Albtraum

Es war kurz vor Mitternacht, als Tracy ihren Wagen in die Tiefgarage ihres Wohnblocks lenkte. Sie kam direkt aus dem Polizei-Hauptquartier, wo sie den Abschied ihres ehemaligen Vorgesetzten feierte. Zehn Jahre hatte sie mit ihm zusammengearbeitet, nachdem sie damals die Spezialeinheit der Army verlassen hatte und zur Polizei übgetreten war. Unter ihm war sie zu einer der führenden Kommissarinnen gereift und hatte manch männlichen Kollegen hinter sich gelassen. Und das hatte sie nicht etwa ihrer Attraktivität zu verdanken. Nein, Tracy war gut. Manche hielten sie gar für sehr gut. Doch in dieser Nacht war sie nicht gut genug.

Zwischenablage10Bild von Cotswoldcollections

Im Nachhinein konnte sie sich zwar erinnern, einen dunklen Kastenwagen wahrgenommen zu haben, den sie in der Garage noch nie gesehen hatte. Aber vielleicht war es das eine Glas Wein zu viel, das ihren natürlichen Instinkt ausser Kraft gesetzt hatte. Denn als sie ihre Handtasche und Strickjacke vom Beifahrersitz nahm und aus dem Wagen stieg, sah sie keinen Anlass zu übermässiger Sorge. Das Klappern ihrer Absätze hallte zwischen den parkierten Fahrzeugen durch die Einstellhalle, während sie sich auf dem Weg zu den Aufzügen die elegante Jacke um die Schultern legte und in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel suchte. Doch plötzlich sah sie, wie neben ihrem Schatten am Boden ein zweiter Schatten auftauchte, völlig lautlos, wie aus dem Nichts. Und bevor sie sich umdrehen konnte, durchzuckte ein Stromschlag ihren ganzen Körper. Alles schien sich um sie zu drehen. Ihre Knie gaben nach und das letzte was sie sah, bevor alles schwarz wurde, war eine dunkle Gestalt, die sie auffing.

Tracys Körper schmerzte, als sie langsam wieder zu sich kam. Vor allem die Stelle am Hals, wo man ihr den Elektroschock versetzt hatte. Der Boden unter ihr war hart, kalt und in steter Bewegung, und als ihr klar wurde, dass das laute Brummen nicht von ihrem Schädel sondern einem Motor kam, wusste sie, dass sie in dem dunklen Kastenwagen lag. Instinktiv versuchte sie sich aufzurichten, aber ihre Arme gehorchten ihr nicht. Angst ergriff sie, als sie realisierte, dass ihre Hände hinter ihrem Rücken mit Handschellen gefesselt waren. Ja mehr noch, ein Strick verband die Kette der Handschellen mit ihren gefesselten Füssen, so dass sie mit ihren Fingern die Absätze ihrer Schuhe berühren konnte. Und als sie ihren Kopf drehen wollte, riss das Klebeband schmerzhaft an ihren Haaren, das man ihr mehrfach um den Kopf gewickelt hatte, um das knebelnde Tuch in ihrem Mund zu fixieren.

Tracy war Profi genug um zu wissen, dass hier jemand ganze Arbeit geleistet hatte. Und nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, versuchte sie fieberhaft, ihre Situation zu analysieren. Der Laderaum wurde durch ein schwaches Licht erleuchtet. Er war sauber und schien leer. Doch als sich Tracy mühsam in ihren Fesseln umdrehte, sah sie plötzlich eine dunkle Gestalt neben sich sitzen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Die Frau trug einen schwarzen Rollkragenpullover, Hosen und Stiefel und ihre Hände steckten in feinen Lederhandschuhen. Um ihren Kopf hatte sie sich ein Tuch gewickelt, so wie Tracy es von den Frauen in Afghanistan kannte. Und aus diesem Tuch heraus schauten ihr zwei Augen entgegen. Grosse, dunkle Augen. Augen, die Tracy schon einmal irgendwo gesehen hatte.

Plötzlich spürte sie, wie das Blut aus ihren Wangen wich. Wie aus dem Nichts wurde er plötzlich Wirklichkeit, ihr schlimmster Albtraum, der sie seit Jahren verfolgte, seit jenem Tag in einem kleinen Dorf im Nirgendwo der afghanischen Berge.

Zwölf Jahre war es her. Tracy gehörte damals zu einer weiblichen Spezialeinheit der US Army, die den Auftrag hatte, sich bei Einsätzen gegen die Taliban um die afghanischen Frauen zu kümmern. Ein Verräter hatte sie damals zu diesem Dorf geführt und es war ihren Kollegen gelungen, in einer Kommandoaktion eine Führungszelle der Taliban auszulöschen. Mehrere Kämpfer wurden festgenommen, darunter auch eine Frau. Tracy und ihre Kolleginnen hatten den Auftrag, die Frauen und Kinder zu beruhigen und wegzubringen. Man hatte ihr dabei die gefangene Talibankämpferin anvertraut und obwohl die Hände der Gefangenen mit Kabelbindern gefesselt waren, musste Tracy ihre ganze Kraft aufwenden, um die Frau zu bändigen, als man ihre Kinder wegbrachte. Nie wird sie das Schreien der verzweifelten Mutter vergessen, das Weinen der kleinen Kinder und den Blick des zwölfjährigen Mädchens, das Tracy aus ihren grossen dunklen Augen schweigend anstarrte.

Kurz danach hatte Tracy ihren Dienst bei der Army quittiert. Immer und immer wieder hatte sie sich in den folgenden Jahres diese Szene durch den Kopf gehen lassen. Aber nein, sie hatte damals richtig gehandelt. Sie hatte getan, was getan werden musste. Die Mutter war eine Kämpferin. Tracy hatte sie selber gesehen, mit der Kalaschnikow in der Hand, wie sie einen ihrer Kollegen angeschossen hatte. Doch alle noch so guten Gründe brachten die Schreie nicht aus ihrem Kopf. Und wenn sie nachts die Augen schloss, tauchten sie immer wieder aus der Finsternis auf, die Augen des Mädchens.

Und nun hatten diese Augen sie also eingeholt, zwölf Jahre später, mitten in den Vereinigten Staaten. Nein, es gab keinen Zweifel. Sie hätte sie aus Tausenden wiedererkannt, selbst im fahlen Licht dieses Laderaumes. Hilflos stöhnte Tracy in ihren Knebel, als sie etwas zu sagen versuchte. Doch als die Frau sah, dass ihr Opfer begriffen hatte, mit wem sie es zu tun hat, nahm sie Tracys Strickjacke und wickelte sie ihr um den Kopf.

Tracy hatte jedes Zeitgefühl verloren, als der Wagen schliesslich stoppte und die Tür zum Laderaum geöffnet wurde. Sie spürte, wie man erst den Strick an ihren Handschellen und dann ihre Fussfesseln löste. Dann wurde sie aus dem Wagen gezogen und auf die Beine gestellt. Ohne etwas sehen zu können, wurde sie über eine Rasenfläche geführt, wobei sie in ihren eleganten Schuhen mit den Absätzen immer wieder strauchelte. Dann hielten sie an und Tracy wurde gezwungen, auf einen hölzernen Schemel zu steigen. Mühsam rang sie um das Gleichgewicht, als ihre Füsse zusammengeschoben und wieder mit einem Strick gefesselt wurden. Und als man ihr schliesslich die Strickjacke vom Kopf zog, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Sie befand sich im Garten ihres Mutterhauses, unter dem grossen Ast der Eiche, an dem ihre Schaukel gehangen hatte, keine zehn Meter entfernt vom Salon, in dem ihre Mutter das Frühstück zu nehmen pflegte. Fassungslos wanderte ihr Blick vom mondbeschienenen Haus zum hölzernen Schemel, auf dem ihre Füsse in den eleganten Schuhen nach Halt suchten. Und dann spürte sie, wie ihr eine Schlinge um den Hals gelegt wurde. In einem Anflug von Panik begann sie, in ihren Knebel zu schreien, während der Strick mit der Schlinge angezogen und am Ast über ihr befestigt wurde.

„Keine Angst, der Stuhl sollte hallten, vorausgesetzt, du machst keine Dummheiten“, hörte sie die Afghanin in nahezu akzentfreiem Englisch sagen, während sie Tracys Strickjacke vom Boden aufhob. Hilflos musste die ehemalige Elitesoldatin zusehen, wie das kleine Mädchen von damals ihr fast zärtlich die Jacke um die Schultern legte und auf dem obersten Knopf schloss. Das kleine Mädchen war gross geworden. Eine Kämpferin wie ihre Mutter. Und ihre Augen, diese dunklen Augen hatten auch im blassen Mondschein nichts von ihrer bannenden Kraft verloren.

„Deine Mutter ist wie meine Mutter eine sehr disziplinierte Frau“, ertönte noch einmal die warme Stimme hinter dem wollenen Tuch, während sich die beiden Frauen ein letztes Mal in die Augen schauten. „In genau fünf Stunden wird sie im Salon den Vorhang aufziehen, um ihr Frühstück zu nehmen. Fünf Jahre habe ich damals auf meine Mutter warten müssen. Was sind da schon fünf Stunden? Also, sei ein tapferes Mädchen! Wir wollen doch Mama nicht unglücklich machen.“

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3 Gedanken zu “Albtraum

  1. Du entwickelst deine Texte immer weiter in Richtung psychologische Kriminalgeschichte und offenbarst dabei eine finstere Phantasie, die mit den Bildern im Kopf deiner Leser spielt, statt den Schrecken selbst zu benennen oder auszumalen. Gefällt mir sehr gut!

    Gefällt 1 Person

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