Warum sie? X (eine Überlebende)

(Aus dem Tagebuch einer Domina)

Warum sie 10

Meine Mutter hat sich verliebt.

Es ist der erste Brief, den ich von ihr bekomme, seit fast acht Jahren. Warum schreibt sie mir das? Was will sie von mir? Warum kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich hatte ihr doch gesagt, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Mein Stiefvater war tot und mit ihr hatte mich schon lange nichts mehr verbunden.

Verdammt, ich will das nicht! Ich kann mir das nicht leisten! Noch so ein Aussetzer wie heute Nachmittag und ich kann meinen Job vergessen. Ein Safeword nicht zu respektieren, ist in unserem Business ein absolutes No-Go. Wenn sich das rumspricht, bin ich ruiniert. Mein Glück, dass meine Klientin kaum ein Interesse hat, irgendjemandem zu verraten, was sie bei ihrer „Steuerberaterin“ tatsächlich tut. Ich gehe nicht davon aus, dass sie meinetwegen ihre politische Karriere aufs Spiel setzen wird.

Aber wiedersehen werde ich sie wohl nicht mehr. Und den Ausdruck in ihren Augen, als sie mein Haus verlassen hat, werde ich so schnell nicht vergessen. Ich weiss nicht, wie lange ich würgend über der Kloschüssel gehangen habe, nachdem sie in ihrem teuren Wagen davongebraust war. Es war der gleiche Blick gewesen, den meine Mutter gehabt hatte, als sie mir damals frühmorgens vor dem Zimmer meines Vaters begegnet war.

Ich wusste, dass es nicht gut gehen konnte, seit diese elegante Dame zum ersten Mal vor meiner Tür gestanden ist. Sie ist jünger als meine Mutter, und wohl nur ein paar Jahre älter als ich. Ich mochte sie, irgendwie. Doch als sie heute wieder so da lag … Ich weiss nicht, was in mich gefahren war, als ich einfach ihr Zeichen ignorierte. Wie gebannt hatte ich zugeschaut, wie ihre Augen mich über den Knebel hinweg erst fassungslos und schliesslich in nackter Verzweiflung angestarrt hatten.

Scheisse, ja, ich hasse meine Mutter, aber doch nicht so!

Meine Mutter hatte mich nie geliebt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je so etwas wie zärtlich mit mir war. Klar, sie hatte alles getan, damit für mich gesorgt wurde und ich eine gute Ausbildung bekam. Aber Liebe, nein! Ich war doch überhaupt nur auf der Welt, weil sie einen Anlass gebraucht hatte, diese verdammte Kommune zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren. Mir war immer schon klar, dass ich in ihrem Leben eigentlich keinen Platz hatte, ja dass ich überhaupt in dieser Welt nichts verloren hatte. Ich war und bin genau so überflüssig wie mein Bruder und meine Schwester, die irgendwo in Boston in einem Mülleimer gelandet sind. Ich hatte einfach das Pech, dass ich gerade zufällig in die Lebensplanung meiner Mutter gepasst habe. Und ich dumme Kuh hatte mich noch jahrelang darum bemüht, dass sie stolz auf mich sei. Die vorbildliche Lehrerin sollte sich wegen ihrer Tochter nicht schämen müssen.

Oh ja, stolz war sie auf mich gewesen. So stolz, dass sie mich zwei Wochen nach meinem 18. Geburtstag für erwachsen genug gehalten hatte, um mich endlich mit ihrer verdammten Wahrheit zu konfrontieren. Was hatte sie sich bloss dabei gedacht? Dass ich ihr danke dafür, dass wenigsten ich leben darf? Hatte sie wirklich gehofft, ich würde ihr verzeihen und ihr ihre Schuldgefühle abnehmen? War ihr eigentlich klar, dass sie mir damit auch meinen Vater genommen hatte?

Es geschah ihr ganz recht, dass sie mich ein paar Wochen später beim Verlassen seines Zimmers ertappt hatte. Sollte sie nur glauben, dass ich mit ihm geschlafen habe. Ich hätte ja auch perfekt in sein Beuteschema gepasst. Sie brauchte ja nicht zu wissen, dass wir die ganze Nacht nur geraucht und über die Vergangenheit gesprochen hatten. Er hatte von seiner Jugend erzählt und mir seine alten Janis Joplin Schallplatten vorgespielt. Im Nachhinein hatte ich es fast bereut, dass ich nicht wirklich mit ihm im Bett war. Schliesslich hatte er ja bei sich im Labor einen Gentest machen lassen. Das Resultat war für keinen von uns eine Überraschung gewesen.

Eine Woche später war ich zum ersten Mal auf der Brücke gestanden. Es war allein der Hass, der mich schliesslich immer wieder zurückgehalten hatte. Dafür hätte mir dieser Zuhälter ein Jahr später um ein Haar die Entscheidung abgenommen. Er hatte Wind davon bekommen, dass ich und eine Kollegin begonnen hatten, in seinem Revier zu wildern und uns neben dem Studium etwas Taschengeld zu verdienen. Seine beiden Bodyguards hatten von mir alles genommen, was es zu holen gab. Meine Kommilitonin hatte mich schliesslich mehr tot als lebendig unter den Trümmern unseres kleinen Studios hervorgezogen und mit Hilfe einer Freundin in ein Frauenhaus gebracht.

Als ich wieder zu mir kam, sass ein Engel neben mir auf der Bettkante. Es war ein Mädchen, kaum 14, die mich besorgt musterte. Ihre “Flügel“ bestanden aus einer weissen Strickjacke, die sie sich um die Schultern gelegt hatte. Vorsichtig hatte sie meinen Kopf angehoben und mir einen Strohhalm zwischen die aufgeschlagenen Lippen geschoben. Und während ich langsam an dem warmen Tee nippte, sah ich das zweite Mädchen auf dem Bett nebenan sitzen. Sie lehnte in eine Wolldecke gehüllt an der Wand und ihre Augen schauten mich genau so leer und ausdruckslos an, wie ich mich fühlte. Das arme Kind war jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden, bis ihre Freundin, der Engel, sie überzeugen konnte, mit ihr in dieses Frauenhaus zu fliehen.

Während der drei Wochen, in denen ich dort Zuflucht gesucht hatte, war der Engel jeden Tag vorbeigekommen, um ihre Freundin und mich zu besuchen. Wie sie das neben der Schule geschafft hat, war mir ein Rätsel. Ebenso rätselhaft war für mich, woher dieses Kind sein Vertrauen und seine Kraft nahm. Eines Tages war sie mit mir in einem Park spazieren. Unser Weg führte an einer Parkbank vorbei, auf der betrunkene Jugendliche herumhingen. Ich war noch immer sehr schwach und fühlte mich plötzlich wie gelähmt vor Angst, als sich uns einer der jungen Männer in den Weg stellte. Er schien meine Begleiterin zu kennen und verhöhnte uns als Lesben. Doch mein Engel hatte einfach nur wortlos meine Hand gefasst und sich schützend vor mich gestellte. Fassungslos hatte ich zugeschaut, wie der Typ plötzlich ein Messer in der Hand hielt und dem Mädchen eine Haarlocke vom Kopf schnitt. Noch heute höre ich das grölende Gelächter, als mein Engel schweigend den Arm um mich legte und mich an der stolz präsentierten Trophäe ihres Peinigers vorbei von der Gruppe wegführte.

Erst als wir den Ausgang des Parks erreicht hatten, begann sich meine Lähmung zu lösen. Dafür glaubte ich plötzlich zu spüren, wie mein Engel zu zittern begann. Und bevor ich mich versah, hatte sich das Mädchen schluchzend an mich gedrückt und ihr Gesicht in meiner Brust vergraben. Einen Moment lang fühlte ich mich völlig hilflos, bis ich endlich meine Arme hob und zaghaft ihre bebenden Schultern an mich drückte. Ich konnte kaum glauben, was da geschah. Noch nie hatte jemand bei mir Trost gesucht. Noch nie hatte sich jemand von mir halten lassen. Zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich von jemandem gebraucht wurde… dass ich für jemanden wichtig war.

Eine Woche später, war ich nach London geflogen. Sie hatte mich an den Flughafen begleitet, wo sie mir zum Abschied ein kleines Holzkreuz geschenkt hat. Wieso sie bloss an all das glauben könne, hatte ich sie gefragt, wo sie doch selber täglich erlebe, wieviel Dreck, Bosheit und sinnloses Leid es in der Welt gäbe. Da hätte ich sicher Recht, aber immerhin gäbe es da ja auch noch mich, hatte sie mit ihrem unwiderstehlichen Strahlen geantwortet, bevor sie mich ein letztes Mal fest umarmt hat.

Mein Vater hatte mir an einer renommierten Business School einen Studienplatz besorgt, doch ich war bei meiner Ankunft noch so kaputt, dass mich seine Tante, bei der ich wohnen sollte, schon nach wenigen Tagen zu einer Bekannten ans Meer gefahren hat. Meine dortige Gastgeberin, eine richtige Lady, arbeitete offiziell als eine Art Lebensberaterin und gemessen an den schicken Wagen gehörte ihre meist weibliche Kundschaft zur besseren Gesellschaft. Körperlich hatte ich mich auf dem prächtigen Landsitz schnell erholt. Ich hatte Reiten gelernt und mich in meinen besseren Stunden durch die halbe Englische Literatur gelesen. Doch immer wieder hatten mich meine Geister auch oben auf die Klippen geführt.

Ich hatte in dieser Zeit wieder diesen Traum, den ich als Kind schon hatte: Da war ein Junge und ein Mädchen. Ich kannte sie nicht, und doch gehörten sie zu mir. Ich wollte mit ihnen gehen, aber immer waren sie verschwunden, im Dunkel, im Nebel, einfach weg. Intuitiv wusste ich schon immer, wer sie waren. Ich hatte auch sonst gelegentlich das Gefühl gehabt, dass ich nicht allein sei, dass da jemand hinter mir steht oder mich durch den Spiegel anschaut. Ich konnte mir noch lange einreden, dass es Unsinn war und dass ich selber gar nicht existieren würde, wenn auch nur einer von ihnen existiert hätten. Aber das befreite mich nicht von der quälenden Frage, warum ausgerechnet ich leben durfte… oder besser leben musste?

Es war ein kalter, grauer Tag, als ich wieder einmal oben an der Klippe stand und mit allem abgeschlossen hatte. Unter mir donnerte die Brandung gegen die Felsen und der Wind blies mir die salzig feuchte Meerluft ins Gesicht. Meine Knie zitterten und ich hatte bereits die Augen geschlossen um zu springen, als meine behandschuhten Finger in der Tasche meiner Daunenjacke plötzlich einen hölzernen Gegenstand umfassten. Und als ich mich nach einer Weile vorsichtig umdrehte, sah ich auf der Kuppe hinter mir die Lady, die mich vom Rücken ihres Pferdes aus beobachtete.

Ob sie mich einfach so hätte springen lassen, habe ich sie später einmal gefragt. Worauf sie nur meinte, es gäbe Entscheidungen im Leben, die mir niemand abnehmen könne. Sie hatte mich damals zu sich aufs Pferd gehoben und nach Hause gebracht. Und nachdem ich bei ihr im Salon nach einer Tasse Tee wieder etwas zu mir gekommen war, hatte sie mich unvermittelt gepackt und die Ärmel meiner Strickjacke zurückgeschoben. Ich wagte sie nicht anzuschauen, während sie wortlos die Schnitte an meinen Unterarmen desinfizierte und verband. Ich weiss nicht, wie lange ich mich damals an ihrer Brust ausgeweint hatte. Es war bereits dunkel, als ich mit ihrer Frage auf mein Zimmer ging: „Willst du wirklich leben?“ Sie sei keine Psychiaterin. Aber sie könne mir vielleicht helfen, mit meinen Gefühlen und meiner Gewalt umzugehen.

Am nächsten Morgen zeigte sie mir die diskreten Räume ihres Hauses, in denen sie ihre Kundinnen und Kunden zu empfangen pflegte. Und in den folgenden Monaten führte sie mich Schritt für Schritt in die Geheimnisse ihres Metiers ein. Sie half mir, jede Faser meines Körpers kennenzulernen und zu erforschen. Und sie brachte mir bei, meine Gefühle zu beherrschen und Angst, Ohnmacht und Schmerz gezielt und dosiert als Quelle der Lust zu verwenden, zuerst an mir selber, und dann allmählich auch an anderen. Dabei hatte ich vor allem eines gelernt: Wo die Grenzen sind und wo ich mich und andere vor selbstzerstörerischen Neigungen bewahren musste.

Nach drei Jahren hatte ich meinem Vater geschrieben, dass ich meinen Master in Business Administration erfolgreich abgeschlossen habe. Zu meiner Überraschung hatte er sogar geantwortet. Er sei stolz auf mich. Er hätte kürzlich einen kleinen Herzinfarkt gehabt, aber es gehe ihm wieder gut. Meine Mutter sei unterdessen Konrektorin geworden. Sie sei in letzter Zeit richtig aufgeblüht und habe jetzt einen neuen Lover, einen jungen Priester, den Seelsorger an ihrer Schule.

Drei Tage später sass ich in einem Mietwagen gegenüber dem Eingang ihres Gymnasiums. Mein Engel war gross geworden, eine richtige junge Frau. Ihren letzten Brief hatte ich vor zwei Jahren erhalten. Sie hatte darin begeistert von ihrem neuen Seelsorger erzählt, einem engagierten jungen Priester, mit dem sie endlich einmal über alles reden könne. Ich hatte ihr nie geantwortet. Was hätte ich ihr auch sagen sollen? Doch eines konnte ich für sie tun: Verhindern, dass sie ausgerechnet wegen meiner Mutter von diesem Arschloch enttäuscht wurde.

Als ich am nächsten Tag nach England zurückkam, war meine Lady tot. Man hatte sie am Fuss der Klippen gefunden, nachdem ihr Pferd alleine von einem Ausritt zurückgekommen war. Offiziell war es ein Unfall. Aber ich konnte am Rande des Abgrunds keine Pferdespuren finden. Plötzlich wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich von ihr wusste. Ich wusste nur, dass sie mir das Leben gerettet hatte, dass es Entscheidungen gab, die dir niemand abnehmen kann… und dass sie mir verdammt noch mal fehlte!

Wie sehr sie mir fehlte und wie sehr ich sie gleichzeitig aus meinem Leben verdrängt hatte, wurde mir heute schlagartig bewusst. Acht Jahre ist es her, seit ich nach dem Tod meines Stiefvaters zurückgekommen war und mich mit meinem Erbteil selbständig gemacht hatte. Und in all den Jahren, seit ich diesem Priester mein Knie in die … gerammt habe, hatte ich nie wieder die Kontrolle verloren. Ich hatte mir damals eingeredet, dass ich wusste, was ich tat, und dass ich es für das Mädchen getan habe. Aber als ich auf der Klippe gesessen war und in wütender Verzweiflung das hölzerne Kreuz in die Tiefe warf, in der meine Lady zerschellt war, wurde mir klar, dass es blanker, unkontrollierter Hass war: Hass auf meine Mutter, diese Hippie-Schlampe, die nun Grace Kelly spielte und in Kaschmir und Perlen über den Schulhof stolzierte. Und Hass auf diesen scheinheiligen Gottesmann, der letztlich auch nur ein Mann war, so wie diese Kerle, die mich damals…

Ich hatte mir geschworen… nein, ich hatte ihr geschworen, dass es nie mehr vorkommen werde. Und dann heute das: Dieser Moment, in dem ich das Safeword ignoriere und einfach weitermache. Dieses unheimliche Gefühl kalter Befriedigung beim Anblick der wachsenden Panik in den Augen dieser Frau. Dieser eisige Hass, der plötzlich den Verstand auszulöschen scheint. Und dann der Moment der Erkenntnis, des nackten Entsetzens, wenn du wie von aussen den Hass in deinen eigenen Augen zu sehen meinst.

Verdammt, wie konnte das passieren? Ich hatte mir solche Mühe gegeben, all die Jahre. Ich wollte, dass du stolz auf mich bist. Du warst für mich die Mutter, die ich nie hatte. Du hast an mich geglaubt. Doch ich habe dich enttäuscht. Ich habe versagt! Schon wieder versagt, so wie damals. Es ist vorbei. Ich kann das nicht mehr. Ich kann mir nicht mehr trauen. Ich hatte ganz vergessen, wie gut sich das anfühlt: Die Rasierklinge auf meinem Unterarm. Wie sehr sehne ich mich nach deinen sanften Händen, die meine Wunden verbinden. Und nach deiner Brust, um meine Tränen zu weinen.

Scheisse, ich kann nicht mehr! Warum hast du mich einfach so verlassen?

*******

„Ich war eine beschissene Mutter.”

Die Spuren der Tränen auf ihrer seidenen Bluse und das Zittern ihrer gepflegten Hände, die mit dem silbernen Besteck an ihrem Steak arbeiteten, hatten meine letzten Zweifel zerstreut. Natürlich hatte ich mich gefragt, was die Stadträtin von mir wollen könnte, als sie mich vor zwei Tagen völlig überraschend angerufen und zum Essen eingeladen hat. Aber wenn sie sich meines Schweigens versichern wollte, warum sollte sie mich ausgerechnet in dieses noble Restaurant einladen? Nein, es schien ihr völlig egal zu sein, ob jemand sie mit mir zusammen sehen würde.

„Ich habe meine Tochter umgebracht“, hatte sie schliesslich gesagt, nachdem die Bedienung ihren halbvollen Teller abgeräumt hatte. Sie sei völlig blind gewesen. Immer dann, wenn ihre Tochter sie am meisten gebraucht hätte, sei sie mit ihrer beruflichen und politischen Karriere beschäftigt gewesen. Und in der übrigen Zeit hätte sie ihr schlechtes Gewissen beruhigt und das Mädchen mit einer Überfülle von dem erstickt, was sie für Liebe gehalten habe. Tag und Nacht verfolge sie der ausdruckslose Blick der gebrochenen Augen, seit sie ihre Tochter mit einem Strick um den Hals auf dem Dachboden gefunden hatte. Kein Wort habe sie gesagt, keine Vorwarnung, keine Drohung, kein Brief, einfach nichts.

Darum sei sie schliesslich zu mir gekommen: Sie habe sich bestrafen wollen und wohl unbewusst auch das Risiko eines Skandals gesucht, der ihre teuer erkaufte Karriere ruinieren würde. Doch erst als ich neulich ihr Safeword ignoriert habe und sie in ihrer Panik plötzlich den nackten Hass in meinen Augen sah, sei ihr klar geworden, was sie wirklich gesucht habe. Wer immer diesen Hass in mir entfacht habe, sie habe ihn in diesem Moment gebraucht, genauso, wie meinen verzweifelten Blick voller Sorge und Trauer, als sie mein Haus verlassen habe. Ich hätte den toten Augen ihrer Tochter noch einmal einen Ausdruck verliehen, der sie auf geheimnisvolle Weise mit ihr versöhnt habe. Und dafür wolle sie mir danken.

Ich wusste nicht, was ich von all dem halten sollte, als ich am Abend bei mir auf dem Sofa die Wunden an meinen Unterarmen pflegte und auf die Visitenkarte starrte, die vor mir auf dem Tisch lag. Die Stadträtin hatte eine Stiftung gegründet, die sich um suizidgefährdete Jugendliche kümmert. Und sie war auf der Suche nach einer Geschäftsführerin. Ich solle mir Zeit nehmen. Sie würde sich über meinen Anruf freuen, so oder so.

Wir mussten ein seltsames Paar abgegeben haben: Sie, die elegante Dame mit der exquisiten Kaschmir-Stola über dem schicken Kostüm und ich in meinem langärmligen Shirt und der Lederjacke. Das hatte sie aber nicht daran gehindert, mich zum Abschied spontan zu umarmen. „Immerhin gäbe es da ja auch noch mich“, hörte ich aus meiner Erinnerung eine Stimme sagen, als ich das Strahlen in ihren Augen sah.

Was mochte bloss aus dem Engel geworden sein, dachte ich mir, als ich mich in meine Wolljacke kuschelte und es mir auf dem Sofa bequem machte. Unterdessen war es zu spät, um noch anzurufen. Und so gab ich mich ganz der Stimme von Janis Joplin hin, deren Platten ich mir damals aus dem Nachlass meines Vaters gesichert hatte. Er wollte beerdigt werden wie sie: Die Asche verstreut über dem Meer, irgendwo über seiner geliebten Nordsee. Zum ersten Mal spürte ich eine leise Sehnsucht in mir, ihn dort einmal zu besuchen.

Ich war eingedöst, als das Smartphone in der Tasche meiner Strickjacke zu vibrieren begann. Ich könnte nicht sagen warum, aber ich wusste sofort, wer es war, noch bevor ich aufs Display geschaut habe.

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Warum sie? IX (die Konrektorin)

(aus den Urlaubsaufzeichnungen einer Witwe)

Warum sie 9

Ich hätte nie gedacht, dass es mir so viel ausmachen würde.

Es war sein Wille gewesen. Er hatte nie mit mir darüber gesprochen. Ich hatte es erst beim Öffnen seines Testaments erfahren.

Ich hatte nicht wirklich verstanden warum. Aber ich hatte mir damals auch nicht gross Gedanken darüber gemacht. Die Nordsee war unsere gemeinsame Liebe, die einzige vielleicht, die uns noch geblieben war. Hier über der Weite des Wattenmeeres wollte er sein Asche verstreut haben. Unser Freund, ein alter Fischer vom Ort, hatte mich in seinem Boot hinausgefahren. Die See war aufgewühlt und es hatte leicht zu regnen begonnen, als ich die Asche dem Wind übergeben habe. Zurück in der kleinen Pension am Hafen hatte ich mir einen Grog genehmigt. Und dann eine zweiten, einen dritten…

Als ich aus meinem Rausch erwacht war, war das Meer verschwunden. Die Vögel drehten kreischend ihre Kreise über dem grüngrauen Watt, dessen modrig salziger Geruch in mein Zimmer drang. Der trübe, regenverhangene Himmel schien am Horizont mit der Erde zu verschmelzen und die Fischkutter wirkten elend und verlassen auf dem schlammigen Grund des Hafens. Ich musste mich übergeben, einmal, zweimal, immer wieder.

Acht Jahre sind seither vergangen. Der Fischkutter unseres Freundes ist verschwunden. Er war vor fünf Jahren verstorben und sein Sohn hatte das Boot verkauft. Aber ansonsten war alles wie immer. Wie jeden Herbst, wenn ich hierher kam, um…

Ja warum eigentlich? Was führte mich immer wieder an diesen Ort zurück? Es gab hier nichts für mich. Kein Grab, keinen Ort um zu lieben und keinen Ort um zu hassen. Er war einfach verschwunden, ohne Ankündigung und ohne Abschied. Ein Herzinfarkt, unerwartet, wie aus dem Nichts, irgendwann mitten in der Nacht, im Bett einer seiner jungen Geliebten. Er hatte mir nichts gelassen… ausser der Erinnerung und dem Schmerz.

Ich war gerade 16 geworden, als wir uns kennengelernt hatten. Wir hatten den Sturz von Präsident Nixon gefeiert und ich war ziemlich stoned. Ich hatte nicht viel mitbekommen, als er es mit mir gemacht hat. Am nächsten Tag sah ich das Blut und war froh, dass es endlich geschehen war. Endlich gehörte ich dazu. Ich hatte die spöttischen Fragen und Kommentare meiner Freundinnen nicht mehr ausgehalten.

Er war zehn Jahre älter als ich, sah unglaublich aus mit seinem wilden Bart und den langen Haaren, und hatte so nebenbei bereits einen Doktor in Biochemie gemacht. Wir hatten zusammen Marx gelesen, über Philosophie diskutiert, Marihuana geraucht und stundenlang Janis Joplin gehört. Dass er nebenbei auch mit anderen Frauen Sex hatte, war für mich normal. Es anders zu empfinden, wäre spiessig gewesen.

Dass ich damals trotz Drogen, Sex und Rock ‘n Roll noch meine Reifeprüfung geschaffte hatte, habe ich wohl meinen Eltern zu verdanken. Wie oft hatte mich meine Mutter morgens mit sanfter Gewalt aus dem Bett geholt und mir geduldig geholfen, die Spuren meiner nächtlichen Exzesse zu beseitigen. Und wie viele Stunden war mein Vater mit mir am Tisch gesessen und hatte mich bei den Mathematikaufgaben unterstützt. Dass das für einen lutherischen Pastor mit einer grossen Gemeinde nichts selbstverständlich war, war mir erst bewusst geworden, als ich Jahre später an seinem Grab stand. Meine Eltern hatten sich nie beklagt. Auch nicht an dem Tag, als ich mit meinem Rucksack aufgebrochen war, um mit meinem Freund in die USA auszuwandern. Noch heute sehe ich die beiden Hand in Hand auf der Treppe zum Pfarrhaus stehen. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen und mein Vater machte eine seltsame Geste, die ich erst Jahre später begriff, als ich unseren katholischen Schulseelsorger den Segen spenden sah.

Zwei Jahre hatten wir in einer Kommune bei Boston gelebt, wo mein Held Assistenzprofessor am MIT war. Ich hatte versucht, an der Universität Philosophie zu studieren. Aber es war beim Versuch geblieben. Als wir ankamen, war ich noch nicht einmal 20 gewesen. Ich hatte entsetzliches Heimweh gehabt und schämte mich für meine spiessigen Gefühle. Das war wohl auch der Grund, warum ich mich besonders rückhaltlos auf das Leben der Kommune eingelassen hatte. Schon nach zwei Monaten hatte ich meine erste Abtreibung, und noch im selben Jahr die zweite. Zum Glück lebte auch ein Arzt mit uns zusammen. Mindestens drei Frauen hatten sich gebrüstet, Kinder von ihm zu haben, und auch meine zweite Schwangerschaft hatte ich wohl ihm zu verdanken.

Mein Partner hatte von all dem nichts mitbekommen. Erst als ich zum dritten Mal schwanger wurde, hatte ich es ihm gesagt. Ich hatte dieses Leben nicht mehr ausgehalten und wollte zurück nach Deutschland. Ich weiss nicht, ob er wirklich allein wegen des Kindes mit mir gekommen wäre, wenn da nicht dieses lukrative Stellenangebot einer deutschen Uni gewesen wäre. Er hatte sich ja leicht ausrechnen können, dass er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht der Vater war. Ich hätte es ja selber nicht sagen können. Mindesten drei andere wären in dieser Zeit auch dafür in Frage gekommen, wobei der jüngste gerade mal 18 und der älteste 62 war.

Alle Versuche, nach der Geburt meiner Tochter ein zweites Kind von ihm zu bekommen, waren in den folgenden Jahren fehlgeschlagen. Und nach der zweiten Fehlgeburt hatte ich mich sterilisieren lassen. Kurz danach hatte ich mein Studium abgeschlossen und meine erste Stelle als Deutsch- und Philosophielehrerin an einem Gymnasium übernommen. Wir waren seit einem Jahr zivil verheiratet und hatten uns mit dem stattlichen Einkommen meines Mannes am Stadtrand ein Haus mit Garten gekauft. Sein Bart und die langen Haare waren allmählich kürzer geworden, im Kleiderschrank hatte Anzüge und Krawatten Einzug gehalten und statt Janis Joplin erfüllten Mahler-Symphonien unser gediegenes Wohnzimmer. Und zu meinem vierzigsten Geburtstag hatte ich mir anlässlich meiner Beförderung zur Konrektorin ein exquisites, weinrotes Kaschmir-Twinset gekauft, zu dem ich endlich die Perlenkette zu tragen wagte, die ich von meiner Mutter geerbt hatte.

Vieles hatte sich mit den Jahren verändert, doch eines war gleich geblieben: Die Vorliebe meines Mannes für junge Frauen. Wir hatten nie darüber gesprochen. Irgendwie war es einfach klar: Ich stellte keine Fragen und er stellte keine Fragen. Und so hatten wir beide unser Leben gelebt zwischen Momenten geistiger Intimität beim gemeinsamen Geniessen eines guten Essens oder einer Symphonie und Momenten körperlicher Intimität beim Sex mit unseren wechselnden Partnern.

Ich hatte lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass es eigentlich die Hölle war. Noch während der Zeit in Boston war meine Mutter gestorben. Sie hatte ihre Kriegstraumata nie überwunden. Und nur drei Jahre später war mein Vater beim Kirschenernten im Garten des Pfarrhauses von der Leiter gefallen. Um die Eltern gross zu trauern, hatte ich mir damals nicht erlaubt. Sie gehörten zur Vergangenheit, die es zu überwinden galt. Die Zeit forderte die Entgrenzung der Beziehungen, die Befreiung von Elternhaus und Religion. Die Ideologie siegte über die Gefühle. Dass mich dennoch eine schreckliche Einsamkeit quälte, war nur ein Beweis mehr, wie sehr ich selber noch in bürgerlichen Schemata gefangen war.

Und dann stand ich eines Tages plötzlich diesem jungen Priester gegenüber, dem neuen Schulseelsorger unseres Gymnasiums. Ich wusste sofort, dass er mein Leben verändern würde. Er sah fantastisch aus, wobei es vor allem dieser Hauch schüchterner Verklemmtheit war, der mich in seinen Bann zog. Ich mochte seinen nervösen Eifer, in den er regelmässig verfiel, wenn ich ihn in philosophische Diskussionen über Gott verwickelte. Ich genoss die Macht, die ich über ihn hatte… bis zu dem Tag, an dem er seine Mutter beerdigte: Die besondere Atmosphäre am Grab, seine Stimme, seine Worte, die Erinnerung an meinen Vater. Ich weiss nicht was es war. Ich weiss nur, dass es mich nicht losgelassen hat und dass ich mitten in der Nacht aufgestanden war, um die alte Familienbibel meines Vaters aus dem Keller zu holen.

Und dann war da diese Schülerin, die „Heilige“, wie ich sie zu nennen pflegte. Sie war bei mir im freiwilligen Leistungskurs Philosophie. Das Mädchen war fasziniert von Hegel und Nietzsche und ich konnte kaum glauben, dass sie es war, von der mir mein Priesterfreund immer öfter erzählt hatte: Sie wolle Ordensfrau werden. Für sie sei das völlig klar. Sie wisse nur noch nicht, in welcher Gemeinschaft es sein werde. Wir hielten das beide für einen jugendlichen Spleen. Und doch hatte sie uns beide mit ihrer Überzeugung und Natürlichkeit in ihren Bann gezogen. Zuerst hatte ich geglaubt, dass sie einfach all das verkörperte, was meine Tochter nicht war. Doch als ich zum ersten Mal ihrem Beispiel folgte und mir die Jacke meines Twinsets elegant um die Schultern drapierte, wurde mir klar, dass sie vor allem das verkörperte, was ich nie gewesen war. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, diese junge Frau zu verstehen. Was hat ihr diese Kraft und innere Freiheit gegeben? Sie, die in grösster Selbstverständlichkeit all das lebte, von dem wir uns um der Freiheit Willen krampfhaft befreit zu haben schienen.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hatte ich mich eines Morgens zu meiner eigenen Überraschung sagen hören, als ich mit dem jungen Priester im Arm in meinem Bett lag. Plötzlich schien sich die Schleuse meiner Sehnsucht geöffnet zu haben, die ich jahrelang verzweifelt verrammelt hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte es mir wirklich etwas bedeutet, mit einem Mann zu schlafen. Zum ersten Mal überhaupt war es mehr als nur konsensuelle Selbstbefriedigung.

Umso grösser war der Schock, als ich eines Tages meinen Geliebten vor Schmerzen gekrümmt auf dem Boden seines Sprechzimmers vorgefunden habe, nachdem ich vom Fenster meines Büros aus meine Tochter hatte über den Schulhof eilen sehen. Wie konnte sie es wagen? Wie konnte sie mir das antun? Was ging sie mein Leben an? Ausgerechnet sie, die ich vor Jahren einmal eines Morgens zusammen mit ihrem Vater…

Sie hatte alles zerstört. Er könne nicht so weitermachen, hatte er behauptet. Er wolle seiner Berufung treu bleiben. Es sei ein Fehler gewesen. Er hätte mir das nicht antun dürfen. Es tue ihm leid.

In der Tat, das hätte er mir nicht antun dürfen: In mir die Liebe zu entfesseln und mich dann einfach so fallen zu lassen. Ich fühlte mich meinen Gefühlen so hilflos ausgeliefert wie ein enttäuschter Teenager. All die Ideologien und Sprüche, mit denen ich mich mein Leben lang verleugnet und betrogen hatte, waren plötzlich zu zynischen Phrasen verkommen. Ja, verdammt, ich liebte, und es tat weh, höllisch weh. Und es war mir scheissegal, ob das nun spiessig war oder nicht. Ich liebte mein Leben, mein Haus, mein Kaschmir-Twinset und die Perlen. Und ich liebte einen Mann, den ich nicht haben konnte. Und darum liebte ich auch meinen Hass. Es war mein Gefühl und ich hatte ein verdammtes Recht auf dieses Gefühl. Und wer immer damals das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte, mein Priester hätte ein Verhältnis mit der „Heiligen“, es hätte durchaus eine Frucht meines Hasses sein können.

Ich habe ihn nie mehr gesehen, seit er damals mit Tränen in den Augen das Büro des Rektors verlassen hatte. Mein Mann hatte zu dieser Zeit eine Einladung für ein Forschungssemester und ich hatte spontan meinen Bildungsurlaub genommen und ihn in die Staaten begleitet. Als ich zurückkam, hatte die „Heilige“ die Schule abgeschlossen. Ich hatte erfahren, dass sie wegen Depressionen in der Klinik sei und nach etlichen schlaflosen Nächten hatte ich mich durchgerungen, sie zu besuchen. Sie hatte sich so gefreut, mich zu sehen, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte. Ob ich etwas von unserem Seelsorger gehört hätte? Es täte ihr leid, dass ich ihretwegen einen lieben Freund verloren hätte. Und ob ich wisse, wie es meiner Tochter gehe? Ich solle sie herzlich grüssen.

Nein, ich wusste es nicht. Und ich weiss es auch heute nicht. Der Schmerz darüber hat mich mit aller Gewalt eingeholt, als ich heute Nachmittag am Strand dieser jungen Joggerin begegnet bin. Ich war förmlich erstarrt, als ich sie von weitem kommen sah. Die Silhouette, die Bewegungen, die im Wind wehenden Haare. Natürlich war es Unsinn. Wieso hätte sie auch hier sein sollen, wo sie doch die Nordsee hasste. Aber das Gefühl war keine Täuschung: Da war Angst, ja, aber auch eine unerwartete, freudige Erregung, die sich vor allem in der Enttäuschung äusserte, als die junge Frau ohne mich anzublicken an mir vorbeirannte.

Ich weiss nicht, wie lange ich weinend auf diesem Stein sass, während sich das Meer langsam von mir zurückzog. Ja, sie fehlt mir, mehr als ich es mir je einzugestehen wagte. Und mit ihr die beiden älteren Geschwister, ein Junge und ein Mädchen. Davon war sie immer überzeugt gewesen, seit ich ihr von den Abtreibungen erzählt hatte. Mein Gott, wie naiv war ich zu glauben, dass sie mit 18 einfach so damit umgehen könnte. Warum nur musste ich es ihr erzählen? Hatte ich gehofft, sie würde mich von den nagenden Schuldgefühlen befreien, die mich bis heute immer wieder einholen? Hatte sie darum mit ihrem Vater… aus Rache?

In Momenten wie diesem hasste ich ihn. Warum hatte er mir nicht wenigstens sein Grab gelassen, einen Ort der Begegnung, einen Ort zum Lieben und einen Ort zum Hassen, eine letzte Zuflucht in meiner Einsamkeit? All die Jahre über hatte er mich immer wieder gehalten. Und doch liess er sich selber nicht halten, von nichts und niemandem, und schon gar nicht von mir. Immer wieder war er gekommen mit der kraftvollen Frische der Flut. Und immer wieder war er mit der Ebbe verschwunden und hatte eine modrig schlammige Leere zurückgelassen. Eine Leere, die ich verzweifelt zu füllen suchte, und die dadurch immer nur noch modriger und noch schlammiger geworden war.

„Gott segne Sie!“, hatte mir die „Heilige“ hinterhergerufen, als ich damals in der Klinik gegen die Tränen kämpfend ihr Zimmer verlassen hatte.

Wenn ich nur glauben könnte wie sie!

*******

Ob ich mit ihm hinausfahren wolle, hatte der Mann mich gefragt, als ich heute auf der Hafenmole gedankenversunken die steigende Flut betrachtete. Er mochte Mitte sechzig sein, trug einen dicken weissen Wollpullover, einen gepflegten, grauen Seemannsbart und eine gestrickte Mütze. Er hatte einen kleinen Fischkutter, mit dem er mich zum ersten Mal seit acht Jahren wieder hinaus aufs Wattenmeer brachte.

Das Wetter war schon seit Tagen grau und feucht, und immer wieder wehte der Wind mir ein paar Regentropfen ins Gesicht. Die Küste schien bald in weiter Ferne und vor mir lag das wogende Meer in seiner unheimlichen Grenzenlosigkeit. Unwillkürlich zog ich mein Kaschmir-Tuch enger um die Schultern, während ich hörte, wie das sanfte Tuckern des Dieselmotors stoppte. Nachdem mein Begleiter mir einen gelben Ölmantel gebracht und umgelegt hatte, schauten wir schweigend über die graugrünen Wellen zum Horizont und wärmten unsere Hände an einem Grog.

Seine Frau ruhe hier draussen, hörte ich ihn schliesslich sagen. Seit fünf Jahren fahre er immer einmal im Monat hier hinaus. Vierzig Jahre seien sie verheiratet gewesen. Ob ich Janis Joplin kenne? Seine Frau sei ein grosser Fan von ihr gewesen. Janis habe ihr das Leben gerettet. Ihre Musik habe ihrem Leiden eine Stimme gegeben. Aber nicht nur das. Von dem Tag an, als sie erfahren habe, dass Janis an einer Überdosis Heroin gestorben sei, habe sie selber aufgehört, Drogen zu nehmen… nicht einmal mehr einen kleinen Grog von Zeit zu Zeit. Dafür habe sie ihm fünf Kinder geschenkt. Seine jüngste Tochter käme manchmal mit, wenn er mit dem Boot hinausfahre. Die anderen hätten dafür kein Verständnis. Ihnen fehle das Grab ihrer Mutter. Aber sie hatte es so gewollt… so wie Janis eben. Ob ich auch Familie habe?

Der Dieselmotor des Bootes musste heftig arbeiten, als wir im letzten Moment bei beginnender Ebbe wieder Richtung Hafen fuhren. Es regnete immer noch leicht, doch über der Küste war zum ersten Mal seit Tagen die Sonne durchgebrochen. Vermutlich lag es einfach nur an den beiden Grog, aber ich wusste nicht, ob ich nun hemmungslos weinen oder lachen sollte, als wir uns umdrehten und den Regenbogen über dem Wattenmeer entdeckten. Mein Gott, es war einfach zu kitschig…

Warum sie? VIII (der Schulseelsorger)

(aus dem geistlichen Tagebuch eines Priesters, Jahresexerzitien im Kloster)

Warum sie 8

Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äussersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen.
Ps 139, 7.9-10

Ja, mein Gott, wie konnte ich das vergessen! Hatte ich wirklich geglaubt, ich könnte einfach so weglaufen und weiterleben, als ob nichts geschehen wäre? Ich hätte es wissen müssen: So leicht lässt DU mich nicht davonkommen.

Ich hatte sie zuerst gar nicht wahrgenommen. Es war eine der Nonnen, die wie jeden Morgen im Gästesaal des Klosters für unser Frühstück sorgten. Ich war versunken in mein dumpfes Schweigen und nippte abwesend an meinem Kaffee. Erst als die dunkle Gestalt in der weissen Schürze unvermittelt in ihrer Bewegung innehielt, wurde ich auf sie Aufmerksam. Sie schien ebenso überrascht wie ich. Fassungslos starrte ich in diese Augen, die mich immer so fasziniert hatten, seit ich sie vor 15 Jahren zum ersten Mal gesehen hatte.

Sie hatte sich schneller gefasst als ich und das Blut kehrte bereits wieder in ihre glühenden Wangen zurück, als sie mir lächelnd den Kaffee nachfüllte. Ich wollte etwas sagen, wusste aber nicht was. Und als ich wieder einigermassen denken konnte, war sie bereits mit dem Geschirrwagen in die Klausur verschwunden.

An ein gesammeltes Beten und Meditieren war natürlich nach diesem Schock nicht mehr zu denken. Mein Versuch, in der Kapelle etwas zur Ruhe zu kommen, war kläglich gescheitert. Und nachdem mir auch in meinem Zimmer die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, hatte ich mich kurzerhand vom Mittagessen abgemeldet und mich auf eine Wanderung geflüchtet… wohl auch aus Angst, ihr wieder zu begegnen.

Sie hat es also tatsächlich getan. Ich hatte ihr damals nicht geglaubt, als sie als Schülerin zu mir in die geistliche Begleitung gekommen war. Mädchen, die mit gerade mal 15 Jahren ins Kloster wollen, vor allem, wenn es noch verwöhnte Kinder reicher Bankiers sind, haben irgendein Problem: Der Vater, die Mutter, die Pubertät. So wie die kleine Therese von Lisieux. Die erschien mir auch immer irgendwie gestört, als ich ihre Erinnerungen las.

Doch was ist, wenn ich mich getäuscht habe? War ich damals wirklich offen, eine echte Berufung zu erkennen? Ich hatte gerade mein erstes Jahr als Priester hinter mir, als ich die Stelle als Seelsorger in der renommierten Schule angetreten habe. Der Elan der Weihegnade war schnell verflogen und eine gewisse Ernüchterung und Frustration hatte bei mir Einzug gehalten. Und daran war nicht nur die Krebserkrankung meiner Mutter schuld, wie ich mir lange versucht hatte einzureden. Nach einem Jahr als Vikar in einer Gemeinde waren meine Ideale zerbrochen, und mit ihnen der Glaube ans Gute im Menschen… und der Glaube an die Liebe in Gott.

Natürlich wollte ich das nicht wahrhaben. Ich tat alles, um meine Krise hinter frommem Aktivismus zu verbergen, vor den anderen und vor allem auch vor mir selber. Was mir an innerer Sicherheit fehlte, habe ich durch äussere Radikalität wettgemacht. Das hat mir viel Bewunderung eingebracht, vor allem von Seiten der Schüler, von den gläubigen ebenso wie von manch anderen, denen meine Entschiedenheit imponiert hat. Einige der Lehrerkollegen aber hatten mich deswegen verachtet und mir das durch systematisches Ignorieren oder durch dauernde zynische und ironische Bemerkungen zum Ausdruck gebracht.

Zur Gruppe der Letzteren hatte auch die Konrektorin gehört. Nie werde ich den verächtlichen Ausdruck in ihrem Lächeln vergessen, als sie mir an meinem ersten Arbeitstag im Büro des Rektors vorgestellt worden war. Die attraktive Mittvierzigerin trug einen langen Wollmantel um die Schultern gelegt und hatte sich nicht die Mühe gemacht, den feinen Lederhandschuh auszuziehen, um mich zu begrüssen. Sie hatte mich zum Mittagessen in der Kantine eingeladen, und bei dieser Gelegenheit hatte ich nicht nur erfahren, dass sie neben ihren Aufgaben in der Schulleitung auch noch Deutsch und Philosophie unterrichtete, sondern auch, dass sie eine überzeugte Atheistin sei und ich deshalb sicher verstehen würde, wenn sie für meine Stelle an der Schule nicht allzu viel Interesse aufbringen könne.

Umso mehr Interesse schien sie in der Folge für mich aufzubringen. Immer wieder begegneten wir uns zufällig im Lehrerzimmer oder in der Kantine. Und bei jeder Gelegenheit forderte sie mich heraus mit ironischen Bemerkungen oder sonst einer subtilen Boshaftigkeit. Und immer, wenn sie sich in der Mittagspause dazu entschloss, sich mit ihrem Essen zu mir zu setzen – was mit der Zeit erstaunlich oft der Fall war – verwickelte sie mich früher oder später in eine philosophische Diskussion über die Sinnlosigkeit des Gottesglaubens. Ich fand sie unendlich dumm und bestrafte sie innerlich mit Verachtung, musste aber mit Erstaunen feststellen, dass ich allmählich begann, mit einer gewissen Erregung nach ihr Ausschau zu halten, wenn ich die Schule betrat.

Ich war ebenso überrascht wie berührt, als ich sie bei der Beerdigung meiner Mutter unter den Trauernden am Grab entdeckte. Ich hatte sie zuerst gar nicht erkannt, da sie zu dem eleganten schwarzen Kostüm einen Hut mit Schleier trug. Sie hatte ihren Handschuh ausgezogen, als sie mir schliesslich die Hand gab. Ich hätte schwören können, in ihren Augen hinter dem feinen Netz eine Träne zu erkennen. Aber sie hatte sich einer näheren Betrachtung entzogen, indem sie mich kurzerhand umarmt hat. Verblüfft und betört vom feinen Duft ihres Parfüms hatte ich zugeschaut, wie sie an der Schlange der Kondolierenden vorbei zwischen den Gräbern davoneilte.

Einen Monat später stand ich an einem Freitagabend mit einem Strauss Blumen vor der Tür ihres Hauses. Sie hatte mich zum Essen eingeladen und meine Hand zitterte leicht vor Aufregung, als ich die Klingel betätigte. Und sie zitterte erst recht, als ich ihr die Hand gab. Sie trugen einen knielangen, dunkelgrauen Wollrock und ein weinrotes Kaschmir-Twinset, dessen Jacke bis auf die zwei obersten Knöpfe geschlossen war und von einer Perlenkette abgerundet wurde.

Der Tisch in dem stilvollen Salon war nur für zwei Personen gedeckt. Ihr Mann, ein renommierter Professor für Biochemie, sei auf einer Konferenz in Boston. Und ihre Tochter weile für ein Auslandsemester in London. Meine Gastgeberin erwies sich als ausgezeichnete Köchin und der Wein war derart gut, dass wir schon bald bei der zweiten Flasche waren. Irgendwann waren die Knöpfe ihrer Strickjacke offen und ihre Wangen glühten rosig im dezenten Licht, als sie mir zuhörte, wie ich von meiner Mutter erzählte. Die Glocke der nahen Kirche schlug 10 Uhr, als sie mich einlud, es mir in der Bibliothek bequem zu machen, während sie das Geschirr in die Küche trug. Sie würde uns noch einen Tee kochen.

Ich war so vertieft in die Betrachtung einer wunderbaren, alten Lutherbibel, die dort auf einem Holzständer aufgeschlagen lag, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie sie hinter mir den Raum betreten hat. Erst der feine Duft ihres Parfüms und die leise Berührung ihres Armes, liess mich gewahr werden, dass sie plötzlich neben mir stand. Sie hatte sich die Jacke des Twinsets um die Schultern gelegt und schaute mit einem traurigen Blick an mir vorbei auf die Bibel. Gebannt sah ich zu, wie sie sorgfältig aber entschieden das Buch zuklappten und sich zu mir umdrehte. Die weissen Perlen funkelten im Licht der Lampe, während sich ihre Brust im Rhythmus des Atems gegen das feine Kaschmir drängte. Und als ich den Blick hob, war die Trauer in ihren Augen einem seltsamen Ausdruck gewichen, den ich nicht recht deuten konnte. „Tee oder Whisky, Herr Pfarrer?“, durchbrach ihre sanfte Stimme schliesslich die knisternde Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte.

„Ich möchte glauben können wie sie“, hörte ich sie nachdenklich sagen, als ich ein paar Wochen später wieder einmal mit dem Kopf an ihrer Brust aufgewacht war. Ihre Augen hatten versonnen an die Decke gestarrt, während durch das offene Fenster der morgendliche Gesang der Vögel ins Zimmer drang. Sie wirkte erschöpft. Ihre strähnigen Haare zeugten von einer intensiven Nacht und ihr ungeschminktes Gesicht verriet gnadenlos, was sie täglich mit einiger Sorgfalt zu verbergen suchte. Langsam hatte ich mich von ihr gelöst, nachdem ich einmal mehr feststellen musste, dass ihr Mund am Morgen schal schmeckte. Dafür mochte ich den weichen Morgenmantel ihres Gatten, den dieser mir persönlich zu Verfügung gestellt hatte. Der Mann war eine Koryphäe auf seinem Fach und sehr gefragt als Redner bei Konferenzen rund um den Globus. Er mochte mich und fand es gut, dass seine Frau nicht so oft alleine war und zwischendurch anregende Gesellschaft im Haus hatte. Ich weiss bis heute nicht, ob er wirklich so naiv war, oder ob es ihm einfach egal war. Für ersteres würde sprechen, dass offenbar auch sonst niemand auf den Gedanken gekommen war, in der Beziehung zwischen dem jungen Priester und der fast zwanzig Jahre älteren Dame mehr als eine geistliche Freundschaft zu vermuten. Bis heute kränkt mich irgendwie der Gedanke, dass selbst meine Feinde mir offensichtlich nicht mehr zugetraut hatten.

Mit „sie“ hatte die Konrektorin damals meine fromme Schülerin gemeint, die „Heilige“, wie sie diese spöttisch zu nennen pflegte, seit dem ich ihr immer wieder von ihr erzählt hatte. Die junge Frau, die unaufdringlich aber konsequent ihren Glauben lebte und sich neben der Schule aufopferungsvoll um eine Schulfreundin kümmerte, hatte uns beide in ihren Bann gezogen. Mich, weil sie mich dauernd leidvoll an meine eigene Berufung erinnerte. Und die Konrektorin, weil diese sich nicht entscheiden konnte, ob sie die „Heilige“ nun als Rivalin oder als heimliches Vorbild betrachten sollte. Der Umstand, dass sie eines Tages begonnen hat, den Stil der Jungen zu imitieren und ihre Strickjacken auch an der Schule elegant um die Schultern drapiert zu tragen, erschien mir auf diesem Hintergrund wie eine perfekte Illustration von René Girards mimetischer Theorie.

Auch an dem Tag, an dem sie atemlos in mein Sprechzimmer gestürzt kam, wo ich vor Schmerz gekrümmt am Boden lag, wehten die langen Ärmel ihrer weinroten Twinsetjacke lose von ihren Schultern. Voll Sorge hatte sie mir die zusammengelegte Strickjacke unter den Kopf geschoben, während ich noch immer halb betäubt zu verstehen versuchte, was da gerade geschehen war: Als ich von der Pause zurückgekommen war, hatte eine junge Frau auf mich gewartet. Sie war am Fenster gestanden und hatte mir den Rücken zugekehrt. Ihre langen dunklen Haare wirbelten eindrücklich durch die Luft, als sie sich energisch umgedreht hat. Sie trug ein knielanges dunkles Kleid, elegante Lederstiefel und eine schwarze Lederjacke. Ich hatte die Frau noch nie gesehen. Und doch glaubte ich diese Augen zu kennen, die mich mit einem bedrohlichen Funkeln musterten. Ich war wie gelähmt durch diesen Blick, während sie auf mich zukam und ich sah, wie sich ihre roten Lippen zu bewegen begannen:

„Ich will, dass sie aufhören, meine Mutter zu vögeln!“

Noch heute höre ich diese Stimme in meinem Kopf: Ruhig, fast sanft, und doch klar und messerscharf in ihrer fordernden Intensität. Ich weiss nicht mehr, was ich in meinem Schock zu sagen versuchte. Was immer es war, ihre schallende Ohrfeige hatte dem Satz ein vorzeitiges Ende bereitet. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte sie mir das Knie zwischen die Beine gerammt, gefolgt von einer zweiten Ohrfeige, die mich stöhnend auf den Boden sinken liess. „Sofort!“ zischte sie mir ins Ohr, bevor sie so unvermittelt verschwand, wie sie aufgetaucht war. Ihre Mutter hatte schliesslich vom Fenster ihres Büros aus gesehen, wie sie den Schulhof verlassen hat.

Im Nachhinein war ich froh um dieses schmerzhafte Ende. Ich hätte nicht ewig so weiter machen können. Heute kann ich kaum nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte. Ich muss blind gewesen sein. Natürlich war da die Berufungskrise nach den ersten frustrierenden Erfahrungen als Priester. Natürlich hatte mich der qualvolle Tod meiner Mutter völlig aus der Bahn geworfen. Und natürlich war die zärtliche Leidenschaft und Liebe der Konrektorin in dieser Situation eine überwältigende Erfahrung für mich, wo ich doch in dieser Beziehung gerade mal eine kläglich misslungene Erfahrung mit einer Prostituierten während meiner Wehrdienstzeit vorzuweisen hatte. Doch wie hatte ich bloss monatelangen in dieser Illusion eines gestohlenen Glücks verharren können, aus dem mich der schwarze Engel schliesslich befreit hatte?

Wie auch immer, diese Freiheit hatte ihren Preis. Und bezahlt hat ihn eine andere.

Die Konrektorin hatte das Ende nicht akzeptieren wollen. Sie lasse sich ihr Glück nicht zerstören. Nicht von ihrer Tochter. Ich solle mir wegen dieser keine Gedanken machen. Sie würde es nicht wagen, ihrem Vater etwas zu sagen. Das könne sie sich nicht leisten.

Aber für mich war der Fall klar. Ich musste mein Leben wieder in geordnete Bahnen bringen.

„Es ist wegen der „Heiligen“ nicht wahr?“ Noch heute höre ich den giftigen Ton in ihrer Stimme, nachdem ich ihr meine definitive Entscheidung mitgeteilt hatte. Ich solle doch ehrlich sein: Ich hätte einfach Angst vor der Kleinen, dass sie erfahren könnte, wie durch und durch menschlich und erbärmlich ihr heiliges Priesteridol in Wirklichkeit ist.

Zwei Wochen später wurde ich wie aus dem Nichts mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Verhältnis mit der „Heiligen“ zu haben. Bis heute weiss ich nicht, wer das absurde Gerücht in die Welt gesetzt hatte. Schliesslich war ich ins Büro des Rektors zitiert worden, wo ich mich dem Vater des Mädchens gegenüber sah. Der renommierte Bankier war ausser sich vor Wut und nur wenig hat gefehlt und er hätte mich verprügelt. Auch die Konrektorin war zugegen. Sie trug die Jacke ihres weinroten Twinsets zugeknöpft und ihr Blick liess keinen Zweifel daran, dass sie mir diesmal keine Strickjacke unter den Kopf gelegt hätte.

Seit ich an diesem Tag aus dem Büro des Rektors entlassen worden war, hatte ich sie nicht mehr wiedergesehen, weder die Konrektorin noch die „Heilige“.

Während mehr als zwölf Jahren hatte ich alles getan, um diesem Wiedersehen aus dem Weg zu gehen.

*******

Es hatte keinen Sinn. Ich konnte weder beten noch meditieren.

Zwei Tage hatte ich gebraucht, um mich durchzuringen, ein Gespräch mit ihr zu erbitten.

Doch als ich die Priorin um Erlaubnis fragen wollte, war ich von allen guten Geistern verlassen. Stattdessen hatte ich meine vorzeitige Abreise angekündigt.

Noch am gleichen Tag sass ich im Auto des Klosters auf dem Weg zum Bahnhof. Und neben mir am Steuer die jüngste der Schwestern, in ihrem schwarzen Habit mit dem eindrucksvollen langen Schleier, und einer dunkelgrauen Kaschmir-Jacke, die sie sich elegant um die Schultern gelegt hat. Ich kannte die Jacke. Sie hatte sie schon getragen, als sie damals zu mir in die geistliche Begleitung kam.

Wir waren auf die Autobahn eingebogen, als sie es war, die nach einer gefühlten Ewigkeit das quälende Schweigen gebrochen hat: Sie hoffe, ich verzeihe ihr, aber sie wolle mir einfach sagen, wie froh und dankbar sie sei, mich endlich wiederzusehen. Es täte ihr leid, was damals geschehen sei und dass ich ihretwegen meine Stelle und meinen guten Ruf verloren hätte. Jeden Tag hätte sie für mich gebetet. Schon damals, als ich noch ihr Begleiter war. Sie wolle sich ja nichts einbilden, aber sie meinte gespürt zu haben, dass es mir nicht gut gegangen war. Doch gerade das sei für sie eine grosse Hilfe gewesen: Zu sehen, dass das Ja zu einer geistlichen Berufung nicht einfach ein Leben in Seligkeit bedeute. Es habe ihr sehr geholfen, ihre eigene Gebrochenheit anzunehmen, ihre eigenen Fragen, die Zweifel und die Momente der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Ich hätte für sie sichtbar gelebt, was ich immer wieder gepredigt hätte: Dass wir eben als Sünder berufen seien. Natürlich hätte sie gespürt, dass ich nicht an ihre Berufung geglaubt habe. Und einen Moment lang habe sie das auch ziemlich verunsichert. Aber letztlich sei es gerade die Auseinandersetzung mit diesem Wiederstand gewesen, mit meinen Fragen und meinem gelegentlichen Spott, was das Vertrauen in ihre eigene Erfahrung gestärkt habe, diese Erfahrung, die ihr Leben bestimmt hat seit jenem Fest Mariä Lichtmess, als sie acht Jahre alt war.

„Danke für alles! Gott segne sie!“, hörte ich sie noch durch die Scheibe des ICE rufen, als sich der Zug in Bewegung setzte. Es hatte leicht zu regnen begonnen und der Wind spielte munter mit dem schwarzen Schleier und den Ärmeln ihrer Strickjacke, als sie mit einem letzten Winken aus meinem Blickfeld verschwand.

„Kann ich etwas für sie tun?“ fragte die Schaffnerin freundlich, als sie wenig später mein Abteil betrat und die Tränen auf meinen Wangen sah.

Würde ich sagen: «Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben»,
auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag,
die Finsternis wäre wie Licht.
Ps 139,11-12

Warum sie? IV (die Mutter)

(Abschiedsbrief einer Mutter)

Warum sie 4

Mein liebes Kind,

Wenn Du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr am Leben sein.

Das Schicksal will es so. Es ist alles viel schneller gegangen, als die Ärzte geglaubt haben. Sie hatten ursprünglich von ein bis zwei Jahren gesprochen. Aber vielleicht ist es auch besser so.

Ich habe mich jedenfalls sehr über Deinen letzten Besuch gefreut. Es muss ein Schock für Dich gewesen sein, mich in diesem Zustand vorzufinden. Verzeih mir bitte, dass ich Dir nichts gesagt habe. Aber ich hatte Angst, dass Du vielleicht…

Ich hoffe einfach, Du hast danach wenigsten bei Deiner alten Schulfreundin etwas Trost und Kraft gefunden. Sie wird sich sicher auch gefreut haben, Dich nach all der Zeit wieder einmal zu sehen. Sie sah einfach toll aus bei Deinen Gelübden. Wer hätte das gedacht, nach allem, was das arme Mädchen durchgemacht hatte.

Sag bitte auch Deiner Priorin einen lieben Gruss. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie Dir erlaubt hat, die weite Reise zu machen, um mich noch einmal zu sehen, zumal sie nicht wissen konnte, dass es wohl das letzte Mal sein würde. Und Du ja auch nicht.

Warum schreibe ich Dir diesen Brief?

Du weisst, ich war nie eine grosse Schreiberin. Aber es gibt etwas, dass ich Dir sagen muss, etwas, das ich nicht mit ins Grab nehmen will. Ich glaube, Du hast ein Recht darauf, es zu wissen.

Eigentlich wollte ich es Dir ja bei Deinem Besuch sagen. Aber Du warst so erschüttert und traurig, dass ich es nicht übers Herz gebracht habe. Du hast überhaupt nicht sehr glücklich ausgesehen! Ich hatte Dein Ordensgewand vermisst, und den schwarzen Schleier. Die kurzen Haare passen einfach nicht zu Dir. Und dann die zugeknöpfte Strickjacke. Ich weiss, dass ich Dich immer kritisiert hatte wegen Deines Stils, aber wie sehr hätte ich mir gerade an diesem Tag gewünscht, dass Du die Grace Kelly machst, so wie früher. So elegant und selbstbewusst, wie ich Dich eben gekannt habe.

Aber lass mich zur Sache kommen: Du weisst ja, dass Dein Vater und ich damals lange Zeit vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen. Dein Vater war langsam ungeduldig geworden. Er hatte es mir nie gesagt, aber ich weiss, dass er bereits seit einiger Zeit heimlich eine Geliebte hatte. Für ihn war die Aussicht auf einen Stammhalter wichtiger als die Treue zu seiner Frau. Mir war klar, dass er mich verlassen würde, wenn wir nicht bald ein Kind bekämen. Und so hatte auch ich damals begonnen, mit einem anderen Mann zu schlafen.

Und dieser Mann, mein liebes Kind, ist Dein leiblicher Vater.

Der Mann, den Du „Vater“ nennst, ist eigentlich Dein Stiefvater. Er weiss es nicht, und er darf es nie erfahren. Es würde ihn umbringen. Er war so unglaublich stolz auf Dich, vom ersten Moment an. Er war felsenfest davon überzeugt, dass Du seine Augen hast. Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn Du ein Junge gewesen wärst. Aber nach der ersten Enttäuschung hatte er sich in den Kopf gesetzt, allen zu beweisen, dass seine Tochter im Blick auf seine Nachfolge in der Bank ihren Mann stehen würde.

Ich glaube wirklich, er hat Dich geliebt, auf seine Weise, so wie er auch mich geliebt hat. Er hatte nie gelernt, seine Gefühle zu zeigen. Aber er war immer gut zu mir. Er war der erste Mensch, der mich respektiert hat und mir das Gefühl gegeben hat, mehr zu sein als nur eine schöne Puppe.

Ich hatte es nicht leicht als Kind. Mein Vater hatte uns früh verlassen und meine Mutter war so mit sich selber und ihrem Gott beschäftigt, dass ich schnell gelernt hatte, auf mich selber zu vertrauen. Ich hatte mir alles selber aufgebaut: Meine Karriere als Model, mein Modedesign-Studium und mein eigenes Fashionlabel. Meine Mutter hatte mir nie verziehen, dass ich mich für läppische Modehefte und wenig Geld in Unterwäsche habe ablichten lassen. Das war für sie fast so schlimm, wie wenn ich mich prostituiert hätte. Und als ich schliesslich auch noch zur Schönheitskönigin gewählt wurde, war ich für sie endgültig dem Reich der Sünde verfallen.

Ich habe es Deinem Stiefvater immer hoch angerechnet, dass er mich schon nett fand, bevor meine Vorzüge mit einer Schleife und einem Krönchen geehrt wurden. Wir hatten uns an einer Party kennengelernt und ich hatte mich sofort unsterblich verliebt. Er war so anders als die anderen Typen. Hinter seinem vornehm zurückhaltenden Auftreten als Erbe eines renomierten Bankhauses spürte ich instinktiv seine Unsicherheit und seine Verletzlichkeit. Er war der einzige, bei dem ich nicht dauernd das Gefühl hatte, dass er mit mir ins Bett möchte. Ob er es sich tatsächlich hätte leisten können, mich zu heiraten, wenn ich nicht plötzlich eine VIP geworden wäre, weiss ich nicht.

Seine Mutter jedenfalls konnte sich mit unserer Ehe nie wirklich abfinden. Das verband sie schliesslich trotz aller gesellschaftlichen Differenz auch mit meiner Mutter, das und die gemeinsame Sorge um Deine Erziehung. Beide waren – wohl nicht ganz zu Unrecht – überzeugt, dass ich und Dein Stiefvater damit überfordert sein würden. Wobei es meiner Mutter vor allem darum ging, Dich vor den Klauen des Teufels zu bewahren, während seine Mutter sich berufen fühlte, Dir Stil und Kultur beizubringen. Und während ich meine Mutter dafür hasste, war ich meiner Schwiegermutter – bei aller Eifersucht, die ich ihr gegenüber empfunden habe – letztlich dankbar. Ich glaube, sie hatte dich wirklich ins Herz geschlossen. Und das obwohl ich immer das Gefühl hatte, dass sie die Wahrheit ahnte.

Aber Du warst auch ein goldiges Kind. Wer hätte Dich nicht lieben können? Manchmal erschienst Du mir so perfekt, dass es fast nicht auszuhalten war. Konnte das möglich sein? Wie hatte ausgerechnet ich so ein Kind verdient?

Ich kann nur hoffen, dass Du mir eines Tages verzeihen kannst, dass ich Dich damals bei der Geschichte mit dem Priester nicht unterstützt hatte. Natürlich war die Anschuldigung lächerlich, aber ich wollte es in dem Moment nicht sehen. Je älter Du damals wurdest, desto mehr hatte ich Mühe gehabt, Dir in die Augen zu schauen. Da erschien die vermeintliche Erkenntnis, dass auch Du letztlich nur eine schwache Sünderin bist, wie Balsam auf meine schuldgeplagte Seele.

Ich hatte sehr wohl gesehen, wie Du unter all dem gelitten hast. Aber ich hatte nicht die Kraft, etwas dagegen zu tun, zumal gerade in dieser Zeit ja auch meine Mutter im Sterben lag. „Soll Dein Gott Dir doch helfen!“, hatte ich mir damals gesagt. Und die Möglichkeit, dass es doch wahr sein könnte, war ja doch nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht hatten Dein Stiefvater und all die anderen ja doch Recht.

Erst als ich hilflos gefesselt und geknebelt mitansehen musste, was dieser Erpresser mit Dir machte, weil Dein Stiefvater auch nach wiederholten Drohungen einfach nicht auf seine Forderungen eingehen wollte, erst in dem Moment wurde mir schmerzhaft bewusst, wohin wir gekommen sind und wie sehr wir alle durch Lüge und Hass verblendet waren. Dass ich Dich damals einfach im Stich gelassen habe und aus dieser Beziehung geflohen bin, habe ich mir nie verziehen.

Weisst Du, es hat mir damals so gut getan, was Du mir am Tag Deiner Gelübde gesagt hast: Dass Du nicht an einen strafenden Gott glaubst, und schon gar nicht an die Rache Gottes. Denn der Gedanke an Gottes Rache hatte mich begleitet seit dem Tag, an dem Du mir mitgeteilt hattest, dass Du ins Kloster gehen wirst.

Warum Du? Warum tust Du das?

Diese Frage hatte mich nicht mehr losgelassen. Und immer wieder hatte mich diese quälende Vision verfolgt: Das verzerrte Gesicht meiner Mutter und ihr Vorwurf: „Du bist schuld an allem, was geschehen ist! Die Zeit der Rache ist gekommen!“. Ja, in den dunkelsten Stunden in der Klinik war ich wirklich überzeugt, dass das Kloster nun Deine Rache war an uns, an Deinem Stiefvater, aber vor allem auch an mir. Und das Schlimmste war, dass mir der Gedanken sogar irgendwie gefallen hat. Denn das war es doch, was ich schon seit langem verdient hatte.

Ich hatte eine unglaubliche Angst, zu Deinen Gelübden zu kommen. Doch ich hatte mir eingeredet, dass ich das alles selber zu verantworten habe und mich meiner gerechten Strafe nicht entziehen könne. Ja, ich wollte Dir die Genugtuung gönnen, Deine Mutter leiden zu sehen.

Doch dann war alles ganz anders: Deine ehrliche Freude, Dein liebender Blick und Deine feste Umarmung. Mein Gott, mit wie viel Stolz hast Du mich Deinen Mitschwestern vorgestellt, mich, Deine erbärmliche Mutter, die Dich nie wirklich zu lieben gewusst hat, die Dich nicht beschützen konnte, die Dich kläglich im Stich gelassen hat und ihr armseliges Leben zwischen mondänen Modeschauen und Klinikaufenthalten fristete.

Und wie nett sie alle waren, die Schwestern. Deine Novizenmeisterin hat Dich in höchsten Tönen gelobt. Eure Älteste meinte, Du seist eigentlich viel zu hübsch fürs Kloster. Und eure junge Priorin hatte sich so gefreut, mich kennenzulernen. Sie sei vor ihrem Ordenseintritt ein grosser Fan meiner Mode gewesen und hätte immer noch diesen eleganten schwarzen Mantel aus einer meiner ersten Kollektionen. Sie trage ihn immer noch im Winter über dem Ordensgewand. Nur die Markenetikette hätte sie damals beim Eintritt entfernt, damit die Schwestern nicht bemerkten, was für ein exquisites Teil sie da mitbringe.

Ich kann mich nicht erinnern, je so glücklich gewesen zu sein wie an jedem Tag. Ich habe gespürt, dass Du glücklich bist, dass es Dir wirklich gut geht und dass Du bei diesen Schwestern am rechten Ort bist. Vor allem aber habe ich gespürt, dass Du mich liebst und dass Du mir vergeben hast. Und als ich nachts ganz alleine in einem Abteil des ICE nach Hause fuhr, habe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder gebetet.

Doch am nächsten Morgen, als ich mich im Spiegel betrachtete, war sie plötzlich wieder da, diese Stimme. „Mach dir nichts vor“, hörte ich sie sagen, „du hast Deine Tochter immer belogen. Und wenn sie die Wahrheit erfährt, wird sie es Dir nie verzeihen!“. Ich glaube ich hätte es sogar geschafft, diese Stimme mit der Zeit zum Schweigen zu bringen, wenn nicht kurz danach die Diagnose gekommen wäre. Und mit dem Krebst kam die Angst zurück: Die Angst vor der Rache Gottes. Und mit ihr die Frage: Werde ich Gnade finden bei Gott? Und bei Dir?

Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, werde ich die Antwort wohl wissen. Ich habe versucht zu glauben. Dir zu glauben. Ich habe versucht zu beten. Und in manchen Momenten habe ich so etwas wie Frieden gespürt. Doch in den einsamen, nächtlichen Stunden, wenn die Schmerzen mich nicht schlafen lassen und das Morphin die Dämonen der Vergangenheit in mir weckt, dann ist der Gedanke an meine gerechte Strafe oft der einzige schwache Trost.

Aber wenn das wirklich stimmt, was Du glaubst, dann werde ich ja jetzt vielleicht irgendwo neben Dir sitzen, hier in Deiner kleinen aber so gemütlichen Klosterzelle. Oder liest Du diesen Brief vielleicht in der Kapelle, bei IHM, der Dir all das gibt, was wir Dir nie geben konnten?

Wie auch immer, bete für mich, mein Kind!

In Liebe

Deine Mutter

PS: Und bete für deinen Stiefvater. Sag ihm, dass ich ihn liebe!

 

 

 

Warum sie? II (die beste Freundin)

(Aus dem Tagebuch einer Freundin)

Warum sie 2

Samstag, 20.30 Uhr

Warum sie? Warum ausgerechnet sie? Sie, meine Stärke, mein Fels, meine einzige Burg, bei der ich Zuflucht gefunden hatte in den schlimmsten Jahren meines Lebens. Sie, die doch immer so stark war, so hoffnungsvoll, so positiv.

Ich sehe sie noch vor mir, vor drei Jahren, am Tag ihrer ersten Ordensgelübde. Mein Gott, war sie schön gewesen, so durch und durch glücklich und strahlend. Wie sehr hatte ich sie beneidet um ihr Glück, um ihren Mut und ihre Entschiedenheit. Und um ihren Glauben.

Doch von all dem war nichts zu spüren, als ich ihr heute Nachmittag im Stadtpark gegenüberstand. Eigentlich hätte ich es ahnen müssen, als ich die kurze WhatsApp-Nachricht von ihr sah, die erste seit Monaten. Die weisse Lilie, die sie lange als Profilbild hatte, war einem düsteren Kreuz gewichen, und so hatte ich auf den ersten Blick gar nicht realisiert, dass die Nachricht von ihr war. Sie sei gerade in der Stadt und ob ich Zeit hätte, sie im Stadtpark zu einem Kaffee zu treffen.

Ich hatte sie erst gar nicht erkannt, als ich sie unter den Gästen an den Gartentischen suchte. Ich hatte nach einem Ordensgewand und einem schwarzen Schleier Ausschau gehalten. Und so dauerte es einen Moment, bis ich realisierte, dass das Winken am hintersten Tisch unter dem Kastanienbaum mir galt. Meine freudige Erwartung wich langsam einer diffusen Irritation, als ich versuchte, in der unscheinbaren Gestalt mit den kurzgeschnittenen Haaren, der schwarzen Hose und dem zugeknöpften grauen Kaschmir-Cardigan meine beste Schulfreundin zu erkennen.

Sie sah erschöpft aus und ihre Augen hatten einen traurigen Ausdruck, als sie mich musterte und mit einem anerkennenden Schmunzeln die Jacke meines Twinsets um meine Schultern zurechtzupfte. „Du siehst toll aus!“ hörte ich ihre sanfte Stimme, als sie mich schliesslich umarmte und sich fest an meine Brust drückte. Ihre Nähe nahm mir fast den Atem, während ich unter dem weichen Kaschmir ihrer Jacke das leise Beben ihrer Schultern spürte.

Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment.

Und plötzlich war alles wieder da in mir: Diese quälenden Schuldgefühle und der nagende Schmerz bei der Erinnerung an meine Schwachheit, an meine Feigheit, an mein Versagen.

Ja, verdammt, ich hatte sie damals im Stich gelassen. Und ich schäme mich noch heute dafür. Ich hatte zwar geglaubt, das Ganze hinter mir gelassen zu haben. Und der Umstand, sie bei ihren Gelübden so stark und glücklich wiederzusehen, schien mich von meinen Ängsten und Skrupeln befreit zu haben. Umso grösser war der Schmerz, als mir heute bewusst wurde, dass ich mich die ganze Zeit über belogen hatte.

Und das eigentlich Schlimme waren nicht einmal die Schuldgefühle, sondern das, was ihnen zugrunde lag: Die erschreckende Feststellung, dass ich mich angesichts ihrer offensichtlichen Verletzlichkeit auch heute noch genauso hilflos und elend fühlte wie damals. Sie muss es gespürt haben, als sie zusah, wie mein Latte Macchiato kalt wurde, während meine Finger nervös mit der Vase spielten, aus der uns eine weisse Rose entgegenduftete. Sie muss gespürt haben, dass ich ihren Anblick nicht ausgehalten habe. Dass ich am liebsten davongelaufen wäre, so wie damals an jenem Samstagnachmittag.

Zwölf Jahre waren seither vergangen, doch noch immer verfolgt mich der schockierende Anblick, als mich das Dienstmädchen zu ihr in den Salon geführt hatte. Sie war am Morgen erst aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie und ihre Mutter nach einem brutalen Raubüberfall ein paar Tage verbringen mussten. Ich hatte zuerst geglaubt, jemand fremden vor mir zu haben. Die sonst so lebendige, natürliche und selbstbewusste junge Frau, die ihre Strickjacke gerne spielerisch um die Schultern drapiert zu tragen pflegte, sass mit zugeknöpfter Jacke eng zusammengekauert in der Ecke des Sofas, von wo aus sie mir mit ausdrucksleerem Blick entgegenstarrte. Spuren von Tränen glitzerten auf ihren blassen Wangen und die wunderbaren, langen Haare, um die ich sie immer beneidet hatte, waren verschwunden – offenbar eine Folge des Klebebandes, mit dem sie geknebelt worden war.

Sie musste bereits damals gespürt haben, dass ich mit der Situation nicht umgehen konnte, denn schon nach einer guten Viertelstunde hatte sie mich gebeten zu gehen. Für mich war damals eine Welt zusammengebrochen. Ich wollte es nicht glauben. Ich konnte es nicht verstehen. Warum sie?

Sie war damals für mich alles gewesen. Ich weiss nicht, wie ich das alles ohne sie durchgestanden hätte. Sie war meine einzige wirkliche Freundin. Die einzige, die sich nie über meinen Körper lustig gemacht hat, die in allem zu mir gehalten hat und die immer an mich geglaubt hat. Die einzige, die sich von meiner trotzigen und rebellischen Art nie hat abschrecken lassen. Sie war der erste Mensch, dem ich mich anvertraut hatte. Sie war es auch, die mich mit 14 Jahren dazu gebracht hatte, zur Polizei zu gehen und gegen meinen eigenen Vater auszusagen, nachdem meine jüngere Schwester sich das Leben genommen hatte. Ich war selber schon im Begriff, von der Brücke zu springen, als sie mir klar gemacht hatte, dass ich jetzt für meine kleinste Schwester verantwortlich sei… und dass ich ihre Freundin sei, dass ich ihr fehlen würde… dass sie mich liebe.

Ausser meinem Vater hatte mir niemand je gesagt, dass er mich liebe. Und daher war das Wort „Liebe“ bei aller Sehnsucht, die es in mir weckte, stets verbunden mit Angst: Angst vor dem Schmerz, Angst vor Ohnmacht, und vor allem Angst davor, enttäuscht, verraten und verlassen zu werden.

Doch sie hatte mich nie verlassen. Sie war da in der Zeit der quälenden Verhöre und Prozesse. Sie war da, als meine Mutter sich von mir abgewandt hatte. Und sie hatte mich regelmässig besucht, als ich wegen meiner Essstörungen in der Klinik war. Sie war so treu zu mir, dass manche sie sogar für lesbisch hielten. Letzteres fand erst ein Ende, als man ihr Mitte des letzten Schuljahres plötzlich vorgeworfen hatte, mit dem Schulseelsorger geschlafen zu haben. Der Vorwurf war absurd und haltlos. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie nie auch nur im Traum daran gedacht hätte, mit ihrem geistlichen Begleiter ins Bett zu gehen. Denn ich kannte damals sehr wohl den einzigen Jungen, mit dem sie sich wirklich so etwas hätte vorstellen können. Doch dieser war zu ihrem Leidwesen (und meinem heutigen Glück) in dieser Beziehung mindestens ebenso schüchtern und verklemmt wie sie selber.

Und dennoch wurde der Skandal mit dem Seelsorger zum Ausganspunkt meines Bruches mit ihr. Ich hatte regelmässig mit ihr zusammen die Veranstaltungen und Gottesdienste der Schulseelsorge besucht, wobei ich wohl weniger an Gott als an sie geglaubt hatte. Dass es so etwas wie einen starken, treuen und barmherzigen Gott geben könnte, hatte ich vor allem darum geglaubt, weil ich sie stets als stark, treu und barmherzig erlebt hatte. Doch das begann sich mit dem vermeintlichen Skandal zu ändern. Die falschen Anschuldigungen, der höhnische Spott mancher Mitschüler und das Misstrauen und die unverhohlene Verachtung einiger Lehrpersonen hatten ihr sichtlich zugesetzt. Immer öfter erschien sie mir traurig und bedrückt, und auch wenn sie es stets vor mir zu verbergen suchte, glaubte ich doch immer wieder, Spuren von Tränen in ihrem Gesicht zu erkennen.

Und so hatte ganz allmählich der Fels meines Lebens zu wanken begonnen. Plötzlich hatten die Arme, in denen ich bisher immer Kraft und Geborgenheit gefunden hatte, begonnen, sich an mir festhalten zu wollen. Doch darauf war ich nicht vorbereitet. Das durfte nicht sein. Ich hatte sie gebraucht, stark, treu und barmherzig. Plötzlich spürte ich die Angst in mir, und mit der Angst kamen die Ohnmacht und die Wut. Nein, sie durfte mich nicht verlassen. Nicht jetzt!

Und dann war sie da gesessen, in die Ecke des Sofas verkrochen, halb verdeckt von einem dicken Kissen, das ihre Arme fest gegen die Brust drückten. Sie hatte erbärmlich ausgesehen in ihrer formlosen Trainingshose, mit den abgeschnittenen Haaren und den dunklen Rändern unter ihren Augen. Nur ihre Stimme klang erstaunlich ruhig und sanft, als sie mich einlud, neben ihr Platz zu nehmen. Sie hatte mich gefragt, wie es mir gehe. Und ich hatte die ganze Zeit über kein vernünftiges Wort herausgebracht. Eine seltsame Beklemmung lag auf meiner Brust, als ob ich selber anstelle des Kissens zwischen ihren Armen gelegen hätte.

Das war damals einfach zu viel für mich. Ich fühlte mich verraten und verlassen, von ihr und von Gott. Verzweifelt vor Wut war ich in die nächste Kirche geeilt und hatte alle Opferkerzen ausgeblasen. „Scheiss Gott!“ höre ich mich jetzt noch schreien, als ich damals die Osterkerze von ihrem Sockel stiess.

Kurz danach war ich zum zweiten Mal in die Klinik eingewiesen worden. Sie hatte mehrfach versucht, mich zu besuchen. Aber ich wollte sie nicht sehen. Und als ich entlassen wurde, hatte ich erfahren, dass sich ihre Eltern getrennt hatten. Ich hatte die Kraft nicht, mich bei ihr zu melden.

Danach hatten wir uns Jahre lang nicht gesehen. Es waren einsame Jahre, geprägt von Scham und Schuldgefühlen. Mehrfach hatte ich mir vorgenommen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Doch das eine Mal, wo ich all meinen Mut zusammengenommen hatte, war sie zum Studium im Ausland.

Doch irgendwie war sie doch die ganze Zeit bei mir gewesen. „Ich glaube an dich!“ vernahm ich jeden Morgen tief in mir drin ihre Stimme, wenn ich mich im Spiegel betrachtete. „Kopf hoch!“ hörte ich sie rufen, wenn ich während meines Jus-Studiums immer mal wieder die Schultern habe hängen lassen. Und irgendwie spürte ich, dass sie stolz auf mich war, als ich mir als frisch gebackene Anwältin zuhause vor dem Spiegel zum ersten Mal die Jacke meines neuen Twinsets um die Schultern drapiert hatte.

Und dann lag da plötzlich eines Tages die Einladung zu ihren Ordensgelübden in meinem Briefkasten. Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich hingehen sollte oder nicht. Schliesslich hatte ich mich doch entschieden zu gehen und mir für diesen Anlass auch gleich noch einen neuen Rock und Blazer gekauft. Als ich jedoch vor den Stufe zur Kirche stand, war sie plötzlich wieder da, die Scham. Und ich war tatsächlich drauf und dran gewesen, wieder das Weite zu suchen, als plötzlich er auftauchte. Ich hatte ihn sofort erkannt, nach all den Jahren. Er war ein stattlicher Mann geworden, hatte aber diesen Hauch von jungenhafter Schüchternheit nicht ablegen können. Nie werde ich sein verlegenes Lächeln vergessen, als er offensichtlich vergeblich versucht hatte, mich irgendwo in seinen Erinnerungen einzuordnen.

„Wie geht es ihm und der Kleinen?“, hatte sie mich heute Nachmittag unvermittelt aus meinen quälenden Gedanken gerissen, indem sie beruhigend meine Hände fasste, die immer noch mit der Blumenvase spielten. Sie habe sich sehr über die Hochzeitsbilder gefreut, und auch über das Foto unserer kleinen Tochter.

Ich war froh und dankbar, über meine Familie sprechen zu können. Und noch dankbarer war ich letztlich, dass mein spontaner Babysitter nur eine Stunde Zeit hatte und ich bald wieder aufbrechen musste. Ihre Umarmung war diesmal sanft und zurückhaltend. Dafür konnte ich an meiner Brust deutlich das hölzerne Kreuz spüren, das sie unter ihrer Strickjacke verborgen um den Hals trug.

Erst als ich auf dem Parkplatz in meinem Wagen sass, begann sich meine innere Lähmung zu lösen. Erst jetzt wurde mir wirklich bewusst, wie traurig und verlassen sie aussah, als sie mir unter dem Kastanienbaum zum Abschied noch einmal zugewinkt hat. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Plötzlich haben die erwachsene Frau, die junge Mutter und die erfolgreiche Anwältin in mir begriffen, dass sie ein für alle Mal aufhören müssen, ihr Leben von einem verzweifelten kleinen Mädchen bestimmen zu lassen.

Ich war noch nie eine Sportskanone gewesen und auch meine eleganten Stiefelletten waren nicht zum Rennen auf Kieswegen gedacht. Doch in diesem Moment war mir alles egal. Durch die Tränen in meinen Augen konnte ich die verblüfften Blicke der Spaziergänger sehen, als ich an ihnen vorbei zurück zum Gartenrestaurant rannte. Und irgendwo hinter mir hörte ich jemanden rufen, ich hätte meine Strickjacke verloren. Aber was war schon eine Strickjacke? Ich war im Begriff, zum zweiten Mal in meinem Leben das Beste zu verlieren, was mir je geschenkt worden war.

Der Tisch unter dem Kastanienbaum war verlassen.

Ich habe wieder versagt!!!

Mein Gott, wie ich mich dafür hasse!

Ich glaube, wenn mein Mann und die Kleine nicht wären…

Ich möchte nur noch schlafen, schlafen… und nie mehr aufwachen!

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Sonntag, 00.30 Uhr

WhatsApp weckt mich aus einem Albtraum:

Danke für Deine Freundschaft.
Gesegnete Pfingsten!
Keep the Spirit of God! 🙂

Da wo das düstere Kreuz war, strahlt nun eine weisse Rose.

 

 

 

 

 

Schatten der Vergangenheit (VI)

Eigentlich hasste sie Pferde. Und dies nicht erst seit ein schwerer Reitunfall vor zwei Jahren ihrer vielversprechenden Karriere als Vielseitigkeitsreiterin ein jähes Ende bereitet hatte. Sie verabscheute den Geruch. Sie ekelte sich vor dem Schweiss. Aber am meisten hasste sie den hochmütigen Stolz dieser Tiere. Doch genau dieser Hass sollte sie schon als junges Mädchen zu einer der besten Reiterinnen und Pferdekennerinnen machen. Denn seit ihre Tante sie damals zum ersten Mal auf den Rücken eines Pferdes gehoben hatte, war Patricia fasziniert von der Macht, die sie über diese Tiere bekam. Ein leichtes Ziehen am Zügel, ein leichter Druck der Schenkel, und der ganze Stolz war unter ihrer Kontrolle. Intuitiv hatte sie gelernt, Pferde zu lesen, zu manipulieren und bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu führen. Und kein Gefühl war elektrisierender für sie als die wuchtige Eruption von einer halben Tonne geballter Pferdestärke zwischen ihren Beinen.

SchdVerg VI
Bild von Scottish Classic Knitwear

Erschöpft glitt Patricia von dem nackten Körper herunter, der nach Atem ringend auf ihrem Bett lag. Ausdruckslos starrte sie an die Decke, wo die aufgehende Sonne das Muster der Gardine spielen liess. Draussen in der Koppel wieherten die Pferde, während die kühle Morgenluft ein leises Frösteln über ihre feuchte Haut jagte. Sein Schweiss auf ihrem Körper widerte sie an. Und sie hasste seinen Geruch. Auch sein teures Parfüm konnte daran nichts ändern. „Hau ab!“, hörte sie sich mehr hauchen als sagen, indem sie müde die Augen schloss. Und als sich neben ihr nichts regte, wurde ihre Stimme plötzlich eisig klar: „Hau ab, hörst du, verschwinde!“

Er versuchte noch etwas zu sagen, doch der Anblick ihres nackten Rückens liess ihn verstummen. Eine leise Anspannung bemächtigte sich ihres Körpers, während sie lauschte, wie er hinter ihr seine Kleider zusammensuchte und sich anzog. Mit Befriedigung registrierte sie sein ängstliches Bemühen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Sie konnte seinen Blick spüren, als er schliesslich an der Tür noch einen Moment innehielt. Dann endlich vernahm sie das Geräusch ihrer Zimmertür und das Knarren der Treppe. Doch erst, als unter ihr die Haustür ins Schloss fiel, begann sie sich langsam zu entspannen.

Ihre langen, blonden Haare klebten strähnig über ihren nackten Schultern und Brüsten, als sie aus dem Bett stieg und hinter der Gardine ans Fenster trat. Sein Wagen stand immer noch im Hof. Er lehnte mit dem Rücke zu ihr an der Fahrertür und rauchte eine Zigarette. Seine grauen Haare wirkten fast weiss in der morgendlichen Sonne. Er hätte ihr Vater sein können, aber er war definitiv in beachtlicher Form für sein Alter. Wusste seine Frau, dass er hier war? Sie war nicht dumm. Aber sie war sicher auch klug genug, um zu wissen, was sie zu verlieren hatte. Der renommierte Mediziner war wirklich eine ausserordentliche Persönlichkeit. Er hätte es doch tatsächlich fast geschafft, Patricia…

Unwillkürlich trat sie einen Schritt vom Fenster zurück, als er seine Zigarette wegschnippte und sich zu ihr umdrehte. Einen Moment lang glaubte sie auf seinem Gesicht einen traurig fragenden Zug zu erkennen. Doch schon strafften sich seine breiten Schultern, während er die Tür des Wagens öffnete. Und als der Stallmeister mit seinem Motorrad in den Hof einbog, hatte sein Gesicht auch wieder diesen hochmütig stolzen Ausdruck, der Patricia so in seinen Bann gezogen hatte, als sie ihn beim gestrigen Golftournier im Club kennengelernt hatte. Doch als er nun den Motor aufheulen liess und eine graue Staubwolke im Hof zurückliess, kam er ihr einfach nur unendlich lächerlich vor. Er mochte ein teureres Parfüm haben, aber er roch genauso widerlich wie der Stallmeister.

Eine halbe Stunde stand sie schon unter der heissen Dusche, als sie sich zum dritten Mal einseifte. Patricia seifte sich immer dreimal ein, von Kopf bis Fuss. Soweit sie sich erinnern konnte, war das immer so. An ein Davor konnte sie sich nicht erinnern. Und die Frage warum hatte sie sich nie gestattet. Sie genoss das heisse Wasser auf ihrer Haut. Es beruhigte sie und brachte das Gefühl zurück in ihren Körper. Doch an diesem Morgen wollte es nicht klappen mit der Ruhe. Zu gross war die Angst vor dem, was sie draussen erwarten würde. Seit zwei Tagen liess sie diese Angst nicht mehr los. Um sich von ihr abzulenken, hatte sie sich diesen Kerl ins Bett geholt. Dabei hätte sie es wissen müssen: Sobald sie Angst hat, hat das Pferd gewonnen.

Was wollte sie von ihr, so plötzlich, nach all den Jahren? Nervös betrachtete sie sich im Spiegel, während sie unwillig die Knoten aus ihren Haaren bürstete. Sie brauchte nicht viel, um sich das Gesicht ihrer Schwester vorzustellen. Ausser ihrer Mutter hatte niemand sie wirklich auseinanderhalten können. Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehene? Wie lange waren sie sich aus dem Weg gegangen? 10, 15 Jahre? Ihre Schwester war damals von einem Tag auf den anderen verschwunden, nachdem sie Patricia am frühen Morgen aus dem Zimmer ihres Onkels hatte schleichen sehen. Sie waren noch keine 18 gewesen. Offenbar war sie damals zu Bekannten nach London geflohen, wo sie schliesslich auch ein Studium begonnen hatte.

Mein Gott, wie sehr hatte sie sie dafür gehasst? Wie konnte sie ihr das antun? Wie konnte sie sie einfach so verlassen? Sie hatten doch nur noch einander, nachdem ihre Mutter sich im Wald erschossen hatte. Die Tante, bei der sie aufgewachsen waren, hatte sie nie geliebt. Und der Onkel, dieser fromme Pastor, hatte in seinem Hochmut und Stolz keine Gelegenheit ausgelassen, den Mädchen und der ganzen Welt zu verstehen zu geben, wie sehr sie ihr Dasein seiner Wohltätigkeit und Fürsorge verdankten. Patricia hatte ihn gehasst. Und sie hasste sich selber für das, was sie getan hatte. Wie sollte sie nur ihrer Schwester gegenübertreten? „Scheisse, ich hasse dich!“

Es war gut, dass sie nach dem überraschenden Anruf ihrer Schwester in einem spontanen Impuls die Rasierklingen weggeworfen hatte. Sie hatte geahnt, dass der emotionale Stress sie überfordern würde. Und geritzte Unterarme waren das letzte, was sie ihrer Schwester hätte erklären wollen. Doch der Druck war da und das Wasserglas klapperte bedrohlich gegen ihre Zähne, als sie neben ihrer Beruhigungstablette noch eine Schmerztablette herunterspülte. Denn als ob die quälende Angst nicht gereicht hätte, begann sich plötzlich auch ihr angebrochener Halswirbel wieder zu melden. Nur gut, dass sie zu dieser Zeit noch nichts im Magen hatte.

Ihre Schultern bebten unter dem weichen Morgenmantel, als sie schluchzend auf dem Sofa lag und mit dem alten Plüschbären ihrer Schwester im Arm darauf wartete, dass die Medikamente ihre Wirkung entfalteten. Das abgenutzte Kuscheltier war die ganzen Jahre über ihr einziger treuer Begleiter gewesen. Natürlich hatte sie früher selber auch einen identischen Bären besessen. Aber der war schon vor Jahren ihrer Verzweiflung zum Opfer gefallen.

Sie musste eingeschlafen sein, denn als sie von der einfallenden Sonne im Gesicht geweckt wurde, war es kurz nach zehn Uhr. Um elf war sie mit ihrer Schwester verabredet im Strandhaus des Reitclubs. Ihre Kopfschmerzen waren einer dumpfen Taubheit gewichen. Nachdenklich musterte sie die leblosen Glasaugen des Plüschbären. Sie mochte diese Augen. Es waren die einzigen, von denen sie sich nie verachtet fühlte. Unwillkürlich musste sie schmunzeln, als sie den treuen Freund noch einmal an sich drückte und seine tränenfeuchte Schnauze an ihrer Wange spürte.

Ihre Hände zitterten kaum mehr, als sie schliesslich die schwarzen Strümpfe über ihre Beine zog. Sie wollte zuerst einen Rock anziehen, hatte sich dann aber doch für die Reithose und ihre eleganten, schwarzen Lederstiefel entschieden. Heute brauchte sie ein vertrautes Fundament. Doch als sie im Begriff war, zu ihrem weissen Rollkragenpullover den Blazer mit dem Clubwappen aus dem Schrank zu holen, hielt sie plötzlich inne. Und nach kurzem Zögern kniete sie nieder und begann, am Grund des Kleiderschrankes in einer Schachtel alter Kleider zu graben. Sie brauchte nicht lange, um zu finden, was sie suchte, auch wenn sie das gute Stück schon seit Jahren nicht mehr in der Hand hatte.

Nachdenklich betrachtete sie den grauen Kaschmir-Cardigan, der sich zwischen ihren Händen entfaltete. Er hatte ihrer Mutter gehört. Patricia hatte ihn sich nach der Beerdigung heimlich angeeignet. Eigentlich hatte sie ja damals nach etwas anderem gesucht. Aber die exquisite, weisse Kaschmir-Strickjacke, die Lieblingsjacke ihrer Mutter, die sie noch getragen hatte an dem Nachmittag, an dem sie ihre Mädchen zum letzten Mal zum Mittagsschlaf gebettet hatte, diese Jacke war verschwunden. Patricia hatte verzweifelt das ganze Zimmer durchsucht. Aber keine Spur von dem einzigen Andenken an ihre Mutter, das sie wirklich hätte haben wollen. Sie war sich sicher gewesen, dass ihre Mutter nie in dieser Jacke in den Wald gegangen wäre. Aber natürlich hatte sie nicht gewagt, irgendjemanden danach zu fragen. Und so hatte sie schliesslich enttäuscht diesen grauen Cardigan mitgenommen. Zahlreiche Tränen hatte sie insgeheim damit getrocknet. Doch als sie gross genug war, um die Jacke auch zu tragen, hatte sie es nicht über sich gebracht. Zuerst hatte sie Angst, ihre Schwester könnte sie sehen. Und nachdem diese aus ihrem Leben verschwunden war, hatte sie alles vermieden, was sie an ihre Vergangenheit erinnerte.

Und nun war plötzlich alles wieder aufgetaucht: Die verlorene Schwester und mit ihr auch die Vergangenheit. Das Ganze machte ihr Angst, und doch, wenn sie ehrlich war… Nachdenklich betrachtete sich Patricia im Spiegel. War das wirklich sie, die da vor ihr stand und sich plötzlich in einer schwungvollen Bewegung den Cardigan um die Schultern drapierte? Der Anblick erschreckte sie. Einen Moment lang glaubte sie, ihre Mutter vor sich zu sehen. Als grosse Bewunderin von Grace Kelly hatte es diese geliebt, ihre Jacken elegant um die Schultern gelegt zu tragen, und Patricias Frisur mit dem Pferdeschwanz war von vorne kaum vom strengen Haarknoten ihrer Mutter zu unterscheiden. Im ersten Moment war Patricia versucht, sich die Jacke von den Schultern zu reissen. Doch schliesslich schlüpfte sie kurz entschlossen in die Ärmel und knöpfte die Jacke zu. Der Moment war gekommen, sich der Vergangenheit zu stellen.

********

Der Schock sass tief. Aus diskreter Distanz schaute er zu, wie die junge Frau draussen auf der Terrasse mit brennender Wange die weisse Kaschmir-Strickjacke aufhob, die ihr von den Schultern geglitten war. Die Ohrfeige hatte sie ebenso unvermittelt wie heftig getroffen. Langsam richtete sie sich auf, schüttelte den Staub aus der Jacke und hielt sie ihrer Schwester hin. Doch diese hatte sich abgewandt und starrte mit verschränkten Armen hinaus aufs Meer. Ihre Lippen bebten und Tränen liefen über ihre Wangen.

Seit über dreissig Jahren bewirtete er hier die Gäste, doch Szenen wie diese gehörten nicht zum Alltag im renommierten Clubhaus am Meer. Schon gar nicht, seit er im Ruhestand war und nur noch morgens arbeitete. Doch an diesem Morgen folgte ein Schock dem anderen. Es begann damit, dass plötzlich ein Phantom vor ihm stand: Ihre Haltung, ihr Gesicht, die blonden Haare, die im Nacken in einen strengen Knoten gebunden waren, und die exquisite Strickjacke, die sie elegant um ihre aufrechten Schultern drapiert trug. Alles war genau so wie am Morgen des Tages vor fünfundzwanzig Jahren, an dem sie sich ohne Vorwarnung das Leben genommen hatte. Nur der traurige Ausdruck in den müden Augen war verschwunden. Doch kaum hatte er begriffen, dass hier nicht ein Phantom sondern dessen Tochter vor ihm stand, folgte der zweite Schock. So lange schon hatte er Patricia nur noch alleine gesehen, dass er fast vergessen hatte, dass es da irgendwo noch eine Zwillingsschwester gab.

Mein Gott, wie ähnlich Elisabeth ihrer Mutter war, dachte er sich, als er von der Terrasse aus die beiden Frauen unten am Strand beobachtete. Lissy stand draussen im Wasser und liess die Wellen um ihre Waden spielen. In der einen Hand trug sie ihre Schuhe, die andere hielt die Strickjacke um ihre Schultern fest. Ihre Schwester war in einiger Entfernung am Strand stehen geblieben, die Hände in den Taschen ihrer grauen Jacke vergraben. Als ob sie sich von ihre Mutter abgrenzen wollte, hatte Patricia ihre Haare stets offen oder in einem Pferdeschwanz getragen. Und er konnte sich nicht erinnern, sie je zuvor in einer Strickjacke gesehen zu haben. Jedenfalls sicher nicht in dieser. Das wäre ihm aufgefallen.

Als er etwas später wieder auf die Terrasse trat, schlenderten die Schwestern am Strand entlang in Richtung des Fischerhafens. Elisabeth watete immer noch im Wasser, während ihre Schwester den Pfützen und dem angeschwemmten Seetang auswich, die die Ebbe im grauen Sand zurückgelassen hatte. Die beiden schienen zu streiten. Jedenfalls sah er Patricia immer wieder leidenschaftlich gestikulieren.

Eine Viertelstunde später waren die beiden Frauen verschwunden. Der Strand schien verlassen bis auf einen dunklen Schatten, der vom Wind in Richtung der Dünen geweht wurde, wo bereits ein anderer schwarzer Nylonstrumpf in den Ästen eines Strauches flatterte. Und als er den Weg des Strumpfes zurückverfolgte, sah er auch die schwarzen Stiefel, die nahe am Ufer im Sand lagen.

Er wollte sich schon umdrehen und hineingehen, als er glaubte, weit draussen auf der Hafenmole eine einzelne Gestalt zu sehen. Vage meinte er, helle Haare zu erkennen, die im Wind wehten. Oder waren es die Ärmel einer Strickjacke?

 

 

 

 

 

Schatten der Vergangenheit (III)

Sie musste eingeschlafen sein, denn als das Smartphone in der Tasche ihres Daunenmantels zu vibrieren begann, war es bereits dunkel. Im Licht des Mondes, der durch die Fenster ihres Büros schien, konnte sie die halbleere Flasche sehen, die neben dem Sofa auf dem kleinen Glastisch stand. Schlaftrunken richtete sie sich unter dem warmen Mantel auf, mit dem sie sich zugedeckt hatte. Der Anrufer war beharrlich, denn es vibrierte immer noch, als ihre Hände endlich die richtige Manteltasche fanden. Das Licht des Displays blendete sie und schlagartig spürte sie wieder ihr ganzes Elend, als sie die besorgte Stimme ihres Mannes vernahm. Ja, sie sei noch in der Klinik, hörte sie sich sagen. Sie müsse noch arbeiten. Nein, sie wisse noch nicht… und „Ja, ich liebe dich auch!“

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Bild: Petra Morzé im Fernsehfilm „Brief an mein Leben“ (D, 2015, Screenshot)

Mein Gott, wie hohl diese Worte plötzlich klangen! Aber hatten sie je anders geklungen? Hatte sie wirklich gemeint, was sie ihm sagte, all die Jahre? Oder hatte sie ihn die ganze Zeit belogen, so wie sie sich selber belogen hatte?

Karolinas Kopf schmerzte, als sie ihre Beine über den Rand des Sofas gleiten liess und sich langsam aufsetzte. Ihre schwarzen Stiefel, die neben dem Glastisch am Boden lagen, schimmerten matt im Mondlicht, während sie spürte, wie vom Teppich eine kalte Nässe durch ihre Strumpfhose drang. Sie hatte sich schon gewundert, wo das Glas hingekommen war. Es musste ihr aus der Hand gefallen sein, als sie eingeschlafen ist. Ihre Hände zitterten leicht, als sie nach der Wodkaflasche griff, um sich neu einzuschenken. Karolina hasste Wodka. Sie hasste den Geschmack, und sie hasste die zerstörerische Macht, die er über ihr eigenes Volk ausübte. Doch wie viele ihrer polnischen Landsleute trank sie doch immer wieder davon, gerade in den Momenten, wo sie sich selber am meisten hasste.

Der Wodka brannte in der Kehle, aber er brachte wieder etwas Leben in ihren Körper zurück. Aus der Ferne hörte sie eine Glocke neun Uhr schlagen, als sie sich erschöpft erhob und ans Fenster trat. Der Park der Klinik lag unter einer dicken Schneeschicht begraben und die Silhouette der Bäume wirkte gespenstisch im fahlen Mondlicht. Der Anblick erinnerte sie an ihre Heimat, an das Haus ihrer Eltern in der Nähe von Warschau, und an die kleine Hütte im Wald. Schnee machte sie immer traurig. Vielleicht war sie ja darum nach England gekommen, weil es hier so selten Schnee gab.

Energisch zog Karolina die Vorhänge zu, um die Bilder in ihrem Kopf zu stoppen. Was war nur los mit ihr? Sie hatte das doch alles hinter sich gelassen! In einem Zug leerte sie den Rest des Glases, während sie an ihrem Schreibtisch vorbeiging, um auch die anderen Vorhänge zu ziehen. Da sackte sie plötzlich in sich zusammen, als auf dem weichen Teppich etwas schmerzhaft in ihren Fuss stach. „Cholera jasna!“, entfuhr es ihr, als sie zwischen ihren Fingern die Keramikscherbe erkannte, die sie unter ihrer Fusssohle hervorgezogen hatte. Und plötzlich schossen die Tränen in ihre Augen. „Mein Gott, was willst du von mir?“ Hatte sie denn nicht alles getan, was sie konnte? Hatte sie nicht schon genug gebüsst?

Schluchzend liess sie sich auf den Teppich sinken. Der Mond schien direkt auf ihr tränennasses Gesicht, während ihre Augen ausdruckslos an die Decke starrten. Genau hier war sie gelegen, an dem Morgen vor einer Woche, als sie nach dem Schlag auf ihren Kopf wieder zu sich gekommen war. Das erste was sie gesehen hatte, waren die Augen ihrer Patientin, die sich über sie gebeugt hatte und im Begriff war, Klebeband um ihren Mund zu wickeln. Karolina wollte etwas sagen, aber ihre Zunge war ebenso zur Ohnmacht verdammt wie ihre gefesselten Hände und Füsse. Fassungslos war ihr Blick von den Scherben der Keramikvase auf dem Teppich zu ihrer Strumpfhose gewandert, die neben ihren Schuhen am Boden lag, und von dort zu ihrer Patientin, die sich plötzlich mit der weissen Strickjacke von Karolinas Twinset über sie gebeugt hatte. „Sorry, Karolina, aber auch sie werden mich nicht aufhalten können“, hatte sie die Frau sagen hören, während ihr die Jacke um den Kopf gewickelt und mit den Ärmeln um Mund und Augen fixiert worden war…

Unwillkürlich stand Karolina vom Boden auf, als eine Woge der Beklemmung durch ihren Körper fuhr. Hastig riss sie das Fenster auf und liess gierig die kalte Winterluft in ihre Lungen strömen. Nie würde sie dieses panische Gefühl der Ohnmacht vergessen, als die Frau sie hilflos gefesselt und geknebelt hinter dem schweren Ledersofa eingeklemmt zurückgelassen hatte. Von ihrem vergeblichen Widerstand erschöpft, hatte sie unter der Strickjacke verzweifelt nach Luft gerungen. Und im ersten Moment hatte sie geglaubt, sterben zu müssen. Dann, mit der Zeit, hätte sie am liebsten sterben wollen, damit es endlich aufhört, so wie damals, als die Jungs…

Mein Gott, wie konnte ihr das nur passieren, nach all den Jahren? Sie hatte doch all das hinter sich gelassen, als sie damals Polen verliess und zu ihrer Tante zog, um in Oxford Medizin und Psychologie zu studieren. Fröstelnd zog Karolina die Jacke ihres Twinsets vor der Brust zusammen, während sie den Mond betrachtete, der hinter den Bäumen hervorgetreten war. Hatte sie nicht alles, was sie sich hätte wünschen können: Einen Magister mit summa cum laude, einen liebenden Ehemann, zwei erwachsene Kinder, auf die sie stolz sein durfte, und eine gute Stelle als Oberärztin in einer renommierten Klinik? Sie liebte ihre Arbeit und galt nicht zu Unrecht als eine der Besten ihres Fachs. Nicht umsonst hatte man die bekannte Professorin nach deren Nervenzusammenbruch ihrer Sorge anvertraut.

Sie konnte sich noch genau erinnern an den Tag, wo die Patientin zum ersten Mal zu ihr ins Büro gebracht wurde. Sie stand unter starken Medikamenten und sah erschöpft aus. Aber Karolina war spontan fasziniert von dieser Frau. Sie hätte nicht sagen können, woran es lag. War es ihre Ausstrahlung, ihre unterdrückte Leidenschaft? War es diese Ambivalenz zwischen spürbarer Verletzlichkeit und vermeintlicher Souveränität, wenn sie ihre edle Kaschmir-Jacke elegant um die Schulter drapiert zu tragen pflegte? Was auch immer es war, nach einer Woche Arbeit mit ihr musste sich Karolina eingestehen, was sie nie für möglich gehalten hätte – und was nie wieder hätte passieren dürfen: Sie hatte sich verliebt!

Natürlich war sie Profi genug, um ihre Projektionen zu erkennen. Und anfänglich hatte sie sich auch noch gezwungen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Aber nach und nach erlaubte sie sich insgeheim kleine Schwächen. Immer öfter überging sie ihre Schuldgefühle und liess ihrer Sehnsucht und Fantasie freien Lauf. Dabei gelang es ihr problemlos, äusserlich professionell zu bleiben, und der offensichtliche Erfolg ihrer Arbeit bewahrte sie vor übermässigen Skrupeln: Die Professorin reagierte ausgezeichnet auf die Therapie. Sie hatte blendend ausgesehen an dem Nachmittag, nachdem sie mit ihrer jungen Assistentin im Park der Klinik spazieren war. Ihre Wangen hatten geglüht, als sie eingehüllt in ihre Kaschmirjacke in der Therapiesitzung sass. Karolina war hin und hergerissen zwischen professionellem Stolz, brennendem Begehren und quälender Eifersucht. Und an diesem Abend, allein in ihrem Wagen auf einem abgelegenen Parkplatz mit Blicks aufs Meer, hatte sie schliesslich ihrer aufgestauten Erregung freien Lauf gelassen.

Umso grösser war der Schock, als sie am nächsten Tag mit schmerzendem Kopf auf dem Teppich vor ihrem Schreibtisch aus der Betäubung erwacht war. Das warme Strahlen in den Augen der Professorin war kalter Entschlossenheit gewichen. Und als Karolina realisierte, dass man ihr die Strumpfhose ausgezogen hatte, war ihr schlagartig klar, worum es hier ging. Sie selber hatte der Professorin bei der ersten Sitzung erklärt, warum man ihr leider nicht erlauben könne, Strumpfhosen zu tragen. Doch wenn Karolina im ersten Schock und Schmerz der Enttäuschung überhaupt so etwas wie Angst um die Patientin empfunden haben sollte, war diese schnell verflogen, als sie kurz darauf hilflos hinter dem Sofa eingeklemmt panisch an ihren Fesseln zerrte und verzweifelt am Knebel vorbei nach Luft rang. Die Jacke über ihrem Kopf hatte sie dabei in eine Finsternis getaucht, die längst verdrängte Schatten aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins zu neuem Leben erweckte…

Karolina hätte nicht sagen können, ob ihre Zähne nun vor Kälte oder vor Angst zitterten. Aber diesmal nahm sie allen Mut zusammen und wandte sich nicht vom Fenster ab, als das Mondlicht auf den kleinen Pavillon im Park fiel. Ja, so ähnlich sah sie aus, die kleine Hütte im Wald, in der sie damals zum ersten Mal ihre Freundin geküsst hatte. Sie waren beide 15 und seit Jahren ein Herz und eine Seele. Karolina war insgeheim verliebt gewesen, wagte es sich aber selber nicht einzugestehen. Sie schämte sich für ihre Gefühle und hatte panische Angst, dass es jemand merken könnte. Doch dann hatte ihre Freundin sie an einem schönen Winterabend zu dieser Hütte geführt. Sie hatten Feuer gemacht und sassen eingekuschelt in ihre Winterjacken auf dem Bett, als die Hand ihrer Freundin plötzlich zwischen ihre Beine glitt. Es sollten die glücklichsten Stunden in Karolinas Leben werden… und sie sollte sie teuer bezahlen.

„Nein, es reicht!“ Karolina hatte genug von dieser alten Geschichte. Es war schon schwierig genug, ihr aktuelles Lebenschaos wieder in den Griff zu bekommen. Grimmig schloss sie das Fenster, zog die Vorhänge zu, zündete die Leselampe an und trat hinüber zum Schreibtisch, wo sie ihre Handtasche und das Packet mit der Kaschmirjacke der Professorin abgelegt hatte. Die kostbare Jacke hätte sie auf dem Friedhof der jungen Assistentin übergeben sollen, aber diese wollte sie nicht haben. Karolinas Finger zitterten vor Kälte, als sie das Packpapier aufriss. Doch als ihre Hand das weiche Kaschmir spürte, hielt sie plötzlich inne. Genauso hatte sich der Pullover ihrer Freundin angefühlt, als sie diese zur Begrüssung umarmen wollte, damals am Tag danach, im Treppenhaus der Schule. „Lass mich los, du verdammte Lesbe!“, hatte diese sie angeschrien wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Einen Moment lang glaubte Karolina, sich übergeben zu müssen, als die Erinnerung sie überwältigte: Nie wird sie die erschreckende Kälte in den Augen ihrer Freundin vergessen, während deren Schrei noch durchs Treppenhaus hallte. Und noch weniger wird sie die Blicke der Mitschüler und Lehrer vergessen, die Zeugen dieser Szene wurden. Diese Blicke, die in Sekundenschnelle von Schreck und Erstaunen in hämisches Grinsen und vorwurfsvolle Fassungslosigkeit übergegangen waren. Von diesem Moment an wurde Karolinas Leben zur Hölle. Quälendes Mobbing ihrer Mitschüler und demonstratives Misstrauen der Erwachsenen prägten während Monaten ihren Alltag. Sie hatte nie begriffen, was eigentlich geschehen war. Und als sie nach einem Jahr endlich hoffen durfte, dass sich die Wogen geglättet hatten, nutzten ein paar Jungs das Schulfest, um ihr auf der Herrentoilette beizubringen, was ihre wahre Berufung sei. Nachdem man ihr erst eine Flasche Wodka in den Rachen und übers Gesicht geschüttet hatte, wurde sie mit ihrer Strickjacke über dem Kopf geknebelt. Sie hatte weder gesehen, wer noch wie viele es letztlich waren. Sie konnte sich nur noch an ihren Atem erinnern, an den Geruch von Wodka und Knoblauch. Und daran, dass sie sterben wollte, einfach sterben, damit es endlich aufhört.

Die Erinnerung tat höllisch weh, auch nach all den Jahren noch. Spontan ergriff Karolina das leere Glas auf dem Tisch und schaute sich um nach der Wodkaflasche. Aber plötzlich begann sich in ihr eine ungewohnte Kraft zu regen. Was hatte die junge Frau auf dem Friedhof gesagt, als Karolina ihr das Packet übergeben wollte? „Keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“ Ja, verdammt, wie Recht sie hatte! Was hatte ihnen die Frau „Professorin“ nicht schon alles genommen: die Freundschaft und das Vertrauen, den Glauben ans Leben und die Hoffnung in die heilende Kraft der Liebe. Und nun war sie auch noch im Begriff, Karolinas Leben zu zerstören.

„Nein, verdammt, nein, nein, nein!“ hallte ihr Schrei von den Wänden ihres Arbeitszimmers wider. Dann, nach kurzem Zögern, eilte sie zur Tür, riss sie auf und rannte mit ihren bestrumpften Füssen den Gang entlang und über die Treppe hinunter in den Keller. Die Luft im Fitnessraum war feucht und stickig, als sie sich die Jacke ihres Twinsets vom Leib riss und begann, auf den schweren Boxsack einzudreschen. Und nachdem sie sich auch noch ihres Rocks und Pullovers entledigt hatte, waren auch die letzten Fesseln ihrer Gefühle abgelegt. Wild hallten ihre Schreie durch den Raum, während sie mit Fäusten und Füssen ihre ganze Wut herausprügelte: Auf die Professorin, auf ihre Jugendliebe, auf die Jungs von der Herrentoilette, auf ihre Eltern und Lehrer, auf die Nonnen und Priester, die sie nur immer zur Beichte geschickt hatten, … und auf Gott, dem sie das alles zu verdanken hatte.

Der Boxsack war nass, ihre Strumpfhose zerrissen und ihr Oberkörper mit Schweiss bedeckt, als sie sich schliesslich völlig ausgepumpt auf die Matte sinken liess. Ihre Schultern bebten vor Erschöpfung und ihre Brust hob und senkte sich im Rhythmus des keuchenden Atems, während Tränen an den nassen Haarsträhnen entlang über ihre Wangen strömten. Doch ganz allmählich beruhigte sich das Schluchzen. Die Tränen wurden sanfter und die gequälten Muskeln begannen sich langsam zu entspannen, als Karolina sich mit ausgestreckten Armen auf den Rücken drehte. Jede Faser ihres Körpers schien zu schmerzen, und doch hatte sie sich noch nie zuvor so zuhause gefühlt in ihrem Leib. Als sie schliesslich die Augen öffnete, sah sie über sich den Boxsack, der immer noch sanft an dem Haken baumelte, mit dem er am Kreuzpunkt der Deckenbalken aufgehängt war. Unwillkürlich trat ein Schmunzeln auf Karolinas Gesicht, als sie an all ihre Patienten dachte, die sich bereits an diesem geduldigen Opfer ausgetobt hatten: „Mein Gott, für wie viele Gesichter und Fratzen hast du schon hinhalten müssen!

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Es war kurz nach Mitternacht, als er mit dem Wagen in die Einfahrt zur Klinik einbog. Er sah sie schon von weitem. Sie sass im Schein der Laterne auf der Treppe vor dem Haupteingang und wartete auf ihn. Sie war fest eingepackt in ihren Daunenmantel und hatte sich die pelzbesetzte Kapuze tief in die Stirn gezogen. Wortlos nahm er sie in den Arm. Unter dem weichen Mantel konnte er das leise Beben ihrer Schultern spüren. Und einmal mehr wurde ihm bewusst, wie wenig er auch nach 25 Jahren Ehe von seiner Frau wusste. Doch gleichzeitig kannte er sie gut genug, um zu wissen, wann er sie am besten nichts fragen musste. „Ich liebe dich!“, hörte er sie schliesslich flüstern, als sie langsam ihren Kopf von seiner Brust hob und er spürte, wie ihre Lippen zögernd nach seinem Mund tasteten. Sie klang ganz anders, als noch am frühen Abend. Irgendetwas hatte sich verändert. Er hätte nicht sagen können, was es war. Aber er wusste, dass es gut war.

„Bitte, tu mir einen Gefallen. Halte kurz beim Ausgang und wirf das in den Müllcontainer!“ hörte er ihre müde Stimme neben sich, als er den Wagen langsam durch die mondbeschienene Pappelallee vor der Klinik steuerte. Einen Moment lang betrachtete er zögernd das sorgfältig in Packpapier eingewickelte Bündel, bevor er es kopfschüttelnd in die stinkende Tonne warf. Als er zum Wagen zurückkam, schien sie eingeschlafen zu sein. Ihr Gesicht lag im Schatten der Kapuze verborgen und ihr Kopf ruhte entspannt an der Nackenstütze. Doch als er auf die Hauptstrasse eingebogen war und behutsam den Wagen einen Gang hochbeschläunigte, spürte er für einen kurzen Moment ihre behandschuhten Finger auf seinem Handrücken.