Keine Zeugen

Eine Stunde war er nun schon oben. Sumi begann langsam etwas unruhig zu werden. Wenn da nur nichts schief gegangen war. Nervös zog sie die Strickjacke um ihre Schultern zurecht, während sie von ihrem Sessel in der Lounge des Kongresshotels aus das Kommen und Gehen beim Haupteingang überwachte. Ja, sie machte sich tatsächlich Sorgen um ihn. Und wenn sie ehrlich mit sich war, musste sie zugeben, dass passiert ist, was nie hätte passieren dürfen: Sie hatte sich in ihren Vorgesetzten verliebt.

Zwischenablage02Bild von MyFiona (Korean fashion)

Sumi war so stolz gewesen, als ihre Firma, in der sie als Sekretärin arbeitete, sie vor zwei Monaten in die Vereinigten Staaten versetzt hatte. Für die Tochter einfacher Leute aus einem Vorort von Seoul war dies die Chance ihres Lebens. Natürlich war es nicht ganz einfach gewesen für sie, sich ganz alleine weit weg von ihrer Familie in einem fremden Land zurechtzufinden. Sie hatte eine kleine Wohnung bekommen, aber der einzige Ort wo sie sich wirklich zuhause fühlte, war in ihrem Büro. Umso intensiver hatte sie sich daher in ihre Arbeit gestürzt, was ihrem Vorgesetzten nur recht sein konnte. Sumi war gut, fleissig, zuverlässig und absolut loyal. Das war auch wichtig, denn ihr Chef war mit sensiblen Geschäften betraut. Es ging um moderne Waffensysteme und um sehr viel Geld. Sumi verstand zwar nicht wirklich, worum es dabei ging. Aber sie verstand intuitiv, dass es besser für sie war, gar nicht erst zu versuchen zu verstehen.

Ihr Vorgesetzter hatte es ihr sofort angetan. Er war gut zwanzig Jahre älter als sie und strahlte Ruhe und Sicherheit aus. Auch er schien ihr nicht abgeneigt zu sein. Immer mal wieder hatte er sie zum Essen eingeladen und ihr auch schon mal ein paar Blumen ins Büro gebracht. Seine Aufmerksamkeiten waren dabei nicht unbemerkt geblieben und eine Kollegin hatte Sumi neulich mal vor ihm gewarnt. Aber deren Eifersucht war zu offensichtlich, als dass Sumi ihrer Warnung Beachtung geschenkt hätte. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich geschätzt und respektiert. Und in ihrer Dankbarkeit war sie zu vielem bereit. Eine Bereitschaft, die ihr Vorgesetzter gerne beanspruchte, bevorzugt spät abends in seinem Büro, wenn er ihr beibrachte, wie sie das Beste aus ihren zarten Händen und Lippen herausholen konnte.

Sumi wurde abrupt aus ihren Träumereien gerissen, als plötzlich diese grosse Gestalt durch die Drehtür am Eingang kam und an die Rezeption trat. Sie hatte ihn sofort erkannt, die stolze, aufrechte Haltung, sein kahler Kopf und der dunkle Bart, genau wie das Bild auf dem Foto, das sie sich einprägen musste. Schnell nahm sie ihr Telefon und sandte ihrem Chef die vorbereitet sms, um ihn zu warnen. Ihre Hände zitterten leicht vor Aufregung, als sie das Telefon in ihre Handtasche steckte und dabei dem Mann zuschaute, wie er mit einem schwarzen Aktenkoffer in der Hand an ihr vorbei zu den Aufzügen ging. Er trug einen perfekt sitzenden grauen Anzug, schwarze Lederhandschuhe und hatte sich einen eleganten, langen Regenmantel um die Schultern gelegt. Das war er also, der Mann, der ihrem Vorgesetzten seit einigen Tagen schlaflose Nächte bereitete.

Sumi hatte sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte, seit sie ihrem Chef diesen verschlüsselten Bericht aus der Zentrale auf den Tisch gelegt hatte. Plötzlich war er ganz anders, gestresst, aggressiv, auch mit ihr, sichtlich verunsichert. Sumi hätte ihm gerne geholfen, aber sie war ja nur die Sekretärin. Er hatte ihr klar zu verstehen gegeben, dass sie das nichts angehe. Umso mehr war sie erfreut, als er sie an diesem Nachmittag aufforderte, ihn mit ihrem Wagen ins Kongresshotel zu begleiten. Es sei äusserst wichtig und sie dürfe mit niemandem darüber reden. Er hatte ihr das Foto dieses Mannes gezeigt. Er müsse dessen Zimmer durchsuchen. Je weniger sie davon wisse, desto besser. Sie müsse ihm einfach den Rücken frei halten und dafür sorgen, dass er keine unangenehme Überraschung erlebe.

Und nun war er also aufgetaucht, dieser Mann. Jeden Augenblick musste ihr Vorgesetzter herunterkommen. Sumi hatte sich ohnehin schon gewundert, was er über eine Stunde in einem Hotelzimmer suchen könnte. Schnell schlüpfte sie in die Ärmel ihrer Strickjacke und kramte die Schlüssel ihres Wagens aus der Tasche, während sie aufmerksam die Türen der Aufzüge beobachtete. Und mit jeder Minute, die verstrich, wurde sie nervöser. Das konnte doch nicht sein. Hatte er am Ende ihre Nachricht nicht bekommen? Schliesslich sah sie ihn plötzlich durch die Glastür vom Treppenhaus kommen. Er trug eine Lederjacke, schwarze Lederhandschuhe und hatte einen schwarzen Aktenkoffer in der Hand. Nachdem er sich einen Moment lang nervös umgeschaut hatte, nickte er ihr kurz zu.

“Hast du alles bekommen, was du haben wolltest?”, fragte Sumi aufgeregt, als sie die Treppe zur Tiefgarage hinunter eilten.
“Ja.”
“Dann lass’ uns jetzt gehen!”, hörte sich Sumi sagen, und die sinnlose Evidenz der Bemerkung machte ihr bewusst, wie sehr sie sich danach sehnte, hier wegzukommen.

Schweigend lenkte Sumi ihren Wagen durch den Stadtverkehr, während sie aus dem Augenwinkel beobachtete, wie ihr Chef seine Lederhandschuhe auszog und den Inhalt des Aktenkoffers inspizierte. Dann glitt seine Hand unter die Jacke und brachte eine Pistole mit einem Schalldämpfer zum Vorschein, die er über den Papieren in den Koffer legte, bevor er ihn verschloss. Fieberhaft versuchte Sumis Gehirn, sich einen Reim auf das Ganze zu machen, als neben ihr plötzlich das Telefon läutete.

„Ja?“, hörte sie ihren Chef antworten, „Es ist alles ok, ich hab sie! Aber es gab ein kleines Problem … Nein, nein, keine Sorge, ich habe alles im Griff! … Nein, es gibt keine Zeugen. Niemand hat mich gesehen! … Wer? … Aber … Ok, natürlich, ich kümmere mich darum. Sie können sich ganz auf mich verlassen!“

„Was ist mit dem Mann?“ wagte Sumi endlich zu fragen, nachdem sie mehrere Minuten schweigend im Feierabendstau gestanden hatten.
„Frag nicht und fahr!“

Schliesslich wurde Sumi angewiesen, in die Gewerbezone abzubiegen. Hier gab es nur noch wenige Autos auf der Strasse. Und je weiter sie kamen, desto verwahrloster und verfallener sahen die alten Industriebauten aus. Plötzlich wurde sich Sumi bewusst, dass ihre Hände am Lenkrad zitterten. Und als sie an düsteren Backsteingebäuden vorbei in einen verlassenen Hinterhof einbogen, musste sie plötzlich an ihre Eltern denken, an das kleine Häuschen, den hübschen Garten, an ihren kleinen Bruder und ihren Hund. Und eine tiefe Traurigkeit legte sich über sie, während sie aus dem Augenwinkel sah, wie die Hände ihres Geliebten wieder in die schwarzen Lederhandschuhe schlüpften und sich am Verschluss des Aktenkoffers zu schaffen machten…

Ein Beitrag zu Hannas Schreibaufgabe der Woche 8: Dialog

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16 Gedanken zu “Keine Zeugen

  1. Du machst dir Sorgen um sie? Bringst sie in so eine Lage und lässt sie allein mit einem Mann, von dem wir annehmen müssen, dass er ihr nach dem Leben trachtet. Offenbar hast du mehr kriminelle Energie, als ich bisher angenommen habe. Starke Geschichte!

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  2. Sehr schöne Geschichte, bei der mich ausgerechnet der Dialog stört, der die Ausgangsbasis war. Der passt vom Ton her gar nicht wirklich da rein. Meine Meinung: schreib ihn um, mach ihn gehetzter und dann ist die Geschichte perfekt!

    (Die „Aufgabe“ hast du ja schon erfüllt 🙂 )

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      1. Oh, so meinte ich das gar nicht. Die Dialoge als solches finde ich schon gut! Der Ursprungsdialog passt halt nicht so gut zum Ton deiner Geschichte. Aber das ist ja oft so, wenn man „mit Gewalt“ einen ganz bestimmten Text da jetzt reindrücken muss :-).

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  3. Mitreißend und spannend! Man kann sich voll und ganz in Sumi reinversetzten und fiebert eifrig mit. Gerade der Schlussteil, wo sie an ihre Eltern denken musste und ihre Hände anfingen zu zittern. Man hofft, dass jetzt nicht das passiert, was man denkt was passiert. Arme Sumi…

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      1. Also entweder bringt er sie um, da sie schon z u viel weiß und keine ‚Zeugen‘ hinterlassen werden dürfen oder in dem Koffer ist eine große Geldmenge, mit der sie zu bestechen versucht.
        Es wäre beides sehr aufregend!
        Wie meinst du das, ich soll weiter schreiben? Ist das eine Geschichte, wobei jedes Kapitel von einem anderen Blogger geschrieben wird? 🙂

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        1. Ich vermute, der Kerl darf kein Risiko eingehen. Aber ich habe Manfred weiter oben schon versprochen, dass sich mein SWAT-Team um Sumi kümmern wird 🙂
          Und nein, der Text ist nicht als Fortsetzungsgeschichte gedacht. Aber wenn es Dich inspiriert, lass Dich nicht daran hindern 😉

          Gefällt 1 Person

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