Liebster Award II

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Herzlichen Dank, liebe San-Day, für die Nominierung und für Deine originellen Fragen, auf die ich Dir hiermit gerne antworte. Wie beim ersten Mal werde ich aber auch jetzt auf das Lostreten einer neuen Lawine verzichten, zumal ich neben meinen gelegentlichen Kurzgeschichten kein wirklicher Blogger bin und daher meist auch nur die BloggerInnen etwas näher kenne, die mich ihrerseits für den Award nominieren.

Hier also mein Beitrag zur Stillung Deiner Neugier:

1. Wenn Du in dieser Minute ein Bild malen solltest, welche Farbe würdest Du wählen und warum?
Die Frage ist schwierig, da ich nie male. Aber da ich mich immer auf die Jahreszeit freue, die gerade ansteht, sehne ich mich zurzeit nach Gold, Gelb und Braun.

2. Du hast die Wahl: Buch, Zeitung, Comic oder Blog. Was wäre heute Deine erste Wahl?
Na was wohl? Würde ich sonst da sitzen und diese Fragen beantworten 🙂

3. Du hast Platz vor Dir auf dem Schreibtisch, welche Pflanze würde bei Dir eine Heimat finden? Orchidee, Brennnessel, Kaktus, Schnittblumenstrauß?
Ich habe seit 13 Jahren eine Orchidee neben mir. Sie ist meine treuste Begleiterin. Ich hatte sie damals nach dem ersten Verblühen vor der Entsorgung gerettet und sie hat es mir mit mindestens einem halben Duzend Blüteperioden gedankt. Unglaublich, woher die ihre Kraft nimmt. Ich gebe ihr dann und wann etwas Wasser, aber sonst nichts… ausser, dass ich gelegentlich mit ihr rede 🙂

4. Wenn Du kochst, wer räumt die Küche auf?
Ich! Ich gehöre zu denen, die immer schon während des Kochens laufend aufräumen.

5. Vor Dir liegen Gegenstände: Teddy, Sichel, Nagel, Konservendose, Wollknäuel, Goldfisch im Glas. Welchen nimmst Du, wenn Du nur einen mitnehmen darfst und warum?
Da hier vor zwei Tagen (Gott sei Dank) der Sommer ziemlich abrupt zu Ende gegangen ist, würde ich im Moment wohl den Wollknäuel wählen. Vielleicht finde ich ja jemand, der mir daraus eine Strickjacke macht 😉

6. Was steht Dir gefühlt näher: Wohnküche oder Dachboden?
Dachboden tönt definitiv mehr nach Abenteuer. Wenn man mal die erste Angst vor Gespenster und Spinnen überwunden hat, laden die Inhalte der alten Kisten, Truhen und Kommoden zu einer Reise in die Vergangenheit ein. Und wer weiss, vielleicht gibt es da ja auch einen Schrank, der uns die Tür in eine neue Welt eröffnet…

7. Wann hast Du das letzte Mal in der Stille gesessen, geschwiegen und außer zu denken nichts getan und wie lange hältst Du so einen Zustand aus?
Grundsätzlich versuche ich das jeden Tag mindestens eine halbe Stunde lang zu machen, wobei ich im Idealfall nicht einmal mehr denke. Etwa so, wie Etty Hillesum es in ihrem Tagebuch beschreibt: „Morgens vor Beginn der Arbeit eine halbe Stunde lang « mich nach innen wenden », horchen nach dem, was in mir ist. « Sich versenken ».“
Wir nenne das auch Meditation 🙂
Bei Gelegenheit mache ich das auch gerne in der Natur, und dort bevorzugt am Wasser (siehe Bild unter „wer“) oder auf einem Berggipfel. Wenn es nach mir gehen würde, könnte ich das ewig so machen… 🙂

8. Du fährst auf der Landstraße mit dem Auto und ein Drängler klebt Dir viele Kilometer an der Stoßstange. Wie reagierst Du?
Das ist vielleicht einer der Gründe, warum ich kaum Auto fahre 😉 Wie auch immer, soweit würde es wohl nie kommen. Ich würde den Drängler bei erster Gelegenheit vorbei lassen.

9. Was zaubert Dir ein Lächeln ins Gesicht?
Menschen, die über sich selber lachen können.

10. Wann habt ihr zuletzt was Wichtiges übersehen? War Euch das peinlich?
Ich übersehe auch im Zeitalter der Smartphone-Agenda regelmässig die Geburtstage meiner Lieben, und das obwohl ich am Morgen noch daran denke. Das Schlimme ist, dass es mir irgendwann nicht einmal mehr wirklich peinlich ist, weil sie es mir immer wieder verzeihen.

11. Welcher Lebensabschnitt ist in Deiner Rückschau Dein liebster?
Eindeutig die letzten 51 Jahre. Jedes einzelne hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Nicht alle waren leicht, und das Resultat lässt weiss Gott auch noch zu wünschen übrig, aber ich hatte schon immer die Tendenz, die Vergangenheit zu verklären. Und wie kann ich selber wirklich unglücklich sein, wenn es Menschen gibt, die mir zu spüren geben, dass sie glücklich sind, dass ich bin und dass ich so bin, wie ich bin?

 

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Im Strudel der Ohnmacht (V, 1999)

„Mon Dieu, ce n’est pas possible ! » Véronique hatte sie sofort wiedererkannt, auch nach zwanzig Jahren. Ihre Hände begannen vor Aufregung zu zittern, als sie das Foto genauer betrachtete: Es zeigte zwei Frauen, beide in grünen Röcken und mintgrünen Stricksets aus den sechziger Jahren. Die Frau im Vordergrund war ihre Mutter, die ihre Strickjacke in ihrer unverkennbaren Art um die Schultern drapiert trug. Doch die Dame im Hintergrund mit dem strengen Blick und der bis oben zugeknöpften Jacke – nein, es gab keinen Zweifel – sie musste es sein. Unwillkürlich traten Tränen in Véroniques Augen. Warum nur hatte ihre Mutter ihr nie dieses Bild ihrer Grossmutter gezeigt?

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Bild von cashmerecentre

Durch das offene Fenster hörte Véronique die Glocke von Sainte Marie de la Miséricorde vier Uhr schlagen, als sie sich langsam hinter dem Schreibtisch ihrer Mutter erhob. Nachdenklich zog sie die zugeknöpfte Strickjacke über ihre Hüften, während sie auf die Dokumente, Briefe und Fotos schaute, die sie sorgfältig auf der Tischplatte ausgelegt hatte. Ein ganzer Monat war vergangen seit der Beerdigung, bis sie endlich den Mut und die Kraft hatte, sich der privaten Hinterlassenschaften ihrer Mutter anzunehmen. Wie sollte sie das alles nur schaffen, jetzt wo sie allein war? Sie hatte sich erschöpft in den letzten Jahren: Die Pflege ihrer krebskranken Mutter, die Leitung des Bistros, die Erziehung des Kleinen, und dann auch noch die zunehmende Depression ihres Mannes. Es wurde einfach alles zu viel für sie.

Erschöpft trat sie ans Fenster und genoss einen Moment lang die milde Frühlingsluft und den sanften Duft des Flieders. Unter ihr im Garten spielte der Kleine mit seinem Vater. Das Lachen der beiden mischte sich in den Gesang der Vögel. Es schien ihr eine Ewigkeit her, dass sie ihren Mann so fröhlich hat lachen hören. Überhaupt musste sie sich eingestehen, dass er sich in den letzten Wochen erstaunlich gehalten hat. Was wäre aus ihr geworden, wenn er sich nicht um die Beerdigung gekümmert hätte? Ein plötzliches Gefühl der Dankbarkeit liess ihre Augen feucht werden, und während sie sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange wischte, machten sich ihre Finger an den obersten Knöpfen der Jacke ihres Twinsets zu schaffen. Sie war gerade im Begriff, auch noch den dritten Knopf zu öffnen, als der Kleine unter ihr über eine Wurzel stolperte. Der mütterliche Instinkt liess sie einen Moment erstarren. Und während sie mit leiser Skepsis zusah, wie der Vater sich rührend um den weinenden Knaben kümmerte, sorgten ihre Hände dafür, dass eine lose Haarsträhne wieder im Knoten hinter ihrem Kopf gebändigt wurde.

Véronique fühlte sich irgendwie ertappt, als ihr Mann lächelnd zu ihr hochsah und sie mit einem fröhlichen Winken beruhigte. Unwillkürlich wandte sie sich wieder dem Schreibtisch zu und als sie sich setzten wollte, bemerkte sie erst die alte, schwarze Strickjacke ihrer Mutter, die über der Lehne des Bürosessels hing. Zögernd griffen ihre Hände danach und pressten die weiche Wolle gegen ihre Brust. Seit sie sich erinnern konnte, gehörte diese Jacke zu ihrer Mutter. Sie musste sie damals in den frühen sechziger Jahren erworben haben, noch bevor sie mit ihrem Verlobten in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. Sie hatte oft Strickjacken getragen, aber diese hier trug sie zu besonderen Gelegenheiten. Sie hatte sie auch an Véroniques achtem Geburtstag getragen, als sie zum ersten Mal mit ihr nach Colleville-sur-Mer auf den amerikanischen Soldatenfriedhof gefahren war. Bei der Erinnerung an diesen Tag schossen Véronique Tränen in die Augen und schluchzend, das Gesicht in die Strickjacke ihrer Mutter vergraben, liess sie sich langsam auf den Sessel sinken.

Sie hatte damals lange gebraucht, um ihre Mutter dazu zu bringen, ihr das Grab ihres Grossvaters zu zeigen. Alle Kinder hatten ihre Familien: Einen Vater, Grosseltern, Onkel und Tanten. Doch Véronique hatte nur ihre Mutter. Ihr Vater sei tot und irgendwo in den USA begraben. Mehr hatte sie nie erfahren. Véronique hatte sehr darunter gelitten und viel geweint. Umso wichtiger war für sie dieses eine Kreuz auf dem riesigen Gräberfeld geworden. Der Name darauf klang fremd, aber es war der Name ihres Grossvaters, ein Name, der ihr eine Geschichte gab. Doch wer war dieser Mann? Und wer war seine Frau, Véroniques Grossmutter? Und warum hatte sich ihre Mutter immer geweigert, über ihre Jahre in den Vereinigten Staaten zu reden?

Véronique war damals oft alleine mit dem Bus nach Colleville-sur-Mer gefahren, um das Grab ihres Grossvaters zu besuchen. Und bei einem dieser Besuche – sie war gerade mal neun Jahre alt – war da diese Frau. Véronique hatte sie von weitem dastehen sehen, eine aufrechte Gestalt in Weiss, die ihr den Rücken zudrehte und in Gedanken versunken aufs Meer hinaus blickte. Und während Véronique langsam näher kam, riss ein kräftiger Windstoss die wehende weisse Strickjacke mit, die sich die Dame elegant um die Schultern drapiert hatte. Ohne sich umzudrehen stand die Frau da und liess den Wind mit ihren offenen Haaren spielen. Als Véronique schliesslich bis auf wenige Meter herangekommen war, hatte sie erstaunt festgestellt, dass sich die weisse Strickjacke genau über das Kreuz ihres Grossvaters gelegt hatte. Zögernd hob sie das edle Stück auf und faltete es sorgfältig zusammen. Das weiche Kaschmir und der feine Duft eines Parfüms erinnerte sie an ihre Mutter. Und auch der erstaunte aber sanfte Ausdruck der Augen, als sich die Dame umdrehte, schien ihr irgendwie vertraut zu sein. Einen Moment lang hatten sie sich wortlos angestarrt. Dann plötzlich beugte sich die Dame zu ihr herunter und Véronique glaubte schon, sie wolle sie umarmen. Doch nach einem kurzen Zögern hatte sie ihr die Strickjacke aus der Hand genommen und war mit einem tränenerstickten „thank you so much, dear!“ zwischen den Gräbern davon geeilt.

Nein, es gab keinen Zweifel: Es war die gleiche Frau wie auf dem Foto. Véronique spürte die wachsende Erregung, als sie die schwarze Jacke weglegte und das Foto vom Tisch nahm. Sie hatte nie mit ihrer Mutter über die Begegnung auf dem Friedhof gesprochen. Als sie damals nach Hause gekommen war, hatte ihre Mutter gerade die erste Diagnose erhalten. Zwanzig Jahre hatten sie gemeinsam gegen den Krebs gekämpft. Véronique hatte ihr alles geopfert: Ihre Kindheit, ihre Unbeschwertheit und ihre Freiheit. Schon als junges Mädchen hatte sie Verantwortung übernommen für das Bistro am Stadtplatz, bei dem ihre Mutter nach der Rückkehr in ihre Heimat wieder eine Arbeit gefunden hatte und das sie ein paar Jahre später von einem entfernten Verwandten übernehmen konnte. Véronique hatte gelernt zu kämpfen, stark zu sein und ihr eigenes Leben hintanzustellen. Das war nicht einfach für sie gewesen, und es wurde noch schwerer für sie, als ihr bewusst zu werden begann, dass sie selber dadurch für ihre Umgebung auch immer schwerer zu ertragen wurde. Sie hatte die lähmende Ohnmacht ihres Mannes gespürt und auch die eigene Ohnmacht angesichts des zunehmenden Trotzes ihres Kindes.

Véronique hatte Mühe sich einzugestehen, dass der Tod ihrer Mutter eine Befreiung für sie war. Alle um sie herum hatten es gespürt. Nur ihr Stolz und ihre Schuldgefühle liessen es nicht zu. Doch als sie nun auf das Bild in ihren Händen starrte, spürte sie es plötzlich: das Gefühl, das sie nie hatte wahrnehmen und zulassen dürfen. Das beunruhigende Gefühl, um dessentwillen sie auch alle anderen Gefühle zu kontrollieren und unterdrücken gelernt hatte: Die Wut auf ihre Mutter. Was hatte sie nicht alles getan für sie! Was hatte sie nicht alles aufgeopfert. Und was hatte sie dafür bekommen? Liebe? Dankbarkeit? Ein eigenes Leben?

Véronique wäre wohl erschrocken über die Heftigkeit ihrer Wut, wenn da nicht gleichzeitig etwas anderes gewesen wäre: Ihre Sehnsucht hatte plötzlich ein Gesicht bekommen. Véronique hatte in dieses Gesicht geschaut, vor zwanzig Jahren. Sie hatte es nie vergessen. Irgendetwas in den Augen dieser Frau war ihr schon damals vertraut vorgekommen. Die Möglichkeit, irgendwo auf dieser Welt noch eine Grossmutter zu haben, liess in Véronique inmitten der Wut und des Schmerzes langsam ein Gefühl freudiger Erregung aufkommen. Und als sie das Bild umdrehte, starrte sie fassungslos auf die Zeilen in der gepflegten Handschrift ihrer Mutter: „Dorothy“ stand da geschrieben, und eine Adresse in den USA.

Véronique war so absorbiert von der unerwarteten Perspektive, dass sie den leisen Luftzug nicht spürte, als sich hinter ihr die Tür öffnete. Im ersten Moment verspannten sich ihre Muskeln, als sich plötzlich von hinten ein paar Hände sanft auf ihre Schultern legten. Mein Gott, wie lange war es her, seit er ihr zum letzten Mal den Nacken massiert hatte! Langsam spürte sie, wie sich die Anspannung zu lösen begann, während sie mit geschlossenen Augen den Kopf an seine Brust lehnte. Erstaunt nahm sie wahr, wie seine Finger plötzlich begannen, die Spangen aus ihrem Haarknoten zu lösen. Ihr zaghafter Versuch eines Protestes wurde durch eine sanfte Hand über ihrem Mund gestoppt, während seine Rechte langsam über ihre Brust nach unten glitt und nach und nach die Knöpfe ihrer Strickjacke öffnete. „Der Junge“, hörte sie sich noch stammeln, als wenig später ihre Lippen nach seinem Mund tasteten und er sie in seinen kräftigen Armen aufhob und nackt zum Bett ihrer Mutter trug. Und während sein Körper langsam zwischen ihre Schenkel glitt, hörte sie durch das offene Fenster das fröhliche Geschrei spielender Kinder im Garten. Und mitten drin das befreite Lachen des Kleinen…

——–

Man hatte die alte Dame im Rollstuhl in den Schatten der grossen Linde geschoben. Sie sei nicht mehr ansprechbar, hatte die Leiterin des Pflegeheimes gesagt. Erst vor drei Monaten habe Lady Dorothy, die hochgeschätzte Gründerin dieses Heimes für Kriegswitwen, einen Schlaganfall erlitten, von dem sie sich nicht mehr erholt hatte. Véroniques Herz pochte vor Aufregung, als sie sich von hinten der gebeugten Gestalt näherte. Reglos sass diese da und nur die Ärmel der dicken Wolljacke, die man ihr um die Schultern gepackt hatte, baumelten leise an der Seite des Rollstuhles im Wind.

Die Augen der alten Frau schienen durch Véronique hindurchzuschauen. Aber es gab keinen Zweifel. Sie war es! Einen Moment lang stand Véronique ratlos da. Was sollte sie bloss sagen? Dann kam es einfach über sie. Langsam beugte sie sich nieder und schloss ihre Arme um die alte Frau. Wortlos sickerten ihre Tränen in die weiche Wolle um deren Schultern, während ein vertrautes Parfum in ihre Nase stieg. Und als sie sich schliesslich wieder aufrichtete, rannen Tränen über die Wangen der alten Dame…

Véronique musste kurz eingenickt sein, als sie plötzlich von einer Bewegung geweckt wurde. Sie sass auf einem Stuhl neben dem Rollstuhl ihrer Grossmutter und hatte sich die Jacke ihres Twinsets bequem um die Schultern drapiert. Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont und langsam wurde es kühl im Schatten. Erst glaubte Véronique, die Hand der alten Dame hätte sich zwischen ihren Fingern gerührt. Aber die sanfte Regung kam von ihrer anderen Hand, die entspannt auf ihrem Bauch lag. Ein neues Leben deutete sich an. Noch nie hatte sich Véronique so ganz und gar lebendig gefühlt wie in diesem Moment. Und als sie den Kopf drehte, waren die Augen der alten Dame geschlossen. Ein tiefer Friede hatte sich über ihr Gesicht gelegt.