dem Zimmer ihres Sohnes ein melancholischer Gesang entgegenkam. Betroffen blieb sie neben der offenen Zimmertür stehen. Die Stimme erinnerte sie an ihre eigene Mutter, die sie als Kind mit alten Hippie-Balladen in den Schlaf gesungen hatte. Der Gesang war begleitet von zwei Gitarren. In der einen, der dominanteren und melodieführenden erklang unverkennbar die Handschrift ihres Sohnes. Aber wer…?

Mother, is it ok if I call you mama?
My own walked away when I broke the law

„Mein Gott, Thérèse!“ Langsam glitt der Pelzmantel von ihren Schultern, als sie von der plötzlichen Einsicht überwältig spontan ihr Gesicht in den behandschuhten Händen vergrub. Von Schwindel  gepackt musste sie sich am Türrahmen abstützen, als ihre Knie nachgaben und sie der Wand entlang langsam zu Boden sank. Eine Welle von Gefühlen schüttelte ihren Körper, während die Tränen von ihrem Kinn in den Ausschnitt ihres Kleides tropften. Wie lange schon hatte sie ihre Tochter nicht mehr singen gehört! Thérèse hatte es geliebt zu singen. Und sie hatte eine wunderbare Stimme. Irgendwann musste sie verstummt sein, damals in der Zeit ihrer Krankheit. Und sie hatte es nicht bemerkt.

Nahtlos übernahm das Gitarrensolo die flehende Intensität der Stimme. Noch nie hatte sie ihren Sohn so spielen gehört. Nach dem Tod seines Vaters war der melancholische Blues vorübergehend zornigem Hardrock gewichen, bevor seine Gitarre allmählich ganz verstummt war. Und nun das! Es kam ihr vor wie im Traum, als plötzlich ein Schatten vor ihr auftauchte. Und als sie die tränennassen Augen öffnete, stand ihre Tochter vor ihr, aufrecht, in ihrer langen, offenen Strickjacke. Wortlos schaute sie zu ihr herunter. Sie sah erschöpft aus mit ihren ungekämmten Haaren und den dunklen Schatten unter den Augen. Aber in diesen Augen war ein Leuchten, das sie noch nie gesehen hatte. Langsam erhob sie sich vom Boden auf die Knie. Deutlich sah sie die Spuren von Tränen im T-Shirt ihrer Tochter, bevor sich ihr Gesicht in deren Brust vergrub. Und während sie spürte, wie ihre bebenden Schultern sanft von der weichen Wolle der Strickjacke umschlossen wurden, begann Thérèse wieder leise zu singen.

Would you pray for me, mama?
Would you stay with me, mama?
And keep singing hallelujah
Mama

(Ausschnitte aus dem Songtext von Beth Hart, „St. Teresa“)