Stille Zeugen

Draussen hinter dem Haus spielten Kinder im Park und die Nachmittagssonne schien hell durch die weissen Gardinen, als sich Sieglinde gefesselt und geknebelt auf dem breiten Ehebett wälzte. Sie liebte dieses Gefühl der Hilflosigkeit und den Reiz des Verbotenen. Von Zeit zu Zeit, wenn ihr Mann mal wieder auf Geschäftsreise war und ihr zwölfjähriger Sohn die Schulbank drückte, gönnte sie sich ihr geheimes Vergnügen. Doch als an diesem Tag die Standuhr im Erdgeschoss vier Uhr schlug, hatte die Lust längst einem anderen Gefühl Platz gemacht. In zwanzig Minuten würde ihr Sohn nach Hause kommen, und Sieglinde konnte den Schlüssel ihrer Handschellen nicht finden.

Zwischenablage03Bild von Cotswoldcollections

Seit einer halben Stunde suchte sie verzweifelt die Matratze ab, was alles andere als einfach war. Sie hatte sich die Beine an den Knöcheln und über den Knien mit Baumwollseilen gefesselt und ein weiterer Strick verband ihre angewinkelten Unterschenkel mit den gepolsterten Handschellen, mit denen sie ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte. In dieser Position war es ihr unmöglich, sich vom Bett zu erheben, und der rote Gummiball, der in ihrem Mund steckte und mit zwei Lederriemen in ihrem Nacken fixiert war, machte ihre Bemühungen auch nicht leichter. Immer wieder musste sie innehalten und an dem Knebel vorbei nach Atem ringen, während ihr der Speichel übers Kinn auf den Bettbezug tropfte. Das eigentliche Problem aber war ihr seidenes Hermes-Tuch, das sie sich fest um die Augen gebunden hatte.

Sieglinde war sich sicher, den kleinen Schlüssel wie immer mit einem Stück Klebeband am Rande der Matratze fixiert zu haben. Aber da war nichts. Rein gar nichts. Nicht einmal das Klebeband war zu spüren. Das konnte doch einfach nicht sein! In nackter Verzweiflung wälzte sie sich auf dem Bett und versuchte, wenigstens an die Knoten der Stricke heranzukommen, mit denen ihre Beine gefesselt waren. Aber es war hoffnungslos.

Keuchend lag sie auf ihrem Bett, während von draussen das Lachen der spielenden Kinder in ihr Zimmer drang. Das seidene Unterkleid klebte an ihrem schweissnassen Körper und ihre Handgelenke begannen trotz der Polsterung der Handschellen zu schmerzen. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren, als das Läuten der Standuhr sie gnadenlos an das nahende Unheil erinnerte. Wie sollte sie es nur ihrem Sohn erklären? Und wie sollte sie ihn daran hindern, seinem Vater alles zu erzählen? Und dann ihre Kollegen im Geschäft. Sie sah sie förmlich vor sich, wie sie in der Kantine die Köpfe zusammensteckten und über ihre Personalchefin spotteten. Und dann ihr Vorgesetzter, wie er ihr erklären müsste, dass sie leider für das Ansehen des Unternehmens untragbar geworden sei und sie sicher verstehen würde…

Sieglinde konnte spüren, wie die Sonne durch das Fenster auf ihren Körper brannte, während in der Dunkelheit hinter der Augenbinde die Träne der Verzweiflung in die weiche Seide sickerten. Fieberhaft suchte ihr Gehirn nach einer Lösung. Sieglinde hatte doch noch immer eine Lösung gefunden. Dafür war sie bekannt und dafür wurde sie geschätzt, von ihrer Familie, von ihren Freunden, von ihren Vorgesetzten ebenso wie von ihren Untergebenen. Effizient und lösungsorientiert, diese Worte hatten ihren festen Platz in ihren Qualifikationen. Aber in diesem Moment herrschte die nackte Ratlosigkeit und die quälende Angst machte das Denken nicht gerade leichter. Die Geschichte mit dem Raubüberfall könnte sie vielleicht noch ihrem Sohn verkaufen, aber sicher nicht ihrem Mann, und schon gar nicht der Polizei.

Erschöpft von ihrem verzweifelten Kampf lag sie da und musste resigniert zulassen, wie ihr Speichel unaufhaltsam an dem Ballknebel vorbei in die Matratze floss, als plötzlich etwas kaltes, metallenes die Finger ihrer rechten Hand berührte. Reflexartig fasste sie danach und glaubte für einen kurzen Moment auch, die leichte Berührung einer Hand zu spüren. Aber das Entscheidende war der kleine Schlüssel zwischen ihren Fingern, dessen Form sie sofort erkannte. Ihre Hände zitterten, als sie verzweifelt nach dem kleinen Schlüsselloch tastete, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich der Verschluss an ihrem linken Handgelenk aufschnappte. Im ersten Moment waren ihre Augen vom gleissenden Licht geblendet, als sie sich das Seidentuch von den Augen riss. Doch soweit sie sehen konnte, war da niemand im Zimmer ausser ihr.

Hastig sammelte sie ihre Utensilien ein und liess sie zusammen mit dem durchnässten Bettbezug im Schrank verschwinden. Aufgeregt suchte sie nach einer passenden Hose, nachdem sie feststellen musste, dass die blickdichte Strumpfhose nicht ausreichte, um die Spuren der Fesseln an ihren Beinen zu verbergen. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte zwanzig nach vier, als sie erleichtert feststellte, dass man die wundgescheuerten Handgelenke unter den perfekt verarbeiteten Bündchen ihrer Kaschmir-Strickjacke nicht sehen konnte. Und als sie schliesslich mit angehaltenem Atem aus dem Zimmer trat, hörte sie gerade, wie die Eingangstür aufgeschlossen wurde. „Hallo Mama!“ rief ihr Sohn mit einem strahlenden Lächeln, als er mit dem Schulsack auf dem Rücken die Treppe hoch kam. Und verdutzt schaute Sieglinde zu, wie er sie im Vorbeigehen spontan umarmte, ihr zärtlich einen Kuss auf die Wange drückte, bevor er in seinem Zimmer verschwand.

Tränen der Erleichterung drängten in Sieglindes Augen und sie spürte, wie sich die Anspannung zu lösen begann, als sie die Tür zum Bad öffnete und das Licht anknipste. Ihr Junge brachte sie immer wieder zum Staunen. Er war wirklich etwas ganz Besonderes. Als sie vor den Spiegel trat, konnte sie noch immer die Stelle auf ihrer Wange spüren, wo seine Lippen sie berührt hatten. Es war genau die Stelle, wo der Lederriemen des Ballknebels seine unübersehbare Spur hinterlassen hatte…

……..

Zwei Wochen später war sie zusammen mit ihrem Ehemann am Elternabend in der Schule. Sieglinde war erschöpft von einem langen Arbeitstag und nur mässig interessiert an den Problemen der anderen Eltern, bis sich eine sichtlich aufgebrachte Mutter erhob und wissen wollte, warum sie als Eltern nicht informiert würden, wenn plötzlich am Nachmittag der Unterricht ausfällt… so wie neulich vor zwei Wochen…

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2 Gedanken zu “Stille Zeugen

    1. Danke 🙂
      Ja, das scheint tatsächlich zu gehen. Habe es selber aber nie ausprobiert 😉
      Das gehört zu den autoerotischen Praktiken. Meine Heldin war sogar noch eher vorsichtig. Manche frieren offenbar den Schlüssel ein, um während einer gewissen Zeit tatsächlich völlig hilflos zu sein.
      Mich fasziniert die nagende Ungewissheit dieser Mutter: Woher tauchte plötzlich der Schlüssel auf? War da nicht eine Hand? Und was hat der Junge gesehen und gedacht, als er ihre Wange geküsst hat. Und dann die Frage dieser Mutter… ich denke, da wär ein klärendes Gespräch angesagt 🙂

      Gefällt 1 Person

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