Schatten der Vergangenheit (IV)

Die lange Strickjacke war bis unter seinen Hals fest zugeknöpft. Er hatte heiss und bekam keine Luft. Aber er konnte seine Arme nicht bewegen. Lose baumelten die Ärmel der Jacke von seinen Schultern, während sich eine behandschuhte Hand auf seinen Mund presste. Direkt vor ihm waren ein paar Augen, die ihn durch den Schlitz einer schwarzen Motorradhaube anstarrten. Und plötzlich waren es die Augen seiner Mutter. Zwischen ihren Zähnen hielt sie ein Messer, während er spürte, wie man sich an den untersten Knöpfen der Strickjacke zu schaffen machte…

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Sein eigener Aufschrei weckte ihn aus dem Mittagsschlaf. Durch das offene Fenster drang der frühlingshafte Gesang der Vögel, während die Standuhr im Treppenhaus zwei Uhr schlug. Das Herz pochte heftig unter seinem schweissnassen Hemd, als sich Richard vorsichtig aus dem Bett wälzte. Keine zwei Monate war es her, dass er sich bei dieser Gelegenheit einen Hexenschuss eingefangen hatte. Schon damals war er aus einem ähnlichen Traum hochgeschossen. Mein Gott, wie hatte sich sein Leben verändert seit jenem Tag!

Vor einem Monat hatte sich seine Frau in der Klinik das Leben genommen. Und vor drei Wochen, einen Tag nach der Beerdigung, hatte ihre junge Assistentin die Sachen gepackt und war ausgezogen. Seither lebte Richard alleine in dem grossen Haus. Nur die Haushälterin und der Gärtner leisteten ihm tagsüber Gesellschaft. Angst hatte er keine während der einsamen Nächte. Gegen dieses Gefühl schien er seit Jahren immun zu sein. Wenn da nur nicht dieser Traum gewesen wäre. Seit ein paar Tagen schon hatte er wieder seine Pistole unter dem Kopfkissen.

Nachdem er kurz das Magazin der Waffe kontrolliert hatte, legte er sie zurück in die Nachttischschublade und machte sich daran, das feuchte Hemd zu wechseln. Im Schrank stiess er dabei auf die dicke Wollstrickjacke, die ihm seine Frau zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hatte sie nur einmal kurz getragen, ihr zuliebe. Seither lag sie zusammengelegt hinter den frischen Hemden. Wie hätte sie auch wissen sollen… Er hatte nie mit ihr darüber gesprochen.

Einem spontanen Impuls folgend nahm er die Strickjacke hervor und entfaltete sie zwischen seinen Händen. Seine Frau hatte Geschmack, das musste man ihr lassen. Und sie hatte einen ausgesprochenen Sinn für Qualität. Nach kurzem Zögern überwand Richard schliesslich seinen Widerstand und schlüpfte in die zugeknöpfte Jacke. Instinktiv verspannte sich sein Körper, doch die Wolle fühlte sich wunderbar an und der weite Schalkragen sorgte dafür, dass er sich um den Hals nicht eingeengt fühlte. Eine leise Erregung bemächtigte sich seiner, als er sich unter dem Hemdkragen auch noch ein Seidentuch um den Hals band.

„Du siehst fantastisch aus!“, hörte er in seinem Kopf eine Stimme sagen, als er sich im Spiegel betrachtete. Ja, verdammt, sie fehlte ihm, diese Stimme. Nicht dass sie ihm tatsächlich je so etwas Ähnliches gesagt hätte. Nein, dazu war sie viel zu diskret und professionell gewesen. Ein bitterer Schmerz durchfuhr Richard, als er daran denken musste, was die junge Frau ihm erzählt hatte. Sie hatte beim Leeren des Papierkorbes im Arbeitszimmer seiner Frau nicht nur sein Bild und seine Blumen sondern auch den Ohrring gefunden, den sie verloren hatte, als sie ihm beim Hexenschuss zu Hilfe kam. Mein Gott, sollte sie recht gehabt haben? Sollte seine Frau wirklich geglaubt haben, dass er mit ihr im Bett war? War das der Grund für ihren Zusammenbruch? War er am Ende schuld an ihrem Tod? Natürlich war da nie etwas gewesen zwischen ihm und der jungen Assistentin. Doch war das wirklich wahr? Machte er sich da nichts vor? Wie viele Male hatte er die junge Frau vor seinem inneren Auge ausgezogen. Und wessen Augen und Lippen hatte er vor sich gesehen, wenn er sich alleine in seinem Zimmer…?

Aber nein, verdammt, wegen eines Ehebruchs bringt man sich nicht um! Das hatte ihm auch die junge Assistentin versichert, nachdem sie seine erschrockene Reaktion bemerkt hatte. Sie wusste offenbar mehr über seine Frau als er selber. Aber sie hatte ihm nichts weiter erzählt. Er hatte sich hundert Mal gefragt, was sie erfahren haben könnte. Denn eines war ihm klar: Sie konnte unmöglich wissen, was er am Tag der Beerdigung erfahren hatte.

Damals war ihm beim Leichenmahl eine Dame aufgefallen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie trug ein langes schwarzes Strickkleid über eleganten Lederstiefeln, und hatte sich eine schwarze Kaschmir-Stola um die Schultern geschlungen. Richard hatte seinen Augen nicht getraut, als sie sich ihm schliesslich als seine Schwägerin vorgestellt hatte. Seine Frau hatte nie von ihrer Schwester gesprochen. Er wusste nur, dass sie eine hatte, dass diese schon früh allerhand Probleme mit Drogen und Essstörungen hatte und dass die Schwestern schon seit Jahren keinen Kontakt mehr miteinander pflegten.

„Sie haben sich ihre Schwägerin ganz anders vorgestellt, nicht wahr?“, sagte die Dame mit warmer Stimme, als sie sich etwas abseits der Leute auf das Sofa setzten. Um ehrlich zu sein, hatte Richard sie sich gar nicht vorgestellt. Er wusste nicht einmal, dass sie noch lebte. Doch sie hatte überlebt. Und wie! Die Dame machte keinen Versuch, ihre Tränen zu verbergen, als sie begann, ihm von ihrer Jugend zu erzählen: Von ihrer völlig überforderten Mutter, die abends in Bars arbeiten musste, um die Familie durchzubringen. Von ihrem Vater, der nach einem Grubenunglück invalid geworden war. Von seinen Depressionen, seinen Gewaltausbrüchen und von all den Jahren, während denen er sich von seinen Mädchen das holte, was ihm seine Frau nicht geben wollte. Ihre ältere Schwester hätte alles getan, um den Horror zu verleugnen. Sie war die perfekte Fassade der Familie gegen aussen: Intelligent, angepasst, fleissig und erfolgreich. Ja, sie habe sie gehasst dafür. Doch heute täte sie ihr leid. Sie selber wäre damals durch die Hölle gegangen. Aber eines Tages habe sie Menschen getroffen, die ihr geholfen hätten. Es sei ein langer Therapie- und Heilungsweg gewesen. Aber schliesslich habe sie selber Sozialarbeit studieren können. Und heute kümmere sie sich um Kinder aus problematischen Familien. „Ich weiss nicht, was meine Schwester letztlich in den Tod getrieben hat. Aber ich hatte immer geahnt, dass die verdrängte Finsternis sie eines Tages einholen würde.“

Beim Zuhören war Richard bewusst geworden, dass er seine Frau nie hatte weinen sehen. Er konnte sich nicht erinnern, dass sie je die Fassung verloren hätte. Sie war für ihn der Inbegriff von Stärke und Souveränität. Und das war wohl auch der Grund, warum er sie geheiratet hatte: Das, ihre gesicherte gesellschaftliche Existenz als renommierte Professorin, und ihre lange Kaschmirjacke, die sie so geliebt hatte und die sie stets bis zum Hals zugeknöpft zu tragen pflegte.

Richards Mutter hatte damals eine ähnliche Jacke besessen. Er war als Junge oft nachts alleine zuhause, wenn seine Mutter im Krankenhaus Dienst hatte. Er hatte immer schreckliche Angst, wagte es ihr aber nicht zu sagen. Dafür hatte er sich jeweils ihre Strickjacke aus dem Schrank geholt. Eingehüllt in die weiche Wolle fühlte er sich wenigstens etwas sicherer und geborgen.

Eines Nachts, kurz nach seinem achten Geburtstag, war er dabei auf dem breiten Bett seiner Eltern eingeschlafen. Plötzlich wurde er vom grellen Licht einer Taschenlampe aus dem Schlaf gerissen. Der feine Geruch von Leder drang ihm in die Nase, als eine Hand ihn am Schreien hinderte. Und über der Lichtquelle tauchten plötzlich zwei Augen auf, die ihn aus dem Schlitz einer Motorradhaube hervor anschauten. „Kümmere dich um den Bengel!“ hörte er eine männliche Stimme aus dem Dunkeln, „wir warten auf die Alte.“

Die Frau hatte den völlig verängstigten Jungen mit Klebeband verschnürt und ihn dann in die Strickjacke seiner Mutter eingepackt, die sie ihm bis zum Hals zuknöpfte. Mit einem Stück Klebeband über dem Mund geknebelt musste er wenig später hilflos zusehen, wie seine Mutter bei der Rückkehr von der Arbeit überwältigt und brutal an einen Stuhl gefesselt wurde. Richard hatte damals nicht verstanden, was diese Leute von ihnen wollten. Er begriff nur, dass es um Nordirland ging, und um seinen Vater, der sich zurzeit dort aufgehalten hatte. Seine Mutter hatte beharrlich geschwiegen, auch dann noch, als man ihr einen Plastikbeutel über den Kopf stülpte. Nie wird er das bedrohliche Knarren des Holzstuhles vergessen, als sich ihr Körper verzweifelt gegen die Fesseln stemmte. Aber auch nach dem dritten Anlauf wollte sie noch immer nicht sprechen. Dann hatte die maskierte Frau plötzlich ein Messer in der Hand. Gelähmt vor Angst hatte Richard zugeschaut, wie sie langsam die untersten Knöpfe seiner Strickjacke öffnete. Blankes Entsetzen sprach aus den erschöpften Augen seiner Mutter, als die Klinge des Messers schliesslich unter seine Unterhose glitt. „Nein, bitte, nicht den Jungen! Ich werde euch…“, hatte er sie noch schreien gehört, bevor seine Erinnerung abriss.

Eine Woche später war seine Mutter gemeinsam mit seinem Vater mit militärischen Ehren beerdigt worden. Richard war unter Schock und hatte lange nicht erfahren, was damals geschehen war. Sein Grossvater hatte ihm nur erzählt, dass sein Vater bei einem Einsatz in Nordirland ums Leben gekommen war. Erst als er selber zehn Jahre später in die Britische Army eingetreten war und sich nach der Grundausbildung um die Aufnahme in die 14. Aufklärungskompanie bewarb, hatte er erfahren, dass sein Vater auch schon Mitglied von „The Det“ war. Irgendwie musste die IRA damals hinter dessen Identität gekommen sein. Einen Tag nach dem Tod seiner Frau war er in Belfast von einem Kommando auf offener Strasse erschossen worden. Richard war schon über dreissig und seit mehreren Jahren in Nordirland im Einsatz, als ihm sein leitender Offizier endlich die geheime Akte aus den Siebzigerjahren gezeigt hatte. Offenbar war seine Mutter damals geknebelt und mit einer Schlinge um den Hals gefesselt auf dem Bett zurückgelassen worden. Bei ihrem verzweifelten Versuch, den Jungen und sich zu befreien, musste sie sich vor Erschöpfung irgendwann selber erdrosselt haben.

Richard war innerlich zerbrochen, als er die Wahrheit erfuhr. Quälende Schuldgefühle begannen ihn Tag und Nacht zu begleiten, und er konnte nicht begreifen, wieso er sich an nichts mehr erinnern konnte. Gleichzeitig war er besessen vom Bedürfnis nach Rache und er hatte alle Mühe, seine psychische Verfassung vor seinen Vorgesetzten zu verbergen. Nie hätten sie ihm unter diesen Umständen erlaubt, noch länger in seiner Undercover-Mission zu bleiben. Und dies mit Recht. Denn eines Nachts hatte Richard geglaubt, in einem Pub die Augen von damals wiederzuerkennen. Und er war überzeugt, dass auch sie ihn erkannt hatte. Er ging ihr nach auf die Toiletten, und als sie sich im Gang plötzlich umdrehte und ihre Hand aus der Handtasche zog, hatte er sofort geschossen. Es war eine Primarlehrerin und sie hatte einen Pfefferspray in der Hand, weil sie glaubte, er wolle sie belästigen.

Richard war damals in eine tiefe Depression gefallen und musste den Dienst quittieren. Es waren schwierige Jahre gewesen, aber langsam hatte er sich gefangen. Er bezog eine Rente und hatte begonnen zu schreiben. In dieser Zeit war er seiner Frau begegnet. Er wurde zum diskreten Rückhalt ihrer wissenschaftlichen Karriere und sie gab ihm das Heim und die Geborgenheit, nach der er sich so sehr sehnte. Kinder waren ihnen keine vergönnt gewesen und er war sich wohl bewusst, dass sie diesbezüglich ihr Glück auch bei anderen Männern versucht hatte. Aber er hatte sie geliebt. Und von Tag zu Tag wurde ihm mehr bewusst, wie sehr sie ihm fehlte.

Richard sah immer noch in sein eigenes Spiegelbild, als ihn der warme Klang der Standuhr aus seinen Gedanken riss. Seine Strickjacke strahlte eine angenehme Wärme aus und zum ersten Mal seit jener verhängnisvollen Nacht spürte er nicht diese beklemmende Übelkeit beim Gefühl von Wolle auf seinem Körper. Spontan musste er an die edle Kaschmir-Jacke seiner Frau denken, die ihm so an ihr gefallen hatte. Auf dem Tisch neben dem Spiegel lag immer noch der Koffer mit ihren Sachen, den man ihm aus der Klinik gebracht hatte. Er hatte ihn bisher nicht geöffnet. Enttäuscht stellte er fest, dass die Jacke fehlte. Er hätte geschworen, sie bei seinem Besuch in der Klinik gesehen zu haben. Einen Moment lang war er irritiert. Doch als er den Deckel des Koffers wieder zumachte, verspürte er eine seltsame Leichtigkeit.

Langsam öffnete er die Glastür und trat hinaus auf den Balkon. Warm schien die Frühlingssonne auf seinen Körper, während er den Vögeln lauschte, die sich zwischen den noch immer nackten Bäumen tummelten. Noch vor kurzem war der Park unter einer dicken Schneedecke begraben. Und nun sass bereits die erste Biene vor ihm auf dem Geländer. Nachdenklich schaute er ihr zu, wie sie ihre Fühler und Augen putzte, bevor sie zu neuen Taten aufbrach. Dann, einem spontanen Impuls folgend, zog er sein Telefon aus der Tasche. Er brauchte nicht lange, um die Nummer zu finden. Und während er mit gespannter Erwartung die Klingeltöne zählte, öffneten seine Finger langsam die Knöpfe seiner Strickjacke…

********

Richard spürte eine seltsame Erregung, als er seinen Wagen im Innenhof des grosszügigen Landgutes abstellte. Eine Gruppe von Jungs hatte ihr Fussballspiel unterbrochen und schaute misstrauisch zu ihm herüber, während er sich die Strickjacke elegant um die Schultern legte und an ein paar kichernden Mädchen vorbei das Hauptgebäude betrat. Der Mann an der Pforte zeigte ihm den Weg zum Büro der Heimleiterin. Sie war gerade im Begriff, einem kleinen Mädchen das aufgeschlagene Knie zu verbinden, als er an die geöffnete Tür klopfte.

„Tee oder Kaffee?“, fragte sie strahlend, nachdem das Mädchen verschwunden war und sie ihm ihre kräftige Hand hingehalten hatte. Neugierig schaute er ihr zu, als sie ihre Jacke auszog und das Teewasser aufsetzte. Sie war etwas grösser als ihre Schwester und trug ihre grauen Haare in einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr Körper in der engen Jeans und dem ärmellosen Rollkragentop war in gesunder Form und Richard hatte Mühe sich vorzustellen, wie sie als Jugendliche ausgesehen haben muss. Und als sie sich mit dem Tablett in den Händen umdrehte, sah er auf ihrem Oberarm das dornenumrankte Schwert, das sich durch einen Totenkopf bohrte.

„Es erinnert mich jeden Tag daran, woher ich komme“, sagte sie schmunzelnd, während sie ihm den Tee einschenkte. „Und es verschafft mir gehörigen Respekt bei den Jungs“. Die natürliche Heiterkeit seiner Schwägerin war betörend und unwillkürlich begann sich Richard zu entspannen. Langsam öffnete er den Knopf an der Manschette seines Hemdes und schob den Ärmel nach oben. „Wer wagt, gewinnt“. Sie schien zu wissen, was das Zeichen bedeutete. Aber der leise Spott in ihrer Stimme verriet ihm, dass sie sehr wohl wusste, dass keiner, der unter diesem Motto gedient hat, sich dieses Zeichen auf den Arm brennen lassen würde.

„Es erinnert mich an die Zeit, wo ich noch etwas tun wollte für eine bessere Welt. Dafür, dass Kinder nachts in Frieden schlafen können, “ sagte er fast entschuldigend.

„Ich bin überzeugt, den Jungs wird es gefallen! Und die Mädchen mögen dich auch so. Glaub mir, ich kenne mich da aus!“

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2 Gedanken zu “Schatten der Vergangenheit (IV)

  1. Wie ich schon annahm, keine ungebrochenen Charaktere, jeder hat seine Katastrophen erlebt. Jetzt frage ich aber, was mit der Zwillingsschwester der Doktorantin los ist. Da ist doch noch eine Spur, der du nicht gefolgt bist.

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    1. Ich sehe schon: Du beginnst mich zu kennen 😉
      Es sind bei mir noch mindestens zwei Pisten offen, aber ich habe zur Zeit weder Gedanken noch Gefühle frei zum Schreiben. Aber bald kommt der Urlaub… wer weiss, ob dann wieder etwas in Gang kommt.
      Danke für Deinen Besuch und Deine ermutigenden Kommentare!

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