Fleck im Reinheft

Jordan hätte allen Grund gehabt, stolz auf sich zu sein. Soeben hat er seinen College Abschluss mit summa cum laude bestanden. Er sah gut aus, war allgemein beliebt und seine Professoren sagten ihm eine grosse Zukunft voraus. Und doch war ihm an diesem Abend nicht zum Feiern zumute. Während seine Kommilitonen die Bars von Oxford unsicher machten, sass er alleine in seinem Zimmer und nippte lustlos an einem Whisky. Und hinter den ausdruckslosen Zügen seines Gesichts nagte die Angst, die Angst vor dem Menschen, der sein Leben in der Hand hatte, der ihn mit einem Wort zerstören konnte.

Portrait_015Bild von Brooksbrothers

Warum war sie gekommen? Wie konnte sie ihm das antun? Jordan war gerade im Begriff gewesen, auf der Bühne der Aula sein Diplom in Empfang zu nehmen, als sich die Tür öffnete und seine Tante den Saal betrat. Mit ihren 55 Jahren war die älteste Schwester seines Vaters immer noch eine äusserst attraktive Dame und manch ein männlicher Blick folgte ihr, als sie dem Gang entlang nach vorne kam, um ihren reservierten Platz neben Jordans Eltern einzunehmen. Sie trug ein weinrotes Kleid, dunkle Strumpfhosen und schwarze Handschuhe, und hatte sich einen langen, schwarzen Mohair-Strickmantel elegant um die Schultern gelegt. Starr vor Schreck sah ihr Jordan zu, wie sie den Strickmantel von den Schultern nahm und sich über den Arm legte, bevor sie sich anschickte, sich den Weg durch die Stuhlreihe zu ihrem Platz zu bahnen. Und dann trafen sich ihre Blicke, und als sie ihm lächelnd zuwinkte, fühlte er sich plötzlich nackt auf der Bühne, ausgeliefert und blossgestellt. Plötzlich war ihm, als ob sie es alle wüssten, seine Eltern, seine Kommilitonen, einfach alle.

Zehn Jahre ist es her, er war damals gerade vierzehn geworden, als er den Urlaub bei seiner Tante auf dem Land verbringen durfte. Jordan verehrte seine Tante. Er liebte es, mit ihr durch die Wälder zu streifen, im Garten zu arbeiten und stundenlang vor dem Kaminfeuer zu sitzen und über Gott und die Welt zu diskutieren. Und er liebte ihren Kleiderschrank.

Irgendwann hatte er begonnen, heimlich in ihr Zimmer einzudringen, wenn sie zu Terminen in die Stadt gefahren ist. So auch an diesem verhängnisvollen Tag, dem letzten Tag seines Urlaubs. An diesem Tag hatte er ein ganz bestimmtes Ziel: den langen, schwarzen Mohair-Strickmantel, das Lieblingsstück seiner Tante. Sie hatte ihn am Vortag getragen und er lag immer noch über der Lehne des Sessels in ihrem Zimmer. Jordan zitterte vor Aufregung, als seine Hand nach dem edlen Stück griff. Wie in Trance genoss er den feinen Duft des Parfüms, das ihm aus der feinen Wolle in die Nase stieg. Fast zwei Stunden sass er eingehüllt in den warmen Strickmantel im Salon und versuchte, in einem Buch zu lesen. Dann drängte es ihn unwiderstehlich in sein Zimmer. Und als er sich auf seinem Bett nackt in das weiche Mohair wickelte, geschah es. Sein Körper machte sich selbständig. Panik ergriff ihn, als er die Spuren seiner Lust in der feinen Wolle entdeckte. Und als er sich im Bad daran machen wollte, den Schaden zu beheben, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er schaffte es gerade noch, das verhängnisvolle Stück im Wäschekorb verschwinden zu lassen, als seine Tante auch schon die Treppe hochkam.

Spät nachts, als er sicher war, dass seine Tante schlafen würde, schlich er sich ins Bad. Doch der Wäschekorb war leer. Es war die schrecklichste Nacht seines Lebens. Und als seine Tante am Morgen an seine Tür klopfte, glaubte er sterben zu müssen. Wie betäubt sass er am Tisch, während sie ihm wie jeden Tag sein Lieblingsmüsli bereitete. Und als er in den Keller ging, um seine Wanderschuhe einzupacken, sah er ihn daliegen, frisch gewaschen, auf einem Tuch ausgebreitet über dem Wäscheständer. Seine Tante packte ihm noch einen selbstgemachten Kuchen und zwei seiner Lieblingsbücher ein, bevor sie ihn zur Bahn begleitete. Er wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen, als sie ihn zum Abschied sanft auf die Stirn küsste. Es sollte das letzte Mal sein. In den folgenden Jahren hatte er immer gute Gründe, ihrer Einladung aus dem Weg zu gehen.

Jordan war froh, dass seine Tante nach der Feier nicht zum Essen bleiben konnte. Aber seine Festlaune war dahin und als seine Kollegen sich abends auf den Weg in die Stadt machten, hatte er sich auf sein Zimmer zurückgezogen. Dort hatte ein Packet mit einem Brieflein auf ihn gewartet. Ungläubig hatte er auf die dicke, dunkelgrüne Kaschmir-Jacke gestarrt, die sich zwischen seinen Händen entfaltete, als er das Packpapier entfernte. Sie passte perfekt. Ein warmer Trost in einer trostlosen Stunde.
Es war kurz vor elf. Er wollte sich gerade etwas Whisky nachfüllen, als er plötzlich das Brieflein auf dem Tisch bemerkte. Erschöpft von den Emotionen des Tages, zog er die kleine Karte aus dem Umschlag.

Zwischenablage03

Langsam liess sich Jordan in den Sessel zurückfallen. Und ganz allmählich begannen die ersten Tränen von seinen Wangen ins weiche Kaschmir seiner Strickjacke zu tropfen.

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