Warum sie? IV (die Mutter)

(Abschiedsbrief einer Mutter)

Warum sie 4

Mein liebes Kind,

Wenn Du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr am Leben sein.

Das Schicksal will es so. Es ist alles viel schneller gegangen, als die Ärzte geglaubt haben. Sie hatten ursprünglich von ein bis zwei Jahren gesprochen. Aber vielleicht ist es auch besser so.

Ich habe mich jedenfalls sehr über Deinen letzten Besuch gefreut. Es muss ein Schock für Dich gewesen sein, mich in diesem Zustand vorzufinden. Verzeih mir bitte, dass ich Dir nichts gesagt habe. Aber ich hatte Angst, dass Du vielleicht…

Ich hoffe einfach, Du hast danach wenigsten bei Deiner alten Schulfreundin etwas Trost und Kraft gefunden. Sie wird sich sicher auch gefreut haben, Dich nach all der Zeit wieder einmal zu sehen. Sie sah einfach toll aus bei Deinen Gelübden. Wer hätte das gedacht, nach allem, was das arme Mädchen durchgemacht hatte.

Sag bitte auch Deiner Priorin einen lieben Gruss. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie Dir erlaubt hat, die weite Reise zu machen, um mich noch einmal zu sehen, zumal sie nicht wissen konnte, dass es wohl das letzte Mal sein würde. Und Du ja auch nicht.

Warum schreibe ich Dir diesen Brief?

Du weisst, ich war nie eine grosse Schreiberin. Aber es gibt etwas, dass ich Dir sagen muss, etwas, das ich nicht mit ins Grab nehmen will. Ich glaube, Du hast ein Recht darauf, es zu wissen.

Eigentlich wollte ich es Dir ja bei Deinem Besuch sagen. Aber Du warst so erschüttert und traurig, dass ich es nicht übers Herz gebracht habe. Du hast überhaupt nicht sehr glücklich ausgesehen! Ich hatte Dein Ordensgewand vermisst, und den schwarzen Schleier. Die kurzen Haare passen einfach nicht zu Dir. Und dann die zugeknöpfte Strickjacke. Ich weiss, dass ich Dich immer kritisiert hatte wegen Deines Stils, aber wie sehr hätte ich mir gerade an diesem Tag gewünscht, dass Du die Grace Kelly machst, so wie früher. So elegant und selbstbewusst, wie ich Dich eben gekannt habe.

Aber lass mich zur Sache kommen: Du weisst ja, dass Dein Vater und ich damals lange Zeit vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen. Dein Vater war langsam ungeduldig geworden. Er hatte es mir nie gesagt, aber ich weiss, dass er bereits seit einiger Zeit heimlich eine Geliebte hatte. Für ihn war die Aussicht auf einen Stammhalter wichtiger als die Treue zu seiner Frau. Mir war klar, dass er mich verlassen würde, wenn wir nicht bald ein Kind bekämen. Und so hatte auch ich damals begonnen, mit einem anderen Mann zu schlafen.

Und dieser Mann, mein liebes Kind, ist Dein leiblicher Vater.

Der Mann, den Du „Vater“ nennst, ist eigentlich Dein Stiefvater. Er weiss es nicht, und er darf es nie erfahren. Es würde ihn umbringen. Er war so unglaublich stolz auf Dich, vom ersten Moment an. Er war felsenfest davon überzeugt, dass Du seine Augen hast. Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn Du ein Junge gewesen wärst. Aber nach der ersten Enttäuschung hatte er sich in den Kopf gesetzt, allen zu beweisen, dass seine Tochter im Blick auf seine Nachfolge in der Bank ihren Mann stehen würde.

Ich glaube wirklich, er hat Dich geliebt, auf seine Weise, so wie er auch mich geliebt hat. Er hatte nie gelernt, seine Gefühle zu zeigen. Aber er war immer gut zu mir. Er war der erste Mensch, der mich respektiert hat und mir das Gefühl gegeben hat, mehr zu sein als nur eine schöne Puppe.

Ich hatte es nicht leicht als Kind. Mein Vater hatte uns früh verlassen und meine Mutter war so mit sich selber und ihrem Gott beschäftigt, dass ich schnell gelernt hatte, auf mich selber zu vertrauen. Ich hatte mir alles selber aufgebaut: Meine Karriere als Model, mein Modedesign-Studium und mein eigenes Fashionlabel. Meine Mutter hatte mir nie verziehen, dass ich mich für läppische Modehefte und wenig Geld in Unterwäsche habe ablichten lassen. Das war für sie fast so schlimm, wie wenn ich mich prostituiert hätte. Und als ich schliesslich auch noch zur Schönheitskönigin gewählt wurde, war ich für sie endgültig dem Reich der Sünde verfallen.

Ich habe es Deinem Stiefvater immer hoch angerechnet, dass er mich schon nett fand, bevor meine Vorzüge mit einer Schleife und einem Krönchen geehrt wurden. Wir hatten uns an einer Party kennengelernt und ich hatte mich sofort unsterblich verliebt. Er war so anders als die anderen Typen. Hinter seinem vornehm zurückhaltenden Auftreten als Erbe eines renomierten Bankhauses spürte ich instinktiv seine Unsicherheit und seine Verletzlichkeit. Er war der einzige, bei dem ich nicht dauernd das Gefühl hatte, dass er mit mir ins Bett möchte. Ob er es sich tatsächlich hätte leisten können, mich zu heiraten, wenn ich nicht plötzlich eine VIP geworden wäre, weiss ich nicht.

Seine Mutter jedenfalls konnte sich mit unserer Ehe nie wirklich abfinden. Das verband sie schliesslich trotz aller gesellschaftlichen Differenz auch mit meiner Mutter, das und die gemeinsame Sorge um Deine Erziehung. Beide waren – wohl nicht ganz zu Unrecht – überzeugt, dass ich und Dein Stiefvater damit überfordert sein würden. Wobei es meiner Mutter vor allem darum ging, Dich vor den Klauen des Teufels zu bewahren, während seine Mutter sich berufen fühlte, Dir Stil und Kultur beizubringen. Und während ich meine Mutter dafür hasste, war ich meiner Schwiegermutter – bei aller Eifersucht, die ich ihr gegenüber empfunden habe – letztlich dankbar. Ich glaube, sie hatte dich wirklich ins Herz geschlossen. Und das obwohl ich immer das Gefühl hatte, dass sie die Wahrheit ahnte.

Aber Du warst auch ein goldiges Kind. Wer hätte Dich nicht lieben können? Manchmal erschienst Du mir so perfekt, dass es fast nicht auszuhalten war. Konnte das möglich sein? Wie hatte ausgerechnet ich so ein Kind verdient?

Ich kann nur hoffen, dass Du mir eines Tages verzeihen kannst, dass ich Dich damals bei der Geschichte mit dem Priester nicht unterstützt hatte. Natürlich war die Anschuldigung lächerlich, aber ich wollte es in dem Moment nicht sehen. Je älter Du damals wurdest, desto mehr hatte ich Mühe gehabt, Dir in die Augen zu schauen. Da erschien die vermeintliche Erkenntnis, dass auch Du letztlich nur eine schwache Sünderin bist, wie Balsam auf meine schuldgeplagte Seele.

Ich hatte sehr wohl gesehen, wie Du unter all dem gelitten hast. Aber ich hatte nicht die Kraft, etwas dagegen zu tun, zumal gerade in dieser Zeit ja auch meine Mutter im Sterben lag. „Soll Dein Gott Dir doch helfen!“, hatte ich mir damals gesagt. Und die Möglichkeit, dass es doch wahr sein könnte, war ja doch nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht hatten Dein Stiefvater und all die anderen ja doch Recht.

Erst als ich hilflos gefesselt und geknebelt mitansehen musste, was dieser Erpresser mit Dir machte, weil Dein Stiefvater auch nach wiederholten Drohungen einfach nicht auf seine Forderungen eingehen wollte, erst in dem Moment wurde mir schmerzhaft bewusst, wohin wir gekommen sind und wie sehr wir alle durch Lüge und Hass verblendet waren. Dass ich Dich damals einfach im Stich gelassen habe und aus dieser Beziehung geflohen bin, habe ich mir nie verziehen.

Weisst Du, es hat mir damals so gut getan, was Du mir am Tag Deiner Gelübde gesagt hast: Dass Du nicht an einen strafenden Gott glaubst, und schon gar nicht an die Rache Gottes. Denn der Gedanke an Gottes Rache hatte mich begleitet seit dem Tag, an dem Du mir mitgeteilt hattest, dass Du ins Kloster gehen wirst.

Warum Du? Warum tust Du das?

Diese Frage hatte mich nicht mehr losgelassen. Und immer wieder hatte mich diese quälende Vision verfolgt: Das verzerrte Gesicht meiner Mutter und ihr Vorwurf: „Du bist schuld an allem, was geschehen ist! Die Zeit der Rache ist gekommen!“. Ja, in den dunkelsten Stunden in der Klinik war ich wirklich überzeugt, dass das Kloster nun Deine Rache war an uns, an Deinem Stiefvater, aber vor allem auch an mir. Und das Schlimmste war, dass mir der Gedanken sogar irgendwie gefallen hat. Denn das war es doch, was ich schon seit langem verdient hatte.

Ich hatte eine unglaubliche Angst, zu Deinen Gelübden zu kommen. Doch ich hatte mir eingeredet, dass ich das alles selber zu verantworten habe und mich meiner gerechten Strafe nicht entziehen könne. Ja, ich wollte Dir die Genugtuung gönnen, Deine Mutter leiden zu sehen.

Doch dann war alles ganz anders: Deine ehrliche Freude, Dein liebender Blick und Deine feste Umarmung. Mein Gott, mit wie viel Stolz hast Du mich Deinen Mitschwestern vorgestellt, mich, Deine erbärmliche Mutter, die Dich nie wirklich zu lieben gewusst hat, die Dich nicht beschützen konnte, die Dich kläglich im Stich gelassen hat und ihr armseliges Leben zwischen mondänen Modeschauen und Klinikaufenthalten fristete.

Und wie nett sie alle waren, die Schwestern. Deine Novizenmeisterin hat Dich in höchsten Tönen gelobt. Eure Älteste meinte, Du seist eigentlich viel zu hübsch fürs Kloster. Und eure junge Priorin hatte sich so gefreut, mich kennenzulernen. Sie sei vor ihrem Ordenseintritt ein grosser Fan meiner Mode gewesen und hätte immer noch diesen eleganten schwarzen Mantel aus einer meiner ersten Kollektionen. Sie trage ihn immer noch im Winter über dem Ordensgewand. Nur die Markenetikette hätte sie damals beim Eintritt entfernt, damit die Schwestern nicht bemerkten, was für ein exquisites Teil sie da mitbringe.

Ich kann mich nicht erinnern, je so glücklich gewesen zu sein wie an jedem Tag. Ich habe gespürt, dass Du glücklich bist, dass es Dir wirklich gut geht und dass Du bei diesen Schwestern am rechten Ort bist. Vor allem aber habe ich gespürt, dass Du mich liebst und dass Du mir vergeben hast. Und als ich nachts ganz alleine in einem Abteil des ICE nach Hause fuhr, habe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder gebetet.

Doch am nächsten Morgen, als ich mich im Spiegel betrachtete, war sie plötzlich wieder da, diese Stimme. „Mach dir nichts vor“, hörte ich sie sagen, „du hast Deine Tochter immer belogen. Und wenn sie die Wahrheit erfährt, wird sie es Dir nie verzeihen!“. Ich glaube ich hätte es sogar geschafft, diese Stimme mit der Zeit zum Schweigen zu bringen, wenn nicht kurz danach die Diagnose gekommen wäre. Und mit dem Krebst kam die Angst zurück: Die Angst vor der Rache Gottes. Und mit ihr die Frage: Werde ich Gnade finden bei Gott? Und bei Dir?

Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, werde ich die Antwort wohl wissen. Ich habe versucht zu glauben. Dir zu glauben. Ich habe versucht zu beten. Und in manchen Momenten habe ich so etwas wie Frieden gespürt. Doch in den einsamen, nächtlichen Stunden, wenn die Schmerzen mich nicht schlafen lassen und das Morphin die Dämonen der Vergangenheit in mir weckt, dann ist der Gedanke an meine gerechte Strafe oft der einzige schwache Trost.

Aber wenn das wirklich stimmt, was Du glaubst, dann werde ich ja jetzt vielleicht irgendwo neben Dir sitzen, hier in Deiner kleinen aber so gemütlichen Klosterzelle. Oder liest Du diesen Brief vielleicht in der Kapelle, bei IHM, der Dir all das gibt, was wir Dir nie geben konnten?

Wie auch immer, bete für mich, mein Kind!

In Liebe

Deine Mutter

PS: Und bete für deinen Stiefvater. Sag ihm, dass ich ihn liebe!

 

 

 

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3 Gedanken zu “Warum sie? IV (die Mutter)

  1. Und auch diese Mutter … gefangen ihrer eigenen Welt voller Dämonen … unfähig ihrem Kind zu geben was es braucht … aus den psychischen Mängeln und beschwerden manifestiert sich eine unheilbare Krankheit , die letztlich ihre Leiden beendet …
    Doch selbst im Angesicht des Todes , ist sie nicht in der Lage , ihrer Tochter zu geben , was diese jetzt braucht … den Namen des Vaters …

    Gefällt 1 Person

  2. Natürlich wissen wir letztlich nicht , was sie jetzt braucht … trotzdem finde ich , sie hätte ihrer Tochter zumindest da sagen können , wer denn ihr richtiger Vater ist … so lässt sie ihre Tochter mit einer neuen Ungewißheit zurück … schließlich wollen wir doch alle wissen , woher wir abstammen … und nein … Frieden haben beide so nicht … es bleibt etwas offen , ungesagt … die Mutter ist ohne Frieden gegangen und lässt ihre Tochter genauso zurück … friedlos …

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