Im Strudel der Ohnmacht (I, 1943)

„Um Himmels Willen, Pierre, was soll das? Bitte, sprich mit mir!“ Verzweifelt zerrte Jacqueline an den Stricken, mit denen sie an einen der soliden Holzstühle im Salon ihres Hauses gefesselt worden war.

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Eben noch sass die Witwe eines französischen Barons erwartungsfroh auf dem Sofa, wo sie es sich vor dem brennenden Kamin bequem gemacht hatte. Eingehüllt in die Jacke ihres Stricksets und mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern auf dem Tisch hatte sie auf einen Besucher gewartet, als wie aus dem Nichts der beste Freund ihres verstorbenen Gatten mit einer Pistole vor ihr aufgetaucht war. Bevor Jacqueline wusste, wie ihr geschah, hatte Pierre sie am Arm gepackt, zu einem Stuhl gezerrt und rücksichtslos gefesselt. Fassungslos und wie gelähmt vor Schreck schaute sie zu, wie er ihre Strickjacke vom Boden aufhob und sie ihr wieder um die Schultern legte.

„Ich mag es, wie du deine Jacken trägst, liebe Jacqueline. Dein Mann hatte dich nicht zuletzt darum verehrt“, hörte sie ihn sagen, wobei eine wütende Kälte in seiner Stimme lag: „Und offensichtlich ist auch Oberst Müller nicht unempfänglich für deine Form von Eleganz“.

„Um Himmels Willen, Pierre, was erzählst du da! Es ist nichts zwischen Oberst Müller und mir. Du musst mir glauben. Er kommt zu mir, weil er mit uns… nein, warte bitte! Hör mir zu! Ich mgghhhh…!“, versuchte Jacqueline verzweifelt, das Drama aufzuhalten. Doch Pierre war nicht zu Diskussionen aufgelegt und stopfte ihr kurzerhand einen der Ärmel ihrer Strickjacke als Knebel zwischen die Zähne. Tränen der Verzweiflung standen in ihren Augen, während eine weisse Stoffserviette zusammengefaltet und fest um ihren Mund gebunden wurde.

Ungläubig starrte Jacqueline auf die Stricke, die ihren Körper straff an den Stuhl fixierten, während sich die Gedanken und Fragen in ihrem Kopf jagten: Was war nur in Pierre gefahren? Wie sollte sie ihm verständlich machen, dass Oberst Müller auf ihrer Seite stand? Dass er genug hatte von Hitler und seinem Krieg. Dass er seit einigen Wochen versuchte, über sie mit der französischen Résistance Kontakt aufzunehmen. Ihre Beziehung war doch die perfekte Tarnung. Niemand käme auf die Idee, Jacqueline, die Witwe des angesehenen Barons, zu verdächtigen. Aber wie sollte sie das Pierre verständlich machen? Und wie sollte sie Oberst Müller warnen? Die einzige Hoffnung war ihre Haushälterin oder der Gärtner…

„Du brauchst dich nicht umsehen, liebe Jacqueline. Marie wird uns nicht stören, und auch um Clément habe ich mich gekümmert. Er liegt gefesselt und geknebelt im Geräteschuppen“. Wie betäubt vernahm sie Pierres Worte, der sich unterdessen hinter der Tür versteckt hatte. „Es ist alles bereit für ein kleines Tête-à-Tête mit unserem deutschen Freund.“

Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Jacqueline fühlte sich wie in einem Alptraum.  Auf alle möglichen Situationen und Gefahren hatte sie sich in den letzten Wochen eingestellt. Wie oft hatte sie davon geträumt, dass die Gestapo plötzlich vor dem Haus steht? Aber Horst, Oberst Müller, hatte sie immer beruhigt. Seine kräftigen Arme gaben ihr die nötige Sicherheit und Geborgenheit, wenn sie nachts schweissgebadet aufwachte. Er war der erste Mann seit dem Tod ihres Gatten, der es geschafft hat, ihr Herz zu berühren. Er hat ihrem Leben wieder Sinn gegeben, in jeder Beziehung.

Umso tiefer war das Gefühl der Ohnmacht, als Jacqueline nun hilflos zusehen musste, wie sich die Tür zum Salon öffnete und der deutsche Wehrmachtsoberst in die Falle ging. Verzweifelt schrie sie in ihren Knebel, als der Offizier mit dem um die Schultern gelegten Ledermantel den Salon betrat. Doch als der Mann vor ihr stand und sie das Gesicht sah, das ihr unter der Schirmmütze entgegenblickte, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen: Clément, der Gärtner. Fassungslos sah sie zu, wie in dessen Rücken Pierre mit der Pistole in der Hand hinter der Tür hervor trat. Doch gleichzeitig tauchte in der Tür hinter Pierre ein dunkler Schatten auf. Oberst Müller trug Cléments schwarzen Rollkragenpullover und mehr als ein gezielter Schlag gegen den Hals brauchte er nicht, um den völlig überrumpelten Pierre ausser Gefecht zu setzen.

„Mein Gott, Horst, wie bin ich froh!“ atmete Jacqueline erleichtert auf, als ihr Oberst Müller den Knebel aus dem Mund zog. „Es tut mir so leid, aber es ist alles ein schreckliches Missverständnis. Pierre ist einer unserer besten Leute. Er konnte nicht wissen…“

„Wir konnten es auch nicht wissen, meine Liebe, bis jetzt“, hörte sie den Oberst sagen. Und als sie das Lächeln in seinen Augen sah, wurde ihr plötzlich schwindlig. „Du hast uns und euch beiden eben ein paar Stunden Verhör erspart, liebe Jacqueline. Clemens, kümmere dich bitte um Madame und ihren Freund. Sie sind verhaftet wegen Hochverrats!“

„Lasst die Finger von Madame, ihr verdammten Gestapo-Schweine!“

Wie in Trance starrte Jacqueline auf die Gestalt, die plötzlich in der Tür erschienen war: Maries Stimme klang wie ein Peitschenhieb durch den Raum. Kühle Entschlossenheit stand in den Augen der jungen Haushälterin. Ihre schlanken Hände in den schwarzen Lederhandschuhen schienen mit dem schimmernden Stahl der Sten Maschinenpistole zu verschmelzen, die ohne das leiseste Zittern auf Oberst Müller gerichtet war: „Pierre hat es von Anfang an gewusst!“

Und dann sah Jacqueline, wie Maries Finger am Abzug sich langsam zu krümmen begann. Sie wollte schreien, doch ein trockenes, metallenes Klicken kam ihr zuvor.

Ladehemmung.

Einen Moment lang schien die ganze Szene wie eingefroren. Totenstille erfüllte den Raum. Dann begann sich alles um Jacqueline wie in Zeitlupe zu bewegen: Ein höhnisches Grinsen breitete sich langsam über Oberst Müllers Gesicht, während Marie mit einem Ausdruck von Panik auf ihre Maschinenpistole starrte. Verzweifelt begann ihre Hand am Verschluss der Sten zu zerren, während Clément den schweren Offiziersmantel von seinen Schultern warf und seine Waffe aus dem Holster zog. Und wie aus dem Nichts hatte auch Oberst Müller eine Pistole in der Hand. Und während sein Linke den Schlitten nach hinten zog, um durchzuladen, tasteten Pierres Finger vor Jacquelines Füssen benommen nach dem Griffe seiner Pistole, die neben seinem Kopf auf dem Teppich lag.

„Nein!“, hörte sich Jacqueline noch wie aus weiter Ferne schreien, während sich ihr Körper wuchtig gegen die Fesseln stemmte.

Dann wurde alles von einem lauten Knall erstickt…

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Unschuldige Kinder (III)

Der sternenklare Himmel sorgte für eine kalte Nacht. Draussen im Park heulte ein Kauz und durch das Kellerfenster fiel das Mondlicht auf die weisse Wäsche, die zum Trocknen auf der Leine hing. Die Heizung hatte schon vor Stunden auf Nachtbetrieb umgeschaltet und die Besitzerin des Hauses, die zwischen Waschmaschine und Wäschekorb auf dem kalten Steinboden lag, hatte es ihrem dicken Pullover zu verdanken, dass sie nicht schon völlig durchgefroren war.

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Keine Stunde war vergangen, seit sie in ihrem warmen Bett plötzlich aufgewacht war. Mirjam hatte sofort gespürt, dass etwas nicht stimmte. Schnell war sie in ihre Jeans geschlüpft und hatte sich den roten Kaschmir-Pullover über das seidene Nachthemd gezogen. Kein Geräusch war im Haus zu hören, als sie aus dem Schlafzimmer trat. Leise klopfte sie an die Tür des Gästezimmers, wo sie seit vier Tagen das fremde Mädchen untergebracht hatte, das ihr von ihrem Freund bei der Polizei anvertraut worden war. Das Zimmer war leer. Lisa war weg.

Von plötzlicher Sorge erfüllt eilte Mirjam die Treppe hinunter. Und nachdem sie alle Räume im Erdgeschoss abgesucht hatte, schlüpfte sie barfuss in ihre Stiefel und nahm sich das blaue Kaschmir-Cape von der Garderobe. Sie wollte gerade die Haustür öffnen, als sie unten im Keller Geräusche vernahm. „Lisa, bist du das?“, rief sie, als sie vorsichtig die Kellertreppe hinabstieg. Aber niemand war zu sehen. Nur das Garagentor war halb geöffnet und davor stand ihr Fahrrad an die Wand gelehnt.

Ratlos näherte sich Mirjam dem Tor, um es wieder zu schliessen, als sie plötzlich hinter sich ein Geräusch vernahm. Doch bevor sie sich umdrehen konnte, wurde ihr der Umhang von den Schultern genommen und von hinten um den Kopf gewickelt. Arme packten sie und zerrten sie durch den Raum. Verzweifelt versuchte sie, das Cape von ihrem Kopf zu ziehen, doch ihr rechter Arm wurde nach unten gerissen und schmerzhaft auf den Rücken gedreht. Sie hatte keine Chance und wurde brutal auf den Boden gezwungen, wo sie hilflos zulassen musste, wie ihre Hände hinter dem Rücken mit einer ihrer Strumpfhosen aus dem Wäschekorb gefesselt wurden.

„Um Himmels Willen, wer sind sie? Was wollen sie von uns? Was haben sie mit dem Mädchen gemacht?“ schrie sie verzweifelt unter dem Cape, während sie spürte wie auch ihre Füsse gefesselt wurden. Dann war es plötzlich still und für einen Moment glaubte sie, leises Schluchzen zu hören. „Lisa, mein Kind, mach dir keine Sorgen! Sie werden uns nichts tun!“, versuchte sie so gefasst wie möglich zu sagen, während sie gegen ihre eigene Panik ankämpfte. Dann wurde ihr plötzlich das Cape vom Kopf gezogen. Ungläubig starrte sie in Lisas tränenüberströmtes Gesicht.

„Es tut mir so leid“, hörte sie das Mädchen sagen. Doch bevor Mirjam etwas erwidern konnte, hatte ihr Lisa eines der Höschen vom Wäscheständer in den Mund gepackt. „Ich halte das einfach nicht aus, deine Augen, deine Geduld, einfach alles hier!“, schluchzte sie, während sie Mirjam eine schwarze Strumpfhose über den Kopf zog und die Beine straff um ihren Mund band. „Ich habe kein Recht hier zu sein. Ich bin Abschaum, wie mein Vater und meine Mutter. Bitte, vergiss mich einfach. Ich werde nie mehr jemandem zur Last fallen“.

„Neeiiiiiiin!“ versuchte Mirjam zu schreien, doch mehr als ein gedämpftes Stöhnen drang nicht durch ihren Knebel. In wilder Verzweiflung zerrte sie an ihren Fesseln, während Lisa ihr das iPhone aus der Hosentasche zog, sich das blaue Cape um die Schultern wickelte und dann nach einem letzten, verzweifelten Blick das Licht löschte und die Waschküche verliess. Hilflos musste Mirjam mitanhören, wie nebenan das Garagentor geöffnet wurde und das klappernde Geräusch des Fahrrads sich in der Stille der Nacht verlor.

Langsam begann die Kälte unaufhaltsam durch den dicken Pullover und das schweissnasse Nachthemd in Mirjams Körper zu dringen. Tränen der Verzweiflung sickerten in das feine Nylon über ihrem Gesicht, während sie an ihrem Knebel vorbei nach Luft rang. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren, als sie plötzlich einen Wagen kommen hörte. Und als draussen vor der Garage ihr Name gerufen wurde, begann sie mit aller Kraft, mit den Absätzen ihrer Stiefel gegen das Gehäuse der Waschmaschine zu treten.

„Lisa! Sie will sich etwas antun“, stiess Mirjam keuchend hervor, als ihr Freund Sepp ihr den Knebel aus dem Mund nahm. Der Kommissar hatte von Mirjams iPhone aus eine sms mit einem einzigen Wort bekommen: „Hilfe“. Und als er begriff, dass die Nachricht nicht von seiner Freundin sondern von Lisa abgeschickt worden war, gab er sofort die Ortung des Handys in Auftrag.

„Was ist nur in das Mädchen gefahren? Ich verstehe das nicht. Sie hatte doch endlich begonnen, Vertrauen zu fassen. Wir hatten gestern zusammen gekocht und ich war so glücklich, als sie beim Zubettgehen zum ersten Mal Mirjam zu mir gesagt hat.“ Aufgeregt redete Mirjam vor sich hin, während sie im Wohnzimmer auf und ab ging. Ungeduldig warteten sie auf die Antwort der Polizei. Und gerade als der Teetopf in der Küche zu pfeifen begann, läutete Sepps Telefon: „Scheisse! Die Brücke! Sie ist auf der Brücke!“

Das heulen der Sirene tat Mirjam weh in den Ohren, als der Wagen durch die Nacht raste. Aber was war das schon, wenn sie an das dachte, was sie bei der Brücke erwarten würde? Mit quietschenden Bremsen kam der Wagen neben dem Fahrrad zum Stehen, das am Aufgang zur Brücke am Strassenrand lag. Auf den ersten Blick war niemand zu sehen und auch die dunkle Oberfläche des Sees unter ihnen in der Tiefe schien unberührt. Doch dann erkannten sie mitten auf der Brücke am Fuss des Geländers einen dunklen Fleck. Sepp wollte schon loslaufen, als Mirjam ihn sanft am Arm zurückhielt.

Langsam betrat sie die Brücke. Und als sie näher kam, erkannte sie eine Gestalt, die mit dem Rücken gegen das eiserne Geländer am Boden sass. Es war Lisa, die ihr ängstlich entgegenblickte. Sie hatte ihre Arme um eine kleine Gestalt geschlungen, die sie fest in das blaue Kaschmir-Cape eingewickelt hatte und gegen ihre Brust drückte. „Sie ist noch so klein. Ich konnte sie doch nicht springen lassen“, stammelte sie mit zitternden Lippen, während die Tränen auf ihren Wangen im Licht der Strassenlaterne funkelten.

Mirjam kniete langsam vor ihr nieder und einen Moment lang schaute sie wie gelähmt in Lisas Augen: Unendliche Erleichterung und fassungsloses Unverständnis rangen in ihrer Brust. Schliesslich zog sie ihren warmen Daunenmantel aus, legte ihn um Lisas zitternden Körper und nahm sie fest in die Arme: „Ich bin so stolz auf dich!“.

Dann schlüpfte sie aus dem feinen Lederhandschuh und tastete mit der Hand sanft nach dem kleinen Gesicht, das sich in Lisas Brust vergraben hatte. „Wie heisst du denn, mein Kind?“, fragte sie das kleine Mädchen, das sie aus dunklen Augen ängstlich anschaute.

„Sie spricht kein Deutsch. Ich glaube, sie kommt aus Syrien“, hörte sie Lisas Stimme neben sich, während sie dem Mädchen zärtlich die dunklen Locken aus der Stirn strich. Ein Schmunzeln breitete sich über Mirjams Gesicht, als sich das kleine Mädchen spontan wieder abwandte und sein Gesicht in Lisas Brust vergrub.

„Ich glaube, es wird deine Aufgabe sein, ihren Namen herauszufinden“, sagte Mirjam lächelnd, während sie den beiden Mädchen auf die Beine half und den warmen Mantel enger um Lisas Schultern hüllte.
„Aber pass auf, dass sie dir nicht wegläuft!“

Quality Time

Es war kurz nach 18 Uhr, als Carsten hinter der Gardine in seinem Büro zuschaute, wie seine Sekretärin sechs Etagen unter ihm im strömenden Regen über den Hof zu ihrem Wagen ging. Unter dem Schirm konnte er nur ihre eleganten Lederstiefel und den langen schwarzen Daunenmantel erkennen, den sie sich um die Schultern gelegt hatte. Nachdem sie sich den Mantel abgenommen und auf den Beifahrersitz geworfen hatte, verschwand sie hinter dem Steuer ihres Wagens und man konnte nur noch sehen, wie der Schirm ausgeschüttelt wurde, bevor auch dieser verschwand und die Wagentür zugezogen wurde. Sekunden später begannen die Scheibenwischer zu arbeiten, aber mehr als die behandschuhten Hände am Lenkrad war nicht zu erkennen, als der Wagen das Firmengelände verliess. Das war aber auch nicht nötig.

Business wireBild von business wire

Unwillkürlich zog Carsten seine Hand aus der Unterhose, als hinter ihm auf dem Schreibtisch das Telefon läutete. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass sie heute Abend Probe vom Kirchenchor habe und er die Kinder ins Bett bringen müsse. Und er erinnerte sie daran, dass er morgen eine wichtige Vorstandssitzung habe, dass es um viel gehe und dass er noch zwei Stunden brauche, um sich vorzubereiten. Sie einigten sich auf 20 Uhr, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie verärgert war.

Carsten schloss für einen Moment die Augen, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie so war. Natürlich hatte sie recht. Er war ein schlechter Ehemann und Vater. Er kriegte es einfach nicht auf die Ränge. Es war einfach alles etwas zu viel, dieser dauernde Stress, der ständige Druck, die Erwartungen und die dauernde Angst nicht zu genügen. Er konnte sie förmlich sehen, seine jungen Kollegen, die wie Hyänen um den Sitzungstisch sassen und nur darauf warteten, dass ihm ein verhängnisvoller Lapsus unterlief.

Als er schliesslich die Augen öffnete, sah er vor sich auf dem Bildschirm die zwei roten Punkte mit der weissen Zahl in der Mitte: 36 ungelesene Mails und 11 unerledigte Aufgaben, 5 davon betrafen die Sitzung von morgen. Natürlich wusste er, dass es höchste Zeit war, sich an die Arbeit zu machen. Und doch brachte er es nicht fertig. Nein, nicht jetzt! Jetzt brauchte er erst einmal einen Moment für sich allein.

Wie von Geisterhand geführt glitt der Cursor an den beiden roten Punkten vorbei zum privaten Ordner mit den Bildern, die er vor zwei Stunden aus dem Netz heruntergeladen hatte, während seine Sekretärin im Raum nebenan die Daten für die morgige Präsentation zusammenstellte. Die Bilder hatten alle etwas gemeinsam. Sie zeigten elegante und selbstbewusste Frauen, die in allen wesentlichen Punkten der Frau glichen, ohne die er seinen Posten hier wohl schon längst verloren hätte.

Und diese Bilder schafften, was sonst schon lange niemand mehr schaffte. Sie halfen Carsten, loszulassen und zu vergessen, den Druck, die Angst, den nicht enden wollenden Berg von Arbeit und – was in diesem Moment vor allem zählte – die Sitzung von morgen. Plötzlich gab es nur noch diese Frauen, Ausdruck einer Sehnsucht, die weit über den Horizont des Alltäglichen hinausdrängte. Eine Sehnsucht, für die auch eine noch so attraktive Sekretärin nicht mehr als ein willkommener Auslöser war. Und plötzlich schien Carsten hellwach. Plötzlich war das Gefühl der Erschöpfung einer kreativen Erregung gewichen. Und nachdem er aufgestanden war, um die Vorhänge zu ziehen, holte er sich einen Drink aus dem Schrank und machte es sich in seinem Sessel bequem.

Es war schon weit nach 19 Uhr, als die Aktivität auf dem Bildschirm immer öfter ins Stocken kam, weil die rechte Hand nun vermehrt unter der Tischplatte beschäftigt war. Immer wieder musste Carsten kurz innehalten und durchatmen, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Und als er sie schliesslich doch verlor, war es bereits zehn vor acht. Nur das rhythmische Knarren seines Ledersessels war zu hören, als sich seine aufgestaute Lust in die Unterhose entlud.

Dann war es für einen Moment völlig still. Und als ein leises Klingen die Ankunft einer neuen Mail ankündigte, war auf einen Schlag alles wieder da: die unerledigte Arbeit, die Sitzung von morgen, der Druck und die Angst. Und über all dem eine schwindelerregende Erschöpfung. Wie gelähmt hing Carsten in seinem Sessel und starrte auf das Bild seiner beiden Kinder, die ihm von seinem Schreibtisch entgegenlächelten. Sie waren so stolz auf ihren Papa. Und er war so stolz auf sie. Und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie stolz er eigentlich auf ihre Mutter war und wie sehr er sie alle liebte. Mein Gott, was machte er hier? Was war nur mit ihm los?

Er hatte es seinem leeren Magen zu verdanken, dass er sich nicht übergeben musste, als er schliesslich im Bad vor dem Spiegel stand. Nachdenklich betrachtete er das Gesicht, das er so gut kannte und das ihm in diesen Momenten doch immer wieder so fremd vorkam. War das wirklich derselbe Mann, der morgen dem Vorstand die neue Strategie präsentieren würde? Angewidert öffnete er seine Hose, um wenigstens die gröbsten Spuren seines Aussetzers zu entfernen.

Dann rief er seine Frau an. Sie klang verständnisvoll. Die Kinder seien bei der Nachbarin. Und das Essen für ihn stehe im Kühlschrank. Und ja, sie liebe ihn auch. Ihre Stimme tat ihm gut und als er in seinen Mantel schlüpfte und das Licht löschte, war die Zuversicht zurückgekehrt. Er würde morgen eine Stunde früher ins Büro kommen. Irgendwie würde er es schon wieder schaffen. Er hatte es bisher noch immer geschafft, irgendwie.

Nächtliche Begegnung

Es war klirrend kalt, als Anna um zwei Uhr nachts den Stadtpark betrat. Ein herbstlicher Nebel hatte sich über die Stadt gelegt und verlieh den Laternen am Eingang des Parks eine gespenstige Aura. Anna mochte diese Stimmung. Wohlig zog sie die pelzbesetzte Kapuze über ihren Kopf und schloss den warmen, schwarzen Daunenmantel bis unters Kinn, während sie festen Schrittes an den laubbedeckten Bänken des Biergartens vorbei in die Dunkelheit eintauchte. Anna hatte keine Angst.

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Anna hatte noch nie Angst. Warum hätte sie auch Angst haben sollen? Niemand würde um diese Zeit noch durch den Stadtpark gehen. Also würde auch niemand im Stadtpark auf irgendjemanden warten. Schon gar nicht bei dieser Kälte. Abgesehen davon hatte Anna für alle Fälle auch noch einen Pfefferspray in der Handtasche.

Die Party war eigentlich ganz cool gewesen. Anna hatte lange gezögert und sich erst im letzten Moment entschieden hinzugehen. Aber sie hat es nicht bereut. Ganz im Gegenteil. Noch nie hatte sie so faszinierend dunkle Augen gesehen. Djamal war Libanese und arbeitete als Analyst bei einer Bank. Den ganzen Abend war sie nicht von seiner Seite gewichen und um ein Uhr in der Früh hatten sie sich zum ersten Mal geküsst. Etliche Drinks hatten das ihre dazu beigetragen, Annas Fesseln der Zurückhaltung zu lösen, bis sie plötzlich seine Hand unter ihrem Höschen spürte. Er hatte sich sofort entschuldigt, als er Annas heftige Reaktion sah. Und irgendwie war es ja dann auch noch ganz schön gewesen.

Nur das ferne Rauschen der Stadt begleitete das Knirschen von Annas Schritten auf dem Kiesweg, als sie dem kleinen Teich entlang in Richtung Wald ging. Für einen kurzen Moment blieb Anna stehen und betrachtete die Nebelschwaden, die über der Wasseroberfläche lagen. Nachdenklich folgte ihr Blick einer Ente, die geräuschlos über die Wasseroberfläche glitt, um langsam im Nebel zu verschwinden. Normalerweise hätte Anna diesen Moment genossen. Aber ins euphorische Glücksfühl des gelungenen Abends begann sich leise ein diffuses Unwohlsein zu mischen. Sie hätte nicht sagen können, woran es lag. Vielleicht war es sein letzter Blick, dieses unergründliche Funkeln in seinen dunklen Augen.

Als sie sich schliesslich umdrehte um weiterzugehen, glaubte sie plötzlich, am Eingang des Waldes einen dunklen Schatten verschwinden zu sehen. Aber nein, das konnte nicht sein. Sie hätte Schritte hören müssen, wenn da etwas gewesen wäre. Langsam ging sie auf die Bäume zu und unwillkürlich glitt ihre Hand in die Handtasche. Aber auch nachdem sie sich den eleganten, schwarzen Lederhandschuh ausgezogen hatte, konnte sie den Pfefferspray nicht finden. „Scheisse!“ entfuhr es ihr, als sie realisierte, dass sie für die Party spontan eine andere Handtaschen mitgenommen hatte. Sie war gerade daran, sich selber zu überzeugen, dass ihre Aufregung lächerlich sei, als sie plötzlich hinter sich auf dem Weg Schritte zu hören glaubte. Aber auf den fünfzig Metern bis der Weg sich im Nebel verlor, war nichts zu sehen. Doch war da nicht schon wieder ein Geräusch? Unwillkürlich setzte sich Annas Körper in Bewegung und tauchte ein in die Finsternis des Waldes. Nach wenigen Metern hielt sie am Wegrand an, wo ihre Gestalt im dunklen Mantel mit der Silhouette eines Baumes verschmolz. Das Blut pochte in ihren Schläfen, als sie vorsichtig den Weg zurück Richtung Teich beobachtete. Jeden Moment musste sich ein Schatten aus dem Nebel lösen. Aber nichts geschah. Langsam beruhigte sich ihr Puls, als plötzlich einige Meter waldeinwärts am Wegrand ein Busch raschelte. In einem panischen Reflex stürzte sich Anna vom Weg weg durch die Büsche ins finstere Unterholz. Verzweifelt versuchte sie den Atem anzuhalten, während sie sich hinter einem grossen Baum niederkauerte und angestrengt lauschte. Mit zitternden Fingern zog sie sich die Kapuze vom Kopf, um besser hören zu können. Ihren rechten Handschuh musste sie irgendwo im Wald verloren haben. Hastig suchte sie in der Tasche ihres Mantels nach ihrem Smartphone. Fassungslos starrte sie auf den Display: Akku leer. Plötzlich fühlte es sich eiskalt an in ihrem Daunenmantel. Aber Anna wagte sich nicht zu bewegen. Da war es wieder, dieses Geräusch. Langsam kam es näher. Zitternd schaute sie hinter dem Baum hervor. Da war ein schwaches Licht. Es kam näher, auf dem Weg. Nur langsam löste sich die Spannung in Annas Nerven, als das rote Rücklicht des Fahrrades sich zwischen den Bäumen verlor. Schliesslich stand sie vorsichtig auf und begann langsam im Unterholz weiterzugehen. Immer wieder stolperte sie in ihren eleganten Lederstiefeln über Wurzeln und Äste. Und plötzlich war da wieder dieses Rascheln im Laub, irgendwo hinter ihr in der Finsternis. Keuchend rannte Anna zwischen den Bäumen hindurch und immer wieder kratzen Äste durch ihr Gesicht. Dann verfing sich ihr Fuss in den Brombeerstauden. Hustend spuckte sie die Mischung aus feuchtem Laub und Moos aus dem Mund, nachdem sie der Länge nach auf dem Waldboden gelandet war. „Wer bist du? Was willst du von mir?“, rief sie verzweifelt in die Finsternis, während die Tränen über ihre Wangen strömten. „Djamal, bis du das?“. Aber der Wald schwieg um sie herum. Nur ihr krampfhaftes Schluchzen mischte sich in die Stille der Nacht. In der Ferne hörte sie es drei Uhr schlagen, als sie sich schliesslich aufraffte. Sie zitterte am ganzen Leib vor Kälte und Anspannung, und alle Glieder taten ihr weh. Verzweifelt tastete sie im Finstern nach ihrer Handtasche, aber sie konnte sie nicht finden. Irgendwo links musste der Weg sein. Aber wo war er? Vorsichtig tastete sie sich durchs Unterholz. Jeder Ast, der unter ihren Füssen knackte, tönte wie ein Peitschenknall in ihren Ohren. Und dann war da plötzlich dieses Bellen, hart, kalt, alles durchdringend. Es war die nackte Panik. Blind vor Angst begann Anna zu rennen, durch die Büsche auf den Weg und von dort Richtung Ausgang. Hastig zerrte sie im Laufen die Knöpfe und den Reissverschluss ihres Daunenmantels auf, während einer nach dem anderen die Absätze ihrer Stiefel wegbrachen. Schliesslich tauchten aus dem Nebel vor ihr die Laternen am Parkausgang auf. Noch hundert Meter, noch fünfzig. Anna wurde fast ohnmächtig vor Erschöpfung. Nur noch dreissig Meter, noch zwanzig, noch zehn…

Die Uhr an der Bushaltestelle „Am Parktor“ zeigte gerade halb vier, als Anna am Ende ihrer Kräfte auf den Gehsteig torkelte. Mühsam schleppte sie sich zum Wartehäuschen wo sie sich auf der Bank übergeben musste. Sie war gerade daran, sich mit dem Ärmel ihres Mantels den Mund abzuwischen, als plötzlich ein weisser Porsche mit quietschenden Bremsen neben ihr stoppte und ein paar dunkle Augen nicht fassen konnten, was sie sahen.

„Oh mein Gott, Anna, bist du das?“

Ein Beitrag zu Hannas Schreibaufgabe der Woche 7: Ein Titel

Gewagte Liebe (Verletzter Held III)

„Hey, Mama, stell dich nicht so an! Pack deine Sachen und fahr!“
Noch immer klangen die Worte ihrer Tochter in Mariannes Ohr. Diese Heftigkeit hätte sie ihr gar nicht zugetraut. Und doch war es genau das, was sie gebraucht hatte an diesem Morgen. Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster des IC-Zuges. Die Ostfriesische Landschaft schien ihr fremd und kühl, und instinktiv zog sie die weisse Kaschmir-Strickjacke enger um ihre Schultern. In einer halben Stunde würden sie Norden erreichen. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?

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Seit drei Tagen hatte sie kaum mehr geschlafen. Seit sie sich mit seiner Ehefrau getroffen hat, morgens um zehn in einem Kaffee. Er hatte von seiner Frau erzählt, damals vor zwei Monaten, als sie sich kennengelernt hatten. Die beiden waren seit bald vier Jahren getrennt, aber eben nur getrennt. Und das liess Marianne keine Ruhe. Sie wollte nicht einfach die Neue sein ohne den Segen der Alten. Sie wollte ihr in die Augen gesehen haben, bevor…

Marianne hatte sie sich anders vorgestellt, irgendwie jünger. Nicht ohne Respekt betrachtete sie die elegante Dame, die unter der Linde im Gartenkaffee auf sie wartete, im edlen Kaschmir-Twinset mit Perlen, die Jacke elegant um die Schultern drapiert. Die Begrüssung war etwas angespannt aber erstaunlich herzlich. Nachdem die Dame ihr einen Kaffee bestellt und sich selber eine Zigarette angezündet hatte, erzählte sie ihr von ihm, von den Kindern, die sie beide nicht haben konnten, von seinem politischen und sozialen Engagement, von seiner Leidenschaft für seinen Job, und von dem Tag, der sein Leben zerstört hat. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sich eine neue Zigarette anzündete, und Marianne versuchte verzweifelt, sich die Erfahrungen hinter den Worten vorzustellen: Depression, Panikattacken, Alpträume, Aggression, Psychopharmaka und Alkohol. Und irgendwie kam ihr das alles sehr bekannt vor, dieses Gefühl, wenn dir das Liebste was du hast langsam aber sicher entgleitet.

Tränen liefen über Mariannes Wangen, als sie in ihrem Wagen auf der Autobahn nach Hause fuhr. Das hatte sie nicht erwartet. Er hatte ihr von seiner Therapie erzählt und von seinem vorzeitigen Ruhestand. Aber er hatte nie über die Gründe gesprochen. Natürlich hatte sie hinter seiner männlichen Fassade instinktiv seine Sensibilität und Verletzlichkeit gespürt. Das war es ja auch, was ihr so an ihm gefiel. Aber jetzt hatte sie plötzlich Angst. Nicht etwa vor ihm. Nein, vor sich selber. Würde sie ihm wirklich geben können, was er brauchte?

Sie hatte doch schon einmal versagt. Und dabei hatte sie geglaubt, alles unter Kontrolle zu haben. Fast 25 Jahre war sie mit ihrem Mann verheiratet gewesen und hatte alles mit ihm durchgetragen, die paar guten Jahre und dann die anderen, seine Arbeitslosigkeit, seine Depression, die völlige Perspektivlosigkeit. Es war schlimm, aber sie war sich sicher gewesen, dass sie es gemeinsam schaffen würden. Dann, mitten in der Nacht, war er aufgestanden. Sie tat so, als würde sie schlafen, damit er sich keine Vorwürfe machte. Doch als sie am Morgen erwachte, war das Bett neben ihr leer. Sie fand ihn unten im Keller. Er hatte sich mit einer ihrer Strumpfhosen an einem Heizungsrohr erhängt. Beim Aufräumen seiner Sachen fand die Tochter die Pornohefte, und einen Zettel mit einer Telefonnummer. Es war eine Frauenstimme am Apparat. Marianne hatte sie besucht und mit ihr gesprochen. Offenbar ging er seit zwei Jahren zu ihr, etwa einmal im Monat, für eine Stunde.

Marianne wusste, dass sie nicht gut war im Bett. Wie hätte sie es auch sein können, nach allem, was man ihr angetan hatte. Aber sie hatte getan, was sie konnte. Sie hatte hingehalten, den Ekel unterdrückt und versucht, sich daran zu freuen, dass es für ihn schön war. Aber offenbar war das nicht genug. Der Schock sass tief. Während fast fünf Jahren bestimmten Schuldgefühle und Selbstzweifel ihr Leben, bis sie vor zwei Monaten diesen strahlenden Augen begegnete. Augen, die sie wohlwollend anschauten, die sich an ihr erfreuten, ohne sie zu verschlingen. Augen eben, die ihr Herz berührten und sie herausholten aus dem Dunkel ihrer Nacht. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Doch je mehr sie diese Liebe zuliess, desto grösser wurde die Angst. Und je näher der Tag kam, an dem sie ihn in seinem Haus an der Nordsee besuchen wollte, desto grösser wurden ihre Zweifel. Die Wanduhr im Wohnzimmer schlug bereits zehn Uhr, als sie noch immer im Bett lag. In anderthalb Stunden würde der Bus sie zum Bahnhof bringen. Aber Marianne hatte keine Kraft um aufzustehen. Schliesslich raffte sie sich auf, legte sich den Morgenmantel um die Schultern und ging mit ihrem Telefon ins Wohnzimmer. Mit zitternden Fingern suchte sie auf dem Display nach seiner Nummer, als es plötzlich zu vibrieren begann. Selten hatte sie sich so gefreut, die Stimme ihrer Tochter zu hören.

Als die Lautsprecherdurchsage die Ankunft in Norden ankündigte, war Marianne bereit. Sie hatte sich alles genau überlegt. Sie würde ihm nichts sagen von all dem. Sie würden ganz in der Gegenwart leben und die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen. Sie würde alles tun, damit er seinen 60. Geburtstag geniessen kann.

Zögernd schaute sie sich auf dem Bahnsteig um, während ein junger Mann ihr den Rollkoffer aus dem Zug hob. Und als sie sich langsam mit den anderen Reisenden dem Ausgang näherte, stand er plötzlich vor ihr, mit frisch geschnittenen Haaren und einem grossen Strauss weisser Rosen im Arm. Seine erwartungsfrohen Augen erstrahlten wie die Sonne in ihrer Nacht und vertrieben die letzten Schatten des Zweifels.

Und als er sie fest in seine Arme nahm, wusste sie, dass sie ihm alles sagen konnte, und dass er ihr genau das geben würde, was sie brauchte.

Verletzter Held

Thorsten ging es gut. Zum ersten Mal seit seiner vorzeitigen Pensionierung vor fünf Jahren ging es ihm wirklich gut. Er genoss den salzigen Geruch des Meeres, der sich mit dem herben Duft seines Kaffees vermischte, als er auf der Veranda seines Hauses frühstückte. Über dem Wasser quietschten die Möwen, während sich hinter ihm im Radio die Morgennachrichten ankündigten.

Zwischenablage01Bild von Brooksbrothers

Seit zwei Jahren hatte Thorsten dieses kleine, idyllische Haus an der Nordsee, und seit zwei Monaten hatte er sie. Sie war Mitte fünfzig, Mutter von drei Kindern und seit fünf Jahren verwitwet. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und heute wollte sie zum ersten Mal kommen, mit dem Zug um 16 Uhr, um seinen 60. Geburtstag mit ihm zu feiern. Seit Tagen hatte er sich auf diesen Moment gefreut.

Er war gerade im Begriff, sich eine zweite Tasse Kaffee aus der Maschine zu lassen, als er im Radio plötzlich den Namen des benachbarten Dorfes hörte: „… in der Nähe von Dornum wurde in der vergangenen Nacht ein junges Ehepaar von maskierten Tätern in ihrem Haus überfallen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung fehlt von den Tätern bis zur Stunde jede Spur.“ Wie gelähmt stand Thorsten da und es war ihm, als ob in ihm drin all die Mauern ins Wanken gerieten, die er sich in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut hat. Plötzlich war sie wieder da, diese Angst, diese lähmende Ohnmacht und das nagende Schuldgefühl. Plötzlich war er wieder da, der „kleine“ Thorsten.

Seine Hände zitterten, als er sich mit der Tasse Kaffee an den Tisch setzte. Was war nur mit ihm los? Und warum ausgerechnet jetzt? Natürlich kannte er diese Gefühle nur zu gut. Aber er hatte doch gehofft, sie endlich einmal einigermassen im Griff zu haben, nach fünf Jahren Therapie, nach fünf langen Jahren geduldiger Versöhnungsarbeit mit dem „kleinen“ Thorsten. Sollte denn alles Vergeblich gewesen sein? Sollte es ihnen letztlich doch gelungen sein, ihn zu zerstören?

Es war an einem Donnerstag im Oktober, vor genau fünf Jahren. Sie kamen in den frühen Morgenstunden, maskiert, mit schallgedämpften Waffen. Thorsten wurde brutal aus dem Bett gezerrt und gezwungen sich anzukleiden, während einer der Männer sich um seine Frau kümmerte. Nie wird er ihren verzweifelten Blick vergessen, als er sie hilflos mit Klebeband gefesselt und geknebelt in den Händen dieses Mannes zurücklassen musste. Die Männer waren gar nicht begeistert, als ihnen klar wurde, dass er als Filialleiter den Haupttresor nicht alleine öffnen konnte. Es waren die längsten zwei Stunden seines Lebens, ausgestreckt auf dem Boden des Personalraums, an Händen und Füssen gefesselt und mit seinen eigenen Socken im Mund geknebelt. Und dann hörte er sie kommen. Zuerst das Geräusch ihrer Wagen, dann das Klappern ihrer Schuhe, dann ihre Schlüssel. Ahnungslos gingen sie in die Falle, als erste die Kassiererin, dann wenige Minuten später seine Stellvertreterin und die Praktikantin. Und er konnte nichts dagegen tun. Nie wird er das ätzende Geräusch des Klebebandes vergessen, als die Frauen eine nach der anderen neben ihm auf dem Boden gefesselt und geknebelt wurden. Und immer wieder sah er ihre verzweifelten Gesichter vor sich, die ihn flehend anschauten, bevor sie hinter den Seidentüchern und Strickjacken verschwanden, die man ihnen um die Augen band.

Thorsten hatte versucht zu vergessen. Aber es ging nicht. Kopfschmerzen, Panikattacken, Alpträume, und immer öfter mal etwas zu viel Alkohol. Erst wurde er krankgeschrieben. Dann nach einem Jahr liess er sich vorzeitig pensionieren. Offizielle Diagnose: Burnout. Kurz danach verliess ihn seine Frau. Sie schien zwar den Überfall einigermassen verdaut zu haben, war aber mit der Situation ihres Mannes überfordert. Von einem Tag auf den anderen war er ein gebrochener Mann, geplagt von Ängsten und Schuldgefühlen. Er hatte zwar sofort eine Therapie begonnen, aber es sollte drei Jahre dauern, bis plötzlich die Bilder wieder kamen und er bereit war, dem „kleinen“ Thorsten zu begegnen.

Thorsten war damals sehr klein, kaum sechs Jahre alt, als ihm schlecht war und er früher aus dem Kindergarten nach Hause kam. Seine Mutter war alleinerziehend, arbeitslos und nicht selten krank. Als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, hörte er sie stöhnen, heftig stöhnen. Sie lag im Bett, nackt, über ihr ein Mann, riesig und nackt. Ihre Hände waren in seinen Rücken gekrallt, ihr Kopf in den Nacken geworfen, ihre Augen geschlossen. Der kleine Thorsten wollte schreien. Aber er konnte nicht. Er versteckt sich in seinem Zimmer, am Boden hinter dem Schrank, zitternd mit angezogenen Knien und nasser Hose. In diesem Moment begriff er ein für allemal: Er konnte seine Mutter nicht beschützen.

Es war unterdessen 11 Uhr. In einer halben Stunde würde sie den Bus nehmen, der sie zum Bahnhof bringt. Thorsten spürte die quälende Angst in seinem Bauch. Vor seinen Augen tauchte immer wieder das junge Paar auf, nachts in ihrem Ferienhaus, kaum mehr als zwei Kilometer entfernt. Vielleicht sass er noch auf der Veranda, als es geschah. Und immer wieder sah er diese Gesichter vor sich, der flehende Blick seiner Frau, die verzweifelten Tränen seiner Praktikantin, die hilflose Wut der Kassiererin, und das verzerrte Gesicht seiner Mutter. Er hatte ihnen nicht helfen können. Er hatte sie nicht beschützen können.
Er würde auch sie nicht beschützen können.

Der Kaffee war schon lange kalt geworden, als er schliesslich nach dem Telefon griff. Minutenlang hielt er es in seinen Fingern, bis er endlich ihre Nummer wählte. Sein Herz pochte laut in seiner Brust, als er auf den Klingelton wartete. Aber sie hatte die Combox eingeschaltet. Verzweifelt suchte er nach den Worten, die er sagen wollte. Doch als der Piepton kam, hielt er plötzlich inne. Schweigend starrte er aufs Meer hinaus, während das Band ablief. Und als das Schlusszeichen ertönte, schaltete er das Telefon aus.

Er hatte noch viel zu erledigen, bis sie kam. Entschlossen nahm es seine Jacke vom Haken und machte sich auf den Weg ins Dorf. Er wollte sich noch die Haare schneiden lassen. Und dann brauchte er noch ein paar Rosen, weisse, die mochte sie so gern…