Stunde der Wahrheit

Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Fassungslos starrte Lady Margret auf die Dokumente, die vor ihr ausgebreitet auf dem Schreibtisch lagen. Nein, es gab keinen Zweifel. Die Fakten waren unumstösslich. Ein plötzliches Schwindelgefühl befiel sie und es war ihr, als ob sich die Welt um sie auflösen würde. Eben noch schien sie am Ziel ihrer Träume. Und jetzt das.

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Langsam erhob sie sich, nahm die Kaschmirjacke von der Lehne ihres Sessels, legte sich diese um die Schultern und trat ans Fenster ihres Arbeitszimmers. Grauer Nebel lag über dem herbstlichen Park ihres Landhauses und ein leichter Regen tröpfelte auf das Dach des Wagens ihres Schwiegersohnes, der unter ihr im Hof stand.
Noch gestern herrschte strahlender Sonnenschein. Gestern Nachmittag wurde ihr erstes Enkelkind geboren. Ein Junge. Der Stammhalter, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte, den sie ihrem verstorbenen Gatten versprochen hatte und für den sie so viel geopfert hatte. Was hatte sie nicht alles getan, damit es endlich doch zu einer standesgemässen Hochzeit kam. Wie oft hatte sie ihre Muttergefühle verletzt, als sie gegen den unpassenden Liebhaber ihrer Tochter vorgegangen war. Nie wird sie die Herzensqualen ihrer Tochter vergessen, als diese das Höschen und die Briefe einer anderen bei seinen Sachen fand. Und auch er tat ihr irgendwie leid. Eigentlich hatte sie ihn ja gemocht. Aber es musste sein. In ihren Kreisen hat die Familie Vorrang vor dem Glück des einzelnen.

Und schliesslich gab es da ja auch den Sohn des Grafen. Niemand wusste zwar genau, woher er kam und wer seine Mutter war. Aber er war definitiv eine gute Partie. Gut aussehend, charmant und mit besten Manieren hatte er Lady Margret auf Anhieb überzeugt. Und nach einigem Zureden war es ihr auch gelungen, ihre Tochter von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu überzeugen. Die Hochzeit war ein Traum. Viele Freunde und Bekannte aus den besten Kreisen waren gekommen und Lady Margret hatte nur bereut, dass ihr Gatte das nicht mehr erleben durfte.

Der Schwiegersohn hatte sich schnell in die Familie und in die Leitung der verschiedenen Unternehmen und Landgüter integriert. Er verkehrte in den besten Clubs, spielte leidenschaftlich Golf, fuhr gerne teure Autos und war oft auf Reisen. Dass seine Frau immer verschlossener wurde und öfter unter Übelkeit und Erschöpfung litt, führte Lady Margret selbstverständlich auf die Schwangerschaft zurück. Sie war begeistert von der Aussicht auf Nachwuchs und hatte volles Vertrauen in ihren Schwiegersohn. Und als ihre Geschäftsführerin vor zwei Monaten die Unverschämtheit besass, in Bezug auf ein paar Unregelmässigkeiten seinen Namen zu erwähnen, hatte sie diese noch am selben Tag entlassen. Irgendwie war sie fasziniert von diesem Mann. Er war so ganz anders als ihr verstorbener Gatte, und manchmal, an einsamen Abenden, musste sie sich eingestehen, dass sie sich…

Lady Margret zuckte zusammen, als plötzlich ein dunkler Schatten vor ihrem Fenster vorbeiflog. Instinktiv zog sie die warme Strickjacke enger um ihre Schultern, während sie zuschaute, wie die Krähe sich auf einem Ast in ihrer Nähe niederliess. Und als sie sich umdrehte, stand er plötzlich da, neben ihrem Schreibtisch, mit einem der Dokumente in der Hand. Einen Moment lang schauten sie sich an, schweigend. Nur der Regen war zu hören, der von einer Windböe gegen die Scheibe geweht wurde.

„Du weisst Bescheid!“, hörte sie ihn schliesslich sagen.

„Warum? Warum tust du mir das an?“, hauchte sie mehr als dass sie sagte, während er die Papiere auf den Tisch warf und langsam auf sie zukam. Unwillkürlich wich sie zurück, aber der Fensterrahmen liess ihr nicht viel Raum. Wie gelähmt schaute sie auf die Gestalt vor ihr, die sie um einen guten Kopf überragte. Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie an den Knopfleisten ihrer Strickjacke gepackt, gegen seine Brust gezogen und auf den Mund geküsst. Dann drehe er sie um und während er sie mit der linken Hand am Schreien hinderte, riss er mit der rechten zwei Vorhangkordeln herunter. Verzweifelt nach Halt suchend stolperten ihre Füsse in den eleganten Schuhen über den Teppich, als er sie zu ihrem Schreibtisch schleppte, wo er sie auf den Bürosessel stiess und ihre Hände mit den Kordeln an die Armlehnen fesselte. Fassungslos schaute sie zu, wie er nach einem der Ärmel ihrer Strickjacke griff, die lose von ihren Schultern baumelten. Und als sich ihre Lippen öffneten um zu fragen, was denn nun aus dem Kind werden solle, stopfte er ihr kurzerhand den Jackenärmel in den Mund, wo er die knebelnde Kaschmirpackung mit Hilfe seiner Krawatte fixierte.

Als Lady Margret wenig später hörte, wie der Wagen auf dem Kiesplatz vor dem Haus wendete und davonfuhr, strömten Tränen der Wut und Verzweiflung über ihre Wangen. Nicht weniger als sechs weitere Vorhangkordeln hatte er heruntergerissen, um es ihr auf ihrem Sessel so „bequem“ wie möglich zu machen. Dann hatte sie hilflos zusehen müssen, wie er mit Hilfe ihres Schlüssels auch noch den Wandsafe leerte. Aber all das, die veruntreuten Millionen, der Safe, ja selbst der Verlust ihres Schmuckes, den er sich noch aus ihrem Schlafzimmer geholt hatte, war für sie in diesem Moment unbedeutend. Denn das, was sie im Begriff war zu verlieren, war viel fundamentaler.

Kaum wagte sie, ihren Kopf zu heben und durch die Tränen hindurch auf das Bild ihres Gatten zu schauen, das vor ihr auf dem Arbeitstisch stand. Und wenn sie früher in seinem strengen Mund den Anflug eines stolzen Lächelns zu erkennen glaubte, sah sie jetzt in seinen Augen nur Vorwurf und Enttäuschung. Und gleich daneben, etwas kleiner und nach hinten versetzt, stand das Bild ihrer Eltern. Ihr Vater lächelte. Aber sie hatte dieses Lachen schon immer gehasst, seit er damals bei einem Reitunfall ums Leben kam. Warum musste er um jeden Preis auf dieses Pferd steigen? Warum hatte er sie verlassen, damals, als sie ihn so sehr gebraucht hätte. Denn der Blick ihrer Mutter war damals schon traurig. Sie war einfach nicht geschaffen für diese Welt, viel zu sensibel und unfähig, ihre Gefühle zu beherrschen. Seit drei Jahren war sie in der Klinik. Alzheimer. Und seit ein paar Wochen kam es vor, dass sie ihre Tochter nicht mehr erkannte.

Das Prasseln des Regens gegen die Fensterscheiben war heftiger geworden, während Lady Margret regungslos auf ihrem Sessel sass und ins Leere starrte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie so etwas wie Mitleid mit ihrer Mutter. Wie sehr hätte sie sich in diesem Moment gewünscht, einfach nur vergessen zu können. Doch da war noch das dritte Bild auf ihrem Schreibtisch: Ihre Tochter im Arm ihres Schwiegersohnes. Auf einmal sah sie hinter dem aufgesetzten Lächeln die Leere und Traurigkeit, die sie einfach nicht wahrhaben wollte. Und plötzlich glaubte sie in den Augen ihrer Tochter den flehenden Hilferuf zu erkennen. Es waren die selben grossen, blauen Augen, mit denen ihr Enkel sie gestern zum ersten Mal angeschaut hatte.

Das wütende Knarren des ledernen Bürosessels mischte sich in das Geräusch des Herbststurmes, der mittlerweile an den Fensterläden rüttelte, als Lady Margret verzweifelt begann, an ihren Fesseln zu zerren. Vergeblich versuchte sie, mit ihrer Hand an die Schere auf dem Schreibtisch zu kommen. Und als sie nach dem Telefonkabel griff, um den Apparat zu sich herüberzuziehen, musste sie frustriert feststellen, dass es durchgeschnitten war. Immerhin schaffte sie es mit der Zeit, den knebelnden Jackenärmel so weit aus dem Mund zu stossen, dass sie um Hilfe rufen konnte. Ihre Haushälterin befand sich zu diesem Zeitpunkt unten im Salon. Aber eine Hand voll Vorhangkordeln, ein Taschentuch und eine Stoffserviette hinderten die treue Dienerin daran, dem Ruf ihrer Herrin Folge zu leisten.

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