Entfesselte Berufung

Über die Bäume des kleinen Parkes hinweg konnte Hannah das Dach des Konzerthauses sehen. In drei Stunden würde sie dort die Bühne betreten. Ihr Agent hatte ihr eben mitgeteilt, dass das Konzert ausverkauft sei. Es war ihr erstes Konzert in Deutschland, doch ihr Ruf war ihr vorausgeeilt. Hannah würde Chopin spielen, wie immer. Dafür war sie berühmt und dafür wurde sie verehrt. Doch Hannah hasste Chopin.

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Bild von Peterhahn

Nachdenklich schaute sie vom Balkon ihrer Hotelsuite zu, wie unter ihr im Park die Mütter mit ihren Kindern spielten. Hannah liebte Kinder. Sie hatte selber drei jüngere Schwestern und zwei kleine Brüder und war es schon früh in ihrem Leben gewohnt, Verantwortung für die Kleinen übernehmen zu müssen. Als sie zehn war, kam ihr Vater bei einem Grubenunglück ums Leben, und ihre Mutter schuftete Tag und Nacht, um ihre Kinder zu ernähren.

Hannah wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf, die ein kleines Café in Krakau führte. Dort begann sie mit etwa fünf Jahren auf dem Klavier zu spielen und an manchen Tagen war sie kaum mehr davon zu trennen. Ihre Grossmutter erkannte sofort ihre Begabung und sorgte dafür, dass sie bei einem guten Lehrer Unterricht bekam. Der anfängliche Widerstand der Eltern erlahmte schnell, als diese begriffen, dass die kleine Hannah mit ihrem Klavierspiel im Café ihrer Oma an manchen Abenden mehr verdiente, als ihre Mutter während einer ganzen Woche.

Hannahs Talent sprach sich schnell herum und als sie 14 war, unterschrieb ihre Mutter einen Vertrag mit einem Agenten. Dieser sorgte dafür, dass Hannah in Polen zum Star wurde. Damit war die finanzielle Not ihrer Familie fürs erste gebannt. Aber Hannahs Ruhm und Erfolg hatten ihren Preis. Sie durfte nur Chopin spielen, und manchmal etwas Rachmaninow, um ihre Virtuosität zu beweisen. Und im katholisch geprägten Polen war es ihr nicht erlaubt, eine Beziehung zu haben, zumal eine frühe Hochzeit im Vertrag nicht vorgesehen war. Das hinderte ihren Agenten allerdings nicht daran, sich seine Dienste gelegentlich auch mit anderen Gefälligkeiten vergelten zu lassen. Hannah verdrängte ihren Ekel, hatte sich aber nie wirklich daran gewöhnt, umso mehr, als ihr schon seit einiger Zeit bewusst geworden war, dass Männer ihr eigentlich nichts bedeuteten.

Der Anblick der Mütter im Park erinnerte Hannah an ihre beste Freundin, die vor einem Monat ihr erstes Kind bekam. Wie glücklich war sie, als sie das Kleine vor ein paar Tagen im Arm halten durfte. Und wie traurig, wenn sie daran dachte, wie weit sie selber von diesem Glück entfernt war.

Diese Trauer verfolgte sie nun schon seit einiger Zeit. Eigentlich konnte sie gar nicht sagen, wann es begonnen hat. Am Anfang war diese Unlust, am Morgen aufzustehen, ein diffuses Gefühl von Sinnlosigkeit, begleitet von einer lähmenden Erschöpfung. Mühsam musste sie sich zum Proben überwinden. Die Konzerte wurden zur Qual. Sie begann das Publikum zu hassen. Und irgendwann begannen ihre Hände zu zittern. Immer öfter musste sie zu Tabletten greifen, und die wachsende Zahl leerer Flaschen in ihrer Küche begann nicht nur sie zu beunruhigen. Doch das Wundersame dabei war, dass sie immer besser zu werden schien.

Hannah hatte Tränen in den Augen und ihre Hände zitterten, als sie die Balkontür schloss und die Gardine zuzog. In zwei Stunden musste sie bereit sein. Hastig kramte sie die Tabletten aus ihrer Handtasche. Dann setzte sie sich an den Flügel und begann zu spielen. Chopin, das Prélude, mit dem sie das Konzert eröffnen würde. Mein Gott, wie sehr hasste sie dieses Stück. Wie viel tausend Mal hatte sie es bereits gespielt, damals schon als kleines Mädchen im Café ihrer Oma. Doch die Leute wollte es hören, von ihr, immer und immer wieder. Erschöpft brach sie mitten im Stück ab. Kraftlos liess sie ihre Arme hängen und die Tränen liefen ihr über die Wangen.

Minutenlang sass sie einfach nur da und starrte ins Leere. Dann hoben sich langsam ihre Arme und mit konzentrierter Entschlossenheit suchten ihre Finger ihren Platz über den Tasten. Und als sie sich sanft zu bewegen begannen, schien sich Hannas ganze Trauer in Musik zu verwandeln. Eine einfache Melodie von unglaublicher Melancholie und Schönheit erfüllte den Raum. Mit geschlossenen Augen sass Hannah da, während ihre Finger langsam über die Tasten glitten.

Dann schien die Melodie für einen Moment innehalten zu wollen. Doch ganz allmählich kamen die Hände wieder in Fahrt, erst nur zögerlich, dann immer schneller und immer lauter. Und plötzlich schien die Musik jeden Boden zu verlieren. Hannahs Hände begannen über die Tasten zu rasen, wie wenn sich die ganze aufgestaute Wut und Verzweiflung in ihr entfesselt hätten. Ihre Haare wehten wild durch die Luft und ihr ganzer Körper bebte, als die wuchtige Kraft ihrer Arme dem musikalischen Wahnsinn Gestalt verlieh.

Doch so schnell der Sturm entbrannte, so schnell beruhigte er sich wieder. Langsam fand die Musik zurück zur ursprünglichen Ruhe und Harmonie, und da war sie wieder, diese einfache Melodie, in ihrer ergreifenden Melancholie. Und bei der letzten Note angekommen, liess Hannah den Finger auf der Taste, bis der tiefe Ton im Raum verklungen war.

Erfüllt von einem seltenen Glücksgefühl erhob sich Hannah, um sich für das Konzert umzuziehen. Doch als sie sich umdrehte, stand da plötzlich ein Dame vor ihr, mitten im Zimmer, in einem langen, dunklen Abendkleid, mit eleganten, schwarzen Handschuhen und einem langen Wollmantel über den Schultern. Die Dame mochte um die fünfzig sein. Sie schaute Hannah ruhig an und machte nicht den geringsten Versuch zu verbergen, dass sie geweint hatte. Dann trat sie auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Danke!“ war das einzige, was sie sagte. Dann glitt ihre Hand in die Handtasche und holte eine Visitenkarte hervor. Fassungslos starrte Hannah auf das Logo des renommierten Plattenverlegers. Und als sie den Blick wieder hob, sah sie gerade noch die wehenden Ärmel des Mantels, als die Dame das Hotelzimmer verliess.

……

An diesem Abend spielte Hannah statt der üblichen vier Zugaben nur eine: Das Andantino aus Schuberts Sonate in A-Dur. Minutenlang wagte niemand zu klatschen, als der letzte Ton verklungen war. Erst als sich Hannah erhob, brachen alle Dämme.

Es war Hannas letztes Konzert für zwei Jahre. Ihre neue Agentin liess ihr die Zeit, die sie brauchte. Als sie zurückkam, spielte sie in der Schweiz, in einer kleinen Kapelle in den Walliser Alpen: Schubert und Brahms. Es sollte nicht das letzte Mal sein…

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Albtraum

Es war kurz vor Mitternacht, als Tracy ihren Wagen in die Tiefgarage ihres Wohnblocks lenkte. Sie kam direkt aus dem Polizei-Hauptquartier, wo sie den Abschied ihres ehemaligen Vorgesetzten feierte. Zehn Jahre hatte sie mit ihm zusammengearbeitet, nachdem sie damals die Spezialeinheit der Army verlassen hatte und zur Polizei übgetreten war. Unter ihm war sie zu einer der führenden Kommissarinnen gereift und hatte manch männlichen Kollegen hinter sich gelassen. Und das hatte sie nicht etwa ihrer Attraktivität zu verdanken. Nein, Tracy war gut. Manche hielten sie gar für sehr gut. Doch in dieser Nacht war sie nicht gut genug.

Zwischenablage10Bild von Cotswoldcollections

Im Nachhinein konnte sie sich zwar erinnern, einen dunklen Kastenwagen wahrgenommen zu haben, den sie in der Garage noch nie gesehen hatte. Aber vielleicht war es das eine Glas Wein zu viel, das ihren natürlichen Instinkt ausser Kraft gesetzt hatte. Denn als sie ihre Handtasche und Strickjacke vom Beifahrersitz nahm und aus dem Wagen stieg, sah sie keinen Anlass zu übermässiger Sorge. Das Klappern ihrer Absätze hallte zwischen den parkierten Fahrzeugen durch die Einstellhalle, während sie sich auf dem Weg zu den Aufzügen die elegante Jacke um die Schultern legte und in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel suchte. Doch plötzlich sah sie, wie neben ihrem Schatten am Boden ein zweiter Schatten auftauchte, völlig lautlos, wie aus dem Nichts. Und bevor sie sich umdrehen konnte, durchzuckte ein Stromschlag ihren ganzen Körper. Alles schien sich um sie zu drehen. Ihre Knie gaben nach und das letzte was sie sah, bevor alles schwarz wurde, war eine dunkle Gestalt, die sie auffing.

Tracys Körper schmerzte, als sie langsam wieder zu sich kam. Vor allem die Stelle am Hals, wo man ihr den Elektroschock versetzt hatte. Der Boden unter ihr war hart, kalt und in steter Bewegung, und als ihr klar wurde, dass das laute Brummen nicht von ihrem Schädel sondern einem Motor kam, wusste sie, dass sie in dem dunklen Kastenwagen lag. Instinktiv versuchte sie sich aufzurichten, aber ihre Arme gehorchten ihr nicht. Angst ergriff sie, als sie realisierte, dass ihre Hände hinter ihrem Rücken mit Handschellen gefesselt waren. Ja mehr noch, ein Strick verband die Kette der Handschellen mit ihren gefesselten Füssen, so dass sie mit ihren Fingern die Absätze ihrer Schuhe berühren konnte. Und als sie ihren Kopf drehen wollte, riss das Klebeband schmerzhaft an ihren Haaren, das man ihr mehrfach um den Kopf gewickelt hatte, um das knebelnde Tuch in ihrem Mund zu fixieren.

Tracy war Profi genug um zu wissen, dass hier jemand ganze Arbeit geleistet hatte. Und nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, versuchte sie fieberhaft, ihre Situation zu analysieren. Der Laderaum wurde durch ein schwaches Licht erleuchtet. Er war sauber und schien leer. Doch als sich Tracy mühsam in ihren Fesseln umdrehte, sah sie plötzlich eine dunkle Gestalt neben sich sitzen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Die Frau trug einen schwarzen Rollkragenpullover, Hosen und Stiefel und ihre Hände steckten in feinen Lederhandschuhen. Um ihren Kopf hatte sie sich ein Tuch gewickelt, so wie Tracy es von den Frauen in Afghanistan kannte. Und aus diesem Tuch heraus schauten ihr zwei Augen entgegen. Grosse, dunkle Augen. Augen, die Tracy schon einmal irgendwo gesehen hatte.

Plötzlich spürte sie, wie das Blut aus ihren Wangen wich. Wie aus dem Nichts wurde er plötzlich Wirklichkeit, ihr schlimmster Albtraum, der sie seit Jahren verfolgte, seit jenem Tag in einem kleinen Dorf im Nirgendwo der afghanischen Berge.

Zwölf Jahre war es her. Tracy gehörte damals zu einer weiblichen Spezialeinheit der US Army, die den Auftrag hatte, sich bei Einsätzen gegen die Taliban um die afghanischen Frauen zu kümmern. Ein Verräter hatte sie damals zu diesem Dorf geführt und es war ihren Kollegen gelungen, in einer Kommandoaktion eine Führungszelle der Taliban auszulöschen. Mehrere Kämpfer wurden festgenommen, darunter auch eine Frau. Tracy und ihre Kolleginnen hatten den Auftrag, die Frauen und Kinder zu beruhigen und wegzubringen. Man hatte ihr dabei die gefangene Talibankämpferin anvertraut und obwohl die Hände der Gefangenen mit Kabelbindern gefesselt waren, musste Tracy ihre ganze Kraft aufwenden, um die Frau zu bändigen, als man ihre Kinder wegbrachte. Nie wird sie das Schreien der verzweifelten Mutter vergessen, das Weinen der kleinen Kinder und den Blick des zwölfjährigen Mädchens, das Tracy aus ihren grossen dunklen Augen schweigend anstarrte.

Kurz danach hatte Tracy ihren Dienst bei der Army quittiert. Immer und immer wieder hatte sie sich in den folgenden Jahres diese Szene durch den Kopf gehen lassen. Aber nein, sie hatte damals richtig gehandelt. Sie hatte getan, was getan werden musste. Die Mutter war eine Kämpferin. Tracy hatte sie selber gesehen, mit der Kalaschnikow in der Hand, wie sie einen ihrer Kollegen angeschossen hatte. Doch alle noch so guten Gründe brachten die Schreie nicht aus ihrem Kopf. Und wenn sie nachts die Augen schloss, tauchten sie immer wieder aus der Finsternis auf, die Augen des Mädchens.

Und nun hatten diese Augen sie also eingeholt, zwölf Jahre später, mitten in den Vereinigten Staaten. Nein, es gab keinen Zweifel. Sie hätte sie aus Tausenden wiedererkannt, selbst im fahlen Licht dieses Laderaumes. Hilflos stöhnte Tracy in ihren Knebel, als sie etwas zu sagen versuchte. Doch als die Frau sah, dass ihr Opfer begriffen hatte, mit wem sie es zu tun hat, nahm sie Tracys Strickjacke und wickelte sie ihr um den Kopf.

Tracy hatte jedes Zeitgefühl verloren, als der Wagen schliesslich stoppte und die Tür zum Laderaum geöffnet wurde. Sie spürte, wie man erst den Strick an ihren Handschellen und dann ihre Fussfesseln löste. Dann wurde sie aus dem Wagen gezogen und auf die Beine gestellt. Ohne etwas sehen zu können, wurde sie über eine Rasenfläche geführt, wobei sie in ihren eleganten Schuhen mit den Absätzen immer wieder strauchelte. Dann hielten sie an und Tracy wurde gezwungen, auf einen hölzernen Schemel zu steigen. Mühsam rang sie um das Gleichgewicht, als ihre Füsse zusammengeschoben und wieder mit einem Strick gefesselt wurden. Und als man ihr schliesslich die Strickjacke vom Kopf zog, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Sie befand sich im Garten ihres Mutterhauses, unter dem grossen Ast der Eiche, an dem ihre Schaukel gehangen hatte, keine zehn Meter entfernt vom Salon, in dem ihre Mutter das Frühstück zu nehmen pflegte. Fassungslos wanderte ihr Blick vom mondbeschienenen Haus zum hölzernen Schemel, auf dem ihre Füsse in den eleganten Schuhen nach Halt suchten. Und dann spürte sie, wie ihr eine Schlinge um den Hals gelegt wurde. In einem Anflug von Panik begann sie, in ihren Knebel zu schreien, während der Strick mit der Schlinge angezogen und am Ast über ihr befestigt wurde.

„Keine Angst, der Stuhl sollte hallten, vorausgesetzt, du machst keine Dummheiten“, hörte sie die Afghanin in nahezu akzentfreiem Englisch sagen, während sie Tracys Strickjacke vom Boden aufhob. Hilflos musste die ehemalige Elitesoldatin zusehen, wie das kleine Mädchen von damals ihr fast zärtlich die Jacke um die Schultern legte und auf dem obersten Knopf schloss. Das kleine Mädchen war gross geworden. Eine Kämpferin wie ihre Mutter. Und ihre Augen, diese dunklen Augen hatten auch im blassen Mondschein nichts von ihrer bannenden Kraft verloren.

„Deine Mutter ist wie meine Mutter eine sehr disziplinierte Frau“, ertönte noch einmal die warme Stimme hinter dem wollenen Tuch, während sich die beiden Frauen ein letztes Mal in die Augen schauten. „In genau fünf Stunden wird sie im Salon den Vorhang aufziehen, um ihr Frühstück zu nehmen. Fünf Jahre habe ich damals auf meine Mutter warten müssen. Was sind da schon fünf Stunden? Also, sei ein tapferes Mädchen! Wir wollen doch Mama nicht unglücklich machen.“

Stunde der Wahrheit

Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Fassungslos starrte Lady Margret auf die Dokumente, die vor ihr ausgebreitet auf dem Schreibtisch lagen. Nein, es gab keinen Zweifel. Die Fakten waren unumstösslich. Ein plötzliches Schwindelgefühl befiel sie und es war ihr, als ob sich die Welt um sie auflösen würde. Eben noch schien sie am Ziel ihrer Träume. Und jetzt das.

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Langsam erhob sie sich, nahm die Kaschmirjacke von der Lehne ihres Sessels, legte sich diese um die Schultern und trat ans Fenster ihres Arbeitszimmers. Grauer Nebel lag über dem herbstlichen Park ihres Landhauses und ein leichter Regen tröpfelte auf das Dach des Wagens ihres Schwiegersohnes, der unter ihr im Hof stand.
Noch gestern herrschte strahlender Sonnenschein. Gestern Nachmittag wurde ihr erstes Enkelkind geboren. Ein Junge. Der Stammhalter, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte, den sie ihrem verstorbenen Gatten versprochen hatte und für den sie so viel geopfert hatte. Was hatte sie nicht alles getan, damit es endlich doch zu einer standesgemässen Hochzeit kam. Wie oft hatte sie ihre Muttergefühle verletzt, als sie gegen den unpassenden Liebhaber ihrer Tochter vorgegangen war. Nie wird sie die Herzensqualen ihrer Tochter vergessen, als diese das Höschen und die Briefe einer anderen bei seinen Sachen fand. Und auch er tat ihr irgendwie leid. Eigentlich hatte sie ihn ja gemocht. Aber es musste sein. In ihren Kreisen hat die Familie Vorrang vor dem Glück des einzelnen.

Und schliesslich gab es da ja auch den Sohn des Grafen. Niemand wusste zwar genau, woher er kam und wer seine Mutter war. Aber er war definitiv eine gute Partie. Gut aussehend, charmant und mit besten Manieren hatte er Lady Margret auf Anhieb überzeugt. Und nach einigem Zureden war es ihr auch gelungen, ihre Tochter von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu überzeugen. Die Hochzeit war ein Traum. Viele Freunde und Bekannte aus den besten Kreisen waren gekommen und Lady Margret hatte nur bereut, dass ihr Gatte das nicht mehr erleben durfte.

Der Schwiegersohn hatte sich schnell in die Familie und in die Leitung der verschiedenen Unternehmen und Landgüter integriert. Er verkehrte in den besten Clubs, spielte leidenschaftlich Golf, fuhr gerne teure Autos und war oft auf Reisen. Dass seine Frau immer verschlossener wurde und öfter unter Übelkeit und Erschöpfung litt, führte Lady Margret selbstverständlich auf die Schwangerschaft zurück. Sie war begeistert von der Aussicht auf Nachwuchs und hatte volles Vertrauen in ihren Schwiegersohn. Und als ihre Geschäftsführerin vor zwei Monaten die Unverschämtheit besass, in Bezug auf ein paar Unregelmässigkeiten seinen Namen zu erwähnen, hatte sie diese noch am selben Tag entlassen. Irgendwie war sie fasziniert von diesem Mann. Er war so ganz anders als ihr verstorbener Gatte, und manchmal, an einsamen Abenden, musste sie sich eingestehen, dass sie sich…

Lady Margret zuckte zusammen, als plötzlich ein dunkler Schatten vor ihrem Fenster vorbeiflog. Instinktiv zog sie die warme Strickjacke enger um ihre Schultern, während sie zuschaute, wie die Krähe sich auf einem Ast in ihrer Nähe niederliess. Und als sie sich umdrehte, stand er plötzlich da, neben ihrem Schreibtisch, mit einem der Dokumente in der Hand. Einen Moment lang schauten sie sich an, schweigend. Nur der Regen war zu hören, der von einer Windböe gegen die Scheibe geweht wurde.

„Du weisst Bescheid!“, hörte sie ihn schliesslich sagen.

„Warum? Warum tust du mir das an?“, hauchte sie mehr als dass sie sagte, während er die Papiere auf den Tisch warf und langsam auf sie zukam. Unwillkürlich wich sie zurück, aber der Fensterrahmen liess ihr nicht viel Raum. Wie gelähmt schaute sie auf die Gestalt vor ihr, die sie um einen guten Kopf überragte. Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie an den Knopfleisten ihrer Strickjacke gepackt, gegen seine Brust gezogen und auf den Mund geküsst. Dann drehe er sie um und während er sie mit der linken Hand am Schreien hinderte, riss er mit der rechten zwei Vorhangkordeln herunter. Verzweifelt nach Halt suchend stolperten ihre Füsse in den eleganten Schuhen über den Teppich, als er sie zu ihrem Schreibtisch schleppte, wo er sie auf den Bürosessel stiess und ihre Hände mit den Kordeln an die Armlehnen fesselte. Fassungslos schaute sie zu, wie er nach einem der Ärmel ihrer Strickjacke griff, die lose von ihren Schultern baumelten. Und als sich ihre Lippen öffneten um zu fragen, was denn nun aus dem Kind werden solle, stopfte er ihr kurzerhand den Jackenärmel in den Mund, wo er die knebelnde Kaschmirpackung mit Hilfe seiner Krawatte fixierte.

Als Lady Margret wenig später hörte, wie der Wagen auf dem Kiesplatz vor dem Haus wendete und davonfuhr, strömten Tränen der Wut und Verzweiflung über ihre Wangen. Nicht weniger als sechs weitere Vorhangkordeln hatte er heruntergerissen, um es ihr auf ihrem Sessel so „bequem“ wie möglich zu machen. Dann hatte sie hilflos zusehen müssen, wie er mit Hilfe ihres Schlüssels auch noch den Wandsafe leerte. Aber all das, die veruntreuten Millionen, der Safe, ja selbst der Verlust ihres Schmuckes, den er sich noch aus ihrem Schlafzimmer geholt hatte, war für sie in diesem Moment unbedeutend. Denn das, was sie im Begriff war zu verlieren, war viel fundamentaler.

Kaum wagte sie, ihren Kopf zu heben und durch die Tränen hindurch auf das Bild ihres Gatten zu schauen, das vor ihr auf dem Arbeitstisch stand. Und wenn sie früher in seinem strengen Mund den Anflug eines stolzen Lächelns zu erkennen glaubte, sah sie jetzt in seinen Augen nur Vorwurf und Enttäuschung. Und gleich daneben, etwas kleiner und nach hinten versetzt, stand das Bild ihrer Eltern. Ihr Vater lächelte. Aber sie hatte dieses Lachen schon immer gehasst, seit er damals bei einem Reitunfall ums Leben kam. Warum musste er um jeden Preis auf dieses Pferd steigen? Warum hatte er sie verlassen, damals, als sie ihn so sehr gebraucht hätte. Denn der Blick ihrer Mutter war damals schon traurig. Sie war einfach nicht geschaffen für diese Welt, viel zu sensibel und unfähig, ihre Gefühle zu beherrschen. Seit drei Jahren war sie in der Klinik. Alzheimer. Und seit ein paar Wochen kam es vor, dass sie ihre Tochter nicht mehr erkannte.

Das Prasseln des Regens gegen die Fensterscheiben war heftiger geworden, während Lady Margret regungslos auf ihrem Sessel sass und ins Leere starrte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie so etwas wie Mitleid mit ihrer Mutter. Wie sehr hätte sie sich in diesem Moment gewünscht, einfach nur vergessen zu können. Doch da war noch das dritte Bild auf ihrem Schreibtisch: Ihre Tochter im Arm ihres Schwiegersohnes. Auf einmal sah sie hinter dem aufgesetzten Lächeln die Leere und Traurigkeit, die sie einfach nicht wahrhaben wollte. Und plötzlich glaubte sie in den Augen ihrer Tochter den flehenden Hilferuf zu erkennen. Es waren die selben grossen, blauen Augen, mit denen ihr Enkel sie gestern zum ersten Mal angeschaut hatte.

Das wütende Knarren des ledernen Bürosessels mischte sich in das Geräusch des Herbststurmes, der mittlerweile an den Fensterläden rüttelte, als Lady Margret verzweifelt begann, an ihren Fesseln zu zerren. Vergeblich versuchte sie, mit ihrer Hand an die Schere auf dem Schreibtisch zu kommen. Und als sie nach dem Telefonkabel griff, um den Apparat zu sich herüberzuziehen, musste sie frustriert feststellen, dass es durchgeschnitten war. Immerhin schaffte sie es mit der Zeit, den knebelnden Jackenärmel so weit aus dem Mund zu stossen, dass sie um Hilfe rufen konnte. Ihre Haushälterin befand sich zu diesem Zeitpunkt unten im Salon. Aber eine Hand voll Vorhangkordeln, ein Taschentuch und eine Stoffserviette hinderten die treue Dienerin daran, dem Ruf ihrer Herrin Folge zu leisten.