Hassende Liebe

Die Frau tat ihr fast etwas leid, als Irina den Strick verknotete, mit dem sie die gefesselten Hände und Füsse ihres Opfers hinter deren Rücken fest zusammengebunden hatte. Es war eine kühle Herbstnacht, und auch die Temperatur im Innern des Wagens dürfte bald sinken, nachdem der Motor nicht mehr lief. Immerhin lag die Besitzerin des BMWs in eine warme Daunenjacke verpackt auf der Rückbank, und ihre eleganten Winterstiefel und Lederhandschuhe würden sie fürs erste vor der Kälte schützen.

Hassende Liebe

„Was wollen sie vom General?“, hörte Irina die Frau fragen, die unwillig an ihren Fesseln zerrte, während die pelzbesetzte Kapuze über ihren Kopf gezogen wurde. Doch anstelle einer Antwort erhielt sie ihr zusammengeballtes Seidentuch in den Mund gestopft. Und nachdem Irina den Knebel mit dem Wollschal ihres Opfers fixiert hatte, musterte sie einen Moment lang prüfend die Augen der wehrlosen Frau, die ihr im fahlen Mondlicht unter dem Pelzbesatz der Kapuze hervor zornig entgegen funkelten. Wortlos nahm sie schliesslich ihre Tasche vom Beifahrersitz und stiess die Wagentür leise zu.

Langsam liess sie die kühle Nachtluft in ihre Lungen strömen, während sie sich vorsichtig umschaute. Doch weit und breit war niemand zu sehen. Der Parkplatz war verlassen bis auf einen Wagen, der am anderen Ende stand. Der Mond war über die Wipfel der Bäume getreten und gelegentlich heulte ein Kautz im Wald. In der Ferne hörte man das leise Rauschen der Stadt. Und nur wer wirklich aufmerksam hinhörte, konnte die dumpfen Geräusche aus dem parkierten BMW hören. Direkt über Irina auf einer kleinen Anhöhe stand die alte Villa mit ihren Türmchen, deren Zinnen sich gegen den Nachthimmel abzeichneten. Es schien fast, als ob hier die Zeit stillgestanden wäre. Drei Fenster im ersten Stock waren beleuchtet. Es waren die Räume des Generals. Und im Erdgeschoss neben dem Eingang brannte noch Licht. Das musste die Pflegekraft sein, die schon seit einigen Minuten auf ihre Ablösung wartete.

Bis hierher war alles gut gegangen. Fast zu gut für Irinas Geschmack. Das Schwierigste war noch gewesen, ungesehen in den Wagen zu kommen. Denn Irina war auch nicht mehr die Jüngste und die Zeiten, wo das Aufbrechen von Autotüren zu ihrem Grundhandwerk gehört hatte, waren längst vorbei. Doch die frühe Dämmerung war ihr zu Hilfe gekommen. Und als die Besitzerin gegen halb acht ihren Wagen bestiegen hatte, um ihre Nachtwache als Krankenschwester in der Villa des Generals anzutreten, war Irina hinter dem Fahrersitz in Position. Die Frau hatte nichts bemerkt, und so hielt sich Irina verborgen, bis sie die Sicherheitskontrolle am Eingang des Grundstückes passiert hatten. Erst als der Wagen auf dem unbeleuchteten Personalparkplatz am Fuss des Hügels angehalten hatte, war sie in Aktion getreten. Und einmal mehr hatte sich die psychologische Wirkung eines schwarzen Schalldämpfers bewährt.

Knapp zehn Minuten waren vergangen, seit sie auf dem Parkplatz angekommen waren. Höchste Zeit, dass sie sich auf den Weg machte. Denn man hatte in der Villa sicher die Lichter des Wagens gesehen. Langsam nahm Irina den Weg den Hügel hinauf in Angriff. Eine ungewohnte Nervosität hatte von ihr Besitz ergriffen und trotz der dicken Strickjacke machte sich ein leises Frösteln in ihr breit. Irgendetwas irritierte sie. Aber sie hätte nicht sagen können, was es war. Natürlich tat ihr die die Frau in dem Wagen leid. Was hatte die unschuldige Pflegekraft mit der Vergangenheit des Generals zu tun? Andererseits, dem schicken Wagen nach zu urteilen, dürfte die Frau für diesen Job auch fürstlich entlohnt werden.

„Hilde, mein Gott, wo bleibst du denn!“ wurde Irina aus ihren Gedanken gerissen, als ihr plötzlich eine dunkle Gestalt auf dem Weg entgegenkam. Instinktiv suchte sie in ihrer Tasche nach dem Griff der Pistole. Die grossgewachsene Frau schien etwas älter zu sein als ihre Kollegin. Ihr fülliger Körper steckte in einem schwarzen Strickkleid über eleganten Lederstiefeln, und um ihre Schultern hatte sie sich einen langen Daunenmantel gelegt. Sie schien in Eile zu sein, da sie offenbar in der Oper erwartet wurde. Die irritierte Skepsis in ihrem Blick war nicht zu übersehen, als sie sich plötzlich einer fremden Frau gegenübersah, die ihr von Hildes Darmgrippe erzählte und sich als deren Ersatz vorstellte. Aber zu Irinas Erleichterung war die gute Frau derart in Eile, dass sie ihr nach kurzem Zögern den Hausschlüssel in die Hand drückte und mit einer kurzen Bemerkung über Morphium und den Gesundheitszustand des Generals ihren Abstieg zum Parkplatz fortsetzte.

Irina atmete erleichtert auf, als sie der Pflegefachfrau zusah, wie sie zu ihrem Wagen ging. Die Dame war gerade im Begriff, in ihrer Handtasche nach dem Wagenschlüssel zu suchen, als sie plötzlich innehielt und zu dem BMW am anderen Ende des Parkplatzes hinüberschaute. Irina konnte förmlich spüren, wie das Adrenalin in ihr Blut schoss, als die Frau sich umdrehte und nach kurzem Zögern entschlossen über den Platz eilte. Verdammt, natürlich, sie hatte den Wagen ihrer Kollegin erkannt! Ohne lange zu überlegen rannte Irina quer über den Rasen nach unten, während die Frau sich bereits zum Fenster des BMWs herunterbeugte. Deutlich konnte sie einen entsetzten Aufschrei hören, während sie endlich den Parkplatz erreichte. „Hände hoch, keine Bewegung!“ rief sie der Frau zu, die im Begriff war, verzweifelt an den Türen des Wagens zu rütteln.

Die Waffe zitterte leicht in Irinas Hand, während sie zögernd auf die Frau zuging. Diese hatte sich umgedreht und ihr rundliches Gesicht leuchtete hell im Schein des Mondes. Langsam glitt der Daunenmantel von ihren Schultern, als sie ruhig ihre Arme hob. Ihre funkelnden Augen schienen Irina zu mustern, während diese fiebrig nach einer Lösung für die unerwarteten Situation suchte. „Sie müssen Irina sein“, hörte sie die Frau plötzlich sagen. Fassungslos schaute sie zu, wie diese langsam auf sie zukam. Vor dreissig Jahren hätte Irina wohl geschossen. Aber heute waren ihre Finger wie gelähmt. Ungläubig starrte sie in die Augen, die sie ruhig fixierten. Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte die Frau ihr die Waffe aus der Hand geschlagen. Agil wie eine Raubkatze warf sich die füllige Gestalt auf Irina, die völlig überrumpelt das Gleichgewicht verlor und in ihre Gegnerin verkrallt auf die Wiese neben dem Parkplatz stürzte.  Verdammt, die Frau war gut! Viel zu gut für eine simple Pflegekraft. Irina brauchte einen Moment, um sich auf die Situation einzustellen und ihre alten Reflexe zu reaktivieren. Keuchend wälzten sich die beiden Frauen auf der Wiese. Und spätestens, als die bestrumpften Beine ihrer Gegnerin begannen, sich gnadenlos um Irinas Hals zusammenzuziehen, war der Moment gekommen, auf ihre alte Trickkiste zurückzugreifen. Dabei kam ihr zu Hilfe, dass die Frau sie offensichtlich unterschätzte. Denn plötzlich war sie es, die nach einer schmerzhaften Wendung unter dem würgenden Griff von Irinas Armen verzweifelt nach Luft japste. Hilflos krallten sich ihre Finger in die Wolle von Irinas Strickjacke, während sie mit den Absätzen ihrer Stiefel so lange den Rasen durchpflügte, bis ihr Körper schliesslich kraftlos in Irinas Armen zusammensackte.

Mein Gott, das war knapp, fuhr es Irina durch den Kopf, als sie sich nach Atem ringend unter der leblosen Masse ihrer Widersacherin hervorkämpfte. Ihr war übel und ihre Muskeln schmerzten nach dem heftigen Kampf. Aber sie hatte keine Zeit zu verlieren. Die Frau konnte jeden Moment wieder zu sich kommen. Kurzentschlossen nahm sie die elegante Handtasche ihres Opfers, die neben ihr im Gras lag, zerrte den Lederriemen ab und fesselte damit ihrer Gegnerin die Hände hinter dem Rücken. Ein Blick in die Handtasche bestätigte ihr schliesslich, was sie schon geahnt hatte: Die Frau war keine normale Pflegefachfrau. Sie gehörte zur Abteilung Personenschutz des Geheimdienstes. Schlagartig wurde Irina auch klar, warum die Frau im BMW vom „General“ gesprochen hatte. Nur absolute Insider kannten diese Bezeichnung.

Verdammt, Irina musste sich beeilen. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ihr bleiben würde. Irgendwann würde sich die Wache zu wundern beginnen, warum die abgelöste Pflegerin nicht weggefahren ist. Und wer immer vor der Oper auf sie wartete, würde früher oder später… Als ob Irina es geahnt hätte, begann auf dem Parkplatz neben dem BMW ein Telefon zu läuten. Das Smartphone befand sich in einer der Taschen des Daunenmantels. Einen Moment lang war Irina versucht, zu antworten. Doch schliesslich nahm sie die SIM-Karte aus dem Gerät und warf beides in die Büsche. Dafür nahm sie kurzerhand den Daunenmantel mit, breitete ihn auf der Wiese aus und rollte den immer noch leblosen Körper seiner Besitzerin darauf. Der edle Mantel war nicht dafür vorgesehen, auch die Arme seiner Trägerin in sich aufzunehmen. Aber mit etwas Mühe war es schliesslich gelungen, den Reissverschluss auch über die Brust hinweg bis zum Hals zu schliessen. Und nachdem Irina feststellen musste, dass ihr Opfer zu schwer war, um bei ihrer Kollegin im Wagen verstaut zu werden, packte sie kurz entschlossen die losen Ärmel des Mantels und schleifte den daunenverpackten Körper über die Wiese in den nahen Wald. Dort setzte sie ihr Opfer mit dem Rücken gegen eine junge Buche, fixierte die Kapuze über ihrem Kopf und verknotete die Mantelärmel fest hinter dem Stamm. Dann zog sie der Frau die Stiefel und die Strumpfhose aus und fesselte damit deren nackte Füsse an einen benachbarten Baum. Was sie sonst noch benötigte, fand sie im Notfallset des Wagens. Und als die hilflose Pflegefachfrau und Geheimdienstmitarbeiterin wenig später begann, in der Dunkelheit des Waldes verzweifelt gegen eine halbe Packung Verbandwatte und mehrere Windungen Medizinal Tape anzustöhnen, war Irina bereits wieder auf dem Weg hinauf zur Villa.

Er hatte sich nicht gerührt, als Irina kurz darauf sein Zimmer betrat. Auch nicht, als sie mit den behandschuhten Fingern seine Hand berührte. Ihr war sofort klar, warum seine Bewachung nur noch aus spezialisierten Pflegekräften bestand: Der General war im Begriff zu sterben.

Eine seltsame Wehmut erfüllte Irina, als sie sich in dem Raum umschaute. Wie viele Stunden hatte sie in diesem Zimmer verbracht? Leidenschaftliche Stunden, wilde Stunden, Stunden voller Glück und Stunden voller Schmerz. Das breite Himmelbett war verschwunden und hatte einem Pflegebett Platz gemacht. Aber ansonsten schien die Zeit an dem Raum vorbeigegangen zu sein. Selbst der Geruch schien ihr vertraut, trotz der Atmosphäre von Desinfektionsmitteln. Das leise Ticken der Wanduhr war das einzige Geräusch neben dem regelmässigen Röcheln des Sterbenden. Es erinnerte sie an endlose nächtliche Stunden, in denen sie schlaflos neben ihm gelegen und mit der Ambivalenz ihren entfesselten Gefühlen gerungen hatte.

Was für eine Macht hatte er auf sie ausgeübt! Und was für eine Macht hatte er auch jetzt noch über sie! Der Hass hatte sie hergebracht. Der Hass war es, der ihr die ganzen Jahre über die Kraft gegeben hatte zu überleben. Seit dreissig Jahren gab es keinen Morgen, an dem sie nicht mit dem quälenden Wunsch aufgewacht war, ihm endlich gegenüberzutreten. Ihn endlich für alles bezahlen zu lassen, was er ihr angetan hatte. Und jetzt hatte sie ihn gefunden. Jetzt stand sie da vor ihm… und fühlte gar nichts. Jedenfalls keine Spur von Hass.

Nachdenklich knöpfte sie ihre Strickjacke auf, zog sie aus und legte sie sich um die Schultern, so wie damals, als sie abends in den bequemen Sesseln vor dem Kamin sassen und dem Knistern des Feuers lauschten. Einer dieser Sessel stand nun neben dem Bett des Generals. Über dessen Lehne hing eine lange, weisse Mohair-Jacke. Die Grösse passte zur Pflegerin im Daunenmantel. Langsam liess sich Irina auf dem Sessel nieder und betrachtete das blasse Gesicht des Generals, der mit geschlossenen Augen dalag. Auf dem Tischchen neben dem Sessel lagen neben einer leeren Teetasse eine Lesebrille, das Libretto von Mozarts Don Giovanni, und ein aufgeschlagenes Buch, aus dem offensichtlich vorgelesen wurde. Automatisch schob Irina das Lesezeichen zur Seite, um die Kapitelüberschrift zu sehen: „Stawrogins Beichte“. Warum nur war sie so wenig überrascht? Es war sein Buch. Er war es, der sie vor dreissig Jahren dazu gebracht hatte, Dostojewskis „Dämonen“ zu lesen. Unwillkürlich zog Irina die Strickjacke enger um ihre Schultern, als ein fröstelnder Schauder sie ergriff.

„Irochka, bist du das?“

Irina stockte der Atem, als ihr der Schreck in die Glieder fuhr. Hatte sie richtig gehört? Seine Augen waren geschlossen und nichts deutete darauf hin, dass er bei Bewusstsein war. War es ihre Anspannung? Hatte sie es sich am Ende nur eingebildet? Niemand hatte sie je Irochka genannt… ausser dem General.

„Ich wusste, dass du kommen würdest.“

Nein, es war keine Einbildung. Deutlich sah sie, wie sich seine blau angelaufenen Lippen bewegten. Unwillkürlich suchte ihre zitternde Hand in der Tasche nach dem Griff der Pistole. Bei ihm war sie auf alles gefasst. Auch noch in diesem Zustand.

„Du bist zu spät gekommen. Deine Kugel wäre eine Erlösung für mich.“

Seine Stimme war kaum zu vernehmen. Doch es reichte, um in Irina einen Sturm der Gefühle auszulösen. Fassungslos starrte sie auf das ausgemergelte Gesicht, das reglos mit geschlossenen Augen an die Decke zu starren schien. Mein Gott, was machte er mit ihr? Dieser Mann war für sie alles gewesen: Vater und Liebhaber, Lehrer und Zerstörer, Förderer und Erniedriger, Gott und Teufel. Irina hatte sich von ihm herausfordern lassen, und sie hatte sich von ihm missbrauchen lassen. Sie hatte ihm alles gegeben. Für ihn hatte sie ihr Land verraten. Er hatte sie zu seiner besten Agentin gemacht. Und dann, von einem Tag auf den anderen, hatte er sie fallen gelassen, verraten und ausgeliefert, ohne Vorwarnung, einfach so, nach einer letzten leidenschaftlichen Nacht in diesem Zimmer. Irina glaubte einen Moment lang, ohnmächtig zu werden, als die Erinnerung sie einholte.

„Was hast du mit Maria gemacht?“

Sie hatte schon glaubt, er hätte wieder das Bewusstsein verloren, als sie nach einer längeren Pause von der Frage abrupt aus ihren Gedanken gerissen wurde. Verwirrt starrte sie in sein gequältes Gesicht und es kam ihr vor, als ob er mit letzter Kraft stockend um Sprache ringen würde:

„Ihr seid euch sehr ähnlich… sie hasst mich auch… sie weiss es nur noch nicht… seit 3 Jahren pflegt sie mich… sie liebt Mozart… Dostojewski… drei Kinder… heute in die Oper mit ihrem jüngsten Sohn… zum ersten Mal… sie hat sich so gefreut… sie erinnert mich… wenn ich dich nicht zerstört hätte… Irochka, ich…“

Irina hatte sich nahe über sein Gesicht gebeugt, um ihn besser verstehen zu können. Langsam liess sie sich zurück in den Sessel fallen, nachdem seine Stimme schon eine Weile verstummt war. Täuschte sie sich, oder wirkten seine Gesichtszüge entspannter? Verzweifelt kämpfte sie gegen die aufkommenden Tränen, während sie den Lederhandschuh auszog und sanft seine leblose Hand ergriff. Sein röchelnder Atem war ruhiger geworden. In immer längeren Abständen hob sich seine Brust unter dem seidenen Pyjama. Und irgendwann erfüllte nur noch das leise Ticken der Wanduhr den Raum.

*******

Der Wachmann hatte sich schon gewundert, warum die Leiterin des Pflegedienstes das Grundstück noch nicht verlassen hatte. Den besorgten Anrufer hatte er damit vertröstet, dass es in der Villa wohl einen Notfall gegeben haben müsse. Entsprechend neugierig trat er aus seinem Häuschen, als kurz nach Mitternacht der Mercedes der Pflegeleiterin vor dem Portal hielt. Er hatte den Mechanismus des Tores schon ausgelöst, als er überrascht feststellte, dass er das Gesicht der Frau am Steuer nicht kannte. Fassungslos wanderte sein Blick von der schwarzen Mündung des Schalldämpfers, der auf seine Brust gerichtet war, zu den Tränen, die im Schein der Strassenlaterne auf den Wangen der Frau funkelten.

„Der General ist gestorben“, hörte er sie sagen. „Und ihre Kollegin brauch ihre Hilfe, im Wäldchen hinter dem Parkplatz. Beeilen sie sich!“ Bevor er reagieren konnte, war die Frau schon losgefahren. Doch bevor der Wagen ein paar Meter weiter in die Hauptstrasse einbog, hörte er sie noch einmal durchs offene Wagenfenster rufen:

„Sagen sie ihr, dass es mir Leid tut… wegen ihrem Sohn!“

 

 

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In der besten Familie

„Du siehst einfach hinreissend aus, Liebes!“

Nein, sah sie nicht! Und ihre Mutter wusste das auch. Der ironische Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Doch Julia war einfach noch zu erschöpft gewesen, um irgendetwas zu erwidern. Ihr Kopf fühlte sich wie betäubt an. Und ihre müden Augen schmerzten, als sie hinter der Glastür im Salon zuschaute, wie ihre Mutter zusammen mit ihrem neuen Liebhaber auf dem Rücken ihrer Pferde im kühlen Dunst des sonnigen Neujahrsmorgens verschwanden. Instinktiv zog Julia die leichte Strickjacke enger um ihre fröstelnden Schultern. Sie mochte diesen Typen nicht.

In der besten Familie
Bild von Cotswoldcollections

Und sie mochte sich selber nicht. Natürlich hatte ihre Mutter wieder einmal recht gehabt. Sie hätte sich nicht derart gehen lassen dürfen, nachts bei der Silvesterparty. Das gehörte sich nicht für eine Frau ihres Standes, und schon gar nicht als Gastgeberin. Doch spätestens nachdem ihre Cousine und deren Freund sie auf der Damentoilette zu einer zweiten Linie Kokain verführt hatten, war es um Julia geschehen gewesen. Vage konnte sie sich noch an einen vorwurfsvollen Blick ihrer Mutter erinnern, irgendwann lange nach Mitternacht, als ihr jemand beim Tanzen ein weiteres Glas Champagner reichte, das sie in einem Zug in sich hineingeschüttet hatte.

Doch das, was Julia wirklich beunruhigte, war das, woran sie sich nicht mehr erinnern konnte. Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens musste der Film gerissen sein. Als sie wieder zu sich gekommen war, drang bereits die Sonne durch die Spalten in ihren Vorhängen. Julia hätte nicht sagen können, wie sie ins Bett gekommen war. Sie war völlig verschwitzt unter dem leichten Seidenduvet aufgewacht, nackt bis auf ihre Unterarme, die noch immer in den langen, schwarzen Satinhandschuhen steckten. Um ihren Hals lag die lange Perlenkette und am schwarz schimmernden Handgelenk funkelte das edle Perlenarmband, das sie von ihrer Grossmutter geerbt hatte. In Julias Kopf hatte es schwindelerregend gepocht und ihr ganzer Körper schmerzte. Als sie sich schliesslich ins Bad geschleppt hatte, um sich zu übergeben, hatte sie unten in der Kloschüssel etwas Schwarzes schwimmen sehen. Fassungslos hatte sie auf ihre zerschnittene Strumpfhose gestarrt, deren Füsslinge fest verknotet waren. Und als sie mit wankenden Knien wieder zurück ins Zimmer getorkelt war, wäre sie fast über das schwarze Cocktailkleid und ihre Schuhe gestolpert, die vor dem Bett auf dem Boden lagen. Direkt daneben hatte sie ihr weisses Höschen gefunden. Doch wie um Himmels Willen kamen die Spuren von ihrem Lippenstift darauf?

Das Ganze war ein einziger Albtraum. Wer würde sie daraus wecken? Verzweifelt lehnte sich Julia mit dem Rücken gegen den grossen Wandspiegel im Salon, während sich ihr leerer Blick an den imposanten Portraits ihrer Vorfahren vorbei in der tapezierten Wand verlor. Nebenan im Wohnzimmer hörte sie Stimmen beim Frühstück: Ihre Cousine und deren Freund, ein Onkel mit seiner Frau, ein Freund der Familie mit seinem Lebenspartner, und Julias Lieblingscousin, mit dem sie gestern stundenlang getanz hatte. Viele ihrer Gäste waren noch gar nicht aufgestanden. Als Julia den Kopf drehte, sah sie draussen im Garten ihre Schwägerin, die Frau ihres älteren Bruders. Sie stand alleine beim Teich, fest eingepackt in ihre Daunenjacke, das Gesicht verborgen unter der pelzbesetzten Kapuze, unter der in regelmässigen Abständen der Rauch ihrer Zigarette hervorquoll. Julia hätte nicht sagen können warum, aber sie hatte Mitleid mit der jungen Frau. Doch das unvermittelte Auftauchen eines dunklen Schattens vor dem Fenster liess Julia vor Schreck erstarren. Der Ehemann ihrer verstorbenen Tante schien ebenso überrascht wie sie, als er Julia hinter der Scheibe entdeckte. Unwillkürlich vergrub er seine behandschuhten Hände in den Manteltaschen, bevor er mit einem verlegenen Schulterzucken weiterging.

Tief durchatmend lehnte Julia ihren Kopf gegen den Spiegel und schloss für einen Moment die Augen. Wer war es gewesen? Von wem stammten die unverkennbaren Spuren auf ihrem Leintuch… und an ihrem Leib? Verdammt, es hätte jeder sein können! Die Ungewissheit raubte Julia den Atem. Wem konnte sie noch ins Gesicht schauen? Wem konnte sie noch vertrauen?

Oder bildete sie sich das alles nur ein? War das nicht alles nur eine hysterische Fantasie von ihr? Ihre Mutter hatte sie doch gewarnt. Und wer würde ihr glauben, wo doch alle gesehen haben, wie hemmungslos sie sich in dieser Nacht amüsiert hatte. Warum nur hatte sie sich überreden lassen, dieses teuflische weisse Pulver zu schnupfen?

Und was ist, wenn sie es selber gewollt hatte? War nicht sie es gewesen, die sich als Mädchen beim Spielen immer mal wieder hatte fesseln und knebeln lassen? War es heute Nacht am Ende auch ihr Spiel gewesen?

Die Welt in und um Julia herum schien plötzlich eisig und kalt zu sein. Sie hatte versucht, sich schön zu machen, und ihre liebsten Kleider angezogen. Aber es half nichts. Alles an ihr fühlte sich schmutzig an, eklig und fremd, als ob es nicht ihr Körper wäre. Die quälenden Fragen und die demütigende Ungewissheit verursachten in ihr einen erstickenden Sumpf aus Ohnmacht, Scham, Schuldgefühlen und Wut. Und über all dem nagte dieser lähmende Schmerz, diese unendliche Einsamkeit. Mit wem sollte sie sprechen? Wer würde ihr glauben? Konnte sie sich selber glauben?

Das Schlagen der alten Standuhr in der Ecke riss sie schliesslich aus ihrer stummen Qual. Wie immer, seit sie ein kleines Mädchen war, lauschte sie wie magisch angezogen den tiefen Gongschlägen, während aus dem Wohnzimmer neue Stimmen und das Klappern von Kaffeetassen zu ihr herüber drangen. Draussen im Garten hatte sich ihr Bruder zu seiner Frau gesellt. Er wirkte ungekämmt und übernächtigt, und Julia war nicht wirklich überrascht zu sehen, wie sich ihre Schwägerin unwillig seiner Umarmung entzog. Im Hintergrund sah sie kurz ihren Lieblingscousin, der in einem roten Trainingsanzug joggend im Wald verschwand, während wie aus weiter Ferne jemand ihren Namen rief. Einen Moment lang war Julias Patentante in der Tür erschienen. Aber die Schwester ihres Vaters wusste wie keine andere, wann sie ihre Nichte in Ruhe zu lassen hatte.

Denn Julia wurde plötzlich wie in Bann gezogen von einem Gesicht, das ihr von der gegenüberliegenden Wand in die Augen zu schauen schien. Sie war schon als Kind fasziniert von diesem Bild, hatte sich aber nie gefragt, warum das Portrait ihres Urgrossvaters in diesem entlegenen Winkel des Salons hing und nicht bei den anderen Stammvätern der Familie in der Eingangshalle und im Wohnzimmer. Eine eigentümliche Kraft ging plötzlich von diesem Gemälde aus. Die aufrechte Gestalt dieses Mannes in dem schlichten dunklen Anzug strahlte natürliches Selbstbewusstsein und Autorität aus. Ein Eindruck, der noch verstärkt wurde durch den pelzbesetzten Mantel, den er elegant um seine Schultern gelegt trug. Im Vergleich zu den anderen portraitierten Herren im Haus, trug er keinerlei Orden und Abzeichen an seinem Gewand.

Plötzlich erinnerte sich Julia, was ihre Patentante ihr vor Jahren einmal über den Urgrossvater erzählt hatte: Als angesehener Grundbesitzer und hochdekorierter Offizier sei er jahrelang in Kriegsgefangenschaft gewesen. Als er zurückgekommen war, hätte man ihn kaum wiedererkannt. Zum Erstaunen aller habe er sofort begonnen, seine Landgüter zu reformieren und sich für die Rechte seiner Untergebenen einzusetzen. Viele hatten ihn damals als Kommunisten verschrien. Und nach und nach hätte sich seine Familie von ihm abgewandt. Selbst seine Frau hätte ihn zwei Jahre nach seiner Rückkehr verlassen, nachdem er nicht aufhören wollte, seine Ansichten öffentlich zu vertreten und gesellschaftliche Missstände klar zu benennen. Die einzige, die es sich nicht hatte nehmen lassen, ihn bis zu seinem Tod immer wieder zu besuchen, war seine Enkelin gewesen, Julias Patentante. Ihrem damaligen Lehrer an der Kunstakademie hatten sie auch dieses Portrait zu verdanken.

Nachdenklich betrachtete Julia das fein geschnittene Gesicht, das ihr aus dem Gemälde entgegenblickte. Da war keine Spur von der überheblichen Eitelkeit, die den anderen Portraits im Haus eigen war. Das Gesicht war gezeichnet vom Leben. Es hatte einen sanften, verletzlichen Zug. Doch die Augen schauten einem klar, direkt und ohne Falschheit entgegen. Und plötzlich glaubte Julia, in ihnen ein strahlendes Funkeln zu erkennen. Unwillkürlich richtete sie sich auf und zog die feine Jacke um ihre Schultern zurecht, während eine seltsame Kraft durch ihre Adern zu strömen schien.

*******

Sie sah hinreissend aus, als sie sich auf Einladung ihrer Mutter erhob, um nach dem Hauptgang des abendlichen Neujahrsessens eine kurze Tischrede zu halten. Sie trug wieder das Kleid mit den schwarzen Handschuhen, das sie schon in der Nacht getragen hatte. Ihre Augen hatten einen seltsam funkelnden Glanz, als sie die dunkle Pelzjacke von ihren nackten Schultern gleiten liess und die versammelten Gäste der Reihe nach musterte. Eine eigentümliche Stille erfüllte den Saal, bevor sich ihre Lippen zu bewegen begannen:

„Ich wurde heute Nacht vergewaltigt… in diesem Haus… von einem Mann an diesem Tisch!“

Julias Patentante verschluckte sich an ihrem Wein. Aber ansonsten hätte die Stille erdrückender nicht sein können. Fassungsloses Staunen und blankes Entsetzen machte sich auf den Gesichtern breit. Und langsam drehten sich die Frauen mit bangem Blick zu ihren Partnern um, während die Männer sichtlich verzweifelt versuchten, den unerwarteten Vorwurf zu verdauen.

Julias Mutter war schliesslich die erste, die sich aufmachte, die Situation zu retten. Ihre Lippen bebten vor Erregung, als sie sich sichtlich um Haltung ringend erhob und mit zitternden Händen und einem gezwungenen Lächeln zu stammeln begann: Das sei doch sicher alles nur ein Scherz. Sie würden ja unsere Julia kennen. Sie hätte beim Feiern etwas über die Stränge gehauen. Es sei auch eine lange Nacht gewesen. Und überhaupt, Julia hätte ja schon damals als Kind solche Phasen gehabt. Sie sei deswegen ja auch schon in Therapie gewesen. Und man wisse ja, dass so etwas… aber mit Medikamenten würde sie sicher…

„Julia hat recht!“

Die Stimme klang ruhig und fest, und doch schlug sie ein wie ein Blitz in die verstörte Gesellschaft. Ungläubig starrte Julia auf ihre Schwägerin, die sich langsam erhoben hatte. Die junge Juristin trug ein biederes rosafarbenes Kaschmir-Twinset mit Perlen. Aber die Weise, wie sie sich die Jacke um die aufrechten Schultern gelegt hatte, verlieh ihr plötzlich die selbstbewusste Ausstrahlung, die Julia immer an ihr vermisst hatte: „Auch ich wurde mit K.O.-Tropfen betäubt und vergewaltigt, an Weihnachten… in diesem Haus… von einem Mann an diesem Tisch!“

„Ich auch… vor drei Monaten… beim 60. Geburtstag eurer lieben Mutter!“, ertönte plötzlich ebenso klar und deutlich die Stimme der Frau von Julias Onkel.

Und als sich auch Julias Cousine mit Tränen in den Augen langsam von ihrem Platz erhob, durchschnitt ein gellender Schrei das beklemmende Schweigen im Raum. Fassungslos wandten sich alle Blicke zu Julias Mutter, die mit zu Fäusten geballten Händen und einem unheimlichen Funkeln in den Augen hinter dem Tisch stand. Und als Julia dem starren Blick ihrer Mutter folgte, sah sie direkt in sein Gesicht. Sie fühlte gar nichts, nicht einmal Überraschung. Wortlos registrierte sie das erkennende Entsetzen in seinen Augen, den hilflosen Versuch eines verlegenen Lächelns, das übergangslos einem flehenden Ausdruck wich, bevor er in panischer Verzweiflung seinen Stuhl umstiess und durch die Glastür in die winterliche Nacht hinaus stürzte.

„Du hast es immer gewusst, Mama, nicht wahr? Du hast es immer gewusst!“

„Wie konnte er mir das antun! Er hatte mir doch fest versprochen…“

 

 

 

Im Strudel der Ohnmacht (I, 1943)

„Um Himmels Willen, Pierre, was soll das? Bitte, sprich mit mir!“ Verzweifelt zerrte Jacqueline an den Stricken, mit denen sie an einen der soliden Holzstühle im Salon ihres Hauses gefesselt worden war.

30b

Eben noch sass die Witwe eines französischen Barons erwartungsfroh auf dem Sofa, wo sie es sich vor dem brennenden Kamin bequem gemacht hatte. Eingehüllt in die Jacke ihres Stricksets und mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern auf dem Tisch hatte sie auf einen Besucher gewartet, als wie aus dem Nichts der beste Freund ihres verstorbenen Gatten mit einer Pistole vor ihr aufgetaucht war. Bevor Jacqueline wusste, wie ihr geschah, hatte Pierre sie am Arm gepackt, zu einem Stuhl gezerrt und rücksichtslos gefesselt. Fassungslos und wie gelähmt vor Schreck schaute sie zu, wie er ihre Strickjacke vom Boden aufhob und sie ihr wieder um die Schultern legte.

„Ich mag es, wie du deine Jacken trägst, liebe Jacqueline. Dein Mann hatte dich nicht zuletzt darum verehrt“, hörte sie ihn sagen, wobei eine wütende Kälte in seiner Stimme lag: „Und offensichtlich ist auch Oberst Müller nicht unempfänglich für deine Form von Eleganz“.

„Um Himmels Willen, Pierre, was erzählst du da! Es ist nichts zwischen Oberst Müller und mir. Du musst mir glauben. Er kommt zu mir, weil er mit uns… nein, warte bitte! Hör mir zu! Ich mgghhhh…!“, versuchte Jacqueline verzweifelt, das Drama aufzuhalten. Doch Pierre war nicht zu Diskussionen aufgelegt und stopfte ihr kurzerhand einen der Ärmel ihrer Strickjacke als Knebel zwischen die Zähne. Tränen der Verzweiflung standen in ihren Augen, während eine weisse Stoffserviette zusammengefaltet und fest um ihren Mund gebunden wurde.

Ungläubig starrte Jacqueline auf die Stricke, die ihren Körper straff an den Stuhl fixierten, während sich die Gedanken und Fragen in ihrem Kopf jagten: Was war nur in Pierre gefahren? Wie sollte sie ihm verständlich machen, dass Oberst Müller auf ihrer Seite stand? Dass er genug hatte von Hitler und seinem Krieg. Dass er seit einigen Wochen versuchte, über sie mit der französischen Résistance Kontakt aufzunehmen. Ihre Beziehung war doch die perfekte Tarnung. Niemand käme auf die Idee, Jacqueline, die Witwe des angesehenen Barons, zu verdächtigen. Aber wie sollte sie das Pierre verständlich machen? Und wie sollte sie Oberst Müller warnen? Die einzige Hoffnung war ihre Haushälterin oder der Gärtner…

„Du brauchst dich nicht umsehen, liebe Jacqueline. Marie wird uns nicht stören, und auch um Clément habe ich mich gekümmert. Er liegt gefesselt und geknebelt im Geräteschuppen“. Wie betäubt vernahm sie Pierres Worte, der sich unterdessen hinter der Tür versteckt hatte. „Es ist alles bereit für ein kleines Tête-à-Tête mit unserem deutschen Freund.“

Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Jacqueline fühlte sich wie in einem Alptraum.  Auf alle möglichen Situationen und Gefahren hatte sie sich in den letzten Wochen eingestellt. Wie oft hatte sie davon geträumt, dass die Gestapo plötzlich vor dem Haus steht? Aber Horst, Oberst Müller, hatte sie immer beruhigt. Seine kräftigen Arme gaben ihr die nötige Sicherheit und Geborgenheit, wenn sie nachts schweissgebadet aufwachte. Er war der erste Mann seit dem Tod ihres Gatten, der es geschafft hat, ihr Herz zu berühren. Er hat ihrem Leben wieder Sinn gegeben, in jeder Beziehung.

Umso tiefer war das Gefühl der Ohnmacht, als Jacqueline nun hilflos zusehen musste, wie sich die Tür zum Salon öffnete und der deutsche Wehrmachtsoberst in die Falle ging. Verzweifelt schrie sie in ihren Knebel, als der Offizier mit dem um die Schultern gelegten Ledermantel den Salon betrat. Doch als der Mann vor ihr stand und sie das Gesicht sah, das ihr unter der Schirmmütze entgegenblickte, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen: Clément, der Gärtner. Fassungslos sah sie zu, wie in dessen Rücken Pierre mit der Pistole in der Hand hinter der Tür hervor trat. Doch gleichzeitig tauchte in der Tür hinter Pierre ein dunkler Schatten auf. Oberst Müller trug Cléments schwarzen Rollkragenpullover und mehr als ein gezielter Schlag gegen den Hals brauchte er nicht, um den völlig überrumpelten Pierre ausser Gefecht zu setzen.

„Mein Gott, Horst, wie bin ich froh!“ atmete Jacqueline erleichtert auf, als ihr Oberst Müller den Knebel aus dem Mund zog. „Es tut mir so leid, aber es ist alles ein schreckliches Missverständnis. Pierre ist einer unserer besten Leute. Er konnte nicht wissen…“

„Wir konnten es auch nicht wissen, meine Liebe, bis jetzt“, hörte sie den Oberst sagen. Und als sie das Lächeln in seinen Augen sah, wurde ihr plötzlich schwindlig. „Du hast uns und euch beiden eben ein paar Stunden Verhör erspart, liebe Jacqueline. Clemens, kümmere dich bitte um Madame und ihren Freund. Sie sind verhaftet wegen Hochverrats!“

„Lasst die Finger von Madame, ihr verdammten Gestapo-Schweine!“

Wie in Trance starrte Jacqueline auf die Gestalt, die plötzlich in der Tür erschienen war: Maries Stimme klang wie ein Peitschenhieb durch den Raum. Kühle Entschlossenheit stand in den Augen der jungen Haushälterin. Ihre schlanken Hände in den schwarzen Lederhandschuhen schienen mit dem schimmernden Stahl der Sten Maschinenpistole zu verschmelzen, die ohne das leiseste Zittern auf Oberst Müller gerichtet war: „Pierre hat es von Anfang an gewusst!“

Und dann sah Jacqueline, wie Maries Finger am Abzug sich langsam zu krümmen begann. Sie wollte schreien, doch ein trockenes, metallenes Klicken kam ihr zuvor.

Ladehemmung.

Einen Moment lang schien die ganze Szene wie eingefroren. Totenstille erfüllte den Raum. Dann begann sich alles um Jacqueline wie in Zeitlupe zu bewegen: Ein höhnisches Grinsen breitete sich langsam über Oberst Müllers Gesicht, während Marie mit einem Ausdruck von Panik auf ihre Maschinenpistole starrte. Verzweifelt begann ihre Hand am Verschluss der Sten zu zerren, während Clément den schweren Offiziersmantel von seinen Schultern warf und seine Waffe aus dem Holster zog. Und wie aus dem Nichts hatte auch Oberst Müller eine Pistole in der Hand. Und während seine Linke den Schlitten nach hinten zog, um durchzuladen, tasteten Pierres Finger vor Jacquelines Füssen benommen nach dem Griffe seiner Pistole, die neben seinem Kopf auf dem Teppich lag.

„Nein!“, hörte sich Jacqueline noch wie aus weiter Ferne schreien, während sich ihr Körper wuchtig gegen die Fesseln stemmte.

Dann wurde alles von einem lauten Knall erstickt…

Unschuldige Kinder (III)

Der sternenklare Himmel sorgte für eine kalte Nacht. Draussen im Park heulte ein Kauz und durch das Kellerfenster fiel das Mondlicht auf die weisse Wäsche, die zum Trocknen auf der Leine hing. Die Heizung hatte schon vor Stunden auf Nachtbetrieb umgeschaltet und die Besitzerin des Hauses, die zwischen Waschmaschine und Wäschekorb auf dem kalten Steinboden lag, hatte es ihrem dicken Pullover zu verdanken, dass sie nicht schon völlig durchgefroren war.

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Bild von cashmerecentre.com

Keine Stunde war vergangen, seit sie in ihrem warmen Bett plötzlich aufgewacht war. Mirjam hatte sofort gespürt, dass etwas nicht stimmte. Schnell war sie in ihre Jeans geschlüpft und hatte sich den roten Kaschmir-Pullover über das seidene Nachthemd gezogen. Kein Geräusch war im Haus zu hören, als sie aus dem Schlafzimmer trat. Leise klopfte sie an die Tür des Gästezimmers, wo sie seit vier Tagen das fremde Mädchen untergebracht hatte, das ihr von ihrem Freund bei der Polizei anvertraut worden war. Das Zimmer war leer. Lisa war weg.

Von plötzlicher Sorge erfüllt eilte Mirjam die Treppe hinunter. Und nachdem sie alle Räume im Erdgeschoss abgesucht hatte, schlüpfte sie barfuss in ihre Stiefel und nahm sich das blaue Kaschmir-Cape von der Garderobe. Sie wollte gerade die Haustür öffnen, als sie unten im Keller Geräusche vernahm. „Lisa, bist du das?“, rief sie, als sie vorsichtig die Kellertreppe hinabstieg. Aber niemand war zu sehen. Nur das Garagentor war halb geöffnet und davor stand ihr Fahrrad an die Wand gelehnt.

Ratlos näherte sich Mirjam dem Tor, um es wieder zu schliessen, als sie plötzlich hinter sich ein Geräusch vernahm. Doch bevor sie sich umdrehen konnte, wurde ihr der Umhang von den Schultern genommen und von hinten um den Kopf gewickelt. Arme packten sie und zerrten sie durch den Raum. Verzweifelt versuchte sie, das Cape von ihrem Kopf zu ziehen, doch ihr rechter Arm wurde nach unten gerissen und schmerzhaft auf den Rücken gedreht. Sie hatte keine Chance und wurde brutal auf den Boden gezwungen, wo sie hilflos zulassen musste, wie ihre Hände hinter dem Rücken mit einer ihrer Strumpfhosen aus dem Wäschekorb gefesselt wurden.

„Um Himmels Willen, wer sind sie? Was wollen sie von uns? Was haben sie mit dem Mädchen gemacht?“ schrie sie verzweifelt unter dem Cape, während sie spürte wie auch ihre Füsse gefesselt wurden. Dann war es plötzlich still und für einen Moment glaubte sie, leises Schluchzen zu hören. „Lisa, mein Kind, mach dir keine Sorgen! Sie werden uns nichts tun!“, versuchte sie so gefasst wie möglich zu sagen, während sie gegen ihre eigene Panik ankämpfte. Dann wurde ihr plötzlich das Cape vom Kopf gezogen. Ungläubig starrte sie in Lisas tränenüberströmtes Gesicht.

„Es tut mir so leid“, hörte sie das Mädchen sagen. Doch bevor Mirjam etwas erwidern konnte, hatte ihr Lisa eines der Höschen vom Wäscheständer in den Mund gepackt. „Ich halte das einfach nicht aus, deine Augen, deine Geduld, einfach alles hier!“, schluchzte sie, während sie Mirjam eine schwarze Strumpfhose über den Kopf zog und die Beine straff um ihren Mund band. „Ich habe kein Recht hier zu sein. Ich bin Abschaum, wie mein Vater und meine Mutter. Bitte, vergiss mich einfach. Ich werde nie mehr jemandem zur Last fallen“.

„Neeiiiiiiin!“ versuchte Mirjam zu schreien, doch mehr als ein gedämpftes Stöhnen drang nicht durch ihren Knebel. In wilder Verzweiflung zerrte sie an ihren Fesseln, während Lisa ihr das iPhone aus der Hosentasche zog, sich das blaue Cape um die Schultern wickelte und dann nach einem letzten, verzweifelten Blick das Licht löschte und die Waschküche verliess. Hilflos musste Mirjam mitanhören, wie nebenan das Garagentor geöffnet wurde und das klappernde Geräusch des Fahrrads sich in der Stille der Nacht verlor.

Langsam begann die Kälte unaufhaltsam durch den dicken Pullover und das schweissnasse Nachthemd in Mirjams Körper zu dringen. Tränen der Verzweiflung sickerten in das feine Nylon über ihrem Gesicht, während sie an ihrem Knebel vorbei nach Luft rang. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren, als sie plötzlich einen Wagen kommen hörte. Und als draussen vor der Garage ihr Name gerufen wurde, begann sie mit aller Kraft, mit den Absätzen ihrer Stiefel gegen das Gehäuse der Waschmaschine zu treten.

„Lisa! Sie will sich etwas antun“, stiess Mirjam keuchend hervor, als ihr Freund Sepp ihr den Knebel aus dem Mund nahm. Der Kommissar hatte von Mirjams iPhone aus eine sms mit einem einzigen Wort bekommen: „Hilfe“. Und als er begriff, dass die Nachricht nicht von seiner Freundin sondern von Lisa abgeschickt worden war, gab er sofort die Ortung des Handys in Auftrag.

„Was ist nur in das Mädchen gefahren? Ich verstehe das nicht. Sie hatte doch endlich begonnen, Vertrauen zu fassen. Wir hatten gestern zusammen gekocht und ich war so glücklich, als sie beim Zubettgehen zum ersten Mal Mirjam zu mir gesagt hat.“ Aufgeregt redete Mirjam vor sich hin, während sie im Wohnzimmer auf und ab ging. Ungeduldig warteten sie auf die Antwort der Polizei. Und gerade als der Teetopf in der Küche zu pfeifen begann, läutete Sepps Telefon: „Scheisse! Die Brücke! Sie ist auf der Brücke!“

Das heulen der Sirene tat Mirjam weh in den Ohren, als der Wagen durch die Nacht raste. Aber was war das schon, wenn sie an das dachte, was sie bei der Brücke erwarten würde? Mit quietschenden Bremsen kam der Wagen neben dem Fahrrad zum Stehen, das am Aufgang zur Brücke am Strassenrand lag. Auf den ersten Blick war niemand zu sehen und auch die dunkle Oberfläche des Sees unter ihnen in der Tiefe schien unberührt. Doch dann erkannten sie mitten auf der Brücke am Fuss des Geländers einen dunklen Fleck. Sepp wollte schon loslaufen, als Mirjam ihn sanft am Arm zurückhielt.

Langsam betrat sie die Brücke. Und als sie näher kam, erkannte sie eine Gestalt, die mit dem Rücken gegen das eiserne Geländer am Boden sass. Es war Lisa, die ihr ängstlich entgegenblickte. Sie hatte ihre Arme um eine kleine Gestalt geschlungen, die sie fest in das blaue Kaschmir-Cape eingewickelt hatte und gegen ihre Brust drückte. „Sie ist noch so klein. Ich konnte sie doch nicht springen lassen“, stammelte sie mit zitternden Lippen, während die Tränen auf ihren Wangen im Licht der Strassenlaterne funkelten.

Mirjam kniete langsam vor ihr nieder und einen Moment lang schaute sie wie gelähmt in Lisas Augen: Unendliche Erleichterung und fassungsloses Unverständnis rangen in ihrer Brust. Schliesslich zog sie ihren warmen Daunenmantel aus, legte ihn um Lisas zitternden Körper und nahm sie fest in die Arme: „Ich bin so stolz auf dich!“.

Dann schlüpfte sie aus dem feinen Lederhandschuh und tastete mit der Hand sanft nach dem kleinen Gesicht, das sich in Lisas Brust vergraben hatte. „Wie heisst du denn, mein Kind?“, fragte sie das kleine Mädchen, das sie aus dunklen Augen ängstlich anschaute.

„Sie spricht kein Deutsch. Ich glaube, sie kommt aus Syrien“, hörte sie Lisas Stimme neben sich, während sie dem Mädchen zärtlich die dunklen Locken aus der Stirn strich. Ein Schmunzeln breitete sich über Mirjams Gesicht, als sich das kleine Mädchen spontan wieder abwandte und sein Gesicht in Lisas Brust vergrub.

„Ich glaube, es wird deine Aufgabe sein, ihren Namen herauszufinden“, sagte Mirjam lächelnd, während sie den beiden Mädchen auf die Beine half und den warmen Mantel enger um Lisas Schultern hüllte.
„Aber pass auf, dass sie dir nicht wegläuft!“

Weihnachtsblues (II)

„Es war ein Mann. Er war maskiert und ist mit unserem BMW geflohen“.
Die Frau des reichen Unternehmers klang erstaunlich gefasst, als ihr der Polizeibeamte die Jacke ihres Twinsets vom Kopf wickelte, mit der sie geknebelt worden war. Der Kommissar, der von seinen Kollegen nur Sepp genannt wurde, war mit seiner Partnerin als erster am Tatort, nachdem der stille Alarm ausgelöst worden war. Sie hatten das Ehepaar mit Klebeband gefesselt auf dem Boden im Salon ihrer Villa gefunden. Sepp hatte eben begonnen, mit seinem Taschenmesser die Fesseln des Unternehmers durchzuschneiden, als das Funkgerät seiner Kollegin sich meldete: Ein Unfall bei der Autobahnzufahrt.

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Bild: Kenneth Branagh als Kurt Wallander

Sepp würde sich wohl nie an solche Bilder gewöhnen. Und je älter er wurde, desto schweren fiel es ihm. Der BMW war total zertrümmert. Er war in der Kurve von der Strasse abgekommen und in einen Brückenpfeiler geprallt. Der Fahrer musste es sehr eilig gehabt haben. Er war nicht angeschnallt. „Der Wagen war uns aufgefallen. Wir wollten ihn kontrollieren. Da hat er die Flucht ergriffen“, gab die sichtlich schockierte Beamtin aus dem Streifenwagen zu Protokoll. Auch Sepp musste gegen die Übelkeit ankämpfen. Rund um den Wagen lagen Geldscheine, Schmuckstücke und einzelne Teile eines Silberbestecks verstreut. Einer der Notfallsanitäter kam auf ihn zu und reichte ihm wortlos die Papiere des Opfers.

„47 Jahre, mehrfach vorbestraft wegen Raubes, Körperverletzung und häuslicher Gewalt. Seine Frau hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen. Er hat eine 15jährige Tochter.“ Wie aus weiter Ferne hörte Sepp neben sich die Stimme seiner Kollegin, während er durch die nächtlichen Strassen fuhr. Wie grotesk sie doch aussahen, diese lächerlichen Weihnachtsbeleuchtungen an den Häusern. Es war jedes Jahr das Gleiche. Je leuchtender der festliche Schmuck, desto hässlicher erschien ihm die Wirklichkeit dahinter.

Es war kurz vor 3 Uhr morgens, als sie vor dem düsteren Plattenbau parkierten, der sich vor ihnen bedrohlich in den Nachthimmel erhob. Eine Gruppe von dunklen Gestalten beobachtete sie, als sie sich dem Eingang näherten. Das Türschloss war kaputt und der Fahrstuhl war alles andere als vertrauenserweckend. Ihre Schritte hallten im dunklen Treppenhaus, als sie an leeren Flaschen und drohenden Graffitis vorbei in den achten Stock stiegen. Die Türklingel funktionierte nicht. Und als sich nach mehrmaligem Klopfen nichts regte, reichte ihm die Kollegin die Schlüssel, die man ihr vom Opfer übergeben hatte.

Der Geruch von kaltem Rauch und abgestandenem Müll kam ihnen entgegen, als sie die kleine Wohnung betraten. Die Beamtin machte sich daran, Wohnzimmer und Bad zu kontrollieren, während Sepp an der verschlossenen Zimmertür lauschte. Deutlich konnte er gedämpfte Geräusche hören, doch als er auf sein Rufen keine Antwort bekam, zog er seine Dienstwaffe und drehte vorsichtig den Schlüssel, der aussen an der Tür steckte. Langsam stiess er die Tür auf und tastete nach dem Lichtschalter. Zum dritten Mal in dieser Nacht krampfte sich sein Magen zusammen, als er das Mädchen auf dem durchgewühlten Bett liegen sah. Sie trug ein formloses, schwarzes T-Shirt mit einem riesigen Totenkopf, einen kurzen Rock, zerrissene Wollstrumpfhosen und schwarze Schnürstiefel. Ihre Hände und Füsse waren mit Stricken gefesselt und hinter ihrem Rücken zusammengebunden worden. Und über das Arafat-Tuch hinweg, das man ihr fest um den Mund gebunden hatte, starrten dem Kommissar zwei zornig funkelnde Augen entgegen.

„Was habt ihr mit meinem Vater gemacht? Ihr verdammten Scheissbullen!“ hatte sie hysterisch geschrien, sobald sie die knebelnden Socken ausgespuckt hatte. Die beiden Beamten hatten alle Mühe gehabt, das verzweifelte Mädchen einigermassen zu bändigen, bis der Arzt ihr schliesslich eine Spritze verabreichen konnte. Nun sass sie im Polizeipräsidium im Nebenzimmer, zusammengesunken auf einem Stuhl, den Blick apathisch auf den Boden gerichtet. Sepps Kollegin hatte ihr eine Jacke um die Schultern gelegt und ihr einen heissen Tee gekocht, den sie aber nicht angerührt hat.

Sepp schaute ihr durch die Glasscheibe aus seinem Büro zu. Es war 7 Uhr in der Früh. Er war erschöpft und wollte eigentlich nur noch schlafen. Die Bilder dieser Nacht drehten quälend in seinem Kopf. Und die Ziffer auf der digitalen Uhr leuchtete ihm gnadenlos entgegen. Heute war es wieder so weit. Heiligabend. Das Fest der Freude. Das Fest der Familien. Dieser alljährlich wiederkehrende Albtraum. Jahrelang hatte er es ausgehalten, dieses Possenspiel rund um die elterliche Krippe. Brav hatte er seine Rolle gespielt im festgelegten Ritual, mit dem sie einmal im Jahr versucht hatten, familiäre Harmonie zu beschwören. Bis heute haben es ihm sein Bruder und seine Schwägerin nicht verziehen, dass er eines Tages das getan hat, was sie nie zu tun gewagt hätten: Weihnachten nicht mit der Familie zu feiern.

Doch der Albtraum hatte ihn nicht losgelassen. Genau 25 Jahre war es her, am Morgen vor Heiligabend, als sie zu einem Fall von häuslicher Gewalt gerufen wurden. Sein Partner hatte versucht, den Mann zu beruhigen, während sich Sepp um die Frau gekümmert hatte. Doch plötzlich hatte der Mann eine Waffe in der Hand. Sepp hatte an diesem Tag seinen besten Freund verloren, und eine liebe Freundin den Vater ihres ungeborenen Kindes.

Langsam suchte sein Blick nach dem Bild, das neben seinem Computer auf dem Schreibtisch stand. Die strahlende junge Frau, die ihm mit einem roten Kreuz auf der Brust aus einer Gruppe afrikanischer Mädchen heraus entgegenlächelte, war damals am Weihnachtstag zur Welt gekommen. Er hatte getan, was er konnte, um sich um sie und ihre Mutter zu kümmern. Aber er konnte ihr den Vater nie ersetzen. Und ihre Mutter hätte das auch gar nicht gewollt.

Nachdenklich schaute der Kommissar hinüber in den anderen Raum, wo das Mädchen immer noch reglos auf dem Stuhl sass. Auch sie würde ohne Vater weiterleben müssen. Was für ein Leben wartete auf sie? Hatte ihr der Mistkerl wirklich einen Gefallen getan, als er sie gewaltsam daran gehindert hatte, mit ihm zu kommen? Sepp erschrak, als er sich bei dem Gedanken ertappte. Dann zog er sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer, die er schon seit Jahren nicht mehr gewählt hatte. Er war schon kurz davor, wieder aufzulegen, als die vertraute Stimme erklang. Wie sehr hatte er sie vermisst! Sie freute sich offensichtlich, dass er an dem tragischen Jubiläum an sie dachte. Aber er hatte in diesem Moment keine Zeit für die Vergangenheit: „Mirjam, ich brauche deine Hilfe!“

Sepp erklärte kurz die Situation und versuchte dabei fieberhaft, die Reaktion seiner Gesprächspartnerin zu erahnen. Sie war genau so ruhig und besonnen, wie er sie seit je her kannte, spätestens seit jenem Tag, als sie ihm mit hochschwangerem Bauch die Tür geöffnet hatte und auf den ersten Blick begriff, warum er gekommen war. Auch jetzt hatte sie die Situation schnell erfasst. Natürlich solle er das Mädchen vorbeibringen. Sie würde das Zimmer ihrer Tochter bereitmachen. „Wie heisst sie denn? … Lisa? Mein Gott ist Fülle! Na wenn das kein Geschenk ist!“

Sepp schüttelte den Kopf, als er das Handy auf den Tisch legte. Die Gräfin, wie er seine Freundin liebevoll zu nennen pflegte, schaffte es immer wieder, ihn zu überraschen. Es gab etwas an ihr, das er nie verstanden hatte. Müde aber erleichtert erhob er sich aus seinem Sessel. Das Mädchen im anderen Raum hatte sich auch erhoben und schaute ihn durch die Scheibe herausfordernd an. Die Wirkung der Spritze hatte nachgelassen und ein trotziges Funkeln war in ihre schwarz geränderten Augen zurückgekehrt. Und einen Moment lang glaubte er, den Totenschädel auf ihrer Brust lachen zu hören:
„Na wenn das kein Geschenk ist!“

Albtraum

Es war kurz vor Mitternacht, als Tracy ihren Wagen in die Tiefgarage ihres Wohnblocks lenkte. Sie kam direkt aus dem Polizei-Hauptquartier, wo sie den Abschied ihres ehemaligen Vorgesetzten feierte. Zehn Jahre hatte sie mit ihm zusammengearbeitet, nachdem sie damals die Spezialeinheit der Army verlassen hatte und zur Polizei übgetreten war. Unter ihm war sie zu einer der führenden Kommissarinnen gereift und hatte manch männlichen Kollegen hinter sich gelassen. Und das hatte sie nicht etwa ihrer Attraktivität zu verdanken. Nein, Tracy war gut. Manche hielten sie gar für sehr gut. Doch in dieser Nacht war sie nicht gut genug.

Zwischenablage10Bild von Cotswoldcollections

Im Nachhinein konnte sie sich zwar erinnern, einen dunklen Kastenwagen wahrgenommen zu haben, den sie in der Garage noch nie gesehen hatte. Aber vielleicht war es das eine Glas Wein zu viel, das ihren natürlichen Instinkt ausser Kraft gesetzt hatte. Denn als sie ihre Handtasche und Strickjacke vom Beifahrersitz nahm und aus dem Wagen stieg, sah sie keinen Anlass zu übermässiger Sorge. Das Klappern ihrer Absätze hallte zwischen den parkierten Fahrzeugen durch die Einstellhalle, während sie sich auf dem Weg zu den Aufzügen die elegante Jacke um die Schultern legte und in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel suchte. Doch plötzlich sah sie, wie neben ihrem Schatten am Boden ein zweiter Schatten auftauchte, völlig lautlos, wie aus dem Nichts. Und bevor sie sich umdrehen konnte, durchzuckte ein Stromschlag ihren ganzen Körper. Alles schien sich um sie zu drehen. Ihre Knie gaben nach und das letzte was sie sah, bevor alles schwarz wurde, war eine dunkle Gestalt, die sie auffing.

Tracys Körper schmerzte, als sie langsam wieder zu sich kam. Vor allem die Stelle am Hals, wo man ihr den Elektroschock versetzt hatte. Der Boden unter ihr war hart, kalt und in steter Bewegung, und als ihr klar wurde, dass das laute Brummen nicht von ihrem Schädel sondern einem Motor kam, wusste sie, dass sie in dem dunklen Kastenwagen lag. Instinktiv versuchte sie sich aufzurichten, aber ihre Arme gehorchten ihr nicht. Angst ergriff sie, als sie realisierte, dass ihre Hände hinter ihrem Rücken mit Handschellen gefesselt waren. Ja mehr noch, ein Strick verband die Kette der Handschellen mit ihren gefesselten Füssen, so dass sie mit ihren Fingern die Absätze ihrer Schuhe berühren konnte. Und als sie ihren Kopf drehen wollte, riss das Klebeband schmerzhaft an ihren Haaren, das man ihr mehrfach um den Kopf gewickelt hatte, um das knebelnde Tuch in ihrem Mund zu fixieren.

Tracy war Profi genug um zu wissen, dass hier jemand ganze Arbeit geleistet hatte. Und nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, versuchte sie fieberhaft, ihre Situation zu analysieren. Der Laderaum wurde durch ein schwaches Licht erleuchtet. Er war sauber und schien leer. Doch als sich Tracy mühsam in ihren Fesseln umdrehte, sah sie plötzlich eine dunkle Gestalt neben sich sitzen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Die Frau trug einen schwarzen Rollkragenpullover, Hosen und Stiefel und ihre Hände steckten in feinen Lederhandschuhen. Um ihren Kopf hatte sie sich ein Tuch gewickelt, so wie Tracy es von den Frauen in Afghanistan kannte. Und aus diesem Tuch heraus schauten ihr zwei Augen entgegen. Grosse, dunkle Augen. Augen, die Tracy schon einmal irgendwo gesehen hatte.

Plötzlich spürte sie, wie das Blut aus ihren Wangen wich. Wie aus dem Nichts wurde er plötzlich Wirklichkeit, ihr schlimmster Albtraum, der sie seit Jahren verfolgte, seit jenem Tag in einem kleinen Dorf im Nirgendwo der afghanischen Berge.

Zwölf Jahre war es her. Tracy gehörte damals zu einer weiblichen Spezialeinheit der US Army, die den Auftrag hatte, sich bei Einsätzen gegen die Taliban um die afghanischen Frauen zu kümmern. Ein Verräter hatte sie damals zu diesem Dorf geführt und es war ihren Kollegen gelungen, in einer Kommandoaktion eine Führungszelle der Taliban auszulöschen. Mehrere Kämpfer wurden festgenommen, darunter auch eine Frau. Tracy und ihre Kolleginnen hatten den Auftrag, die Frauen und Kinder zu beruhigen und wegzubringen. Man hatte ihr dabei die gefangene Talibankämpferin anvertraut und obwohl die Hände der Gefangenen mit Kabelbindern gefesselt waren, musste Tracy ihre ganze Kraft aufwenden, um die Frau zu bändigen, als man ihre Kinder wegbrachte. Nie wird sie das Schreien der verzweifelten Mutter vergessen, das Weinen der kleinen Kinder und den Blick des zwölfjährigen Mädchens, das Tracy aus ihren grossen dunklen Augen schweigend anstarrte.

Kurz danach hatte Tracy ihren Dienst bei der Army quittiert. Immer und immer wieder hatte sie sich in den folgenden Jahres diese Szene durch den Kopf gehen lassen. Aber nein, sie hatte damals richtig gehandelt. Sie hatte getan, was getan werden musste. Die Mutter war eine Kämpferin. Tracy hatte sie selber gesehen, mit der Kalaschnikow in der Hand, wie sie einen ihrer Kollegen angeschossen hatte. Doch alle noch so guten Gründe brachten die Schreie nicht aus ihrem Kopf. Und wenn sie nachts die Augen schloss, tauchten sie immer wieder aus der Finsternis auf, die Augen des Mädchens.

Und nun hatten diese Augen sie also eingeholt, zwölf Jahre später, mitten in den Vereinigten Staaten. Nein, es gab keinen Zweifel. Sie hätte sie aus Tausenden wiedererkannt, selbst im fahlen Licht dieses Laderaumes. Hilflos stöhnte Tracy in ihren Knebel, als sie etwas zu sagen versuchte. Doch als die Frau sah, dass ihr Opfer begriffen hatte, mit wem sie es zu tun hat, nahm sie Tracys Strickjacke und wickelte sie ihr um den Kopf.

Tracy hatte jedes Zeitgefühl verloren, als der Wagen schliesslich stoppte und die Tür zum Laderaum geöffnet wurde. Sie spürte, wie man erst den Strick an ihren Handschellen und dann ihre Fussfesseln löste. Dann wurde sie aus dem Wagen gezogen und auf die Beine gestellt. Ohne etwas sehen zu können, wurde sie über eine Rasenfläche geführt, wobei sie in ihren eleganten Schuhen mit den Absätzen immer wieder strauchelte. Dann hielten sie an und Tracy wurde gezwungen, auf einen hölzernen Schemel zu steigen. Mühsam rang sie um das Gleichgewicht, als ihre Füsse zusammengeschoben und wieder mit einem Strick gefesselt wurden. Und als man ihr schliesslich die Strickjacke vom Kopf zog, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Sie befand sich im Garten ihres Mutterhauses, unter dem grossen Ast der Eiche, an dem ihre Schaukel gehangen hatte, keine zehn Meter entfernt vom Salon, in dem ihre Mutter das Frühstück zu nehmen pflegte. Fassungslos wanderte ihr Blick vom mondbeschienenen Haus zum hölzernen Schemel, auf dem ihre Füsse in den eleganten Schuhen nach Halt suchten. Und dann spürte sie, wie ihr eine Schlinge um den Hals gelegt wurde. In einem Anflug von Panik begann sie, in ihren Knebel zu schreien, während der Strick mit der Schlinge angezogen und am Ast über ihr befestigt wurde.

„Keine Angst, der Stuhl sollte hallten, vorausgesetzt, du machst keine Dummheiten“, hörte sie die Afghanin in nahezu akzentfreiem Englisch sagen, während sie Tracys Strickjacke vom Boden aufhob. Hilflos musste die ehemalige Elitesoldatin zusehen, wie das kleine Mädchen von damals ihr fast zärtlich die Jacke um die Schultern legte und auf dem obersten Knopf schloss. Das kleine Mädchen war gross geworden. Eine Kämpferin wie ihre Mutter. Und ihre Augen, diese dunklen Augen hatten auch im blassen Mondschein nichts von ihrer bannenden Kraft verloren.

„Deine Mutter ist wie meine Mutter eine sehr disziplinierte Frau“, ertönte noch einmal die warme Stimme hinter dem wollenen Tuch, während sich die beiden Frauen ein letztes Mal in die Augen schauten. „In genau fünf Stunden wird sie im Salon den Vorhang aufziehen, um ihr Frühstück zu nehmen. Fünf Jahre habe ich damals auf meine Mutter warten müssen. Was sind da schon fünf Stunden? Also, sei ein tapferes Mädchen! Wir wollen doch Mama nicht unglücklich machen.“

Stunde der Wahrheit

Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Fassungslos starrte Lady Margret auf die Dokumente, die vor ihr ausgebreitet auf dem Schreibtisch lagen. Nein, es gab keinen Zweifel. Die Fakten waren unumstösslich. Ein plötzliches Schwindelgefühl befiel sie und es war ihr, als ob sich die Welt um sie auflösen würde. Eben noch schien sie am Ziel ihrer Träume. Und jetzt das.

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Langsam erhob sie sich, nahm die Kaschmirjacke von der Lehne ihres Sessels, legte sich diese um die Schultern und trat ans Fenster ihres Arbeitszimmers. Grauer Nebel lag über dem herbstlichen Park ihres Landhauses und ein leichter Regen tröpfelte auf das Dach des Wagens ihres Schwiegersohnes, der unter ihr im Hof stand.
Noch gestern herrschte strahlender Sonnenschein. Gestern Nachmittag wurde ihr erstes Enkelkind geboren. Ein Junge. Der Stammhalter, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte, den sie ihrem verstorbenen Gatten versprochen hatte und für den sie so viel geopfert hatte. Was hatte sie nicht alles getan, damit es endlich doch zu einer standesgemässen Hochzeit kam. Wie oft hatte sie ihre Muttergefühle verletzt, als sie gegen den unpassenden Liebhaber ihrer Tochter vorgegangen war. Nie wird sie die Herzensqualen ihrer Tochter vergessen, als diese das Höschen und die Briefe einer anderen bei seinen Sachen fand. Und auch er tat ihr irgendwie leid. Eigentlich hatte sie ihn ja gemocht. Aber es musste sein. In ihren Kreisen hat die Familie Vorrang vor dem Glück des einzelnen.

Und schliesslich gab es da ja auch den Sohn des Grafen. Niemand wusste zwar genau, woher er kam und wer seine Mutter war. Aber er war definitiv eine gute Partie. Gut aussehend, charmant und mit besten Manieren hatte er Lady Margret auf Anhieb überzeugt. Und nach einigem Zureden war es ihr auch gelungen, ihre Tochter von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu überzeugen. Die Hochzeit war ein Traum. Viele Freunde und Bekannte aus den besten Kreisen waren gekommen und Lady Margret hatte nur bereut, dass ihr Gatte das nicht mehr erleben durfte.

Der Schwiegersohn hatte sich schnell in die Familie und in die Leitung der verschiedenen Unternehmen und Landgüter integriert. Er verkehrte in den besten Clubs, spielte leidenschaftlich Golf, fuhr gerne teure Autos und war oft auf Reisen. Dass seine Frau immer verschlossener wurde und öfter unter Übelkeit und Erschöpfung litt, führte Lady Margret selbstverständlich auf die Schwangerschaft zurück. Sie war begeistert von der Aussicht auf Nachwuchs und hatte volles Vertrauen in ihren Schwiegersohn. Und als ihre Geschäftsführerin vor zwei Monaten die Unverschämtheit besass, in Bezug auf ein paar Unregelmässigkeiten seinen Namen zu erwähnen, hatte sie diese noch am selben Tag entlassen. Irgendwie war sie fasziniert von diesem Mann. Er war so ganz anders als ihr verstorbener Gatte, und manchmal, an einsamen Abenden, musste sie sich eingestehen, dass sie sich…

Lady Margret zuckte zusammen, als plötzlich ein dunkler Schatten vor ihrem Fenster vorbeiflog. Instinktiv zog sie die warme Strickjacke enger um ihre Schultern, während sie zuschaute, wie die Krähe sich auf einem Ast in ihrer Nähe niederliess. Und als sie sich umdrehte, stand er plötzlich da, neben ihrem Schreibtisch, mit einem der Dokumente in der Hand. Einen Moment lang schauten sie sich an, schweigend. Nur der Regen war zu hören, der von einer Windböe gegen die Scheibe geweht wurde.

„Du weisst Bescheid!“, hörte sie ihn schliesslich sagen.

„Warum? Warum tust du mir das an?“, hauchte sie mehr als dass sie sagte, während er die Papiere auf den Tisch warf und langsam auf sie zukam. Unwillkürlich wich sie zurück, aber der Fensterrahmen liess ihr nicht viel Raum. Wie gelähmt schaute sie auf die Gestalt vor ihr, die sie um einen guten Kopf überragte. Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie an den Knopfleisten ihrer Strickjacke gepackt, gegen seine Brust gezogen und auf den Mund geküsst. Dann drehe er sie um und während er sie mit der linken Hand am Schreien hinderte, riss er mit der rechten zwei Vorhangkordeln herunter. Verzweifelt nach Halt suchend stolperten ihre Füsse in den eleganten Schuhen über den Teppich, als er sie zu ihrem Schreibtisch schleppte, wo er sie auf den Bürosessel stiess und ihre Hände mit den Kordeln an die Armlehnen fesselte. Fassungslos schaute sie zu, wie er nach einem der Ärmel ihrer Strickjacke griff, die lose von ihren Schultern baumelten. Und als sich ihre Lippen öffneten um zu fragen, was denn nun aus dem Kind werden solle, stopfte er ihr kurzerhand den Jackenärmel in den Mund, wo er die knebelnde Kaschmirpackung mit Hilfe seiner Krawatte fixierte.

Als Lady Margret wenig später hörte, wie der Wagen auf dem Kiesplatz vor dem Haus wendete und davonfuhr, strömten Tränen der Wut und Verzweiflung über ihre Wangen. Nicht weniger als sechs weitere Vorhangkordeln hatte er heruntergerissen, um es ihr auf ihrem Sessel so „bequem“ wie möglich zu machen. Dann hatte sie hilflos zusehen müssen, wie er mit Hilfe ihres Schlüssels auch noch den Wandsafe leerte. Aber all das, die veruntreuten Millionen, der Safe, ja selbst der Verlust ihres Schmuckes, den er sich noch aus ihrem Schlafzimmer geholt hatte, war für sie in diesem Moment unbedeutend. Denn das, was sie im Begriff war zu verlieren, war viel fundamentaler.

Kaum wagte sie, ihren Kopf zu heben und durch die Tränen hindurch auf das Bild ihres Gatten zu schauen, das vor ihr auf dem Arbeitstisch stand. Und wenn sie früher in seinem strengen Mund den Anflug eines stolzen Lächelns zu erkennen glaubte, sah sie jetzt in seinen Augen nur Vorwurf und Enttäuschung. Und gleich daneben, etwas kleiner und nach hinten versetzt, stand das Bild ihrer Eltern. Ihr Vater lächelte. Aber sie hatte dieses Lachen schon immer gehasst, seit er damals bei einem Reitunfall ums Leben kam. Warum musste er um jeden Preis auf dieses Pferd steigen? Warum hatte er sie verlassen, damals, als sie ihn so sehr gebraucht hätte. Denn der Blick ihrer Mutter war damals schon traurig. Sie war einfach nicht geschaffen für diese Welt, viel zu sensibel und unfähig, ihre Gefühle zu beherrschen. Seit drei Jahren war sie in der Klinik. Alzheimer. Und seit ein paar Wochen kam es vor, dass sie ihre Tochter nicht mehr erkannte.

Das Prasseln des Regens gegen die Fensterscheiben war heftiger geworden, während Lady Margret regungslos auf ihrem Sessel sass und ins Leere starrte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie so etwas wie Mitleid mit ihrer Mutter. Wie sehr hätte sie sich in diesem Moment gewünscht, einfach nur vergessen zu können. Doch da war noch das dritte Bild auf ihrem Schreibtisch: Ihre Tochter im Arm ihres Schwiegersohnes. Auf einmal sah sie hinter dem aufgesetzten Lächeln die Leere und Traurigkeit, die sie einfach nicht wahrhaben wollte. Und plötzlich glaubte sie in den Augen ihrer Tochter den flehenden Hilferuf zu erkennen. Es waren die selben grossen, blauen Augen, mit denen ihr Enkel sie gestern zum ersten Mal angeschaut hatte.

Das wütende Knarren des ledernen Bürosessels mischte sich in das Geräusch des Herbststurmes, der mittlerweile an den Fensterläden rüttelte, als Lady Margret verzweifelt begann, an ihren Fesseln zu zerren. Vergeblich versuchte sie, mit ihrer Hand an die Schere auf dem Schreibtisch zu kommen. Und als sie nach dem Telefonkabel griff, um den Apparat zu sich herüberzuziehen, musste sie frustriert feststellen, dass es durchgeschnitten war. Immerhin schaffte sie es mit der Zeit, den knebelnden Jackenärmel so weit aus dem Mund zu stossen, dass sie um Hilfe rufen konnte. Ihre Haushälterin befand sich zu diesem Zeitpunkt unten im Salon. Aber eine Hand voll Vorhangkordeln, ein Taschentuch und eine Stoffserviette hinderten die treue Dienerin daran, dem Ruf ihrer Herrin Folge zu leisten.