Ein starkes Team

Sie hatten gut gearbeitet, Tom und seine Kollegen. Die Verhandlungen mit ihren asiatischen Geschäftspartnern waren hart. Aber man hat sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Sein Chef hat ihm voll Anerkennung auf die Schulter geklopft. Das hatte er noch nie getan.

Portrait_022Bild von Brooksbrothers

Tom kam es vor wie im Märchen, als sie nachts durch das Lichtermeer von Bangkoks Vergnügungsmeile schlenderten. Er war stolz, zu diesem Team zu gehören. Die letzten Tage hatten sie echt zusammengeschweisst: Peter, sein Chef und Delegationsleiter, ein routinierter Fuchs, seit dreissig Jahren verheiratet, mit drei erwachsenen Kindern, Jerry, der messerscharfe Analyst und Strategieberater, ein Junggeselle aus Überzeugung, Dillon, der Leiter der örtlichen Niederlassung, dessen Frau ihn vor zwei Monaten mit den Kindern verlassen hat, um in England die Scheidung einzureichen, und er, Tom, der Buchhalter, verheiratet, zwei Kinder. Gemeinsam hatten sie den erfolgreichen Vertragsabschluss mit einem gediegenen Nachtessen im Hotel gefeiert. Und Peter hatte den Wein spendiert, zwei Flaschen Château Mouton-Rothschild: „Das geht auf die Portokasse“.

Danach waren die Krawatten in den Jackentaschen verschwunden. Die Hemdsärmel waren hochgekrempelt und die Hemdkragen standen offen, bei Tom ein Knopf, bei den anderen zwei. Dillon führte sie zielstrebig in die angesagteste Bar. Die Stimmung war cool und die Musik laut. Er liess seine Beziehungen spielen und verschaffte ihnen im Handumdrehen eine freie Ecke und eine Hand voll Mädchen. Als sie sich zwei Stunden später wieder auf den Weg machten, waren sie nur noch zu dritt.

Ohne Dillon schienen sie etwas verloren und Tom war sichtlich erleichtert, als plötzlich diese beiden Amerikanerinnen auftauchte. Sie kannten eine coole Disco, und so zogen sie zu fünft weiter. Und nach zwei weiteren Stunden waren sie nur noch zu zweit.

Peter schien unterdessen ziemlich angeschlagen. Kein Wunder, er war auch keine vierzig mehr. Umso überraschter war Tom, als sein Chef ihn am Arm packte und zielstrebig in eine Seitenstrasse führte. Das Lokal war schummrig, das Inventar abgenutzt, und die Mädchen sehr jung.

Tom brauchte einige Zeit, um alleine den Weg zurück ins Hotel zu finden. Es war drei Uhr morgens, als er schliesslich völlig erschöpft auf seinem Hotelbett sass. Aus dem Bad drang der säuerliche Geruch von Erbrochenem. Und dabei hatte er doch bei anderen Gelegenheiten schon viel mehr getrunken. Sein Smartphone zeigte 7 Anrufe seiner Frau und ein sms: „Wo steckst du? Deine Mutter macht sich Sorgen! Und Billy wurde beim Kiffen erwischt. Du musst am Dienstagmorgen zur Schulleitung. Ruf mich zurück!!!“

Als Tom fünf Stunden später erwachte, trug er immer noch sein Hemd, zerknittert und verschwitzt, die Ärmel hochgekrempelt, den Kragen offen, ein Knopf.

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7 Gedanken zu “Ein starkes Team

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