Warum sie? VIII (der Schulseelsorger)

(aus dem geistlichen Tagebuch eines Priesters, Jahresexerzitien im Kloster)

Warum sie 8

Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äussersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen.
Ps 139, 7.9-10

Ja, mein Gott, wie konnte ich das vergessen! Hatte ich wirklich geglaubt, ich könnte einfach so weglaufen und weiterleben, als ob nichts geschehen wäre? Ich hätte es wissen müssen: So leicht lässt DU mich nicht davonkommen.

Ich hatte sie zuerst gar nicht wahrgenommen. Es war eine der Nonnen, die wie jeden Morgen im Gästesaal des Klosters für unser Frühstück sorgten. Ich war versunken in mein dumpfes Schweigen und nippte abwesend an meinem Kaffee. Erst als die dunkle Gestalt in der weissen Schürze unvermittelt in ihrer Bewegung innehielt, wurde ich auf sie Aufmerksam. Sie schien ebenso überrascht wie ich. Fassungslos starrte ich in diese Augen, die mich immer so fasziniert hatten, seit ich sie vor 15 Jahren zum ersten Mal gesehen hatte.

Sie hatte sich schneller gefasst als ich und das Blut kehrte bereits wieder in ihre glühenden Wangen zurück, als sie mir lächelnd den Kaffee nachfüllte. Ich wollte etwas sagen, wusste aber nicht was. Und als ich wieder einigermassen denken konnte, war sie bereits mit dem Geschirrwagen in die Klausur verschwunden.

An ein gesammeltes Beten und Meditieren war natürlich nach diesem Schock nicht mehr zu denken. Mein Versuch, in der Kapelle etwas zur Ruhe zu kommen, war kläglich gescheitert. Und nachdem mir auch in meinem Zimmer die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, hatte ich mich kurzerhand vom Mittagessen abgemeldet und mich auf eine Wanderung geflüchtet… wohl auch aus Angst, ihr wieder zu begegnen.

Sie hat es also tatsächlich getan. Ich hatte ihr damals nicht geglaubt, als sie als Schülerin zu mir in die geistliche Begleitung gekommen war. Mädchen, die mit gerade mal 15 Jahren ins Kloster wollen, vor allem, wenn es noch verwöhnte Kinder reicher Bankiers sind, haben irgendein Problem: Der Vater, die Mutter, die Pubertät. So wie die kleine Therese von Lisieux. Die erschien mir auch immer irgendwie gestört, als ich ihre Erinnerungen las.

Doch was ist, wenn ich mich getäuscht habe? War ich damals wirklich offen, eine echte Berufung zu erkennen? Ich hatte gerade mein erstes Jahr als Priester hinter mir, als ich die Stelle als Seelsorger in der renommierten Schule angetreten habe. Der Elan der Weihegnade war schnell verflogen und eine gewisse Ernüchterung und Frustration hatte bei mir Einzug gehalten. Und daran war nicht nur die Krebserkrankung meiner Mutter schuld, wie ich mir lange versucht hatte einzureden. Nach einem Jahr als Vikar in einer Gemeinde waren meine Ideale zerbrochen, und mit ihnen der Glaube ans Gute im Menschen… und der Glaube an die Liebe in Gott.

Natürlich wollte ich das nicht wahrhaben. Ich tat alles, um meine Krise hinter frommem Aktivismus zu verbergen, vor den anderen und vor allem auch vor mir selber. Was mir an innerer Sicherheit fehlte, habe ich durch äussere Radikalität wettgemacht. Das hat mir viel Bewunderung eingebracht, vor allem von Seiten der Schüler, von den gläubigen ebenso wie von manch anderen, denen meine Entschiedenheit imponiert hat. Einige der Lehrerkollegen aber hatten mich deswegen verachtet und mir das durch systematisches Ignorieren oder durch dauernde zynische und ironische Bemerkungen zum Ausdruck gebracht.

Zur Gruppe der Letzteren hatte auch die Konrektorin gehört. Nie werde ich den verächtlichen Ausdruck in ihrem Lächeln vergessen, als sie mir an meinem ersten Arbeitstag im Büro des Rektors vorgestellt worden war. Die attraktive Mittvierzigerin trug einen langen Wollmantel um die Schultern gelegt und hatte sich nicht die Mühe gemacht, den feinen Lederhandschuh auszuziehen, um mich zu begrüssen. Sie hatte mich zum Mittagessen in der Kantine eingeladen, und bei dieser Gelegenheit hatte ich nicht nur erfahren, dass sie neben ihren Aufgaben in der Schulleitung auch noch Deutsch und Philosophie unterrichtete, sondern auch, dass sie eine überzeugte Atheistin sei und ich deshalb sicher verstehen würde, wenn sie für meine Stelle an der Schule nicht allzu viel Interesse aufbringen könne.

Umso mehr Interesse schien sie in der Folge für mich aufzubringen. Immer wieder begegneten wir uns zufällig im Lehrerzimmer oder in der Kantine. Und bei jeder Gelegenheit forderte sie mich heraus mit ironischen Bemerkungen oder sonst einer subtilen Boshaftigkeit. Und immer, wenn sie sich in der Mittagspause dazu entschloss, sich mit ihrem Essen zu mir zu setzen – was mit der Zeit erstaunlich oft der Fall war – verwickelte sie mich früher oder später in eine philosophische Diskussion über die Sinnlosigkeit des Gottesglaubens. Ich fand sie unendlich dumm und bestrafte sie innerlich mit Verachtung, musste aber mit Erstaunen feststellen, dass ich allmählich begann, mit einer gewissen Erregung nach ihr Ausschau zu halten, wenn ich die Schule betrat.

Ich war ebenso überrascht wie berührt, als ich sie bei der Beerdigung meiner Mutter unter den Trauernden am Grab entdeckte. Ich hatte sie zuerst gar nicht erkannt, da sie zu dem eleganten schwarzen Kostüm einen Hut mit Schleier trug. Sie hatte ihren Handschuh ausgezogen, als sie mir schliesslich die Hand gab. Ich hätte schwören können, in ihren Augen hinter dem feinen Netz eine Träne zu erkennen. Aber sie hatte sich einer näheren Betrachtung entzogen, indem sie mich kurzerhand umarmt hat. Verblüfft und betört vom feinen Duft ihres Parfüms hatte ich zugeschaut, wie sie an der Schlange der Kondolierenden vorbei zwischen den Gräbern davoneilte.

Einen Monat später stand ich an einem Freitagabend mit einem Strauss Blumen vor der Tür ihres Hauses. Sie hatte mich zum Essen eingeladen und meine Hand zitterte leicht vor Aufregung, als ich die Klingel betätigte. Und sie zitterte erst recht, als ich ihr die Hand gab. Sie trugen einen knielangen, dunkelgrauen Wollrock und ein weinrotes Kaschmir-Twinset, dessen Jacke bis auf die zwei obersten Knöpfe geschlossen war und von einer Perlenkette abgerundet wurde.

Der Tisch in dem stilvollen Salon war nur für zwei Personen gedeckt. Ihr Mann, ein renommierter Professor für Biochemie, sei auf einer Konferenz in Boston. Und ihre Tochter weile für ein Auslandsemester in London. Meine Gastgeberin erwies sich als ausgezeichnete Köchin und der Wein war derart gut, dass wir schon bald bei der zweiten Flasche waren. Irgendwann waren die Knöpfe ihrer Strickjacke offen und ihre Wangen glühten rosig im dezenten Licht, als sie mir zuhörte, wie ich von meiner Mutter erzählte. Die Glocke der nahen Kirche schlug 10 Uhr, als sie mich einlud, es mir in der Bibliothek bequem zu machen, während sie das Geschirr in die Küche trug. Sie würde uns noch einen Tee kochen.

Ich war so vertieft in die Betrachtung einer wunderbaren, alten Lutherbibel, die dort auf einem Holzständer aufgeschlagen lag, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie sie hinter mir den Raum betreten hat. Erst der feine Duft ihres Parfüms und die leise Berührung ihres Armes, liess mich gewahr werden, dass sie plötzlich neben mir stand. Sie hatte sich die Jacke des Twinsets um die Schultern gelegt und schaute mit einem traurigen Blick an mir vorbei auf die Bibel. Gebannt sah ich zu, wie sie sorgfältig aber entschieden das Buch zuklappten und sich zu mir umdrehte. Die weissen Perlen funkelten im Licht der Lampe, während sich ihre Brust im Rhythmus des Atems gegen das feine Kaschmir drängte. Und als ich den Blick hob, war die Trauer in ihren Augen einem seltsamen Ausdruck gewichen, den ich nicht recht deuten konnte. „Tee oder Whisky, Herr Pfarrer?“, durchbrach ihre sanfte Stimme schliesslich die knisternde Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hörte ich sie nachdenklich sagen, als ich ein paar Wochen später wieder einmal mit dem Kopf an ihrer Brust aufgewacht war. Ihre Augen hatten versonnen an die Decke gestarrt, während durch das offene Fenster der morgendliche Gesang der Vögel ins Zimmer drang. Sie wirkte erschöpft. Ihre strähnigen Haare zeugten von einer intensiven Nacht und ihr ungeschminktes Gesicht verriet gnadenlos, was sie täglich mit einiger Sorgfalt zu verbergen suchte. Langsam hatte ich mich von ihr gelöst, nachdem ich einmal mehr feststellen musste, dass ihr Mund am Morgen schal schmeckte. Dafür mochte ich den weichen Morgenmantel ihres Gatten, den dieser mir persönlich zu Verfügung gestellt hatte. Der Mann war eine Koryphäe auf seinem Fach und sehr gefragt als Redner bei Konferenzen rund um den Globus. Er mochte mich und fand es gut, dass seine Frau nicht so oft alleine war und zwischendurch anregende Gesellschaft im Haus hatte. Ich weiss bis heute nicht, ob er wirklich so naiv war, oder ob es ihm einfach egal war. Für ersteres würde sprechen, dass offenbar auch sonst niemand auf den Gedanken gekommen war, in der Beziehung zwischen dem jungen Priester und der fast zwanzig Jahre älteren Dame mehr als eine geistliche Freundschaft zu vermuten. Bis heute kränkt mich irgendwie der Gedanke, dass selbst meine Feinde mir offensichtlich nicht mehr zugetraut hatten.

Mit „sie“ hatte die Konrektorin damals meine fromme Schülerin gemeint, die „Heilige“, wie sie diese spöttisch zu nennen pflegte, seit dem ich ihr immer wieder von ihr erzählt hatte. Die junge Frau, die unaufdringlich aber konsequent ihren Glauben lebte und sich neben der Schule aufopferungsvoll um eine Schulfreundin kümmerte, hatte uns beide in ihren Bann gezogen. Mich, weil sie mich dauernd leidvoll an meine eigene Berufung erinnerte. Und die Konrektorin, weil diese sich nicht entscheiden konnte, ob sie die „Heilige“ nun als Rivalin oder als heimliches Vorbild betrachten sollte. Der Umstand, dass sie eines Tages begonnen hat, den Stil der Jungen zu imitieren und ihre Strickjacken auch an der Schule elegant um die Schultern drapiert zu tragen, erschien mir auf diesem Hintergrund wie eine perfekte Illustration von René Girards mimetischer Theorie.

Auch an dem Tag, an dem sie atemlos in mein Sprechzimmer gestürzt kam, wo ich vor Schmerz gekrümmt am Boden lag, wehten die langen Ärmel ihrer weinroten Twinsetjacke lose von ihren Schultern. Voll Sorge hatte sie mir die zusammengelegte Strickjacke unter den Kopf geschoben, während ich noch immer halb betäubt zu verstehen versuchte, was da gerade geschehen war: Als ich von der Pause zurückgekommen war, hatte eine junge Frau auf mich gewartet. Sie war am Fenster gestanden und hatte mir den Rücken zugekehrt. Ihre langen dunklen Haare wirbelten eindrücklich durch die Luft, als sie sich energisch umgedreht hat. Sie trug ein knielanges dunkles Kleid, elegante Lederstiefel und eine schwarze Lederjacke. Ich hatte die Frau noch nie gesehen. Und doch glaubte ich diese Augen zu kennen, die mich mit einem bedrohlichen Funkeln musterten. Ich war wie gelähmt durch diesen Blick, während sie auf mich zukam und ich sah, wie sich ihre roten Lippen zu bewegen begannen:

„Ich will, dass sie aufhören, meine Mutter zu vögeln!“

Noch heute höre ich diese Stimme in meinem Kopf: Ruhig, fast sanft, und doch klar und messerscharf in ihrer fordernden Intensität. Ich weiss nicht mehr, was ich in meinem Schock zu sagen versuchte. Was immer es war, ihre schallende Ohrfeige hatte dem Satz ein vorzeitiges Ende bereitet. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte sie mir das Knie zwischen die Beine gerammt, gefolgt von einer zweiten Ohrfeige, die mich stöhnend auf den Boden sinken liess. „Sofort!“ zischte sie mir ins Ohr, bevor sie so unvermittelt verschwand, wie sie aufgetaucht war. Ihre Mutter hatte schliesslich vom Fenster ihres Büros aus gesehen, wie sie den Schulhof verlassen hat.

Im Nachhinein war ich froh um dieses schmerzhafte Ende. Ich hätte nicht ewig so weiter machen können. Heute kann ich kaum nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte. Ich muss blind gewesen sein. Natürlich war da die Berufungskrise nach den ersten frustrierenden Erfahrungen als Priester. Natürlich hatte mich der qualvolle Tod meiner Mutter völlig aus der Bahn geworfen. Und natürlich war die zärtliche Leidenschaft und Liebe der Konrektorin in dieser Situation eine überwältigende Erfahrung für mich, wo ich doch in dieser Beziehung gerade mal eine kläglich misslungene Erfahrung mit einer Prostituierten während meiner Wehrdienstzeit vorzuweisen hatte. Doch wie hatte ich bloss monatelangen in dieser Illusion eines gestohlenen Glücks verharren können, aus dem mich der schwarze Engel schliesslich befreit hatte?

Wie auch immer, diese Freiheit hatte ihren Preis. Und bezahlt hat ihn eine andere.

Die Konrektorin hatte das Ende nicht akzeptieren wollen. Sie lasse sich ihr Glück nicht zerstören. Nicht von ihrer Tochter. Ich solle mir wegen dieser keine Gedanken machen. Sie würde es nicht wagen, ihrem Vater etwas zu sagen. Das könne sie sich nicht leisten.

Aber für mich war der Fall klar. Ich musste mein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen.

„Es ist wegen der „Heiligen“ nicht wahr?“ Noch heute höre ich den giftigen Ton in ihrer Stimme, nachdem ich ihr meine definitive Entscheidung mitgeteilt hatte. Ich solle doch ehrlich sein: Ich hätte einfach Angst vor der Kleinen, dass sie erfahren könnte, wie durch und durch menschlich und erbärmlich ihr heiliges Priesteridol in Wirklichkeit ist.

Zwei Wochen später wurde ich wie aus dem Nichts mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Verhältnis mit der „Heiligen“ zu haben. Bis heute weiss ich nicht, wer das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte. Schliesslich war ich ins Büro des Rektors zitiert worden, wo ich mich dem Vater des Mädchens gegenüber sah. Der renommierte Bankier war ausser sich vor Wut und nur wenig hat gefehlt und er hätte mich verprügelt. Auch die Konrektorin war zugegen. Sie trug die Jacke ihres weinroten Twinsets zugeknöpft und ihr Blick liess keinen Zweifel daran, dass sie mir diesmal keine Strickjacke unter den Kopf gelegt hätte.

Seit ich an diesem Tag aus dem Büro des Rektors entlassen worden war, hatte ich sie nicht mehr wiedergesehen, weder die Konrektorin noch die „Heilige“.

Während mehr als zwölf Jahren hatte ich alles getan, um diesem Wiedersehen aus dem Weg zu gehen.

*******

Es hatte keinen Sinn. Ich konnte weder beten noch meditieren.

Zwei Tage hatte ich gebraucht, um mich durchzuringen, ein Gespräch mit ihr zu erbitten.

Doch als ich die Priorin um Erlaubnis fragen wollte, war ich von allen guten Geistern verlassen. Stattdessen hatte ich meine vorzeitige Abreise angekündigt.

Noch am gleichen Tag sass ich im Auto des Klosters auf dem Weg zum Bahnhof. Und neben mir am Steuer die jüngste der Schwestern, in ihrem schwarzen Habit mit dem eindrucksvollen langen Schleier, und einer dunkelgrauen Kaschmir-Jacke, die sie sich elegant um die Schultern gelegt hat. Ich kannte die Jacke. Sie hatte sie schon getragen, als sie damals zu mir in die geistliche Begleitung kam.

Wir waren auf die Autobahn eingebogen, als sie es war, die nach einer gefühlten Ewigkeit das quälende Schweigen gebrochen hat: Sie hoffe, ich verzeihe ihr, aber sie wolle mir einfach sagen, wie froh und dankbar sie sei, mich endlich wiederzusehen. Es täte ihr leid, was damals geschehen sei und dass ich ihretwegen meine Stelle und meinen guten Ruf verloren hätte. Jeden Tag hätte sie für mich gebetet. Schon damals, als ich noch ihr Begleiter war. Sie wolle sich ja nichts einbilden, aber sie meinte gespürt zu haben, dass es mir nicht gut gegangen war. Doch gerade das sei für sie eine grosse Hilfe gewesen: Zu sehen, dass das Ja zu einer geistlichen Berufung nicht einfach ein Leben in Seligkeit bedeute. Es habe ihr sehr geholfen, ihre eigene Gebrochenheit anzunehmen, ihre eigenen Fragen, die Zweifel und die Momente der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Ich hätte für sie sichtbar gelebt, was ich immer wieder gepredigt hätte: Dass wir eben als Sünder berufen seien. Natürlich hätte sie gespürt, dass ich nicht an ihre Berufung geglaubt habe. Und einen Moment lang habe sie das auch ziemlich verunsichert. Aber letztlich sei es gerade die Auseinandersetzung mit diesem Wiederstand gewesen, mit meinen Fragen und meinem gelegentlichen Spott, was das Vertrauen in ihre eigene Erfahrung gestärkt habe, diese Erfahrung, die ihr Leben bestimmt hat seit jenem Fest Mariä Lichtmess, als sie acht Jahre alt war.

„Danke für alles! Gott segne sie!“, hörte ich sie noch durch die Scheibe des ICE rufen, als sich der Zug in Bewegung setzte. Es hatte leicht zu regnen begonnen und der Wind spielte munter mit dem schwarzen Schleier und den Ärmeln ihrer Strickjacke, als sie mit einem letzten Winken aus meinem Blickfeld verschwand.

„Kann ich etwas für sie tun?“ fragte die Schaffnerin freundlich, als sie wenig später mein Abteil betrat und die Tränen auf meinen Wangen sah.

Würde ich sagen: «Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben»,
auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag,
die Finsternis wäre wie Licht.
Ps 139,11-12

Advertisements

Warum sie? III (der Vater)

(Burnout Klinik am See, Tonbandaufzeichnung 4. Therapiesitzung)

Warum sie 3

Warum sie? Warum tut sie mir das an?

Haben Sie Kinder? Nein? Dann können Sie nicht verstehen, wie das ist. Ich habe ihr alles gegeben, was ich hatte. Sie war das Wichtigste in meinem Leben?

Meine Frau hatte mir immer vorgeworfen, ich hätte mir einen Jungen gewünscht, als Erben und Stammhalter für unsere Privatbank. Natürlich war das ursprünglich der Plan gewesen, denn Tradition verpflichtet. Seit vier Generationen sind wir im Geschäft. Da können wir unsere treuen Kunden nicht einfach hängen lassen.

Und natürlich war es hart für mich, als meine Frau einfach nicht schwanger wurde. Jahrelang hatten wir alles ausprobiert, aber es schien vergeblich. In meiner Verzweiflung hatte ich mir bereits eine Alternative… ich meine, Sie wissen schon… Aber dann hatte es plötzlich doch geklappt.

Die Kleine hatte meine Augen, ganz eindeutig. Sie war für etwas Grossen berufen. Ich habe es in ihrem Blick gesehen. Und ich hatte mir geschworen, dass mein Vater stolz auf sie sein würde, und dass mir dereinst niemand vorwerfen sollte, ich hätte nicht alles für die Ehre der Familie und der Bank getan.

Das Mädchen entwickelte sich fantastisch. Sie hatte von mir Intelligenz und Zielstrebigkeit mitbekommen, und von ihrer Mutter Schönheit und Eleganz… nicht dass ich nicht auch attraktiv gewesen wäre, aber Sie verstehen, was ich meine. Natürlich hatte ich nicht sehr viel Zeit für die Kleine. Die Bank war damals in einer Krise und die Umstrukturierungsprozesse hatten mich viel Zeit und Kraft gekostet. Auch meine Frau durchlebte eine schwere Zeit. Ihre Blüte als Schönheitskönigin war vorbei. Nach der Geburt meiner Tochter war sie als Model nicht mehr gefragt und der Aufbau ihrer eigenen Modelinie hatte sie sehr in Anspruch genommen. Aber wir hatten stets dafür gesorgt, dass es unserer Tochter an nichts fehlte. Wir hatten für sie ein Kindermädchen angestellt und später auch eine Hauslehrerin.

Aus heutiger Sicht muss ich mir vorwerfen, dass ich mich all die Jahre nicht mehr um sie gekümmert habe. Ich hatte die Auswahl der Angestellten meiner Frau überlassen und sie hatte das an ihre Mutter delegiert. Diese war noch eine gläubige Katholikin alter Schule. Und obwohl meine Frau selber mit Gott nichts mehr am Hut hatte, konnte sie nicht verhindern, dass unsere Kleine von ihrer frommen Oma beeinflusst wurde. Wir bekamen erst gar nicht mit, dass das Kindermädchen abends regelmässig mit der Kleinen betete. Und letztlich sahen wir später auch keinen Grund einzuschreiten, als unsere Tochter jeweils sonntags ihre Hauslehrerin in den Gottesdienst begleiten wollte. Wer hätte schon gedacht…

Ich hatte ihren Glauben damals als pubertäre Laune abgetan. Mit irgendetwas musste sie sich ja von uns Eltern abgrenzen. Und da sie sonst in allem ein vorbildliches Mädchen war, hatte ich keinen Grund zur Beunruhigung. Irgendwann würde sie schon zur Vernunft kommen.

Doch dann kam der Schock aus heiterem Himmel. Nie werde ich diesen demütigenden Moment vergessen, als ich eines Morgens zur Schulleitung zitiert wurde und erfahren musste, dass der dringende Verdacht bestand, meine Tochter habe ein Verhältnis mit dem Schulseelsorger. Der junge Priester hatte natürlich alles abgestritten, aber ich war mir sicher, dass er lügt. Noch heute sehe ich ihn vor mir stehen, wie er mich anschaut. Ich hätte ihm in die Fresse… entschuldigen sie, bitte, aber sie hätten ihn sehen sollen!

Weder die Schule noch ich konnten uns damals einen Skandal leisten. Und so waren wir dankbar, dass es für diese Schande wenigstens keine stichhaltigen Beweise gab. Nicht auszudenken, wenn es später geheissen hätte, die Erbin des renommierten Bankhauses hätte schon als Schülerin… Es reichte, dass wir mit dem Gerücht leben mussten.

Natürlich hatte ich versucht, kühlen Kopf zu bewahren. Aber die Kränkung sass tief. Wie konnte sie mir das antun, sie, meine Prinzessin, der einzige Sinn meines Lebens und Arbeitens? Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl, das ich ein für alle Mal abgestellt zu haben glaubte: Der Hass. Jahrelang hatte mich dieses Gefühl gequält, nachdem sich meine Mutter zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters einen neuen Mann ins Bett geholt hatte.

Ich war fünfzehn, als mein Vater mit seinem Mercedes in einer Kurve von der Strasse abgekommen war und 150 Meter in eine Schlucht gestürzt war. Es war eine brutale Zeit für uns. Meine Mutter hatte ihre ganzen Beziehungen einsetzen müssen, um die verschuldete Bank vor dem Ruin zu retten und mich vor der Flucht in Alkohol und Drogen zu bewahren. Immer wieder hatten wir uns gegenseitig getröstet, indem sie mich bei sich im Bett hat schlafen lassen. Ich mochte ihre Nähe und ihren Geruch, doch eines Tages war die Zimmertür verschlossen. Und am nächsten Morgen in der Früh sah ich den Mann das Haus verlassen, den ich in Zukunft als meinen neuen Vater betrachten sollte.

Und nun ging meine eigene Tochter mit einem Priester ins Bett. Dabei war sie noch keine 18. Natürlich wusste ich, dass sie mich eines Tages… Aber doch nicht so. Schon drei Jahre früher hatte sie plötzlich begonnen, ihr Schlafzimmer abzuschliessen und sich auch im Bad einzuschliessen. Mir war damals sofort klar, wer dahinter gesteckt hatte. So sehr sie ihren Glaubenswahn von ihrer Oma geerbt hatte, so sehr hatte sie sich in allem anderen an meiner Mutter orientiert.

Diese hatte als junge Frau ihre vielversprechende akademische Karriere an den Nagel gehängt, um meinen Vater zu heiraten. Mit meiner Frau konnte sie sich nie anfreunden. Sie fand ihre Schwiegertochter billig und unkultiviert, und ihre Mode fand sie vulgär und exzentrisch. Umso mehr hatte sie es sich zum Ziel gesetzt, ihrer Enkelin Kultur und Stil beizubringen. Und das war ihr offensichtlich auch ganz gut gelungen. Im Gegensatz zu mir, der für ihre kulturelle Erziehung weitgehend unzugänglich geblieben war, hatte sich meine Tochter kreuz und quer durch die Weltliteratur gelesen. Und ihre altmodische Weise, Strickjacken im Stil von Grace Kelly um die Schultern gelegt zu tragen, hatte sie definitiv von meiner Mutter abgeschaut… nur dass sie diese dabei an Eleganz bei Weitem übertraf.

Meine Mutter war es auch, die nie an die Geschichte mit dem Priester geglaubt hatte. Sie hatte mir heftigste Vorwürfe gemacht, dass ich so wenig Vertrauen in meine eigene Tochter habe und ihr tatsächlich so etwas zutrauen würde. Aber ich war in meiner Enttäuschung blind vor Hass, ein Hass, der noch in dem Masse zunahm, wie auch meine Tochter begann, mich mit diesem mitleidig traurigen Ausdruck in den Augen anzuschauen.

Diesen Hass hatte mir schliesslich auch meine Frau zum Vorwurf gemacht, als sie sich kurz nach dem Schulabschluss unserer Tochter von mir trennte. Sie hatte mir nie verziehen, dass ich in jener verhängnisvollen Nacht des Überfalles versucht hatte, die Täter hinzuhalten und Zeit zu gewinnen. Ich war damals für Verhandlungen in Wien, als ich nachts in meinem Hotelzimmer von einem falschen Zimmermädchen überfallen wurde. Sie bedrohte mich mit einer Waffe und zwang mich, auf meinem Laptop ein live Video anzuschauen. Es zeigte meine Frau und meine Tochter. Sie sassen auf Stühlen in unserem Salon und waren brutal mit Klebeband gefesselt und geknebelt. Die Täter hatten von mir verlangt, über meinen Laptop grössere Geldsummen auf verschiedenen Bankkonten zu überweisen. Natürlich hatte ich versucht, sie hinzuhalten und behauptet, von hier aus keinen Zugang zu unseren Konten zu haben. Ich hatte die wiederholten Drohungen so lange ignoriert, bis ich mitansehen musste, wie meine Tochter vor laufender Kamera…

Für meine Frau war völlig klar: Ohne meinen blinden Hass hätte ich es nie so weit kommen lassen.

Das Schlimme ist, dass sie wohl Recht hatte. Ich weiss, dass es irgendwie pervers tönt, aber als ich das Mädchen so dasitzen sah, völlig hilflos und doch mit einem ungebrochenen Ausdruck in den Augen und dem strahlend goldenen Kreuzchen im Ausschnitt ihrer Bluse, da hörte ich mich aus der Finsternis meiner Seele sagen: „Das hast du davon, wenn du deinen Gott beleidigst“.

Zu meiner Überraschung und Erleichterung schien mir meine Tochter aber nichts übel zu nehmen. Ganz im Gegenteil. Obwohl sie selber sehr unter den Ereignissen gelitten hat und auch mehrere Wochen in die Klinik musste, hatte sie den Kontakt zu mir nie abgebrochen. Meine Beziehung zu ihr normalisierte sich in dem Masse, wie ich hoffen durfte, aufgrund ihrer glanzvollen Studienabschlüsse doch mit einem positiven Erfolg meiner Pläne rechnen zu können. Sie war erwachsen geworden und attraktiver denn je, als sie aus dem Ausland zurück kam und gleich einen Job bei einer renommierten Grossbank antreten konnte. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass sie direkt bei uns einsteigen würde. Nun ja, ich liess durchblicken, dass sie die Stelle meinetwegen bekommen habe, und schliesslich konnte es mir ja nur recht sein, wenn sie sich erst einmal bei der Konkurrenz Erfahrung und zusätzliche Kompetenzen erwarb.

Die Trennung von meiner Frau hatte auch mir zugesetzt. Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber meine Mutter hatte recht: Ich war einsam. Und so genoss ich es umso mehr, dass sich meine Tochter immer wieder Zeit für mich nahm, mich in die Oper und in Ausstellungen begleitete, und mich einmal pro Woche zum Mittagessen traf. Ich war so stolz auf sie. Sie war so ganz anders als ihre Mutter, ruhig und eher introvertiert. Und sie hatte und übertraf gleichzeitig fast alle Qualitäten, die ich an meiner eigenen Mutter immer bewundert habe.

Ich konnte den Tag kaum erwarten, an dem ich sie endlich als meine Nachfolgerin präsentieren könnte. Meine Kräfte begannen nachzulassen und langsam begann ich ungeduldig zu werden. Meine Mutter meinte zwar immer, ich solle dem Mädchen Zeit lassen. Aber sie wusste natürlich, dass sie ihren eigenen Sitz im Verwaltungsrat endlich räumen musste, wenn ich ihre Enkelin ins Geschäft bringe.

Wie auch immer, ich genoss die Zeit mit meiner Tochter. Sie tat mir gut und was ich so über sie hörte, gab mir allen Grund zu Zuversicht und väterlichem Stolz. Und sie war eine gute Zuhörerin. Mit ihr konnte ich über alles reden: Über meine Mutter, meine gesundheitlichen Beschwerden, mein Leiden an der Trennung von ihrer Mutter, und über die Sorgen mit der Bank, die Schwierigkeiten mit dem operativen Geschäft und die Notwendigkeit einer neuen, kompetenten Kraft in der Geschäftsleitung. Als Zeichen meiner Anerkennung begann ich auch, ihr regelmässig Geschenke zu machen. Ich kaufte ihr Seidentücher, Schmuck und eine schicke Handtasche, ein edles Kaschmir-Twinset und ein Abendkleid, und schliesslich einen Pelzmantel und eine eigene Penthaus Wohnung.

„Papa, ich bin nicht deine Geliebte!“, hatte sie gesagt, als ich ihr damals in ihrer alten Zweizimmerwohnung in einem etwas schäbigen Genossenschaftsbau den teuren Pelzmantel um die Schultern gelegt hatte, in dessen Tasche auch ihre neuen Wohnungsschlüssel steckten. Ich sehe sie heute noch, wie sie vor den Spiegel steht, sich in den Mantel kuschelt und die losen Ärmel nach links und rechts schwingen lässt. Sie sah einfach hinreissend aus. Und nie werde ich ihren Blick vergessen, der sich mir im Spiegel darbot: Dieser strahlende Glanz erblühter Weiblichkeit und das kurze Aufblitzen einer kindlichen Freude, die aber unvermittelt in eine seltsam ernste Traurigkeit überging.

Langsam war sie ans Fenster getreten und hatte sich den Mantel von den Schultern genommen. Ihr Rücken unter dem schwarzen Rollkragenpullover schien plötzlich zu beben, während sie schweigend in den Hof blickte, aus dem das Lachen spielender Kinder zu uns nach oben drang. Und als sie sich nach einer Weile umdrehte, rannen Tränen über ihre Wangen. Doch als sie schliesslich auf mich zukam, mir den zusammengefalteten Mantel in die Hand drückte und mich dabei zärtlich auf die Stirn küsste, war ihr Blick fest und entschlossen.

Sie hat mir an diesem Abend mitgeteilt, dass sie gekündigt hat…

… und dass sie ins Kloster eintreten wird.

*******

Lieben Sie ihre Tochter?

Wenn Hass ein Mass ist für gekränkte Liebe, ja dann muss ich sie wohl irgendwie lieben.

Sagen Sie: Glauben sie an Gott?

Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, kann er so grausam sein, die Tochter zum Werkzeug der Rache am eigenen Vater zu machen?

Vielleicht sollten Sie einmal ihre Tochter fragen.

Warum sie? I (ein Mitschüler)

(Aus dem Tagebuch eines ehemaligen Mitschülers)

Warum sie 1
Bild von Cherrykoko

Warum hatte sie das getan? Warum? Warum ausgerechnet sie?

Hatte sie nicht alles, was sich eine junge Frau wünschen konnte?

Sie lebte in einem fantastischen Haus am See. Ihr Vater war der Leiter einer traditionsreichen Privatbank und ihre Mutter eine ehemalige Schönheitskönigin, die sich als Model und später als Modedesignerin einen Namen gemacht hatte. Von ihrem Vater hatte sie die Intelligenz, von ihrer Mutter die Schönheit. Alles war angerichtet für eine erfolgreiche Karriere.

Wie gross war doch der Stolz ihres Vaters gewesen, als sie das Studium in Rekordzeit mit Summa cum Laude abgeschlossen hatte. Dank seiner Beziehungen hatte sie auch gleich eine Topstelle in einer Grossbank bekommen. Bei allen schwierigen Fragen stärkte er ihr den Rücken. Und er genoss es sichtlich, mit seiner eleganten Tochter in die Oper zu gehen, Symphoniekonzerte zu besuchen und sich mit ihr in den besten Clubs und Restaurants zum Mittagessen zu treffen. Für jedermann war klar, wer dereinst seine Nachfolgerin werden sollte.

Was war also geschehen? Wie konnte es so weit kommen? Und wann hatte es begonnen?

Niemand konnte es wirklich sagen.

Natürlich war sie schon in der Schule irgendwie eine Aussenseiterin gewesen. Zu Beginn der Pubertät wurde sie wegen ihrer kleinen Brüste gehänselt. Sie war als Streberin verschrien und ihre eigenwillige Art, Strickjacken um die Schultern gelegt zu tragen, brachte ihr schon früh den Titel „Frau Professor“ ein… und „Papis Sekretärin“. Und auch die exquisiten Kleider, die ihre Mutter für sie entwarf, gehorchten nicht unbedingt dem Imperativ der aktuellen Teenie-Mode. Doch mit der Zeit war es ihr gelungen, sich Respekt zu verschaffen. Man begann, sie zu mögen, und irgendwann wurde sie gar zur Klassensprecherin gewählt. Wirkliche Freundinnen schien sie jedoch keine zu haben. Ausser vielleicht das eine Mädchen aus der Parallelklasse, ein trotziges, übergewichtiges Kind, dessen Vater aus irgendeinem Grund im Gefängnis sass.

Uns Jungs gegenüber war sie offen und nett, aber mehr nicht. Durch diese Zurückhaltung wurde sie spätestens in der Oberstufe zum Dauerthema auf dem Pausenhof und in den Umkleidekabinen. Wetten zirkulierten, wer es zuerst schaffen würde, sie zu küssen und mit ihr in den Ausgang zu gehen. Und eines Tages hatte tatsächlich einer behauptet, mit ihr im Bett gewesen zu sein. Als Beweis hatte er uns eine abgeschnittene Haarlocke präsentiert. Sie selber hatte zu diesem Thema beharrlich geschwiegen.

Unvergessen sind die Ohrfeigen, die sie damals zwei Mitschülern vor den Augen des Klassenlehrers verabreicht hatte. „Zufällig“ war ihr während der Stunde das Blatt in die Finger gekommen mit dem Resultat einer „repräsentativen“ Umfrage bezüglich der Qualität der „Titten und Ärsche“ aller Mädchen der Klasse. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll der Klassenlehrer seinen Kollegen gegenüber behauptet haben, sie habe sich dafür gerächt, dass sie nur auf Platz drei der Liste gestanden habe.

Die anderen Mädchen waren hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Eifersucht. Die einen hatten sie für ihre Unabhängigkeit beneidet, während andere sie für arrogant und verklemmt hielten. Das Gerücht, sie sei eine Lesbe, hatte sich ebenso hartnäckig gehalten wie die Behauptung, sie wolle ihre Zeit nicht verschwenden mit Jungs ihres Alters und sich stattdessen direkt einen Kerl von der Uni angeln.

Doch all diese Gerüchte und Spekulationen hatten sich Mitte des letzten Schuljahres in Luft aufgelöst, als stattdessen plötzlich der Verdacht im Raum stand, sie hätte Sex mit dem Schulseelsorger, dessen Angebote sie regelmässig besuchte und unterstützte. Es konnte den beiden nichts nachgewiesen werden, doch der junge Priester musste umgehend die Schule verlassen.

Die Angelegenheit musste schwer auf ihr gelastet haben. Sie hatte sich immer mehr zurückgezogen und ihr Abitur schliesslich weit unter ihren Möglichkeiten abgeschlossen. Kommt dazu, dass sich ihre Mutter damals unvermittelt von ihrem Vater hatte scheiden lassen. Kein Wunder also, dass sie wenige Monate nach Schulabschluss in eine schwere Depression gefallen war.

Ich weiss nicht, was mir den Mut gegeben hatte, sie damals in der Klinik zu besuchen. Es ging ihr schon besser, aber die Spuren der Medikamente waren nicht zu übersehen. Sie hatte sich sehr gefreut über meinen Besuch und ich war erstaunt, wie offen sie mir von ihrem Leiden erzählte, von der plötzlichen Stigmatisierung und Einsamkeit nach der Geschichte mit dem Seelsorger, vom Schmerz über die Trennung ihrer Eltern, und von der Nacht, die das Leben ihrer Familie verändert hatte. Ich konnte mich erinnern, dass sie einmal mehrere Tage gefehlt hatte. Aber genaueres hatte man damals nicht erfahren. Sie und ihre Mutter waren offenbar mehrere Stunden in der Hand von Geiselnehmern gewesen, während ihr Vater gezwungen worden war, umfangreiche Finanztransaktionen zu tätigen. Erst am folgenden Morgen waren sie von der Haushaltshilfe gefesselt und geknebelt aufgefunden worden. Ihr Blick schien seltsam leer und abwesend, als sie mir davon erzählte. Aber ich wagte nicht weiter zu fragen.

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik war sie zum Studium ins Ausland gegangen. Und als sie zurückkam, um ihre Karriere bei der Bank zu starten, war ich im Ausland. Wir hatten uns mehrere Jahre nicht mehr gesehen, als ich sie eines Tages auf der Treppe zur Unibibliothek beinahe über den Haufe rannte. Sie sah atemberaubend aus in ihrem gehäkelten Sommerkleid und der graue Kaschmir-Strickjacke, die ihr bei meinem Rempler von den Schultern geglitten war. Da sie einen dicken Stapel Bücher in den Armen hielt, musste ich ihr die Jacke aufheben. Noch heute erregt mich die Erinnerung an das betörend weiche Kaschmir und den dezenten Duft ihres Parfüms, wenn ich daran denke, wie ich unvermittelt mit ihrer Jacke in der Hand auf der Treppe stand und wartete, bis sie ihre Bücher zurückgegeben hatte.

Über zwei Stunden waren wir damals durch den Stadtpark spaziert, bis sie sich schliesslich verabschieden musste. Nie werde ich diesen letzten Moment vergessen, als sie nach einer kurzen Umarmung und einem leichten Kuss auf meine Wangen im Laufschritt zur Bushaltestelle eilte. Ihre Weise, die Jacken zu tragen, hatte auf mich bei aller Eigenständigkeit immer auch einen fragilen und verletzlichen Eindruck gemacht. Doch als ich nun zusah, wie die Strickjacke mit den langen Ärmeln im Rhythmus ihrer leichten Schritte elegant um ihre Schultern wehte, erschien sie mir plötzlich wie eine Königin… oder wie ein Engel. Ein drückender Schmerz befiel mein Herz, als sie mir aus dem Fenster des Busses mit einem seltsam wehmütigen Blick noch einmal zuwinkte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich eigentlich gar nichts von ihr erfahren hatte. Wir hatten doch tatsächlich die ganze Zeit nur über mich gesprochen.

Als ich schliesslich nach einer Woche endlich meinen ganzen Mut zusammennahm und mich in der Bank nach ihr erkundigte, erfuhr ich, dass sie ihre Stelle gekündigt hatte und schon seit einem Monat nicht mehr dort arbeitete. Auch aus dem Elternhaus war sie vor ein paar Tagen ausgezogen. Und da ihr Facebook-Account gelöscht war, ihre Mutter zum wiederholten Mal in einer Klinik weilte und ihr sichtlich erzürnter Vater sich kategorisch weigerte, über seine Tochter zu reden, schien sie sich für mich wie in Luft aufgelöst zu haben.

In der ersten Zeit nach ihrem Verschwinden war ich hin und her gerissen zwischen meiner Sorge um sie und meiner verletzten Eitelkeit. Was war nur in sie gefahren? Wie konnte sie alles aufgeben, einfach so? Und warum hatte sie mir nichts gesagt? Ich verstand sie nicht. Ich hatte sie wohl noch nie wirklich verstanden. Aber hatte ich je versucht, sie zu verstehen? Was wusste ich überhaupt von ihr? Plötzlich wurde mir schmerzhaft bewusst, wie sehr sie mir fehlte… wie sehr sie mir all die Jahre gefehlt hat. Und ja, ich war wütend auf sie. Doch eigentlich war ich wütend auf mich. Was war ich nur für ein ängstlicher, verklemmter Idiot gewesen! Ein jämmerlicher, ichbezogener Feigling! Ich hatte es vermasselst, all die Jahre.

Ich brauchte ein paar Wochen, um mich allmählich zu beruhigen und sie einmal mehr aus meinen Gedanken und Gefühlen zu verdrängen. Meine neue Arbeitsstelle nahm mich schliesslich voll in Anspruch und ein gelegentlicher Flirt mit einer Kollegin trug das Seine dazu bei, mich von meiner unerfüllten Sehnsucht abzulenken.

Und dann erhalte ich mit der Post diese Anzeige, nach über zwei Jahren!

*******

Die Kirche war nicht besonders gross, aber bis auf den letzten Platz besetzt. Drei Reihen vor mir sass ihre Mutter. Sie war alt geworden und die Medikamente hatten ihr zugesetzt. Aber ihre aufrechte Haltung und ihre langen, silbergrauen Haare, die sich auf ihrem Rücken in Wellen über das elegante, schwarzen Kaschmir-Cape ausbreiteten, liessen immer noch die ehemalige Schönheitskönigin erahnen. Sie trug einen schwarzen Hut mit breiter Krempe, und als sie den Kopf drehte, erkannte ich die dunklen Spuren des Liedschattens, die ihre Tränen auf der Wange hinterlassen hatten. Der Vater war nicht da. Das hätte mich auch gewundert. Auch sonst kannte ich kaum jemanden. Niemand von unserer alten Klasse war gekommen.

Umso dankbarer war ich für die junge Frau, die neben mir sass. Sie hatte mich beim Betreten der Kirche angesprochen. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, als sie mir geduldig zugesehen hatte, wie ich verzweifelt versuchte, sie einzuordnen. Ihre leicht zur Fülle neigende Figur steckte in einem perfekt geschnittenen, dunklen Kostüm, dessen lange Blazerjacke sie sich elegant um die Schultern gelegt hatte. Die Zeremonie hatte bereits lange begonnen, als ich immer noch nicht wusste, wo ich sie unterbringen musste. Ich wusste nur, dass es mir gut tat, sie neben mir zu spüren in dieser seltsam fremden Umgebung.

Und so richtig fremd wurde es für mich, als wir plötzlich alle standen und auf die schwarze Gestalt starrten, die ausgestreckt vor uns am Boden lag, den Kopf verborgen unter einem schwarzen Schleier. Ein Chor erfüllte den Raum mit einem monotonen Antwortgesang. Vereinzelt versuchten Leute um mich herum mitzusingen, auch die Frau an meiner Seite. Ich hörte einzelne Namen wie Franziskus, Benedikt und Teresa, die ich noch aus der Schule kannte, aber die meisten anderen sagten mir nichts. Einen Moment glaubte ich auch den Namen Edith Stein gehört zu haben, aber bevor ich mich noch länger darüber wundern konnte, begann sich die schwarze Gestalt vor uns langsam zu erheben.

Noch immer hatte ich ihr Gesicht nicht gesehen, als sie wenig später von einer älteren Frau im gleichen schwarzen Gewand vor allen Leuten herzlich umarmt wurde. Erst als eine Gruppe von ebenso schwarz gekleideten Frauen einen mehrstimmigen Gesang anstimmte, drehte sie sich endlich zu uns um. Ich hätte sie im ersten Moment fast nicht wiedererkannt, zumal unter dem schwarzen Schleier nur ihr helles Gesicht zu sehen war. Doch als ich ihr typisches, kaum wahrnehmbares Winken sah, das von meiner Banknachbarin spontan erwidert wurde, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es war das Winken, um das ich das Mädchen aus der Parallelklasse immer beneidet hatte.

Und dann, über alle Köpfe hinweg und an der Krempe des Hutes ihrer Mutter vorbei, trafen sich unsere Blicke. Das freudige Erkennen in ihren Augen gab mir einen Stich ins Herz. Doch tiefer als dieser spontane Blick hat mich der Ausdruck ihres Gesichtes getroffen, der diesem Blick voranging. Noch nie hatte ich ein solch entspanntes und selbstbewusstes Strahlen gesehen, einen Ausdruck, für den mir die Worte fehlen und der mich gleichzeitig mit einer tiefen Freude und einem lodernden Schmerz erfüllte.

Einen Moment lang stand ich da wie gelähmt, bis ich spürte, wie jemand sanft meinen Arm berührte. Und mitten im hymnischen Gesang, der die Kirche bis unters Dach erfüllte, hörte ich plötzlich eine leise Stimme an meinem Ohr:

„Du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hattest nie eine Chance gegen IHN“.

 

Schatten der Vergangenheit (IV)

Die lange Strickjacke war bis unter seinen Hals fest zugeknöpft. Er hatte heiss und bekam keine Luft. Aber er konnte seine Arme nicht bewegen. Lose baumelten die Ärmel der Jacke von seinen Schultern, während sich eine behandschuhte Hand auf seinen Mund presste. Direkt vor ihm waren ein paar Augen, die ihn durch den Schlitz einer schwarzen Motorradhaube anstarrten. Und plötzlich waren es die Augen seiner Mutter. Zwischen ihren Zähnen hielt sie ein Messer, während er spürte, wie man sich an den untersten Knöpfen der Strickjacke zu schaffen machte…

001
Bild von Scottish Classic Knitwear

Sein eigener Aufschrei weckte ihn aus dem Mittagsschlaf. Durch das offene Fenster drang der frühlingshafte Gesang der Vögel, während die Standuhr im Treppenhaus zwei Uhr schlug. Das Herz pochte heftig unter seinem schweissnassen Hemd, als sich Richard vorsichtig aus dem Bett wälzte. Keine zwei Monate war es her, dass er sich bei dieser Gelegenheit einen Hexenschuss eingefangen hatte. Schon damals war er aus einem ähnlichen Traum hochgeschossen. Mein Gott, wie hatte sich sein Leben verändert seit jenem Tag!

Vor einem Monat hatte sich seine Frau in der Klinik das Leben genommen. Und vor drei Wochen, einen Tag nach der Beerdigung, hatte ihre junge Assistentin die Sachen gepackt und war ausgezogen. Seither lebte Richard alleine in dem grossen Haus. Nur die Haushälterin und der Gärtner leisteten ihm tagsüber Gesellschaft. Angst hatte er keine während der einsamen Nächte. Gegen dieses Gefühl schien er seit Jahren immun zu sein. Wenn da nur nicht dieser Traum gewesen wäre. Seit ein paar Tagen schon hatte er wieder seine Pistole unter dem Kopfkissen.

Nachdem er kurz das Magazin der Waffe kontrolliert hatte, legte er sie zurück in die Nachttischschublade und machte sich daran, das feuchte Hemd zu wechseln. Im Schrank stiess er dabei auf die dicke Wollstrickjacke, die ihm seine Frau zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hatte sie nur einmal kurz getragen, ihr zuliebe. Seither lag sie zusammengelegt hinter den frischen Hemden. Wie hätte sie auch wissen sollen… Er hatte nie mit ihr darüber gesprochen.

Einem spontanen Impuls folgend nahm er die Strickjacke hervor und entfaltete sie zwischen seinen Händen. Seine Frau hatte Geschmack, das musste man ihr lassen. Und sie hatte einen ausgesprochenen Sinn für Qualität. Nach kurzem Zögern überwand Richard schliesslich seinen Widerstand und schlüpfte in die zugeknöpfte Jacke. Instinktiv verspannte sich sein Körper, doch die Wolle fühlte sich wunderbar an und der weite Schalkragen sorgte dafür, dass er sich um den Hals nicht eingeengt fühlte. Eine leise Erregung bemächtigte sich seiner, als er sich unter dem Hemdkragen auch noch ein Seidentuch um den Hals band.

„Du siehst fantastisch aus!“, hörte er in seinem Kopf eine Stimme sagen, als er sich im Spiegel betrachtete. Ja, verdammt, sie fehlte ihm, diese Stimme. Nicht dass sie ihm tatsächlich je so etwas Ähnliches gesagt hätte. Nein, dazu war sie viel zu diskret und professionell gewesen. Ein bitterer Schmerz durchfuhr Richard, als er daran denken musste, was die junge Frau ihm erzählt hatte. Sie hatte beim Leeren des Papierkorbes im Arbeitszimmer seiner Frau nicht nur sein Bild und seine Blumen sondern auch den Ohrring gefunden, den sie verloren hatte, als sie ihm beim Hexenschuss zu Hilfe kam. Mein Gott, sollte sie recht gehabt haben? Sollte seine Frau wirklich geglaubt haben, dass er mit ihr im Bett war? War das der Grund für ihren Zusammenbruch? War er am Ende schuld an ihrem Tod? Natürlich war da nie etwas gewesen zwischen ihm und der jungen Assistentin. Doch war das wirklich wahr? Machte er sich da nichts vor? Wie viele Male hatte er die junge Frau vor seinem inneren Auge ausgezogen. Und wessen Augen und Lippen hatte er vor sich gesehen, wenn er sich alleine in seinem Zimmer…?

Aber nein, verdammt, wegen eines Ehebruchs bringt man sich nicht um! Das hatte ihm auch die junge Assistentin versichert, nachdem sie seine erschrockene Reaktion bemerkt hatte. Sie wusste offenbar mehr über seine Frau als er selber. Aber sie hatte ihm nichts weiter erzählt. Er hatte sich hundert Mal gefragt, was sie erfahren haben könnte. Denn eines war ihm klar: Sie konnte unmöglich wissen, was er am Tag der Beerdigung erfahren hatte.

Damals war ihm beim Leichenmahl eine Dame aufgefallen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie trug ein langes schwarzes Strickkleid über eleganten Lederstiefeln, und hatte sich eine schwarze Kaschmir-Stola um die Schultern geschlungen. Richard hatte seinen Augen nicht getraut, als sie sich ihm schliesslich als seine Schwägerin vorgestellt hatte. Seine Frau hatte nie von ihrer Schwester gesprochen. Er wusste nur, dass sie eine hatte, dass diese schon früh allerhand Probleme mit Drogen und Essstörungen hatte und dass die Schwestern schon seit Jahren keinen Kontakt mehr miteinander pflegten.

„Sie haben sich ihre Schwägerin ganz anders vorgestellt, nicht wahr?“, sagte die Dame mit warmer Stimme, als sie sich etwas abseits der Leute auf das Sofa setzten. Um ehrlich zu sein, hatte Richard sie sich gar nicht vorgestellt. Er wusste nicht einmal, dass sie noch lebte. Doch sie hatte überlebt. Und wie! Die Dame machte keinen Versuch, ihre Tränen zu verbergen, als sie begann, ihm von ihrer Jugend zu erzählen: Von ihrer völlig überforderten Mutter, die abends in Bars arbeiten musste, um die Familie durchzubringen. Von ihrem Vater, der nach einem Grubenunglück invalid geworden war. Von seinen Depressionen, seinen Gewaltausbrüchen und von all den Jahren, während denen er sich von seinen Mädchen das holte, was ihm seine Frau nicht geben wollte. Ihre ältere Schwester hätte alles getan, um den Horror zu verleugnen. Sie war die perfekte Fassade der Familie gegen aussen: Intelligent, angepasst, fleissig und erfolgreich. Ja, sie habe sie gehasst dafür. Doch heute täte sie ihr leid. Sie selber wäre damals durch die Hölle gegangen. Aber eines Tages habe sie Menschen getroffen, die ihr geholfen hätten. Es sei ein langer Therapie- und Heilungsweg gewesen. Aber schliesslich habe sie selber Sozialarbeit studieren können. Und heute kümmere sie sich um Kinder aus problematischen Familien. „Ich weiss nicht, was meine Schwester letztlich in den Tod getrieben hat. Aber ich hatte immer geahnt, dass die verdrängte Finsternis sie eines Tages einholen würde.“

Beim Zuhören war Richard bewusst geworden, dass er seine Frau nie hatte weinen sehen. Er konnte sich nicht erinnern, dass sie je die Fassung verloren hätte. Sie war für ihn der Inbegriff von Stärke und Souveränität. Und das war wohl auch der Grund, warum er sie geheiratet hatte: Das, ihre gesicherte gesellschaftliche Existenz als renommierte Professorin, und ihre lange Kaschmirjacke, die sie so geliebt hatte und die sie stets bis zum Hals zugeknöpft zu tragen pflegte.

Richards Mutter hatte damals eine ähnliche Jacke besessen. Er war als Junge oft nachts alleine zuhause, wenn seine Mutter im Krankenhaus Dienst hatte. Er hatte immer schreckliche Angst, wagte es ihr aber nicht zu sagen. Dafür hatte er sich jeweils ihre Strickjacke aus dem Schrank geholt. Eingehüllt in die weiche Wolle fühlte er sich wenigstens etwas sicherer und geborgen.

Eines Nachts, kurz nach seinem achten Geburtstag, war er dabei auf dem breiten Bett seiner Eltern eingeschlafen. Plötzlich wurde er vom grellen Licht einer Taschenlampe aus dem Schlaf gerissen. Der feine Geruch von Leder drang ihm in die Nase, als eine Hand ihn am Schreien hinderte. Und über der Lichtquelle tauchten plötzlich zwei Augen auf, die ihn aus dem Schlitz einer Motorradhaube hervor anschauten. „Kümmere dich um den Bengel!“ hörte er eine männliche Stimme aus dem Dunkeln, „wir warten auf die Alte.“

Die Frau hatte den völlig verängstigten Jungen mit Klebeband verschnürt und ihn dann in die Strickjacke seiner Mutter eingepackt, die sie ihm bis zum Hals zuknöpfte. Mit einem Stück Klebeband über dem Mund geknebelt musste er wenig später hilflos zusehen, wie seine Mutter bei der Rückkehr von der Arbeit überwältigt und brutal an einen Stuhl gefesselt wurde. Richard hatte damals nicht verstanden, was diese Leute von ihnen wollten. Er begriff nur, dass es um Nordirland ging, und um seinen Vater, der sich zurzeit dort aufgehalten hatte. Seine Mutter hatte beharrlich geschwiegen, auch dann noch, als man ihr einen Plastikbeutel über den Kopf stülpte. Nie wird er das bedrohliche Knarren des Holzstuhles vergessen, als sich ihr Körper verzweifelt gegen die Fesseln stemmte. Aber auch nach dem dritten Anlauf wollte sie noch immer nicht sprechen. Dann hatte die maskierte Frau plötzlich ein Messer in der Hand. Gelähmt vor Angst hatte Richard zugeschaut, wie sie langsam die untersten Knöpfe seiner Strickjacke öffnete. Blankes Entsetzen sprach aus den erschöpften Augen seiner Mutter, als die Klinge des Messers schliesslich unter seine Unterhose glitt. „Nein, bitte, nicht den Jungen! Ich werde euch…“, hatte er sie noch schreien gehört, bevor seine Erinnerung abriss.

Eine Woche später war seine Mutter gemeinsam mit seinem Vater mit militärischen Ehren beerdigt worden. Richard war unter Schock und hatte lange nicht erfahren, was damals geschehen war. Sein Grossvater hatte ihm nur erzählt, dass sein Vater bei einem Einsatz in Nordirland ums Leben gekommen war. Erst als er selber zehn Jahre später in die Britische Army eingetreten war und sich nach der Grundausbildung um die Aufnahme in die 14. Aufklärungskompanie bewarb, hatte er erfahren, dass sein Vater auch schon Mitglied von „The Det“ war. Irgendwie musste die IRA damals hinter dessen Identität gekommen sein. Einen Tag nach dem Tod seiner Frau war er in Belfast von einem Kommando auf offener Strasse erschossen worden. Richard war schon über dreissig und seit mehreren Jahren in Nordirland im Einsatz, als ihm sein leitender Offizier endlich die geheime Akte aus den Siebzigerjahren gezeigt hatte. Offenbar war seine Mutter damals geknebelt und mit einer Schlinge um den Hals gefesselt auf dem Bett zurückgelassen worden. Bei ihrem verzweifelten Versuch, den Jungen und sich zu befreien, musste sie sich vor Erschöpfung irgendwann selber erdrosselt haben.

Richard war innerlich zerbrochen, als er die Wahrheit erfuhr. Quälende Schuldgefühle begannen ihn Tag und Nacht zu begleiten, und er konnte nicht begreifen, wieso er sich an nichts mehr erinnern konnte. Gleichzeitig war er besessen vom Bedürfnis nach Rache und er hatte alle Mühe, seine psychische Verfassung vor seinen Vorgesetzten zu verbergen. Nie hätten sie ihm unter diesen Umständen erlaubt, noch länger in seiner Undercover-Mission zu bleiben. Und dies mit Recht. Denn eines Nachts hatte Richard geglaubt, in einem Pub die Augen von damals wiederzuerkennen. Und er war überzeugt, dass auch sie ihn erkannt hatte. Er ging ihr nach auf die Toiletten, und als sie sich im Gang plötzlich umdrehte und ihre Hand aus der Handtasche zog, hatte er sofort geschossen. Es war eine Primarlehrerin und sie hatte einen Pfefferspray in der Hand, weil sie glaubte, er wolle sie belästigen.

Richard war damals in eine tiefe Depression gefallen und musste den Dienst quittieren. Es waren schwierige Jahre gewesen, aber langsam hatte er sich gefangen. Er bezog eine Rente und hatte begonnen zu schreiben. In dieser Zeit war er seiner Frau begegnet. Er wurde zum diskreten Rückhalt ihrer wissenschaftlichen Karriere und sie gab ihm das Heim und die Geborgenheit, nach der er sich so sehr sehnte. Kinder waren ihnen keine vergönnt gewesen und er war sich wohl bewusst, dass sie diesbezüglich ihr Glück auch bei anderen Männern versucht hatte. Aber er hatte sie geliebt. Und von Tag zu Tag wurde ihm mehr bewusst, wie sehr sie ihm fehlte.

Richard sah immer noch in sein eigenes Spiegelbild, als ihn der warme Klang der Standuhr aus seinen Gedanken riss. Seine Strickjacke strahlte eine angenehme Wärme aus und zum ersten Mal seit jener verhängnisvollen Nacht spürte er nicht diese beklemmende Übelkeit beim Gefühl von Wolle auf seinem Körper. Spontan musste er an die edle Kaschmir-Jacke seiner Frau denken, die ihm so an ihr gefallen hatte. Auf dem Tisch neben dem Spiegel lag immer noch der Koffer mit ihren Sachen, den man ihm aus der Klinik gebracht hatte. Er hatte ihn bisher nicht geöffnet. Enttäuscht stellte er fest, dass die Jacke fehlte. Er hätte geschworen, sie bei seinem Besuch in der Klinik gesehen zu haben. Einen Moment lang war er irritiert. Doch als er den Deckel des Koffers wieder zumachte, verspürte er eine seltsame Leichtigkeit.

Langsam öffnete er die Glastür und trat hinaus auf den Balkon. Warm schien die Frühlingssonne auf seinen Körper, während er den Vögeln lauschte, die sich zwischen den noch immer nackten Bäumen tummelten. Noch vor kurzem war der Park unter einer dicken Schneedecke begraben. Und nun sass bereits die erste Biene vor ihm auf dem Geländer. Nachdenklich schaute er ihr zu, wie sie ihre Fühler und Augen putzte, bevor sie zu neuen Taten aufbrach. Dann, einem spontanen Impuls folgend, zog er sein Telefon aus der Tasche. Er brauchte nicht lange, um die Nummer zu finden. Und während er mit gespannter Erwartung die Klingeltöne zählte, öffneten seine Finger langsam die Knöpfe seiner Strickjacke…

********

Richard spürte eine seltsame Erregung, als er seinen Wagen im Innenhof des grosszügigen Landgutes abstellte. Eine Gruppe von Jungs hatte ihr Fussballspiel unterbrochen und schaute misstrauisch zu ihm herüber, während er sich die Strickjacke elegant um die Schultern legte und an ein paar kichernden Mädchen vorbei das Hauptgebäude betrat. Der Mann an der Pforte zeigte ihm den Weg zum Büro der Heimleiterin. Sie war gerade im Begriff, einem kleinen Mädchen das aufgeschlagene Knie zu verbinden, als er an die geöffnete Tür klopfte.

„Tee oder Kaffee?“, fragte sie strahlend, nachdem das Mädchen verschwunden war und sie ihm ihre kräftige Hand hingehalten hatte. Neugierig schaute er ihr zu, als sie ihre Jacke auszog und das Teewasser aufsetzte. Sie war etwas grösser als ihre Schwester und trug ihre grauen Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr Körper in der engen Jeans und dem ärmellosen Rollkragentop war in gesunder Form und Richard hatte Mühe sich vorzustellen, wie sie als Jugendliche ausgesehen haben muss. Und als sie sich mit dem Tablett in den Händen umdrehte, sah er auf ihrem Oberarm das dornenumrankte Schwert, das sich durch einen Totenkopf bohrte.

„Es erinnert mich jeden Tag daran, woher ich komme“, sagte sie schmunzelnd, während sie ihm den Tee einschenkte. „Und es verschafft mir gehörigen Respekt bei den Jungs“. Die natürliche Heiterkeit seiner Schwägerin war betörend und unwillkürlich begann sich Richard zu entspannen. Langsam öffnete er den Knopf an der Manschette seines Hemdes und schob den Ärmel nach oben. „Wer wagt, gewinnt“. Sie schien zu wissen, was das Zeichen bedeutete. Aber der leise Spott in ihrer Stimme verriet ihm, dass sie sehr wohl wusste, dass keiner, der unter diesem Motto gedient hat, sich dieses Zeichen auf den Arm brennen lassen würde.

„Es erinnert mich an die Zeit, wo ich noch etwas tun wollte für eine bessere Welt. Dafür, dass Kinder nachts in Frieden schlafen können, “ sagte er fast entschuldigend.

„Ich bin überzeugt, den Jungs wird es gefallen! Und die Mädchen mögen dich auch so. Glaub mir, ich kenne mich da aus!“

Im Strudel der Ohnmacht (VI, 2016)

„Sagt ihnen der Name Oberst Müller etwas?“
Einen kurzen Moment lang hielt die alte Dame inne, als Laurent sie mit der Frage überraschte. Ohne ihn anzublicken, stellte sie das Tablett auf den Tisch und begann in aller Ruhe den Kaffee einzuschenken. Sie musste weit über neunzig sein, aber ihre runzligen Hände zitterten kaum, und die Weise, wie sie die Jacke ihres Kaschmir-Twinsets um die Schulten gelegt trug, vermittelte eine Ahnung früherer Eleganz. Fasziniert schaute der junge Mann zu, wie sie sich langsam auf ihrem Stuhl niederliess, behutsam ihre Kaffeetasse an die dezent geschminkten Lippen führte und ihn über den Rand ihrer Brille hinweg musterte: „Ich habe ihn erschossen!“

walbusch-01
Bild von Walbusch

Laurent hätte sich fast an seinem Kaffee verschluckt. Fassungslos starrte er in die funkelnden Augen der alten Dame, die ihn ruhig anschauten. Unwillkürlich prüften seine Finger den Sitz seiner Krawatte, während er verzweifelt versuchte, zu erfassen, was er soeben gehört hat. Darauf war er nicht gefasst. So etwas hatte er nicht erwartet. Wobei er, wenn er ehrlich war, eigentlich gar nichts erwartet hatte. Er war mit dem festen Entschluss gekommen, so bald wie möglich wieder das Weite zu suchen. Seine Kollegen waren in Manhattan beim Shoppen und er hatte keine Lust, hier draussen den ganzen Nachmittag herumzuhängen. Was hatte er mit dieser Alten zu schaffen?

„Wer hat sie zu mir geschickt, junger Mann?“, hörte er die Frau sagen, während sein Smartphone unter dem Tisch vibrierte und die neuen, neongelben Sneaker anzeigte, die sein Kollege soeben in einem angesagten Streetwear-Shop gekauft hat. Laurent war nicht unglücklich, das Thema wechseln zu können. Und nachdem er die Sneaker auf Facebook geliked hatte, begann er von seinem Studium in Paris zu erzählen: Politikwissenschaften, Sciences Po, sie habe sicher schon davon gehört. Er möchte später in den diplomatischen Dienst. Am liebsten in die USA. Und er schreibe gerade an einer Seminararbeit über die Rolle des französischen Adels während der deutschen Besatzung in den Vierziger Jahren. Dabei sei er in seiner Heimatstadt auf die mysteriöse Geschichte einer Baronin gestossen, die kurz nach dem Krieg Selbstmord begangen habe. Die Geschichte sei ja eigentlich klar, aber sein Professor hätte gemeint, es gäbe in den USA noch eine Zeitzeugin, die ihm dazu vielleicht etwas erzählen könnte.

Die Runzeln um die Augen der alten Frau wurden noch etwas tiefer und ihre Finger schlossen sich um die wärmende Kaffeetasse, während sie Laurent wortlos anschaute. Und nachdem dieser unter dem Tisch die neuen Wildlederstiefel seiner Kollegin und eine coole Chicago Cubs Baseball-Mütze geliked hatte, erzählte er von seiner Grossmutter, die als junge Frau am Ende der Fünfziger Jahre in einem Bistrot am Stadtplatz gearbeitet habe. Sie hätte sich damals angefreundet mit einem Studenten, der sich für die „wilden Säuberungen“ nach dem Krieg interessiert habe. Sie habe ihm von einer seltsamem Begegnung erzählt, von einer mysteriösen Frau, die aus den USA gekommen war und das Grab der Baronin besucht habe. Der Student habe später herausgefunden, dass es sich dabei um das ehemalige Dienstmädchen der Baronin gehandelt haben müsse. Und ja, der Student von damals sei heute sein Professor an der Sciences Po.

„Warum erzähle ich ihr das alles?“, dachte sich Laurent, während er in einem Moment der Stille an seinem kalt geworden Kaffee nippte. Angenommen, diese Alte wäre wirklich das Dienstmächen der Baronin gewesen, warum sollte sie dann…? Das gibt doch keinen Sinn. Die Vorstellung, dass eine uralte Dame in einer bescheidenen New Yorker Wohnung die ganzen sorgsam erarbeiteten Thesen seiner Seminararbeit in Frage stellen sollte, wollte ihm ganz und gar nicht gefallen. Und all das, während seine Kollegen ihm im Minutentakt in Erinnerung riefen, dass jetzt nach einem langen und harten Semester doch einfach nur Party und jede Menge Spass angesagt war.

„Was wissen sie von Oberst Müller?“, wurde Laurent schliesslich beim Überfliegen seiner WhatsApp-Nachrichten unterbrochen. Und plötzlich war er hellwach: „Horst Müller, SS-Offizier, seit März 1943 Leiter einer regionalen Gestapo-Abteilung in Frankreich“, hörte er sich dozieren, während sein Blick an der alten Frau vorbei in die Ferne schweifte. „Geboren 1901 in Bayern, Sohn einer einfachen Kneipenwirtin und eines an Depressionen leidenden kaiserlichen Beamten. Hat sich mit viel Fleiss und Ehrgeiz hochgearbeitet und nach dem 1. Weltkrieg in München ein Studium in Rechtswissenschaften begonnen, das er aber nie abgeschlossen hat. Bereits Anfang der Zwanziger Jahre hatte er sich der Bewegung um Hitler angeschlossen und war 1930 der SS beigetreten. Nach dem Röhm-Putsch 1934, bei dem er sich als besonders loyal und effizient erwiesen hatte, wurde er in den Sicherheitsdienst SD übernommen, von wo er schliesslich zu Kriegsbeginn in die Gestapo wechselte. In Frankreich erwarb er sich grosse Verdienste im Kampf gegen die Resistance. Als geschickter Stratege – er gab sich oft als Oberst der Wehrmacht aus – unterhielt er aber auch gute Kontakte zu den einflussreichen Kreisen der französischen Wirtschaft und des Adels. Dabei lernte er auch die Baronin kennen, mit der er über mehrere Wochen eine Beziehung hatte. In ihrem Haus wurde er schliesslich von einem Kommando des örtlichen Widerstandes in eine Falle gelockt und ermordet. Die Baronin hatte man damals am Leben gelassen. An einen Stuhl gefesselt und geknebelt musste sie hilflos mitansehen, wie ihr Geliebter und sein Leibwächter erschossen wurden. Erst ein Jahr später bei der Befreiung wurde auch sie zur Rechenschaft gezogen, als man ihr vor allen Leuten die Haare…“

„Hören sie auf! Halten sie endlich den Mund!“ wurde Laurent unvermittelt von einem gellenden Aufschrei aus seinem Redefluss gerissen. „Sie haben überhaupt keine Ahnung!“ Fassungslos starrte er auf die alte Frau, die ihm mit zu Fäusten geballten Händen und vor Zorn bebenden Lippen gegenüber sass. Ihre heftige Reaktion hatte ihn völlig überrumpelt und während er etwas hilflos auf seinem Smartphone nach Halt suchte, begann sie sich langsam zu erheben. Ratlos sah er zu, wie sie sich aufgestützt auf die Tischplatte und mit geschlossenen Augen eine Moment lang sammelte, bevor sie ihm wortlos den Rücken zu drehte und ans Fenster trat.

In einer Mischung aus Bewunderung und Irritation stellte Laurent fest, wie aufrecht die greise Dame da stand, mit den langen Ärmeln ihrer Strickjacke, die lose an ihren Hüften baumelten. Sie erinnerte ihn an seine Mutter. Auch sie hatte eines Tages begonnen, ihre Strickjacken auf diese Weise um die Schultern drapiert zu tragen, damals in der Zeit nach dem Tod seiner Oma, als seine kleine Schwester zur Welt kam. Laurent hat ihr das nie verziehen. War er denn ein so schlimmes Kind gewesen? Womit hatte er das verdient gehabt, diese ständige Erschöpfung und Gereiztheit seiner Mutter, ihre traurige Unnahbarkeit und diese zugeknöpfte Strenge? Natürlich hatte auch er dann von der unerwarteten, positiven Verwandlung seiner Mutter profitiert. Aber igendwo tief in seinem Herzen hatte er sie gehasst für ihr plötzliches Glück. Und er hasste seine Schwester, den vermeintlichen Grund für diese wundersamen Wendung.

„Die Baronin war eine wunderbare Frau und eine loyale Französin! Sie hätte sich nie mit einem Nazi eingelassen“, wurde er von der leisen aber klaren Stimme der alten Dame aus seinen Gedanken gerissen. Laurent konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber das leise Beben der Schultern unter der Kaschmir-Jacke verriet die angespannte Erregung. „Oberst Müller war nichts als ein gemeiner Schuft, ein narzistischer, machtverliebter Emporkömmling. Er hatte mit den Gefühlen der Baronin gespielt, wie er mit uns allen gespielt hat. Der Krieg sei verloren, hatte er ihr gesagt. Hitler sei ein perverser Egomane und er könne es in seiner Ehre als Offizier nicht länger verantworten, tatenlos zuzusehen. Er wisse, dass sie, die Baronin, ihn damit in der Hand habe und sein Leben zerstören könne. Aber er vertraue ihr. Ob sie ihn mit dem Widerstand in Kontakt bringen könne? Die Baronin war weiss Gott nicht naiv. Wochenlang hatte sie ihn hingehalten. Aber er hatte nicht locker gelassen. Immer wieder hatte er sie besucht, ihr Geschenke gebracht und um ihre Gunst geworben. Er war nett, charmant und sah gut aus. Natürlich hatten die Leute begonnen zu reden. Aber das Gerücht, die Baronin fraternisiere mit den Deutschen, war für sie letztlich immer noch weniger gefährlich als es für ihn der blosse Verdacht gewesen wäre, als deutscher Wehrmachtsoffizier insgeheim mit der Resistance zu kollaborieren. Verstehen sie, junger Mann: Die Baronin hatte ihren eigenen Ruf aufs Spiel gesetzt, um die Vertrauenswürdigkeit dieses Mannes zu prüfen“.

Nein, Laurent verstand nicht wirklich, was sie ihm sagen wollte. Schliesslich hatte er seine Informationen aus den offiziellen Archiven. Warum also sollte er dieser alten Frau glauben, nach all diesen Jahren? Wie viele hatten sich nach dem Krieg nicht ihre eigene Version der Geschichte zurechtgelegt und irgendwann begonnen, selber daran zu glauben. Aber die Situation begann ihn zu faszinieren. Und so kam ihm plötzlich die Idee, diesen Moment mit „Facebook Live“ festzuhalten und mit seinen Kollegen in der Stadt zu teilen. Die ersten Kommentare und Likes liessen nicht lange auf sich warten, während die alte Frau am Fenster nach kurzer Pause wieder zu reden begann:

„Wenn jemand damals naiv war, dann war ich das. Ich mochte den Oberst. Er behandelte mich immer freundlich und respektvoll, ganz anders eben als die übrigen Damen und Herren, die sonst bei der Baronin ein und aus gingen. Einmal schenkte er mir ein paar exquisite Seidenstrümpfe, ein ander Mal ein paar goldene Ohrringe. Dann kam er eines Nachmittags vorbeigeritten, als die Baronin in der Stadt war. Wir brachten sein Pferd in den Stall, um es zu tränken. Und plötzlich lag ich in seinen Armen im Stroh. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben. Immer wieder fanden wir Gelegenheit: Auf dem Küchentisch, draussen im Gartenhaus, auf dem Teppich vor dem Kamin, ja einmal sogar auf dem breiten Bett im Zimmer der Baronin. Ich war völlig blind vor Leidenschaft, bis zu dem Tag, an dem uns ein Freund der Baronin, der Chef der örtlichen Resistance, beim Verlassen des Stalles antraf. Natürlich hatten wir eine gute Erkärung parat, doch das Stroh an meiner Strickjacke wollte nicht zur gewählten Ausrede passen. Noch am selben Abend wurde ich von ihm zur Rede gestellt. Er war ausser sich vor Wut und hätte mich fast totgeschlagen. Was mir eigentlich einfalle! Der Mann sei von der Gestapo, genauso wie der Gärtner, den wir vor ein paar Monaten eingestellt hatten. Er sei sich da ganz sicher. Ob wir denn von allen guten Geistern verlassen seien? Es reiche doch schon, dass die Baronin mit dem Kerl ins Bett gehe.
Ich hatte ihm kein Wort geglaubt. Ich wusste, wie eine Wehrmachtsuniform aussieht. Und die Baronin und der Oberst… nein, nie im Leben! Doch am nächsten Tag stand er plötzlich bei mir in der Küche. Er gab mir eine dieser Sten-Maschinenpistolen und befahl mir, mich versteckt zu halten. Dann überwältigte er die ahnungslose Baronin und fesselte sie an einen Stuhl. Ich habe nie begriffen, was er eigentlich vorhatte. Aber die ganze Sache lief völlig aus dem Ruder, als der Oberst und der Gärtner auftauchten. Doch unser Mann hatte recht. Nie werde ich diesen letzten Blick von Oberst Müller vergessen, als ich blind vor Hass den Abzug der Sten betätigte und diese zuerst nur mit einem metallenen Klicken antwortete. Es verfolgt mich noch heute im Schlaf, dieses breite, höhnische Grinsen, als er seine Pistole auf mich richtete.
Ja, junger Mann, ich habe Oberst Müller erschossen. Gehen sie nach Hause und sagen sie es ihrem Professor von Sciences Po. Sagen sie es allen, die es wissen wollen: Es gab kein „Kommando des örtlichen Widerstandes“. Ich habe Oberst Müller erschossen, und ich bin stolz darauf. Doch dieser Stolz ist nichts im Vergleich zu der quälenden Scham, die mich seit über siebzig Jahren Tag und Nacht begleitet. Seit jenem Tag, an dem man der Baronin vor hunderten von grölenden Menschen die Haare vom Kopf geschnitten hat. Es waren meine Haare, die damals hätten fallen müssen.“

Irgendetwas mit der „Facebook Live“ Funktion schien nicht zu klappen. Und so hat Laurent erst gar nicht wahrgenommen, wie sich die alte Dame langsam zu ihm umgedreht hatte. Mit einem leisen Gefühl von Scham lächelte er verlegen, als sich ihre Blicke über das hochgehaltene Smartphone hinweg trafen. Wusste sie, was er gerade tat? Wohl kaum. Jedenfalls zeigte sie keine Reaktion. Aber eine tiefe Trauer sprach aus ihren Augen und einen Moment lang glaubter er, sie schwanken zu sehen, bis ihre Hand an der Lehne eines Sessels Halt fand.

„Gehen sie jetzt, bitte!“, hörte er sie mehr hauchen als sagen, als das Smartphone vibrierte und ihm die Gesichter seiner Kollegen aus einem Selfie vor dem Trump Tower entgegen grinsten.

Laurent atmete erleichtert auf, als er aus dem Treppenhaus ins Freie trat und in seine Daunenjacke schlüpfte. Die kühle Dezemberluft war Balsam für seinen Geist nach zwei endlos scheinenden Stunden in der erstickenden Atmosphäre dieser Wohnung. Jetzt aber nichts wie weg hier! Er sehnte sich nur noch nach cooler Gesellschaft und einem Drink, nach etwas Starkem zum Abhängen und Vergessen. Schnell tippte er eine Nachricht an seine WhatsApp-Gruppe, während er in Richtung U-Bahn über die Strasse eilte und mit der linken Hand den Knoten seiner Krawatte löste. Nur Zentimeter haben gefehlt, und ein laut hupender Truck hätte ihn dabei mit quietschenden Bremsen über den Haufen gefahren…

—————-

An der zurückgezogenen Gardine im dritten Stock vorbei konnte sie den tätowierten Arm erkennen, der ihrem Gast aus dem Truck heraus den gestreckten Mittelfinger unter die Nase hielt. Der junge Mann zuckte nur mit den Schultern. Auf dem Gehsteig angekommen, hielt er einen Moment inne, vertieft in das kleine Gerät, das er die ganze Zeit nie aus der Hand gelegt hatte. Von hier oben kam er ihr vor wie ein kleiner Junge. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch das breite Grinsen von Donald Trump, der von einem riesigen Wahlplakat an der Hausfassade auf ihn herunter sah. Auch vier Wochen nach der Wahl hatte sich noch immer niemand die Mühe gemacht, diese Werbefläche zu erneuern.

Dann war der junge Mann um die Hausecke verschwunden, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie hätte ihm gerne noch zugewinkt, ein kleines Zeichen der Verbundenheit, der Dankbarkeit. Er war der einzige Mensch, der je ihre Wahrheit zu hören bekam. Irgendwie erleichtert und traurig zugleich schloss sie einen Moment erschöpft die Augen. Als sie sie wieder öffnete, glaubte sie in dem breiten Grinsen an der Hauswand einen höhnischen Zug zu erkennen. Unwillkürlich liess sie die Gardine zufallen und zog die Jacke ihres Twinsets enger um ihre Schultern. Sie hatte Oberst Müller erschossen, damals vor 73 Jahren. Aber ihr Gefühl sagte ihr, dass er wieder da war. Vielleicht war er immer schon da. Und er würde wohl auch immer da sein, auch dann noch, wenn es sie und ihre Erinnerungen schon lange nicht mehr geben wird.

Weihnachtsblues (II)

„Es war ein Mann. Er war maskiert und ist mit unserem BMW geflohen“.
Die Frau des reichen Unternehmers klang erstaunlich gefasst, als ihr der Polizeibeamte die Jacke ihres Twinsets vom Kopf wickelte, mit der sie geknebelt worden war. Der Kommissar, der von seinen Kollegen nur Sepp genannt wurde, war mit seiner Partnerin als erster am Tatort, nachdem der stille Alarm ausgelöst worden war. Sie hatten das Ehepaar mit Klebeband gefesselt auf dem Boden im Salon ihrer Villa gefunden. Sepp hatte eben begonnen, mit seinem Taschenmesser die Fesseln des Unternehmers durchzuschneiden, als das Funkgerät seiner Kollegin sich meldete: Ein Unfall bei der Autobahnzufahrt.

WALLANDER-III-1
Bild: Kenneth Branagh als Kurt Wallander

Sepp würde sich wohl nie an solche Bilder gewöhnen. Und je älter er wurde, desto schweren fiel es ihm. Der BMW war total zertrümmert. Er war in der Kurve von der Strasse abgekommen und in einen Brückenpfeiler geprallt. Der Fahrer musste es sehr eilig gehabt haben. Er war nicht angeschnallt. „Der Wagen war uns aufgefallen. Wir wollten ihn kontrollieren. Da hat er die Flucht ergriffen“, gab die sichtlich schockierte Beamtin aus dem Streifenwagen zu Protokoll. Auch Sepp musste gegen die Übelkeit ankämpfen. Rund um den Wagen lagen Geldscheine, Schmuckstücke und einzelne Teile eines Silberbestecks verstreut. Einer der Notfallsanitäter kam auf ihn zu und reichte ihm wortlos die Papiere des Opfers.

„47 Jahre, mehrfach vorbestraft wegen Raubes, Körperverletzung und häuslicher Gewalt. Seine Frau hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen. Er hat eine 15jährige Tochter.“ Wie aus weiter Ferne hörte Sepp neben sich die Stimme seiner Kollegin, während er durch die nächtlichen Strassen fuhr. Wie grotesk sie doch aussahen, diese lächerlichen Weihnachtsbeleuchtungen an den Häusern. Es war jedes Jahr das Gleiche. Je leuchtender der festliche Schmuck, desto hässlicher erschien ihm die Wirklichkeit dahinter.

Es war kurz vor 3 Uhr morgens, als sie vor dem düsteren Plattenbau parkierten, der sich vor ihnen bedrohlich in den Nachthimmel erhob. Eine Gruppe von dunklen Gestalten beobachtete sie, als sie sich dem Eingang näherten. Das Türschloss war kaputt und der Fahrstuhl war alles andere als vertrauenserweckend. Ihre Schritte hallten im dunklen Treppenhaus, als sie an leeren Flaschen und drohenden Graffitis vorbei in den achten Stock stiegen. Die Türklingel funktionierte nicht. Und als sich nach mehrmaligem Klopfen nichts regte, reichte ihm die Kollegin die Schlüssel, die man ihr vom Opfer übergeben hatte.

Der Geruch von kaltem Rauch und abgestandenem Müll kam ihnen entgegen, als sie die kleine Wohnung betraten. Die Beamtin machte sich daran, Wohnzimmer und Bad zu kontrollieren, während Sepp an der verschlossenen Zimmertür lauschte. Deutlich konnte er gedämpfte Geräusche hören, doch als er auf sein Rufen keine Antwort bekam, zog er seine Dienstwaffe und drehte vorsichtig den Schlüssel, der aussen an der Tür steckte. Langsam stiess er die Tür auf und tastete nach dem Lichtschalter. Zum dritten Mal in dieser Nacht krampfte sich sein Magen zusammen, als er das Mädchen auf dem durchgewühlten Bett liegen sah. Sie trug ein formloses, schwarzes T-Shirt mit einem riesigen Totenkopf, einen kurzen Rock, zerrissene Wollstrumpfhosen und schwarze Schnürstiefel. Ihre Hände und Füsse waren mit Stricken gefesselt und hinter ihrem Rücken zusammengebunden worden. Und über das Arafat-Tuch hinweg, das man ihr fest um den Mund gebunden hatte, starrten dem Kommissar zwei zornig funkelnde Augen entgegen.

„Was habt ihr mit meinem Vater gemacht? Ihr verdammten Scheissbullen!“ hatte sie hysterisch geschrien, sobald sie die knebelnden Socken ausgespuckt hatte. Die beiden Beamten hatten alle Mühe gehabt, das verzweifelte Mädchen einigermassen zu bändigen, bis der Arzt ihr schliesslich eine Spritze verabreichen konnte. Nun sass sie im Polizeipräsidium im Nebenzimmer, zusammengesunken auf einem Stuhl, den Blick apathisch auf den Boden gerichtet. Sepps Kollegin hatte ihr eine Jacke um die Schultern gelegt und ihr einen heissen Tee gekocht, den sie aber nicht angerührt hat.

Sepp schaute ihr durch die Glasscheibe aus seinem Büro zu. Es war 7 Uhr in der Früh. Er war erschöpft und wollte eigentlich nur noch schlafen. Die Bilder dieser Nacht drehten quälend in seinem Kopf. Und die Ziffer auf der digitalen Uhr leuchtete ihm gnadenlos entgegen. Heute war es wieder so weit. Heiligabend. Das Fest der Freude. Das Fest der Familien. Dieser alljährlich wiederkehrende Albtraum. Jahrelang hatte er es ausgehalten, dieses Possenspiel rund um die elterliche Krippe. Brav hatte er seine Rolle gespielt im festgelegten Ritual, mit dem sie einmal im Jahr versucht hatten, familiäre Harmonie zu beschwören. Bis heute haben es ihm sein Bruder und seine Schwägerin nicht verziehen, dass er eines Tages das getan hat, was sie nie zu tun gewagt hätten: Weihnachten nicht mit der Familie zu feiern.

Doch der Albtraum hatte ihn nicht losgelassen. Genau 25 Jahre war es her, am Morgen vor Heiligabend, als sie zu einem Fall von häuslicher Gewalt gerufen wurden. Sein Partner hatte versucht, den Mann zu beruhigen, während sich Sepp um die Frau gekümmert hatte. Doch plötzlich hatte der Mann eine Waffe in der Hand. Sepp hatte an diesem Tag seinen besten Freund verloren, und eine liebe Freundin den Vater ihres ungeborenen Kindes.

Langsam suchte sein Blick nach dem Bild, das neben seinem Computer auf dem Schreibtisch stand. Die strahlende junge Frau, die ihm mit einem roten Kreuz auf der Brust aus einer Gruppe afrikanischer Mädchen heraus entgegenlächelte, war damals am Weihnachtstag zur Welt gekommen. Er hatte getan, was er konnte, um sich um sie und ihre Mutter zu kümmern. Aber er konnte ihr den Vater nie ersetzen. Und ihre Mutter hätte das auch gar nicht gewollt.

Nachdenklich schaute der Kommissar hinüber in den anderen Raum, wo das Mädchen immer noch reglos auf dem Stuhl sass. Auch sie würde ohne Vater weiterleben müssen. Was für ein Leben wartete auf sie? Hatte ihr der Mistkerl wirklich einen Gefallen getan, als er sie gewaltsam daran gehindert hatte, mit ihm zu kommen? Sepp erschrak, als er sich bei dem Gedanken ertappte. Dann zog er sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer, die er schon seit Jahren nicht mehr gewählt hatte. Er war schon kurz davor, wieder aufzulegen, als die vertraute Stimme erklang. Wie sehr hatte er sie vermisst! Sie freute sich offensichtlich, dass er an dem tragischen Jubiläum an sie dachte. Aber er hatte in diesem Moment keine Zeit für die Vergangenheit: „Mirjam, ich brauche deine Hilfe!“

Sepp erklärte kurz die Situation und versuchte dabei fieberhaft, die Reaktion seiner Gesprächspartnerin zu erahnen. Sie war genau so ruhig und besonnen, wie er sie seit je her kannte, spätestens seit jenem Tag, als sie ihm mit hochschwangerem Bauch die Tür geöffnet hatte und auf den ersten Blick begriff, warum er gekommen war. Auch jetzt hatte sie die Situation schnell erfasst. Natürlich solle er das Mädchen vorbeibringen. Sie würde das Zimmer ihrer Tochter bereitmachen. „Wie heisst sie denn? … Lisa? Mein Gott ist Fülle! Na wenn das kein Geschenk ist!“

Sepp schüttelte den Kopf, als er das Handy auf den Tisch legte. Die Gräfin, wie er seine Freundin liebevoll zu nennen pflegte, schaffte es immer wieder, ihn zu überraschen. Es gab etwas an ihr, das er nie verstanden hatte. Müde aber erleichtert erhob er sich aus seinem Sessel. Das Mädchen im anderen Raum hatte sich auch erhoben und schaute ihn durch die Scheibe herausfordernd an. Die Wirkung der Spritze hatte nachgelassen und ein trotziges Funkeln war in ihre schwarz geränderten Augen zurückgekehrt. Und einen Moment lang glaubte er, den Totenschädel auf ihrer Brust lachen zu hören:
„Na wenn das kein Geschenk ist!“

Quality Time

Es war kurz nach 18 Uhr, als Carsten hinter der Gardine in seinem Büro zuschaute, wie seine Sekretärin sechs Etagen unter ihm im strömenden Regen über den Hof zu ihrem Wagen ging. Unter dem Schirm konnte er nur ihre eleganten Lederstiefel und den langen schwarzen Daunenmantel erkennen, den sie sich um die Schultern gelegt hatte. Nachdem sie sich den Mantel abgenommen und auf den Beifahrersitz geworfen hatte, verschwand sie hinter dem Steuer ihres Wagens und man konnte nur noch sehen, wie der Schirm ausgeschüttelt wurde, bevor auch dieser verschwand und die Wagentür zugezogen wurde. Sekunden später begannen die Scheibenwischer zu arbeiten, aber mehr als die behandschuhten Hände am Lenkrad war nicht zu erkennen, als der Wagen das Firmengelände verliess. Das war aber auch nicht nötig.

Business wireBild von business wire

Unwillkürlich zog Carsten seine Hand aus der Unterhose, als hinter ihm auf dem Schreibtisch das Telefon läutete. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass sie heute Abend Probe vom Kirchenchor habe und er die Kinder ins Bett bringen müsse. Und er erinnerte sie daran, dass er morgen eine wichtige Vorstandssitzung habe, dass es um viel gehe und dass er noch zwei Stunden brauche, um sich vorzubereiten. Sie einigten sich auf 20 Uhr, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie verärgert war.

Carsten schloss für einen Moment die Augen, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie so war. Natürlich hatte sie recht. Er war ein schlechter Ehemann und Vater. Er kriegte es einfach nicht auf die Ränge. Es war einfach alles etwas zu viel, dieser dauernde Stress, der ständige Druck, die Erwartungen und die dauernde Angst nicht zu genügen. Er konnte sie förmlich sehen, seine jungen Kollegen, die wie Hyänen um den Sitzungstisch sassen und nur darauf warteten, dass ihm ein verhängnisvoller Lapsus unterlief.

Als er schliesslich die Augen öffnete, sah er vor sich auf dem Bildschirm die zwei roten Punkte mit der weissen Zahl in der Mitte: 36 ungelesene Mails und 11 unerledigte Aufgaben, 5 davon betrafen die Sitzung von morgen. Natürlich wusste er, dass es höchste Zeit war, sich an die Arbeit zu machen. Und doch brachte er es nicht fertig. Nein, nicht jetzt! Jetzt brauchte er erst einmal einen Moment für sich allein.

Wie von Geisterhand geführt glitt der Cursor an den beiden roten Punkten vorbei zum privaten Ordner mit den Bildern, die er vor zwei Stunden aus dem Netz heruntergeladen hatte, während seine Sekretärin im Raum nebenan die Daten für die morgige Präsentation zusammenstellte. Die Bilder hatten alle etwas gemeinsam. Sie zeigten elegante und selbstbewusste Frauen, die in allen wesentlichen Punkten der Frau glichen, ohne die er seinen Posten hier wohl schon längst verloren hätte.

Und diese Bilder schafften, was sonst schon lange niemand mehr schaffte. Sie halfen Carsten, loszulassen und zu vergessen, den Druck, die Angst, den nicht enden wollenden Berg von Arbeit und – was in diesem Moment vor allem zählte – die Sitzung von morgen. Plötzlich gab es nur noch diese Frauen, Ausdruck einer Sehnsucht, die weit über den Horizont des Alltäglichen hinausdrängte. Eine Sehnsucht, für die auch eine noch so attraktive Sekretärin nicht mehr als ein willkommener Auslöser war. Und plötzlich schien Carsten hellwach. Plötzlich war das Gefühl der Erschöpfung einer kreativen Erregung gewichen. Und nachdem er aufgestanden war, um die Vorhänge zu ziehen, holte er sich einen Drink aus dem Schrank und machte es sich in seinem Sessel bequem.

Es war schon weit nach 19 Uhr, als die Aktivität auf dem Bildschirm immer öfter ins Stocken kam, weil die rechte Hand nun vermehrt unter der Tischplatte beschäftigt war. Immer wieder musste Carsten kurz innehalten und durchatmen, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Und als er sie schliesslich doch verlor, war es bereits zehn vor acht. Nur das rhythmische Knarren seines Ledersessels war zu hören, als sich seine aufgestaute Lust in die Unterhose entlud.

Dann war es für einen Moment völlig still. Und als ein leises Klingen die Ankunft einer neuen Mail ankündigte, war auf einen Schlag alles wieder da: die unerledigte Arbeit, die Sitzung von morgen, der Druck und die Angst. Und über all dem eine schwindelerregende Erschöpfung. Wie gelähmt hing Carsten in seinem Sessel und starrte auf das Bild seiner beiden Kinder, die ihm von seinem Schreibtisch entgegenlächelten. Sie waren so stolz auf ihren Papa. Und er war so stolz auf sie. Und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie stolz er eigentlich auf ihre Mutter war und wie sehr er sie alle liebte. Mein Gott, was machte er hier? Was war nur mit ihm los?

Er hatte es seinem leeren Magen zu verdanken, dass er sich nicht übergeben musste, als er schliesslich im Bad vor dem Spiegel stand. Nachdenklich betrachtete er das Gesicht, das er so gut kannte und das ihm in diesen Momenten doch immer wieder so fremd vorkam. War das wirklich derselbe Mann, der morgen dem Vorstand die neue Strategie präsentieren würde? Angewidert öffnete er seine Hose, um wenigstens die gröbsten Spuren seines Aussetzers zu entfernen.

Dann rief er seine Frau an. Sie klang verständnisvoll. Die Kinder seien bei der Nachbarin. Und das Essen für ihn stehe im Kühlschrank. Und ja, sie liebe ihn auch. Ihre Stimme tat ihm gut und als er in seinen Mantel schlüpfte und das Licht löschte, war die Zuversicht zurückgekehrt. Er würde morgen eine Stunde früher ins Büro kommen. Irgendwie würde er es schon wieder schaffen. Er hatte es bisher noch immer geschafft, irgendwie.