Krippenspiel (I)

Lisa zitterte vor Aufregung, als sie leise aus ihrem Zimmer glitt. Angespannt lauschte sie auf die Geräusche im Haus. Sie wusste, dass die Gräfin das Haus verlassen hatte. Sie hatte ihr hinter den Gardinen hervor zugesehen, wie sie eingehüllt in ihr blaues Kaschmir-Cape in ein Taxi gestiegen war. Und doch pochte das Blut in Lisas Schläfen, als sie sich langsam der Tür zum Schlafzimmer ihrer Gastgeberin näherte. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, wie man alle möglichen Schlösser öffnete und instinktiv schlossen sich ihre Finger um das Werkzeug in ihrer Tasche, das sie sich aus dem Keller beschafft hatte. Doch als sie den feinen Schraubenzieher ins Schlüsselloch schieben wollte, glitt die Tür ohne Widerstand auf.

Zwischenablage06Quelle unbekannt

Verblüfft starrte Lisa in das hell erleuchtete Schlafzimmer der Frau, die sie seit Tagen immer wieder von neuem überraschte. Das konnte doch einfach nicht sein. Wie naiv und arglos musste man sein, um sein Zimmer nicht abzuschliessen. Sie wusste doch, wer Lisa war. Der Kommissar musste es ihr doch gesagt haben, als er sie am Morgen vor Heiligabend zu ihr gebracht hatte. Lisa war zwar erst 15, aber sie war die Tochter eines Verbrechers. Und wenn ihr Vater sie in dieser verhängnisvollen Nacht vor dem missglückten Überfall nicht gefesselt und geknebelt in ihrem Zimmer eingesperrt hätte, wäre sie wohl heute auch tot, oder zumindest irgendwo hinter eisernen Gittern.

Fasziniert betrachtete sie, wie die winterliche Sonne durch die weissen Gardinen auf das breite Bett schien. Das helle Holz der Möbel und die schlichte Ordnung erfüllten Lisa mit einem seltsamen Gefühl von Geborgenheit. Langsam trat sie in den Raum. Fast andächtig glitt ihre Hand über den weichen Bettbezug, während ein feiner Hauch von Shampoo und Parfüm ihre Nase umspielte. Dann trat sie an die Kommode und öffnete die oberste Schublade. Doch als ihre Hand wie üblich in die seidene Unterwäsche eintauchen wollte, um nach verborgenem Schmuck zu suchen, hielt sie plötzlich inne. Langsam schob sie die Schublade wieder zu, während sie gebannt die hölzerne Figurengruppe betrachtete, die vor ihr auf der Kommode stand. Da war ein bärtiger Mann, aufrecht, mit einer Laterne in der Hand, und zu seinen Füssen eine Art Futterkrippe mit einem kleinen Kind darin. Und daneben kniete eine Frauengestalt in einem blauen Gewand. Es war der Blick dieser Frau, der Lisa erstarren liess.

Es war der gleiche Blick, mit dem die Gräfin sie angeschaut hatte, vor zwei Tagen, an Heiligabend, als Lisa in einem Anflug von blinder Wut und Verzweiflung das ehemalige Zimmer ihrer Tochter zertrümmert hatte. Und es war der gleiche Blick, mit dem sie gestern Lisas aufgeschlagenes Knie verbunden hat, nachdem diese das neue Fahrrad buchstäblich gegen die Wand gefahren hatte. Lisa hatte Angst vor diesem Blick. Sie konnte ihn nicht einordnen. Niemand hatte sie je so angeschaut. Ihre Mutter hatte sie verächtlich angeschaut, manchmal hasserfüllt, zwischendurch einmal erstaunt. Doch meist hatte sie sie gar nicht angeschaut. Und ihr Vater hatte sie überhaupt nicht angeschaut, bis sich Mutter vor zwei Jahren von der Brücke stürzte. Seither war es vorgekommen, dass er sie mit so etwas wie Stolz anschaute, wenn er sie nicht gerade im Rausch verprügelte oder sich das von ihr holte, was seine Frau ihm schon seit Jahren nicht mehr geben wollte.

Unwillkürlich wandte sich Lisa von der Kommode ab und trat an den kleinen Schreibtisch. Neugierig betrachtete sie die persönlichen Gegenstände der Gräfin. Ihre Füllfeder, ihren Kamm, die Lippenstifte, alles schön geordnet. Ein älteres Foto mit ihr und einem Mann, ein Bild ihrer Tochter aus Afrika, eine Kerze, eine hölzerne Schatulle und ein kleiner, abgenutzter Teddybär, der gegen die Wand gelehnt da sass. Im Rahmen des Spiegels steckte eine Karte mit blauen Vergissmeinnicht. „Liebe Mirjam…“ las sie den verblassten Text auf der Rückseite. Die Karte war vor zwanzig Jahren abgestempelt worden und mit „Dein Sepp“ unterschrieben. Lisa erinnerte sich wieder, dass sich die Gräfin als Mirjam vorgestellt hatte, aber für sie war sie einfach nur die Gräfin.

Plötzlich berührten Lisas Hände das Kaschmir-Twinset, das vor ihr über der Lehne des Stuhles hing. Die Gräfin hatte es an dem Morgen getragen, als Lisa zu ihr gebracht wurde. Lisa zögerte einen Moment. Doch dann zog sie das verschwitztes Gothik T-Shirt aus und schlüpfte in den weichen Pullover. Neugierig betrachtete sie sich im Spiegel. Das edle Top schmiegte sich perfekt an ihren Körper und zum ersten Mal empfand sie so etwas wie Stolz, als ihre Hände über die sanfte Wölbung ihrer Brust glitten. Dann nahm sie die Strickjacke von der Lehne und legte sie sich so um die Schultern, wie sie es bei der Gräfin gesehen hatte. Ungläubig betrachtete sie die Frau vor sich im Spiegel, die sie kaum mehr wiedererkannte. Das Ganze war so unwirklich. Wie im Traum spürte sie das weiche Kaschmir auf ihrer Haut, während sie sich vor dem Spiegel hin und her drehte und betrachtete, wie die losen Ärmel der Strickjacke ihren Körper umspielten. Dann öffnete sie spontan die kleine Schatulle auf dem Tisch. Weiss wie Schnee schimmerten die Perlen im Licht der Sonne, als sie die feine Kette andächtig durch ihre Finger gleiten liess.

„Du siehst einfach hinreissend aus!“

Wie aus dem Nichts ertönte die sanfte Stimme, die Lisa abrupt aus ihrem Traum riss. Sie spürte, wie ihre Beine nachgeben wollten, als sie sich umdrehte und die Gräfin in der Tür stehen sah. Mit gesenktem Blick nahm sie wahr, wie diese langsam auf sie zukam. Sie wollte zurückweichen, aber der Tisch stand im Wege. Gelähmt vor Angst schaute sie zu, wie ein paar schwarz schimmernde Hände unter dem blauen Cape hervorkamen, wie sie aus den eleganten Lederhandschuhen schlüpften und dann sanft die Perlenkette aus Lisas Fingern nahmen. Und als sich die Hände mit der Kette langsam um Lisas Hals legten, wagte sie endlich, den Kopf zu heben. Und da war er wieder, dieser Blick.

„Nein!“, hörte sich Lisa laut schreien, als sie hysterisch nach den Händen der Gräfin fasste und diese heftig zur Seite stiess. Wie Hagelkörner tönte das Klappern der Perlen in ihren Ohren, als diese über Tisch und Stuhl kollerten, während Lisa sich verzweifelt das Twinset vom Leib riss und aus dem Zimmer flüchtete…

Sie wusste nicht, wie lange sie schon so da sass, am Boden neben ihrem Bett, mit dem Rücken gegen die Wand, den Kopf in die Arme vergraben. Plötzlich spürte sie einen feinen Hauch von Parfüm in ihrer Nase. Und dann hörte sie es auch, ein ruhiges Atmen neben sich. Lisa hatte sie nicht kommen hören. Schweigend sassen sie da. Einen Moment lang glaubte Lisa, neben sich leises Weinen zu vernehmen. Dann war es wieder still.

„Ich habe Hunger!“, ertönte plötzlich wie aus dem Nichts die sanfte Stimme der Gräfin. „Ich mache uns etwas zu Essen, Lisa. Magst Du mir helfen?“

Lisas Kehle war wie zugeschnürt. Langsam begannen warme Tränen über ihre Wangen zu laufen, während sie sich fester in das weiche Kaschmir-Cape kuschelte, das die Gräfin ihr um die nackten Schultern gelegt hatte, bevor sie das Zimmer verlassen hat. Nachdenklich schaute sie auf die offene Tür, durch die das ferne Klappern von Geschirr zu ihr drang. Dann, mit einem leisen Kopfschütteln, begann sie sich langsam zu erheben. Und ihre Stimme hatte einen seltsamen Klang, als sie sich mehr hauchen als flüstern hörte:

„Ich hasse dich… Mirjam!“

Advertisements

Verlockender Abgrund

Sie war völlig erschöpft. Und doch hatte sie sich noch nie so lebendig gefühlt. Sie wollte schreien vor Glück. Und doch schien sich in ihr ein schwindelerregender Abgrund aufzutun.

Verl AbgrundQuelle unbekannt

Die Standuhr im Wohnzimmer hatte eben drei Uhr geschlagen. Nachdenklich folgte Johannas Blick den dünnen Lichtstreifen, die der Vollmond durch die Ritzen der Storen auf die Zimmerwand warf. Sie genoss das Gefühl der leichten Decke, die sich sanft über ihren nackten Körper schmiegte. Und sie genoss es, nicht allein zu sein, zum ersten Mal seit Monaten. Wie sehr hatte sie es vermisst, einen warmen Körper neben sich zu spüren, den Geruch von Haut und Haaren. Und wie sehr liebte sie dieses rhythmische Geräusch des Atems, wenn jemand friedlich neben ihr schlief.

Doch an Schlaf war bei Johanna nicht zu denken. Zu viel Adrenalin strömte noch durch ihren ausgelaugten Körper. Und zu lebendig waren die Gefühle und Empfindungen der letzten Stunden. Was war da nur mit ihr geschehen? Nie hätte sie so etwas für möglich gehalten. Diese Intimität, diese Zärtlichkeit, diese unendliche Geduld, diese langsam sich aufbauende, nie gekannte Spannung und Erregung, und dann diese nicht enden wollende Eruption der Leidenschaft, als die beiden Körper in eine kraftvoll pulsierende Einheit zu verschmelzen schienen.

Wie anders war das doch als früher. Sicher, sie hatte ihn geliebt, ihren Ex-Freund. Zwei Jahre lang waren sie verlobt gewesen. Und Johanna hatte sich alle Mühe gegeben. Aber es hatte einfach nie richtig geklappt zwischen ihnen. War es ihre Schuld? Hatte sie sich einfach nicht gehen lassen können? Es war ja nicht so, dass er sich nicht bemüht hätte. Doch wenn er kam, war sie meist noch kalt. Natürlich hatte sie mitgespielt. Und sie war offenbar ganz gut darin. Aber es tat weh, es war anstrengend und es ekelte sie an. Er hatte es wohl nie bemerkt. Und sie hatte sich geschämt, vor ihm, vor sich selber, und vor ihren Eltern, die sich doch von ihrer einzigen Tochter so sehr einen Enkel gewünscht hätten.

Ein Gefühl der Übelkeit machte sich in ihrem Magen breit, als vor Johannas innerem Auge das Bild ihres Vaters auftauchte, sein stolzer, erwartungsvoller Blick, und die traurig vorwurfsvollen Augen ihrer Mutter. Unwillkürlich glitt sie unter der Decke hervor. Einen Moment lang lauschte sie dem regelmässigen Atmen neben sich, bevor sie vorsichtig aus dem Zimmer glitt und leise die Tür hinter sich zuzog. Der Mond schien hell durch die Gardinen des Wohnzimmers und beleuchtete das weisse Ledersofa, den Glastisch mit den leeren Flaschen und Gläsern, und die verstreuten Schuhe und Kleidungsstücke am Boden. Irgendwo auf dem Teppich neben dem Sofa fand Johanna ihre exquisite Kaschmir-Jacke, ein Geschenk ihres Vaters zur erfolgreichen Habilitation. Langsam hob sie sie auf und legte sie sich um die nackten Schultern. Und nachdem sie den Rest aus der Cognac-Flasche in ein Glas geleert hatte, trat sie ans Fenster und zog die Gardine zur Seite. Unter ihr leuchteten die Lichter der Stadt, und über ihr die Kugel des Mondes.

Konnte das wirklich sein? War das wirklich sie? Johannas Gedanken kämpften mit ihren Gefühlen, während der Cognac langsam ihren Magen beruhigte und etwas Wärme durch ihren Körper strömen liess. War das wirklich dieselbe Johanna, die sie kannte, die erfolgreiche Professorin, die ihr Leben und ihre Karriere ebenso fest im Griff hatte wie ihre Gefühle? Noch vor Stunden war sie die Vorzeigefrau der Fakultät, jung, intelligent, attraktiv, und dabei stets korrekt und bescheiden. Und dann dieser Abend, die Abschlussfeier ihrer ersten Doktoranden. Dabei hatte sie doch gar nicht so viel getrunken. Aber vielleicht war das ja gar nicht nötig. Vielleicht war es ja schon immer da. Vielleicht wollte sie es einfach nicht wahrhaben. Der Vorschlag, zu zweit in ihrer Dachwohnung noch etwas zu trinken, kam jedenfalls von ihr. Und sie hatte sich nicht gewehrt, als der Arm sich plötzlich um ihre Hüften legte, und auch nicht, als die Hand langsam unter ihre Bluse glitt. Nein, sie hatte sich nicht gewehrt. Ganz im Gegenteil.

Im ersten Moment schmerzten Johannas Augen, als sie im Bad das Licht anknipste. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben genoss sie die zärtliche Berührung, als sie sich mit einem weichen Tuch frisch machte. Und als sie sich vor den Spiegel stellte, musste sie laut lachen. Ihre Haare sahen einfach schrecklich aus und ihr Makeup war ein einziges Schlachtfeld. Das würde ihrer Mutter gefallen. Mit einem verträumten Lächeln schaute sie zu, wie ihre Hände die kleinen aber noch immer kräftigen Brüste liebkosten, während die weiche Strickjacke langsam von ihren Schultern glitt.

Johanna fühlte sich leicht und frei, als sie sich im Dunkeln wieder auf den Bettrand setzte. Die feinen Lichtstreifen des Mondes waren gewandert und einer davon fiel auf das kleine Nachttischchen neben dem Bett. Da wo früher eine wuchtige Rolex lag, schimmerte nun das helle Weiss einer Perlenkette. Für einen kurzen Moment versuchte sie sich den fassungslosen Blick ihres Vaters vorzustellen. Doch als sich aus der Dunkelheit zwei Hände sanft um ihre Brüste legten und ihren Körper langsam nach hinten zogen, war Johanna bereit, loszulassen und sich in den Abgrund fallen zu lassen.