Schatten der Vergangenheit (II)

„Ich habe so gehofft, dass du kommen würdest“, hörte sie seine Stimme, als er sie in seinem Arbeitszimmer zurückliess, um ihren Daunenmantel an die Garderobe zu hängen und in der Küche einen Tee zu kochen. Wie betäubt stand sie am Fenster und schaute auf die winterlich weisse Pracht, die ihr in der gleissenden Sonne entgegenblitzte. Immer wieder schwebten kleine Wolken von glitzernden Sternchen durch die Luft, wenn sich etwas Schnee von einem Ast löste und in der eisigen Winterluft zerstäubte. Gestern noch hatte sie mit ihr zusammen diesen Zauber bewundert, beim Spaziergang im Park der Klinik. Sie wollte es einfach nicht glauben. Wie konnte das nur passieren?

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Langsam drehte sich Elisabeth um, als das grelle Licht neue Tränen in ihre schmerzenden Augen trieb. Ihre von der Kälte geröteten Wangen glühten, während ihr Blick über die vollen Bücherregale glitt. Das war es also, das private Reich ihres ehemaligen Professors. Sie mochte diesen Geruch von alten Büchern. Und ein Hauch von Pfeifenrauch lag in der wohlig warmen Luft. Geistesabwesend überflog sie die Titel auf den Buchrücken, während sie sich an den Knöpfen ihrer Strickjacke zu schaffen machte. Aber die Finger versagten ihr den Dienst. Ihre eleganten Lederhandschuhe waren definitiv nicht gedacht für lange Aufenthalte in bissiger Kälte.

Fast drei Stunden war Elisabeth ziellos umhergeirrt, nachdem sie die Klinik verlassen hatte, zuerst in der Stadt und danach im Stadtpark. Zwischendurch hatte sie in einem Café einen heissen Tee trinken wollen. Aber die Vorstellung, inmitten dieser Bridge spielenden Damen ihre Verzweiflung herauszuweinen, liess sie schon an der Tür kehrtmachen. Die lärmige Geschäftigkeit in den Strassen und das frohe Lachen der schneeverrückten Kinder im Park drangen nur aus weiter Ferne in ihr Bewusstsein. Wie betäubt hatte sie die Enten betrachtet, die unbeirrt in den halb zugefrorenen Teichen trieben. Und irgendwann stand sie schliesslich vor dem Haus ihres ehemaligen Doktorvaters. Sie wusste nicht wirklich, wie sie hierhergekommen war, aber sie erkannte es sofort. Einmal nur war sie hier gewesen, um ihm eine Arbeit abzugeben.

Die gepflegte Atmosphäre seines Arbeitszimmers tat Elisabeth gut. Ganz allmählich kam mit der Wärme auch wieder etwas Ordnung in ihren Kopf, während sie ihre Hände über der Kerze auf dem Schreibtisch zu neuem Leben erweckte. Rund um das Manuskript eines Artikels lagen mehrere offene Bücher auf dem Tisch. Und neben dem Bildschirm des alten Computers stand ein Bild von ihr, der Frau, die ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben hatte. Eine neue Welle von Schmerz ergriff Elisabeth, als sie das Bild in dem feinen, goldenen Rahmen in die Hand nahm. Es musste über 20 Jahre alt sein. Aber die junge Frau auf dem Bild, im schwarzen Talar mit dem Doktorhut an der Seite des Professors, hatte bereits denselben selbstbewussten und entschlossenen Blick, der für die spätere Professorin so typisch war. Elisabeth war vom ersten Moment an fasziniert gewesen von dieser Frau. Und doch, wenn sie ehrlich war, hatte sie schon bald, nachdem sie die Stelle als Assistentin bei ihr angenommen hatte, begonnen, hinter der Fassade der renommierten Professorin eine andere Wahrheit zu erahnen. Aber was diese Wahrheit war, wusste sie bis heute nicht. Und das machte es ihr noch schwieriger zu verstehen.

Fassungslos war sie vor ein paar Stunden an dem Bett gestanden, auf dem man die Professorin aufgebahrt hatte. Sie sah irgendwie friedlich aus. In ihren blassen Zügen lag etwas von dieser alten Entschlossenheit. Und entschlossen musste sie auch gewesen sein. Anders wäre es so nicht möglich gewesen. Seit Tagen musste sie alle hinters Licht geführt haben, Elisabeth sowieso, aber offenbar auch ihre behandelnde Psychiaterin. Die Ärztin war sehr zufrieden gewesen mit dem Verlauf der Therapie. Noch gestern hatte sie Elisabeth gegenüber versichert, dass das Schlimmste überstanden sei. Das musste sie auch an diesem Morgen gedacht haben, als sie ihrer Patientin in ihrem Büro für einen Moment den Rücken zugekehrt hatte. Die Keramikvase zerbarst an ihrem Hinterkopf in tausend Stücke. Sie war nicht lange bewusstlos, aber als sie wieder zu sich kam, waren ihre Hände und Füsse mit Tesafilm von ihrem Schreibtisch gefesselt. Hilflos musste sie zulassen, wie ihr das eigene Höschen zwischen die Lippen gepackt und mit mehreren Windungen Tesafilm um ihren Mund fixiert wurde. Und nachdem ihr die Patientin auch noch die Jacke ihres Twinsets von der Lehne des Bürosessels genommen und fest um den Kopf gewickelt hatte, wurde sie verzweifelt in ihren Knebel stöhnend zur Sitzgruppe geschleppt und hinter dem Ledersofa am Boden liegend verstaut. Als es der Ärztin nach einer halben Stunde endlich gelungen war, auf sich aufmerksam zu machen, war die Professorin bereits tot. Sie hatte sich mit der Strumpfhose ihres Opfers an einer Vorhangstange erhängt…

„Du trägst eine wunderschöne Strickjacke“, wurde Elisabeth aus den quälenden Bildern gerissen, als der emeritierte Professor mit einer Kanne dampfendem Tee das Zimmer betrat. Verblüfft drehte sie sich um und schaute zu, wie er ihr eine Tasse einschenkte. Die Jacke hatte ihrer Mutter gehört. Sie hatte sie schon ewig nicht mehr getragen. Warum nur hatte sie sie ausgerechnet heute angezogen? Plötzlich schien sich der Raum um Elisabeth langsam zu drehen. Ihre Knie begannen nachzugeben und sie musste sich am Schreibtisch abstützen, als wie aus dem Nichts das Gesicht ihrer Mentorin vor ihrem inneren Auge auftauchte: Ihr letzter Blick beim Abschied, gestern nach dem Spaziergang im Park, der dankbare und doch so traurige Ausdruck in ihren Augen, und dieses leise und doch so entschiedene „Leb wohl, mein Kind!“, als sie Elisabeth fest in die Arme nahm.

Elisabeth würde diesen Ausdruck nie vergessen. Genauso hatte ihre Mutter geschaut, damals vor 20 Jahren, an jenem Nachmittag, an dem sie wie jeden Nachmittag Elisabeth und ihre Zwillingsschwester zum Mittagsschlaf gebettet hatte. Doch an diesem Nachmittag kam sie nicht wie gewohnt nach einer Stunde, um die Kleinen zu wecken. Und als sie auch nach zwei Stunden noch nicht gekommen war und Elisabeth zur Toilette wollte, war die Tür abgeschlossen. Weitere zwei Stunden später entdeckte der Hund eines Spaziergängers die Leiche ihrer Mutter im Wald. Sie hatte sich mit der Pistole ihres verstorbenen Gatten erschossen. Die Tante, die sich der Kinder angenommen hatte, sprach damals von Depressionen. Sie meinte auch einmal zu Elisabeth, sie hätten ja noch Glück gehabt. Andere Mütter hätten auch schon ihre Kinder mitgenommen.

Die kleine Elisabeth hatte sich damals nach der Beerdigung heimlich die Kaschmir-Strickjacke ihrer Mutter geholt und an einem geheimen Ort versteckt. Niemand hatte es bemerkt, nicht einmal ihre Zwillingsschwester. Oft war sie stundenlang weinend in ihrem Versteck gesessen, fest eingekuschelt in die weiche Hinterlassenschaft ihrer Mutter. Und dabei hatte sie immer und immer wieder das gleiche Bild vor sich gesehen, diesen letzten Moment: Ihre Mutter, die sich über sie beugt, die Kaschmir-Jacke elegant um die Schultern gelegt, der liebevolle und doch so traurige Ausdruck in ihren Augen, die sanfte Berührung ihrer Lippen auf der Stirn, und das gehauchte, kaum vernehmbare „Leb wohl, mein Kind!“

„Mein Gott, es ist meine Schuld! Ich hätte es wissen müssen!“, schrie Elisabeth verzweifelt auf, während sie sich auf die Knie sinken liess und ihr Gesicht schluchzend in den Händen vergrub. Wie konnte ihr das nur passieren! Es war alles genau so wie damals bei ihrer Mutter. Wieso hatte sie es nicht gesehen? Sie hätte es verhindern müssen. Sie allein hätte sie retten können! Plötzlich musste sie an ihre Schwester denken. Wie sehr sehnte sie sich in diesem Moment nach ihrer Umarmung, nach ein paar haltenden Armen. Doch als der Professor langsam neben sie trat und zögernd die Hand nach ihrer bebenden Schulter ausstreckte, stand sie abrupt auf und trat von ihm weg ans Fenster. Die Sonne war unterdessen hinter den Bäumen verschwunden und die glitzernde Winterpracht hatte sich in ein stummes, kaltes Grau verwandelt. Tränen strömten über Elisabeths gerötete Wangen, während sie fröstelnd die Arme vor der Brust verschränkte.

„Es ist nicht deine Schuld, Lissy! Sie hat es so gewollt. Du hättest sie nicht daran hindern können“, drang wie durch ein Nebel seine Stimme an ihr Ohr. Er war neben sie ans Fenster getreten und starrte in die Dämmerung hinaus. Eine tiefe Wehmut klang aus seiner Stimme: „Gwen hatte immer gewusst was sie wollte. Sie kam aus einfachsten Verhältnissen und hatte sich ganz alleine hochgekämpft. Eine Frau voller Temperament und Leidenschaft, die früh begriffen hat, dass sie es nur schaffen konnte, wenn sie ihre Gefühle dem Verstand unterordnete. Und ihr Verstand war brillant. Sie war die beste und talentierteste Studentin, die ich je hatte… bis du gekommen bist. Ihr seid euch in manchem sehr ähnlich, und doch so grundverschieden. Kennst du Mogambo, diesen alten Hollywood-Streifen aus den fünfziger Jahren? Gwen mit ihren dunklen Haaren hatte mich immer an Ava Gardner erinnert. Hinter ihrer perfekten Fassade brodelte ein Vulkan der Leidenschaft. Und du, Lissy, mit dir kam Grace Kelly in mein Leben. Ich hatte nie verstanden, wie Clark Gable sich für eine der beiden entscheiden konnte. Nun ja, irgendwie hatte ich mich auch entschieden: für Gwen. Und damit habe ich sie umgebracht!“

Verdutzt drehte Elisabeth den Kopf und betrachtete das Profil des Mannes, der im Licht der Dämmerung neben ihr stand. Noch nie hatte sie den alten Mann so aufrecht dastehen sehen. Sein Blick verlor sich irgendwo am Horizont im Abendrot, und plötzlich klang seine Stimme entschlossen und fest: „Damals, als ich dich mitgenommen hatte an ihre Geburtstagsfeier, warst du quasi mein Geburtstagsgeschenk an sie. Ich wollte ihr das Beste geben, was mir je geschenkt worden war. Ich bin ein alter Mann geworden, aber du bist jung, und sie war die beste Lehrerin, die ich mir für dich hätte vorstellen können. Ich fühlte mich gut dabei und habe mir insgeheim für meine Grossmütigkeit auf die Schultern geklopft. Bis zu dem Moment, wo ich das Arbeitszeugnis für Dich ausgestellt habe und nach deinem Geburtsdatum suchen musste.“

Plötzlich glaubte Elisabeth, die Gestalt neben sich schwanken zu sehen. Doch bevor sie reagieren konnte, hatte er sich am Fensterrahmen abgestützt. Glaubte sie es nur, oder hatte er tatsächlich Tränen in den Augen, als er mit einem leichten Beben in der Stimmer fortfuhr: „Du kamst genau an dem Tag zur Welt, an dem Gwen…“ einen Moment lang versagte ihm die Stimme, und plötzlich waren seine Augen geschlossen, während er nach Worten rang: „… an dem Gwen ihr Kind abgetrieben hat… unser Kind!“

Elisabeth brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie eben gehört hatte. Fassungslos starrte sie auf den alten Mann, der reglos dastand. Einen Moment lang war nur sein Atem zu hören, während vor ihrem inneren Auge das Bild der jungen Doktorin mit ihrem Professor auftauchte. „Wir waren damals an einem Kongress in Davos,“ durchbrach seine bebende Stimme die bedrückende Stille. „Es war Gwen’s erster öffentlicher Vortrag. Sie war einfach umwerfend: Jung, attraktiv und unglaublich intelligent. Mein Gott, war ich stolz auf sie. Am Abend hatten wir ihren Erfolg gefeiert, und dabei war es passiert. Wir hatten beide zu viel getrunken. Und plötzlich war sie da, die Ava Gardner in ihr, mit ihrem Feuer und ihrer wilden Leidenschaft. Wir hatten uns völlig vergessen in dieser Nacht.

Gwen hatte es sofort geahnt, und sie sollte sich nicht irren. Es waren die schlimmsten Wochen meines Lebens. Ich war schliesslich bereit, zu Gwen und dem Kind zu stehen. Aber Gwen wollte es nicht. Sie hatte sich schuldig gefühlt und wollte meine Karriere nicht zerstören. Sie hatte sich für die Abtreibung entschieden. Und ich hatte ihr nicht widersprochen. Ich hatte ihr einen Arzt besorgt und der Eingriff verlief ohne Komplikationen. Es schien letztlich alles so vernünftig und einfach. Und im ersten Moment war ich einfach nur dankbar, dass sie mir die Entscheidung abgenommen hatte. Aber in Gwen ist damals etwas gestorben. Ihr Blick war nie mehr derselbe. Sie hatte sich mit Medikamenten durch ihre Depressionen gekämpft und in der Arbeit die Flucht nach vorne ergriffen. Nach dem Doktorat haben sich unsere Wege getrennt und schon bald hatte sie sich als namhafte Kollegin etabliert. Ich war so stolz auf sie. Und ja, ich habe sie geliebt. Seit jener Nacht in Davos habe ich nie mehr mit einer Frau geschlafen.

Und dann bist eines Tages du in meinem Büro aufgetaucht. Ich sehe dich jetzt noch vor mir. Du hattest eine seidene Bluse getragen und deine lachsfarbene Strickjacke um die Schultern gelegt… genau wie Grace Kelly in Mogambo. Ich wollte damals eigentlich schon keine neuen Studenten mehr betreuen. Aber als ich Dich sah, war mir sofort klar, dass du etwas ganz besonderes bist. Und ich hatte mich nicht getäuscht. Ich bin so stolz auf dich. Und ich habe mich ehrlich gefreut, als Gwen dich gefragt hat, ihre Assistentin zu werden.“

Wieder hielt er einen Moment inne, den Blick starr in die Ferne gerichtet. Draussen war es unterdessen schon halb dunkel, als er sich langsam zu ihr umdrehte: „Verstehst du denn nicht, Lissy: Es war ein vergiftetes Geschenk. Ich habe Gwen damit endgültig umgebracht!“ Nein, Elisabeth  verstand nicht. Fassungslos starrte sie in sein schmerzverzerrtes Gesicht, das im schwachen Licht der Schreibtischlampe um Jahre gealtert schien. Nie wird sie den verzweifelten Ausdruck seiner Augen hinter den Gläsern der Brille vergessen, als er sichtbar nach Worten rang: „Du warst kein Geschenk aus Liebe. Ich hatte versucht, mir das einzureden, aber ich habe mich selber belogen. In Tat und Wahrheit warst du die lang ersehnte Gelegenheit, mich von meinen Schuldgefühlen loszukaufen. Seit jenem Tag, dem gleichen Tag, an dem du geboren wurdest, gab es keinen einzigen Morgen, an dem ich nicht mit diesem quälenden Schmerz aufgewacht bin. Endlich nach 25 Jahren glaubte ich, Gwen die Tochter schenken zu können, die ich ihr damals genommen hatte… die ich uns beiden genommen hatte. Mein Gott, wie konnte ich nur so naiv sein!“

Elisabeth wurde plötzlich schwindlig. Ihre Linke klammerte sich an die Lehne eines Sessels, während sie die rechte Hand fest über ihren Mund presste. Einen Moment lang glaubte sie, ihr Magen würde rebellieren. Und langsam begann sich in die quälende Mischung aus Verzweiflung und Ohnmacht ein Gefühl der Wut zu mischen, während sie mit geschlossenen Augen versuchte, zu erfassen, was sie eben gehört hatte. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie plötzlich seine Hände an ihren Schultern spürte. „Lissy, bitte glaub mir, ich habe das alles nicht gewollt“, hörte sie seine flehende Stimme, und als sie ihre Augen öffnete schaute sie direkt in sein Gesicht. Wie in Trance nahm sie wahr, wie sich seine Lippen bewegten: „Ich hätte dich nie da hineinziehen dürfen. Aber ich konnte doch nicht ahnen… Ich wollte doch nur… Bitte verzeih mir, Lissy, bitte! Gwen war nicht deine Mutter! Hörst du? Du hast dir nichts…“

Es klang wie ein Peitschenhieb, als ihre Hand seine Wange traf und seine Brille durch den Raum fliegen liess. Von der Wucht des Schlages in die Knie gezwungen, starrte der alte Professor fassungslos zu ihr hoch. Ihre Lippen bebten vor Wut während ihre Hand zum nächsten Schlag bereit in der Luft innehielt. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Eine unheimlich Stille hatte sich über den Raum gelegt, und das einzige, was sich noch bewegte, waren die Tränen, die über Elisabeths Wangen strömten. Dann liess sie langsam ihren Arm sinken, und plötzlich hatte die Verzweiflung in ihrem Gesicht einer tiefen Verachtung Platz gemacht: „Mein Gott, was für ein armes Schwein du bist!“

Wortlos ging sie an ihm vorbei zur Tür, wo sie sich noch einmal umdrehte: „Ich weiss, dass Gwendolyn nicht meine Mutter war. Aber sie war gut zu mir. Und ich habe sie leiden sehen. Wie hätte ich wissen sollen, dass es meinetwegen war. Verdammt noch mal, ich habe sie einfach nur gern gehabt. Kannst du das verstehen? Ich habe sie geliebt!“ Es hallte im ganzen Haus, als Elisabeth die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich zuknallte. Irgendwo aus weiter Ferne hörte sie noch ihren Namen rufen, als sie ihren Schal und Mantel von der Garderobe nahm und hinaus in die kalte Nacht trat.

——–

Ihre Hand in dem schwarzen Lederhandschuh zitterte, als sie die kleine Schaufel umdrehte und die gefrorenen Erdbrocken auf den Deckel des Sarges herunterfallen liess. Wortlos, ohne jemanden zu grüssen, drehte sie sich um und bahnte sich den Weg durch die schweigende Trauergemeinde. Sie hatte sich den Schal um das Gesicht gewickelt und die Kapuze ihres Daunenmantel tief in die Stirn gezogen. Trocken knirschte der Schnee unter ihren eleganten Stiefeln, als sie den Gräbern entlang über die Wiese zum Fahrweg ging.

„Elisabeth?“ hörte sie plötzlich ihren Namen. Sie hatte die dunkle Gestalt nicht beachtet, die am Wegrand auf sie zu warten schien. Die Frau trug wie sie einen langen, schwarzen Daunenmantel und ihr Gesicht war im Schatten der pelzbesetzten Kapuze verborgen. Erst als sie die Kapuze zurückschob, erkannte Elisabeth die Ärztin aus der Klinik. „Ich habe gehofft, dass ich sie hier treffen werde. Gwendolyn hatte mich gebeten, ihnen das zu übergeben.“ Ungläubig starrte Elisabeth auf das sorgfältig in Packpapier eingewickelte Bündel, das ihr die Frau entgegenstreckte. „Es ist ihre Kaschmir-Jacke, die sie ihr damals in die Klinik gebracht hatten“. Elisabeth schüttelte nur verständnislos den Kopf, während der Ärztin die Tränen über die Wangen liefen. „Es tut mir so leid. Ich weiss nicht, wie das hat passieren können. Aber Gwendolyn wusste, was sie tat. Sie hatte mir einen kurzen Brief in die Handtasche gesteckt. Ich fand ihn, nachdem mich meine Sekretärin befreit hatte.“

Elisabeth konnte es nicht fassen. Sie hatte Gwendolyn immer beneidet um dieses edle Stück. Und ja, damals in der Nacht, nachdem Gwendolyn ihren Nervenzusammenbruch hatte und Elisabeth plötzlich ganz alleine in dem grossen Landhaus zurückgeblieben war, da war sie weinend vor dem brennenden Kamin gesessen, fest eingewickelt in die weiche Kaschmirjacke ihrer Mentorin, so wie früher als Kind in die Jacke ihrer Mutter. Doch als sie nun ihre Arme ausstreckte, um das Paket entgegenzunehmen, hielt sie plötzlich inne. „Danke, das ist sehr freundlich von ihnen!“, hörte sie sich zu der Frau sagen, während sie ihre Arme wieder sinken liess, „aber keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“ Langsam glitten ihre behandschuhten Hände in die Taschen ihres Mantels, bevor sie sich umdrehte und unter dem ratlosen Blick der Ärztin aufrecht davonschritt.

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Ava Gardner und Grace Kelly in Mogambo (1953)
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4 Gedanken zu “Schatten der Vergangenheit (II)

  1. „aber keine noch so warme Jacke kann das ersetzen, was sie uns allen genommen hat.“
    Da zeigt sich neben der Trauer die Wut … und die wird sie brauchen , damit die alten Dämonen nicht auch noch Gesellschaft durch neue erhalten …
    Daß sie den Tod ihrer Mutter nicht hätte verhindern können , ist ihr sicher klar , auch wenn das Trauma ihr ganzes Leben begleitet hat …
    Aber Gwen’s Freitod … der könnte sich zum Ursprung eines neuen Schuldgefühls auswachsen …
    wie auch beim alten Prof , bei der Psychiaterin und beim Ehemann …
    Freitod hinterlässt immer viele offene Fragen …

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    1. Sie weiss vielleicht im Kopf, dass sie ihre Mutter nicht retten konnte, genauso wie sie ihre Mentorin nicht hätte retten können. Aber das Gefühl der Ohnmacht und diffuse Schuldgefühle bleiben, und dazu kommt die Wut, verlassen worden zu sein von Menschen, die sie gebraucht und geliebt hat. Diese Wut erleben alle Kinder bei Verlusterfahrungen (Tod, Scheidung etc.), aber dieses Gefühl gehört zu den meist verdrängten und nicht zugelassenen Wahrheiten.
      Dazu kommt bei Elisabeth das Gefühl, vom Professor und ihrer Mentorin für deren eigene Schuldbewältigung missbraucht worden zu sein.
      Das Leben ist manchmal schon schrecklich kompliziert, manchmal auch schrecklich und kompliziert. Da gibt es noch Stoff für mehr 😉

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  2. Es ist wieder einmal die Verbindung einer beruhigend glatten Welt, einer, in der scheinbar Ordnung herrscht, die du auch durch die Sorgfalt der Kleidung schaffst, mit den Schicksalen der handelnden Menschen, bei denen hinter einen mühsam aufrecht erhaltenen Fassade ein unbewältigter Schrecken wohnt, durch die du uns in deine Geschichte ziehst. Wir wissen, dass es nicht gut ausgehen kann, aber wir müssen wissen, wie es ausgeht.

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    1. Warum sollte es nicht gut ausgehen? Wir erleben ja quasi immer nur eine Momentaufnahme aus dem zugegebenermassen bewegten Leben dieser Menschen. Aber ist dieser „unbewältigte Schrecken“ meiner Figuren wirklich so ausserordentlich? Meine Erfahrung in der Begegnung mit Menschen zeigt mir immer wieder, wie viele da Lasten zu tragen haben, die man auf den ersten Blick kaum für möglich halten würde.

      Gefällt 1 Person

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