Verlockender Abgrund

Sie war völlig erschöpft. Und doch hatte sie sich noch nie so lebendig gefühlt. Sie wollte schreien vor Glück. Und doch schien sich in ihr ein schwindelerregender Abgrund aufzutun.

Verl AbgrundQuelle unbekannt

Die Standuhr im Wohnzimmer hatte eben drei Uhr geschlagen. Nachdenklich folgte Johannas Blick den dünnen Lichtstreifen, die der Vollmond durch die Ritzen der Storen auf die Zimmerwand warf. Sie genoss das Gefühl der leichten Decke, die sich sanft über ihren nackten Körper schmiegte. Und sie genoss es, nicht allein zu sein, zum ersten Mal seit Monaten. Wie sehr hatte sie es vermisst, einen warmen Körper neben sich zu spüren, den Geruch von Haut und Haaren. Und wie sehr liebte sie dieses rhythmische Geräusch des Atems, wenn jemand friedlich neben ihr schlief.

Doch an Schlaf war bei Johanna nicht zu denken. Zu viel Adrenalin strömte noch durch ihren ausgelaugten Körper. Und zu lebendig waren die Gefühle und Empfindungen der letzten Stunden. Was war da nur mit ihr geschehen? Nie hätte sie so etwas für möglich gehalten. Diese Intimität, diese Zärtlichkeit, diese unendliche Geduld, diese langsam sich aufbauende, nie gekannte Spannung und Erregung, und dann diese nicht enden wollende Eruption der Leidenschaft, als die beiden Körper in eine kraftvoll pulsierende Einheit zu verschmelzen schienen.

Wie anders war das doch als früher. Sicher, sie hatte ihn geliebt, ihren Ex-Freund. Zwei Jahre lang waren sie verlobt gewesen. Und Johanna hatte sich alle Mühe gegeben. Aber es hatte einfach nie richtig geklappt zwischen ihnen. War es ihre Schuld? Hatte sie sich einfach nicht gehen lassen können? Es war ja nicht so, dass er sich nicht bemüht hätte. Doch wenn er kam, war sie meist noch kalt. Natürlich hatte sie mitgespielt. Und sie war offenbar ganz gut darin. Aber es tat weh, es war anstrengend und es ekelte sie an. Er hatte es wohl nie bemerkt. Und sie hatte sich geschämt, vor ihm, vor sich selber, und vor ihren Eltern, die sich doch von ihrer einzigen Tochter so sehr einen Enkel gewünscht hätten.

Ein Gefühl der Übelkeit machte sich in ihrem Magen breit, als vor Johannas innerem Auge das Bild ihres Vaters auftauchte, sein stolzer, erwartungsvoller Blick, und die traurig vorwurfsvollen Augen ihrer Mutter. Unwillkürlich glitt sie unter der Decke hervor. Einen Moment lang lauschte sie dem regelmässigen Atmen neben sich, bevor sie vorsichtig aus dem Zimmer glitt und leise die Tür hinter sich zuzog. Der Mond schien hell durch die Gardinen des Wohnzimmers und beleuchtete das weisse Ledersofa, den Glastisch mit den leeren Flaschen und Gläsern, und die verstreuten Schuhe und Kleidungsstücke am Boden. Irgendwo auf dem Teppich neben dem Sofa fand Johanna ihre exquisite Kaschmir-Jacke, ein Geschenk ihres Vaters zur erfolgreichen Habilitation. Langsam hob sie sie auf und legte sie sich um die nackten Schultern. Und nachdem sie den Rest aus der Cognac-Flasche in ein Glas geleert hatte, trat sie ans Fenster und zog die Gardine zur Seite. Unter ihr leuchteten die Lichter der Stadt, und über ihr die Kugel des Mondes.

Konnte das wirklich sein? War das wirklich sie? Johannas Gedanken kämpften mit ihren Gefühlen, während der Cognac langsam ihren Magen beruhigte und etwas Wärme durch ihren Körper strömen liess. War das wirklich dieselbe Johanna, die sie kannte, die erfolgreiche Professorin, die ihr Leben und ihre Karriere ebenso fest im Griff hatte wie ihre Gefühle? Noch vor Stunden war sie die Vorzeigefrau der Fakultät, jung, intelligent, attraktiv, und dabei stets korrekt und bescheiden. Und dann dieser Abend, die Abschlussfeier ihrer ersten Doktoranden. Dabei hatte sie doch gar nicht so viel getrunken. Aber vielleicht war das ja gar nicht nötig. Vielleicht war es ja schon immer da. Vielleicht wollte sie es einfach nicht wahrhaben. Der Vorschlag, zu zweit in ihrer Dachwohnung noch etwas zu trinken, kam jedenfalls von ihr. Und sie hatte sich nicht gewehrt, als der Arm sich plötzlich um ihre Hüften legte, und auch nicht, als die Hand langsam unter ihre Bluse glitt. Nein, sie hatte sich nicht gewehrt. Ganz im Gegenteil.

Im ersten Moment schmerzten Johannas Augen, als sie im Bad das Licht anknipste. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben genoss sie die zärtliche Berührung, als sie sich mit einem weichen Tuch frisch machte. Und als sie sich vor den Spiegel stellte, musste sie laut lachen. Ihre Haare sahen einfach schrecklich aus und ihr Makeup war ein einziges Schlachtfeld. Das würde ihrer Mutter gefallen. Mit einem verträumten Lächeln schaute sie zu, wie ihre Hände die kleinen aber noch immer kräftigen Brüste liebkosten, während die weiche Strickjacke langsam von ihren Schultern glitt.

Johanna fühlte sich leicht und frei, als sie sich im Dunkeln wieder auf den Bettrand setzte. Die feinen Lichtstreifen des Mondes waren gewandert und einer davon fiel auf das kleine Nachttischchen neben dem Bett. Da wo früher eine wuchtige Rolex lag, schimmerte nun das helle Weiss einer Perlenkette. Für einen kurzen Moment versuchte sie sich den fassungslosen Blick ihres Vaters vorzustellen. Doch als sich aus der Dunkelheit zwei Hände sanft um ihre Brüste legten und ihren Körper langsam nach hinten zogen, war Johanna bereit, loszulassen und sich in den Abgrund fallen zu lassen.

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6 Gedanken zu “Verlockender Abgrund

  1. Wieder eine dieser Geschichten, die eine ganz eigene Atmosphäre haben. Die Abgründe sind ja immer wieder dein Thema, dabei gelingt es dir, mir als Leser zu vermitteln, dass das, was wir als einen Teil der gesellschaftlichen Realität längst akzeptiert zu haben glauben, in der eigenen Realität, in der eigenen Wahrnehmung doch längst noch nicht selbstverständlich geworden ist. Obwohl… wenn es hier um Doktoranden geht, dann haben wir es mit Abhängigkeiten zu tun und alles wird doch wieder viel schlimmer.

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    1. Deine letzte Bemerkung bezüglich der Abhängigkeitsbeziehung ist spannend. Ich hatte diesen Aspekt gar nicht so im Fokus, da es mir mehr um die Auseinandersetzung mit der sexuellen Identität und der affektiven Bedürftigkeit ging, wobei eine einfache homo/hetero-Zuschreibung der Komplexität solcher Situationen oft nicht gerecht wird. Es gibt Momente im Leben, wo verdrängte Wahrheiten und Bedürfnisse heilsam oder unheilsam durchbrechen, wobei letzteres vor allem dann der Fall ist, wenn abhängige Personen dafür instrumentalisiert werden. Im Falle meiner Geschichte ist es aber so, dass die Beziehung zu der Doktorandin erst nach erfolgreichem Abschluss des Doktorates eine konkrete Form annahm (erst in der beschriebenen Nacht), also nach Abschluss des offiziellen Abhängigkeitsverhältnisses. Wir wissen nichts über die Besitzerin der Perlenkette, aber wir dürfen davon ausgehen, dass es eine erwachsene Frau um die dreissig ist, der wir im Moment des Geschehens auch eine Eigenverantwortung zugestehen müssen.
      Danke fürs Lesen und für Deine spannende Anregung!

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    1. Ja diese Biegung zum Ende… ich frage mich manchmal, wie ich selber diese Geschichte lesen würde und was ich vor meinem inneren Auge spontan als Szene aufbauen würde, wenn ich nicht schon wüsste, wer da neben ihr im Bett liegt.
      Danke fürs Lesen!

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