Schatten der Vergangenheit (I)

Er lag neben dem Ehebett unter dem Nachttischchen. Sie hatte ihn zufällig gefunden, als sie von der Reise zurückkam. Beim Auspacken des Koffers waren ihre Handschuhe zu Boden gefallen, und als sie sie aufheben wollte, funkelte die weisse Perle im Licht der winterlichen Sonne, die flach durch die Gardinen ins Zimmer schien. Sie hatte den Ohrring sofort erkannt. Schliesslich hatte sie ihn damals selber für sie ausgesucht.

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Bild von Scottish Classic Knitwear

Gwendolyn konnte es nicht fassen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Ihre Hände zitterten, als sie sich in ihrem Arbeitszimmer einen Whisky einschenkte und versuchte, aus der kleinen Pipette zwei Tropfen Wasser hinzuzufügen. Noch vor wenigen Woche hätte sie es sich nie erlaubt, alleine zu trinken, und schon gar nicht mitten am Nachmittag. Ausdruckslos stand sie an der Glastür zum Garten und schaute hinaus auf den tief verschneiten Park. Die Sonne war unterdessen verschwunden und dunkle Wolken kündeten neuen Schnee an. Ihr war kalt. Und nicht einmal ihre dicke Kaschmir-Jacke, ihr liebstes Stück, das sie bis oben zugeknöpft hatte, vermochte ihr in diesem Moment noch wärmenden Trost zu spenden. Was war nur los mit ihr?

Die Konferenz in Berlin war eine einzige Katastrophe. Sie war bekannt als kompetente und brillante Rednerin, aber noch nie hatte sie sich bei einem Vortrag so unsicher und blockiert gefühlt. „Welcome to the Club“, hatte ihr ein etwas angetrunkener amerikanischer Professorenkollege beim anschliessenden Dinner spöttisch ins Ohr gehaucht. Sie gehöre jetzt definitiv auch zum Kreis der unbestrittenen Koryphäen, die es sich leisten können, immer nur die alten Sache zu wiederholen. Gwendolyn wusste nicht, was sie an diesem Abend mehr verletzt hatte, diese Bemerkung oder seine Hand, die sich unter dem Tisch zwischen ihre Beine verlor.

Die schneebedeckten Büsche im Garten schienen plötzlich zu verschwimmen. Erschöpft lehnte sich Gwendolyn gegen den Türrahmen, während sie in einem Schluck das Glas leerte. Verzweifelt versuchte sie, das Bild der harmonisch verschneiten Landschaft wiederherzustellen, aber die dunklen Äste der Bäume schienen ihr wie höhnisch grabschende Arme aus der weissen Pracht entgegenzukommen. Von allen Seiten her begann sich die perfekte Welt aufzulösen, die sie sich so mühsam erkämpft hatte. Tausend dunkle Schatten schienen plötzlich hinter der strahlend weissen Fassade ihres Daseins hervorzutreten. Und langsam – auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte und sich mit aller Macht dagegen sträubte – begann sie zu ahnen, dass es letztlich nur ein einziger Schatten war. Jahrelang hatte sie sich erfolgreich eingeredet, dass es diesen Schatten gar nicht gäbe. Dass es damals das einzig Richtige war und dass es jede andere an ihrer Stelle auch getan hätte. Mit dem Licht ihres Verstandes hatte sie es geschafft, diesen Schatten auszulöschen, bis zu dem Tag, ihrem 50. Geburtstag, an dem plötzlich sie in ihr Leben trat.

Sie war die persönliche Assistentin von Gwendolyns ehemaligem Doktorvater. So jedenfalls wurde sie den geladenen Gästen der Geburtstagsfeier vorgestellt. Die junge Frau sah hinreissend aus in ihrem dunklen Abendkleid und der weissen Pelzjacke, die sie um ihre Schultern gelegt trug. Gwendolyn lief ein Schauer über den Rücken und einen Moment lang glaubte sie, ohnmächtig zu werden, als sie zum ersten Mal vor ihr stand und ihre kräftige Hand in dem eleganten schwarzen Opernhandschuh schüttelte. Die aufrechte Haltung, die schön geschnittenen Züge ihres Gesichts, der klare, ruhige Ausdruck ihrer Augen und die warme und doch selbstbewusste Stimme: Alles war genau so wie in dem Traum, der Gwendolyn seit einiger Zeit immer wieder mal schweissgebadet aus dem Schlaf riss.

Gwendolyn hatte diese Frau noch nie gesehen. Und doch kam sie ihr so vertraut vor, als ob sie immer schon da gewesen wäre. Die Begegnung hatte ihr keine Ruhe gelassen. Und nachdem sie mehrere Nächte kaum mehr geschlafen hatte, hatte sie sich die Telefonnummer geben lassen und die junge Frau in der Stadt zum Essen eingeladen. Diese hatte sofort zugesagt und war pünktlich am Empfang des Women’s Club erschienen, in einer diskreten, grauen Hose und einem lachsfarbenen Twinset, dessen Jacke sie sich elegant um die Schulten gelegt hatte. Eine Mischung aus Bewunderung und Schmerz erfüllte Gwendolyn, als sie von der Bedienung zum reservierten Tisch geführt wurden. Die selbstbewusste Natürlichkeit und unaufdringliche Eleganz ihres Gastes erinnerte sie an ihre eigene Jugend, die Zeit bevor…

Tränen drängten in ihre Augen, als sie sich ein zweites Glas Whisky einschenkte. Das Wasser nahm sie diesmal direkt aus der Kanne, wobei sie einen Teil davon über ihre Hose schüttete. Entnervt liess sie sich in ihren Sessel fallen und schloss die Augen. Wie konnte sie ihr das nur antun? Nach allem, was sie für sie getan hatte! Die wissenschaftliche Karriere der jungen Frau hätte bei ihrem alten Doktorvater keine Zukunft gehabt. Die Zeit des Alten war vorbei und die Junge musste es geahnt haben, denn sie hatte Gwendolyns Angebot, ihre wissenschaftliche Assistentin zu werden, ohne Zögern angenommen.

Natürlich hatte Gwendolyn ihren Sieg genossen. Sie kannte die Eitelkeit ihres ehemaligen Mentors. Oh ja, und wie. Fast acht Jahre hatte sie damals für ihn gearbeitet. Sie wusste, wozu er fähig war, im Besten wie im Schlechtesten. Er hatte sie gefördert, keine Frage. Sie wäre nie da, wo sie heute war, wenn er nicht gewesen wäre. Doch längst war sie aus seinem Schatten getreten und selber zu einer unbestrittenen Referenz auf ihrem Gebiet geworden. Mit der Zeit war es ihr auch gelungen, ihn aus ihrem Leben zu verdrängen, und mit ihm diesen anderen Schatten, den er über ihr Leben geworfen hat. Seinetwegen hatte sie es damals getan. Auch seinetwegen.

„Dieses dreckige Miststück!“ schluchzte Gwendolyn verzweifelt, bevor sie das Glas in einem Zug leerte und sich etwas schwerfällig aus dem Sessel erhob. Diesmal war kein Wasser mehr im Whisky, als sie mit randvollem Glas wieder zur Glastür wankte. „Du hattest kein Recht dazu! Hörst du? Nicht du!“ schrie sie durch die geschlossene Tür zu einem unsichtbaren Phantom, als sie plötzlich in der Scheibe in ihre eigenen tränenunterlaufenen Augen starrte. Angewidert wandte sie sich ab und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, wobei ein guter Teil an ihren Lippen vorbei auf ihre Kaschmir-Jacke tropfte. Nein, er hatte kein Recht auf dieses Mädchen, nicht auf sie!

Gwendolyn war damals wie vom Blitz getroffen, als sie den Lebenslauf ihrer neuen Assistentin studiert hatte. Fassungslos hatte sie auf das Geburtsdatum geschaut. Wie oft hatte sie versucht, dieses Datum aus ihrem Leben zu streichen. Und da war es wieder, schwarz auf weiss, neben dem strahlenden Bild einer jungen, vielversprechenden Wissenschaftlerin. Gwendolyn hatte es damals gerade noch ins Bad geschafft, bevor sich ihr Magen zu drehen begann. Und als sie zurück in ihr Arbeitszimmer kam, hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben alleine ein Glas Whisky getrunken.

Natürlich war ihr klar, dass es gar nicht sein konnte. Sie war damals erst in der zwölften Woche gewesen. Und doch hatte es sie nicht mehr losgelassen. Es waren einfach zu viele Zufälle, um an Zufall zu glauben: Das Datum des Eingriffs, die Frau in ihren Träumen, dieses überwältigende Gefühl spontaner Vertrautheit von der ersten Begegnung an und die nahezu perfekte Inkarnation des Traumes einer Tochter, die sie sich immer gewünscht hätte. Doch all das wäre noch gegangen, wenn sie nicht ausgerechnet mit ihm in ihr Leben getreten wäre.

Plötzlich war alles wieder da: Diese eine Nacht bei der Konferenz in Davos, damals vor 25 Jahren. Sie hatten ihren ersten grossen Vortrag gefeiert. Er war so stolz auf sie gewesen. Und sie so unendlich dankbar. Sie hatten beide zu viel getrunken. Als sie am Morgen in seinem Bett aufgewacht war, wusste sie, dass sie den Fehler ihres Lebens begangen hatte. Er hatte sich sofort entschuldigt. Später hat er seine Beziehungen spielen lassen und auch alles bezahlt. Eigentlich ging es ganz einfach und reibungslos. Gwendolyn hatte damals zwar während Wochen geweint. Aber natürlich war ihr klar, dass es das einzig Vernünftige war. Und mit den entsprechenden Medikamenten war es auch gelungen, ihre Depression so zu kontrollieren, dass ihre wissenschaftliche Karriere nicht beeinträchtigt wurde.

„Sie gehört mir, hörst du, mir allein!“ schrie Gwendolyn hysterisch, als sie das leere Whiskyglas an die Wand schleuderte, wo ihr Doktordiplom in einem goldenen Rahmen hing. Wie sehr hatte sie sich all die Jahre nach einer Tochter gesehnt. Aber mit ihrem Mann hatte es einfach nicht klappen wollen. Irgendwann hatte sie es in ihrer Verzweiflung mit einem ihrer Doktoranden versucht. Dann folgte eine Affäre mit einem deutschen Professorenkollegen, mit dem sie an verschiedenen Kongressen das Hotelbett teilte. Und schliesslich war da noch der Pastor, der sie nach dem Tod ihrer Mutter bei der Trauerarbeit begleitet hatte. Keiner der Männer wusste, dass sie die Pille nicht nahm. Einmal war sie auch tatsächlich schwanger geworden, verlor das Kind aber nach wenigen Wochen.

Niemand, nicht einmal ihr Mann, hatte je etwas von diesem verzweifelten Ringen mitbekommen. Gwendolyn hatte nie mit jemanden darüber gesprochen. Warum auch? Das ganze war ihre Sache. Eine Bagatelle. Eine dumme Jugendsünde. Mehr nicht. Sie wusste ja selber nicht, warum sie das Ganze so beschäftigte. Sie war doch sonst ein vernünftiges Wesen. Schon immer gewesen. Mutters Liebling und Papis Stolz. Immer fleissig und brav. Zur Freude ihrer Lehrer. Nicht so wie ihre jüngere Schwester, die es schon mit 14 getrieben hat, mit 15 Drogen nahm und mit 16 zum ersten Mal wegen Bulimie in die Klinik musste. Nein, Gwendolyn war perfekt: Vorzeigetochter, Musterschülerin, Vorzeigedoktorandin, Vorzeigeprofessorin in einer Männerdomäne, vorbildliche Ehefrau, treue Kirchgängerin und Präsidentin mehrerer wohltätiger Vereine. Sie hatte nicht viele Freunde. Aber man arbeitete gerne mit ihr und für sie. Sie stand für Zuverlässigkeit, Diskretion und gesunden Menschenverstand.

Gwendolyn wäre beinahe über den Rand des Teppichs gestolpert, als sie mit der Whisky-Flasche in der Hand hinüber zum Schreibtisch torkelte. „Wie konntest du mir das antun!“, lallte sie mit tränenerstickter Stimme zum Bild ihres Gattes, das neben der Vase mit frischen Rosen stand, die er ihr wie immer für die Rückkehr von einer Reise besorgt hatte. Ihre Hand zitterte, als sie nach dem Ohrring griff, den sie neben das Bild gelegt hatte. Sie hatte ihn ihr zu Weihnachten geschenkt. Was hatte sie nur getan? Womit hatte sie das verdient? Wie konnte man ihre Liebe nur so verraten? Ohne abzusetzen schüttete Gwendolyn den Rest der Flasche in sich hinein, bevor sie diese zusammen mit dem Ohrring in den Papierkorb warf. Und nachdem auch das Bild ihres Gatten und die frischen Rosen samt Vase das selbe Schicksal ereilt hatten, wankte sie benommen zurück zur Glastür.

Der tief verschneite Garten und die still herunterschwebenden Schneeflocken hatten plötzlich eine magische Anziehungskraft auf Gwendolyn. Und während ihr Blick ausdruckslos auf die Gruppe schwarzer Krähen starrte, die sich auf den dunklen Ästen der Bäume niedergelassen hatten und stumm zu ihr herüberschauten, begannen ihre Finger nach und nach die Knöpfe ihrer Strickjacke zu öffnen. Plötzlich schien das Zittern einer ruhigen Entschlossenheit gewichen zu sein, als Gwendolyn die Jacke sorgfältig über die Lehne eines Sessels hängte. Langsam schlüpfte sie aus ihren Schuhen, zog ihre Hose und den Pullover aus und öffnete den Verschluss ihres Büstenhalters. Einen Moment lang betrachtete sie traurig ihr nacktes Spiegelbild in der Glastür, nachdem sie auch noch ihre Strumpfhose und das Miederhöschen zu ihren Kleidern gelegt hatte. Ihr Körper schien vor Hitze zu glühen, als sich ihre Hand langsam nach dem Türgriff ausstreckte.

Ein seltsames Glücksgefühl durchströmte sie, als ihr eine Welle aus eisiger Luft und Schneeflocken entgegenkam. Langsam trat sie über die Schwelle und liess ihren Fuss in die jungfräulich weisse Schneedecke eintauchen. Wie in Trance lief sie über den Sitzplatz und durch die Rosenbeete bis in die Mitte der weiten Rasenfläche, wo sie einen Moment lang stehen blieb und die Krähen auf den dunklen Ästen betrachtete. Dann liess sie sich der Länge nach in den weissen Teppich fallen. Der Schnee brannte auf ihrer Haut. Aber das konnte Gwendolyn nichts mehr anhaben. Sie wusste, dass es nicht lange dauern würde. Dann lösen sich auch die letzten Schatte auf und sie hat endlich Ruhe…

———

Es begann schon zu dämmern, als Gwendolyns Assistentin aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Sie hatte den Mann ihrer Chefin in die Notaufnahme gefahren, nachdem dieser beim Aufstehen nach der Siesta einen Hexenschuss erlitten hatte. Schmerzverkrümmt war er neben dem Bett auf dem Boden gelegen, als sie auf seine Hilferufe hin herbeigeeilt war. Es war ein ziemlicher Kampf, bis sie ihn wieder auf dem Bett hatte. Und irgendwie musste sie dabei einen ihrer Ohrringe verloren haben.

Als sie jedoch sah, dass die Hausherrin unterdessen von ihrer Reise zurückgekommen war, klopfte sie erst einmal an deren Tür. Als sie auch beim zweiten Klopfen keine Antwort bekam, trat sie ein, um wie gewohnt die Post auf den Schreibtisch zu legen. Dabei kam ihr eine Woge eisiger Luft entgegen. Die Glastür zum Garten stand weit offen und erst glaubte sie, es sei eingebrochen worden, nachdem sie auch die Glasscherben am Fuss der Wand entdeckt hatte. Doch dann sah sie auf dem Sessel neben der offenen Tür die sorgfältig abgelegten Kleider ihrer Chefin. Verwirrt wanderte ihr Blick von den eleganten Schuhen auf dem Teppich durch die offene Tür zur Fussspur im Schnee und dieser entlang bis zu einem Schatten inmitten der weissen Rasenfläche.

„Um Himmels Willen, Gwendolyn!“ schrie sie entsetzt, während sie die dicke Strickjacke vom Stuhl zerrte und sich hinaus ins Schneegestöber stürzte. Fassungslos starrte sie auf die nackte Gestalt, die reglos mit geschlossenen Augen auf dem Rücken im Schnee lag. Lange konnte sie noch nicht daliegen. Die Fussspuren waren noch frisch. Aber die Lippen waren bereits blau angelaufen und der Körper war nass von geschmolzenen Schneeflocken. Kurzentschlossen packte die junge Frau die Arme ihrer Chefin, zog ihren Oberkörper aus dem Schnee und wickelte ihr die warme Kaschmir-Jacke fest um die nackten Schultern. Erleichtert sah sie, wie Gwendolyn langsam ihre Augen öffnete, während sie ihr mit der Hand sanft den Schnee aus dem Gesicht und den Haaren strich. Der Geruch von Alkohol in ihrem Atem überraschte sie nicht wirklich. Aber nie wird sie den flehenden Ausdruck dieser Augen vergessen, während sich die zitternden Lippen leise zu regen begannen. „Bitte verzeih mir, mein Kind!“ hörte sie ein kaum vernehmliches Stammeln, während sie der sichtlich verwirrten Frau auf die schwankenden Beine half und sie langsam zum Haus zurück führte.

„Verzeih mir!“

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6 Gedanken zu “Schatten der Vergangenheit (I)

  1. Du schaffst eine große Übereinstimmung von Form und Inhalt. Deine Sprache passt zu den handelnden Personen, zu den Details, zu Kleidung und Räumen, alles ist sorgfältig, mit bedacht gewählt und deshalb ist der Kontrast zu den Katastrophen, die über deine Protagonisten hereinbrechen, immer so krass. Habe ich es richtig verstanden, dass die Heldin der Geschichte eigentlich ihren eigenen Schuldgefühlen begegnet, dass die Heftigkeit ihrer Reaktion keinen Raum für Wut oder gar Zögern hat?

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    1. Lieber Manfred, herzlichen Dank für Dein Kompliment und Dein sorgfältiges Lesen, das mich immer wieder freut.
      Mich fasziniert es, mit wenigen Requisiten einen Raum, eine Stimmung und einen Charakter zu umreissen. Wie Dir sicher aufgefallen ist, mag ich Strickjacken. Sie lassen sich auf unterschiedliche Weisen tragen (zugeknöpft, offen, umgehängt etc.) und jede Weise kann ein Ausdrucksmittel sein. Ich habe immer den Schweizer Kabarettisten Emil bewundert, der alleine schon damit unterschiedliche Charakter kreiert hat, indem er ein Hemd bis oben zugeknöpft, auf einem Knopf offen oder auf zweien geöffnet trägt.
      Der krasse Kontrast, den Du hervorhebst, ist Teil meines Antriebs zu schreiben. Dabei lebe ich beim Schreiben auch vom entsprechenden Bild, das als Inspiration und Referenz dient. Es stellt quasi die Person dar, deren Realität ich mit dem Kreieren der Geschichte hinter ihrer reinen Erscheinung kennenlerne. Es gibt sehr viele Menschen, denen sehen wir ihre „Katastrophen“ unmittelbar an. Es gibt aber auch sehr viele Menschen, die ihre Katastrophen perfekt vor den anderen und oft auch vor sich selber verbergen können. Teilweise ziehen sie die Energie für ihren gesellschaftlichen Erfolg aus dem Versuch, die Katastrophe zu überleben und vergessen zu machen. Doch die vergiftende Wirkung der Katastrophe bleibt, und manchmal braucht es nicht viel, bis die Fassade zusammenbricht. Ich war diesbezüglich auch immer fasziniert von Claude Chabrol und seinem entlarvenden Blick hinter die Fassade der Bourgeoisie.
      Und noch zu Deiner Frage: Ja, bei Gwendolyn wird ein stark verdrängtes Schuldgefühl aktiviert, das ihr Leben langsam aus den Fugen bringt. Es beginnt mit Träumen, dann das Auftreten der jungen Frau, die Erinnerung an ein Datum, der Griff zur Flasche, erste berufliche Schwächen und schliesslich ein blödes Missverständnis als letzten, verheerenden Trigger, der ihre Fassade zerbrechen lässt.

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  2. Manchmal … sind es die ganz dummen , kleinen Zufälle , die eine riesige Welle erzeugen … in diesem Fall der verlorene Ohrring , der als vermeintlicher Beweis der Untreue verstanden wird …
    Die Schuldgefühle , die verdrängten , machen diesen vermeintlichen Seitensprung zu einer Katastrophe …
    Wenn man so gefangen ist in seiner Welt aus Schuld und Sühne … kann man wohl nur noch in eine Richtung schauen …
    Hast du schön schlüssig und nachvollziehbar beschrieben .

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    1. Herzlichen Dank, liebe Jule, fürs Lesen und für Deine Gedanken!
      Quälende Schuldgefühle sind das eine, doch wenn dann noch Alkohol dazukommt, dann ist der Blick erst richtig kanalisiert und getrübt. Ich finde es immer wieder erschreckend zu sehen, wie Verletzungen, Schuldgefühle, Depressionen in Kombination mit Alkohol und Drogen selbts gut etablierte und gebildete Menschen völig aus der Bahn werfen und teilweise bis in die Obdachlosigkeit treiben können.

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    1. Das ist das Tragische der Menschheit, dass manchmal ein einzelner Fehler und eine scheinbar harmlose Dummheit verhehrende Konsequenzen für viele Menschen und über mehrere Generationen haben können, von grossen Katastrophen und Traumata wie Kriegen und Genoziden ganz zu schweigen.

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