Warum sie? II (die beste Freundin)

(Aus dem Tagebuch einer Freundin)

Warum sie 2

Samstag, 20.30 Uhr

Warum sie? Warum ausgerechnet sie? Sie, meine Stärke, mein Fels, meine einzige Burg, bei der ich Zuflucht gefunden hatte in den schlimmsten Jahren meines Lebens. Sie, die doch immer so stark war, so hoffnungsvoll, so positiv.

Ich sehe sie noch vor mir, vor drei Jahren, am Tag ihrer ersten Ordensgelübde. Mein Gott, war sie schön gewesen, so durch und durch glücklich und strahlend. Wie sehr hatte ich sie beneidet um ihr Glück, um ihren Mut und ihre Entschiedenheit. Und um ihren Glauben.

Doch von all dem war nichts zu spüren, als ich ihr heute Nachmittag im Stadtpark gegenüberstand. Eigentlich hätte ich es ahnen müssen, als ich die kurze WhatsApp-Nachricht von ihr sah, die erste seit Monaten. Die weisse Lilie, die sie lange als Profilbild hatte, war einem düsteren Kreuz gewichen, und so hatte ich auf den ersten Blick gar nicht realisiert, dass die Nachricht von ihr war. Sie sei gerade in der Stadt und ob ich Zeit hätte, sie im Stadtpark zu einem Kaffee zu treffen.

Ich hatte sie erst gar nicht erkannt, als ich sie unter den Gästen an den Gartentischen suchte. Ich hatte nach einem Ordensgewand und einem schwarzen Schleier Ausschau gehalten. Und so dauerte es einen Moment, bis ich realisierte, dass das Winken am hintersten Tisch unter dem Kastanienbaum mir galt. Meine freudige Erwartung wich langsam einer diffusen Irritation, als ich versuchte, in der unscheinbaren Gestalt mit den kurzgeschnittenen Haaren, der schwarzen Hose und dem zugeknöpften grauen Kaschmir-Cardigan meine beste Schulfreundin zu erkennen.

Sie sah erschöpft aus und ihre Augen hatten einen traurigen Ausdruck, als sie mich musterte und mit einem anerkennenden Schmunzeln die Jacke meines Twinsets um meine Schultern zurechtzupfte. „Du siehst toll aus!“ hörte ich ihre sanfte Stimme, als sie mich schliesslich umarmte und sich fest an meine Brust drückte. Ihre Nähe nahm mir fast den Atem, während ich unter dem weichen Kaschmir ihrer Jacke das leise Beben ihrer Schultern spürte.

Sie wirkte so zerbrechlich in diesem Moment.

Und plötzlich war alles wieder da in mir: Diese quälenden Schuldgefühle und der nagende Schmerz bei der Erinnerung an meine Schwachheit, an meine Feigheit, an mein Versagen.

Ja, verdammt, ich hatte sie damals im Stich gelassen. Und ich schäme mich noch heute dafür. Ich hatte zwar geglaubt, das Ganze hinter mir gelassen zu haben. Und der Umstand, sie bei ihren Gelübden so stark und glücklich wiederzusehen, schien mich von meinen Ängsten und Skrupeln befreit zu haben. Umso grösser war der Schmerz, als mir heute bewusst wurde, dass ich mich die ganze Zeit über belogen hatte.

Und das eigentlich Schlimme waren nicht einmal die Schuldgefühle, sondern das, was ihnen zugrunde lag: Die erschreckende Feststellung, dass ich mich angesichts ihrer offensichtlichen Verletzlichkeit auch heute noch genauso hilflos und elend fühlte wie damals. Sie muss es gespürt haben, als sie zusah, wie mein Latte Macchiato kalt wurde, während meine Finger nervös mit der Vase spielten, aus der uns eine weisse Rose entgegenduftete. Sie muss gespürt haben, dass ich ihren Anblick nicht ausgehalten habe. Dass ich am liebsten davongelaufen wäre, so wie damals an jenem Samstagnachmittag.

Zwölf Jahre waren seither vergangen, doch noch immer verfolgt mich der schockierende Anblick, als mich das Dienstmädchen zu ihr in den Salon geführt hatte. Sie war am Morgen erst aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie und ihre Mutter nach einem brutalen Raubüberfall ein paar Tage verbringen mussten. Ich hatte zuerst geglaubt, jemand fremden vor mir zu haben. Die sonst so lebendige, natürliche und selbstbewusste junge Frau, die ihre Strickjacke gerne spielerisch um die Schultern drapiert zu tragen pflegte, sass mit zugeknöpfter Jacke eng zusammengekauert in der Ecke des Sofas, von wo aus sie mir mit ausdrucksleerem Blick entgegenstarrte. Spuren von Tränen glitzerten auf ihren blassen Wangen und die wunderbaren, langen Haare, um die ich sie immer beneidet hatte, waren verschwunden – offenbar eine Folge des Klebebandes, mit dem sie geknebelt worden war.

Sie musste bereits damals gespürt haben, dass ich mit der Situation nicht umgehen konnte, denn schon nach einer guten Viertelstunde hatte sie mich gebeten zu gehen. Für mich war damals eine Welt zusammengebrochen. Ich wollte es nicht glauben. Ich konnte es nicht verstehen. Warum sie?

Sie war damals für mich alles gewesen. Ich weiss nicht, wie ich das alles ohne sie durchgestanden hätte. Sie war meine einzige wirkliche Freundin. Die einzige, die sich nie über meinen Körper lustig gemacht hat, die in allem zu mir gehalten hat und die immer an mich geglaubt hat. Die einzige, die sich von meiner trotzigen und rebellischen Art nie hat abschrecken lassen. Sie war der erste Mensch, dem ich mich anvertraut hatte. Sie war es auch, die mich mit 14 Jahren dazu gebracht hatte, zur Polizei zu gehen und gegen meinen eigenen Vater auszusagen, nachdem meine jüngere Schwester sich das Leben genommen hatte. Ich war selber schon im Begriff, von der Brücke zu springen, als sie mir klar gemacht hatte, dass ich jetzt für meine kleinste Schwester verantwortlich sei… und dass ich ihre Freundin sei, dass ich ihr fehlen würde… dass sie mich liebe.

Ausser meinem Vater hatte mir niemand je gesagt, dass er mich liebe. Und daher war das Wort „Liebe“ bei aller Sehnsucht, die es in mir weckte, stets verbunden mit Angst: Angst vor dem Schmerz, Angst vor Ohnmacht, und vor allem Angst davor, enttäuscht, verraten und verlassen zu werden.

Doch sie hatte mich nie verlassen. Sie war da in der Zeit der quälenden Verhöre und Prozesse. Sie war da, als meine Mutter sich von mir abgewandt hatte. Und sie hatte mich regelmässig besucht, als ich wegen meiner Essstörungen in der Klinik war. Sie war so treu zu mir, dass manche sie sogar für lesbisch hielten. Letzteres fand erst ein Ende, als man ihr Mitte des letzten Schuljahres plötzlich vorgeworfen hatte, mit dem Schulseelsorger geschlafen zu haben. Der Vorwurf war absurd und haltlos. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie nie auch nur im Traum daran gedacht hätte, mit ihrem geistlichen Begleiter ins Bett zu gehen. Denn ich kannte damals sehr wohl den einzigen Jungen, mit dem sie sich wirklich so etwas hätte vorstellen können. Doch dieser war zu ihrem Leidwesen (und meinem heutigen Glück) in dieser Beziehung mindestens ebenso schüchtern und verklemmt wie sie selber.

Und dennoch wurde der Skandal mit dem Seelsorger zum Ausganspunkt meines Bruches mit ihr. Ich hatte regelmässig mit ihr zusammen die Veranstaltungen und Gottesdienste der Schulseelsorge besucht, wobei ich wohl weniger an Gott als an sie geglaubt hatte. Dass es so etwas wie einen starken, treuen und barmherzigen Gott geben könnte, hatte ich vor allem darum geglaubt, weil ich sie stets als stark, treu und barmherzig erlebt hatte. Doch das begann sich mit dem vermeintlichen Skandal zu ändern. Die falschen Anschuldigungen, der höhnische Spott mancher Mitschüler und das Misstrauen und die unverhohlene Verachtung einiger Lehrpersonen hatten ihr sichtlich zugesetzt. Immer öfter erschien sie mir traurig und bedrückt, und auch wenn sie es stets vor mir zu verbergen suchte, glaubte ich doch immer wieder, Spuren von Tränen in ihrem Gesicht zu erkennen.

Und so hatte ganz allmählich der Fels meines Lebens zu wanken begonnen. Plötzlich hatten die Arme, in denen ich bisher immer Kraft und Geborgenheit gefunden hatte, begonnen, sich an mir festhalten zu wollen. Doch darauf war ich nicht vorbereitet. Das durfte nicht sein. Ich hatte sie gebraucht, stark, treu und barmherzig. Plötzlich spürte ich die Angst in mir, und mit der Angst kamen die Ohnmacht und die Wut. Nein, sie durfte mich nicht verlassen. Nicht jetzt!

Und dann war sie da gesessen, in die Ecke des Sofas verkrochen, halb verdeckt von einem dicken Kissen, das ihre Arme fest gegen die Brust drückten. Sie hatte erbärmlich ausgesehen in ihrer formlosen Trainingshose, mit den abgeschnittenen Haaren und den dunklen Rändern unter ihren Augen. Nur ihre Stimme klang erstaunlich ruhig und sanft, als sie mich einlud, neben ihr Platz zu nehmen. Sie hatte mich gefragt, wie es mir gehe. Und ich hatte die ganze Zeit über kein vernünftiges Wort herausgebracht. Eine seltsame Beklemmung lag auf meiner Brust, als ob ich selber anstelle des Kissens zwischen ihren Armen gelegen hätte.

Das war damals einfach zu viel für mich. Ich fühlte mich verraten und verlassen, von ihr und von Gott. Verzweifelt vor Wut war ich in die nächste Kirche geeilt und hatte alle Opferkerzen ausgeblasen. „Scheiss Gott!“ höre ich mich jetzt noch schreien, als ich damals die Osterkerze von ihrem Sockel stiess.

Kurz danach war ich zum zweiten Mal in die Klinik eingewiesen worden. Sie hatte mehrfach versucht, mich zu besuchen. Aber ich wollte sie nicht sehen. Und als ich entlassen wurde, hatte ich erfahren, dass sich ihre Eltern getrennt hatten. Ich hatte die Kraft nicht, mich bei ihr zu melden.

Danach hatten wir uns Jahre lang nicht gesehen. Es waren einsame Jahre, geprägt von Scham und Schuldgefühlen. Mehrfach hatte ich mir vorgenommen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Doch das eine Mal, wo ich all meinen Mut zusammengenommen hatte, war sie zum Studium im Ausland.

Doch irgendwie war sie doch die ganze Zeit bei mir gewesen. „Ich glaube an dich!“ vernahm ich jeden Morgen tief in mir drin ihre Stimme, wenn ich mich im Spiegel betrachtete. „Kopf hoch!“ hörte ich sie rufen, wenn ich während meines Jus-Studiums immer mal wieder die Schultern habe hängen lassen. Und irgendwie spürte ich, dass sie stolz auf mich war, als ich mir als frisch gebackene Anwältin zuhause vor dem Spiegel zum ersten Mal die Jacke meines neuen Twinsets um die Schultern drapiert hatte.

Und dann lag da plötzlich eines Tages die Einladung zu ihren Ordensgelübden in meinem Briefkasten. Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich hingehen sollte oder nicht. Schliesslich hatte ich mich doch entschieden zu gehen und mir für diesen Anlass auch gleich noch einen neuen Rock und Blazer gekauft. Als ich jedoch vor den Stufe zur Kirche stand, war sie plötzlich wieder da, die Scham. Und ich war tatsächlich drauf und dran gewesen, wieder das Weite zu suchen, als plötzlich er auftauchte. Ich hatte ihn sofort erkannt, nach all den Jahren. Er war ein stattlicher Mann geworden, hatte aber diesen Hauch von jungenhafter Schüchternheit nicht ablegen können. Nie werde ich sein verlegenes Lächeln vergessen, als er offensichtlich vergeblich versucht hatte, mich irgendwo in seinen Erinnerungen einzuordnen.

„Wie geht es ihm und der Kleinen?“, hatte sie mich heute Nachmittag unvermittelt aus meinen quälenden Gedanken gerissen, indem sie beruhigend meine Hände fasste, die immer noch mit der Blumenvase spielten. Sie habe sich sehr über die Hochzeitsbilder gefreut, und auch über das Foto unserer kleinen Tochter.

Ich war froh und dankbar, über meine Familie sprechen zu können. Und noch dankbarer war ich letztlich, dass mein spontaner Babysitter nur eine Stunde Zeit hatte und ich bald wieder aufbrechen musste. Ihre Umarmung war diesmal sanft und zurückhaltend. Dafür konnte ich an meiner Brust deutlich das hölzerne Kreuz spüren, das sie unter ihrer Strickjacke verborgen um den Hals trug.

Erst als ich auf dem Parkplatz in meinem Wagen sass, begann sich meine innere Lähmung zu lösen. Erst jetzt wurde mir wirklich bewusst, wie traurig und verlassen sie aussah, als sie mir unter dem Kastanienbaum zum Abschied noch einmal zugewinkt hat. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Plötzlich haben die erwachsene Frau, die junge Mutter und die erfolgreiche Anwältin in mir begriffen, dass sie ein für alle Mal aufhören müssen, ihr Leben von einem verzweifelten kleinen Mädchen bestimmen zu lassen.

Ich war noch nie eine Sportskanone gewesen und auch meine eleganten Stiefelletten waren nicht zum Rennen auf Kieswegen gedacht. Doch in diesem Moment war mir alles egal. Durch die Tränen in meinen Augen konnte ich die verblüfften Blicke der Spaziergänger sehen, als ich an ihnen vorbei zurück zum Gartenrestaurant rannte. Und irgendwo hinter mir hörte ich jemanden rufen, ich hätte meine Strickjacke verloren. Aber was war schon eine Strickjacke? Ich war im Begriff, zum zweiten Mal in meinem Leben das Beste zu verlieren, was mir je geschenkt worden war.

Der Tisch unter dem Kastanienbaum war verlassen.

Ich habe wieder versagt!!!

Mein Gott, wie ich mich dafür hasse!

Ich glaube, wenn mein Mann und die Kleine nicht wären…

Ich möchte nur noch schlafen, schlafen… und nie mehr aufwachen!

********

Sonntag, 00.30 Uhr

WhatsApp weckt mich aus einem Albtraum:

Danke für Deine Freundschaft.
Gesegnete Pfingsten!
Keep the Spirit of God! 🙂

Da wo das düstere Kreuz war, strahlt nun eine weisse Rose.

 

 

 

 

 

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4 Gedanken zu “Warum sie? II (die beste Freundin)

  1. Deine Figuren sind wieder gut beobachtet und so plastisch geschildert, dass man sie vor sich zu sehen glaubt, mit ihrer Gestik und Mimik, mit ihren Zweifeln, denn darum geht es hier ja, den Zweifel an sich, den Zweifel an Gott, die Unfähigkeit, das eigene Schicksal anzunehmen, aber auch den nächsten Schritt zu tun, nicht immer an einem früheren Leid hängen zu bleiben. Wer ist die Starke, wer die Schwache? Es gibt wohl keine Heldinnen in dieser Geschichte.

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    1. Oder es gibt nur Heldinnen in dieser Geschichte: Menschen, die trotz ihrer Schicksale, Verletzungen, Nöte und Zweifel immer wieder versuchen zu leben und immer ein Stück mehr zu wachsen und Mensch zu werden. Vielleicht liegt das wahre Heldentum ja gar nicht in der Stärke sondern im Umgang mit der eigenen Schwäche.
      Wie auch immer, in Anbetracht dessen, was wir von der Geschichte der „Autorin“ dieses Kapitels wissen, braucht es schon einiges an Stärke, um überhaupt dahin zu kommen, wo wir sie heute antreffen. Ein Teil dieser Stärke hat sie von ihrer Freundin bekommen. Woher diese ihre Stärke bekommt, können wir nur ahnen.
      Herzlichen Dank einmal mehr fürs Lesen und Dein Mitgehen mit meinen „Heldinnen“.

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  2. Wie oft fragen wir uns im Leben , was wäre gewesen wenn ?
    Im Nachhinein fallen uns Dinge auf , die in den erlebten Situationen für uns nicht sichtbar waren …
    Manchmal sind wir , aus den unterschiedlichsten Gründen , wärend dieser Situationen , gar nicht in der Lage adäquat zu reagieren … später machen wir uns Vorwürfe ob unseres Versagens … doch … hätte sich tatsächlich etwas geändert , wenn wir anders reagiert hätten ?
    Wir wissen es nicht … und vielleicht ist das auch ganz gut so …

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    1. Natürlich wäre einiges anders gekommen, wenn wir anders gehandelt hätten. Aber die Frage ist letztlich sinnlos, weil wir nicht anders gehandelt haben und oft auch nicht wirklich anders handeln konnten. Das Entscheidende ist aber, aus dem Vergangenen für die Gegenwart zu lernen, denn mit jeder Entscheidung und Handlung gestalten wir die Welt von morgen… und wenn es nur im Kleinen ist 🙂

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