Im Strudel der Ohnmacht (II, 1959)

Die Bedienung hatte sie nicht erkannt, als sie bei ihr den Kaffee bestellt hatte. Das konnte Marie nur Recht sein. Je weniger Leute sie treffen würde desto besser.

50s fashionNachdenklich zupfte sie sich die Handschuhe von den Fingern, während ihr Blick über den Platz vor dem Bistro schweifte. Viel hatte sich nicht verändert seit jenem Septembertag vor 15 Jahren: Der plätschernde Brunnen, die gurrenden Tauben, die rot-weiss-blaue Fahne über dem Eingang zum Rathaus, der Gemüseladen, die Bäckerei, und über allem die Glocken der Kirche Sainte Marie de la Miséricorde, die damals selbst noch das Gekreische der Menschen übertönt hatten.

Die Menschenmasse war längst verschwunden und mit ihnen das hölzerne Podest, das neben dem Brunnen aufgebaut worden war. Nur die Bilder in Maries Kopf hatten nichts von ihrer quälenden Schärfe eingebüsst:

Von überall her waren sie damals gekommen: Männer und Frauen, Alte und Junge. Mütter mit ihren Kindern, Väter und Grossväter mit ihren kleinen Töchtern und Enkeln auf den Schultern. Lehrer mit ihren Schülern und die Meister mit ihren Lehrlingen. Die Mitglieder der Résistance hatten für Ordnung gesorgt, sichtlich stolz, nach Jahren im Verborgenen sich endlich offen zeigen zu dürfen. Und im Hintergrund standen ein paar Soldaten, britische Fallschirmjäger, manche gelangweilt, einige staunend, die meisten mit einer Zigarette zwischen den Lippen.

Eine Freundin hatte Marie damals überredet mitzukommen. In der Stadt gehe die Post ab. Vive la France, vive la liberté! Die Stunde der Abrechnung sei gekommen. Sie konnten das Jubelgeschrei von weitem hören, als sie mit ihren Fahrrädern in die Stadt fuhren. Die Menge hatte sich zwar gerade etwas beruhigt, als sie vor dem Bistro auf dem Hauptplatz ankamen. Aber alle schauten gebannt auf das hölzerne Podest, auf dem ein paar Männer in Anzug und Krawatte warteten. Einer zündete in Ruhe seine Pfeife an, während zwei Knaben mit Besen die Holzplanken zwischen den drei aufgestellten Stühlen wischten…

„Ist das nicht ein herrlicher Tag“, wurde Marie von der Bedienung aus ihren Gedanken gerissen, als diese den Kaffee vor ihr auf den Tisch stellte. Die junge Frau hatte wunderbares, kastanienbraunes Haar, das sie mit einem Tuch nach hinten gelegt hatte. Sie war sichtlich fasziniert von Marie und bewunderte unverhohlen ihren eleganten Gast mit dem blauen Kopftuch und dem kecken, schwarzen Beret. Fassungslos starrte Marie in ihr strahlendes Gesicht. Es war dasselbe Strahlen wie damals in den Gesichtern der kleinen Mädchen. Und plötzlich fühlte Marie eine Woge von Ohnmacht und Zorn in sich aufsteigen. Wenig hätte gefehlt und sie hätte die verdutzte Bedienung an den Haaren gepackt und geohrfeigt.

„Pardon, Mademoiselle“, hörte sie sich leise stammeln, während sich die Bedienung kopfschüttelnd entfernte. Tränen standen in Maries Augen, als sie aufgewühlt und mit zitternden Händen den Zucker in den Kaffee rührte. Unwillkürlich überprüfte sie den Sitz ihres Kopftuches und zog dann die modische Strickjacke um ihre Schultern zurecht. Und dabei überkam sie ein tiefer Schmerz. Wie oft hatte sie diese Bewegung bei der Baronin gesehen! Es war ihre bevorzugte Weise, Strickjacken zu tragen. Und Marie hatte sie immer bewundert für ihre Eleganz, für ihre Würde und für vieles mehr. Marie wäre nicht die Frau geworden, die sie war, wenn die Baronin sie damals nicht in ihren Dienst genommen hätte. Sie war sich dessen mehr als bewusst. Tag und Nacht stand ihr diese Tatsache quälend vor Augen. Marie allein hätte sie damals retten können.

Noch heute verfolgt sie diese Szene im Traum: In ihrer Hand die Maschinenpistole, eine britische Sten, leicht, effizient, aber bekannt für ihre Tendenz zu Ladehemmungen. Und vor ihr Jacqueline, die Baronin, hilflos gefesselt auf einem Stuhl. Links von ihr Clément, der Gärtner, der feige Verräter, in der Uniform des deutschen Offiziers. Und rechts der Mann, der die Liebe der Baronin so schamlos missbraucht hat: Oberst Müller mit seinem höhnischen Grinsen. Und vor den dreien ausgestreckt am Boden Pierre, ein alter Freund der Baronin und ihres verstorbenen Gatten, der wichtigste Mann des örtlichen Widerstandes. Maries Hände zerren verzweifelt am Verschluss der Maschinenpistole, während die drei Männer ihre Pistolen in Position bringen. Einen Moment lang scheint die Welt stillzustehen. Dann durchdringt ein gellender Schrei der Baronin die Stille und plötzlich, in einem lauten Knall, entlädt sich die Sten in Maries Fingern, während die Waffen in den Händen der Männer aufblitzen. Wie in Zeitlupe sieht sie, wie Oberst Müller von ihrer eigenen Kugel getroffen rückwärts über das Sofa geschleudert wird, während Clément mit einem dunklen Fleck auf der Brunst und fassungslosem Ausdruck im Gesicht langsam in sich zusammensinkt. Und während ihr eine Kugel Holzsplitter vom Türrahmen ins Gesicht schleudert, beginnt dunkles Blut aus Pierres Oberschenkel zu spritzen. „Marie, schnell, bring mich hier raus!“, hört sie seine verzweifelte Stimme.

Marie hatte keine Wahl. Sie musste sich um Pierre kümmern. Seine Schlagader war getroffen und er durfte auf keinen Fall in die Hände der Deutschen fallen. Tausendmal hatte sie sich seither diesen Moment durch den Kopf gehen lassen. Hätte sie die Baronin befreien und mitnehmen sollen? Aber sie war eine zu bekannte Persönlichkeit. Sie hätte sie alle in Gefahr gebracht, und sie hätte das Leben im Untergrund nicht überlebt. Ihre Beziehung zu Oberst Müller würde sie schützen. Nie wird Marie Jacquelines Blick vergessen, als sie ihr damals den Knebel wieder in den Mund gepackt hatte, bevor sie den verletzten Pierre aus dem Haus schleppte.

Pierre war noch am selben Tag seiner Verletzung erlegen. Und Marie musste in den Untergrund abtauchen. Die Gestapo hatte zur Strafe für den Mord an Oberst Müller fünfzig Häftlinge erschossen und mehrere Dutzend Menschen verhaftet. Aber die Baronin blieb unbehelligt. Hat man ihr geglaubt, oder hat man einfach nicht gewagt, sie anzurühren? Wie auch immer, Gerüchten zufolge soll sie am Begräbnis von Oberst Müller teilgenommen haben. Marie jedenfalls hatte sie seit jenem verhängnisvollen Nachmittag nicht mehr gesehene. Bis zu jenem Tag Anfang September 1944.

Maries Freundin hatte ihr damals gerade einen Kaffee aus dem Bistro besorgt, als wieder Bewegung in die Masse auf dem Platz kam. Die Knaben mit den Besen hatten eben das Podium verlassen, als man begann, eine weinende Frau nach oben zu stossen. Während diese auf einen der Stühle gesetzt wurde, folgte eine zweite Frau, deren verzweifelte Schreie durch begeistertes Johlen der Menge beantwortet wurden. Und während auch sie mit Hilfe kräftiger Arme auf einen Stuhl befördert wurde, betrat eine dritte Gestalt die Treppe, schweigend, aufrecht, mit erhobenem Kopf, eine Strickjacke elegant um die Schultern drapiert. Niemand wagte sie zu berühren. Doch als sie oben ankam, sich vor den dritten Stuhl stellte und den Blick ausdruckslos über die Köpfe hinweg auf die französische Flagge am Rathaus richtete, steigerte sich das Johlen der Menge in hemmungsloses Gekreische. Und es sollte nicht abklingen, bis das letzte Büschel Haare vom Kopf der drei Frauen heruntergeschnitten war.

Marie war wie gelähmt dagestanden und hatte nicht gespürt, wie ihr der heisse Kaffee durch den Rock drang. Fassungslos hatte sie auf das Podium gestarrt, während die Menschen um sie herum tobten. „Et voilà, le carnaval moche!“, hörte sie schliesslich ihre Freundin neben sich begeistert rufen, als sich die Gruppe auf dem Podium in Bewegung setzte und sich die Masse auf dem Platz langsam zu teilen begann. Die Prozession führte nur wenige Meter neben Marie vorbei und langsam kamen die ersten Frauen mit ihren kahlen Schädeln in den Blick. Es mochten gut zwei Duzend gewesen sein. Manche weinten, einige wenige versuchten tapfer zu lächeln, die meisten aber starrten apatisch vor sich hin. Wie in Trance sah Marie zu, wie sie von den Männern verhönt wurden, wie Frauen sie bespuckten und Kinder begeistert mit Dreck und Steinen nach ihnen warfen. Und dann, mitten in der Gruppe der „Tondues“ kam sie, die Schultern leicht gebeugt, den Blick geradeaus auf den Boden gerichtet. Marie hätte sie fast nicht wiedererkannt. Doch plötzlich, auf der Höhe des Bistros, drehte die Baronin den Kopf. Für einen kurzen Moment, durch alle Schultern und Köpfe hindurch, trafen sich ihre Blicke. Jacqueline hatte Tränen in den Augen. Ihre Strickjacke hatte sie irgendwo in der Menge verloren…

Die Glocke von Sainte Marie de la Miséricorde schlug vier Uhr, als Marie ihren Kaffee bezahlte und sich auf den Weg zum Friedhof machte. Das Grab lag etwas abseits und schien von niemandem gepflegt zu werden. Selbst die Jahreszahl 1947 war unter einer Schicht von Moos kaum noch zu erkennen. Zwölf Jahre war die Baronin nun schon tot. Manche sprachen von Suizid, aber bestätigen wollte es niemand. Marie hatte es in den USA erfahren, wo sie nach dem Krieg ein neues Leben beginnen wollte. Aber die Bilder hatten sie über den Atlantik begleitet. Und diese Bilder wollten sie nicht loslassen.

Lange stand sie schweigend vor dem Grab. Die Sonne schien durch die Wipfel der Eichen auf die Grabplatte, während die Vögel auf den Ästen über ihr pfiffen. Schliesslich kniete sich Marie nieder und befreite die Inschrift vom Moos. Dann nahm sie langsam das schwarze Beret ab, löste das blaue Tuch von ihrem Kopf und faltete es sorgfältig zusammen. Beides legte sie auf die Grabplatte. „Merci, Jacqueline!“

– – – –

In dieser Nacht brannte in einem der Zimmer über dem Bistro noch lange Licht. Eine junge Frau konnte nicht einschlafen. Immer wieder sah sie das Bild dieser faszinierenden, fremden Dame vor sich, die sie am frühen Abend noch einmal hatte über den Platz gehen sehen: Aufrecht, mit erhobenem Haupt, den Blick geradeaus gerichtet, eine Strickjacke elegant um die Schultern drapiert. Hell hatte die abendliche Sonne auf dem kahlgeschorenen Schädel geleuchtet. Und plötzlich waren da andere Bilder, verstörende Bilder aus längst vergangenen Tagen. Es war ein Septembertag wie heute. Sie war noch ein kleines Mädchen, auf den Schultern ihres Grossvaters…

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6 Gedanken zu “Im Strudel der Ohnmacht (II, 1959)

    1. Danke fürs Lesen!
      Kaffee brauche ich heute Morgen auch. Es ist spät geworden gestern mit dieser Geschichte… wenn einem eine Figur einmal gepackt hat, ist es schwer loszulassen und den Computer heruntertzufahren. Nur gut, bin ich im Urlaub 🙂

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  1. Ich habe mit dem Gedanken an leichte Lektüre bei dir während meiner Kaffepause begonnen und bin jetzt in deiner Geschichte gefangen…
    Wunderbar, fesselnd und tiefgründig geschrieben, so dass man danach schwer wieder abschalten kann…
    Du hast ein wunderbares Talent, den Leser in deinen Bann zu ziehen…

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    1. Herzlichen Dank, liebe Beate! Was kann einem Schreiberling schöneres passieren, als dass seine Geschichte zu fesseln vermag.
      Aber nicht ich möchte Dich in meinen Bann ziehen. Es ist die menschliche Realität in ihren vielseitigen, oft widersprüchlichen, manchmal wunderschönen und dann auch wieder grausamen Facetten, die uns immer wieder berühren und in den Bann ziehen sollte. Ich versuche nur, dies auf meine Weise umzusetzen, so wie Du es in Deinen wunderbar berührenden Texten auf Deine Weise tust.

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  2. So, jetzt komme ich dazu, deine Geschichte wieder aufzunehmen. Mit Teil 1 natürlich. Und wie der erste Teil endet auch der 2. mit einem Cliffhanger. Aber jetzt habe ich genügend Zeit, auch gleich mit dem 3. Teil fortzufahren.

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