Mimesis II (T wie Twinset)

„Ich liebe dich!“, hörte sie hinter sich die schläfrige Stimme ihres Freundes, während sie in der Morgendämmerung auf der Bettkannte sass und vorsichtig die feine Strumpfhose über ihre Beine zog. Schmunzelnd drehte sie sich um und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, bevor sie ihre Hose und das Kaschmir-Twinset vom Stuhl nahm und leise aus dem Zimmer schlich. „Viel Glück!“, hörte sie ihn noch sagen, als sie die Tür hinter sich zuzog.

Twinset Peterhahn
Bild von Peterhahn (Modell nicht mehr im Sortiment)

Doch Glück war es nicht, was Amanda an diesem Morgen brauchte. Glück hatte sie weiss Gott genug. Wenn sie etwas brauchte, dann vielleicht ein wenig Mut. Selten hatte sie sich so entspannt lächeln sehen, wenn sie vor dem Spiegel im Bad ihr Make-up auftrug. Und eine feine Gänsehaut überzog ihre Arme, als sie den weichen Pullover des Twinsets über ihren Kopf zog. Das edle Stück passte perfekt und schmiegte sich sanft über ihre Brust. Amanda konnte ihr Glück kaum fassen, als sie in die elegante Strickjacke schlüpfte. Nie hätte sie es gewagt, sich selber ein so exquisites Teil zu kaufen, geschweige denn, es auch in der Öffentlichkeit zu tragen.

Es sei ihr zu klein geworden, hatte ihre Tante gesagt, als sie Amanda gestern dieses blaue Twinset schenkte. Das kam ihr zwar seltsam vor, zumal die Schwester ihrer Mutter auch mit über fünfzig immer noch eine blendende Figur hatte. Und Amanda konnte sich nicht erinnert, sie je in diesem Twinset gesehen zu haben. Aber was solls, für sie ging ein Traum in Erfüllung.

Seit sie ein kleines Mädchen war, hatte sie ihre Tante bewundert. Diese hatte nach dem frühen Tod ihres Gatten die Leitung von dessen Firma übernommen. In der Familie wunderte man sich, dass sie nie mehr geheiratet hatte. Manche hielten sie für spröde und verklemmt, andere für stolz und arrogant. Doch Amanda hatte ihre Tante mehr als einmal weinen sehen, wenn sie eingehüllt in eine ihrer Strickjacken neben ihr auf dem Sofa sass und beim Knistern des Kaminfeuers ihren Erinnerungen lauschte. Nein, ihre Tante war weder spröde noch arrogant. Aber sie war bei aller Verletzlichkeit eine starke und eigenständige Frau. Und Amanda kannte niemanden, der Strickjacken und klassische Twinsets in so eleganter und souveräner Weise zu tragen wusste wie sie.

Eine seltene Ausnahme bildete ihre Englischlehrerin im Gymnasium. Die gebürtige Schottin war streng und anspruchsvoll. Doch Amanda liebte es, ihr zuzusehen, wie sie während der Prüfungen mit kritischem Blick durch die Bankreihen schritt, die Jacke ihres Twinsets elegant um die Schultern drapiert. Amanda verdankte ihr ein nahezu perfektes Englisch. Doch die Lehrerin und ihr Stil waren bei den Mitschülerinnen und Jungs derart verhasst und verpönt, dass es Amanda seither nicht mehr wagte, auch nur daran zu denken, je einmal ihrem Vorbild nachzueifern.

Das änderte sich auch nicht, als sie Jennifer kennenlernte. Die junge Frau, die mit ihr zusammen die Banklehre absolviert hatte, war so ganz anders als die anderen Mädchen. Sie war schön und intelligent, aber nicht wenige hielten sie für verklemmt und arrogant. Doch Amanda spürte intuitiv ihre Sensibilität und Verletztlichkeit. Vielleicht lag es daran, dass Jenny sie so sehr an ihre Tante erinnerte. Sie war die einzige, die den Mut hatte, sich dem ungeschrieben Kleiderdiktat der Bankenwelt zu wiedersetzen und statt im massgeschneiderten Kostüm in einem klassischen Twinset zur Arbeit zu erscheinen. Amanda mochte Jennifer, und je mehr die anderen über Jennys Stil lästerten, desto mehr bewunderte sie ihre Kollegin.

Das änderte sich auch dann nicht, als der neue Abteilungsleiter auftauchte. Jennifer hatte zwar spontan behauptet, dass er nicht ihr Typ sei. Aber gleichzeitig begann sie, sich seltsam zu benehmen, und Amanda war überzeugt, dass ihre Kollegin sich selber etwas vormachte. Der Neue war tatsächlich ziemlich attraktiv, charmant und für einen Mann erstaunlich einfühlsam. Und Amanda war sich sicher, dass er gut zu Jenny passen würde. Doch je mehr sie versuchte, die Aufmerksamkeit ihrer Kollegin auf ihn zu lenken, desto mehr schien sich diese von ihr zurückzuziehen.

Als Amanda nicht mehr weiter wusste, erzählte sie ihrer Tante davon. Ob sie je mit Jenny gesprochen hätte, wollte diese wissen. „Weiss sie, wie gern du sie hast?“. Dann verschwand sie in ihrem Schlafzimmer und holte das blaue Kaschmir-Twinset. „Es wird Zeit, dass du erwachsen wirst und den Mut hast, zu dir selber zu stehen!“ hörte Amanda sie sagen, als sie sich zum Abschied fest umarmten.

„Ja, höchste Zeit“, sagte sie zu sich selber, als sie sich an diesem Morgen auf der Damentoilette der Betriebskantine im Spiegel betrachtete. Und spätestens seit ihr Freund gestern Nacht früher von der Spätschicht nach Hause gekommen war und sie beim Anprobieren des Twinsets ertappt hatte, hatte sie auch den nötigen Mut. Noch immer glaubte sie, seine leidenschaftlichen Hände an ihrem Körper zu spüren, als sie aus der Jacke des Twinsets schlüpfte und sich diese elegant um die Schultern legte. Schmunzelnd betrachtete sie im Spiegel, wie die losen Ärmel ihre Hüften umspielten und erfolgreich davon ablenkten, dass sie schon seit vier Wochen nicht mehr joggen war. Schliesslich öffnete sie ihre Handtasche und entnahm ihr die feine Perlenkette, die sie von ihrer Oma geerbt hatte. Der Zeitpunkt war gekommen, um alle Register zu ziehen.

Amanda fühlte sich stark und bereit, als sie vor dem Fahrstuhl wartete, der sie in ihr Büro im dreissigsten Stock des imposanten Bankenturmes bringen sollte. Doch als sich die Tür öffnete, glaubte sie einen Moment lang zu träumen. Ungläubig starrte sie auf ihr eigenes, wohlbekannte Spiegelbild: Dezente Schuhe, ein massgeschneidertes, graues Etuikleid, feine Lederhandschuhe und einen perfekt geschnittenen Gehrock elegant um die aufrechten Schultern drapiert. Und über all dem ein Gesicht, das sie genau so fassungslos anstarrte, wie sie sich selber fühlte.

Amanda brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer da Schulter an Schulter neben ihr stand, als sich die Tür des Fahrstuhls wieder schloss. Wortlos starrten die beiden Frauen vor sich hin, während die Digitalanzeige die Stockwerke durchzählte. Was für ein fabelhaftes Outfit, fuhr es Amanda durch den Kopf. Jenny muss ein Vermögen dafür ausgegeben haben. Dabei hatte sie sich noch vor kurzem lustig gemacht über diesen „Bankentussi-Look“, wie sie es zu nennen pflegte.

Amanda war völlig verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte, als sich die Tür zur 12. Etage öffnete und eine Bekannte aus der Werbeabteilung den Fahrstuhl betrat. „Amanda, das ist gut, dass ich dich treffen, ich wollte…“, wandte sie sich an Jennifer. „Oh, sorry, ich…“. Die Erleichterung war der Frau anzusehen, als sie zwei Etagen später wieder aussteigen konnte. Dafür schaffte es Jennifer gerade noch, die zugleitende Tür zu stoppen, als sie einen Kollegen aus der Buchhaltung heraneilen sah. Amanda glaubte zu wissen, dass der sympatische junge Mann insgeheim ein Auge auf Jennifer geworfen hatte. Umso mehr war sie überrascht, als dieser sich nach einem flüchtigen Dank an Jenny sichtlich nervös an sie wandte: „Ich weiss, du hast sicher schon andere Pläne. Aber vielleicht… ich meine… Jennifer, würdest du mich auf den Firmenball begleite?“ Nie wird Amanda vergessen, wie das Blut in die Wangen des jungen Mannes schoss, als sein Blick fassungslos von ihr zu Jenny wanderte.

„He, spinnst du!“ rief ihm die Praktikantin hinterher, nachdem er sie beim Verlassen des Fahrstuhles fast über den Haufen gerannt hatte. Kopfschüttelnd betrat sie den Lift und begann in einer Gratiszeitung zu lesen, während sich die Tür zu Etage 15 wieder schloss. Amanda versuchte unterdessen verzweifelt, ihre Fassung zu bewahren. Nervös zog sie die Jacke des Twinsets über ihren Schultern zurecht, während ihr Blick über die Schulter der Praktikantin hinweg von einer fetten, roten Schlagzeile angezogen wurde: Der beliebte Moderator einer Late Night Show hat in der Nacht vor laufender Kamera sein Coming-Out gemacht. Und mehr noch, er hat auch gleich seinen Partner vorgestellt, einen attraktiven, aufstrebenden Jung-Banker. Ungläubig starrte Amanda auf das Bild der beiden Männer, die ihr strahlend entgegenschauten. Leise zischte der Atem durch ihre Zähne, während sie aus dem Augenwinkel sah, wie Jennys Hand plötzlich nach dem Handlauf suchte.

Amanda könnte nicht mehr sagen, auf welcher Etage die Praktikantin ausgestiegen war. Aber auf der Anzeige stand die 27, als sie und Jennifer langsam ihre Köpfe drehten. Einen Moment lang starrten sie sich ausdruckslos an. „Erwachsen werde, na super!“, schoss es Amanda durch den Kopf, während Jennifer so aussah, als ob sie nicht wusste, ob sie heulen oder lachen sollte. Dann begannen Amandas Mundwinkel zu zucken. Erst nur ganz leicht, dann immer heftiger. Und als auch die Muskeln in Jennys Gesicht sich unaufhaltsam zu regen begannen, fasste Amanda Mut und tat das, was sie schon immer gerne getan hätte…

 

Ein Beitrag zu Kleider machen Leute – von A-Z vom Wortmischer

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16 Gedanken zu “Mimesis II (T wie Twinset)

  1. Herrlich ! Ich denke , die beiden brechen in ein herzhaftes und befreiendes Gelächter aus … die Komik der Situation gefällt mir besonders …
    Beide Seiten zu sehen , das hat schon was … da steckt viel Wahres drin … wir interpretieren oftmals völlig falsche Sachen in unsere Mitmenschen … wir sollten versuchen , hinter deren Maskerade zu schauen …
    Und als nächstes , das Ganze aus der Sicht des aufstrebenden Bankers … 😉

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      1. Ich fürchte, Du tust dem jungen Mann unrecht. Beide Damen erleben ihn offenbar als „einfühlsam“, was nicht selten eine für Frauen attraktive Qualität von schwulen Männern ist. Wir dürfen ihm also durchaus zutrauen, dass er etwas davon wahrnimmt, was bei seinen Untergebenen abgeht. Ob er es richtig wahrnimmt, ist eine andere Frage 😉

        Gefällt 2 Personen

        1. Der Jungbanker hat das sogar ganz sicher mitgekriegt … 😉
          Vielleicht war’s ihm peinlich … vielleicht war er geschmeichelt … vielleicht hat er sich aber auch ganz prachtvoll amüsiert … wir werden es wohl nicht erfahren … 😦

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    1. Schön, dass Dir die beiden Geschichten gefallen!
      Aber was den aufstrebenden Banker betrifft… erstens spielt er nur die Rolle des dritten Poles im mimetischen (nachahmenden) Begehren der beiden Frauen. Und zweitens habe ich etwas Respekt vor dieser Perspektive. Es mag seltsam klingen, aber als heterosexueller Mann fällt es mir leichter, mich in eine lesbische Frau hineinzufühlen als in einen schwulen Mann 🙂

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  2. Ich hab ziemlich lange gebraucht, um zu kapieren, dass das die Spiegelgeschichte zum ersten Teil der „Mimesis“ ist. Muss wohl daran liegen, dass Montag ist. Ich steh noch auf dem Schlauch.

    Aber herzlichen Dank für den zweiten Teil. Das gefällt mir sehr, sehr gut!

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    1. Das ist eine gute Frage. Meistens ist es etwas von beidem. Ich habe eine erste Inspiration für eine Geschichte und suche mir dazu ein Bild, das mir gefällt. Dann aber begleitet das Bild das Entstehen der Geschichte.
      In dieser Geschichte war es insofern besonders, als zuerst nur Mimesis I existierte mit der Lady im Gehrock fürs Schreibprojekt vom Wortmischer. Dann habe ich versucht, ihrer Rivalin/Kollegin Amanda ein Gesicht zu geben. Sie musste ähnlich aussehen und ein blaues Kaschmir-Twinset tragen. Das alte Bild aus meiner Peterhahn-Sammlung war fast perfekt. Nur die Perlenkette fehlt 🙂

      Mich fasziniert es beim Schreiben, den Frauen oder Männern auf den Bildern eine Persönlichkeit zu geben. Es ist ein wenig wie bei dem Spiel, das wir früher in Retaurants gespielt haben, wenn es uns langweilig wurde: Sich vorstellen, was sich hinter dem äusseren der Menschen für Berufe und Geschichten verbergen könnten
      Danke fürs Lesen und Nachfragen!

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  3. Trianguläres mimetisches Begehren… wie gut, dass ich davon noch keine Ahnung hatte, als ich den Text las, genauer: als ich Mimesis I gelesen habe. Aber ich habe etwas gelernt und kann nun einen Roman von Maarten ‚t Hart eindeutig zuordnen. In verlovingstijd gibt es zwei Freunde, die sich seit ihrer Schulzeit kennen und wohl ein Musterbeispiel für dieses trianguläre mimetische Begehren sind.
    Gut unterhalten und auch noch schlauer geworden. Danke, Beat!

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  4. Eine wirklich tolle Idee, die gleiche Situation aus einer anderen Sichtweise aufzuzeigen. Und auch Teil 2 besticht durch einfühlsames Erzählen, das den Leser in seinen Bann zieht. Tolle Arbeit, Beat, und danke dafür!

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