Weihnachtsblues (II)

„Es war ein Mann. Er war maskiert und ist mit unserem BMW geflohen“.
Die Frau des reichen Unternehmers klang erstaunlich gefasst, als ihr der Polizeibeamte die Jacke ihres Twinsets vom Kopf wickelte, mit der sie geknebelt worden war. Der Kommissar, der von seinen Kollegen nur Sepp genannt wurde, war mit seiner Partnerin als erster am Tatort, nachdem der stille Alarm ausgelöst worden war. Sie hatten das Ehepaar mit Klebeband gefesselt auf dem Boden im Salon ihrer Villa gefunden. Sepp hatte eben begonnen, mit seinem Taschenmesser die Fesseln des Unternehmers durchzuschneiden, als das Funkgerät seiner Kollegin sich meldete: Ein Unfall bei der Autobahnzufahrt.

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Bild: Kenneth Branagh als Kurt Wallander

Sepp würde sich wohl nie an solche Bilder gewöhnen. Und je älter er wurde, desto schweren fiel es ihm. Der BMW war total zertrümmert. Er war in der Kurve von der Strasse abgekommen und in einen Brückenpfeiler geprallt. Der Fahrer musste es sehr eilig gehabt haben. Er war nicht angeschnallt. „Der Wagen war uns aufgefallen. Wir wollten ihn kontrollieren. Da hat er die Flucht ergriffen“, gab die sichtlich schockierte Beamtin aus dem Streifenwagen zu Protokoll. Auch Sepp musste gegen die Übelkeit ankämpfen. Rund um den Wagen lagen Geldscheine, Schmuckstücke und einzelne Teile eines Silberbestecks verstreut. Einer der Notfallsanitäter kam auf ihn zu und reichte ihm wortlos die Papiere des Opfers.

„47 Jahre, mehrfach vorbestraft wegen Raubes, Körperverletzung und häuslicher Gewalt. Seine Frau hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen. Er hat eine 15jährige Tochter.“ Wie aus weiter Ferne hörte Sepp neben sich die Stimme seiner Kollegin, während er durch die nächtlichen Strassen fuhr. Wie grotesk sie doch aussahen, diese lächerlichen Weihnachtsbeleuchtungen an den Häusern. Es war jedes Jahr das Gleiche. Je leuchtender der festliche Schmuck, desto hässlicher erschien ihm die Wirklichkeit dahinter.

Es war kurz vor 3 Uhr morgens, als sie vor dem düsteren Plattenbau parkierten, der sich vor ihnen bedrohlich in den Nachthimmel erhob. Eine Gruppe von dunklen Gestalten beobachtete sie, als sie sich dem Eingang näherten. Das Türschloss war kaputt und der Fahrstuhl war alles andere als vertrauenserweckend. Ihre Schritte hallten im dunklen Treppenhaus, als sie an leeren Flaschen und drohenden Graffitis vorbei in den achten Stock stiegen. Die Türklingel funktionierte nicht. Und als sich nach mehrmaligem Klopfen nichts regte, reichte ihm die Kollegin die Schlüssel, die man ihr vom Opfer übergeben hatte.

Der Geruch von kaltem Rauch und abgestandenem Müll kam ihnen entgegen, als sie die kleine Wohnung betraten. Die Beamtin machte sich daran, Wohnzimmer und Bad zu kontrollieren, während Sepp an der verschlossenen Zimmertür lauschte. Deutlich konnte er gedämpfte Geräusche hören, doch als er auf sein Rufen keine Antwort bekam, zog er seine Dienstwaffe und drehte vorsichtig den Schlüssel, der aussen an der Tür steckte. Langsam stiess er die Tür auf und tastete nach dem Lichtschalter. Zum dritten Mal in dieser Nacht krampfte sich sein Magen zusammen, als er das Mädchen auf dem durchgewühlten Bett liegen sah. Sie trug ein formloses, schwarzes T-Shirt mit einem riesigen Totenkopf, einen kurzen Rock, zerrissene Wollstrumpfhosen und schwarze Schnürstiefel. Ihre Hände und Füsse waren mit Stricken gefesselt und hinter ihrem Rücken zusammengebunden worden. Und über das Arafat-Tuch hinweg, das man ihr fest um den Mund gebunden hatte, starrten dem Kommissar zwei zornig funkelnde Augen entgegen.

„Was habt ihr mit meinem Vater gemacht? Ihr verdammten Scheissbullen!“ hatte sie hysterisch geschrien, sobald sie die knebelnden Socken ausgespuckt hatte. Die beiden Beamten hatten alle Mühe gehabt, das verzweifelte Mädchen einigermassen zu bändigen, bis der Arzt ihr schliesslich eine Spritze verabreichen konnte. Nun sass sie im Polizeipräsidium im Nebenzimmer, zusammengesunken auf einem Stuhl, den Blick apathisch auf den Boden gerichtet. Sepps Kollegin hatte ihr eine Jacke um die Schultern gelegt und ihr einen heissen Tee gekocht, den sie aber nicht angerührt hat.

Sepp schaute ihr durch die Glasscheibe aus seinem Büro zu. Es war 7 Uhr in der Früh. Er war erschöpft und wollte eigentlich nur noch schlafen. Die Bilder dieser Nacht drehten quälend in seinem Kopf. Und die Ziffer auf der digitalen Uhr leuchtete ihm gnadenlos entgegen. Heute war es wieder so weit. Heiligabend. Das Fest der Freude. Das Fest der Familien. Dieser alljährlich wiederkehrende Albtraum. Jahrelang hatte er es ausgehalten, dieses Possenspiel rund um die elterliche Krippe. Brav hatte er seine Rolle gespielt im festgelegten Ritual, mit dem sie einmal im Jahr versucht hatten, familiäre Harmonie zu beschwören. Bis heute haben es ihm sein Bruder und seine Schwägerin nicht verziehen, dass er eines Tages das getan hat, was sie nie zu tun gewagt hätten: Weihnachten nicht mit der Familie zu feiern.

Doch der Albtraum hatte ihn nicht losgelassen. Genau 25 Jahre war es her, am Morgen vor Heiligabend, als sie zu einem Fall von häuslicher Gewalt gerufen wurden. Sein Partner hatte versucht, den Mann zu beruhigen, während sich Sepp um die Frau gekümmert hatte. Doch plötzlich hatte der Mann eine Waffe in der Hand. Sepp hatte an diesem Tag seinen besten Freund verloren, und eine liebe Freundin den Vater ihres ungeborenen Kindes.

Langsam suchte sein Blick nach dem Bild, das neben seinem Computer auf dem Schreibtisch stand. Die strahlende junge Frau, die ihm mit einem roten Kreuz auf der Brust aus einer Gruppe afrikanischer Mädchen heraus entgegenlächelte, war damals am Weihnachtstag zur Welt gekommen. Er hatte getan, was er konnte, um sich um sie und ihre Mutter zu kümmern. Aber er konnte ihr den Vater nie ersetzen. Und ihre Mutter hätte das auch gar nicht gewollt.

Nachdenklich schaute der Kommissar hinüber in den anderen Raum, wo das Mädchen immer noch reglos auf dem Stuhl sass. Auch sie würde ohne Vater weiterleben müssen. Was für ein Leben wartete auf sie? Hatte ihr der Mistkerl wirklich einen Gefallen getan, als er sie gewaltsam daran gehindert hatte, mit ihm zu kommen? Sepp erschrak, als er sich bei dem Gedanken ertappte. Dann zog er sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer, die er schon seit Jahren nicht mehr gewählt hatte. Er war schon kurz davor, wieder aufzulegen, als die vertraute Stimme erklang. Wie sehr hatte er sie vermisst! Sie freute sich offensichtlich, dass er an dem tragischen Jubiläum an sie dachte. Aber er hatte in diesem Moment keine Zeit für die Vergangenheit: „Mirjam, ich brauche deine Hilfe!“

Sepp erklärte kurz die Situation und versuchte dabei fieberhaft, die Reaktion seiner Gesprächspartnerin zu erahnen. Sie war genau so ruhig und besonnen, wie er sie seit je her kannte, spätestens seit jenem Tag, als sie ihm mit hochschwangerem Bauch die Tür geöffnet hatte und auf den ersten Blick begriff, warum er gekommen war. Auch jetzt hatte sie die Situation schnell erfasst. Natürlich solle er das Mädchen vorbeibringen. Sie würde das Zimmer ihrer Tochter bereitmachen. „Wie heisst sie denn? … Lisa? Mein Gott ist Fülle! Na wenn das kein Geschenk ist!“

Sepp schüttelte den Kopf, als er das Handy auf den Tisch legte. Die Gräfin, wie er seine Freundin liebevoll zu nennen pflegte, schaffte es immer wieder, ihn zu überraschen. Es gab etwas an ihr, das er nie verstanden hatte. Müde aber erleichtert erhob er sich aus seinem Sessel. Das Mädchen im anderen Raum hatte sich auch erhoben und schaute ihn durch die Scheibe herausfordernd an. Die Wirkung der Spritze hatte nachgelassen und ein trotziges Funkeln war in ihre schwarz geränderten Augen zurückgekehrt. Und einen Moment lang glaubte er, den Totenschädel auf ihrer Brust lachen zu hören:
„Na wenn das kein Geschenk ist!“

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5 Gedanken zu “Weihnachtsblues (II)

  1. Lange wußte ich nicht, worauf du hinaus wolltest. Du erzählst diesmal aus einer männlichen Sicht, das ist überraschend, deine Hauptperson ist aber wieder ein Mensch, der in schwierigen Situationen am Rande seiner Möglichkeiten ist. Diesmal findet er aber einen Ausweg, der mir deshalb gefällt, weil er eine Lösung anbietet, die klappen kann – aber nicht muss.

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    1. Danke für Dein Feedback!
      Ja, worauf will ich hinaus? Gute Frage! Ich habe einerseits versucht, diese Stimmung zu erfassen, wenn einem die Ereignisse überfahren und gleichzeitig die Vergangenheit berührt. Andererseit schliesst die Geschichte ans „Krippenspiel“ an, respektive sie erzählt dessen Vorgeschichte, wobei diese erst nachträglich erfunden wurde. Ich finde die „Übung“ spannend, eine mehr oder weniger eigenständige Geschichte zu schreiben, die aber mit der vorhergehenden konsistent ist.

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  2. Hast du ja ganz raffiniert gemacht … zuerst hab ich gedacht , das wird eine Aufzählung der Scheußlichkeiten , die Kripobeamte so in der Weihnachtsnacht erleben … und das muß wohl schon oftmals ziemlich scheußlich sein …
    Aber das erklärt , wie Lisa zur Gräfin kam … danke , hab ich gern gelesen 🙂

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