Unschuldige Kinder (III)

Der sternenklare Himmel sorgte für eine kalte Nacht. Draussen im Park heulte ein Kauz und durch das Kellerfenster fiel das Mondlicht auf die weisse Wäsche, die zum Trocknen auf der Leine hing. Die Heizung hatte schon vor Stunden auf Nachtbetrieb umgeschaltet und die Besitzerin des Hauses, die zwischen Waschmaschine und Wäschekorb auf dem kalten Steinboden lag, hatte es ihrem dicken Pullover zu verdanken, dass sie nicht schon völlig durchgefroren war.

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Bild von cashmerecentre.com

Keine Stunde war vergangen, seit sie in ihrem warmen Bett plötzlich aufgewacht war. Mirjam hatte sofort gespürt, dass etwas nicht stimmte. Schnell war sie in ihre Jeans geschlüpft und hatte sich den roten Kaschmir-Pullover über das seidene Nachthemd gezogen. Kein Geräusch war im Haus zu hören, als sie aus dem Schlafzimmer trat. Leise klopfte sie an die Tür des Gästezimmers, wo sie seit vier Tagen das fremde Mädchen untergebracht hatte, das ihr von ihrem Freund bei der Polizei anvertraut worden war. Das Zimmer war leer. Lisa war weg.

Von plötzlicher Sorge erfüllt eilte Mirjam die Treppe hinunter. Und nachdem sie alle Räume im Erdgeschoss abgesucht hatte, schlüpfte sie barfuss in ihre Stiefel und nahm sich das blaue Kaschmir-Cape von der Garderobe. Sie wollte gerade die Haustür öffnen, als sie unten im Keller Geräusche vernahm. „Lisa, bist du das?“, rief sie, als sie vorsichtig die Kellertreppe hinabstieg. Aber niemand war zu sehen. Nur das Garagentor war halb geöffnet und davor stand ihr Fahrrad an die Wand gelehnt.

Ratlos näherte sich Mirjam dem Tor, um es wieder zu schliessen, als sie plötzlich hinter sich ein Geräusch vernahm. Doch bevor sie sich umdrehen konnte, wurde ihr der Umhang von den Schultern genommen und von hinten um den Kopf gewickelt. Arme packten sie und zerrten sie durch den Raum. Verzweifelt versuchte sie, das Cape von ihrem Kopf zu ziehen, doch ihr rechter Arm wurde nach unten gerissen und schmerzhaft auf den Rücken gedreht. Sie hatte keine Chance und wurde brutal auf den Boden gezwungen, wo sie hilflos zulassen musste, wie ihre Hände hinter dem Rücken mit einer ihrer Strumpfhosen aus dem Wäschekorb gefesselt wurden.

„Um Himmels Willen, wer sind sie? Was wollen sie von uns? Was haben sie mit dem Mädchen gemacht?“ schrie sie verzweifelt unter dem Cape, während sie spürte wie auch ihre Füsse gefesselt wurden. Dann war es plötzlich still und für einen Moment glaubte sie, leises Schluchzen zu hören. „Lisa, mein Kind, mach dir keine Sorgen! Sie werden uns nichts tun!“, versuchte sie so gefasst wie möglich zu sagen, während sie gegen ihre eigene Panik ankämpfte. Dann wurde ihr plötzlich das Cape vom Kopf gezogen. Ungläubig starrte sie in Lisas tränenüberströmtes Gesicht.

„Es tut mir so leid“, hörte sie das Mädchen sagen. Doch bevor Mirjam etwas erwidern konnte, hatte ihr Lisa eines der Höschen vom Wäscheständer in den Mund gepackt. „Ich halte das einfach nicht aus, deine Augen, deine Geduld, einfach alles hier!“, schluchzte sie, während sie Mirjam eine schwarze Strumpfhose über den Kopf zog und die Beine straff um ihren Mund band. „Ich habe kein Recht hier zu sein. Ich bin Abschaum, wie mein Vater und meine Mutter. Bitte, vergiss mich einfach. Ich werde nie mehr jemandem zur Last fallen“.

„Neeiiiiiiin!“ versuchte Mirjam zu schreien, doch mehr als ein gedämpftes Stöhnen drang nicht durch ihren Knebel. In wilder Verzweiflung zerrte sie an ihren Fesseln, während Lisa ihr das iPhone aus der Hosentasche zog, sich das blaue Cape um die Schultern wickelte und dann nach einem letzten, verzweifelten Blick das Licht löschte und die Waschküche verliess. Hilflos musste Mirjam mitanhören, wie nebenan das Garagentor geöffnet wurde und das klappernde Geräusch des Fahrrads sich in der Stille der Nacht verlor.

Langsam begann die Kälte unaufhaltsam durch den dicken Pullover und das schweissnasse Nachthemd in Mirjams Körper zu dringen. Tränen der Verzweiflung sickerten in das feine Nylon über ihrem Gesicht, während sie an ihrem Knebel vorbei nach Luft rang. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren, als sie plötzlich einen Wagen kommen hörte. Und als draussen vor der Garage ihr Name gerufen wurde, begann sie mit aller Kraft, mit den Absätzen ihrer Stiefel gegen das Gehäuse der Waschmaschine zu treten.

„Lisa! Sie will sich etwas antun“, stiess Mirjam keuchend hervor, als ihr Freund Sepp ihr den Knebel aus dem Mund nahm. Der Kommissar hatte von Mirjams iPhone aus eine sms mit einem einzigen Wort bekommen: „Hilfe“. Und als er begriff, dass die Nachricht nicht von seiner Freundin sondern von Lisa abgeschickt worden war, gab er sofort die Ortung des Handys in Auftrag.

„Was ist nur in das Mädchen gefahren? Ich verstehe das nicht. Sie hatte doch endlich begonnen, Vertrauen zu fassen. Wir hatten gestern zusammen gekocht und ich war so glücklich, als sie beim Zubettgehen zum ersten Mal Mirjam zu mir gesagt hat.“ Aufgeregt redete Mirjam vor sich hin, während sie im Wohnzimmer auf und ab ging. Ungeduldig warteten sie auf die Antwort der Polizei. Und gerade als der Teetopf in der Küche zu pfeifen begann, läutete Sepps Telefon: „Scheisse! Die Brücke! Sie ist auf der Brücke!“

Das heulen der Sirene tat Mirjam weh in den Ohren, als der Wagen durch die Nacht raste. Aber was war das schon, wenn sie an das dachte, was sie bei der Brücke erwarten würde? Mit quietschenden Bremsen kam der Wagen neben dem Fahrrad zum Stehen, das am Aufgang zur Brücke am Strassenrand lag. Auf den ersten Blick war niemand zu sehen und auch die dunkle Oberfläche des Sees unter ihnen in der Tiefe schien unberührt. Doch dann erkannten sie mitten auf der Brücke am Fuss des Geländers einen dunklen Fleck. Sepp wollte schon loslaufen, als Mirjam ihn sanft am Arm zurückhielt.

Langsam betrat sie die Brücke. Und als sie näher kam, erkannte sie eine Gestalt, die mit dem Rücken gegen das eiserne Geländer am Boden sass. Es war Lisa, die ihr ängstlich entgegenblickte. Sie hatte ihre Arme um eine kleine Gestalt geschlungen, die sie fest in das blaue Kaschmir-Cape eingewickelt hatte und gegen ihre Brust drückte. „Sie ist noch so klein. Ich konnte sie doch nicht springen lassen“, stammelte sie mit zitternden Lippen, während die Tränen auf ihren Wangen im Licht der Strassenlaterne funkelten.

Mirjam kniete langsam vor ihr nieder und einen Moment lang schaute sie wie gelähmt in Lisas Augen: Unendliche Erleichterung und fassungsloses Unverständnis rangen in ihrer Brust. Schliesslich zog sie ihren warmen Daunenmantel aus, legte ihn um Lisas zitternden Körper und nahm sie fest in die Arme: „Ich bin so stolz auf dich!“.

Dann schlüpfte sie aus dem feinen Lederhandschuh und tastete mit der Hand sanft nach dem kleinen Gesicht, das sich in Lisas Brust vergraben hatte. „Wie heisst du denn, mein Kind?“, fragte sie das kleine Mädchen, das sie aus dunklen Augen ängstlich anschaute.

„Sie spricht kein Deutsch. Ich glaube, sie kommt aus Syrien“, hörte sie Lisas Stimme neben sich, während sie dem Mädchen zärtlich die dunklen Locken aus der Stirn strich. Ein Schmunzeln breitete sich über Mirjams Gesicht, als sich das kleine Mädchen spontan wieder abwandte und sein Gesicht in Lisas Brust vergrub.

„Ich glaube, es wird deine Aufgabe sein, ihren Namen herauszufinden“, sagte Mirjam lächelnd, während sie den beiden Mädchen auf die Beine half und den warmen Mantel enger um Lisas Schultern hüllte.
„Aber pass auf, dass sie dir nicht wegläuft!“

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15 Gedanken zu “Unschuldige Kinder (III)

  1. Passt ! Gib Lisa eine Aufgabe … mit Zuneigung kann sie nämlich gar nicht umgehen …
    Ich liebe deine Art zu schreiben … da steht sooo viel zwischen den Zeilen …
    Lisa kam auf die Brücke , um das zu tun , wovon sie das andere Mädchen abgehalten hat … was eine Geschichte !
    Danke !

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  2. Mit gefällt, wie du die Geschichte fortsetzt und für die neue, andere Situation einen ganz anderen Ton findest. Auch im zweiten Teil findest du einen Schluss, der nicht einfach die heile Welt wieder herstellt, sondern der klar macht, dass – unter etwas besseren Vorzeichen – weiter daran gearbeitet werden muss, Stabilität und Vertrauen herzustellen.

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    1. Ja, die heile Welt gibt es so gar nicht. Aber es gibt immer die Hoffnung und das Vertrauen in das Gute im Menschen. Manchmal lässt es sich zu neuem Leben erwecken, manchmal nicht. Entscheidend ist wohl, den Glauben daran nicht zu verlieren… zugegeben, das ist nicht immer so leicht (siehe Köln etc.)
      Danke fürs Lesen und Kommentieren!

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        1. Ich bin eigentlich überzeugt, dass das Gute das Primäre ist. Nur ist es auch das Zerbrechlichste und Verletzlichste. Und mit jeder Verletzung wird es etwas indifferenter und schliesslich böser. Und das Gute scheint wie die Ordnung der Entropie zu unterliegen. Es ist sehr viel schneller zerstört als aufgebaut.

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            1. „…mindestens so rücksichtslos wie erfolgreich“ ist eine interessante Formulierung, und ich nehme an, Du hast recht. Erfolg hat sehr oft (auch) mit Rücksichtslosigkeit zu tun. Ich fürchte, das ist von der Natur so vorgesehen. Und gerade deshalb bewundere ich starke (erfolgreiche) Persönlichkeiten, die rücksichtsvolle Menschen sind. Sie haben gelernt, über ihren eigenen Schatten zu springen. Wobei „Schatten“ mir eine nicht allzu üble Metapher für unsere dunkle Seite zu sein scheint.

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  3. Eine gute Geschichte und gut geschrieben. Nur an der Überrumpelungsszene im Keller kaue ich ein bisschen herum – vielleicht weil ich selbst (als junge Frau) mich heftig gewehrt hätte. Deiner Lisa gelingt es scheinbar problemlos, ihre Gastgeberin zu Boden zu zwingen, zu fesseln und zu knebeln. Du hast die einzelnen „Schritte“ sehr genau beschrieben, nicht aber, warum keine Gegenwehr erfolgt. Dafür sollte es vielleicht eine Erklärung geben – oder eben mehr Handgemenge. – Ich hoffe Du nimmst mir die Anmerkung nicht übel. Ich habe schon so manchem renommierten Krimiautor das eine oder andere schockstarre Opfer nur mit größter Selbstüberwindung abgekauft. Es ist die billigste Lösung. Ich weiß aber auch, dass solche Szenen nicht leicht zu schreiben sind – aus einem ganz einfachen Grund: Man erlebt sie selbst zum Glück selten oder hat sie noch nie erlebt.

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    1. Herzlichen Dank für Deinen Hinweis! Ich finde es spannend, wie Du die Szene aufgrund des Textes erlebst. Das ist auf jeden Fall eine Anfrage an meine Beschreibung.
      In meinem Kopf ist Mirjam aber keineswegs in einer Schockstarre. Sie versucht sich zu wehren, hat aber einfach keine Chance gegen die verzweifelte Gewalt des Mädchens. Mehrere Faktoren spielen gegen sie.
      1) Mirjam ist nicht mehr ganz so jung. Sie hat eine 25jährige Tochter (siehe Weihnachtsblues) und dürfte so um die 50 sein.
      2) Das Moment der Überraschung und ein erster Schock
      3) Sie kann nichts sehen. Das Cape über ihrem Kopf nimmt ihr die Sicht
      4) Den schmerzhaften Armhebel, den das Mädchen ansetzt. Ich habe selber ein wenig Nahkampfausbildung genossen und weiss, wie hilflos man ist, wenn der Gelenkhebel erst sitzt. Da wird es ein Leichtes, einem auf den Boden zu zwingen.
      5) Ein 15jähriges Mädchen kann schon eine beträchtliche Kraft aufweisen, zumal wenn sie in einem Milieu der Gewalt und des Verbrechens aufwächst (vgl. Weihnachtsblues und Krippenspiel). Sie musste sich auch gegen ihren Vater verteidigen und hat offenbar Erfahrung mit Nahkampftechniken (Armhebel).
      Wie auch immer, hoffen wir, dass wir so etwas nie erleben müssen!

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      1. Vorweg nochmals meine Entschuldigung: Ich hätte die vorhergehenden Teile auch lesen sollen und werde das nachholen. – Ja, ich konnte die Szene gut erleben, und ich finde Deinen Einstieg sehr gut – ich meine, dass man erst erfährt, dass Mirjam gefesselt auf dem Boden liegt, ihr nichts wirklich Schlimmes passiert ist, und dann kommt erst die Schilderung dessen, was sie in diese Lage gebracht hat. Mit der Herausnahme eines Gutteils der Dramatik (nix Schlimmes passiert) wird das Denken klarer – also, meines beim Lesen. Ich sehe, was Mirjam sieht. Das Mädchen nicht im Gästezimmer, die Garagentür steht offen, daneben Mirjams Fahrrad … Steht es da immer? Nichts deutet auf eine Entführung hin. Eher sieht es doch so aus, dass das Mädchen abhauen will. Ich stelle mir vor, das schießt auch Mirjam durch den Kopf. Und als sie plötzlich von hinten angegangen wird, a) hält sie es da für ausgeschlossen, dass es Mirjam ist, die nicht an ihrer Flucht gehindert werden will? b) Die Hände! Könnten das auch Männerhände sein. Mir scheint jedenfalls, sie wehr sich nicht so heftig, wie sie könnte. Etwas bremst sie, und das ist vielleicht der Gedanke, es ist wahrscheinlich oder nicht ausgeschlossen, dass die Angreiferin das ihr anvertraute Mädchen ist. Vielleicht könntest du Mirjam ein paar Gedanken durch den Kopf schießen lassen …

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        1. Das tu ich doch 🙂
          Mirjam schreit ja und fragt, wer das sei, der sie da fesselt, und was er mit dem Mädchen gemacht habe. Und als sie leises Schluchzen neben sich hört, vermutet sie erst, dass es dem Mädchen vielleicht gleich wie ihr ergangen ist, dass sie also auch in der Hand der Täter ist. Daher ihr Versuch zu trösten: „Lisa, mein Kind, mach dir keine Sorgen! Sie werden uns nichts tun!“ Nein, die gute Mirjam begreift erst, was da abläuft, als ihr die verzweifelte Lisa das Cape vom Kopf zieht. Damit hätte sie zuletzt gerechnet.
          Aber ich seh schon, die Szene ist so dicht und schnell, dass der Leser etwa ähnlich verwirrt bleibt wie das Opfer 😉

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