Gewagte Liebe (Verletzter Held III)

„Hey, Mama, stell dich nicht so an! Pack deine Sachen und fahr!“
Noch immer klangen die Worte ihrer Tochter in Mariannes Ohr. Diese Heftigkeit hätte sie ihr gar nicht zugetraut. Und doch war es genau das, was sie gebraucht hatte an diesem Morgen. Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster des IC-Zuges. Die Ostfriesische Landschaft schien ihr fremd und kühl, und instinktiv zog sie die weisse Kaschmir-Strickjacke enger um ihre Schultern. In einer halben Stunde würden sie Norden erreichen. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?

Zwischenablage01Bild von Cashmerecentre

Seit drei Tagen hatte sie kaum mehr geschlafen. Seit sie sich mit seiner Ehefrau getroffen hat, morgens um zehn in einem Kaffee. Er hatte von seiner Frau erzählt, damals vor zwei Monaten, als sie sich kennengelernt hatten. Die beiden waren seit bald vier Jahren getrennt, aber eben nur getrennt. Und das liess Marianne keine Ruhe. Sie wollte nicht einfach die Neue sein ohne den Segen der Alten. Sie wollte ihr in die Augen gesehen haben, bevor…

Marianne hatte sie sich anders vorgestellt, irgendwie jünger. Nicht ohne Respekt betrachtete sie die elegante Dame, die unter der Linde im Gartenkaffee auf sie wartete, im edlen Kaschmir-Twinset mit Perlen, die Jacke elegant um die Schultern drapiert. Die Begrüssung war etwas angespannt aber erstaunlich herzlich. Nachdem die Dame ihr einen Kaffee bestellt und sich selber eine Zigarette angezündet hatte, erzählte sie ihr von ihm, von den Kindern, die sie beide nicht haben konnten, von seinem politischen und sozialen Engagement, von seiner Leidenschaft für seinen Job, und von dem Tag, der sein Leben zerstört hat. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sich eine neue Zigarette anzündete, und Marianne versuchte verzweifelt, sich die Erfahrungen hinter den Worten vorzustellen: Depression, Panikattacken, Alpträume, Aggression, Psychopharmaka und Alkohol. Und irgendwie kam ihr das alles sehr bekannt vor, dieses Gefühl, wenn dir das Liebste was du hast langsam aber sicher entgleitet.

Tränen liefen über Mariannes Wangen, als sie in ihrem Wagen auf der Autobahn nach Hause fuhr. Das hatte sie nicht erwartet. Er hatte ihr von seiner Therapie erzählt und von seinem vorzeitigen Ruhestand. Aber er hatte nie über die Gründe gesprochen. Natürlich hatte sie hinter seiner männlichen Fassade instinktiv seine Sensibilität und Verletzlichkeit gespürt. Das war es ja auch, was ihr so an ihm gefiel. Aber jetzt hatte sie plötzlich Angst. Nicht etwa vor ihm. Nein, vor sich selber. Würde sie ihm wirklich geben können, was er brauchte?

Sie hatte doch schon einmal versagt. Und dabei hatte sie geglaubt, alles unter Kontrolle zu haben. Fast 25 Jahre war sie mit ihrem Mann verheiratet gewesen und hatte alles mit ihm durchgetragen, die paar guten Jahre und dann die anderen, seine Arbeitslosigkeit, seine Depression, die völlige Perspektivlosigkeit. Es war schlimm, aber sie war sich sicher gewesen, dass sie es gemeinsam schaffen würden. Dann, mitten in der Nacht, war er aufgestanden. Sie tat so, als würde sie schlafen, damit er sich keine Vorwürfe machte. Doch als sie am Morgen erwachte, war das Bett neben ihr leer. Sie fand ihn unten im Keller. Er hatte sich mit einer ihrer Strumpfhosen an einem Heizungsrohr erhängt. Beim Aufräumen seiner Sachen fand die Tochter die Pornohefte, und einen Zettel mit einer Telefonnummer. Es war eine Frauenstimme am Apparat. Marianne hatte sie besucht und mit ihr gesprochen. Offenbar ging er seit zwei Jahren zu ihr, etwa einmal im Monat, für eine Stunde.

Marianne wusste, dass sie nicht gut war im Bett. Wie hätte sie es auch sein können, nach allem, was man ihr angetan hatte. Aber sie hatte getan, was sie konnte. Sie hatte hingehalten, den Ekel unterdrückt und versucht, sich daran zu freuen, dass es für ihn schön war. Aber offenbar war das nicht genug. Der Schock sass tief. Während fast fünf Jahren bestimmten Schuldgefühle und Selbstzweifel ihr Leben, bis sie vor zwei Monaten diesen strahlenden Augen begegnete. Augen, die sie wohlwollend anschauten, die sich an ihr erfreuten, ohne sie zu verschlingen. Augen eben, die ihr Herz berührten und sie herausholten aus dem Dunkel ihrer Nacht. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Doch je mehr sie diese Liebe zuliess, desto grösser wurde die Angst. Und je näher der Tag kam, an dem sie ihn in seinem Haus an der Nordsee besuchen wollte, desto grösser wurden ihre Zweifel. Die Wanduhr im Wohnzimmer schlug bereits zehn Uhr, als sie noch immer im Bett lag. In anderthalb Stunden würde der Bus sie zum Bahnhof bringen. Aber Marianne hatte keine Kraft um aufzustehen. Schliesslich raffte sie sich auf, legte sich den Morgenmantel um die Schultern und ging mit ihrem Telefon ins Wohnzimmer. Mit zitternden Fingern suchte sie auf dem Display nach seiner Nummer, als es plötzlich zu vibrieren begann. Selten hatte sie sich so gefreut, die Stimme ihrer Tochter zu hören.

Als die Lautsprecherdurchsage die Ankunft in Norden ankündigte, war Marianne bereit. Sie hatte sich alles genau überlegt. Sie würde ihm nichts sagen von all dem. Sie würden ganz in der Gegenwart leben und die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen. Sie würde alles tun, damit er seinen 60. Geburtstag geniessen kann.

Zögernd schaute sie sich auf dem Bahnsteig um, während ein junger Mann ihr den Rollkoffer aus dem Zug hob. Und als sie sich langsam mit den anderen Reisenden dem Ausgang näherte, stand er plötzlich vor ihr, mit frisch geschnittenen Haaren und einem grossen Strauss weisser Rosen im Arm. Seine erwartungsfrohen Augen erstrahlten wie die Sonne in ihrer Nacht und vertrieben die letzten Schatten des Zweifels.

Und als er sie fest in seine Arme nahm, wusste sie, dass sie ihm alles sagen konnte, und dass er ihr genau das geben würde, was sie brauchte.

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