Entfesselte Berufung

Über die Bäume des kleinen Parkes hinweg konnte Hannah das Dach des Konzerthauses sehen. In drei Stunden würde sie dort die Bühne betreten. Ihr Agent hatte ihr eben mitgeteilt, dass das Konzert ausverkauft sei. Es war ihr erstes Konzert in Deutschland, doch ihr Ruf war ihr vorausgeeilt. Hannah würde Chopin spielen, wie immer. Dafür war sie berühmt und dafür wurde sie verehrt. Doch Hannah hasste Chopin.

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Bild von Peterhahn

Nachdenklich schaute sie vom Balkon ihrer Hotelsuite zu, wie unter ihr im Park die Mütter mit ihren Kindern spielten. Hannah liebte Kinder. Sie hatte selber drei jüngere Schwestern und zwei kleine Brüder und war es schon früh in ihrem Leben gewohnt, Verantwortung für die Kleinen übernehmen zu müssen. Als sie zehn war, kam ihr Vater bei einem Grubenunglück ums Leben, und ihre Mutter schuftete Tag und Nacht, um ihre Kinder zu ernähren.

Hannah wuchs die ersten Jahre bei ihrer Grossmutter auf, die ein kleines Café in Krakau führte. Dort begann sie mit etwa fünf Jahren auf dem Klavier zu spielen und an manchen Tagen war sie kaum mehr davon zu trennen. Ihre Grossmutter erkannte sofort ihre Begabung und sorgte dafür, dass sie bei einem guten Lehrer Unterricht bekam. Der anfängliche Widerstand der Eltern erlahmte schnell, als diese begriffen, dass die kleine Hannah mit ihrem Klavierspiel im Café ihrer Oma an manchen Abenden mehr verdiente, als ihre Mutter während einer ganzen Woche.

Hannahs Talent sprach sich schnell herum und als sie 14 war, unterschrieb ihre Mutter einen Vertrag mit einem Agenten. Dieser sorgte dafür, dass Hannah in Polen zum Star wurde. Damit war die finanzielle Not ihrer Familie fürs erste gebannt. Aber Hannahs Ruhm und Erfolg hatten ihren Preis. Sie durfte nur Chopin spielen, und manchmal etwas Rachmaninow, um ihre Virtuosität zu beweisen. Und im katholisch geprägten Polen war es ihr nicht erlaubt, eine Beziehung zu haben, zumal eine frühe Hochzeit im Vertrag nicht vorgesehen war. Das hinderte ihren Agenten allerdings nicht daran, sich seine Dienste gelegentlich auch mit anderen Gefälligkeiten vergelten zu lassen. Hannah verdrängte ihren Ekel, hatte sich aber nie wirklich daran gewöhnt, umso mehr, als ihr schon seit einiger Zeit bewusst geworden war, dass Männer ihr eigentlich nichts bedeuteten.

Der Anblick der Mütter im Park erinnerte Hannah an ihre beste Freundin, die vor einem Monat ihr erstes Kind bekam. Wie glücklich war sie, als sie das Kleine vor ein paar Tagen im Arm halten durfte. Und wie traurig, wenn sie daran dachte, wie weit sie selber von diesem Glück entfernt war.

Diese Trauer verfolgte sie nun schon seit einiger Zeit. Eigentlich konnte sie gar nicht sagen, wann es begonnen hat. Am Anfang war diese Unlust, am Morgen aufzustehen, ein diffuses Gefühl von Sinnlosigkeit, begleitet von einer lähmenden Erschöpfung. Mühsam musste sie sich zum Proben überwinden. Die Konzerte wurden zur Qual. Sie begann das Publikum zu hassen. Und irgendwann begannen ihre Hände zu zittern. Immer öfter musste sie zu Tabletten greifen, und die wachsende Zahl leerer Flaschen in ihrer Küche begann nicht nur sie zu beunruhigen. Doch das Wundersame dabei war, dass sie immer besser zu werden schien.

Hannah hatte Tränen in den Augen und ihre Hände zitterten, als sie die Balkontür schloss und die Gardine zuzog. In zwei Stunden musste sie bereit sein. Hastig kramte sie die Tabletten aus ihrer Handtasche. Dann setzte sie sich an den Flügel und begann zu spielen. Chopin, das Prélude, mit dem sie das Konzert eröffnen würde. Mein Gott, wie sehr hasste sie dieses Stück. Wie viel tausend Mal hatte sie es bereits gespielt, damals schon als kleines Mädchen im Café ihrer Oma. Doch die Leute wollte es hören, von ihr, immer und immer wieder. Erschöpft brach sie mitten im Stück ab. Kraftlos liess sie ihre Arme hängen und die Tränen liefen ihr über die Wangen.

Minutenlang sass sie einfach nur da und starrte ins Leere. Dann hoben sich langsam ihre Arme und mit konzentrierter Entschlossenheit suchten ihre Finger ihren Platz über den Tasten. Und als sie sich sanft zu bewegen begannen, schien sich Hannas ganze Trauer in Musik zu verwandeln. Eine einfache Melodie von unglaublicher Melancholie und Schönheit erfüllte den Raum. Mit geschlossenen Augen sass Hannah da, während ihre Finger langsam über die Tasten glitten.

Dann schien die Melodie für einen Moment innehalten zu wollen. Doch ganz allmählich kamen die Hände wieder in Fahrt, erst nur zögerlich, dann immer schneller und immer lauter. Und plötzlich schien die Musik jeden Boden zu verlieren. Hannahs Hände begannen über die Tasten zu rasen, wie wenn sich die ganze aufgestaute Wut und Verzweiflung in ihr entfesselt hätten. Ihre Haare wehten wild durch die Luft und ihr ganzer Körper bebte, als die wuchtige Kraft ihrer Arme dem musikalischen Wahnsinn Gestalt verlieh.

Doch so schnell der Sturm entbrannte, so schnell beruhigte er sich wieder. Langsam fand die Musik zurück zur ursprünglichen Ruhe und Harmonie, und da war sie wieder, diese einfache Melodie, in ihrer ergreifenden Melancholie. Und bei der letzten Note angekommen, liess Hannah den Finger auf der Taste, bis der tiefe Ton im Raum verklungen war.

Erfüllt von einem seltenen Glücksgefühl erhob sich Hannah, um sich für das Konzert umzuziehen. Doch als sie sich umdrehte, stand da plötzlich ein Dame vor ihr, mitten im Zimmer, in einem langen, dunklen Abendkleid, mit eleganten, schwarzen Handschuhen und einem langen Wollmantel über den Schultern. Die Dame mochte um die fünfzig sein. Sie schaute Hannah ruhig an und machte nicht den geringsten Versuch zu verbergen, dass sie geweint hatte. Dann trat sie auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Danke!“ war das einzige, was sie sagte. Dann glitt ihre Hand in die Handtasche und holte eine Visitenkarte hervor. Fassungslos starrte Hannah auf das Logo des renommierten Plattenverlegers. Und als sie den Blick wieder hob, sah sie gerade noch die wehenden Ärmel des Mantels, als die Dame das Hotelzimmer verliess.

……

An diesem Abend spielte Hannah statt der üblichen vier Zugaben nur eine: Das Andantino aus Schuberts Sonate in A-Dur. Minutenlang wagte niemand zu klatschen, als der letzte Ton verklungen war. Erst als sich Hannah erhob, brachen alle Dämme.

Es war Hannas letztes Konzert für zwei Jahre. Ihre neue Agentin liess ihr die Zeit, die sie brauchte. Als sie zurückkam, spielte sie in der Schweiz, in einer kleinen Kapelle in den Walliser Alpen: Schubert und Brahms. Es sollte nicht das letzte Mal sein…

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4 Gedanken zu “Entfesselte Berufung

  1. Müssen wir nicht alle gaaanz viel Chopin spielen , bis jemand kommt , der es uns ermöglicht endlich Brahms und Schubert zu spielen ?
    Anders gefragt : Wieviel Chopin müssen wir spielen , bis wir erkennen , daß Schubert und Brahms viel besser zu uns passen ?
    Oder : Wie lange spielen wir Chopin , bis wir uns trauen , auf Brahms und Schubert umzusatteln ?
    Eine schöne Geschichte , die zum Nachdenken anregt …

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    1. Danke für das Lesen und Deine Fragen!
      Aber muss der Weg zu Schubert und Brahms über Chopin führen?
      Ich war nie ein grosser Freund von Chopin. Rational, wie ich veranlagt war (bin?), hatte ich meine Ursprünge eher bei Bach. Aber eine meiner musikalischen Schlüsselerfahrungen war die Begegnung (nur als Hörer) mit Schuberts Sonate in A-Dur (D 959), gespielt von Mauricio Pollini. Was für eine innere Erfahrung und Zerrissenheit braucht es, dass ein Mann im jungen Alter von nicht einmal 30 Jahren so einen Satz komponieren kann wie dieses Andantino !?!

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    1. Herzlichen Dank, liebe Beate! Ich freue mich, dass sie Dir gefällt. Es ist eine meiner liebsten Geschichten, auch wegen des Andantinos von Schubert 🙂
      Danke auch für die anderen Likes, vor allem für den bei Quality Time. Offenbar mögen es die Leser und Leserinnen mehr, wenn ich über Frauen schreibe 😌

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