Im Strudel der Ohnmacht (III, 1969)

Der Geruch von Erbrochenem hing in der Luft, als Jeannine sich die Spuren der Tränen aus dem Gesicht wischte. Ein Gefühl bodenloser Leere erfüllte sie, während sie die Frau betrachtete, die sie aus dem Spiegel im Bad flehend anschaute. Natürlich kannte sie diese Frau, seit Jahren. Und doch war sie ihr von Tag zu Tag fremder geworden: Wo war es hingekommen, das strahlende Lächeln? Wo war es geblieben, das Leuchten in ihren Augen? Selbst die kastanienbraunen Haare schienen ihren lebendigen Glanz verloren zu haben. Erschöpft hob sie die Jacke ihres mintgrünen Stricksets vom Boden auf und legte sie sich wieder um die Schultern. Es schien ihr plötzlich so lächerlich. Und doch war es das einzige was ihr noch blieb: Ein Stück Würde und Freiheit. Ihr persönliches Zeichen des Protests.

„Beeil dich Jane, wir dürfen nicht zu spät kommen!“

60s fashion
Bild von elanknits bei etsy

Jeannine hatte sich schon so damit abgefunden, dass ihre Schwiegermutter sie Jane nannte, dass sie schon fast vergessen hatte, wie sehr sie das hasste. Die beiden waren nie Freundinnen geworden. Dabei hatte sich Jeannine alle Mühe gegeben, seit jenem Tag vor fünf Jahren, als sie sich am Hafen von New York zum ersten Mal begegnet waren. Aufrecht, im knielangen grünen Rock, die mintgrüne Strickjacke bis oben zugeknöpft, hatte die Mutter ihres Verlobten mit skeptisch musterndem Blick am Pier auf sie gewartet. Er hatte ihr ein Bild seiner Mutter gezeigt, aber wenn Jeannine so etwas wie Vorfreude empfunden habe sollte, so verflüchtigte sich diese schlagartig beim ersten distanzierten Händedruck.

Jeannine hatte sich redlich bemüht, sich anzupassen und den Erwartungen ihrer neuen Umgebung gerecht zu werden. Der Vater ihres Verlobten war 1944 als Offizier bei Omaha Beach ums Leben gekommen. Und für die Witwe war die Präsenz einer französischen Schwiegertochter auch 20 Jahre danach eine permanente Konfrontation mit unerlöster Trauer. Jeannine fühlte das und versuchte alles, um es ihr leichter zu machen. Dies umso mehr, als auch ihr eigener Mann sich kurz nach der Hochzeit als junger Offizier freiwillig für den Einsatz in Vietnam gemeldet hatte. Nie waren sich die beiden Frauen so nahe, wie in den quälenden Stunden, in denen sie vergeblich versucht hatten, ihn unter Tränen davon abzubringen.

Jeannines Schwiegermutter hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihre französische Schwiegertochter in die Pflichten einer guten amerikanischen Offiziersgattin einzuführen. Sie nahm sie mit in die Kirche und in die Frauengruppe, wo für das Wohl der Vereinigten Staaten und für den Sieg der Demokratie gegen den alles bedrohenden Kommunismus gebetet wurde. Sie gab ein Vermögen aus, um Jeannine neu einzukleiden, und forderte sie auf, die Haare wieder wachsen zu lassen. Und als Hochzeitsgeschenkt liess sie ihr von ihrem bevorzugten Schneider einen knielangen, grünen Rock und ein mintgrünes Strickset anfertigen. Jeannine hatte es geschehen lassen. Auch dann, als ihr die Schwiegermutter verbot, die Strickjacken um die Schultern drapiert zu tragen. Das sehe überheblich und arrogant aus, einer bescheidenen Offiziersgattin nicht würdig. Sie sei ja schliesslich nicht Grace Kelly.

„Jane, zieh doch lieber das dunkle Twinset an! Du weisst, die Frau des Generals mag keine aufdringlichen Farben. Und vergiss die Perlen nicht!“

Stück für Stück wurde Jeannine dazu gebracht, das aufzugeben, was sie fünf Jahre zuvor an einem schönen Septembertag zu einem neuen Menschen gemacht hatte. Nie wird sie das Bild dieser fremden, verstörend faszinierenden Frau vergessen, die sie damals auf dem Platz vor dem Bistro hat vorbeigehen sehen: Aufrecht, mit erhobenem Haupt, den Blick geradeaus gerichtet, eine Strickjacke elegant um die Schultern drapiert, der kahlgeschorenen Schädel leuchtend im Licht der abendlichen Sonne. Dieser Anblick hatte in Jeannine Bilder geweckt, die sie nicht mehr loswurde. Am Tag danach, nach einer schlaflosen Nacht, war sie auf den Friedhof gegangen, wo sie auf dem diskreten Grab einer Baronin das blaue Kopftuch und das Beret der fremden Frau fand. Sie hat in den Hotels nach ihr gefragt, doch mehr, als dass sie aus Amerika gekommen sei, wollte man ihr nicht sagen. Und als sie begann, sich nach der Baronin zu erkundigen, stiess sie überall auf eine Mauer des Schweigens. Sie solle die Geister der Vergangenheit ruhen lassen, hatte ihr die Grossmutter unwillig gesagt.

Dann eines Tages war ein junger Student im Bistrot aufgetaucht. Er schrieb an einer Arbeit über die „wilden Säuberungen“ in der Zeit unmittelbar nach der Befreiung. Jeannine hörte ihm stundenlang zu und langsam wurde ihr klar, was sie als kleines Mädchen auf den Schultern ihres Grossvaters miterlebt hatte. Täglich wuchsen der Ekel und die Empörung in ihr, wenn sie mit anhören musste, wie betagte Herren, verdiente Veteranen des Widerstandes, im Bistro über diesen „arroganten Nestbeschmutzer“ lästerten. Und schliesslich kam der Tag, an dem sie sich nicht mehr zurückhalten konnte. Entgeistert starrten die Männer sie an. Dann erhob sich der Wortführer langsam, und ein höhnisches Grinsen legte sich über sein Gesicht. Ob sie sich eigentlich nie gefragt habe, warum sie bei ihren Grosseltern aufgewachsen sei?

Die Grossmutter hatte schliesslich ihr Schweigen gebrochen: Niemand wisse, was damals aus Jeannines Mutter geworden war, nachdem man ihr nach der Geburt das Kind weggenommen hatte. Ihr Vater, ein Feldweibel einer deutschen Versorgungseinheit, sei bei einem Überfall der Résistance getötet worden.

Am gleichen Tag noch hatte Jeannine ihre Heimatstadt verlassen. Sie hätte sich damals wohl umgebracht, wenn nicht immer wieder das Bild dieser fremden Frau in ihr aufgestiegen wäre. Eine seltsame Kraft ging von dieser Erscheinung aus. Und langsam hatte Jeannine begonnen sich daran aufzurichten. Sie kaufte mit ihrem Ersparten ein paar neue Kleider, schnitt ihre Haare kurz und begann, ihre Strickjacken um die Schultern drapiert zu tragen. Und bei all dem hatte sie nur noch ein Ziel: Sie musste sie finden. Sie wusste nicht wo. Sie wusste nicht mal ihren Namen. Aber sie musste nach Amerika. Und der leichteste Weg dahin führte über einen Job bei den amerikanischen Besatzungstruppen.

„Jane, wo zum Teufel bleibst du? Das Taxi wartet!“

Vier Jahre war Jeannine schon in den USA und das Bild in ihrem Kopf schien längst verblasst, als sie eines Abends mit ihrer Schwiegermutter vor dem Fernseher sass. Mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Abscheu ertrugen sie die ewig gleichen Bilder der Anti-Vietnam Demonstrationen, die die Nachrichten seit Monaten beherrschten. An diesem Tag demonstrierten Frauen für ihre Rechte und das Ende der Gewalt. In geschlossener Reihe standen sie der schwer bewaffneten Polizei gegenüber. Langsam zoomte die Kamera auf die Anführerin, die dem Zuschauer eindringlich etwas entgegen schrie. Rechts von ihr trug eine Frau ein blaues Kopftuch. Sie hatte eine bunte Wolljacke um ihre aufrechten Schultern gelegt und hielt einem Polizisten mit selbstbewusstem Blick eine Blume entgegen.

Jeannine war wie vom Blitz getroffen. Die Einstellung dauerte kaum drei Sekunden. Doch es gab keinen Zweifel. Auf einen Schlag war alles wieder lebendig. Und als Jeannine am nächsten Morgen den beiden Offizieren der US Armee die Tür öffnete, trug sie ihre Strickjacke elegant um die Schultern drapiert. Und dieselbe schwarze Strickjacke lag auch über ihren aufrechten Schultern, als ihr eine Woche später aus der Hand eines Offiziers das zusammengefaltete Sternenbanner übergeben wurde.

„Mein Gott, Jane, bitte, tu mir das nicht an! Deinetwegen waren wir schon zu spät bei der Beerdigung!“

Ihre Schwiegermutter war von der Trauer über den tragischen Verlust ihres Sohnes derart absorbiert, dass sie erst gar nicht bemerkte, wie Jeannine immer öfter abwesend war. Diese hatte begonnen, allen möglichen Anti-Vietnam-Demonstrationen nachzureisen, wobei sie einer Welt begegnete, die ihr völlig fremd war. Was ihr vom heimischen Sofa aus wie eine geeinte Stimme gegen den Krieg erschienen war, erwies sich aus der Nähe als ein wirres Gemisch von Interessen und Ideologien. Das Ganze hatte einen verführerischen Hauch von Freiheit, von Unbeschwertheit und Lebensfreude. Und doch dauerte es nicht lange, bis Jeannine mit den unterschiedlichsten Formen von Gewalt konfrontiert wurde und feststellen musste, dass sie als Frau in den meisten Gruppen ungefähr so ernst genommen wurde wie eine vorbildliche Offiziersgattin bei der Armee.

Einen Monat nach der Beerdigung ihres Gatten, war Jeannine am Ende ihrer Kräfte. Das Reisen, die Massen, der Lärm und das dauernde Angemacht-Werden hatten sie erschöpft. Und das, was sie gesucht hatte, hat sie nicht gefunden. Stattdessen wurde sie gnadenlos eingeholt von ihrem eigenen Elend: die trostlose Einsamkeit an der Seite ihrer Schwiegermutter, der Verlust ihres Gatten, und das, was er ihr hinterlassen hat. Weinend war sie eines Abends auf dem Sofa gesessen, nachdem sie sich einmal mehr im Bad übergeben hatte, als im Fernsehen die vertrauten Bilder einer Demonstration erschienen. Erneut demonstrierte eine Gruppe von Frauen für Gleichberechtigung und Frieden. Doch diesmal wurden sie nicht von der Polizei sondern von einer Gruppe betrunkener Vietnam-Veteranen gestoppt. Fassungslos schaute Jeannine zu, wie die Frauen vor den grölenden Männern flohen. Mittendrin versuchte eine Frau mit blauem Kopftuch verzweifelt, sich von zwei bärtigen Kerlen mit langen Haaren und nacktem Oberkörper loszureissen. Ihre Strickjacke musste sie irgendwo im Getümmel verloren haben. Langsam zoomte die Kamera auf die Gruppe, als die Frau ihren Kopf drehte. Und für einen kurzen Moment sah Jeannine direkt in ihre ohnmächtig flehenden Augen…

„Verdammt noch mal, Jane, was ist mit dir? Du weisst, ich hasse es, zu spät zu kommen. Was soll ich nur dem General sagen?“

Es war Jeannine scheissegal, was sie dem General sagen würde. Wie gebannt starrte sie auf das Antlitz im Spiegel, wo der flehende Ausdruck in den Augen langsam aber unaufhaltsam einem bedrohlichen Funkeln wich. Und plötzlich spürte sie aus der Tiefe ihres Leibes den Hass aufsteigen: Den Hass gegen ihre Schwiegermutter mit ihrer Arschkriecherei und der ganzen, blödsinnigen Twinset und Perlen Biederkeit. Den Hass gegen ihre eigene Mutter, die „Nazi-Hure“, die sie einfach so alleine in dieser Welt zurückgelassen hat. Den Hass gegen ihren Ehemann, der sich zum wiederholten Mal gewaltsam ihrem Nein widersetzt hatte, in jener letzten Nacht vor zwei Monaten, bevor er zurück ging nach Vietnam, um im Ausgang betrunken mit seinem Jeep gegen einen Baum zu fahren. Den Hass auch gegen das unbekannte Phantom, die Frau mit dem blauen Kopftuch und der umgehängter Strickjacke, deren faszinierende Macht letztlich auch an der Ohnmacht der Welt zerbrochen war. Und schliesslich den Hass gegen das Leben, diesen unausrottbaren Keim des Lebens, der in ihr Gestalt annehmen wollte, und der sie seit Wochen alles erbrechen liess, woran sie sich irgendwie noch krampfhaft festhalten wollte.

Die Gewalt des entfesselten Hasses zwang sie schliesslich wieder zu Boden, wo sie verzweifelt versuchte, in die Kloschüssel zu würgen, was sie schon längst nicht mehr im Magen hatte. Dann zerrte sie die Strickjacke von ihren Schultern, stopfte sie in die säuerlich stinkende Schüssel und betätigte die Spülung. Und als das überlaufende Wasser kurz darauf begann, in ihre Strümpfe zu dringen, lagen bereits die ersten Strähnen ihrer kastanienbraunen Haare im Spülbecken…

– – – – – –

Zehn Jahre nach der denkwürdigen Begegnung mit einer Frau, deren Name sie wohl nie kennen würde, stand eine junge Französin inmitten einer unüberschaubaren Menschenmenge auf einem Stück Ackerland im Bundesstaat New York. Barfuss, die kurzen Haare verkrustet, mit zerrissenem T-Shirt und regendurchtränktem Stufenrock, halb betäubt von fehlendem Schlaf, Alkohol und Marihuana, stand sie knöcheltief im Schlamm und versuchte, einigermassen auf den Beinen zu bleiben, als Alvin Lee seinen Helikopter starten liess. Und während die Menge um sie herum sich in der schwül-feuchten Luft dem rockenden Delirium hingab, spürte sie zum ersten Mal eine leise Bewegung in ihrem Bauch. Ungläubig tasteten ihre Hände nach dem neuen Leben, das sie sanft aber bestimmt aus ihrer Apathie rief. Und plötzlich wusste sie, dass es Zeit für sie war, nach Hause zu gehen. Sie wusste nicht wohin. Aber sie wusste, dass jemand dort auf sie warten würde.

I’m goin‘ home, hey, hoo
Gonna take me back right where I belong”

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6 Gedanken zu “Im Strudel der Ohnmacht (III, 1969)

  1. Wie soll ich auf den Grund Deines Blog Bodens gelangen, wenn Du immer wieder derart spannend geschriebene Worte oben drauf legst. ,-) Danke habe mich mal wieder ein wenig in Deiner Welt verlesen. 🙂

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    1. Danke! Ich hoffe, es fällt Dir leichter, aus meiner Welt wieder auszusteigen, als mir, nachdem ich eine solche Geschichte geschrieben habe. Wobei, als Autor müsste es ja mein Ziel sein, Euch LeserInnen so lange wie möglich in „meiner“ Welt gefangen zu halten 😉

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  2. Die Vergangenheit wirkt bis heute … so oder so …
    Hass ist manchmal eine starke Motivation , wenn es auch nicht die stärkste ist … und bei weitem nicht die beste …
    Und dann ist da ein neues Leben … bleibt zu hoffen , daß diesem Kind nicht auch die Vergangenheit derart nachhängt …
    Ich wünsche Jeannine ein glückliches weiteres Leben …

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    1. Danke fürs Lesen und für Deine Gedanken!
      Was hier aus der Perspektive von Jeannine als „Hass“ erlebt wird, ist ja erst einmal der Ausbruch von lang unterdrückter und verdrängter Wut. In dieser Wut steckt sehr viel Lebensenergie, was es ihr schliesslich auch erlaubt, aus ihren Abhängigkeiten auszubrechen.
      Hass ist ja eigentlich ein seltsames Phänomen, dass oft eng mit Liebe verbunden ist. Und bei all den Menschen, auf die Jeannine in ihrem Moment der Verzweiflung Hass empfindet, sehnt sie sich letztlich ja nach Liebe. Und am meisten „hasst“ sie sich dabei wohl selber für ihre Ohnmacht und dafür, dass sie offenbar von Anfang an nicht würdig war und ist, von diesen Menschen wirklich geliebt zu werden.
      Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.
      Jeannine ist bei aller Verletztheit – oder vielleicht gerade darum – ein starkes Mädchen. Denn alles, was sie nicht umgebracht hat, wird sie stärker machen 🙂

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