Nächtliche Begegnung

Es war klirrend kalt, als Anna um zwei Uhr nachts den Stadtpark betrat. Ein herbstlicher Nebel hatte sich über die Stadt gelegt und verlieh den Laternen am Eingang des Parks eine gespenstige Aura. Anna mochte diese Stimmung. Wohlig zog sie die pelzbesetzte Kapuze über ihren Kopf und schloss den warmen, schwarzen Daunenmantel bis unters Kinn, während sie festen Schrittes an den laubbedeckten Bänken des Biergartens vorbei in die Dunkelheit eintauchte. Anna hatte keine Angst.

Zwischenablage02

Anna hatte noch nie Angst. Warum hätte sie auch Angst haben sollen? Niemand würde um diese Zeit noch durch den Stadtpark gehen. Also würde auch niemand im Stadtpark auf irgendjemanden warten. Schon gar nicht bei dieser Kälte. Abgesehen davon hatte Anna für alle Fälle auch noch einen Pfefferspray in der Handtasche.

Die Party war eigentlich ganz cool gewesen. Anna hatte lange gezögert und sich erst im letzten Moment entschieden hinzugehen. Aber sie hat es nicht bereut. Ganz im Gegenteil. Noch nie hatte sie so faszinierend dunkle Augen gesehen. Djamal war Libanese und arbeitete als Analyst bei einer Bank. Den ganzen Abend war sie nicht von seiner Seite gewichen und um ein Uhr in der Früh hatten sie sich zum ersten Mal geküsst. Etliche Drinks hatten das ihre dazu beigetragen, Annas Fesseln der Zurückhaltung zu lösen, bis sie plötzlich seine Hand unter ihrem Höschen spürte. Er hatte sich sofort entschuldigt, als er Annas heftige Reaktion sah. Und irgendwie war es ja dann auch noch ganz schön gewesen.

Nur das ferne Rauschen der Stadt begleitete das Knirschen von Annas Schritten auf dem Kiesweg, als sie dem kleinen Teich entlang in Richtung Wald ging. Für einen kurzen Moment blieb Anna stehen und betrachtete die Nebelschwaden, die über der Wasseroberfläche lagen. Nachdenklich folgte ihr Blick einer Ente, die geräuschlos über die Wasseroberfläche glitt, um langsam im Nebel zu verschwinden. Normalerweise hätte Anna diesen Moment genossen. Aber ins euphorische Glücksfühl des gelungenen Abends begann sich leise ein diffuses Unwohlsein zu mischen. Sie hätte nicht sagen können, woran es lag. Vielleicht war es sein letzter Blick, dieses unergründliche Funkeln in seinen dunklen Augen.

Als sie sich schliesslich umdrehte um weiterzugehen, glaubte sie plötzlich, am Eingang des Waldes einen dunklen Schatten verschwinden zu sehen. Aber nein, das konnte nicht sein. Sie hätte Schritte hören müssen, wenn da etwas gewesen wäre. Langsam ging sie auf die Bäume zu und unwillkürlich glitt ihre Hand in die Handtasche. Aber auch nachdem sie sich den eleganten, schwarzen Lederhandschuh ausgezogen hatte, konnte sie den Pfefferspray nicht finden. „Scheisse!“ entfuhr es ihr, als sie realisierte, dass sie für die Party spontan eine andere Handtaschen mitgenommen hatte. Sie war gerade daran, sich selber zu überzeugen, dass ihre Aufregung lächerlich sei, als sie plötzlich hinter sich auf dem Weg Schritte zu hören glaubte. Aber auf den fünfzig Metern bis der Weg sich im Nebel verlor, war nichts zu sehen. Doch war da nicht schon wieder ein Geräusch? Unwillkürlich setzte sich Annas Körper in Bewegung und tauchte ein in die Finsternis des Waldes. Nach wenigen Metern hielt sie am Wegrand an, wo ihre Gestalt im dunklen Mantel mit der Silhouette eines Baumes verschmolz. Das Blut pochte in ihren Schläfen, als sie vorsichtig den Weg zurück Richtung Teich beobachtete. Jeden Moment musste sich ein Schatten aus dem Nebel lösen. Aber nichts geschah. Langsam beruhigte sich ihr Puls, als plötzlich einige Meter waldeinwärts am Wegrand ein Busch raschelte. In einem panischen Reflex stürzte sich Anna vom Weg weg durch die Büsche ins finstere Unterholz. Verzweifelt versuchte sie den Atem anzuhalten, während sie sich hinter einem grossen Baum niederkauerte und angestrengt lauschte. Mit zitternden Fingern zog sie sich die Kapuze vom Kopf, um besser hören zu können. Ihren rechten Handschuh musste sie irgendwo im Wald verloren haben. Hastig suchte sie in der Tasche ihres Mantels nach ihrem Smartphone. Fassungslos starrte sie auf den Display: Akku leer. Plötzlich fühlte es sich eiskalt an in ihrem Daunenmantel. Aber Anna wagte sich nicht zu bewegen. Da war es wieder, dieses Geräusch. Langsam kam es näher. Zitternd schaute sie hinter dem Baum hervor. Da war ein schwaches Licht. Es kam näher, auf dem Weg. Nur langsam löste sich die Spannung in Annas Nerven, als das rote Rücklicht des Fahrrades sich zwischen den Bäumen verlor. Schliesslich stand sie vorsichtig auf und begann langsam im Unterholz weiterzugehen. Immer wieder stolperte sie in ihren eleganten Lederstiefeln über Wurzeln und Äste. Und plötzlich war da wieder dieses Rascheln im Laub, irgendwo hinter ihr in der Finsternis. Keuchend rannte Anna zwischen den Bäumen hindurch und immer wieder kratzen Äste durch ihr Gesicht. Dann verfing sich ihr Fuss in den Brombeerstauden. Hustend spuckte sie die Mischung aus feuchtem Laub und Moos aus dem Mund, nachdem sie der Länge nach auf dem Waldboden gelandet war. „Wer bist du? Was willst du von mir?“, rief sie verzweifelt in die Finsternis, während die Tränen über ihre Wangen strömten. „Djamal, bis du das?“. Aber der Wald schwieg um sie herum. Nur ihr krampfhaftes Schluchzen mischte sich in die Stille der Nacht. In der Ferne hörte sie es drei Uhr schlagen, als sie sich schliesslich aufraffte. Sie zitterte am ganzen Leib vor Kälte und Anspannung, und alle Glieder taten ihr weh. Verzweifelt tastete sie im Finstern nach ihrer Handtasche, aber sie konnte sie nicht finden. Irgendwo links musste der Weg sein. Aber wo war er? Vorsichtig tastete sie sich durchs Unterholz. Jeder Ast, der unter ihren Füssen knackte, tönte wie ein Peitschenknall in ihren Ohren. Und dann war da plötzlich dieses Bellen, hart, kalt, alles durchdringend. Es war die nackte Panik. Blind vor Angst begann Anna zu rennen, durch die Büsche auf den Weg und von dort Richtung Ausgang. Hastig zerrte sie im Laufen die Knöpfe und den Reissverschluss ihres Daunenmantels auf, während einer nach dem anderen die Absätze ihrer Stiefel wegbrachen. Schliesslich tauchten aus dem Nebel vor ihr die Laternen am Parkausgang auf. Noch hundert Meter, noch fünfzig. Anna wurde fast ohnmächtig vor Erschöpfung. Nur noch dreissig Meter, noch zwanzig, noch zehn…

Die Uhr an der Bushaltestelle „Am Parktor“ zeigte gerade halb vier, als Anna am Ende ihrer Kräfte auf den Gehsteig torkelte. Mühsam schleppte sie sich zum Wartehäuschen wo sie sich auf der Bank übergeben musste. Sie war gerade daran, sich mit dem Ärmel ihres Mantels den Mund abzuwischen, als plötzlich ein weisser Porsche mit quietschenden Bremsen neben ihr stoppte und ein paar dunkle Augen nicht fassen konnten, was sie sahen.

„Oh mein Gott, Anna, bist du das?“

Ein Beitrag zu Hannas Schreibaufgabe der Woche 7: Ein Titel

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11 Gedanken zu “Nächtliche Begegnung

    1. Ich hatte mich schon gefragt, wer da wieder einmal auf meinem Blog in den alten Geschichten herumkramt 😉 Ich freu mich über Deine Gänsehaut. Selbst mir wird immer wieder kalt beim Lesen dieser Geschichte.
      Solche Schreibübungen führen einem immer wieder auf ungewohntes Terrain.

      Gefällt 1 Person

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