Warum sie? III (der Vater)

(Burnout Klinik am See, Tonbandaufzeichnung 4. Therapiesitzung)

Warum sie 3

Warum sie? Warum tut sie mir das an?

Haben Sie Kinder? Nein? Dann können Sie nicht verstehen, wie das ist. Ich habe ihr alles gegeben, was ich hatte. Sie war das Wichtigste in meinem Leben?

Meine Frau hatte mir immer vorgeworfen, ich hätte mir einen Jungen gewünscht, als Erben und Stammhalter für unsere Privatbank. Natürlich war das ursprünglich der Plan gewesen, denn Tradition verpflichtet. Seit vier Generationen sind wir im Geschäft. Da können wir unsere treuen Kunden nicht einfach hängen lassen.

Und natürlich war es hart für mich, als meine Frau einfach nicht schwanger wurde. Jahrelang hatten wir alles ausprobiert, aber es schien vergeblich. In meiner Verzweiflung hatte ich mir bereits eine Alternative… ich meine, Sie wissen schon… Aber dann hatte es plötzlich doch geklappt.

Die Kleine hatte meine Augen, ganz eindeutig. Sie war für etwas Grossen berufen. Ich habe es in ihrem Blick gesehen. Und ich hatte mir geschworen, dass mein Vater stolz auf sie sein würde, und dass mir dereinst niemand vorwerfen sollte, ich hätte nicht alles für die Ehre der Familie und der Bank getan.

Das Mädchen entwickelte sich fantastisch. Sie hatte von mir Intelligenz und Zielstrebigkeit mitbekommen, und von ihrer Mutter Schönheit und Eleganz… nicht dass ich nicht auch attraktiv gewesen wäre, aber Sie verstehen, was ich meine. Natürlich hatte ich nicht sehr viel Zeit für die Kleine. Die Bank war damals in einer Krise und die Umstrukturierungsprozesse hatten mich viel Zeit und Kraft gekostet. Auch meine Frau durchlebte eine schwere Zeit. Ihre Blüte als Schönheitskönigin war vorbei. Nach der Geburt meiner Tochter war sie als Model nicht mehr gefragt und der Aufbau ihrer eigenen Modelinie hatte sie sehr in Anspruch genommen. Aber wir hatten stets dafür gesorgt, dass es unserer Tochter an nichts fehlte. Wir hatten für sie ein Kindermädchen angestellt und später auch eine Hauslehrerin.

Aus heutiger Sicht muss ich mir vorwerfen, dass ich mich all die Jahre nicht mehr um sie gekümmert habe. Ich hatte die Auswahl der Angestellten meiner Frau überlassen und sie hatte das an ihre Mutter delegiert. Diese war noch eine gläubige Katholikin alter Schule. Und obwohl meine Frau selber mit Gott nichts mehr am Hut hatte, konnte sie nicht verhindern, dass unsere Kleine von ihrer frommen Oma beeinflusst wurde. Wir bekamen erst gar nicht mit, dass das Kindermädchen abends regelmässig mit der Kleinen betete. Und letztlich sahen wir später auch keinen Grund einzuschreiten, als unsere Tochter jeweils sonntags ihre Hauslehrerin in den Gottesdienst begleiten wollte. Wer hätte schon gedacht…

Ich hatte ihren Glauben damals als pubertäre Laune abgetan. Mit irgendetwas musste sie sich ja von uns Eltern abgrenzen. Und da sie sonst in allem ein vorbildliches Mädchen war, hatte ich keinen Grund zur Beunruhigung. Irgendwann würde sie schon zur Vernunft kommen.

Doch dann kam der Schock aus heiterem Himmel. Nie werde ich diesen demütigenden Moment vergessen, als ich eines Morgens zur Schulleitung zitiert wurde und erfahren musste, dass der dringende Verdacht bestand, meine Tochter habe ein Verhältnis mit dem Schulseelsorger. Der junge Priester hatte natürlich alles abgestritten, aber ich war mir sicher, dass er lügt. Noch heute sehe ich ihn vor mir stehen, wie er mich anschaut. Ich hätte ihm in die Fresse… entschuldigen sie, bitte, aber sie hätten ihn sehen sollen!

Weder die Schule noch ich konnten uns damals einen Skandal leisten. Und so waren wir dankbar, dass es für diese Schande wenigstens keine stichhaltigen Beweise gab. Nicht auszudenken, wenn es später geheissen hätte, die Erbin des renommierten Bankhauses hätte schon als Schülerin… Es reichte, dass wir mit dem Gerücht leben mussten.

Natürlich hatte ich versucht, kühlen Kopf zu bewahren. Aber die Kränkung sass tief. Wie konnte sie mir das antun, sie, meine Prinzessin, der einzige Sinn meines Lebens und Arbeitens? Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl, das ich ein für alle Mal abgestellt zu haben glaubte: Der Hass. Jahrelang hatte mich dieses Gefühl gequält, nachdem sich meine Mutter zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters einen neuen Mann ins Bett geholt hatte.

Ich war fünfzehn, als mein Vater mit seinem Mercedes in einer Kurve von der Strasse abgekommen war und 150 Meter in eine Schlucht gestürzt war. Es war eine brutale Zeit für uns. Meine Mutter hatte ihre ganzen Beziehungen einsetzen müssen, um die verschuldete Bank vor dem Ruin zu retten und mich vor der Flucht in Alkohol und Drogen zu bewahren. Immer wieder hatten wir uns gegenseitig getröstet, indem sie mich bei sich im Bett hat schlafen lassen. Ich mochte ihre Nähe und ihren Geruch, doch eines Tages war die Zimmertür verschlossen. Und am nächsten Morgen in der Früh sah ich den Mann das Haus verlassen, den ich in Zukunft als meinen neuen Vater betrachten sollte.

Und nun ging meine eigene Tochter mit einem Priester ins Bett. Dabei war sie noch keine 18. Natürlich wusste ich, dass sie mich eines Tages… Aber doch nicht so. Schon drei Jahre früher hatte sie plötzlich begonnen, ihr Schlafzimmer abzuschliessen und sich auch im Bad einzuschliessen. Mir war damals sofort klar, wer dahinter gesteckt hatte. So sehr sie ihren Glaubenswahn von ihrer Oma geerbt hatte, so sehr hatte sie sich in allem anderen an meiner Mutter orientiert.

Diese hatte als junge Frau ihre vielversprechende akademische Karriere an den Nagel gehängt, um meinen Vater zu heiraten. Mit meiner Frau konnte sie sich nie anfreunden. Sie fand ihre Schwiegertochter billig und unkultiviert, und ihre Mode fand sie vulgär und exzentrisch. Umso mehr hatte sie es sich zum Ziel gesetzt, ihrer Enkelin Kultur und Stil beizubringen. Und das war ihr offensichtlich auch ganz gut gelungen. Im Gegensatz zu mir, der für ihre kulturelle Erziehung weitgehend unzugänglich geblieben war, hatte sich meine Tochter kreuz und quer durch die Weltliteratur gelesen. Und ihre altmodische Weise, Strickjacken im Stil von Grace Kelly um die Schultern gelegt zu tragen, hatte sie definitiv von meiner Mutter abgeschaut… nur dass sie diese dabei an Eleganz bei Weitem übertraf.

Meine Mutter war es auch, die nie an die Geschichte mit dem Priester geglaubt hatte. Sie hatte mir heftigste Vorwürfe gemacht, dass ich so wenig Vertrauen in meine eigene Tochter habe und ihr tatsächlich so etwas zutrauen würde. Aber ich war in meiner Enttäuschung blind vor Hass, ein Hass, der noch in dem Masse zunahm, wie auch meine Tochter begann, mich mit diesem mitleidig traurigen Ausdruck in den Augen anzuschauen.

Diesen Hass hatte mir schliesslich auch meine Frau zum Vorwurf gemacht, als sie sich kurz nach dem Schulabschluss unserer Tochter von mir trennte. Sie hatte mir nie verziehen, dass ich in jener verhängnisvollen Nacht des Überfalles versucht hatte, die Täter hinzuhalten und Zeit zu gewinnen. Ich war damals für Verhandlungen in Wien, als ich nachts in meinem Hotelzimmer von einem falschen Zimmermädchen überfallen wurde. Sie bedrohte mich mit einer Waffe und zwang mich, auf meinem Laptop ein live Video anzuschauen. Es zeigte meine Frau und meine Tochter. Sie sassen auf Stühlen in unserem Salon und waren brutal mit Klebeband gefesselt und geknebelt. Die Täter hatten von mir verlangt, über meinen Laptop grössere Geldsummen auf verschiedenen Bankkonten zu überweisen. Natürlich hatte ich versucht, sie hinzuhalten und behauptet, von hier aus keinen Zugang zu unseren Konten zu haben. Ich hatte die wiederholten Drohungen so lange ignoriert, bis ich mitansehen musste, wie meine Tochter vor laufender Kamera…

Für meine Frau war völlig klar: Ohne meinen blinden Hass hätte ich es nie so weit kommen lassen.

Das Schlimme ist, dass sie wohl Recht hatte. Ich weiss, dass es irgendwie pervers tönt, aber als ich das Mädchen so dasitzen sah, völlig hilflos und doch mit einem ungebrochenen Ausdruck in den Augen und dem strahlend goldenen Kreuzchen im Ausschnitt ihrer Bluse, da hörte ich mich aus der Finsternis meiner Seele sagen: „Das hast du davon, wenn du deinen Gott beleidigst“.

Zu meiner Überraschung und Erleichterung schien mir meine Tochter aber nichts übel zu nehmen. Ganz im Gegenteil. Obwohl sie selber sehr unter den Ereignissen gelitten hat und auch mehrere Wochen in die Klinik musste, hatte sie den Kontakt zu mir nie abgebrochen. Meine Beziehung zu ihr normalisierte sich in dem Masse, wie ich hoffen durfte, aufgrund ihrer glanzvollen Studienabschlüsse doch mit einem positiven Erfolg meiner Pläne rechnen zu können. Sie war erwachsen geworden und attraktiver denn je, als sie aus dem Ausland zurück kam und gleich einen Job bei einer renommierten Grossbank antreten konnte. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass sie direkt bei uns einsteigen würde. Nun ja, ich liess durchblicken, dass sie die Stelle meinetwegen bekommen habe, und schliesslich konnte es mir ja nur recht sein, wenn sie sich erst einmal bei der Konkurrenz Erfahrung und zusätzliche Kompetenzen erwarb.

Die Trennung von meiner Frau hatte auch mir zugesetzt. Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber meine Mutter hatte recht: Ich war einsam. Und so genoss ich es umso mehr, dass sich meine Tochter immer wieder Zeit für mich nahm, mich in die Oper und in Ausstellungen begleitete, und mich einmal pro Woche zum Mittagessen traf. Ich war so stolz auf sie. Sie war so ganz anders als ihre Mutter, ruhig und eher introvertiert. Und sie hatte und übertraf gleichzeitig fast alle Qualitäten, die ich an meiner eigenen Mutter immer bewundert habe.

Ich konnte den Tag kaum erwarten, an dem ich sie endlich als meine Nachfolgerin präsentieren könnte. Meine Kräfte begannen nachzulassen und langsam begann ich ungeduldig zu werden. Meine Mutter meinte zwar immer, ich solle dem Mädchen Zeit lassen. Aber sie wusste natürlich, dass sie ihren eigenen Sitz im Verwaltungsrat endlich räumen musste, wenn ich ihre Enkelin ins Geschäft bringe.

Wie auch immer, ich genoss die Zeit mit meiner Tochter. Sie tat mir gut und was ich so über sie hörte, gab mir allen Grund zu Zuversicht und väterlichem Stolz. Und sie war eine gute Zuhörerin. Mit ihr konnte ich über alles reden: Über meine Mutter, meine gesundheitlichen Beschwerden, mein Leiden an der Trennung von ihrer Mutter, und über die Sorgen mit der Bank, die Schwierigkeiten mit dem operativen Geschäft und die Notwendigkeit einer neuen, kompetenten Kraft in der Geschäftsleitung. Als Zeichen meiner Anerkennung begann ich auch, ihr regelmässig Geschenke zu machen. Ich kaufte ihr Seidentücher, Schmuck und eine schicke Handtasche, ein edles Kaschmir-Twinset und ein Abendkleid, und schliesslich einen Pelzmantel und eine eigene Penthaus Wohnung.

„Papa, ich bin nicht deine Geliebte!“, hatte sie gesagt, als ich ihr damals in ihrer alten Zweizimmerwohnung in einem etwas schäbigen Genossenschaftsbau den teuren Pelzmantel um die Schultern gelegt hatte, in dessen Tasche auch ihre neuen Wohnungsschlüssel steckten. Ich sehe sie heute noch, wie sie vor den Spiegel steht, sich in den Mantel kuschelt und die losen Ärmel nach links und rechts schwingen lässt. Sie sah einfach hinreissend aus. Und nie werde ich ihren Blick vergessen, der sich mir im Spiegel darbot: Dieser strahlende Glanz erblühter Weiblichkeit und das kurze Aufblitzen einer kindlichen Freude, die aber unvermittelt in eine seltsam ernste Traurigkeit überging.

Langsam war sie ans Fenster getreten und hatte sich den Mantel von den Schultern genommen. Ihr Rücken unter dem schwarzen Rollkragenpullover schien plötzlich zu beben, während sie schweigend in den Hof blickte, aus dem das Lachen spielender Kinder zu uns nach oben drang. Und als sie sich nach einer Weile umdrehte, rannen Tränen über ihre Wangen. Doch als sie schliesslich auf mich zukam, mir den zusammengefalteten Mantel in die Hand drückte und mich dabei zärtlich auf die Stirn küsste, war ihr Blick fest und entschlossen.

Sie hat mir an diesem Abend mitgeteilt, dass sie gekündigt hat…

… und dass sie ins Kloster eintreten wird.

*******

Lieben Sie ihre Tochter?

Wenn Hass ein Mass ist für gekränkte Liebe, ja dann muss ich sie wohl irgendwie lieben.

Sagen Sie: Glauben sie an Gott?

Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, kann er so grausam sein, die Tochter zum Werkzeug der Rache am eigenen Vater zu machen?

Vielleicht sollten Sie einmal ihre Tochter fragen.

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3 Gedanken zu “Warum sie? III (der Vater)

  1. Dieser Vater scheint ein rechter Egomane zu sein …
    In all seinen Ausführungen geht es nur um ihn , nicht einmal fragt er sich , wie es seiner Tochter ging , wie sie das alles empfunden hat … geschweige denn , er hätte sie gefragt …
    So erscheint mir die Frage des Therapeuten durchaus folgerichtig .
    Da es sich hier um eine Aufzeichnung aus einer Burnout-Klinik handelt , gehe ich davon aus , daß dieser Vater trotz seiner Egomanie an seine Grenzen gestossen ist … daß er sich ausgepowert hat für ein Unternehmen , das sein Leben bestimmt hat .
    Bleibt zu Wünschen , daß er dort *zu sich* findet …

    Gefällt 1 Person

    1. In der Tat, dieser Mann scheint die Welt nur aus der Ich-Perspektive wahrnehmen zu können. Umso erstaunlicher, dass es doch Leute gibt, die ihn mögen. z.B. seine Tochter 🙂
      Und auch ich als Autor muss gestehen, dass er mir trotz seiner Armseligkeit irgendwie ans Herz gewachsen ist. Auch solche Menschen haben eine Geschichte… und eine Zukunft, sofern jemand an sie glaubt und sie selber die Chance packen. Zusammenbrüche und Burnouts können so eine Chance sein.

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