Mimesis II (T wie Twinset)

„Ich liebe dich!“, hörte sie hinter sich die schläfrige Stimme ihres Freundes, während sie in der Morgendämmerung auf der Bettkannte sass und vorsichtig die feine Strumpfhose über ihre Beine zog. Schmunzelnd drehte sie sich um und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, bevor sie ihre Hose und das Kaschmir-Twinset vom Stuhl nahm und leise aus dem Zimmer schlich. „Viel Glück!“, hörte sie ihn noch sagen, als sie die Tür hinter sich zuzog.

Twinset Peterhahn
Bild von Peterhahn (Modell nicht mehr im Sortiment)

Doch Glück war es nicht, was Amanda an diesem Morgen brauchte. Glück hatte sie weiss Gott genug. Wenn sie etwas brauchte, dann vielleicht ein wenig Mut. Selten hatte sie sich so entspannt lächeln sehen, wenn sie vor dem Spiegel im Bad ihr Make-up auftrug. Und eine feine Gänsehaut überzog ihre Arme, als sie den weichen Pullover des Twinsets über ihren Kopf zog. Das edle Stück passte perfekt und schmiegte sich sanft über ihre Brust. Amanda konnte ihr Glück kaum fassen, als sie in die elegante Strickjacke schlüpfte. Nie hätte sie es gewagt, sich selber ein so exquisites Teil zu kaufen, geschweige denn, es auch in der Öffentlichkeit zu tragen.

Es sei ihr zu klein geworden, hatte ihre Tante gesagt, als sie Amanda gestern dieses blaue Twinset schenkte. Das kam ihr zwar seltsam vor, zumal die Schwester ihrer Mutter auch mit über fünfzig immer noch eine blendende Figur hatte. Und Amanda konnte sich nicht erinnert, sie je in diesem Twinset gesehen zu haben. Aber was solls, für sie ging ein Traum in Erfüllung.

Seit sie ein kleines Mädchen war, hatte sie ihre Tante bewundert. Diese hatte nach dem frühen Tod ihres Gatten die Leitung von dessen Firma übernommen. In der Familie wunderte man sich, dass sie nie mehr geheiratet hatte. Manche hielten sie für spröde und verklemmt, andere für stolz und arrogant. Doch Amanda hatte ihre Tante mehr als einmal weinen sehen, wenn sie eingehüllt in eine ihrer Strickjacken neben ihr auf dem Sofa sass und beim Knistern des Kaminfeuers ihren Erinnerungen lauschte. Nein, ihre Tante war weder spröde noch arrogant. Aber sie war bei aller Verletzlichkeit eine starke und eigenständige Frau. Und Amanda kannte niemanden, der Strickjacken und klassische Twinsets in so eleganter und souveräner Weise zu tragen wusste wie sie.

Eine seltene Ausnahme bildete ihre Englischlehrerin im Gymnasium. Die gebürtige Schottin war streng und anspruchsvoll. Doch Amanda liebte es, ihr zuzusehen, wie sie während der Prüfungen mit kritischem Blick durch die Bankreihen schritt, die Jacke ihres Twinsets elegant um die Schultern drapiert. Amanda verdankte ihr ein nahezu perfektes Englisch. Doch die Lehrerin und ihr Stil waren bei den Mitschülerinnen und Jungs derart verhasst und verpönt, dass es Amanda seither nicht mehr wagte, auch nur daran zu denken, je einmal ihrem Vorbild nachzueifern.

Das änderte sich auch nicht, als sie Jennifer kennenlernte. Die junge Frau, die mit ihr zusammen die Banklehre absolviert hatte, war so ganz anders als die anderen Mädchen. Sie war schön und intelligent, aber nicht wenige hielten sie für verklemmt und arrogant. Doch Amanda spürte intuitiv ihre Sensibilität und Verletztlichkeit. Vielleicht lag es daran, dass Jenny sie so sehr an ihre Tante erinnerte. Sie war die einzige, die den Mut hatte, sich dem ungeschrieben Kleiderdiktat der Bankenwelt zu wiedersetzen und statt im massgeschneiderten Kostüm in einem klassischen Twinset zur Arbeit zu erscheinen. Amanda mochte Jennifer, und je mehr die anderen über Jennys Stil lästerten, desto mehr bewunderte sie ihre Kollegin.

Das änderte sich auch dann nicht, als der neue Abteilungsleiter auftauchte. Jennifer hatte zwar spontan behauptet, dass er nicht ihr Typ sei. Aber gleichzeitig begann sie, sich seltsam zu benehmen, und Amanda war überzeugt, dass ihre Kollegin sich selber etwas vormachte. Der Neue war tatsächlich ziemlich attraktiv, charmant und für einen Mann erstaunlich einfühlsam. Und Amanda war sich sicher, dass er gut zu Jenny passen würde. Doch je mehr sie versuchte, die Aufmerksamkeit ihrer Kollegin auf ihn zu lenken, desto mehr schien sich diese von ihr zurückzuziehen.

Als Amanda nicht mehr weiter wusste, erzählte sie ihrer Tante davon. Ob sie je mit Jenny gesprochen hätte, wollte diese wissen. „Weiss sie, wie gern du sie hast?“. Dann verschwand sie in ihrem Schlafzimmer und holte das blaue Kaschmir-Twinset. „Es wird Zeit, dass du erwachsen wirst und den Mut hast, zu dir selber zu stehen!“ hörte Amanda sie sagen, als sie sich zum Abschied fest umarmten.

„Ja, höchste Zeit“, sagte sie zu sich selber, als sie sich an diesem Morgen auf der Damentoilette der Betriebskantine im Spiegel betrachtete. Und spätestens seit ihr Freund gestern Nacht früher von der Spätschicht nach Hause gekommen war und sie beim Anprobieren des Twinsets ertappt hatte, hatte sie auch den nötigen Mut. Noch immer glaubte sie, seine leidenschaftlichen Hände an ihrem Körper zu spüren, als sie aus der Jacke des Twinsets schlüpfte und sich diese elegant um die Schultern legte. Schmunzelnd betrachtete sie im Spiegel, wie die losen Ärmel ihre Hüften umspielten und erfolgreich davon ablenkten, dass sie schon seit vier Wochen nicht mehr joggen war. Schliesslich öffnete sie ihre Handtasche und entnahm ihr die feine Perlenkette, die sie von ihrer Oma geerbt hatte. Der Zeitpunkt war gekommen, um alle Register zu ziehen.

Amanda fühlte sich stark und bereit, als sie vor dem Fahrstuhl wartete, der sie in ihr Büro im dreissigsten Stock des imposanten Bankenturmes bringen sollte. Doch als sich die Tür öffnete, glaubte sie einen Moment lang zu träumen. Ungläubig starrte sie auf ihr eigenes, wohlbekannte Spiegelbild: Dezente Schuhe, ein massgeschneidertes, graues Etuikleid, feine Lederhandschuhe und einen perfekt geschnittenen Gehrock elegant um die aufrechten Schultern drapiert. Und über all dem ein Gesicht, das sie genau so fassungslos anstarrte, wie sie sich selber fühlte.

Amanda brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer da Schulter an Schulter neben ihr stand, als sich die Tür des Fahrstuhls wieder schloss. Wortlos starrten die beiden Frauen vor sich hin, während die Digitalanzeige die Stockwerke durchzählte. Was für ein fabelhaftes Outfit, fuhr es Amanda durch den Kopf. Jenny muss ein Vermögen dafür ausgegeben haben. Dabei hatte sie sich noch vor kurzem lustig gemacht über diesen „Bankentussi-Look“, wie sie es zu nennen pflegte.

Amanda war völlig verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte, als sich die Tür zur 12. Etage öffnete und eine Bekannte aus der Werbeabteilung den Fahrstuhl betrat. „Amanda, das ist gut, dass ich dich treffen, ich wollte…“, wandte sie sich an Jennifer. „Oh, sorry, ich…“. Die Erleichterung war der Frau anzusehen, als sie zwei Etagen später wieder aussteigen konnte. Dafür schaffte es Jennifer gerade noch, die zugleitende Tür zu stoppen, als sie einen Kollegen aus der Buchhaltung heraneilen sah. Amanda glaubte zu wissen, dass der sympatische junge Mann insgeheim ein Auge auf Jennifer geworfen hatte. Umso mehr war sie überrascht, als dieser sich nach einem flüchtigen Dank an Jenny sichtlich nervös an sie wandte: „Ich weiss, du hast sicher schon andere Pläne. Aber vielleicht… ich meine… Jennifer, würdest du mich auf den Firmenball begleite?“ Nie wird Amanda vergessen, wie das Blut in die Wangen des jungen Mannes schoss, als sein Blick fassungslos von ihr zu Jenny wanderte.

„He, spinnst du!“ rief ihm die Praktikantin hinterher, nachdem er sie beim Verlassen des Fahrstuhles fast über den Haufen gerannt hatte. Kopfschüttelnd betrat sie den Lift und begann in einer Gratiszeitung zu lesen, während sich die Tür zu Etage 15 wieder schloss. Amanda versuchte unterdessen verzweifelt, ihre Fassung zu bewahren. Nervös zog sie die Jacke des Twinsets über ihren Schultern zurecht, während ihr Blick über die Schulter der Praktikantin hinweg von einer fetten, roten Schlagzeile angezogen wurde: Der beliebte Moderator einer Late Night Show hat in der Nacht vor laufender Kamera sein Coming-Out gemacht. Und mehr noch, er hat auch gleich seinen Partner vorgestellt, einen attraktiven, aufstrebenden Jung-Banker. Ungläubig starrte Amanda auf das Bild der beiden Männer, die ihr strahlend entgegenschauten. Leise zischte der Atem durch ihre Zähne, während sie aus dem Augenwinkel sah, wie Jennys Hand plötzlich nach dem Handlauf suchte.

Amanda könnte nicht mehr sagen, auf welcher Etage die Praktikantin ausgestiegen war. Aber auf der Anzeige stand die 27, als sie und Jennifer langsam ihre Köpfe drehten. Einen Moment lang starrten sie sich ausdruckslos an. „Erwachsen werde, na super!“, schoss es Amanda durch den Kopf, während Jennifer so aussah, als ob sie nicht wusste, ob sie heulen oder lachen sollte. Dann begannen Amandas Mundwinkel zu zucken. Erst nur ganz leicht, dann immer heftiger. Und als auch die Muskeln in Jennys Gesicht sich unaufhaltsam zu regen begannen, fasste Amanda Mut und tat das, was sie schon immer gerne getan hätte…

 

Ein Beitrag zu Kleider machen Leute – von A-Z vom Wortmischer

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Mimesis I (G wie Gehrock)

„Awkward“ war das Wort, das sie gesucht hatte, seit sie sich nach der morgendlichen Dusche angekleidet hatte. Denn genau so fühlte sich Jennifer in ihrem neuen Etuikleid: awkward. Der Stoff spannte über ihren Hüften, als sie in der Tiefgarage aus dem Wagen stieg und sich den ebenso neuen Gehrock elegant um die Schultern legte. Sie werde sich daran gewöhnen, hatte ihr die Verkäuferin gesagt. Das sei normal und das Kleid sitze einfach perfekt.

madeleine gehrock
Bild von Madeleine Damenmode

Jennifer wollte das gerne glauben, auch wenn das edle Stück sie immer wieder an ihre Problemzone erinnerte. Das Modegeschäft gehörte schliesslich zu den besten Adressen und sie hatte dafür ein Vermögen ausgegeben. Doch irgendwie fühlte sich das Ganze fremd an. War das wirklich sie? Was werden ihre Leute auf der Abteilung sagen? Und vor allem: Wie wird er reagieren?

Erstaunt stellte sie fest, dass ihre Hand in dem eleganten Lederhandschuh vor Aufregung zitterte, als sie den Finger nach dem Fahrstuhlknopf ausstreckte. Seit Wochen schlug ihr Puls höher, wenn sie den Lift betrat, um die lange Reise in ihr Büro im dreissigsten Stock des imposanten Bankenturms anzutreten. Dabei hatte sie diesen Typen eigentlich eher uninteressant gefunden, als er vor zwei Monaten das Büro des Abteilungsleiters bezogen hatte. Sicher, der Mann war gut. Er war kompetent und intelligent, einfühlsam und charmant, und irgendwie auch attraktiv, jedenfalls in den Augen ihrer Kolleginnen. Aber Jennifers spontane Reaktion war klar: Nicht mein Typ!

Doch diese erste Einschätzung hatte sie längst aus ihrem Bewusstsein verdrängt, als sie an diesem Morgen den leeren Fahrstuhl betrat und sich im grossen Spiegel an der Rückwand betrachtete. Auch wenn es sich ungewohnt anfühlte, das, was Jennifer sah, gefiel ihr. Der massgeschneiderte Gehrock lag perfekt über ihren Schultern und das Etuikleid kam noch besser zur Geltung als im kleinen Spiegel bei ihr zu Hause. Automatisch schlüpfte ihre Rechte aus dem Handschuh, um die Haare über ihren Schultern zu richten. Und plötzlich war ihr Unbehagen verschwunden. Plötzlich fühlte sich Jennifer stark. Nein, sie brauchte sich nicht zu verstecken. Schon gar nicht vor dieser Ziege.

Die Ziege hiess Amanda und teilte das Büro mit Jennifer. Die beiden hatten die Ausbildung gemeinsam durchlaufen und manche hielten sie für Schwestern. Aber nichts war Jennifer ferner als diese Vorstellung. Die Ziege repräsentierte für sie all das, was sie nie sein wollte: eine typische Bankentussi, fleissig, dienstbereit, und immer korrekt gekleidet im schicken Etuikleid mit passendem Gehrock oder im perfekt geschnittenen Zweiteiler mit weisser Bluse. Jennifer konnte es kaum ertragen, wenn die Ziege am Morgen das Büro betrat, ihre eleganten Handschuhe von den Fingern zupfte, um dann vor dem Spiegel ihre Haare zu richten. Und wenn sie dann hinter ihrem Computer sass, die Blazerjacke elegant um die Schultern drapiert, und begeistert davon erzählte, wie nett und aufmerksam der Chef doch gestern wieder gewesen sei, hätte Jennifer sie auf den Mond schiessen können. Für wen hielt sie sich eigentlich, diese Ziege. Glaubte sie wirklich…, wo doch jeder sehen konnte, dass sie ein zwei Kilo zu viel auf den Hüften hatte.

Das Bremsen des Fahrstuhles riss Jennifer aus ihren Gedanken und als sich die Tür zur 5. Etage öffnete, glaubte sie einen Moment lang zu träumen. Ungläubig starrte sie auf ihr eigenes, wohlbekannte Spiegelbild: Dezente Schuhe, eine schlichte, graue Stoffhose und ein klassisches blaues Twinset mit einem Strang weisser Perlen um den Hals, die Strickjacke im Stil von Grace Kelly elegant um die aufrechten Schultern drapiert. Und über all dem ein Gesicht, das sie genau so fassungslos anstarrte, wie sie sich selber fühlte.

Jennifer brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer da Schulter an Schulter neben ihr stand, als sich die Tür des Fahrstuhls wieder schloss. Wortlos starrten die beiden Frauen vor sich hin, während die Digitalanzeige die Stockwerke durchzählte. Das ist ein echtes Kaschmir-Twinset, fuhr es Jennifer durch den Kopf. Die Ziege muss ein Vermögen dafür ausgegeben haben. Dabei hatte sie sich noch vor kurzem über Jennys Vorliebe für klassische Twinsets lustig gemacht, ihren „Old-Lady-Style“, wie sie es zu nennen pflegte.

Jennifer war völlig verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte, als sich die Tür zur 12. Etage öffnete und eine Dame aus der Werbeabteilung den Fahrstuhl betrat. „Amanda, das ist gut, dass ich dich treffen, ich wollte…“, wandte sie sich an Jennifer. „Oh, sorry, ich…“. Die Erleichterung war der Frau anzusehen, als sie zwei Etagen später wieder aussteigen konnte. Dafür schaffte es Jennifer gerade noch, die zugleitende Tür zu stoppen, als sie ihren Kollegen aus der Buchhaltung heraneilen sah. Sie hatte vor einiger Zeit insgeheim geschwärmt für den sympatischen jungen Mann. Und so gab es ihr einen leisen Stich, als er sich nach einem flüchtigen Dank sichtlich nervös der Ziege zuwandte: „Ich weiss, du hast sicher schon andere Pläne. Aber vielleicht… ich meine… Jennifer, würdest du mich auf den Firmenball begleite?“. Nie wird sie vergessen, wie das Blut in die Wangen des jungen Mannes schoss, als sein Blick fassungslos von Amanda zu ihr wanderte.

„He, spinnst du!“ rief ihm die Praktikantin hinterher, nachdem er sie beim Verlassen des Fahrstuhles fast über den Haufen gerannt hatte. Kopfschüttelnd betrat sie den Lift und begann in einer Gratiszeitung zu lesen, während sich die Tür zu Etage 15 wieder schloss. Jennifer versuchte unterdessen verzweifelt, ihre Fassung zu bewahren. Ihre behandschuhten Hände suchten Halt am Kragen ihres Gehrockes, während ihr Blick über die Schulter der Praktikantin hinweg von einer fetten, roten Schlagzeile angezogen wurde: Der beliebte Moderator einer Late Night Show hat in der Nacht vor laufender Kamera sein Coming-Out gemacht. Und mehr noch, er hat auch gleich seinen Partner vorgestellt, einen attraktiven, aufstrebenden Jung-Banker. Ungläubig starrte Jennifer auf das Bild der beiden Männer, die ihr strahlend entgegenschauten. Und plötzlich spürte sie, wie ihre Beine nachzugeben drohten, während neben ihr leise ein zischendes Ausatmen zu vernehmen war.

Jennifer könnte nicht mehr sagen, auf welcher Etage die Praktikantin ausgestiegen war. Aber auf der Anzeige stand die 27, als sie und Amanda langsam ihre Köpfe drehten. Einen Moment lang starrten sie sich ausdruckslos an. Awkward, schoss es Jennifer durch den Kopf, während Amandas Finger verlegen mit den Perlen um ihren Hals spielten. Dann begannen Amandas Mundwinkel zu zucken. Erst nur ganz leicht, dann immer heftiger. Und unaufhaltsam, ob sie es nun wollte oder nicht, begannen sich auch die Muskeln in Jennys Gesicht zu regen…

 

Ein Beitrag zu Kleider machen Leute – von A-Z

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Unschuldige Kinder (III)

Der sternenklare Himmel sorgte für eine kalte Nacht. Draussen im Park heulte ein Kauz und durch das Kellerfenster fiel das Mondlicht auf die weisse Wäsche, die zum Trocknen auf der Leine hing. Die Heizung hatte schon vor Stunden auf Nachtbetrieb umgeschaltet und die Besitzerin des Hauses, die zwischen Waschmaschine und Wäschekorb auf dem kalten Steinboden lag, hatte es ihrem dicken Pullover zu verdanken, dass sie nicht schon völlig durchgefroren war.

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Bild von cashmerecentre.com

Keine Stunde war vergangen, seit sie in ihrem warmen Bett plötzlich aufgewacht war. Mirjam hatte sofort gespürt, dass etwas nicht stimmte. Schnell war sie in ihre Jeans geschlüpft und hatte sich den roten Kaschmir-Pullover über das seidene Nachthemd gezogen. Kein Geräusch war im Haus zu hören, als sie aus dem Schlafzimmer trat. Leise klopfte sie an die Tür des Gästezimmers, wo sie seit vier Tagen das fremde Mädchen untergebracht hatte, das ihr von ihrem Freund bei der Polizei anvertraut worden war. Das Zimmer war leer. Lisa war weg.

Von plötzlicher Sorge erfüllt eilte Mirjam die Treppe hinunter. Und nachdem sie alle Räume im Erdgeschoss abgesucht hatte, schlüpfte sie barfuss in ihre Stiefel und nahm sich das blaue Kaschmir-Cape von der Garderobe. Sie wollte gerade die Haustür öffnen, als sie unten im Keller Geräusche vernahm. „Lisa, bist du das?“, rief sie, als sie vorsichtig die Kellertreppe hinabstieg. Aber niemand war zu sehen. Nur das Garagentor war halb geöffnet und davor stand ihr Fahrrad an die Wand gelehnt.

Ratlos näherte sich Mirjam dem Tor, um es wieder zu schliessen, als sie plötzlich hinter sich ein Geräusch vernahm. Doch bevor sie sich umdrehen konnte, wurde ihr der Umhang von den Schultern genommen und von hinten um den Kopf gewickelt. Arme packten sie und zerrten sie durch den Raum. Verzweifelt versuchte sie, das Cape von ihrem Kopf zu ziehen, doch ihr rechter Arm wurde nach unten gerissen und schmerzhaft auf den Rücken gedreht. Sie hatte keine Chance und wurde brutal auf den Boden gezwungen, wo sie hilflos zulassen musste, wie ihre Hände hinter dem Rücken mit einer ihrer Strumpfhosen aus dem Wäschekorb gefesselt wurden.

„Um Himmels Willen, wer sind sie? Was wollen sie von uns? Was haben sie mit dem Mädchen gemacht?“ schrie sie verzweifelt unter dem Cape, während sie spürte wie auch ihre Füsse gefesselt wurden. Dann war es plötzlich still und für einen Moment glaubte sie, leises Schluchzen zu hören. „Lisa, mein Kind, mach dir keine Sorgen! Sie werden uns nichts tun!“, versuchte sie so gefasst wie möglich zu sagen, während sie gegen ihre eigene Panik ankämpfte. Dann wurde ihr plötzlich das Cape vom Kopf gezogen. Ungläubig starrte sie in Lisas tränenüberströmtes Gesicht.

„Es tut mir so leid“, hörte sie das Mädchen sagen. Doch bevor Mirjam etwas erwidern konnte, hatte ihr Lisa eines der Höschen vom Wäscheständer in den Mund gepackt. „Ich halte das einfach nicht aus, deine Augen, deine Geduld, einfach alles hier!“, schluchzte sie, während sie Mirjam eine schwarze Strumpfhose über den Kopf zog und die Beine straff um ihren Mund band. „Ich habe kein Recht hier zu sein. Ich bin Abschaum, wie mein Vater und meine Mutter. Bitte, vergiss mich einfach. Ich werde nie mehr jemandem zur Last fallen“.

„Neeiiiiiiin!“ versuchte Mirjam zu schreien, doch mehr als ein gedämpftes Stöhnen drang nicht durch ihren Knebel. In wilder Verzweiflung zerrte sie an ihren Fesseln, während Lisa ihr das iPhone aus der Hosentasche zog, sich das blaue Cape um die Schultern wickelte und dann nach einem letzten, verzweifelten Blick das Licht löschte und die Waschküche verliess. Hilflos musste Mirjam mitanhören, wie nebenan das Garagentor geöffnet wurde und das klappernde Geräusch des Fahrrads sich in der Stille der Nacht verlor.

Langsam begann die Kälte unaufhaltsam durch den dicken Pullover und das schweissnasse Nachthemd in Mirjams Körper zu dringen. Tränen der Verzweiflung sickerten in das feine Nylon über ihrem Gesicht, während sie an ihrem Knebel vorbei nach Luft rang. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren, als sie plötzlich einen Wagen kommen hörte. Und als draussen vor der Garage ihr Name gerufen wurde, begann sie mit aller Kraft, mit den Absätzen ihrer Stiefel gegen das Gehäuse der Waschmaschine zu treten.

„Lisa! Sie will sich etwas antun“, stiess Mirjam keuchend hervor, als ihr Freund Sepp ihr den Knebel aus dem Mund nahm. Der Kommissar hatte von Mirjams iPhone aus eine sms mit einem einzigen Wort bekommen: „Hilfe“. Und als er begriff, dass die Nachricht nicht von seiner Freundin sondern von Lisa abgeschickt worden war, gab er sofort die Ortung des Handys in Auftrag.

„Was ist nur in das Mädchen gefahren? Ich verstehe das nicht. Sie hatte doch endlich begonnen, Vertrauen zu fassen. Wir hatten gestern zusammen gekocht und ich war so glücklich, als sie beim Zubettgehen zum ersten Mal Mirjam zu mir gesagt hat.“ Aufgeregt redete Mirjam vor sich hin, während sie im Wohnzimmer auf und ab ging. Ungeduldig warteten sie auf die Antwort der Polizei. Und gerade als der Teetopf in der Küche zu pfeifen begann, läutete Sepps Telefon: „Scheisse! Die Brücke! Sie ist auf der Brücke!“

Das heulen der Sirene tat Mirjam weh in den Ohren, als der Wagen durch die Nacht raste. Aber was war das schon, wenn sie an das dachte, was sie bei der Brücke erwarten würde? Mit quietschenden Bremsen kam der Wagen neben dem Fahrrad zum Stehen, das am Aufgang zur Brücke am Strassenrand lag. Auf den ersten Blick war niemand zu sehen und auch die dunkle Oberfläche des Sees unter ihnen in der Tiefe schien unberührt. Doch dann erkannten sie mitten auf der Brücke am Fuss des Geländers einen dunklen Fleck. Sepp wollte schon loslaufen, als Mirjam ihn sanft am Arm zurückhielt.

Langsam betrat sie die Brücke. Und als sie näher kam, erkannte sie eine Gestalt, die mit dem Rücken gegen das eiserne Geländer am Boden sass. Es war Lisa, die ihr ängstlich entgegenblickte. Sie hatte ihre Arme um eine kleine Gestalt geschlungen, die sie fest in das blaue Kaschmir-Cape eingewickelt hatte und gegen ihre Brust drückte. „Sie ist noch so klein. Ich konnte sie doch nicht springen lassen“, stammelte sie mit zitternden Lippen, während die Tränen auf ihren Wangen im Licht der Strassenlaterne funkelten.

Mirjam kniete langsam vor ihr nieder und einen Moment lang schaute sie wie gelähmt in Lisas Augen: Unendliche Erleichterung und fassungsloses Unverständnis rangen in ihrer Brust. Schliesslich zog sie ihren warmen Daunenmantel aus, legte ihn um Lisas zitternden Körper und nahm sie fest in die Arme: „Ich bin so stolz auf dich!“.

Dann schlüpfte sie aus dem feinen Lederhandschuh und tastete mit der Hand sanft nach dem kleinen Gesicht, das sich in Lisas Brust vergraben hatte. „Wie heisst du denn, mein Kind?“, fragte sie das kleine Mädchen, das sie aus dunklen Augen ängstlich anschaute.

„Sie spricht kein Deutsch. Ich glaube, sie kommt aus Syrien“, hörte sie Lisas Stimme neben sich, während sie dem Mädchen zärtlich die dunklen Locken aus der Stirn strich. Ein Schmunzeln breitete sich über Mirjams Gesicht, als sich das kleine Mädchen spontan wieder abwandte und sein Gesicht in Lisas Brust vergrub.

„Ich glaube, es wird deine Aufgabe sein, ihren Namen herauszufinden“, sagte Mirjam lächelnd, während sie den beiden Mädchen auf die Beine half und den warmen Mantel enger um Lisas Schultern hüllte.
„Aber pass auf, dass sie dir nicht wegläuft!“

Weihnachtsblues (II)

„Es war ein Mann. Er war maskiert und ist mit unserem BMW geflohen“.
Die Frau des reichen Unternehmers klang erstaunlich gefasst, als ihr der Polizeibeamte die Jacke ihres Twinsets vom Kopf wickelte, mit der sie geknebelt worden war. Der Kommissar, der von seinen Kollegen nur Sepp genannt wurde, war mit seiner Partnerin als erster am Tatort, nachdem der stille Alarm ausgelöst worden war. Sie hatten das Ehepaar mit Klebeband gefesselt auf dem Boden im Salon ihrer Villa gefunden. Sepp hatte eben begonnen, mit seinem Taschenmesser die Fesseln des Unternehmers durchzuschneiden, als das Funkgerät seiner Kollegin sich meldete: Ein Unfall bei der Autobahnzufahrt.

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Bild: Kenneth Branagh als Kurt Wallander

Sepp würde sich wohl nie an solche Bilder gewöhnen. Und je älter er wurde, desto schweren fiel es ihm. Der BMW war total zertrümmert. Er war in der Kurve von der Strasse abgekommen und in einen Brückenpfeiler geprallt. Der Fahrer musste es sehr eilig gehabt haben. Er war nicht angeschnallt. „Der Wagen war uns aufgefallen. Wir wollten ihn kontrollieren. Da hat er die Flucht ergriffen“, gab die sichtlich schockierte Beamtin aus dem Streifenwagen zu Protokoll. Auch Sepp musste gegen die Übelkeit ankämpfen. Rund um den Wagen lagen Geldscheine, Schmuckstücke und einzelne Teile eines Silberbestecks verstreut. Einer der Notfallsanitäter kam auf ihn zu und reichte ihm wortlos die Papiere des Opfers.

„47 Jahre, mehrfach vorbestraft wegen Raubes, Körperverletzung und häuslicher Gewalt. Seine Frau hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen. Er hat eine 15jährige Tochter.“ Wie aus weiter Ferne hörte Sepp neben sich die Stimme seiner Kollegin, während er durch die nächtlichen Strassen fuhr. Wie grotesk sie doch aussahen, diese lächerlichen Weihnachtsbeleuchtungen an den Häusern. Es war jedes Jahr das Gleiche. Je leuchtender der festliche Schmuck, desto hässlicher erschien ihm die Wirklichkeit dahinter.

Es war kurz vor 3 Uhr morgens, als sie vor dem düsteren Plattenbau parkierten, der sich vor ihnen bedrohlich in den Nachthimmel erhob. Eine Gruppe von dunklen Gestalten beobachtete sie, als sie sich dem Eingang näherten. Das Türschloss war kaputt und der Fahrstuhl war alles andere als vertrauenserweckend. Ihre Schritte hallten im dunklen Treppenhaus, als sie an leeren Flaschen und drohenden Graffitis vorbei in den achten Stock stiegen. Die Türklingel funktionierte nicht. Und als sich nach mehrmaligem Klopfen nichts regte, reichte ihm die Kollegin die Schlüssel, die man ihr vom Opfer übergeben hatte.

Der Geruch von kaltem Rauch und abgestandenem Müll kam ihnen entgegen, als sie die kleine Wohnung betraten. Die Beamtin machte sich daran, Wohnzimmer und Bad zu kontrollieren, während Sepp an der verschlossenen Zimmertür lauschte. Deutlich konnte er gedämpfte Geräusche hören, doch als er auf sein Rufen keine Antwort bekam, zog er seine Dienstwaffe und drehte vorsichtig den Schlüssel, der aussen an der Tür steckte. Langsam stiess er die Tür auf und tastete nach dem Lichtschalter. Zum dritten Mal in dieser Nacht krampfte sich sein Magen zusammen, als er das Mädchen auf dem durchgewühlten Bett liegen sah. Sie trug ein formloses, schwarzes T-Shirt mit einem riesigen Totenkopf, einen kurzen Rock, zerrissene Wollstrumpfhosen und schwarze Schnürstiefel. Ihre Hände und Füsse waren mit Stricken gefesselt und hinter ihrem Rücken zusammengebunden worden. Und über das Arafat-Tuch hinweg, das man ihr fest um den Mund gebunden hatte, starrten dem Kommissar zwei zornig funkelnde Augen entgegen.

„Was habt ihr mit meinem Vater gemacht? Ihr verdammten Scheissbullen!“ hatte sie hysterisch geschrien, sobald sie die knebelnden Socken ausgespuckt hatte. Die beiden Beamten hatten alle Mühe gehabt, das verzweifelte Mädchen einigermassen zu bändigen, bis der Arzt ihr schliesslich eine Spritze verabreichen konnte. Nun sass sie im Polizeipräsidium im Nebenzimmer, zusammengesunken auf einem Stuhl, den Blick apathisch auf den Boden gerichtet. Sepps Kollegin hatte ihr eine Jacke um die Schultern gelegt und ihr einen heissen Tee gekocht, den sie aber nicht angerührt hat.

Sepp schaute ihr durch die Glasscheibe aus seinem Büro zu. Es war 7 Uhr in der Früh. Er war erschöpft und wollte eigentlich nur noch schlafen. Die Bilder dieser Nacht drehten quälend in seinem Kopf. Und die Ziffer auf der digitalen Uhr leuchtete ihm gnadenlos entgegen. Heute war es wieder so weit. Heiligabend. Das Fest der Freude. Das Fest der Familien. Dieser alljährlich wiederkehrende Albtraum. Jahrelang hatte er es ausgehalten, dieses Possenspiel rund um die elterliche Krippe. Brav hatte er seine Rolle gespielt im festgelegten Ritual, mit dem sie einmal im Jahr versucht hatten, familiäre Harmonie zu beschwören. Bis heute haben es ihm sein Bruder und seine Schwägerin nicht verziehen, dass er eines Tages das getan hat, was sie nie zu tun gewagt hätten: Weihnachten nicht mit der Familie zu feiern.

Doch der Albtraum hatte ihn nicht losgelassen. Genau 25 Jahre war es her, am Morgen vor Heiligabend, als sie zu einem Fall von häuslicher Gewalt gerufen wurden. Sein Partner hatte versucht, den Mann zu beruhigen, während sich Sepp um die Frau gekümmert hatte. Doch plötzlich hatte der Mann eine Waffe in der Hand. Sepp hatte an diesem Tag seinen besten Freund verloren, und eine liebe Freundin den Vater ihres ungeborenen Kindes.

Langsam suchte sein Blick nach dem Bild, das neben seinem Computer auf dem Schreibtisch stand. Die strahlende junge Frau, die ihm mit einem roten Kreuz auf der Brust aus einer Gruppe afrikanischer Mädchen heraus entgegenlächelte, war damals am Weihnachtstag zur Welt gekommen. Er hatte getan, was er konnte, um sich um sie und ihre Mutter zu kümmern. Aber er konnte ihr den Vater nie ersetzen. Und ihre Mutter hätte das auch gar nicht gewollt.

Nachdenklich schaute der Kommissar hinüber in den anderen Raum, wo das Mädchen immer noch reglos auf dem Stuhl sass. Auch sie würde ohne Vater weiterleben müssen. Was für ein Leben wartete auf sie? Hatte ihr der Mistkerl wirklich einen Gefallen getan, als er sie gewaltsam daran gehindert hatte, mit ihm zu kommen? Sepp erschrak, als er sich bei dem Gedanken ertappte. Dann zog er sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer, die er schon seit Jahren nicht mehr gewählt hatte. Er war schon kurz davor, wieder aufzulegen, als die vertraute Stimme erklang. Wie sehr hatte er sie vermisst! Sie freute sich offensichtlich, dass er an dem tragischen Jubiläum an sie dachte. Aber er hatte in diesem Moment keine Zeit für die Vergangenheit: „Mirjam, ich brauche deine Hilfe!“

Sepp erklärte kurz die Situation und versuchte dabei fieberhaft, die Reaktion seiner Gesprächspartnerin zu erahnen. Sie war genau so ruhig und besonnen, wie er sie seit je her kannte, spätestens seit jenem Tag, als sie ihm mit hochschwangerem Bauch die Tür geöffnet hatte und auf den ersten Blick begriff, warum er gekommen war. Auch jetzt hatte sie die Situation schnell erfasst. Natürlich solle er das Mädchen vorbeibringen. Sie würde das Zimmer ihrer Tochter bereitmachen. „Wie heisst sie denn? … Lisa? Mein Gott ist Fülle! Na wenn das kein Geschenk ist!“

Sepp schüttelte den Kopf, als er das Handy auf den Tisch legte. Die Gräfin, wie er seine Freundin liebevoll zu nennen pflegte, schaffte es immer wieder, ihn zu überraschen. Es gab etwas an ihr, das er nie verstanden hatte. Müde aber erleichtert erhob er sich aus seinem Sessel. Das Mädchen im anderen Raum hatte sich auch erhoben und schaute ihn durch die Scheibe herausfordernd an. Die Wirkung der Spritze hatte nachgelassen und ein trotziges Funkeln war in ihre schwarz geränderten Augen zurückgekehrt. Und einen Moment lang glaubte er, den Totenschädel auf ihrer Brust lachen zu hören:
„Na wenn das kein Geschenk ist!“