Strahlende Augen

„Hey, Lene, schön dass du gekommen bist!“
Es tat ihr gut, die strahlenden Augen ihrer Freundin zu sehen, ihre herzliche Umarmung zu spüren, und den Geruch ihrer Haare. Anna-Lena hatte lange gezögert, ob sie kommen sollte. Geburtstagsfeiern waren nicht ihr Ding. Aber es war ihre beste Freundin, ihre einzig wirkliche. „Er ist auch schon da, drüben im Salon“, hörte sie sie sagen, als sie am Arm genommen und ins Haus geführt wurde, „auf geht’s Lene, jetzt oder nie!“

Zwischenablage02Bild von cashmere-house.de

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Wie kam sie dazu, ihn einzuladen? Sie wusste es doch! Anna-Lena fühlte sich etwas überfahren, als sie sich plötzlich alleine inmitten der plaudernden Gäste wiederfand. Der spontane Ärger hatte schnell einer diffusen Mischung aus Erregung und Angst Platz gemacht. Am liebsten hätte sie gleich wieder das Weite gesucht, aber schon drückte ihr jemand ein Glas Weisswein in die Hand. Nach und nach tauchten einzelne bekannte Gesichter vor ihr auf, zwei leichte Küsschen hier, ein kurze Umarmung da. Und dann sah sie ihn. Er stand etwas abseits, am Eingang zur Bibliothek, im Gespräch mit einer älteren Dame. Anna-Lenas Herz schien zu rasen in ihrer Brust. Als ob er es gespürt hätte, drehte er sich um. Und wenn sie noch eine letzte Bestätigung gebraucht hat, dann war es dieses spontane, ehrliche Strahlen, dass ihr auf seinem Gesicht entgegenkam.

Als sie etwas später im Badezimmer ihrer Freundin stand, war sie wie verwandelt. Zum ersten Mal in ihren Leben genoss es Anna-Lena, sich im Spiegel zu betrachten. Sie hatte sich nie hübsch gefunden und je mehr sie versuchte, sich schön zu machen, desto abstossender hatte sie sich gefühlt. Seit dem Selbstmord ihres depressiven Vaters hatte sie keine Gnade mehr gefunden vor den Augen ihrer Mutter. Sie war damals gerade mal acht. Der einzige Weg zu etwas Anerkennung führte über die Schule und das Schwimmbecken. Ein brillantes Abitur, ein summa cum laude an der Uni und diverse Pokale zeugten von der radikalen Konsequenz, mit der sie Geist und Körper zu beherrschen gelernt hatte. Doch all dies schien plötzlich unbedeutend angesichts dieser strahlenden Augen, die sie meinten. Plötzlich fühlte sie sich ganz leicht. Spontan schlüpfte sie aus der Jacke ihres Twinsets und legte sich diese elegant um die Schultern. Und nach kurzem Zögern griff sie nach einem der Lippenstifte ihrer Freundin, die auf der Ablage standen.

Hand in Hand gingen sie schweigend durch den nächtlichen Garten, begleitet von der leisen Musik aus dem Haus und den Stimmen der Gäste, die auf der Terrasse plauderten und rauchten. Anna-Lena war glücklich. Doch je weiter sie sich vom Haus entfernten, desto mehr schien sich etwas in ihr zu verspannen. So sehr hatte sie sich danach gesehnt, in den Arm genommen zu werden. Doch als sich seine Arme schliesslich sanft um sie legten und seine Lippen zögernd nach den ihren tasteten, zog sich alles in ihr zusammen. Sie versuchte verzweifelt, sich nichts anmerken zu lassen. Doch als sein Körper näher rückte und seine Hand langsam unter den Bund ihrer Hose glitt, schien sich ihr Körper aufzulösen. Ihre Augen starrten in den Nachthimmel. Und plötzlich waren sie wieder da, die Augen von Fury, dem Pferd, dessen Bild sie als Kind über ihrem Bett hängen hatte. Und ihr stummer Schrei verlor sich in der Dunkelheit, die sich schwer über sie legte.

„Um Himmels Willen, Anna-Lena, was ist mit dir?“, hörte sie plötzlich seine Stimme. Langsam löste sie sich aus der Erstarrung und als sich ihr Blick senkte, sah sie im Mondschein die erschreckte Sorge in seinen Augen. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Anna-Lena, es tut mir leid!“ hörte sie ihn noch rufen, als sie durch den Garten zum Haus rannte. Und nur Sekunden später sass sie auf ihrem Fahrrad, während sich die zurückgebliebenen Gäste verblüfft anschauten, ihre Freundin den ausgeschütteten Rotwein auf dem Teppich mit Salz bestreute und er auf dem Kiesweg im Garten nachdenklich die Jacke ihres Twinsets aufhob.

Über eine Stunde schon liess sie das warme Wasser über ihren Körper strömen. Nackt, mit angezogenen Knien sass sie in der Dusche und weinte. Und dabei war sie so wach wie nie zuvor in ihrem Leben. Plötzlich war alles klar, wie wenn sich der Nebel verzogen hätte. Plötzlich hatten alle Puzzleteile ihren Platz: die Bilder, die Träume, die Schmerzen und die Angst, alles, was immer schon da war, was immer schon irgendwie gewusst aber einfach nicht geglaubt werden durfte. Plötzlich war es wahr, durfte es wahr sein, durfte es geglaubt werden. Es tat weh, höllisch weh.
Aber es war gut.

Durch ihre Tränen hindurch sah Anna-Lena immer wieder diesen Blick,
seine strahlenden Augen, die sagten: „Ich möchte, dass du lebst!“
Sie wusste, dass er ihr glauben wird.

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