Warum sie? X (eine Überlebende)

(Aus dem Tagebuch einer Domina)

Warum sie 10

Meine Mutter hat sich verliebt.

Es ist der erste Brief, den ich von ihr bekomme, seit fast acht Jahren. Warum schreibt sie mir das? Was will sie von mir? Warum kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich hatte ihr doch gesagt, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Mein Stiefvater war tot und mit ihr hatte mich schon lange nichts mehr verbunden.

Verdammt, ich will das nicht! Ich kann mir das nicht leisten! Noch so ein Aussetzer wie heute Nachmittag und ich kann meinen Job vergessen. Ein Safeword nicht zu respektieren, ist in unserem Business ein absolutes No-Go. Wenn sich das rumspricht, bin ich ruiniert. Mein Glück, dass meine Klientin kaum ein Interesse hat, irgendjemandem zu verraten, was sie bei ihrer „Steuerberaterin“ tatsächlich tut. Ich gehe nicht davon aus, dass sie meinetwegen ihre politische Karriere aufs Spiel setzen wird.

Aber wiedersehen werde ich sie wohl nicht mehr. Und den Ausdruck in ihren Augen, als sie mein Haus verlassen hat, werde ich so schnell nicht vergessen. Ich weiss nicht, wie lange ich würgend über der Kloschüssel gehangen habe, nachdem sie in ihrem teuren Wagen davongebraust war. Es war der gleiche Blick gewesen, den meine Mutter gehabt hatte, als sie mir damals frühmorgens vor dem Zimmer meines Vaters begegnet war.

Ich wusste, dass es nicht gut gehen konnte, seit diese elegante Dame zum ersten Mal vor meiner Tür gestanden ist. Sie ist jünger als meine Mutter, und wohl nur ein paar Jahre älter als ich. Ich mochte sie, irgendwie. Doch als sie heute wieder so da lag … Ich weiss nicht, was in mich gefahren war, als ich einfach ihr Zeichen ignorierte. Wie gebannt hatte ich zugeschaut, wie ihre Augen mich über den Knebel hinweg erst fassungslos und schliesslich in nackter Verzweiflung angestarrt hatten.

Scheisse, ja, ich hasse meine Mutter, aber doch nicht so!

Meine Mutter hatte mich nie geliebt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je so etwas wie zärtlich mit mir war. Klar, sie hatte alles getan, damit für mich gesorgt wurde und ich eine gute Ausbildung bekam. Aber Liebe, nein! Ich war doch überhaupt nur auf der Welt, weil sie einen Anlass gebraucht hatte, diese verdammte Kommune zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren. Mir war immer schon klar, dass ich in ihrem Leben eigentlich keinen Platz hatte, ja dass ich überhaupt in dieser Welt nichts verloren hatte. Ich war und bin genau so überflüssig wie mein Bruder und meine Schwester, die irgendwo in Boston in einem Mülleimer gelandet sind. Ich hatte einfach das Pech, dass ich gerade zufällig in die Lebensplanung meiner Mutter gepasst habe. Und ich dumme Kuh hatte mich noch jahrelang darum bemüht, dass sie stolz auf mich sei. Die vorbildliche Lehrerin sollte sich wegen ihrer Tochter nicht schämen müssen.

Oh ja, stolz war sie auf mich gewesen. So stolz, dass sie mich zwei Wochen nach meinem 18. Geburtstag für erwachsen genug gehalten hatte, um mich endlich mit ihrer verdammten Wahrheit zu konfrontieren. Was hatte sie sich bloss dabei gedacht? Dass ich ihr danke dafür, dass wenigsten ich leben darf? Hatte sie wirklich gehofft, ich würde ihr verzeihen und ihr ihre Schuldgefühle abnehmen? War ihr eigentlich klar, dass sie mir damit auch meinen Vater genommen hatte?

Es geschah ihr ganz recht, dass sie mich ein paar Wochen später beim Verlassen seines Zimmers ertappt hatte. Sollte sie nur glauben, dass ich mit ihm geschlafen habe. Ich hätte ja auch perfekt in sein Beuteschema gepasst. Sie brauchte ja nicht zu wissen, dass wir die ganze Nacht nur geraucht und über die Vergangenheit gesprochen hatten. Er hatte von seiner Jugend erzählt und mir seine alten Janis Joplin Schallplatten vorgespielt. Im Nachhinein hatte ich es fast bereut, dass ich nicht wirklich mit ihm im Bett war. Schliesslich hatte er ja bei sich im Labor einen Gentest machen lassen. Das Resultat war für keinen von uns eine Überraschung gewesen.

Eine Woche später war ich zum ersten Mal auf der Brücke gestanden. Es war allein der Hass, der mich schliesslich immer wieder zurückgehalten hatte. Dafür hätte mir dieser Zuhälter ein Jahr später um ein Haar die Entscheidung abgenommen. Er hatte Wind davon bekommen, dass ich und eine Kollegin begonnen hatten, in seinem Revier zu wildern und uns neben dem Studium etwas Taschengeld zu verdienen. Seine beiden Bodyguards hatten von mir alles genommen, was es zu holen gab. Meine Kommilitonin hatte mich schliesslich mehr tot als lebendig unter den Trümmern unseres kleinen Studios hervorgezogen und mit Hilfe einer Freundin in ein Frauenhaus gebracht.

Als ich wieder zu mir kam, sass ein Engel neben mir auf der Bettkante. Es war ein Mädchen, kaum 14, die mich besorgt musterte. Ihre “Flügel“ bestanden aus einer weissen Strickjacke, die sie sich um die Schultern gelegt hatte. Vorsichtig hatte sie meinen Kopf angehoben und mir einen Strohhalm zwischen die aufgeschlagenen Lippen geschoben. Und während ich langsam an dem warmen Tee nippte, sah ich das zweite Mädchen auf dem Bett nebenan sitzen. Sie lehnte in eine Wolldecke gehüllt an der Wand und ihre Augen schauten mich genau so leer und ausdruckslos an, wie ich mich fühlte. Das arme Kind war jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden, bis ihre Freundin, der Engel, sie überzeugen konnte, mit ihr in dieses Frauenhaus zu fliehen.

Während der drei Wochen, in denen ich dort Zuflucht gesucht hatte, war der Engel jeden Tag vorbeigekommen, um ihre Freundin und mich zu besuchen. Wie sie das neben der Schule geschafft hat, war mir ein Rätsel. Ebenso rätselhaft war für mich, woher dieses Kind sein Vertrauen und seine Kraft nahm. Eines Tages war sie mit mir in einem Park spazieren. Unser Weg führte an einer Parkbank vorbei, auf der betrunkene Jugendliche herumhingen. Ich war noch immer sehr schwach und fühlte mich plötzlich wie gelähmt vor Angst, als sich uns einer der jungen Männer in den Weg stellte. Er schien meine Begleiterin zu kennen und verhöhnte uns als Lesben. Doch mein Engel hatte einfach nur wortlos meine Hand gefasst und sich schützend vor mich gestellte. Fassungslos hatte ich zugeschaut, wie der Typ plötzlich ein Messer in der Hand hielt und dem Mädchen eine Haarlocke vom Kopf schnitt. Noch heute höre ich das grölende Gelächter, als mein Engel schweigend den Arm um mich legte und mich an der stolz präsentierten Trophäe ihres Peinigers vorbei von der Gruppe wegführte.

Erst als wir den Ausgang des Parks erreicht hatten, begann sich meine Lähmung zu lösen. Dafür glaubte ich plötzlich zu spüren, wie mein Engel zu zittern begann. Und bevor ich mich versah, hatte sich das Mädchen schluchzend an mich gedrückt und ihr Gesicht in meiner Brust vergraben. Einen Moment lang fühlte ich mich völlig hilflos, bis ich endlich meine Arme hob und zaghaft ihre bebenden Schultern an mich drückte. Ich konnte kaum glauben, was da geschah. Noch nie hatte jemand bei mir Trost gesucht. Noch nie hatte sich jemand von mir halten lassen. Zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich von jemandem gebraucht wurde… dass ich für jemanden wichtig war.

Eine Woche später, war ich nach London geflogen. Sie hatte mich an den Flughafen begleitet, wo sie mir zum Abschied ein kleines Holzkreuz geschenkt hat. Wieso sie bloss an all das glauben könne, hatte ich sie gefragt, wo sie doch selber täglich erlebe, wieviel Dreck, Bosheit und sinnloses Leid es in der Welt gäbe. Da hätte ich sicher Recht, aber immerhin gäbe es da ja auch noch mich, hatte sie mit ihrem unwiderstehlichen Strahlen geantwortet, bevor sie mich ein letztes Mal fest umarmt hat.

Mein Vater hatte mir an einer renommierten Business School einen Studienplatz besorgt, doch ich war bei meiner Ankunft noch so kaputt, dass mich seine Tante, bei der ich wohnen sollte, schon nach wenigen Tagen zu einer Bekannten ans Meer gefahren hat. Meine dortige Gastgeberin, eine richtige Lady, arbeitete offiziell als eine Art Lebensberaterin und gemessen an den schicken Wagen gehörte ihre meist weibliche Kundschaft zur besseren Gesellschaft. Körperlich hatte ich mich auf dem prächtigen Landsitz schnell erholt. Ich hatte Reiten gelernt und mich in meinen besseren Stunden durch die halbe Englische Literatur gelesen. Doch immer wieder hatten mich meine Geister auch oben auf die Klippen geführt.

Ich hatte in dieser Zeit wieder diesen Traum, den ich als Kind schon hatte: Da war ein Junge und ein Mädchen. Ich kannte sie nicht, und doch gehörten sie zu mir. Ich wollte mit ihnen gehen, aber immer waren sie verschwunden, im Dunkel, im Nebel, einfach weg. Intuitiv wusste ich schon immer, wer sie waren. Ich hatte auch sonst gelegentlich das Gefühl gehabt, dass ich nicht allein sei, dass da jemand hinter mir steht oder mich durch den Spiegel anschaut. Ich konnte mir noch lange einreden, dass es Unsinn war und dass ich selber gar nicht existieren würde, wenn auch nur einer von ihnen existiert hätten. Aber das befreite mich nicht von der quälenden Frage, warum ausgerechnet ich leben durfte… oder besser leben musste?

Es war ein kalter, grauer Tag, als ich wieder einmal oben an der Klippe stand und mit allem abgeschlossen hatte. Unter mir donnerte die Brandung gegen die Felsen und der Wind blies mir die salzig feuchte Meerluft ins Gesicht. Meine Knie zitterten und ich hatte bereits die Augen geschlossen um zu springen, als meine behandschuhten Finger in der Tasche meiner Daunenjacke plötzlich einen hölzernen Gegenstand umfassten. Und als ich mich nach einer Weile vorsichtig umdrehte, sah ich auf der Kuppe hinter mir die Lady, die mich vom Rücken ihres Pferdes aus beobachtete.

Ob sie mich einfach so hätte springen lassen, habe ich sie später einmal gefragt. Worauf sie nur meinte, es gäbe Entscheidungen im Leben, die mir niemand abnehmen könne. Sie hatte mich damals zu sich aufs Pferd gehoben und nach Hause gebracht. Und nachdem ich bei ihr im Salon nach einer Tasse Tee wieder etwas zu mir gekommen war, hatte sie mich unvermittelt gepackt und die Ärmel meiner Strickjacke zurückgeschoben. Ich wagte sie nicht anzuschauen, während sie wortlos die Schnitte an meinen Unterarmen desinfizierte und verband. Ich weiss nicht, wie lange ich mich damals an ihrer Brust ausgeweint hatte. Es war bereits dunkel, als ich mit ihrer Frage auf mein Zimmer ging: „Willst du wirklich leben?“ Sie sei keine Psychiaterin. Aber sie könne mir vielleicht helfen, mit meinen Gefühlen und meiner Gewalt umzugehen.

Am nächsten Morgen zeigte sie mir die diskreten Räume ihres Hauses, in denen sie ihre Kundinnen und Kunden zu empfangen pflegte. Und in den folgenden Monaten führte sie mich Schritt für Schritt in die Geheimnisse ihres Metiers ein. Sie half mir, jede Faser meines Körpers kennenzulernen und zu erforschen. Und sie brachte mir bei, meine Gefühle zu beherrschen und Angst, Ohnmacht und Schmerz gezielt und dosiert als Quelle der Lust zu verwenden, zuerst an mir selber, und dann allmählich auch an anderen. Dabei hatte ich vor allem eines gelernt: Wo die Grenzen sind und wo ich mich und andere vor selbstzerstörerischen Neigungen bewahren musste.

Nach drei Jahren hatte ich meinem Vater geschrieben, dass ich meinen Master in Business Administration erfolgreich abgeschlossen habe. Zu meiner Überraschung hatte er sogar geantwortet. Er sei stolz auf mich. Er hätte kürzlich einen kleinen Herzinfarkt gehabt, aber es gehe ihm wieder gut. Meine Mutter sei unterdessen Konrektorin geworden. Sie sei in letzter Zeit richtig aufgeblüht und habe jetzt einen neuen Lover, einen jungen Priester, den Seelsorger an ihrer Schule.

Drei Tage später sass ich in einem Mietwagen gegenüber dem Eingang ihres Gymnasiums. Mein Engel war gross geworden, eine richtige junge Frau. Ihren letzten Brief hatte ich vor zwei Jahren erhalten. Sie hatte darin begeistert von ihrem neuen Seelsorger erzählt, einem engagierten jungen Priester, mit dem sie endlich einmal über alles reden könne. Ich hatte ihr nie geantwortet. Was hätte ich ihr auch sagen sollen? Doch eines konnte ich für sie tun: Verhindern, dass sie ausgerechnet wegen meiner Mutter von diesem Arschloch enttäuscht wurde.

Als ich am nächsten Tag nach England zurückkam, war meine Lady tot. Man hatte sie am Fuss der Klippen gefunden, nachdem ihr Pferd alleine von einem Ausritt zurückgekommen war. Offiziell war es ein Unfall. Aber ich konnte am Rande des Abgrunds keine Pferdespuren finden. Plötzlich wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich von ihr wusste. Ich wusste nur, dass sie mir das Leben gerettet hatte, dass es Entscheidungen gab, die dir niemand abnehmen kann… und dass sie mir verdammt noch mal fehlte!

Wie sehr sie mir fehlte und wie sehr ich sie gleichzeitig aus meinem Leben verdrängt hatte, wurde mir heute schlagartig bewusst. Acht Jahre ist es her, seit ich nach dem Tod meines Stiefvaters zurückgekommen war und mich mit meinem Erbteil selbständig gemacht hatte. Und in all den Jahren, seit ich diesem Priester mein Knie in die … gerammt habe, hatte ich nie wieder die Kontrolle verloren. Ich hatte mir damals eingeredet, dass ich wusste, was ich tat, und dass ich es für das Mädchen getan habe. Aber als ich auf der Klippe gesessen war und in wütender Verzweiflung das hölzerne Kreuz in die Tiefe warf, in der meine Lady zerschellt war, wurde mir klar, dass es blanker, unkontrollierter Hass war: Hass auf meine Mutter, diese Hippie-Schlampe, die nun Grace Kelly spielte und in Kaschmir und Perlen über den Schulhof stolzierte. Und Hass auf diesen scheinheiligen Gottesmann, der letztlich auch nur ein Mann war, so wie diese Kerle, die mich damals…

Ich hatte mir geschworen… nein, ich hatte ihr geschworen, dass es nie mehr vorkommen werde. Und dann heute das: Dieser Moment, in dem ich das Safeword ignoriere und einfach weitermache. Dieses unheimliche Gefühl kalter Befriedigung beim Anblick der wachsenden Panik in den Augen dieser Frau. Dieser eisige Hass, der plötzlich den Verstand auszulöschen scheint. Und dann der Moment der Erkenntnis, des nackten Entsetzens, wenn du wie von aussen den Hass in deinen eigenen Augen zu sehen meinst.

Verdammt, wie konnte das passieren? Ich hatte mir solche Mühe gegeben, all die Jahre. Ich wollte, dass du stolz auf mich bist. Du warst für mich die Mutter, die ich nie hatte. Du hast an mich geglaubt. Doch ich habe dich enttäuscht. Ich habe versagt! Schon wieder versagt, so wie damals. Es ist vorbei. Ich kann das nicht mehr. Ich kann mir nicht mehr trauen. Ich hatte ganz vergessen, wie gut sich das anfühlt: Die Rasierklinge auf meinem Unterarm. Wie sehr sehne ich mich nach deinen sanften Händen, die meine Wunden verbinden. Und nach deiner Brust, um meine Tränen zu weinen.

Scheisse, ich kann nicht mehr! Warum hast du mich einfach so verlassen?

*******

„Ich war eine beschissene Mutter.”

Die Spuren der Tränen auf ihrer seidenen Bluse und das Zittern ihrer gepflegten Hände, die mit dem silbernen Besteck an ihrem Steak arbeiteten, hatten meine letzten Zweifel zerstreut. Natürlich hatte ich mich gefragt, was die Stadträtin von mir wollen könnte, als sie mich vor zwei Tagen völlig überraschend angerufen und zum Essen eingeladen hat. Aber wenn sie sich meines Schweigens versichern wollte, warum sollte sie mich ausgerechnet in dieses noble Restaurant einladen? Nein, es schien ihr völlig egal zu sein, ob jemand sie mit mir zusammen sehen würde.

„Ich habe meine Tochter umgebracht“, hatte sie schliesslich gesagt, nachdem die Bedienung ihren halbvollen Teller abgeräumt hatte. Sie sei völlig blind gewesen. Immer dann, wenn ihre Tochter sie am meisten gebraucht hätte, sei sie mit ihrer beruflichen und politischen Karriere beschäftigt gewesen. Und in der übrigen Zeit hätte sie ihr schlechtes Gewissen beruhigt und das Mädchen mit einer Überfülle von dem erstickt, was sie für Liebe gehalten habe. Tag und Nacht verfolge sie der ausdruckslose Blick der gebrochenen Augen, seit sie ihre Tochter mit einem Strick um den Hals auf dem Dachboden gefunden hatte. Kein Wort habe sie gesagt, keine Vorwarnung, keine Drohung, kein Brief, einfach nichts.

Darum sei sie schliesslich zu mir gekommen: Sie habe sich bestrafen wollen und wohl unbewusst auch das Risiko eines Skandals gesucht, der ihre teuer erkaufte Karriere ruinieren würde. Doch erst als ich neulich ihr Safeword ignoriert habe und sie in ihrer Panik plötzlich den nackten Hass in meinen Augen sah, sei ihr klar geworden, was sie wirklich gesucht habe. Wer immer diesen Hass in mir entfacht habe, sie habe ihn in diesem Moment gebraucht, genauso, wie meinen verzweifelten Blick voller Sorge und Trauer, als sie mein Haus verlassen habe. Ich hätte den toten Augen ihrer Tochter noch einmal einen Ausdruck verliehen, der sie auf geheimnisvolle Weise mit ihr versöhnt habe. Und dafür wolle sie mir danken.

Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte, als ich am Abend bei mir auf dem Sofa die Wunden an meinen Unterarmen pflegte und auf die Visitenkarte starrte, die vor mir auf dem Tisch lag. Die Stadträtin hatte eine Stiftung gegründet, die sich um suizidgefährdete Jugendliche kümmert. Und sie war auf der Suche nach einer Geschäftsführerin. Ich solle mir Zeit nehmen. Sie würde sich über meinen Anruf freuen, so oder so.

Wir mussten ein seltsames Paar abgegeben haben: Sie, die elegante Dame mit der exquisiten Kaschmir-Stola über dem schicken Kostüm und ich in meinem langärmligen Shirt und der Lederjacke. Das hatte sie aber nicht daran gehindert, mich zum Abschied spontan zu umarmen. „Immerhin gäbe es da ja auch noch mich“, hörte ich aus meiner Erinnerung eine Stimme sagen, als ich das Strahlen in ihren Augen sah.

Was mochte bloss aus dem Engel geworden sein, dachte ich mir, als ich mich in meine Wolljacke kuschelte und es mir auf dem Sofa bequem machte. Unterdessen war es zu spät, um noch anzurufen. Und so gab ich mir ganz der Stimme von Janis Joplin hin, deren Platten ich mir damals aus dem Nachlass meines Vaters gesichert hatte. Er wollte beerdigt werden wie sie: Die Asche verstreut über dem Meer, irgendwo über seiner geliebten Nordsee. Zum ersten Mal spürte ich eine leise Sehnsucht in mir, ihn dort einmal zu besuchen.

Ich war eingedöst, als das Smartphone in der Tasche meiner Strickjacke zu vibrieren begann. Ich könnte nicht sagen warum, aber ich wusste sofort, wer es war, noch bevor ich aufs Display geschaut habe.

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