Im Strudel der Ohnmacht (IV, 1979)

„Es tut mir so leid. Verzeih mir!“

Sie war erstaunt, wie klar und deutlich sich ihre Stimme abhob vom Quietschen der Möwen über ihr und dem Rauschen des nahen Meeres. Lautlos glitten weisse Wolken über sie hinweg, während der Wind zwischen ihren Beinen mit dem feinen Stoff ihrer Hose spielte und eine gelegentliche Böe die losen Ärmel der weissen Kaschmirjacke vor ihrer Brust tanzen liess. Aufrecht, mit tränenfeuchten Wangen, stand Dorothy vor dem weissen Kreuz, das sich vor ihr aus dem grünen Rasen erhob. Es war kaum zu unterscheiden von 9386 anderen Kreuzen, die sich über eine scheinbar endlose Fläche um sie herum verteilten. Aber dieses eine Kreuz war besonders. Es hatte auf sie gewartet, seit 35 Jahren.

Dorothy
Quelle unbekannt

Auch nach all diesen Jahres befiel Dorothy immer noch ein leises Schwindelgefühl, wenn sie an das Bild dachte, das sie damals mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte: Es war wie eine Falltür, die sich langsam senkte. Dann war da dieser grelle Blitz. Und dann Dunkelheit, nackte schwarze Finsternis. Und als sie schweissgebadet das Licht angemacht hatte, stand der Kleine in der Tür und starrte sie an, als ob er den Teufel persönlich gesehen hätte. Stundenlang lag sie mit dem zitternden Knaben im Arm im Bett und versuchte sich selber vergeblich zu überzeugen, dass es nur ein schlechter Traum gewesen war. Und als sie am Morgen in ihren Morgenmantel gehüllt die Haustür öffnete und ihr die Nachbarin strahlend erzählte, dass die 1. US-Armee in der Nacht in Frankreich gelandet sei, hatten die Knie unter ihr nachgegeben.

Mein Gott, wie hatte sie diesen Krieg gehasst! Was ging sie das Ganze überhaupt an? Sollen diese Europäer sich doch selber helfen. Sie hasste die Nazis, und sie hasste die Franzosen. Und sie hasste ihren Mann. Warum musste er unbedingt Offizier werden? Und warum war er so erpicht darauf mitzugehen? Wie konnte er sie einfach so verlassen, sie und den Jungen? Er hatte ihnen doch versprochen, dass er auf sich aufpassen werde, und dass er wiederkomme, damals am Hafen, an einem kalten, nebelfeuchten Wintermorgen, als sich die 1. US-Infanteriedivision nach Europa einschiffte.

Als ihr ein Offizier wenige Tage nach dem Traum die offizielle Nachricht vom Tod ihres Mannes überbracht hatte, waren Dorothys Tränen schon längst versiegt. Teilnahmslos hatte ihr Blick in die Ferne gestarrt, während sie auf der Treppe vor dem Haus ihre schluchzende Nachbarin in den Armen hielt, die nach ihrem Mann in Pearl Harbour nun auch noch ihren Sohn an den Stränden der Normandie verloren hatte. Dorothy stand damals vor der Wahl, an ihrem Schmerz zu zerbrechen, oder sich der Wut zu überlassen. Sie hatte sich für letzteres entschieden. Und als Monate später der Brief von der Armee kam mit dem Hinweis auf den amerikanischen Soldatenfriedhof bei Colleville-sur-Mer, hatte sie diesen zuunterst in ihrer Schublade verstaut. Ihr Entschluss war klar: Nie im Leben würde sie einen Fuss nach Europa setzen.

Und dann hatte ihr Sohn ausgerechnet eine Französin als Verlobte nach Hause gebracht. Beim Gedanken an die erste Begegnung mit ihr, drangen neue Tränen in Dorothys Augen. Mein Gott, was hatte sie dem Mädchen angetan! Sie wirkte so jung und zerbrechlich, damals auf dem Schiffssteg am Arm ihres Sohnes, mit ihrem hübschen Gesicht und den kurzen, kastanienbraunen Haaren. Und dies trotz oder vielleicht gerade wegen des roten Sommerkleides und der schwarzen Strickjacke, die sie scheinbar so selbstbewusst um die Schultern drapiert getragen hatte. Für einen kurzen Moment hatte Dorothy den Impuls verspürt, sie zu umarmen. Doch als die junge Frau mit zögerndem Lächeln vor ihr stand, hatte der Hass das spontane Gefühl erstickt.

Gedankenversunken schaute Dorothy zu, wie eine Träne von ihrer Wange in das weissen Kaschmir ihres Pullovers tropfte, als ihr ein heftiger Windstoss den Ärmel ihrer Strickjacke ins Gesicht wehte. Unwillkürlich musste sie schmunzeln: War das nun eine sanfte Ohrfeige oder ein zärtliches Abwischen ihrer Tränen? Mein Gott, ja, wie sehr hatte sie gekämpft, um ihrer Schwiegertochter diese Grace-Kelly-Marotte auszutreiben. Der Hass spürt instinktiv, wo er den anderen am meisten verletzen kann, und so hatte sie der jungen Frau klar gemacht, dass es sich in ihren Kreisen für eine Dame nicht gehöre, die Haare kurz und die Strickjacken anders als zugeknöpft zu tragen. Sie sei weder eine Prinzessin noch eine Hollywood Diva.

Systematisch hatte sie ihrer Schwiegertochter all das weggenommen, was sie irgendwie lebendig machte. Immer tiefer hatte sie sie hineingezogen in die kalte, trostlose Welt ihres schwelenden Hasses, in deren Bann auch ihr eigener Sohn hilflos gefangen war. Wie oft hatte sie nachts das verzweifelte Flehen gehört, wenn dieser im Rausch wieder einmal gewaltsam seine ehelichen Rechte einforderte. Und doch hatte die junge Frau nie geklagt. Wortlos hatte sie die Blutergüsse an ihren Armen unter den langen Ärmeln ihrer Twinsets versteckt, wenn sie Dorothy in die Kirche begleitete, zu den Treffen der Kriegswitwen und zu unzähligen Empfängen bei Offizieren und deren Gemahlinnen. Und gemeinsam hatten sie verzweifelte Tränen vergossen, als Dorothys Sohn verkündete, sich freiwillig nach Vietnam melden zu wollen. Doch je mehr sich die junge Französin bemüht hatte, es ihrer Schwiegermutter recht zu machen, desto mehr schien sich deren Hass zu steigern.

Ein plötzliches Gefühl der Beklemmung befiel Dorothy, während sich über ihr eine Wolke vor die Sonne schob. Unwillkürlich löste sie das seidene Tuch, das sie kunstvoll um ihren Hals geschlungen trug. Und während sie spürte, wie der Wind sanft mit ihren Nackenhaare spielte, erinnerte sie sich an den Moment, damals vor zehn Jahren, an einem dieser trostlosen Abende vor dem Fernseher, als sich ihre Schwiegertochter plötzlich aus der Schlinge ihres Hasses zu lösen begann. Dorothy hatte nie verstanden, was damals genau der Auslöser war. Zuerst hatte sie geglaubt, es wäre der Tod ihres Sohnes gewesen. Nie hatte sie die junge Frau so schön und stark gesehen, wie in dem Moment, als sie vor dem Sarg ihres Gatten stand. Ganz in Schwarz, mit hochgestecktem Haar, ihre Strickjacke elegant um die aufrechten Schultern drapiert, hatte sie mit festem Blick das zusammengefaltete Sternenbanner entgegengenommen.

Doch schon am Tag nach der Beerdigung hatte ihre gemeinsame Welt begonnen, sich aufzulösen. Dorothy suchte in ihrer Trauer Zuflucht im Alkohol, während ihre Schwiegertochter oft tagelang abwesend war. Nach wenigen Wochen schien die junge Frau um Jahre gealtert. Plötzlich hing sie nur noch zuhause herum. Erschöpft und antriebslos verbrachte sie die Tage zwischen dem Sofa vor dem Fernseher und dem Bad, wo sie sich immer öfter den Frust aus der Seele kotzte. Und dann kam der Tag, an dem sie sich im Bad eingeschlossen hatte und sich weigerte, mitzukommen zum jährlichen Empfang beim General. Dorothy hatte sie damit entschuldigt, sie sei krank und hätte sich erbrechen müssen. Doch als sie kurz nach Mitternacht nach Hause kam, fand sie das Bad unter Wasser. Fassungslos starrte sie auf die langen, kastanienbraunen Haarsträhnen im Waschbecken. Und als sie aus der verstopften Kloschüssel die mintgrüne Strickjacke herauszog, die sie ihrer Schwiegertochter zur Hochzeit geschenkt hatte, wurde das auch für ihren Magen zu viel.

Seit jenem Tag hatte Dorothy ihre Schwiegertochter nicht mehr gesehen. Sie hatte ein paar ihrer Sachen mitgenommen und war spurlos verschwunden. Der Sohn einer Nachbarin hatte zwar gemeint, sie ein paar Wochen später am Woodstock Festival gesehen zu haben. Aber das war alles andere als ein Trost für Dorothy. Wie demütigend war das für sie, überall darauf angesprochen zu werden: Ihre Schwiegertochter, eine Hippie, im Sumpf von Drogen, Sex und Rock’n’Roll. Mein Gott, wie sehr hasste sie sie dafür! Wie konnte sie ihr das nur antun? Von Jahr zu Jahr zog sich Dorothy mehr zurück. Alleine auf dem Sofa vor dem Fernseher, mit einer Packung Zigaretten und einer Flasche Wein, hatte sie ihre Einsamkeit beweint, fest eingewickelt in die weiche Wolldecke, die ihre Schwiegertochter zurückgelassen hatte.

Und dann kam dieser Gebetsabend mit ihrer Frauengruppe. Trotz der Sonne, die wieder hinter der Wolke hervorgetreten war, bekam Dorothy eine Gänsehaut, als sie an diesen denkwürdigen Moment zurückdachte. Teilnahmslos sass sie damals im Kreis dieser frommen Damen, als die Leiterin plötzlich begann, für die verkommenen Seelen der heutigen Jugend zu beten. Und als sie dabei Dorothy mit einem ernsten Blick voll mitfühlender Betroffenheit zunickte, tauchte wie aus dem Nichts dieses allererste, zögernde Lächeln ihrer Schwiegertochter vor ihrem inneren Auge auf. Und während die Damen um sie herum „Oh yes, Amen!“ murmelten und bedeutungsschwanger nickten, spürte Dorothy eine Welle des Schmerzes in sich aufsteigen. Plötzlich schien aus der Tiefe ihrer inneren Finsternis mit aller Gewalt ein Licht durchzubrechen. Nie wird sie die entgeisterten Blicke vergessen, als sie mit einem wütenden Aufschrei ihren Stuhl umstiess, das Gesangbuch auf den Boden schleuderte und heulend aus dem Saal rannte.

Warum sie damals ausgerechnet in der Kirche Zuflucht gesucht hatte, wusste sie beim besten Willen nicht zu sagen. Auch nicht, wie lange sie hemmungslos schluchzend und am ganzen Körper zitternd und bebend in der Kirchenbank gesessen hatte. Ganz allmählich waren die kalten Tränen der Verzweiflung in warme Tränen des Trostes übergegangen. Irgendwann glaubte sie auch zu spüren, dass sich jemand neben sie gesetzt hatte. Sie hätte schwören können, einen sanften Arm um ihre Schultern gespürt zu haben. Doch als die Glocke über ihr Mitternacht schlug und sie die verweinten Augen öffnete, war sie alleine. Erst als sie die Kirche verliess, sah sie in der Seitenkapelle den jungen Priester beim Beten. Und als sie draussen in der frischen Nachtluft zum ersten Mal seit Jahren wieder den Sternenhimmel bestaunte und dabei hörte, wie hinter ihr die Tür abgeschlossen wurde, wusste sie, dass er auf sie gewartet hatte.

Sanft schmiegte der Wind die weiche Jacke um Dorothys nackte Oberarme, während ihr Blick liebevoll auf dem weissen Kreuz zu ihren Füssen ruhte. Mein Gott, wie blind war sie nur gewesen, wie gefangen und gefesselt in der Nacht ihres Hasses! Wie konnte sie es nur verleugnen, all die Jahre, diese Kraft und Lebensfreude, die sie erfüllt hatte, damals als er sie zum ersten Mal geküsst hatte, als er sie über die Schwelle ihres neuen, gemeinsamen Hauses getragen hatte und als er ihr im Krankenhaus zum ersten Mal das Neugeborene in den Arm gelegt hatte. Sie hatte gewusst wer er war. Sie wusste, dass er Soldat war mit Leib und Seele, und dass er seine Männer nie im Stich lassen würde. Sie hatte es gewusst und sie hatte ja dazu gesagt, in guten und in schlechten Zeiten. 35 Jahre hatte sie gebraucht, um sich daran zu erinnern und endlich diesen Brief aus der Tiefe ihrer Schublade zu holen.

Ein tiefer Friede erfüllte Dorothy, als sie sich schliesslich umdrehte und den Blick über den nahen Strand auf die Brandung des Meeres gleiten liess. Das war er also, Omaha Beach. Irgendwo da unten hatte sich damals die stählerne Rampe des Landungsbootes gesenkt und ihn und seine Männer in die Finsternis des Todes entlassen. Unwillkürlich zog sie die Jacke des Twinsets vor ihrer Brust zusammen, als sie sich die Szenerie vorzustellen versuchte. Zusammen mit all den Tausenden, die um sie herum begraben lagen, hatte ihr Mann an diesem Strand sein Leben für die Freiheit geopfert. Und sie hatte ihre Freiheit all die Jahre der Ohnmacht ihrer Gefühle geopfert, bis ihre Schwiegertochter den Mut hatte, aus den Mauern ihres Hasses auszubrechen. Wie sehr hätte sich Dorothy gewünscht, ihr dafür danken zu können.

Wieder traten Tränen in ihre Augen, während ihr Blick über das Meer zum Horizont wanderte. Eine Gruppe Möwen flog quietschend über sie hinweg, als sie einem spontanen Impuls folgend ihre Strickjacke losliess. Und während eine Windböe ihr das edle Stück von den Schultern wehte, begannen ihre Finger die Spange zu entfernen, mit denen sie ihre Haare zusammengebunden hatte. Was für ein Gefühl der Freiheit, als sich diese mit einem kurzen Schütteln des Kopfes im Wind entfalteten! Mit geschlossenen Augen genoss Dorothy die wärmende Sonne auf ihren Wangen und die Kühle der Luft auf ihren nackten Armen. Minutenlang stand sie da und liess die salzige Meer Luft durch ihre Haare und in ihre Lungen strömen. Und langsam spürte sie, wie sich ihre Brust weitete und das Leben in die letzten Winkel ihres Leibes zurückkehrte.

„Pardon Madame, votre gilet“, wurde sie plötzlich von einer sanften Stimme aus ihren Gedanken gerissen. Und als sie sich umdrehte, hielt ihr ein Mädchen ihre Strickjacke entgegen. Verblüfft betrachtete Dorothy das zögernde Lächeln auf dem hübschen Gesicht und die kastanienbraunen Strähnen, die lebhaft mit dem Wind tanzten. Und einen Moment lang spürte sie den spontanen Impuls, das Kind zu umarmen…

 

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8 Gedanken zu “Im Strudel der Ohnmacht (IV, 1979)

    1. Den zweiten Teil Deiner Frage musst Du schon selber beantworten 😉
      Was mich betrifft, war ich schon als Junge fasziniert von Frauen, die elegante Strickjacken tragen. Vor allem das klassische Twinset hatte es mir angetan (muss wohl irgendwie mit meiner Mutter oder meiner Oma zu tun haben). Mich fasziniert die Vielseitigkeit des Twinsets. Der Schweizer Kabaretist Emil hat die Gabe, allein durch die Art und weise, wie er sein Hemd trägt, die unterschiedlichsten Charaktere darzustellen (bis oben zugeknöpft, ein Knopf offen oder zwei, Ärmel hochgekrempelt oder mit geschlossener Manschette). Ähnliches geschieht für mich beim Twinset: Der Ausdruck ist völlig unterschiedlich ob nun die Jacke zugeknöpft, offen oder um die Schultern gelegt getragen wird (vgl. Bild zu Im Strudel der Ohnmacht III), ganz zu schweigen von den Varianten nur oben, nur unten oder nur in der Mitte geknöpft, um den Bauch gebunden, zugeknöpft über die Schultern gelegt etc. ☺️

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