Lebendige Hoffnung

Lady Victoria liebte diese gepolsterte Nische am Fenster ihres Arbeitszimmers. Wenn sie nicht gerade in eines ihrer Bücher versunken war, wanderte ihr Blick durch das Fenster in den Park, und von dort der gepflegten Allee von Pappeln entlang, die von der Hauptstrasse zu dem kleinen Landschloss hinauf führte. An manchen Tagen sass sie einfach nur so da, stundenlang, eingehüllt in eine ihrer Strickjacken, der Blick in die Ferne schweifend, als ob sie auf jemanden warten würde.

Zwischenablage01Bild von Cashmerecentre

Auch heute war so ein Tag. Zum ersten Mal seit langem trug sie ihr rotes Kaschmir-Twinset. Am Morgen beim Aufstehen hatte sie eine Sehnsucht verspürt, die nach Farben drängte.
Sie hatte von ihm geträumt.

Sie war damals gerade zwanzig geworden, als sie zum ersten und auch einzigen Mal mit ihm im Bett lag. Er roch leicht nach Stall, aber das störte sie nicht. Ganz im Gegenteil. Das steigerte nur den Reiz des Verbotenen. Er war fünf Jahre älter als sie und arbeitete als Pferdetrainer in der Zucht ihres Vaters. Die beiden waren verliebt und für Victoria war es klar: Sie wollte diesen Mann, um jeden Preis, gesellschaftliche Konventionen hin oder her. Und wenn Victoria sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann liess sie sich von nichts und niemandem davon abbringen.

Irgendwie musste er das begriffen haben, als er erschöpft neben ihr unter der Decke lag. Und irgendwie musste sie sofort gespürt haben, dass er es begriffen hatte, als er mitten in der Nacht leise aus dem Bett glitt und begann, sich anzuziehen. Ängstliches Fragen, drängendes Bitten, herrschaftliches Fordern, flehende Tränen, nichts konnte ihn aufhalten. Schliesslich verlor sie den Verstand und begann, hysterisch auf ihn einzuschlagen und ihm die Kleider vom Leib zu reissen. Er war es gewohnt, wild gewordene Pferde zu bändigen. Aber diese tobende Wildkatze brachte ihn an seine Grenzen. Als er kurz darauf aus ihrem Zimmer glitt und leise die Tür hinter sich schloss, war sie immer noch am Toben, mitten auf dem durchgewühlten Bett, gefesselt und geknebelt mit den Fetzen ihres seidenen Nachthemdes. Sie brauchte nicht lange, um sich zu befreien und nackt die Treppe herunter und aus dem Haus zu stürzen, aber zu lange, um mehr als die roten Lichter seines Wagens am Ende der Allee verschwinden zu sehen.

Zwei Jahre später hatte Victoria geheiratet, standesgemäss, zum Stolz ihres Vaters und zur Zufriedenheit ihrer Mutter. Sie schenkte vier Kindern das Leben, zwei Mädchen und zwei Buben. Nach dem frühen Tod ihres Gatten, übernahm sie die Leitung seiner Landgüter und der elterlichen Pferdezucht. Sie war darin sehr erfolgreich und wurde von allen geachtet. Sie war Präsidentin des örtlichen Frauenvereins und mehrerer wohltätiger Stiftungen. Und für nicht weniger als 15 Enkelkinder war sie die beste Granny der Welt. Ihr Leben war reich und erfüllt, und doch…

„Dinner is ready, Ma’am!“ Es begann schon zu Dämmern im Park, als Victoria von der Stimme der Haushälterin aus ihren Erinnerungen gerissen wurde. Ein letzten Mal liess sie den Blick die Allee hinuntergleiten. Die Pappeln wogten sanft in der abendlichen Brise, wie damals in dieser mondhellen Nacht. Leise fröstelnd zog sie die Jacke ihres Twinsets vor der Brust zusammen und wollte sich gerade erheben, als sie plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Da war etwas, auf dem Weg, zwischen den Pappeln. Eine plötzliche Erregung ergriff sie, als sie das Fenster öffnete, um besser sehen zu können. Ja, da war es, ganz deutlich. Jetzt trat die Gestalt aus dem Schatten einer Pappel hervor.

Für einen kurzen Moment stand es still und schien Victoria anzuschauen. Dann verschwand das Reh in den Büschen.

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