Warum sie? I (ein Mitschüler)

(Aus dem Tagebuch eines ehemaligen Mitschülers)

Warum sie 1
Bild von Cherrykoko

Warum hatte sie das getan? Warum? Warum ausgerechnet sie?

Hatte sie nicht alles, was sich eine junge Frau wünschen konnte?

Sie lebte in einem fantastischen Haus am See. Ihr Vater war der Leiter einer traditionsreichen Privatbank und ihre Mutter eine ehemalige Schönheitskönigin, die sich als Model und später als Modedesignerin einen Namen gemacht hatte. Von ihrem Vater hatte sie die Intelligenz, von ihrer Mutter die Schönheit. Alles war angerichtet für eine erfolgreiche Karriere.

Wie gross war doch der Stolz ihres Vaters gewesen, als sie das Studium in Rekordzeit mit Summa cum Laude abgeschlossen hatte. Dank seiner Beziehungen hatte sie auch gleich eine Topstelle in einer Grossbank bekommen. Bei allen schwierigen Fragen stärkte er ihr den Rücken. Und er genoss es sichtlich, mit seiner eleganten Tochter in die Oper zu gehen, Symphoniekonzerte zu besuchen und sich mit ihr in den besten Clubs und Restaurants zum Mittagessen zu treffen. Für jedermann war klar, wer dereinst seine Nachfolgerin werden sollte.

Was war also geschehen? Wie konnte es so weit kommen? Und wann hatte es begonnen?

Niemand konnte es wirklich sagen.

Natürlich war sie schon in der Schule irgendwie eine Aussenseiterin gewesen. Zu Beginn der Pubertät wurde sie wegen ihrer kleinen Brüste gehänselt. Sie war als Streberin verschrien und ihre eigenwillige Art, Strickjacken um die Schultern gelegt zu tragen, brachte ihr schon früh den Titel „Frau Professor“ ein… und „Papis Sekretärin“. Und auch die exquisiten Kleider, die ihre Mutter für sie entwarf, gehorchten nicht unbedingt dem Imperativ der aktuellen Teenie-Mode. Doch mit der Zeit war es ihr gelungen, sich Respekt zu verschaffen. Man begann, sie zu mögen, und irgendwann wurde sie gar zur Klassensprecherin gewählt. Wirkliche Freundinnen schien sie jedoch keine zu haben. Ausser vielleicht das eine Mädchen aus der Parallelklasse, ein trotziges, übergewichtiges Kind, dessen Vater aus irgendeinem Grund im Gefängnis sass.

Uns Jungs gegenüber war sie offen und nett, aber mehr nicht. Durch diese Zurückhaltung wurde sie spätestens in der Oberstufe zum Dauerthema auf dem Pausenhof und in den Umkleidekabinen. Wetten zirkulierten, wer es zuerst schaffen würde, sie zu küssen und mit ihr in den Ausgang zu gehen. Und eines Tages hatte tatsächlich einer behauptet, mit ihr im Bett gewesen zu sein. Als Beweis hatte er uns eine abgeschnittene Haarlocke präsentiert. Sie selber hatte zu diesem Thema beharrlich geschwiegen.

Unvergessen sind die Ohrfeigen, die sie damals zwei Mitschülern vor den Augen des Klassenlehrers verabreicht hatte. „Zufällig“ war ihr während der Stunde das Blatt in die Finger gekommen mit dem Resultat einer „repräsentativen“ Umfrage bezüglich der Qualität der „Titten und Ärsche“ aller Mädchen der Klasse. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll der Klassenlehrer seinen Kollegen gegenüber behauptet haben, sie habe sich dafür gerächt, dass sie nur auf Platz drei der Liste gestanden habe.

Die anderen Mädchen waren hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Eifersucht. Die einen hatten sie für ihre Unabhängigkeit beneidet, während andere sie für arrogant und verklemmt hielten. Das Gerücht, sie sei eine Lesbe, hatte sich ebenso hartnäckig gehalten wie die Behauptung, sie wolle ihre Zeit nicht verschwenden mit Jungs ihres Alters und sich stattdessen direkt einen Kerl von der Uni angeln.

Doch all diese Gerüchte und Spekulationen hatten sich Mitte des letzten Schuljahres in Luft aufgelöst, als stattdessen plötzlich der Verdacht im Raum stand, sie hätte Sex mit dem Schulseelsorger, dessen Angebote sie regelmässig besuchte und unterstützte. Es konnte den beiden nichts nachgewiesen werden, doch der junge Priester musste umgehend die Schule verlassen.

Die Angelegenheit musste schwer auf ihr gelastet haben. Sie hatte sich immer mehr zurückgezogen und ihr Abitur schliesslich weit unter ihren Möglichkeiten abgeschlossen. Kommt dazu, dass sich ihre Mutter damals unvermittelt von ihrem Vater hatte scheiden lassen. Kein Wunder also, dass sie wenige Monate nach Schulabschluss in eine schwere Depression gefallen war.

Ich weiss nicht, was mir den Mut gegeben hatte, sie damals in der Klinik zu besuchen. Es ging ihr schon besser, aber die Spuren der Medikamente waren nicht zu übersehen. Sie hatte sich sehr gefreut über meinen Besuch und ich war erstaunt, wie offen sie mir von ihrem Leiden erzählte, von der plötzlichen Stigmatisierung und Einsamkeit nach der Geschichte mit dem Seelsorger, vom Schmerz über die Trennung ihrer Eltern, und von der Nacht, die das Leben ihrer Familie verändert hatte. Ich konnte mich erinnern, dass sie einmal mehrere Tage gefehlt hatte. Aber genaueres hatte man damals nicht erfahren. Sie und ihre Mutter waren offenbar mehrere Stunden in der Hand von Geiselnehmern gewesen, während ihr Vater gezwungen worden war, umfangreiche Finanztransaktionen zu tätigen. Erst am folgenden Morgen waren sie von der Haushaltshilfe gefesselt und geknebelt aufgefunden worden. Ihr Blick schien seltsam leer und abwesend, als sie mir davon erzählte. Aber ich wagte nicht weiter zu fragen.

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik war sie zum Studium ins Ausland gegangen. Und als sie zurückkam, um ihre Karriere bei der Bank zu starten, war ich im Ausland. Wir hatten uns mehrere Jahre nicht mehr gesehen, als ich sie eines Tages auf der Treppe zur Unibibliothek beinahe über den Haufe rannte. Sie sah atemberaubend aus in ihrem gehäkelten Sommerkleid und der graue Kaschmir-Strickjacke, die ihr bei meinem Rempler von den Schultern geglitten war. Da sie einen dicken Stapel Bücher in den Armen hielt, musste ich ihr die Jacke aufheben. Noch heute erregt mich die Erinnerung an das betörend weiche Kaschmir und den dezenten Duft ihres Parfüms, wenn ich daran denke, wie ich unvermittelt mit ihrer Jacke in der Hand auf der Treppe stand und wartete, bis sie ihre Bücher zurückgegeben hatte.

Über zwei Stunden waren wir damals durch den Stadtpark spaziert, bis sie sich schliesslich verabschieden musste. Nie werde ich diesen letzten Moment vergessen, als sie nach einer kurzen Umarmung und einem leichten Kuss auf meine Wangen im Laufschritt zur Bushaltestelle eilte. Ihre Weise, die Jacken zu tragen, hatte auf mich bei aller Eigenständigkeit immer auch einen fragilen und verletzlichen Eindruck gemacht. Doch als ich nun zusah, wie die Strickjacke mit den langen Ärmeln im Rhythmus ihrer leichten Schritte elegant um ihre Schultern wehte, erschien sie mir plötzlich wie eine Königin… oder wie ein Engel. Ein drückender Schmerz befiel mein Herz, als sie mir aus dem Fenster des Busses mit einem seltsam wehmütigen Blick noch einmal zuwinkte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich eigentlich gar nichts von ihr erfahren hatte. Wir hatten doch tatsächlich die ganze Zeit nur über mich gesprochen.

Als ich schliesslich nach einer Woche endlich meinen ganzen Mut zusammennahm und mich in der Bank nach ihr erkundigte, erfuhr ich, dass sie ihre Stelle gekündigt hatte und schon seit einem Monat nicht mehr dort arbeitete. Auch aus dem Elternhaus war sie vor ein paar Tagen ausgezogen. Und da ihr Facebook-Account gelöscht war, ihre Mutter zum wiederholten Mal in einer Klinik weilte und ihr sichtlich erzürnter Vater sich kategorisch weigerte, über seine Tochter zu reden, schien sie sich für mich wie in Luft aufgelöst zu haben.

In der ersten Zeit nach ihrem Verschwinden war ich hin und her gerissen zwischen meiner Sorge um sie und meiner verletzten Eitelkeit. Was war nur in sie gefahren? Wie konnte sie alles aufgeben, einfach so? Und warum hatte sie mir nichts gesagt? Ich verstand sie nicht. Ich hatte sie wohl noch nie wirklich verstanden. Aber hatte ich je versucht, sie zu verstehen? Was wusste ich überhaupt von ihr? Plötzlich wurde mir schmerzhaft bewusst, wie sehr sie mir fehlte… wie sehr sie mir all die Jahre gefehlt hat. Und ja, ich war wütend auf sie. Doch eigentlich war ich wütend auf mich. Was war ich nur für ein ängstlicher, verklemmter Idiot gewesen! Ein jämmerlicher, ichbezogener Feigling! Ich hatte es vermasselst, all die Jahre.

Ich brauchte ein paar Wochen, um mich allmählich zu beruhigen und sie einmal mehr aus meinen Gedanken und Gefühlen zu verdrängen. Meine neue Arbeitsstelle nahm mich schliesslich voll in Anspruch und ein gelegentlicher Flirt mit einer Kollegin trug das Seine dazu bei, mich von meiner unerfüllten Sehnsucht abzulenken.

Und dann erhalte ich mit der Post diese Anzeige, nach über zwei Jahren!

*******

Die Kirche war nicht besonders gross, aber bis auf den letzten Platz besetzt. Drei Reihen vor mir sass ihre Mutter. Sie war alt geworden und die Medikamente hatten ihr zugesetzt. Aber ihre aufrechte Haltung und ihre langen, silbergrauen Haare, die sich auf ihrem Rücken in Wellen über das elegante, schwarzen Kaschmir-Cape ausbreiteten, liessen immer noch die ehemalige Schönheitskönigin erahnen. Sie trug einen schwarzen Hut mit breiter Krempe, und als sie den Kopf drehte, erkannte ich die dunklen Spuren des Liedschattens, die ihre Tränen auf der Wange hinterlassen hatten. Der Vater war nicht da. Das hätte mich auch gewundert. Auch sonst kannte ich kaum jemanden. Niemand von unserer alten Klasse war gekommen.

Umso dankbarer war ich für die junge Frau, die neben mir sass. Sie hatte mich beim Betreten der Kirche angesprochen. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, als sie mir geduldig zugesehen hatte, wie ich verzweifelt versuchte, sie einzuordnen. Ihre leicht zur Fülle neigende Figur steckte in einem perfekt geschnittenen, dunklen Kostüm, dessen lange Blazerjacke sie sich elegant um die Schultern gelegt hatte. Die Zeremonie hatte bereits lange begonnen, als ich immer noch nicht wusste, wo ich sie unterbringen musste. Ich wusste nur, dass es mir gut tat, sie neben mir zu spüren in dieser seltsam fremden Umgebung.

Und so richtig fremd wurde es für mich, als wir plötzlich alle standen und auf die schwarze Gestalt starrten, die ausgestreckt vor uns am Boden lag, den Kopf verborgen unter einem schwarzen Schleier. Ein Chor erfüllte den Raum mit einem monotonen Antwortgesang. Vereinzelt versuchten Leute um mich herum mitzusingen, auch die Frau an meiner Seite. Ich hörte einzelne Namen wie Franziskus, Benedikt und Teresa, die ich noch aus der Schule kannte, aber die meisten anderen sagten mir nichts. Einen Moment glaubte ich auch den Namen Edith Stein gehört zu haben, aber bevor ich mich noch länger darüber wundern konnte, begann sich die schwarze Gestalt vor uns langsam zu erheben.

Noch immer hatte ich ihr Gesicht nicht gesehen, als sie wenig später von einer älteren Frau im gleichen schwarzen Gewand vor allen Leuten herzlich umarmt wurde. Erst als eine Gruppe von ebenso schwarz gekleideten Frauen einen mehrstimmigen Gesang anstimmte, drehte sie sich endlich zu uns um. Ich hätte sie im ersten Moment fast nicht wiedererkannt, zumal unter dem schwarzen Schleier nur ihr helles Gesicht zu sehen war. Doch als ich ihr typisches, kaum wahrnehmbares Winken sah, das von meiner Banknachbarin spontan erwidert wurde, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es war das Winken, um das ich das Mädchen aus der Parallelklasse immer beneidet hatte.

Und dann, über alle Köpfe hinweg und an der Krempe des Hutes ihrer Mutter vorbei, trafen sich unsere Blicke. Das freudige Erkennen in ihren Augen gab mir einen Stich ins Herz. Doch tiefer als dieser spontane Blick hat mich der Ausdruck ihres Gesichtes getroffen, der diesem Blick voranging. Noch nie hatte ich ein solch entspanntes und selbstbewusstes Strahlen gesehen, einen Ausdruck, für den mir die Worte fehlen und der mich gleichzeitig mit einer tiefen Freude und einem lodernden Schmerz erfüllte.

Einen Moment lang stand ich da wie gelähmt, bis ich spürte, wie jemand sanft meinen Arm berührte. Und mitten im hymnischen Gesang, der die Kirche bis unters Dach erfüllte, hörte ich plötzlich eine leise Stimme an meinem Ohr:

„Du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hattest nie eine Chance gegen IHN“.

 

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6 Gedanken zu “Warum sie? I (ein Mitschüler)

  1. Nicht , daß ich nachvollziehen könnte , was eine Frau dazu bringt , Nonne zu werden … aber diese muß einen unerschütterlichen Glauben haben … das ringt mir Respekt und Bewunderung ab … und vielleicht sogar ein wenig Neid , weil sie so genau zu wissen scheint , wozu sie ihr Leben nutzen will …

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, von aussen gesehen ist das schwierig zu verstehen und nachzuvollziehen. Doch gerade in unserer Zeit, wo niemand sich mehr festlegen will und keiner mehr langfristige Engscheidungen zu treffen wagt, geht von der Lebenswahl junger Ordensleute bei allem durchaus verständlichen Unverständnis immer auch eine gewisse Faszination aus, vor allem, wenn es sich dabei um gesellschaftlich integrierte und an sich lebenstauglich scheinende Personen handelt. Ja, was ist das Geheimnis, das sie antreibt?
      Herzlichen Dank fürs Lesen und Kommentieren
      Beat

      Gefällt 2 Personen

  2. Ist es Stärke, die sie diese Entscheidung treffen lässt, oder ist es Schwäche, ein Rückzug aus einer Welt, die ihr zu nah kommt, die verlangt, dass sie dazugehört? Du zeigst uns wieder eine Hochglanzwelt, die nur auf den ersten Blick perfekt ist, neidisch machen könnte, aber schnell wird klar, dass es da etwas gibt, das sich unserem Verständnis entzieht. Das ist gut gemacht und hält uns Leser bis zum Schluss bei der Sache.

    Gefällt 1 Person

    1. Was heisst hier schon Stärke und Schwäche? Und auch (oder gerade) das Leben in einer klösterlichen Gemeinschaft kommt einem sehr nahe und verlangt, dass man dazugehört. Für „schwache“ ist da kaum Platz. Wobei es ja letztlich gerade der positive Umgang mit der eigenen Schwäche ist, der Menschen wirklich stark macht, egal welche Lebensform sie schliesslich für sich wählen.
      Danke fürs Lesen und Deinen ermutigenden Kommentar!

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, stimmt wohl. Für Schwache bietet auch das Kloster kaum Raum, der Umgang mit den eigenen Schwächen ist da noch einmal etwas anderes, den zu lernen, gehört wohl zu den Lebensaufgaben. Und da mag dann auch ein Kloster wieder hilfreich sein, vermutlich bietet es reichlich Gelegenheit, die eigenen Schwächen zu erfahren.

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