Im Strudel der Ohnmacht (VII, 2017)

The good must die young
That’s why I’m getting so old

Sie war noch nicht einmal ganz 17, und doch fühlte sie sich alt. Unendlich alt und einfach nur beschissen. Auch die halbe Stunde unter der heissen Dusche hatte nichts daran geändert. Ein neues Jahr hatte begonnen, aber sie war einmal mehr im gleichen Alptraum aufgewacht. Ihr Magen war leergekotzt, ihr Kopf tat weh, ihr Körper auch, und ihr Unterleib schmerzte. Sie wusste beim besten Willen nicht warum.

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Bild von asos.com

Zitternd vor Erschöpfung sass Thérèse am Boden, mit angezogenen Beinen, den Rücken gegen das Bett gelehnt, fest eingehüllt in eine lange, wollene Strickjacke. Von ihren blassen Wangen tropften Tränen auf ihre Brust, wo sie sich in dem dunklen Fleck verloren, den ihre nassen Haare auf dem T-Shirt hinterlassen hatten. Sie hätte nicht sagen können, wann und wie sie nach dieser Silvesternacht  nach Hause gekommen war. Sie war mit einer Freundin an einer Party. Vage konnte sie sich an den Jahreswechsel erinnern: Laute Musik, kreischende Frauen, geile Männer, quälendes Licht, Zigaretten, der Geruch von Cannabis, Champagner, Pillen, Drinks, Drinks, Drinks… und dann Filmriss.

Standing on the bridge
Feeling like falling

Wie oft hatte sie sich schon gefragt, wie es wohl wäre, sich einfach fallen zu lassen.

Das erste Mal war sie gerade mal acht Jahre alt gewesen. Ihre Mutter war damals in der Reha, nachdem ihr eine Brust entfernt werden musste. Thérèse hatte selbstverständlich begonnen, ihren Platz einzunehmen, die Wäsche zu machen, für ihren Vater und ihren Bruder zu kochen. Es war eine schwere Zeit für alle, vor allem für ihren Vater. Nachdem er nach der Geburt von Thérèse endlich wieder eine Arbeit gefunden hatte, war er nach fünf Jahren erneut von der Depression eingeholt worden. Und als er bei der Bankenkrise seinen Job verlor und schliesslich auch noch zu trinken begann, hatte ihn ihre Mutter aus dem Schlafzimmer verbannt. Wie oft wurde Thérèse damals mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, wenn er wieder einmal in wütender Verzweiflung an Mutters Zimmertür polterte.

Doch bei Thérèse hatte er nicht poltern müssen. Die Glocken von Sainte Marie de la Miséricorde hatten gerade zwei Uhr geschlagen, als er eines Nachts plötzlich neben ihrem Bett stand. Seine Haut schimmerte blass im kalten Schein des Mondes, der durch die Vorhänge drang. Lange stand er da ohne sich zu bewegen. Dann, ohne ein Wort zu sagen, war er unter ihre Decke geglitten. Thérèse hatte ihm Platz gemacht. Wie gelähmt war sie da gelegen, ausgestreckt an der Wand und wagte kaum zu atmen. Die Kälte, die langsam von der Mauer durch ihr schweissnasses Nachthemd drang, spürte sie nicht. Es war, wie wenn die Zeit stillgestanden wäre. Quälende Ewigkeit. Er hatte sie nicht berührt. Aber sie konnte seinen Atem spüren neben ihrem Gesicht. Sie roch den Alkohol, den säuerlichen Geruch seines Körpers. Und sie hörte sein Schluchzen. Dann schien er plötzlich eingeschlafen zu sein. Und dann war er weg.

They come to put me down
They come to put me down, down, down
.

Sie hätte nur springen müssen, damals auf der Brücke, als der TGV heranbrauste. Dann wären die Gesichter endlich verschwunden: Das ängstlich flehende Gesicht ihres Vaters. Der immer schon boshaft verächtliche Blick ihres Bruders, der plötzlich um eine spöttische Note bereichert schien. Vor allem aber das vom Leiden gezeichnete Gesicht ihrer Mutter, in deren Zügen sie unablässig nach Hinweisen auf die Enthüllung ihres schrecklichen Geheimnisses suchte. Sie hatte panische Angst, ihre Mutter könnte es erfahren.

Und dabei hatte sie sich so danach gesehnt, es ihr sagen zu können, sich in ihren Rockschoss verkriechen zu können und sich von einer ihrer weichen Strickjacken einhüllen zu lassen. So wie damals, als sie noch klein war. Thérèse hatte ihre Mutter geliebt, ihre Herzlichkeit, ihre Lebensfreude und ihre Stärke. Ihre Weise, die Strickjacken offen zu tragen, war eine permanente Einladung, an ihrer Brust Schutz und Geborgenheit zu suchen. Und wie unglaublich schön hatte sie ausgesehen, wenn sie aufrecht dastand, der Blick versonnen in die Ferne schweifend, die Jacke ihres Kaschmir-Twinsets elegant um die Schultern drapiert, so wie damals am Grab ihres Grossvaters auf dem amerikanischen Soldatenfriedhofs, als ihre prächtigen langen Haare im Wind mit den losen Ärmeln ihrer Jacke um die Wette tanzten. Doch ganz allmählich war das Strahlen in den Augen der Mutter erloschen. Immer öfter waren ihre Haare in einem strengen Knoten gebändigt. Und plötzlich eines Tages war die Strickjacke zugeknöpft. Es war die Zeit, wo auch ihr Vater von Tag zu Tag trauriger und abwesender geworden war. Hilflos musste Thérèse mitansehen, wie sich ihre Eltern veränderten und wie beide ihr langsam aber sicher entglitten. Warum? Was hatte sie nur getan? Tausendmal hatte sie sich diese Frage gestellt, erst recht, als bei ihrer Mutter auch noch Brustkrebs festgestellt wurde.

Thérèse wäre damals wohl tatsächlich gesprungen, wenn da nicht plötzlich dieses andere Gesicht gewesen wäre. Sie hätte nicht sagen können, woher es gekommen war. Eigentlich war es auch nur ein Paar Augen, klare, strahlende Augen, die wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht waren und sie angeschaut hatten. Und in diesem Blick schienen sich für einen kurzen Augenblick alle Angst und Schuldgefühle aufzulösen.

Saint Teresa, have mercy on my soul

Die Erinnerung an diesen Blick verfehlte auch an diesem Neujahrsmorgen nicht ihre Wirkung. Langsam erhob sich Thérèse vom Boden, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, schlüpfte in ihre Strickjacke und setzte sich mit ihrer Gitarre aufs Bett. Es war dasselbe Bett wie damals. Nur stand es jetzt auf der anderen Seite. An der Wand gegenüber hing seit ein paar Wochen ein Bild der Sängerin Beth Hart. Nachdenklich betrachtete Thérèse dieses vom Leben gezeichnete und doch so leidenschaftliche Portrait, während ihre Finger begannen, an den Saiten nach der Melodie zu tasten, die sie schon seit dem Aufwachen begleitet hatte. Irgendetwas hatte sie vom ersten Moment an fasziniert an dieser Frau. Eine unglaubliche Kraft schien von ihr auszugehen. Sie meinte zuerst, es sei der Blick. Aber Beths Augen waren anders. Bei aller Leidenschaft war darin auch etwas Fragiles, Gebrochenes. Nein, es war nicht dieser Blick. Aber es war etwas, das sie mit diesem Blick in Kontakt brachte.

Saint Theresa, could I kiss your skin?
Come a little closer
To this hell I’m living in

Sie sass buchstäblich in der Hölle, als ihr dieser Blick zum zweiten Mal begegnet war.

Sie waren damals bei Freunden auf dem Bauernhof zu Besuch. Thérèse musste etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Die Eltern sassen nach dem Essen in der Sonne vor dem Haus, während sie und ihr Bruder mit den anderen Kindern Räuber und Gendarmen spielten. Eigentlich war Thérèse eine Einzelgängerin. Aber dieses Spiel hatte einen seltsamen Reiz für sie. Als einziges Mädchen war sie das bevorzugte Opfer, und auch wenn sie sich nach Kräften zu wehren schien, faszinierte sie insgeheim das Gefühl, überwältigt und gefangen zu werden.

So auch an diesem Tag. Mit den Händen hinter dem Rücken stehend an einen Pfosten gefesselt, schaute sie neugierig zu, wie die Jungs fieberhaft nach einer Lösung ihres Problems suchten. Thérèse hatte mit ihnen gewettet, dass sie es nicht schaffen würden, sie so zu knebeln, dass die Eltern vor dem Haus ihre Schreie nicht mehr hören konnten. Doch als diese wenig später die Kinder zur Nachspeise riefen, war das Problem gelöst. Nachdem man Thérèse ihren langen Wollschal verknotet zwischen die Lippen gestopft und mehrfach straff um den Mund gebunden hatte, war ausserhalb des Geräteschuppens beim besten Willen nichts mehr von ihr zu hören. Thérèse hatte die seltsame Erregung genossen, als die Jungs sie schliesslich unter höhnischem Spott hilflos im Schuppen zurückgelassen hatten.

Doch dann war plötzlich ihr Bruder aufgetaucht. Wortlos hatte er einen Strick genommen und auch ihre Füsse an den Pfosten gebunden. Dann stand er vor ihr und starrte ihr in die Augen. Und auf einmal war seine Hand zwischen ihren Beinen. Fassungslos nahm sie wahr, wie seine Finger unter ihr Höschen glitten, während ihr ganzer Körper erstarrte. Irgendwann spürte sie nichts mehr ausser seinem Atem, der nach heissen Himbeeren und Vanilleeis roch. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und Tränen rannen über ihre Wangen in die Wolle des Knebels, der in diesem Moment völlig überflüssig war.

Als schliesslich ihre Mutter besorgt nach ihr zu suchen begann, war ihr Bruder schon längst verschwunden. Thérèse hatte tapfer gelächelt, als sie nach dem Grund ihrer verweinten Augen gefragt wurde. Erst als sie im hintersten Winkel des dunklen Sandsteinkellers auf dem feuchtkalten Boden sass, alleine, im Dunkeln, zitternd, die Knie gegen die Brust gepresst, brach die ganze Verzweiflung aus ihr heraus. Wie konnte er ihr das antun? Was hatte sie nur getan? Dabei war das Schlimmste nicht einmal das, was ihr Bruder getan hatte, sondern was er gesagt hatte: Sie wolle doch sicher nicht, dass ihre Mutter erfahre, was ihr Vater damals nackt in ihrem Zimmer gemacht habe. Und sie hätte ihm dieses kleine Vergnügen geschuldet, nachdem ihn sein Vater damals halb totgeschlagen habe, als er ihm frühmorgens zufällig beim Gang zur Toilette über den Weg gelaufen war. Und überhaupt, sie solle sich nicht so anstellen. Das sei es doch, was sie gewollt habe, als sie nach dem Knebel fragte.

Ihr Bruder hatte nur an ihrem Ohr geflüstert, aber seine Worte hallten wie ein nicht enden wollendes Echo in ihrem Kopf, während sie von einem wilden Strudel aus Ekel, Angst, Schuldgefühlen, Scham, Ohnmacht und Schmerz unaufhaltsam in einen finsteren Abgrund gezogen wurde. Am Grund dieses Strudels war nur noch Leere gewesen, nacktes, kaltes Nichts, stumme Finsternis, einzig durchbrochen vom leisen Krabbeln einer Maus zu ihren Füssen. Oder war es eine Ratte? Egal. Und plötzlich, mitten aus dieser Finsternis heraus, waren sie wieder aufgetaucht, diese Augen.

I was never good at confession
Never really that good at anything at all

Thérèse schüttelte ungeduldig den Kopf, während ihre Finger hilflos an den Saiten der Gitarre zupften. Sie bekam sie nicht hin, diese Melodie. Dabei lag es nicht an ihren dunklen Erinnerungen. Sie war selber erstaunt, wie frei sie seit einiger Zeit damit umgehen konnte. Kurz vor Weihnachten hatte sie sogar ihrer besten Freundin davon erzählt. Diese war natürlich empört: Sie könne sich ihren Hass auf diesen Bruder vorstellen. Sie müsse ihn unbedingt zur Rechenschaft ziehen. Aber das konnte Thérèse nicht. Nicht mehr, seit die Erinnerung an diese Augen in ihr wieder lebendig geworden war, damals vor ein paar Wochen, während einer ihrer schlaflosen Nächte, als sie zum ersten Mal auf YouTube Beth Hart hatte singen hören. Beth hatte von Mutter Teresa gesprochen und von bedingungsloser Liebe: Von Liebe zu Menschen, die es nicht verdient haben.

So sehr sie sich auch bemühte, Thérèse brachte das Lied nicht zusammen. Zum ersten Mal bereute sie es, den Gitarrenunterricht aufgegeben zu haben. Ihr Bruder würde das aus dem Ärmel schütteln. Der Kerl war echt cool. Als er damals beim Räumen der Sachen seiner Oma diese alte Platte von „Ten Years After“ gefunden hatte, gab es für ihn während Monaten nur noch ein Ziel: Zu spielen wie Alvin Lee. Thérèse hatte sich oft lustig gemacht, als er wochenlang versucht hatte, die Eingangssequenz von „I’m going home“ nachzuspielen. Aber insgeheim war sie immer berührt von seinem Blues. Woher hatte der Junge bloss diese traurige Zerrissenheit und Melancholie in seinem Spiel? Waren es wirklich die ersten Jahre seiner Kindheit – wie ihr Vater einmal gemeint hatte – die Zeit vor Thérèses Geburt, mit der Krankheit seiner Oma, der chronischen Überforderung seiner Mutter und der Depression seines Vaters? Und wenn das alles auch der Grund wäre für seinen chronischen Hass auf sie?

Thérèse hatte nie begriffen, warum ihr Bruder sie nicht liebte. Es hatte wehgetan und manchmal  hätte sie ihn umbringen wollen. Doch intuitiv hatte sie hinter seinem Hass und seiner Bosheit eine tiefe Trauer und Einsamkeit gespürt. Sie hatte ihn immer bewundert, auch dann noch, als er sie missbraucht hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie sich selber für alles verantwortlich gemacht hatte. Immer wieder hatte sie versucht, an ihn heranzukommen. Immerhin war er der einzige Mann in ihrem Leben, nachdem ihr Vater vor ein paar Jahren tödlich verunfallt war. Er fehlte ihr, als er auszog, um in Paris sein Studium zu beginnen. Sie war stolz auf ihn und es freute sie, als er sie als Freundin auf Facebook akzeptierte, auch wenn es wohl nur darum war, um ihr zu imponieren.

Schmunzelnd dachte sie an die letzte Begegnung mit ihm, als er vor Weihnachten nach Hause gekommen war. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich vor ihren grossen Bruder hingestellt und ihn so richtig angeschrien: Was zum Teufel er sich bloss dabei gedacht habe, als er dieses Interview mit der greisen Frau in New York live auf Facebook gestellt habe! Widerlich sei das gewesen, respektlos und menschenverachtend! Ihr Bruder hatte sie nur sprachlos angestarrt. Dann war er unter dem verblüfften Blick seiner Mutter im Zimmer verschwunden.

They don’t want me hanging around the mission
Singing hallelujah

Thérèse war gerade im Begriff, ihre Gitarre wegzulegen und aufzustehen, als sie plötzlich die Tür vom Nebenzimmer hörte. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ihr Bruder über Neujahr zu Hause war. Aufmerksam lauschte sie auf das Rauschen der Spülung im Bad, seine schlurfenden Schritte im Gang und das Zuschlagen seiner Zimmertür. Und einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm sie ihre Gitarre, schlüpfte in ihre Pantoffeln und trat aus ihrem Zimmer.

„Verpiss dich!“, hörte sie ihn rufen, als sie an seine Tür klopfte.

Sekundenlang stand sie reglos da, während sie gegen die aufkommenden Tränen kämpfte. Dann hob sie langsam die Hand. Und nach kurzem Zögern klopfte sie ein zweites Mal, leiser.

Es dauerte eine Minute, bis die Tür langsam aufging. Er sah erbärmlich aus in seinem alten Pyjama und der Strickjacke seines Vaters, mit den dunklen Rändern unter den Augen, den zerzausten Haaren und dem Abdruck des Kissens auf seiner Wange.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie ruhig auf seinen fragenden Blick. Und als er sich wortlos umdrehte, trat sie hinter ihm ins Zimmer…

– – – – – – – – – – – –

Die Besitzerin des traditionsreichen Bistros am Stadtplatz sah hinreissend aus, als sie zur Mittagszeit vor ihrem Haus aus dem Taxi stieg. Das lange Abendkleid war nicht mehr ganz faltenfrei, was aber kaum zu sehen war unter dem edlen, neuen Pelzmantel, den sie elegant um ihre Schulten gelegt trug. Und nur die leichten Ränder unter ihren Augen verrieten die Strapazen einer langen aber glücklichen Silvesternacht. Ja, sie war glücklich, zum ersten Mal seit fünf Jahren, seit dem Suizid ihres Mannes. Sie war die einzige, die nie an einen Unfall geglaubt hatte. Man hatte ihrem Mann vieles vorwerfen können, aber eines hatte er noch im Schlaf beherrscht: Sein Auto. All die Jahre waren Schuldgefühle ihre steten Begleiter gewesen, bis sie sich in dieser Nacht zur Erschöpfung getanzt und mit Sekt getränkt endlich in die Arme ihres langjährigen Freundes hinein losgelassen hatte.

Erfüllt von diesem Glücksgefühl betrat sie ihre Wohnung, wo ihr aus dem Zimmer ihres Sohnes ein melancholischer Gesang entgegenkam. Betroffen blieb sie neben der offenen Zimmertür stehen. Die Stimme erinnerte sie an ihre eigene Mutter, die sie als Kind mit alten Hippie-Balladen in den Schlaf gesungen hatte. Der Gesang war begleitet von zwei Gitarren. In der einen, der dominanteren und melodieführenden erklang unverkennbar die Handschrift ihres Sohnes. Aber wer…?

Mother, is it ok if I call you mama?
My own walked away when I broke the law

„Mein Gott, Thérèse!“ Langsam glitt der Pelzmantel von ihren Schultern, als sie von der plötzlichen Einsicht überwältig spontan ihr Gesicht in den behandschuhten Händen vergrub. Von Schwindel  gepackt musste sie sich am Türrahmen abstützen, als ihre Knie nachgaben und sie der Wand entlang langsam zu Boden sank. Eine Welle von Gefühlen schüttelte ihren Körper, während die Tränen von ihrem Kinn in den Ausschnitt ihres Kleides tropften. Wie lange schon hatte sie ihre Tochter nicht mehr singen gehört! Thérèse hatte es geliebt zu singen. Und sie hatte eine wunderbare Stimme. Irgendwann musste sie verstummt sein, damals in der Zeit ihrer Krankheit. Und sie hatte es nicht bemerkt.

Nahtlos übernahm das Gitarrensolo die flehende Intensität der Stimme. Noch nie hatte sie ihren Sohn so spielen gehört. Nach dem Tod seines Vaters war der melancholische Blues vorübergehend zornigem Hardrock gewichen, bevor seine Gitarre allmählich ganz verstummt war. Und nun das! Es kam ihr vor wie im Traum, als plötzlich ein Schatten vor ihr auftauchte. Und als sie die tränennassen Augen öffnete, stand ihre Tochter vor ihr, aufrecht, in ihrer langen, offenen Strickjacke. Wortlos schaute sie zu ihr herunter. Sie sah erschöpft aus mit ihren ungekämmten Haaren und den dunklen Schatten unter den Augen. Aber in diesen Augen war ein Leuchten, das sie noch nie gesehen hatte. Langsam erhob sie sich vom Boden auf die Knie. Deutlich sah sie die Spuren von Tränen im T-Shirt ihrer Tochter, bevor sich ihr Gesicht in deren Brust vergrub. Und während sie spürte, wie ihre bebenden Schultern sanft von der weichen Wolle der Strickjacke umschlossen wurden, begann Thérèse wieder leise zu singen.

Would you pray for me, mama?
Would you stay with me, mama?
And keep singing hallelujah
Mama

(Ausschnitte aus dem Songtext von Beth Hart, „St. Teresa“)

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4 Gedanken zu “Im Strudel der Ohnmacht (VII, 2017)

  1. Die Konstruktion deiner Geschichten wird immer komplexer. Der Beth-Hart-Song als Thema, das sich hier durch den Text zieht, mit den Zitaten, aber eben auch mit dem Mutter-Bezug, das ist schon sehr gut gemacht. Der Konflikt der Tochter/Schwester, die sich als die Schuldige sieht, sich fragt, was sie falsch gemacht hat und um die Liebe ihrer Peiniger kämpft, bei ihrem Bruder so weit geht, ihn um Hilfe zu bitten, um zu ihm durchzudringen: Das ist eine würdige Fortsetzung deiner tollen kleinen Serie!

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    1. Herzlichen Dank, lieber Manfred, für Deine differenzierte Würdigung, die mich sehr freut.
      Beth Hart und speziell dieser Song (St. Teresa) wurde in den letzten Wochen meine grosse Entdeckung und Liebe, eine Spätfolge Deines Postes über Joe Bonamassa 🙂 Danke!
      Ich werde in meiner Arbeit in den letzten Jahren immer wieder mit Übergriffen innerhalb von Familienstrukturen konfrontiert, wo die objektiven Tatbestände zwar klar, schlecht, empörend und unentschuldbar sind, die Täter aber nicht einfach nur die bösen Fremden sind, sondern Väter, Mütter, Geschwister und Verwandte, die man eigentlich „liebt“, nach deren Liebe man sich trotz allem oft ein Leben lang (und oft vergeblich) sehnt, und die nicht selten selber Opfer von Übergriffen, Krankheiten oder anderen Schicksalsschlägen waren und sind. Die emotionale Ambivalenz, Zerrissenheit und Herausforderung für die Opfer ist dabei enorm. Die Weise, wie meine „Thérèse“ damit umgeht, kann man weder machen noch von jemandem fordern. Sie ist in gewissem Sinne Gnade, eine geschenkte Erfahrung von Liebe, Bejahtsein und Versöhnung mit sich selber, die von ausserhalb des normalen Beziehungssystems kommt („dieser Blick“), aber auf diese zurückwirken kann, sofern man sie zulässt. Ich durfte solche Erfahrungen miterleben, und ich bin überzeugt, wenn Beth Hart heute wieder singt und so singt, wie sie singt, dann weil sie in den dunkelsten Momenten ihres Lebens irgendwie diese Erfahrung gemacht hat, die sie unter anderem in St. Teresa besingt: geliebt zu werden, ohne es zu verdienen (oder oft auch einfach ohne zu meinen, es zu verdienen).

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