Schatten der Vergangenheit (VI)

Eigentlich hasste sie Pferde. Und dies nicht erst seit ein schwerer Reitunfall vor zwei Jahren ihrer vielversprechenden Karriere als Vielseitigkeitsreiterin ein jähes Ende bereitet hatte. Sie verabscheute den Geruch. Sie ekelte sich vor dem Schweiss. Aber am meisten hasste sie den hochmütigen Stolz dieser Tiere. Doch genau dieser Hass sollte sie schon als junges Mädchen zu einer der besten Reiterinnen und Pferdekennerinnen machen. Denn seit ihre Tante sie damals zum ersten Mal auf den Rücken eines Pferdes gehoben hatte, war Patricia fasziniert von der Macht, die sie über diese Tiere bekam. Ein leichtes Ziehen am Zügel, ein leichter Druck der Schenkel, und der ganze Stolz war unter ihrer Kontrolle. Intuitiv hatte sie gelernt, Pferde zu lesen, zu manipulieren und bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu führen. Und kein Gefühl war elektrisierender für sie als die wuchtige Eruption von einer halben Tonne geballter Pferdestärke zwischen ihren Beinen.

SchdVerg VI
Bild von Scottish Classic Knitwear

Erschöpft glitt Patricia von dem nackten Körper herunter, der nach Atem ringend auf ihrem Bett lag. Ausdruckslos starrte sie an die Decke, wo die aufgehende Sonne das Muster der Gardine spielen liess. Draussen in der Koppel wieherten die Pferde, während die kühle Morgenluft ein leises Frösteln über ihre feuchte Haut jagte. Sein Schweiss auf ihrem Körper widerte sie an. Und sie hasste seinen Geruch. Auch sein teures Parfüm konnte daran nichts ändern. „Hau ab!“, hörte sie sich mehr hauchen als sagen, indem sie müde die Augen schloss. Und als sich neben ihr nichts regte, wurde ihre Stimme plötzlich eisig klar: „Hau ab, hörst du, verschwinde!“

Er versuchte noch etwas zu sagen, doch der Anblick ihres nackten Rückens liess ihn verstummen. Eine leise Anspannung bemächtigte sich ihres Körpers, während sie lauschte, wie er hinter ihr seine Kleider zusammensuchte und sich anzog. Mit Befriedigung registrierte sie sein ängstliches Bemühen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Sie konnte seinen Blick spüren, als er schliesslich an der Tür noch einen Moment innehielt. Dann endlich vernahm sie das Geräusch ihrer Zimmertür und das Knarren der Treppe. Doch erst, als unter ihr die Haustür ins Schloss fiel, begann sie sich langsam zu entspannen.

Ihre langen, blonden Haare klebten strähnig über ihren nackten Schultern und Brüsten, als sie aus dem Bett stieg und hinter der Gardine ans Fenster trat. Sein Wagen stand immer noch im Hof. Er lehnte mit dem Rücke zu ihr an der Fahrertür und rauchte eine Zigarette. Seine grauen Haare wirkten fast weiss in der morgendlichen Sonne. Er hätte ihr Vater sein können, aber er war definitiv in beachtlicher Form für sein Alter. Wusste seine Frau, dass er hier war? Sie war nicht dumm. Aber sie war sicher auch klug genug, um zu wissen, was sie zu verlieren hatte. Der renommierte Mediziner war wirklich eine ausserordentliche Persönlichkeit. Er hätte es doch tatsächlich fast geschafft, Patricia…

Unwillkürlich trat sie einen Schritt vom Fenster zurück, als er seine Zigarette wegschnippte und sich zu ihr umdrehte. Einen Moment lang glaubte sie auf seinem Gesicht einen traurig fragenden Zug zu erkennen. Doch schon strafften sich seine breiten Schultern, während er die Tür des Wagens öffnete. Und als der Stallmeister mit seinem Motorrad in den Hof einbog, hatte sein Gesicht auch wieder diesen hochmütig stolzen Ausdruck, der Patricia so in seinen Bann gezogen hatte, als sie ihn beim gestrigen Golftournier im Club kennengelernt hatte. Doch als er nun den Motor aufheulen liess und eine graue Staubwolke im Hof zurückliess, kam er ihr einfach nur unendlich lächerlich vor. Er mochte ein teureres Parfüm haben, aber er roch genauso widerlich wie der Stallmeister.

Eine halbe Stunde stand sie schon unter der heissen Dusche, als sie sich zum dritten Mal einseifte. Patricia seifte sich immer dreimal ein, von Kopf bis Fuss. Soweit sie sich erinnern konnte, war das immer so. An ein Davor konnte sie sich nicht erinnern. Und die Frage warum hatte sie sich nie gestattet. Sie genoss das heisse Wasser auf ihrer Haut. Es beruhigte sie und brachte das Gefühl zurück in ihren Körper. Doch an diesem Morgen wollte es nicht klappen mit der Ruhe. Zu gross war die Angst vor dem, was sie draussen erwarten würde. Seit zwei Tagen liess sie diese Angst nicht mehr los. Um sich von ihr abzulenken, hatte sie sich diesen Kerl ins Bett geholt. Dabei hätte sie es wissen müssen: Sobald sie Angst hat, hat das Pferd gewonnen.

Was wollte sie von ihr, so plötzlich, nach all den Jahren? Nervös betrachtete sie sich im Spiegel, während sie unwillig die Knoten aus ihren Haaren bürstete. Sie brauchte nicht viel, um sich das Gesicht ihrer Schwester vorzustellen. Ausser ihrer Mutter hatte niemand sie wirklich auseinanderhalten können. Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehene? Wie lange waren sie sich aus dem Weg gegangen? 10, 15 Jahre? Ihre Schwester war damals von einem Tag auf den anderen verschwunden, nachdem sie Patricia am frühen Morgen aus dem Zimmer ihres Onkels hatte schleichen sehen. Sie waren noch keine 18 gewesen. Offenbar war sie damals zu Bekannten nach London geflohen, wo sie schliesslich auch ein Studium begonnen hatte.

Mein Gott, wie sehr hatte sie sie dafür gehasst? Wie konnte sie ihr das antun? Wie konnte sie sie einfach so verlassen? Sie hatten doch nur noch einander, nachdem ihre Mutter sich im Wald erschossen hatte. Die Tante, bei der sie aufgewachsen waren, hatte sie nie geliebt. Und der Onkel, dieser fromme Pastor, hatte in seinem Hochmut und Stolz keine Gelegenheit ausgelassen, den Mädchen und der ganzen Welt zu verstehen zu geben, wie sehr sie ihr Dasein seiner Wohltätigkeit und Fürsorge verdankten. Patricia hatte ihn gehasst. Und sie hasste sich selber für das, was sie getan hatte. Wie sollte sie nur ihrer Schwester gegenübertreten? „Scheisse, ich hasse dich!“

Es war gut, dass sie nach dem überraschenden Anruf ihrer Schwester in einem spontanen Impuls die Rasierklingen weggeworfen hatte. Sie hatte geahnt, dass der emotionale Stress sie überfordern würde. Und geritzte Unterarme waren das letzte, was sie ihrer Schwester hätte erklären wollen. Doch der Druck war da und das Wasserglas klapperte bedrohlich gegen ihre Zähne, als sie neben ihrer Beruhigungstablette noch eine Schmerztablette herunterspülte. Denn als ob die quälende Angst nicht gereicht hätte, begann sich plötzlich auch ihr angebrochener Halswirbel wieder zu melden. Nur gut, dass sie zu dieser Zeit noch nichts im Magen hatte.

Ihre Schultern bebten unter dem weichen Morgenmantel, als sie schluchzend auf dem Sofa lag und mit dem alten Plüschbären ihrer Schwester im Arm darauf wartete, dass die Medikamente ihre Wirkung entfalteten. Das abgenutzte Kuscheltier war die ganzen Jahre über ihr einziger treuer Begleiter gewesen. Natürlich hatte sie früher selber auch einen identischen Bären besessen. Aber der war schon vor Jahren ihrer Verzweiflung zum Opfer gefallen.

Sie musste eingeschlafen sein, denn als sie von der einfallenden Sonne im Gesicht geweckt wurde, war es kurz nach zehn Uhr. Um elf war sie mit ihrer Schwester verabredet im Strandhaus des Reitclubs. Ihre Kopfschmerzen waren einer dumpfen Taubheit gewichen. Nachdenklich musterte sie die leblosen Glasaugen des Plüschbären. Sie mochte diese Augen. Es waren die einzigen, von denen sie sich nie verachtet fühlte. Unwillkürlich musste sie schmunzeln, als sie den treuen Freund noch einmal an sich drückte und seine tränenfeuchte Schnauze an ihrer Wange spürte.

Ihre Hände zitterten kaum mehr, als sie schliesslich die schwarzen Strümpfe über ihre Beine zog. Sie wollte zuerst einen Rock anziehen, hatte sich dann aber doch für die Reithose und ihre eleganten, schwarzen Lederstiefel entschieden. Heute brauchte sie ein vertrautes Fundament. Doch als sie im Begriff war, zu ihrem weissen Rollkragenpullover den Blazer mit dem Clubwappen aus dem Schrank zu holen, hielt sie plötzlich inne. Und nach kurzem Zögern kniete sie nieder und begann, am Grund des Kleiderschrankes in einer Schachtel alter Kleider zu graben. Sie brauchte nicht lange, um zu finden, was sie suchte, auch wenn sie das gute Stück schon seit Jahren nicht mehr in der Hand hatte.

Nachdenklich betrachtete sie den grauen Kaschmir-Cardigan, der sich zwischen ihren Händen entfaltete. Er hatte ihrer Mutter gehört. Patricia hatte ihn sich nach der Beerdigung heimlich angeeignet. Eigentlich hatte sie ja damals nach etwas anderem gesucht. Aber die exquisite, weisse Kaschmir-Strickjacke, die Lieblingsjacke ihrer Mutter, die sie noch getragen hatte an dem Nachmittag, an dem sie ihre Mädchen zum letzten Mal zum Mittagsschlaf gebettet hatte, diese Jacke war verschwunden. Patricia hatte verzweifelt das ganze Zimmer durchsucht. Aber keine Spur von dem einzigen Andenken an ihre Mutter, das sie wirklich hätte haben wollen. Sie war sich sicher gewesen, dass ihre Mutter nie in dieser Jacke in den Wald gegangen wäre. Aber natürlich hatte sie nicht gewagt, irgendjemanden danach zu fragen. Und so hatte sie schliesslich enttäuscht diesen grauen Cardigan mitgenommen. Zahlreiche Tränen hatte sie insgeheim damit getrocknet. Doch als sie gross genug war, um die Jacke auch zu tragen, hatte sie es nicht über sich gebracht. Zuerst hatte sie Angst, ihre Schwester könnte sie sehen. Und nachdem diese aus ihrem Leben verschwunden war, hatte sie alles vermieden, was sie an ihre Vergangenheit erinnerte.

Und nun war plötzlich alles wieder aufgetaucht: Die verlorene Schwester und mit ihr auch die Vergangenheit. Das Ganze machte ihr Angst, und doch, wenn sie ehrlich war… Nachdenklich betrachtete sich Patricia im Spiegel. War das wirklich sie, die da vor ihr stand und sich plötzlich in einer schwungvollen Bewegung den Cardigan um die Schultern drapierte? Der Anblick erschreckte sie. Einen Moment lang glaubte sie, ihre Mutter vor sich zu sehen. Als grosse Bewunderin von Grace Kelly hatte es diese geliebt, ihre Jacken elegant um die Schultern gelegt zu tragen, und Patricias Frisur mit dem Pferdeschwanz war von vorne kaum vom strengen Haarknoten ihrer Mutter zu unterscheiden. Im ersten Moment war Patricia versucht, sich die Jacke von den Schultern zu reissen. Doch schliesslich schlüpfte sie kurz entschlossen in die Ärmel und knöpfte die Jacke zu. Der Moment war gekommen, sich der Vergangenheit zu stellen.

********

Der Schock sass tief. Aus diskreter Distanz schaute er zu, wie die junge Frau draussen auf der Terrasse mit brennender Wange die weisse Kaschmir-Strickjacke aufhob, die ihr von den Schultern geglitten war. Die Ohrfeige hatte sie ebenso unvermittelt wie heftig getroffen. Langsam richtete sie sich auf, schüttelte den Staub aus der Jacke und hielt sie ihrer Schwester hin. Doch diese hatte sich abgewandt und starrte mit verschränkten Armen hinaus aufs Meer. Ihre Lippen bebten und Tränen liefen über ihre Wangen.

Seit über dreissig Jahren bewirtete er hier die Gäste, doch Szenen wie diese gehörten nicht zum Alltag im renommierten Clubhaus am Meer. Schon gar nicht, seit er im Ruhestand war und nur noch morgens arbeitete. Doch an diesem Morgen folgte ein Schock dem anderen. Es begann damit, dass plötzlich ein Phantom vor ihm stand: Ihre Haltung, ihr Gesicht, die blonden Haare, die im Nacken in einen strengen Knoten gebunden waren, und die exquisite Strickjacke, die sie elegant um ihre aufrechten Schultern drapiert trug. Alles war genau so wie am Morgen des Tages vor fünfundzwanzig Jahren, an dem sie sich ohne Vorwarnung das Leben genommen hatte. Nur der traurige Ausdruck in den müden Augen war verschwunden. Doch kaum hatte er begriffen, dass hier nicht ein Phantom sondern dessen Tochter vor ihm stand, folgte der zweite Schock. So lange schon hatte er Patricia nur noch alleine gesehen, dass er fast vergessen hatte, dass es da irgendwo noch eine Zwillingsschwester gab.

Mein Gott, wie ähnlich Elisabeth ihrer Mutter war, dachte er sich, als er von der Terrasse aus die beiden Frauen unten am Strand beobachtete. Lissy stand draussen im Wasser und liess die Wellen um ihre Waden spielen. In der einen Hand trug sie ihre Schuhe, die andere hielt die Strickjacke um ihre Schultern fest. Ihre Schwester war in einiger Entfernung am Strand stehen geblieben, die Hände in den Taschen ihrer grauen Jacke vergraben. Als ob sie sich von ihre Mutter abgrenzen wollte, hatte Patricia ihre Haare stets offen oder in einem Pferdeschwanz getragen. Und er konnte sich nicht erinnern, sie je zuvor in einer Strickjacke gesehen zu haben. Jedenfalls sicher nicht in dieser. Das wäre ihm aufgefallen.

Als er etwas später wieder auf die Terrasse trat, schlenderten die Schwestern am Strand entlang in Richtung des Fischerhafens. Elisabeth watete immer noch im Wasser, während ihre Schwester den Pfützen und dem angeschwemmten Seetang auswich, die die Ebbe im grauen Sand zurückgelassen hatte. Die beiden schienen zu streiten. Jedenfalls sah er Patricia immer wieder leidenschaftlich gestikulieren.

Eine Viertelstunde später waren die beiden Frauen verschwunden. Der Strand schien verlassen bis auf einen dunklen Schatten, der vom Wind in Richtung der Dünen geweht wurde, wo bereits ein anderer schwarzer Nylonstrumpf in den Ästen eines Strauches flatterte. Und als er den Weg des Strumpfes zurückverfolgte, sah er auch die schwarzen Stiefel, die nahe am Ufer im Sand lagen.

Er wollte sich schon umdrehen und hineingehen, als er glaubte, weit draussen auf der Hafenmole eine einzelne Gestalt zu sehen. Vage meinte er, helle Haare zu erkennen, die im Wind wehten. Oder waren es die Ärmel einer Strickjacke?

 

 

 

 

 

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