Verletzter Held

Thorsten ging es gut. Zum ersten Mal seit seiner vorzeitigen Pensionierung vor fünf Jahren ging es ihm wirklich gut. Er genoss den salzigen Geruch des Meeres, der sich mit dem herben Duft seines Kaffees vermischte, als er auf der Veranda seines Hauses frühstückte. Über dem Wasser quietschten die Möwen, während sich hinter ihm im Radio die Morgennachrichten ankündigten.

Zwischenablage01Bild von Brooksbrothers

Seit zwei Jahren hatte Thorsten dieses kleine, idyllische Haus an der Nordsee, und seit zwei Monaten hatte er sie. Sie war Mitte fünfzig, Mutter von drei Kindern und seit fünf Jahren verwitwet. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und heute wollte sie zum ersten Mal kommen, mit dem Zug um 16 Uhr, um seinen 60. Geburtstag mit ihm zu feiern. Seit Tagen hatte er sich auf diesen Moment gefreut.

Er war gerade im Begriff, sich eine zweite Tasse Kaffee aus der Maschine zu lassen, als er im Radio plötzlich den Namen des benachbarten Dorfes hörte: „… in der Nähe von Dornum wurde in der vergangenen Nacht ein junges Ehepaar von maskierten Tätern in ihrem Haus überfallen. Trotz sofort eingeleiteter Fahndung fehlt von den Tätern bis zur Stunde jede Spur.“ Wie gelähmt stand Thorsten da und es war ihm, als ob in ihm drin all die Mauern ins Wanken gerieten, die er sich in den letzten Jahren so mühsam aufgebaut hat. Plötzlich war sie wieder da, diese Angst, diese lähmende Ohnmacht und das nagende Schuldgefühl. Plötzlich war er wieder da, der „kleine“ Thorsten.

Seine Hände zitterten, als er sich mit der Tasse Kaffee an den Tisch setzte. Was war nur mit ihm los? Und warum ausgerechnet jetzt? Natürlich kannte er diese Gefühle nur zu gut. Aber er hatte doch gehofft, sie endlich einmal einigermassen im Griff zu haben, nach fünf Jahren Therapie, nach fünf langen Jahren geduldiger Versöhnungsarbeit mit dem „kleinen“ Thorsten. Sollte denn alles Vergeblich gewesen sein? Sollte es ihnen letztlich doch gelungen sein, ihn zu zerstören?

Es war an einem Donnerstag im Oktober, vor genau fünf Jahren. Sie kamen in den frühen Morgenstunden, maskiert, mit schallgedämpften Waffen. Thorsten wurde brutal aus dem Bett gezerrt und gezwungen sich anzukleiden, während einer der Männer sich um seine Frau kümmerte. Nie wird er ihren verzweifelten Blick vergessen, als er sie hilflos mit Klebeband gefesselt und geknebelt in den Händen dieses Mannes zurücklassen musste. Die Männer waren gar nicht begeistert, als ihnen klar wurde, dass er als Filialleiter den Haupttresor nicht alleine öffnen konnte. Es waren die längsten zwei Stunden seines Lebens, ausgestreckt auf dem Boden des Personalraums, an Händen und Füssen gefesselt und mit seinen eigenen Socken im Mund geknebelt. Und dann hörte er sie kommen. Zuerst das Geräusch ihrer Wagen, dann das Klappern ihrer Schuhe, dann ihre Schlüssel. Ahnungslos gingen sie in die Falle, als erste die Kassiererin, dann wenige Minuten später seine Stellvertreterin und die Praktikantin. Und er konnte nichts dagegen tun. Nie wird er das ätzende Geräusch des Klebebandes vergessen, als die Frauen eine nach der anderen neben ihm auf dem Boden gefesselt und geknebelt wurden. Und immer wieder sah er ihre verzweifelten Gesichter vor sich, die ihn flehend anschauten, bevor sie hinter den Seidentüchern und Strickjacken verschwanden, die man ihnen um die Augen band.

Thorsten hatte versucht zu vergessen. Aber es ging nicht. Kopfschmerzen, Panikattacken, Alpträume, und immer öfter mal etwas zu viel Alkohol. Erst wurde er krankgeschrieben. Dann nach einem Jahr liess er sich vorzeitig pensionieren. Offizielle Diagnose: Burnout. Kurz danach verliess ihn seine Frau. Sie schien zwar den Überfall einigermassen verdaut zu haben, war aber mit der Situation ihres Mannes überfordert. Von einem Tag auf den anderen war er ein gebrochener Mann, geplagt von Ängsten und Schuldgefühlen. Er hatte zwar sofort eine Therapie begonnen, aber es sollte drei Jahre dauern, bis plötzlich die Bilder wieder kamen und er bereit war, dem „kleinen“ Thorsten zu begegnen.

Thorsten war damals sehr klein, kaum sechs Jahre alt, als ihm schlecht war und er früher aus dem Kindergarten nach Hause kam. Seine Mutter war alleinerziehend, arbeitslos und nicht selten krank. Als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, hörte er sie stöhnen, heftig stöhnen. Sie lag im Bett, nackt, über ihr ein Mann, riesig und nackt. Ihre Hände waren in seinen Rücken gekrallt, ihr Kopf in den Nacken geworfen, ihre Augen geschlossen. Der kleine Thorsten wollte schreien. Aber er konnte nicht. Er versteckt sich in seinem Zimmer, am Boden hinter dem Schrank, zitternd mit angezogenen Knien und nasser Hose. In diesem Moment begriff er ein für allemal: Er konnte seine Mutter nicht beschützen.

Es war unterdessen 11 Uhr. In einer halben Stunde würde sie den Bus nehmen, der sie zum Bahnhof bringt. Thorsten spürte die quälende Angst in seinem Bauch. Vor seinen Augen tauchte immer wieder das junge Paar auf, nachts in ihrem Ferienhaus, kaum mehr als zwei Kilometer entfernt. Vielleicht sass er noch auf der Veranda, als es geschah. Und immer wieder sah er diese Gesichter vor sich, der flehende Blick seiner Frau, die verzweifelten Tränen seiner Praktikantin, die hilflose Wut der Kassiererin, und das verzerrte Gesicht seiner Mutter. Er hatte ihnen nicht helfen können. Er hatte sie nicht beschützen können.
Er würde auch sie nicht beschützen können.

Der Kaffee war schon lange kalt geworden, als er schliesslich nach dem Telefon griff. Minutenlang hielt er es in seinen Fingern, bis er endlich ihre Nummer wählte. Sein Herz pochte laut in seiner Brust, als er auf den Klingelton wartete. Aber sie hatte die Combox eingeschaltet. Verzweifelt suchte er nach den Worten, die er sagen wollte. Doch als der Piepton kam, hielt er plötzlich inne. Schweigend starrte er aufs Meer hinaus, während das Band ablief. Und als das Schlusszeichen ertönte, schaltete er das Telefon aus.

Er hatte noch viel zu erledigen, bis sie kam. Entschlossen nahm es seine Jacke vom Haken und machte sich auf den Weg ins Dorf. Er wollte sich noch die Haare schneiden lassen. Und dann brauchte er noch ein paar Rosen, weisse, die mochte sie so gern…

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3 Gedanken zu “Verletzter Held

  1. So dann gehe ich die Sache mal von hinten an und beginne hier zu lesen. Mal schauen ob ich von so zur Oberfläche komme. Guter Anfang, falls ich wirklich den ersten Beitrag erwischt habe. .-)

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    1. Was verstehst Du unter „von hinten anfangen“? 😉
      Dies hier ist zwar die erste von einer Dreiergruppe, aber nicht die erste meiner Geschichten. Die Liste unter „Frauenwelten“ ist chronologisch. Dazwischen eingestreut sind auch ein paar Männergeschichten. Wobei die Reihenfolge eigentlich keine Rolle spielt. Alle Geschichten ohne Nummer stehen für sich selbst.
      Wie auch immer, viel Spass!

      Gefällt 1 Person

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