Engel in Weiss (Verletzter Held II)

Carola hatte sich vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Seit einer Woche waren es nur noch vier pro Tag. Doch als die Glocke des Kirchturms an diesem Morgen elf Uhr schlug, lagen bereits sieben Stummel im Aschenbecher vor ihr auf dem Tisch. Nachdenklich schaute sie der eleganten Dame hinterher, die sich zwischen den Tischen des Gartenkaffees hindurch entfernte. Das war sie also, die neue Geliebte ihres Mannes. Sie hatte sie sich anders vorgestellt, irgendwie jünger.

Walbusch04Bild von Walbusch

Sie hatte zuerst an einen Scherz geglaubt, als diese sie vor zwei Tagen anrief und um ein Gespräch bat. Sie hätte ihren Mann kennengelernt und er hätte ihr von ihr erzählt. Es sei ihr wichtig, sie einmal persönlich zu treffen. Die Stimme der Anruferin klang warm und sympathisch, und plötzlich war Carola neugierig, diese Frau kennenzulernen. Fast vier Jahre war sie nun schon getrennt von ihrem Mann und eigentlich war es ein Wunder, dass er nicht schon lange eine Neue hatte. Umso mehr, als sie es war, die ihn damals verlassen hat.

Als es vom Kirchturm zehn Uhr schlug, sass sie wie verabredet im Gartenkaffe, an einem diskreten Tisch im Schatten der grossen Linde. Nervös an ihrer Zigarette ziehend beobachtete sie die Umgebung. Dabei blieb ihr Blick instinktiv an einem weissen VW Polo hängen, der sich in der Seitenstrasse gegenüber mühsam in eine Parklücke zwängte. Gebannt schaute sie zu, wie eine Frau in einem weissen Pulli und eleganten, hellen Hosen aus dem Wagen stieg. Nachdem diese einen kurzen Blick zum Gartenkaffe hinüber geworfen hatte, nahm sie ihre Handtasche und eine weisse Strickjacke vom Rücksitz. Und nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr eilte sie über die Strasse, während sie sich die Jacke elegant um die Schultern legte. Carola wusste sofort, dass sie es sein musste, und unwillkürlich zog sie die Jacke ihres eigenen Kaschmir-Twinsets über ihren Schultern zurecht.

Das Gespräch war erstaunlich gut verlaufen und Carola musste sich eingestehen, dass sie diese Frau mochte. Sie war nett und authentisch, einfühlsam und vor allem eine gute Zuhörerin. Sie würde ihrem Mann gut tun. Doch als sie ihr zusah, wie sie über die Strasse zu ihrem Wagen ging, in aufrechter Eleganz, mit den langen Ärmeln ihrer Strickjacke, die wie die Flügel eines Engels im leichten Wind um ihre Schultern wehten, da spürte sie ihn plötzlich wieder, diesen tiefen Schmerz, der sie seit Jahren begleitete. Ihre Finger zitterten, als sie sich eine neue Zigarette anzündete und bei der Bedienung ein Glas Rotwein bestellte. Und als der weisse Wagen um die Ecke verschwand, wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn noch liebte.

Sie hatten sich seit der Schulzeit gekannt. Es ging ihr damals nicht gut und er war der einzige Junge, dem es aufgefallen war und der sich um sie gekümmert hatte. Seine Freundschaft hatte ihr Halt und Sicherheit gegeben. Er hatte an sie geglaubt und ihr vertraut. Er hatte mit ihr lange Radtouren gemacht und sie auf ihren ersten Dreitausender geführt. Er war es, der sie ermutigt hatte, zu studieren und später ihr eigenes Geschäft zu gründen. Mit 25 hatten sie schliesslich geheiratet. Er hatte sich so darauf gefreut, Vater zu werden, doch all ihre Bemühungen blieben erfolglos. Und die Diagnose war eindeutig: das Problem lag bei ihr. Er hatte ihr damals die Treue gehalten. Gemeinsam hatten sie nach neuen Weisen der Fruchtbarkeit gesucht. Doch neben dem sozialen und politischen Engagement war es vor allem sein Beruf gewesen, der ihm den nötigen Halt gab. Nie würde sie seine Freude und seinen Stolz vergessen, als er zum Leiter der Bankfiliale in ihrem Wohnort befördert wurde. Zehn Jahre lang hatte er diese Verantwortung mit Leidenschaft wahrgenommen, bis zu jenem verhängnisvollen Tag, der sein und ihr Leben für immer verändert hat.

Carola fühlte sich plötzlich schwach. Mit einen grossen Schluck aus ihrem Weinglas spülte sie den schalen Geschmack aus ihrem Mund, bevor sie sich eine neuen Zigarette anzündete. Erschöpft lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und zog die Jacke ihres Twinsets enger um ihre Schultern. Ihr Blick schien leer in die Weite zu starren, aber vor ihrem inneren Auge sah sie seinen Blick. Diesen besorgten und verzweifelten Blick, als ihn die maskierten Männer nachts brutal aus dem Schlafzimmer schleppten. Es war derselbe Blick, den er schon als Junge hatte, wenn es ihr wieder mal so richtig dreckig ging. Er tat ihr leid. Es tat ihr so verdammt leid, dass er sich sein ganzen Leben lang immer wieder ihretwegen Sorgen machen musste.

Sie wusste natürlich, wie sehr es ihn schmerzte, als sie ihn vor vier Jahren verlassen hatte. Und am meisten quälte es sie, dass sie ihn im Glauben lassen musste, sie sei seinetwegen gegangen, weil sie seine Depressionen und Angstzustände einfach nicht mehr ausgehalten habe. Doch wie hätte sie ihm sagen können, was der wirkliche Grund war? Wie hätte sie ihm sagen können, was damals am Morgen des Banküberfalles geschah, als sie bei Tagesanbruch hilflos gefesselt und geknebelt auf dem Bett lag und schon gehofft hatte, ihr Bewacher sei unterdessen verschwunden. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie seinen Blick einfach nicht mehr ertrage, seit dieser Kerl plötzlich mit offener Hose vor ihr stand, ihr brutal das Klebeband von den Lippen riss und das speichelgetränkte Höschen aus ihrem Mund zog…

Carola musste gegen den spontanen Brechreiz ankämpfen, indem sie in einem Zug das Weinglas leerte. Mit zitternden Händen suchte sie in ihrer Tasche nach ihren Tabletten, als sie plötzlich wieder die kleine Visitenkarte in den Fingern hatte. Nachdenklich schaute sie auf die Adresse der Therapeutin. Eine Bekannte hatte sie ihr empfohlen. Sie sei die beste. Nicht ganz billig. Aber sie könne sich das ja leisten. Seit Wochen trug sie die Karte mit sich herum. Immer wieder war sie nahe daran gewesen anzurufen. Wie in Trance schaute sie zu, wie ihre Finger die Karte vorwärts und rückwärts drehten, sie dann langsam in Stücke rissen und unter den Zigarettenstummeln im Aschenbecher begruben.

Sie würde ihm gut tun, die Dame in Weiss. Carola spürte, dass sie die Richtige war für ihn, dass diese Frau ihm all das geben werde, was sie ihm nicht geben konnte. Und sie hätte sich so gerne für ihn gefreut, wenn da nicht diese bodenlose Leere und Einsamkeit gewesen wäre, die alles in sich zu verschlingen schien.

Wortlos ersetzte die Bedienung das leere Weinglas vor ihr mit einem vollen, während Carola resigniert die leere Zigarettenpackung betrachtete. Es war ruhig im Kaffee um diese Zeit, so kurz vor Mittag. Über ihr in den Zweigen der Linde stritten sich zwei Spatzen. Und auf dem Gehsteig hinter ihr hörte sie die Stimme eines kleinen Knaben:

„Mama, warum weint diese Frau?“

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