Quality Time

Es war kurz nach 18 Uhr, als Carsten hinter der Gardine in seinem Büro zuschaute, wie seine Sekretärin sechs Etagen unter ihm im strömenden Regen über den Hof zu ihrem Wagen ging. Unter dem Schirm konnte er nur ihre eleganten Lederstiefel und den langen schwarzen Daunenmantel erkennen, den sie sich um die Schultern gelegt hatte. Nachdem sie sich den Mantel abgenommen und auf den Beifahrersitz geworfen hatte, verschwand sie hinter dem Steuer ihres Wagens und man konnte nur noch sehen, wie der Schirm ausgeschüttelt wurde, bevor auch dieser verschwand und die Wagentür zugezogen wurde. Sekunden später begannen die Scheibenwischer zu arbeiten, aber mehr als die behandschuhten Hände am Lenkrad war nicht zu erkennen, als der Wagen das Firmengelände verliess. Das war aber auch nicht nötig.

Business wireBild von business wire

Unwillkürlich zog Carsten seine Hand aus der Unterhose, als hinter ihm auf dem Schreibtisch das Telefon läutete. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass sie heute Abend Probe vom Kirchenchor habe und er die Kinder ins Bett bringen müsse. Und er erinnerte sie daran, dass er morgen eine wichtige Vorstandssitzung habe, dass es um viel gehe und dass er noch zwei Stunden brauche, um sich vorzubereiten. Sie einigten sich auf 20 Uhr, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie verärgert war.

Carsten schloss für einen Moment die Augen, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie so war. Natürlich hatte sie recht. Er war ein schlechter Ehemann und Vater. Er kriegte es einfach nicht auf die Ränge. Es war einfach alles etwas zu viel, dieser dauernde Stress, der ständige Druck, die Erwartungen und die dauernde Angst nicht zu genügen. Er konnte sie förmlich sehen, seine jungen Kollegen, die wie Hyänen um den Sitzungstisch sassen und nur darauf warteten, dass ihm ein verhängnisvoller Lapsus unterlief.

Als er schliesslich die Augen öffnete, sah er vor sich auf dem Bildschirm die zwei roten Punkte mit der weissen Zahl in der Mitte: 36 ungelesene Mails und 11 unerledigte Aufgaben, 5 davon betrafen die Sitzung von morgen. Natürlich wusste er, dass es höchste Zeit war, sich an die Arbeit zu machen. Und doch brachte er es nicht fertig. Nein, nicht jetzt! Jetzt brauchte er erst einmal einen Moment für sich allein.

Wie von Geisterhand geführt glitt der Cursor an den beiden roten Punkten vorbei zum privaten Ordner mit den Bildern, die er vor zwei Stunden aus dem Netz heruntergeladen hatte, während seine Sekretärin im Raum nebenan die Daten für die morgige Präsentation zusammenstellte. Die Bilder hatten alle etwas gemeinsam. Sie zeigten elegante und selbstbewusste Frauen, die in allen wesentlichen Punkten der Frau glichen, ohne die er seinen Posten hier wohl schon längst verloren hätte.

Und diese Bilder schafften, was sonst schon lange niemand mehr schaffte. Sie halfen Carsten, loszulassen und zu vergessen, den Druck, die Angst, den nicht enden wollenden Berg von Arbeit und – was in diesem Moment vor allem zählte – die Sitzung von morgen. Plötzlich gab es nur noch diese Frauen, Ausdruck einer Sehnsucht, die weit über den Horizont des Alltäglichen hinausdrängte. Eine Sehnsucht, für die auch eine noch so attraktive Sekretärin nicht mehr als ein willkommener Auslöser war. Und plötzlich schien Carsten hellwach. Plötzlich war das Gefühl der Erschöpfung einer kreativen Erregung gewichen. Und nachdem er aufgestanden war, um die Vorhänge zu ziehen, holte er sich einen Drink aus dem Schrank und machte es sich in seinem Sessel bequem.

Es war schon weit nach 19 Uhr, als die Aktivität auf dem Bildschirm immer öfter ins Stocken kam, weil die rechte Hand nun vermehrt unter der Tischplatte beschäftigt war. Immer wieder musste Carsten kurz innehalten und durchatmen, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Und als er sie schliesslich doch verlor, war es bereits zehn vor acht. Nur das rhythmische Knarren seines Ledersessels war zu hören, als sich seine aufgestaute Lust in die Unterhose entlud.

Dann war es für einen Moment völlig still. Und als ein leises Klingen die Ankunft einer neuen Mail ankündigte, war auf einen Schlag alles wieder da: die unerledigte Arbeit, die Sitzung von morgen, der Druck und die Angst. Und über all dem eine schwindelerregende Erschöpfung. Wie gelähmt hing Carsten in seinem Sessel und starrte auf das Bild seiner beiden Kinder, die ihm von seinem Schreibtisch entgegenlächelten. Sie waren so stolz auf ihren Papa. Und er war so stolz auf sie. Und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie stolz er eigentlich auf ihre Mutter war und wie sehr er sie alle liebte. Mein Gott, was machte er hier? Was war nur mit ihm los?

Er hatte es seinem leeren Magen zu verdanken, dass er sich nicht übergeben musste, als er schliesslich im Bad vor dem Spiegel stand. Nachdenklich betrachtete er das Gesicht, das er so gut kannte und das ihm in diesen Momenten doch immer wieder so fremd vorkam. War das wirklich derselbe Mann, der morgen dem Vorstand die neue Strategie präsentieren würde? Angewidert öffnete er seine Hose, um wenigstens die gröbsten Spuren seines Aussetzers zu entfernen.

Dann rief er seine Frau an. Sie klang verständnisvoll. Die Kinder seien bei der Nachbarin. Und das Essen für ihn stehe im Kühlschrank. Und ja, sie liebe ihn auch. Ihre Stimme tat ihm gut und als er in seinen Mantel schlüpfte und das Licht löschte, war die Zuversicht zurückgekehrt. Er würde morgen eine Stunde früher ins Büro kommen. Irgendwie würde er es schon wieder schaffen. Er hatte es bisher noch immer geschafft, irgendwie.

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2 Gedanken zu “Quality Time

  1. und so taucht man bei Dir von einem Hirn ins nächste. Trauriger Einblick und für ihn sicherlich ein trauriger Ausblick, auch wenn es so scheint, dass da was *Klick* gemacht hat. So oder so ein spannend zu lesender Text.

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  2. Nun ja, auch Männer haben ein Innenleben, erstaunlich aber wahr… ich muss es wohl wissen 😉

    Ob der hier wirklich eine besondere Aussicht hat, weiss ich nicht. Ich vermute, er hat einen solchen Moment nicht zum ersten Mal erlebt… und es wird wohl auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Aber es wird schon immer weitergehen, irgendwie 😅

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