Mimesis I (G wie Gehrock)

„Awkward“ war das Wort, das sie gesucht hatte, seit sie sich nach der morgendlichen Dusche angekleidet hatte. Denn genau so fühlte sich Jennifer in ihrem neuen Etuikleid: awkward. Der Stoff spannte über ihren Hüften, als sie in der Tiefgarage aus dem Wagen stieg und sich den ebenso neuen Gehrock elegant um die Schultern legte. Sie werde sich daran gewöhnen, hatte ihr die Verkäuferin gesagt. Das sei normal und das Kleid sitze einfach perfekt.

madeleine gehrock
Bild von Madeleine Damenmode

Jennifer wollte das gerne glauben, auch wenn das edle Stück sie immer wieder an ihre Problemzone erinnerte. Das Modegeschäft gehörte schliesslich zu den besten Adressen und sie hatte dafür ein Vermögen ausgegeben. Doch irgendwie fühlte sich das Ganze fremd an. War das wirklich sie? Was werden ihre Leute auf der Abteilung sagen? Und vor allem: Wie wird er reagieren?

Erstaunt stellte sie fest, dass ihre Hand in dem eleganten Lederhandschuh vor Aufregung zitterte, als sie den Finger nach dem Fahrstuhlknopf ausstreckte. Seit Wochen schlug ihr Puls höher, wenn sie den Lift betrat, um die lange Reise in ihr Büro im dreissigsten Stock des imposanten Bankenturms anzutreten. Dabei hatte sie diesen Typen eigentlich eher uninteressant gefunden, als er vor zwei Monaten das Büro des Abteilungsleiters bezogen hatte. Sicher, der Mann war gut. Er war kompetent und intelligent, einfühlsam und charmant, und irgendwie auch attraktiv, jedenfalls in den Augen ihrer Kolleginnen. Aber Jennifers spontane Reaktion war klar: Nicht mein Typ!

Doch diese erste Einschätzung hatte sie längst aus ihrem Bewusstsein verdrängt, als sie an diesem Morgen den leeren Fahrstuhl betrat und sich im grossen Spiegel an der Rückwand betrachtete. Auch wenn es sich ungewohnt anfühlte, das, was Jennifer sah, gefiel ihr. Der massgeschneiderte Gehrock lag perfekt über ihren Schultern und das Etuikleid kam noch besser zur Geltung als im kleinen Spiegel bei ihr zu Hause. Automatisch schlüpfte ihre Rechte aus dem Handschuh, um die Haare über ihren Schultern zu richten. Und plötzlich war ihr Unbehagen verschwunden. Plötzlich fühlte sich Jennifer stark. Nein, sie brauchte sich nicht zu verstecken. Schon gar nicht vor dieser Ziege.

Die Ziege hiess Amanda und teilte das Büro mit Jennifer. Die beiden hatten die Ausbildung gemeinsam durchlaufen und manche hielten sie für Schwestern. Aber nichts war Jennifer ferner als diese Vorstellung. Die Ziege repräsentierte für sie all das, was sie nie sein wollte: eine typische Bankentussi, fleissig, dienstbereit, und immer korrekt gekleidet im schicken Etuikleid mit passendem Gehrock oder im perfekt geschnittenen Zweiteiler mit weisser Bluse. Jennifer konnte es kaum ertragen, wenn die Ziege am Morgen das Büro betrat, ihre eleganten Handschuhe von den Fingern zupfte, um dann vor dem Spiegel ihre Haare zu richten. Und wenn sie dann hinter ihrem Computer sass, die Blazerjacke elegant um die Schultern drapiert, und begeistert davon erzählte, wie nett und aufmerksam der Chef doch gestern wieder gewesen sei, hätte Jennifer sie auf den Mond schiessen können. Für wen hielt sie sich eigentlich, diese Ziege. Glaubte sie wirklich…, wo doch jeder sehen konnte, dass sie ein zwei Kilo zu viel auf den Hüften hatte.

Das Bremsen des Fahrstuhles riss Jennifer aus ihren Gedanken und als sich die Tür zur 5. Etage öffnete, glaubte sie einen Moment lang zu träumen. Ungläubig starrte sie auf ihr eigenes, wohlbekannte Spiegelbild: Dezente Schuhe, eine schlichte, graue Stoffhose und ein klassisches blaues Twinset mit einem Strang weisser Perlen um den Hals, die Strickjacke im Stil von Grace Kelly elegant um die aufrechten Schultern drapiert. Und über all dem ein Gesicht, das sie genau so fassungslos anstarrte, wie sie sich selber fühlte.

Jennifer brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer da Schulter an Schulter neben ihr stand, als sich die Tür des Fahrstuhls wieder schloss. Wortlos starrten die beiden Frauen vor sich hin, während die Digitalanzeige die Stockwerke durchzählte. Das ist ein echtes Kaschmir-Twinset, fuhr es Jennifer durch den Kopf. Die Ziege muss ein Vermögen dafür ausgegeben haben. Dabei hatte sie sich noch vor kurzem über Jennys Vorliebe für klassische Twinsets lustig gemacht, ihren „Old-Lady-Style“, wie sie es zu nennen pflegte.

Jennifer war völlig verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte, als sich die Tür zur 12. Etage öffnete und eine Dame aus der Werbeabteilung den Fahrstuhl betrat. „Amanda, das ist gut, dass ich dich treffen, ich wollte…“, wandte sie sich an Jennifer. „Oh, sorry, ich…“. Die Erleichterung war der Frau anzusehen, als sie zwei Etagen später wieder aussteigen konnte. Dafür schaffte es Jennifer gerade noch, die zugleitende Tür zu stoppen, als sie ihren Kollegen aus der Buchhaltung heraneilen sah. Sie hatte vor einiger Zeit insgeheim geschwärmt für den sympatischen jungen Mann. Und so gab es ihr einen leisen Stich, als er sich nach einem flüchtigen Dank sichtlich nervös der Ziege zuwandte: „Ich weiss, du hast sicher schon andere Pläne. Aber vielleicht… ich meine… Jennifer, würdest du mich auf den Firmenball begleite?“. Nie wird sie vergessen, wie das Blut in die Wangen des jungen Mannes schoss, als sein Blick fassungslos von Amanda zu ihr wanderte.

„He, spinnst du!“ rief ihm die Praktikantin hinterher, nachdem er sie beim Verlassen des Fahrstuhles fast über den Haufen gerannt hatte. Kopfschüttelnd betrat sie den Lift und begann in einer Gratiszeitung zu lesen, während sich die Tür zu Etage 15 wieder schloss. Jennifer versuchte unterdessen verzweifelt, ihre Fassung zu bewahren. Ihre behandschuhten Hände suchten Halt am Kragen ihres Gehrockes, während ihr Blick über die Schulter der Praktikantin hinweg von einer fetten, roten Schlagzeile angezogen wurde: Der beliebte Moderator einer Late Night Show hat in der Nacht vor laufender Kamera sein Coming-Out gemacht. Und mehr noch, er hat auch gleich seinen Partner vorgestellt, einen attraktiven, aufstrebenden Jung-Banker. Ungläubig starrte Jennifer auf das Bild der beiden Männer, die ihr strahlend entgegenschauten. Und plötzlich spürte sie, wie ihre Beine nachzugeben drohten, während neben ihr leise ein zischendes Ausatmen zu vernehmen war.

Jennifer könnte nicht mehr sagen, auf welcher Etage die Praktikantin ausgestiegen war. Aber auf der Anzeige stand die 27, als sie und Amanda langsam ihre Köpfe drehten. Einen Moment lang starrten sie sich ausdruckslos an. Awkward, schoss es Jennifer durch den Kopf, während Amandas Finger verlegen mit den Perlen um ihren Hals spielten. Dann begannen Amandas Mundwinkel zu zucken. Erst nur ganz leicht, dann immer heftiger. Und unaufhaltsam, ob sie es nun wollte oder nicht, begannen sich auch die Muskeln in Jennys Gesicht zu regen…

 

Ein Beitrag zu Kleider machen Leute – von A-Z

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10 Gedanken zu “Mimesis I (G wie Gehrock)

  1. Schön, dass du einen versöhnlichen Schluss gefunden hast. Frauen – darf man das verallgemeinern? – mögen es nach meiner Erfahrung nicht sonderlich, wenn eine andere Frau das gleiche Kleidungsstück trägt. Sie holen sich sogar manchmal beim Kauf den Segen der Erstkäuferin. Ja, ich weiß, das klingt pauschalisierend, ich kenne auch andere Frauen. Sag ich jetzt einfach mal.

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    1. Du hast sicher recht mit Deiner Beobachtung, aber sie ist nur eine Seite des menschlichen Paradoxons. Man schätzt es zwar nicht, wenn der/die andere das gleiche trägt, aber gleichzeitig wird das Andere, das der/die andere trägt, nicht selten zum Objekt der eigenen Begierde, und dies umso mehr, wenn man gleichzeitig in gegenseitiger Rivalität zu einem dritten Objekt der Begierde steht. Kompliziert aber erstaunlich real 😉

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  2. Mal wieder ein sehr einfühlsamer Text von dir, der sich mir den Gefühlen und Gedankengängen einer Frau in dieser Situation beschäftigt. Sehr gut geschrieben und das Ende gefällt mir besonders gut!

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  3. Jetzt war ich aber lange nicht hier. Wieder eine spannungsgeladene Geschichte, die mich mal eben in den Aufzug hinein gezogen hat. Doch ich komme immer gerne wieder, Für Deine Geschichten, aber auch weil ich gerne die Kommentare lese. 🙂

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    1. Danke für Deinen Besuch. Ich finde es auch immer spannend, was einzelne Geschichten an Reaktionen auslösen.
      Du hast nicht viel verpasst seit Deinem letzten Besuch. Leider fehlen mir im Alltag etwas Zeit und Musse, um wieder einmal zu schreiben. Da brauchen eben die wahren Geschichten mehr Zeit als die erfundenen 🙂

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